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HANS JACOB CHRISTOPH VON GRIMMELSHAUSEN,
Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch (1669)

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622-1676)  
[Created: 17 October, 2025]
[Updated: 17 October, 2025]

Source

author, title (pub).http://davidmhart.com/liberty/OtherWorks/Grimmelshausen/1668-Simplicissimus/index.html

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch. Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten, genant Melchior Sternfels von Fuchshaim, wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen, was er darinn gesehen, gelernet, erfahren und außgestanden, auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig, und männiglich nutzlich zu lesen. (Nürnberg: Felsecker, 1669).

Editor's Note

I have not been able to find a facsimile PDF of the original edition which is a reasonable size to put online. The best ones are high resolution colour versions at the Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel (WDB - Wolfenbütteler Digitalen Bibliothek) [Online elsewhere] and the Badische Landesbibliothek at Karlsruhe [Online elsewhere].

A good HTML version is available at the Deutches Text Archiv which I have edited for this edition. [Online elsewhere].

 


 

Frontispiece

Jch wurde durchs Fewer wie Phoenix geborn. Jch flog durch die Lüffte! wurd doch nit verlorn, Jch wandert durchs Wasser, Jch raißt über Landt, in solchem Umbschwermen macht ich mir bekandt was mich offt betrüebet und selten ergetzt was war das? Jch habs in diß Buche gesetzt, damit sich der Leser gleich wie ich itzt thue, entferne der Thorheit und lebe in Rhue.

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Full Title

Der Abentheurliche SIMPLICISSIMUS Teutsch. Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten/ genant Melchior Sternfels von Fuchshaim/ wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen/ was er darinn gesehen/ gelernet/ erfahren und außgestanden/ auch warumb er solche wieder freywillig quittirt.

Überauß lustig/ und männiglich nutzlich zu lesen.

An Tag geben Von German Schleifheim von Sulsfort.

Monpelgart. Gedruckt bey Johann Fillion. Jm Jahr M DC LXIX.

 


 

Inhalt

Jnhalt deß Ersten Buchs.

Jnhalt deß II. Buchs.



Jnhalt deß III. Buchs.

Jnhalt deß IV. Buchs.

Jnhalt deß V. Buchs.

 


 

Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch

[3]

Buch 1

Das Erste Capitel.

ES eröffnet sich zu dieser unserer Zeit (von welcher man glaubt/ daß es die letzte seye) unter geringen Leuten eine Sucht/ in deren die Patienten/ wann sie daran kranck ligen/ und so viel zusammen geraspelt und erschachert haben/ daß sie neben ein paar Hellern im Beutel/ ein närꝛisches [7] Kleid auff die neue Mode/ mit tausenderley seidenen Banden/ antragen können/ oder sonst etwan durch Glücksfall mannhafft und bekant worden/ gleich Rittermässige Herꝛen/ und Adeliche Personen von uhraltem Geschlecht/ seyn wollen; da sich doch offt befindet/ daß ihre Vor-Eltern Taglöhner/ Karchelzieher und Lastträger: ihre Vettern Eseltreiber: ihre Brüder Büttel und Schergen: ihre Schwestern Huren: ihre Mütter Kupplerin/ oder gar Hexen: und in Summa/ ihr gantzes Geschlecht von allen 32. Anichen her/ also besudelt und befleckt gewesen/ als deß Zuckerbastels Zunfft zu Prag immer seyn mögen; ja sie/ diese neue Nobilisten/ seynd offt selbst so schwartz/ als wann sie in Guinea geboren und erzogen wären worden.

Solchen närꝛischen Leuten nun/ mag ich mich nicht gleich stellen/ ob zwar/ die Warheit zu bekennen/ nicht ohn ist/ daß ich mir offt eingebildet/ ich müsse ohnfehlbar auch von einem grossen Herꝛn/ oder wenigst einem gemeinen Edelmann/ meinen Ursprung haben/ weil ich von Natur geneigt/ das Junckern-Handwerck zu treiben/ wann ich nur den Verlag und den Werckzeug darzu hätte; Zwar ohngeschertzt/ mein Herkommen und Aufferziehung läst sich noch wol mit eines Fürsten vergleichen/ wann man nur den grossen Unterscheid nicht ansehen wolte/ was? Mein Knan (dann also nennet man die Vätter im Spessert) hatte einen eignen Pallast/ so wol als ein anderer/ ja so artlich/ dergleichen ein jeder König mit eigenen Händen zu bauen nicht vermag/ sondern solches in Ewigkeit wol unterwegen lassen wird; er war mit Laimen gemahlet/ und an [8] statt deß unfruchtbaren Schifers/ kalten Bley/ und roten Kupffers/ mit Stroh bedeckt/ darauff das edel Getraid wächst; und damit er/ mein Knan/ mit seinem Adel und Reichthum recht prangen möchte/ ließ er die Mauer umb sein Schloß nicht mit Mauersteinen/ die man am Weg findet/ oder an unfruchtbaren Orten auß der Erden gräbt/ viel weniger mit liederlichen gebachenen Steinen/ die in geringer Zeit verfertigt und gebrändt werden können/ wie andere grosse Herꝛen zu thun pflegen/ auffführen; sondern er nam Eichenholtz darzu welcher nutzliche edle Baum/ als worauff Bratwürfte und fette Schuncken wachsen/ biß zu seinem vollständigen Alter über 100. Jahr erfordert: Wo ist ein Monarch/ der ihm dergleichen nachthut? Seine Zimmer/ Sääl und Gemächer hatte er inwendig vom Rauch gantz erschwartzen lassen/ nur darumb/ dieweil diß die beständigste Farb von der Welt ist/ und dergleichen Gemähld biß zu seiner Perfection mehr Zeit brauchet/ als ein künstlicher Mahler zu seinen trefflichsten Kunststücken erfordert; Die Tapezereyen waren das zärteste Geweb auff dem gantzen Erdboden/ dann die jenige machte uns solche/ die sich vor Alters vermaß/ mit der Minerva selbst umb die Wett zu spinnen; Seine Fenster waren keiner anderer Ursachen halber dem Sandt Nitglaß gewidmet/ als darumb/ dieweil er wuste/ daß ein solches vom Hanff oder Flachssamen an zu rechnen/ biß es zu seiner vollkommenen Verfertigung gelangt/ weit mehrere Zeit und Arbeit kostet/ als das beste und durchsichtigste Glas von Muran/ dann sein Stand macht ihm ein Belieben zu glauben/ daß alles das jenige/ was durch viel Mühe zu wegen [9] gebracht würde/ auch schätzbar/ und desto köstlicher sey/ was aber köstlich seye/ das seye auch dem Adel am anständigsten; An statt der Pagen/ Laqueyen und Stallknecht/ hatte er Schaf/ Böcke und Säu/ jedes fein ordenlich in seine natürliche Liberey gekleidet/ welche mir auch offt auff der Waid auffgewartet/ biß ich sie heim getrieben; Die Rust- oder Harnisch-Kammer war mit Pflügen/ Kärsten/ Aexten/ Hauen/ Schaufeln/ Mist- und Heugabeln genugsam versehen/ mit welchen Waffen er sich täglich übet; dann hacken und reuthen war seine disciplina militaris, wie bey den alten Römern zu Friedens-Zeiten/ Ochsen anspannen/ war sein Hauptmannschafftliches Commando, Mist außführen/ sein Fortification-wesen/ und Ackern sein Feldzug/ Stall-außmisten aber/ sein Adeliche Kurtzweil und Turnierspiel; hiermit bestritte er die gantze Weltkugel/ so weit er reichen konte/ und jagte ihr damit alle Ernd ein reiche Beut ab. Dieses alles setze ich hindan/ und überhebe mich dessen gantz nicht/ damit niemand Ursach habe/ mich mit andern meines gleichen neuen Nobilisten außzulachen/ dann ich schätze mich nicht besser/ als mein Knan war/ welcher diese seine Wohnung an einem sehr lustigen Ort/ nemlich im Spessert ligen hatte/ allwo die Wölff einander gute Nacht geben. Daß ich aber nichts außführliches von meines Knans Geschlecht/ Stammen und Nahmen vor dißmal docirt/ beschibet umb geliebter Kürtze willen/ vornemlich/ weil es ohne das allhier umb keine Adeliche Stifftung zu thun ist/ da ich soll auff schwören; genug ists/ wann man weiß/ daß ich im Spessert geboren bin.

[10]

Gleich wie nun aber meines Knans Haußwesen sehr Adelich vermerckt wird/ also kan ein jeder Verständiger auch leichtlich schliessen/ daß meine Aufferziehung derselben gemäß und ähnlich gewesen; und wer solches davor hält/ findet sich auch nicht betrogen/ dann in meinem zehen-jährigen Alter/ hatte ich schon die principia in obgemeldten meines Knans Adelichen Exercitien begriffen/ aber der Studien halber konte ich neben dem berühmten Amplistidi hin passiren/ von welchem Suidas meldet/ daß er nicht über fünffe zehlen konte; dann mein Knan hatte vielleicht einen viel zu hohen Geist/ und folgte dahero dem gewöhnlichen Gebrauch jetziger Zeit/ in welcher viel vornehme Leut mit studiren/ oder wie sie es nennen/ mit Schulpossen sich nicht viel bekümmern/ weil sie ihre Leut haben/ der Plackscheisserey abzuwarten: Sonst war ich ein trefflicher Musicus auff der Sackpfeiffen/ mit deren ich schöne Jalemi-Gesäng machen konte: Aber die Theologiam anbelangend/ laß ich mich nicht bereden/ daß einer meines Alters damals in der gantzen Christenwelt gewest seye/ der mir darinn hätte gleichen mögen/ dann ich kennete weder GOtt noch Menschen/ weder Himmel noch Höll/ weder Engel noch Teuffel/ und wuste weder Gutes noch Böses zu unterscheiden: Dahero ohnschwer zu gedencken/ daß ich vermittelst solcher Theologiæ wie unsere erste Eltern im Paradis gelebt/ die in ihrer Unschuld von Kranckheit/ Todt und Sterben/ weniger von der Aufferstehung nichts gewust/ O edels Leben! (du mögst wol Eselsleben sagen) in welchem man sich auch nichts umb die Medicin bekümmert. Eben auff diesen Schlag kan man mein Erfahrenheit [11] in dem Studio legum und allen andern Künsten und Wissenschafften/ so viel in der Welt seyn/ auch versiehen; Ja ich war so perfect und vollkommen in der Unwissenheit/ daß mir unmüglich war zu wissen/ daß ich so gar nichts wuste. Jch sage noch einmal/ O edles Leben/ das ich damals führete! Aber mein Knan wolte mich solche Glückseeligkeit nicht länger geniessen lassen/ sondern schätzte billich seyn/ daß ich meiner Adelichen Geburt gemäß/ auch Adelich thun und leben solte/ derowegen fienge er an/ mich zu höhern Dingen anzuziehen/ und mir schwerere Lectiones auffzugeben.

Das II. Capitel.

ER begabte mich mit der herꝛlichsten Dignität/ so sich nicht allein bey seiner Hofhaltung/ sondern auch in der gantzen Welt befande/ nemlich mit dem Hirten-Ampt: Er vertraut mir erstlich seine Säu/ zweytens seine Ziegen/ und zuletzt seine gantze Heerd Schaf/ daß ich selbige hüten/ waiden/ und vermittelst meiner Sackpfeiffen (welcher Klang ohne das/ wie Strabo schreibet/ die Schaf und Lämmer in Arabia fett macht) vor dem Wolff beschützen solte; damal gleichete ich wol dem David/ ausser daß jener/ an statt der Sackpfeiffe/ nur eine Harpffe hatte/ welches kein schlimmer Anfang/ sondern ein gut Omen für mich war/ daß ich noch mit der Zeit/ wann ich anders das Glück darzu hätte/ ein Weltberühmter Mann werden solte; dann von Anbegin der Welt seynd jeweils hohe Personen Hirten gewesen/ wie wir dann vom Abel/ Abraham/ Jsaac/ Jacob/ seinen Söhnen/ und Moyse selbst/ in H. Schrifft lesen/ welcher zuvor seines Schwehers Schaf hüten muste/ ehe er [12] Heer-führer und Legislator über 600000. Mann in Jsrael ward. Ja/ möchte mir jemand vorwerffen/ das waren heilige Gott[-]ergebene Menschen/ und keine Spesferter Baurenbuben/ die von GOtt nichts wusten; Jch muß gestehen/ aber was hat meine damalige Unschuld dessen zu entgelten? bey den alten Heyden fande man so wol solche Exempla, als bey dem außerwehlten Volck Gottes: Unter den Römern seynd vornehme Geschlechter gewesen/ so sich ohn Zweiffel Bubulcos, Statilios, Pomponios, Vitulos, Vitellios, Annios, Capros, und dergleichen genennet/ weil sie mit dergleichen Viehe umbgangen/ und solches auch vielleicht gehütet: Zwar Romulus und Remus seyn selbst Hirten gewest; Spartacus, vor welchem sich die gantze Römische Macht so hoch entsetzet/ war ein Hirt. Was? Hirten sind gewesen (wie Lucianus in seinem Dialogo Helenæ bezeuget) Paris, Priami deß Königs Sohn/ und Anchises, deß Trojanischen Fürsten Æneæ Vatter: Der schöne Eudimion, umb welchen die keusche Luna selbst gebulet/ war auch ein Hirt: Jtem der greuliche Polyphemus: ja die Götter selbst (wie Phornutus sagt) haben sich dieser Profession nicht geschämt/ Apollo hütet Admeti deß Königs in Thessalia Kühe/ Mercurius, sein Sohn Daphnis, Pan und Protheus, waren Ertzhirten/ dahero seynd sie noch bey den närꝛischen Poëien der Hirten Patronen; Mesa, König in Moab/ ist/ wie man im zweyten Buch der König lieset/ ein Hirt gewesen/ Cyrus der gewaltige König Persarum, ist nicht allein von Mithridate, einem Hirten/ erzogen worden/ sondern hat auch selbst gehütet: Gygas war ein Hirt/ und hernach durch Krafft eines Rings ein König: [13] Jßmael Sophj ein Persischer König/ hat in seiner Jugend ebenmässig das Viehe gehütet/ also daß Philo der Jud in vita Moysis trefflich wol von der Sach redet/ wann er sagt: Das Hirten-Ampt sey ein Vorbereitung und Anfang zum Regiment; dann gleich wie die Bellicosa und Martialia Ingenia erstlich auff der Jagd geübt und angeführt werden/ also soll man auch die jenige/ so zum Regiment gezogen sollen werden/ erstlich in dem lieblichen und freundlichen Hirten-Ampt anleiten. Welches alles mein Knan wol verstanden haben muß/ und mir noch biß auff diese Stund keine geringe Hoffnung zu künfftiger Herꝛlichkeit macht.

Aber indessen wieder zu meiner Heerd zu kommen/ so wisset/ daß ich den Wolff eben so wenig kennet/ als meine eigene Unwissenheit selbsten; derowegen war mein Knan mit seiner Instruction desto fleissiger: Er sagte/ Bub biß fleissig/ loß di Schoff nit ze weit vunananger laffen/ un spill wack er uff der Sackpfeiffa/ daß der Wolff nit kom/ und Schada dau/ dann he yß a solcher feyerboinigter Schelm und Dieb/ der Menscha und Vieha frisst/ un wan dau awer farlässj bisst/ so will eich dir da Buckel arauma. Jch antwortet mit gleicher Holdseeligkeit: Knano/ sag mir aa/ wey der Wolff seyhet? Eich huun noch kan Wolff gesien: Ah dau grober Eselkopp/ replicirt er hinwieder/ dau bleiwest dein Lewelang a Narꝛ/ geith meich wunner/ was auß dir wera wird/ bißt schun su a grusser Dölpel/ un waist noch neit/ was der Wolff für a fey erfeussiger Schelm iß. Er gab mir noch mehr Unterweisungen/ und wurde zuletzt [14] unwillig/ massen er mit einem Gebrümmel fort gieng/ weil er sich beduncken liesse/ mein grober Verstand könte seine subtile Unterweisungen nicht fassen.

Das III. Capitel.

DA fienge ich an mit meiner Sackpfeiffen so gut Geschirꝛ zu machen/ daß man den Krotten im Krautgarten damit hätte vergeben mögen/ also daß ich vor dem Wolff/ welcher mir stetig im Sinn lag/ mich sicher genug zu seyn bedunckte; und weilen ich mich meiner Meüder eriñert (also heissen die Mütter im Spessert und am Vogelsberg) daß sie offt gesagt/ sie besorge/ die Hüner würden dermaleins von meinem Gesang sterben/ als beliebte mir auch zu fingen/ damit das Remedium wider den Wolff desto kräfftiger wäre/ und zwar ein solch Lied/ das ich von meiner Meüder selbst gelernet hatte.

DU sehr-verachter Bauren-Stand/
Bist doch der beste in dem Land/
Kein Mann dich gnugsam preisen kan/
Wann er dich nur recht sihet an.

Wie stůnd es jetzund umb die Welt/
Hätt Adam nicht gebaut das Feld/
Mit Hacken nährt sich anfangs der/
Von dem die Fůrsten kommen her.

Es ist fast alles unter dir/
Ja was die Erd nur bringt herfür/
Worvon ernähret wird das Land/
Geht dir anfänglich durch die Hand.

Der Käiser/ den uns GOtt gegeben/
Uns zu beschützen/ muß doch leben [15]
Von deiner Hand/ auch der Soldat/
Der dir doch zufügt manchen Schad.

Fleisch zu der Speiß zeugst auff allein/
Von dir wird auch gebaut der Wein/
Dein Pflug der Erden thut so noth/
Daß sie uns gibt genugsam Brot.

Die Erde wär gantz wild durch auß/
Wann du auff ihr nicht hieltest Hauß/
Gantz traurig auff der Welt es stünd/
Wenn man kein Bauersmañ mehr fünd.

Drumb bist du billich hoch zu ehrn/
Weil du uns alle thust ernehrn/
Die Natur liebt dich selber auch/
GOtt segnet deinen Bauren-Brauch.

Vom bitter-bösen Podagram
Hört man nicht/ daß an Bauren kam/
Das doch den Adel bringt in Noth/
Und manchen Reichen gar in Todt.

Der Hoffart bist du sehr befreyt/
Absonderlich zu dieser Zeit/
Und daß sie auch nicht sey dein Herꝛ/
So gibt dir Gott deß Creutzes mehr.

Ja der Soldaten böser Brauch/
Dient gleichwol dir zum besten auch/
Daß Hochmut dich nicht nehme ein/
Sagt er: Dein Hab und Gut ist mein.

Biß hieher/ und nicht weiter/ kam ich mit meinem Gesang/ dann ich ward gleichsam in einem Augen- [16] blick von einem Trouppen Courassirer sampt meiner Heerd Schaf umbgeben/ welche im grossen Wald verirꝛet gewesen/ und durch meine Music und HirtenGeschrey wieder zu recht gebracht worden waren.

Hoho/ gedachte ich/ diß seynd die rechte Käutz! diß seynd die vierdeinigte Schelmen und Dieb/ darvon dir dein Knan sagte/ dann ich sahe anfänglich Roß und Mann (wie hiebevor die Americaner die Spanische Cavallerey) vor ein einzige Creatur an/ und vermeynte nicht anders/ als es müsten Wölffe seyn/ wolte derowegen diesen schröcklichen Centauris den Hundssprung weisen/ und sie wieder abschaffen; Jch hatte aber zu solchem End meine Sackpfeiffe kaum auffgeblasen/ da erdappte mich einer auß ihnen beym Flügel/ und schlendert mich so ungestümm auff ein läer Baurenpferd/ so sie neben andern mehr auch erbeutet hatten/ daß ich auff der andern Seiten wieder herab auff meine liebe Sackpfeiffe fallen muste/ welche so erbärmlich anfieng zu schreyen/ als wann sie alle Welt zu Barmhertzigkeit bewegen hätte wollen: aber es halff nichts/ wiewol sie den letzten Athem nicht sparete/ mein Ungefäll zu beklagen/ ich muste einmal wieder zu Pferd/ GOtt geb was meine Sackpfeiffe sang oder sagte; und was mich zum meisten verdroß/ war dieses/ daß die Reuter vorgaben/ ich hätte der Sackpfeiff im fallen wehe gethan/ darumb sie dann so Ketzerlich geschryen hätte; Also gieng meine Mehr mit mir dahin/ in einem stetigen Trab/ wie das Primum mobile, biß in meines Knans Hof. Wunderseltzame Dauben stiegen mir damals ins Hirn/ dann ich bildete mir ein/ weil ich auff einem solchen Thier sässe/ dergleichen ich niemals gesehen [17] hatte/ so würde ich auch in einen eisernen Kerl verändert werden/ weil aber solche Verwandlung nicht folgte/ kamen mir andere Grillen in Kopff/ ich gedachte/ diese fremde Dinger wären nur zu dem Ende da/ mir die Schafe helffen heimzutreiben/ sintemal keiner von ihnen keines hinweg fraß/ sondern alle so einhellig/ und zwar deß geraden Wegs/ meines Knans Hof zu-eyleten: Derowegen sahe ich mich fleissig nach meinem Knan umb/ ob er und mein Meüder uns nicht bald entgegen gehen/ und uns willkom̃ seyn heissen wolten; aber vergebens/ er und meine Meüder/ sampt unserm Ursele/ welches meines Knans einige Tochter war/ hatten die Hinderthür troffen/ und wolten dieser Gäst nicht erwarten.

Das IV. Capitel.

WJewol ich nicht bin gesinnet gewesen/ den Friedliebenden Leser/ mit diesen Reutern/ in meines Knans Hauß und Hof zu führen/ weil es schlim genug darinn hergehen wird: So erfordert jedoch die Folge meiner Histori/ daß ich der lieben posterität hinderlasse/ was vor Grausamkeiten in diesem unserm Teutschen Krieg hin und wieder verübet worden/ zumalen mit meinem eigenen Exempel zu bezeugen/ daß alle solche Ubel von der Güte deß Allerhöchsten/ zu unserm Nutz/ offt notwendig haben verhängt werden mussen: Dann lieber Leser/ wer hätte mir gesagt/ daß ein GOtt im Himmel wäre/ wann keine Krieger meines Knans Hauß zernichtet/ und mich durch solche Fahung unter die Leut gezwungen hätten/ von denen ich genugsamen Bericht empfangen? Kurtz zuvor konte ich nichts anders wissen noch mir einbilden/ als daß mein Knan/ Meüder/ ich und das [18] übrige Haußgesind/ allein auff Erden seye/ weil mir sonst kein Mensch/ noch einige andere menschliche Wohnung bekant war/ als die jenige/ darinn ich täglich auß und ein gieng: Aber bald hernach erfuhr ich die Herkunfft der Menschen in diese Welt/ und daß sie wieder darauß müsten; ich war nur mit der Gestalt ein Mensch/ und mit dem Nahmen ein Christenkind/ im übrigen aber nur ein Bestia! Aber der Allerhöchste sahe meine Unschuld mit barmhertzigen Augen an/ und wolte mich beydes zu seiner und meiner Erkantnus bringen: Und wiewol er tausenderley Weg hierzu hatte/ wolte er sich doch ohn zweiffel nur deß jenigen bedienen/ in welchem mein Knan und Meüder/ andern zum Exempel/ wegen ihrer liederlichen Aufferziehung gestrafft würden.

Das erste/ das diese Reuter thäten/ war/ daß sie ihre Pferd einstelleten/ hernach hatte jeglicher seine sonderbare Arbeit zu verꝛichten/ deren jede lauter Untergang und Verderben anzeigte/ dann ob zwar ẽtliche anfiengen zu metzgen/ zu sieden und zu braten/ daß es sahe/ als solte ein lustig Panquet gehalten werden/ so waren hingegen andere/ die durch-stürmten das Hauß unden und oben/ ja das heimlich Gemach war nicht sicher/ gleichsam ob wäre das gülden Fell von Colchis darinnen verborgen; Andere machten von Tuch/ Kleidungen und allerley Haußrath/ grosse Päck zusammen/ als ob sie irgends ein Krempelmarckt anrichten wolten/ was sie aber nicht mit zu nehmen gedachten/ wurde zerschlagen/ etliche durchstachen Heu und Stroh mit ihren Degen/ als ob sie nicht Schaf und Schwein genug zu stechen gehabt hätten/ etliche schütteten die Federn auß den [19] Betten/ und fülleten hingegen Speck/ andere dürꝛ Fleisch und sonst Geräth hinein/ als ob alsdann besser darauff zu schlaffen gewest wäre; Andere schlugen Ofen und Fenster ein/ gleichsam als hätten sie ein ewigen Sommer zu verkündigen/ Kupffer und Zinnengeschirꝛ schlugen sie zusammen/ und packten die gebogene und verderbte Stuck ein/ Bettladen/ Tisch/ Stül und Bänck verbrannten sie/ da doch viel Claffter dürꝛ Holtz im Hof lag/ Häfen und Schüsseln muste endlich alles entzwey/ entweder weil sie lieber Gebraten assen/ oder weil sie bedacht waren/ nur ein einzige Mahlzeit allda zu halten/ unser Magd ward im Stall dermassen tractirt/ daß sie nicht mehr darauß gehen konte/ welches zwar eine Schand ist zu melden! den Knecht legten sie gebunden auff die Erd/ stecketen ihm ein Sperꝛholtz ins Maul/ und schütteten ihm einen Melckkübel voll garstig Mistlachen-wasser in Leib/ das nenneten sie ein Schwedischen Trunck/ wordurch sie ihn zwungen/ eine Parthey anderwerts zu führen/ allda sie Menschen und Viehe hinweg namen/ und in unsern Hof brachten/ unter welchen mein Knan/ mein Meüder/ und unser Ursele auch waren.

Da fieng man erst an/ die Stein von den Pistolen/ und hingegen an deren statt der Bauren Daumen aufzuschrauben/ und die arme Schelmen so zufoltern/ als wann man hätt Hexen brennen wollen/ massen sie auch einen von den gefangenen Bauren bereits in Bachofen steckten/ und mit Feuer hinder ihm her warn/ ohnangesehen er noch nichts bekennt hatte; einem andern machten sie ein Sail umb den Kopff/ und raittelten es mit einem Bengel zusammen/ daß ihm [20] das Blut zu Mund/ Nas und Ohren herauß sprang. Jn Summa/ es hatte jeder sein eigene invention, die Bauren zu peinigen/ und also auch jeder Bauer seine sonderbare Marter: Allein mein Knan war meinem damaligen Beduncken nach der glückseeligste/ weil er mit lachendem Mund bekennete/ was andere mit Schmertzen und jämmerlicher Weheklag sagen musten/ und solche Ehre widerfuhr ihm ohne Zweiffel darumb/ weil er der Haußvatter war/ dann sie setzten ihn zu einem Feuer/ banden ihn/ daß er weder Händ noch Füß regen konte/ und rieben seine Fußsolen mit angefeuchtem Saltz/ welches ihm unser alte Geiß wieder ablecken/ und dardurch also kützeln muste/ daß er vor lachen hätte zerbersten mögen; das kam so artlich/ daß ich Gesellschafft halber/ oder weil ichs nicht besser verstunde/ von Hertzen mit lachen muste: Jn solchem Gelächter bekante er seine Schuldigkeit/ und öffnet den verborgenen Schatz/ welcher von Gold/ Perlen und Cleinodien viel reicher war/ als man hinder Bauren hätte suchen mögen. Von den gefangenen Weibern/ Mägden und Töchtern/ weiß ich sonderlich nichts zu sagen/ weil mich die Krieger nicht zusehen liessen/ wie sie mit ihnen umbgiengen: Das weiß ich noch wol/ daß man theils hin und wider in den Winckeln erbärmlich schreyen hörte/ schätze wol/ es sey meiner Meüder und unserm Ursele nit besser gangen/ als den andern. Mitten in diesem Elend wendet ich Braten/ und halff Nachmittag die Pferd träncken/ durch welches Mittel ich zu unserer Magd in Stall kam/ welche wunderwercklich zerstrobelt außsahe/ ich kennete sie nicht/ sie aber sprach zu mir mit kräncklichter Stimm: O Bub lauff weg/[21] sonst werden dich die Reuter mit nemmen/ guck daß du davon kommst/ du sihest wol/ wie es so übel: mehrers konte sie nicht sagen.

Das V. Capitel.

DA machte ich gleich den Anfang/ meinen unglücklichen Zustand/ den ich vor Augen sahe/ zu betrachten/ und zu gedencken/ wie ich mich förderlichst außdrehen möchte; wohin aber? darzu war mein Verstand viel zu gering/ einen Vorschlag zu thun/ doch hat es mir so weit gelungen/ daß ich gegen Abend in Wald bin entsprungen. Wo nun aber weiters hinauß? sintemahl mir die Wege und der Wald so wenig bekant waren/ als die Straß durch das gefrorne Meer/ hinder Nova Zembla, biß gen China hinein: die stockfinstere Nacht bedeckte mich zwar zu meiner Versicherung/ jedoch bedauchte sie meinen finstern Verstand nicht finster genug/ dahero verbarg ich mich in ein dickes Gesträuch/ da ich so wol das Geschrey der getrillten Bauren/ als das Gesang der Nachtigallen hören konte/ welche Vögelein sie die Bauren/ von welchen man theils auch Vögel zu nennen pflegt/ nicht angesehen hatten/ mit ihnen Mitleiden zu tragen/ oder ihres Unglücks halber das liebliche Gesang einzustellen/ darumb legte ich mich auch ohn alle Sorge auff ein Ohr/ und entschlieff. Als aber der Morgenstern im Osten herfür flackerte/ sahe ich meines Knans Hauß in voller Flamme stehen/ aber niemand der zu leschen begehrte; ich begab mich herfür/ in Hoffnung/ jemand von meinem Knan anzutreffen/ wurde aber gleich von fünff Reutern erblickt/ und angeschryen: Junge/ kom heröfer/ oder schall my de Tüfel halen/ ick schiedte [22] dick/ dat di de Dampff zum Hals utgaht; Jch hingegen blieb gantz stockstill stehen/ und hatte das Maul offen/ weil ich nicht wuste/ was der Reuter wolte oder meynte/ und in dem ich sie so ansahe/ wie ein Katz ein neu Scheurthor/ sie aber wegen eines Morastes nicht zu mir kommen konten/ welches sie ohn Zweiffel rechtschaffen vexierte/ lösete der eine seinen Carbiner auff mich/ von welchem urplötzlichen Feuer und unversehnlichem Klapff/ den mir Echo durch vielfältige Verdoppelung grausamer machte/ ich dermassen erschreckt ward/ weil ich dergleichen niemals gehöret oder gesehen hatte/ daß ich alsobald zur Erden niderfiele/ ich regete vor Angst keine Ader mehr/ und wiewol die Reuter ihres Wegs fort ritten/ und mich ohn Zweiffel vor todt ligen liessen/ so hatte ich jedoch denselbigen gantzen Tag das Hertz nicht/ mich auffzurichten; Als mich aber die Nacht wieder ergriffe/ stunde ich auff/ und wanderte so lang im Wald fort/ biß ich von fern einen faulen Baum schimmern sahe/ welcher mir ein neue Forcht einjagte/ kehrete derowegen Sporenstreichs wieder umb/ und gieng so lang/ biß ich wieder einen andern dergleichen Baum erblickte/ von dem ich mich gleichfalls wieder fort machte/ und auff diese Weise die Nacht mit hin und wieder rennen/ von einem faulen Baum zum andern/ vertriebe/ zuletzt kam mir der liebe Tag zu Hülff/ welcher den Bäumen gebotte/ mich in seiner Gegenwart ohnbetrübt zu lassen/ aber hiermit war mir noch nichts geholffen/ dann mein Hertz sieckte voll Angst und Forcht/ die Schenckel voll Müdigkeit/ der läere Magen voll Hunger/ das Maul voll Durst/ das Hirn voll närꝛischer Einbildung/ [23] und die Augen voller Schlaff: Jch gieng dannoch fürter/ wuste aber nicht wohin/ je weiter ich aber gieng/ je tieffer ich von den Leuten hinweg in Wald kam: Damals stunde ich auß/ und empfande (jedoch gantz unvermerckt) die Würckung deß Unverstands und der Unwissenheit/ wann ein unvernünfftig Thier an meiner Stell gewesen wäre/ so hätte es besser gewust/ was es zu seiner Erhaltung hätte thun sollen/ als ich/ doch war ich noch so witzig/ als mich abermal die Nacht ereylte/ daß ich in einen holen Baum kroche/ mein Nachtläger darinnen zu halten.

Das VI. Capitel.

KAum hatte ich mich zum Schlaff accommodiret/ da hörete ich folgende Stimm: O grosse Liebe/ gegen uns und anckbarn Menschen! Ach mein einiger Trost! mein Hoffnung/ mein Reichthum/ mein GOtt! und so dergleichen mehr/ das ich nicht alles mercken noch verstehen können.

Dieses waren wol Wort/ die einen Christen menschen/ der sich in einem solchen Stand/ wie ich mich dazumal befunden/ billich auffmuntern/ trösten und erfreuen hätten sollen: Aber/ O Einfalt und Unwissenheit! es waren mir nur Böhmische Dörffer/ und alles ein gantz unverständliche Sprach/ auß deren ich nicht allein nichts fassen konte/ sondern auch ein solche/ vor deren Selzamkeit ich mich entsetzte; da ich aber hörete/ daß dessen/ der sie redete/ Hunger und Durst gestillt werden solte/ riethe mir mein ohner[tr]äglicher Hunger/ mich auch zu Gast zu laden/ de[r]owegen fasste ich das Hertz/ wieder auß meinem holen Baum zu gehen/ und mich der gehörten Stim̃ [24] zu nähern/ da wurde ich eines grossen Manns gewahr/ in langen schwartzgrauen Haaren/ die ihm gantz verworꝛen auff den Achseln herumb lagen/ er hatte einen wilden Bart/ fast formirt wie ein Schweitzer-Käß/ sein Angesicht war zwar bleich-gelb und mager/ aber doch zimlich lieblich/ und sein langer Rock mit mehr als 1000. Stückern/ von allerhand Tuch überflickt und auffeinander gesetzt/ umb Hals und Leib hatte er ein schwere eiserne Ketten gewunden wie S. Wilhelmus, und sahe sonst in meinen Augen so scheußlich und förchterlich auß/ daß ich anfienge zu zittern/ wie ein nasser Hund/ was aber meine Angst mehret/ war/ daß er ein Crucifix ungefähr 6. Schuh lang/ an seine Brust druckte/ und weil ich ihn nicht kennete/ konte ich nichts anders ersinnen/ als dieser alte Greiß müste ohn Zweiffel der Wolff seyn/ davon mir mein Knan kurtz zuvor gesagt hatte: Jn solcher Angst wischte ich mit meiner Sackpfeiff herfür/ welche ich als meinen einigen Schatz noch vor den Reutern salvirt hatte; ich bließ zu/ stimmte an/ und liesse mich gewaltig hören/ diesen greulichen Wolff zu vertreiben/ über welcher gehlingen und ohngewöhnlichen Music, an einem so wilden Ort/ der Einsidel anfänglich nicht wenig stutzte/ ohn Zweiffel vermeynende/ es seye etwan ein teufflisch Gespenst hin kommen/ ihne/ wie etwan dem grossen Anthonio widerfahren/ zu tribuliren/ und seine Andacht zu zerstören: So bald er sich aber wieder erholete/ spottet er meiner/ als seines Versuchers im holen Baum/ wo hinein ich mich wieder retirirt hatte/ ja er war so getrost/ daß er gegen mir gieng/ den Feind deß menschlichen Geschlechts genugsam außzuhöhnen; Ha/[25] sagte er/ du bist ein Gesell darzu/ die Heiligen ohne göttliche Verhängnus/ ꝛc. mehrers habe ich nicht verstanden/ dann seine Näherung ein solch Grausen und Schrecken in mir erꝛegte/ daß ich deß Ampts meiner Sinne beraubt wurde/ und dorthin in Ohnmacht nider sanck.

Das VII. Capitel.

WAs gestalten mir wieder zu mir selbst geholffen worden/ weiß ich nicht/ aber dieses wol/ daß der Alte meinen Kopff in seinem Schos/ und vornen meine Juppen geöffnet gehabt/ als ich mich wieder erholete/ da ich den Einsidler so nahe bey mir sahe/ fieng ich ein solch grausam Geschrey an/ als ob er mir im selben Augenblick das Hertz auß dem Leib hätte reissen wollen: Er aber sagte/ mein Sohn/ schweig/ ich thue dir nichts/ sey zu frieden/ ꝛc. je mehr er mich aber tröstete/ und mir liebkoste: Je mehr ich schrye/ O du frisst mich! O du frisst mich! du bist der Wolf/ und wilst mich fressen: Ey ja wol nein/ mein Sohn/ sagte er/ sey zu frieden/ ich friß dich nicht. Diß Gefecht währete lang/ biß ich mich endlich so weit liesse weisen/ mit ihm in seine Hütten zu gehen/ darin war die Armut selbst Hofmeisterin/ der Hunger Koch/ und der Mangel Küchenmeister/ da wurde mein Magen mit einem Gemüß und Trunck Wassers gelabt/ und mein Gemüt/ so gantz verwirꝛet war/ durch deß Alten tröstliche Freundligkeit wieder auffgericht und zu recht gebracht: Derowegen ließ ich mich durch die Anreitzung deß süssen Schlaffes leicht bethören/ der Natur solche Schuldigkeit abzulegen. Der Einsidel merckte meine Notdurfft/ darumb liesse er mir den Platz allein in seiner Hütten/ weil nur einer darin [26] ligen konte; ohngefähr umb Mitternacht erwachte ich wieder/ und hörete ihn folgendes Lied singen/ welches ich hernach auch gelernet:

KOmm Trost der Nacht/ O Nachtigal/
Laß deine Stimm mit Freudenschall/
Auffs lieblichste erklingen :/:
Komm/ komm/ und lob den Schöpffer dein/
Weil andre Vöglein schlaffen seyn/
Und nicht mehr mögen singen:
  Laß dein/ Stimmlein/
   Laut erschallen/ dann vor allen
    Kanstu loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Ob schon ist hin der Sonnenschein/
Und wir im Finstern müssen seyn/
So können wir doch singen :/:
Von Gottes Güt und seiner Macht/
Weil uns kan hindern keine Macht/
Sein Lob zu vollenbringen.
  Drumb dein/ Stimmlein/
   Laß erschallen/ dann vor allen
    Kanstu loben/
Gott im Himmel hoch dort oben.

Echo, der wilde Widerhall/
Will seyn bey diesem Freudenschall/
Und lässet sich auch hören :/:
Verweist uns alle Müdigkeit/
Der wir ergeben allezeit/
Lehrt uns den Schlaff bethören.
  Drumb dein/ Stimmlein/ ꝛc.

[27]

Die Sterne/ so am Himmel stehn/
Lassen sich zum Lob Gottes sehn/
Und thun ihm Ehr beweisen :/:
Auch die Eul die nicht singen kan/
Zeigt doch mit ihrem heulen an/
Daß sie Gott auch thu preisen.
  Drumb dein/ Stimmlein/ ꝛc.

Nur her mein liebstes Vögelein/
Wir wollen nicht die fäulste seyn/
Und schlaffend ligen bleiben :/:
Sondern biß daß die Morgenröt/
Erfreuet diese Wälder öd/
Jm Lob Gottes vertreiben.
  Laß dein/ Stimmlein/
   Laut erschallen/ dann vor allen
    Kanstu loben/
GOtt im Himmel hoch dort oben.

Unter währendem diesem Gesang bedunckte mich warhafftig/ als wann die Nachtigal so wol/ als die Eul und Echo, mit eingestimmt hätten/ und wann ich den Morgenstern jemals gehört/ oder dessen Melodey auff meiner Sackpfeiffen aufzumachen vermöcht/ so wäre ich auß der Hütten gewischt/ meine Karten mit einzuwerffen/ weil mich diese Harmonia so lieblich zu seyn bedunckte/ aber ich entschlieff/ und erwachte nicht wieder/ biß wol in den Tag hinein/ da der Einfidel vor mir stunde/ und sagte: Uff Kleiner/ ich will dir Essen geben/ und alsdann den Weg durch den Wald weisen/ damit du wieder zu den Leuten/ und noch vor Nacht in das nachste Dorff kommest; Jch fragte ihn/ was sind das für Dinger/ Leuten und [28] Dorff? Er sagte/ bist du dann niemalen in keinem Dorff gewest/ und weist auch nicht/ was Leut oder Menschen seynd? Nein/ sagte ich/ nirgends als bier bin ich gewest/ aber sag mir doch/ was seynd Leut/ Menschen und Dorff? Behüt GOtt/ antwortet der Einsidel/ bist du närꝛisch oder gescheid? Nein/ sagte ich/ meiner Meüder und meines Knans Bub bin ich/ und nicht der närꝛisch oder der gescheid: Der Einsidel verwundert sich mit Seufftzen und Becreutzigung/ und sagte: Wol liebes Kind/ ich bin gehalten/ dich umb GOttes willen besser zu unterꝛichten: Darauff fielen unsere Reden und Gegen-Reden/ wie folgend Capitel außweiset.

Das VIII. Capitel.

EJnsidel: Wie heissestu? Simpl. Jch heisse Bub. Einsid. Jch sihe wol/ daß du kein Mägdlein bist/ wie hat dir aber dein Vatter und Mutter geruffen? Simpl. Jch habe keinen Vatter oder Mutter gehabt: Einsid. Wer hat dir dann das Hemd geben? Simpl. Ey mein Meüder: Eins. Wie heisset dich dann dein Meüder? Simpl. Sie hat mich Bub geheissen/ auch Schelm/ ungeschickter Dölpel/ und Galgenvogel: Eins. Wer ist dann deiner Mutter Mann gewest? Simpl. Niemand: Einsid. Bey wem hat dann dein Meüder deß Nachts geschlaffen? Simpl. bey meinem Knan: Einsid. Wie hat dich dann dein Knan geheissen? Simpl. Er hat mich auch Bub genennet: Einsid. Wie hiesse aber dein Knan? Simpl. Er heist Knan: Einsid. Wie hat ihm aber dein Meüder geruffen? Simpl. Knan/ und auch Meister: Einsid. Hat sie ihn niemals anders genennet? Simpl. Ja/ [29] hat: Einsid. Wie dann? Simp Rülp/ grober Bengel/ volle Sau/ und noch wol anders/ wann sie haderte: Einsid. Du bist wol ein unwissender Tropff/ daß du weder deiner Eltern noch deinen eignen Nahmen nicht weist! Simpl. Eya/ weist dus doch auch nicht: Einsid. Kanstu auch beten? Simpl. Nain/ unser Ann und mein Meüder haben als das Bett gemacht: Einsid. Jch frage nicht hiernach/ sondern ob du das Vatter unser kanst? Simpl. Ja ich: Eins. Nun so sprichs dann: Simpl. Unser lieber Vatter/ der du bist Himel/ hailiget werde nam/ zrkommes d Reich/ dein Will schee Himmel ad Erden/ gib uns Schuld/ als wir unsern Schuldigern geba/ sühr uns nicht in kein döß Versucha/ sondern erlöß uns von dem Reich/ und die Krafft/ und die Herꝛlichkeit/ in Ewigkeit/ Ama. Einsid. Bistu nie in die Kirchen gangen? Simp. Ja ich kan wacker steigen/ und hab als ein gantzen Busem voll Kirschen gebrochen: Einsid. Jch sage nicht von Kirschen/ sondern von der Kirchen: Simpl. Haha/ Kriechen/ gelt es seynd so kleine Pfläumlein? gelt du? Einsid. Ach daß GOtt walte/ weistu nichts von unserm Herr Gott? Simpl. Ja/ er ist daheim an unserer Stubenthür gestanden auff dem Helgen/ mein Meüder hat ihn von der Kürbe mitgebracht/ und hin gekleibt: Einsid. Ach gütiger GOtt/ nun erkenne ich erst/ was vor eine grosse Gnad und Wolthat es ist/ wem du deine Erkantnus mittheilest/ und wie gar nichts ein Mensch seye/ dem du solche nicht gibst: Ach HErꝛ verleyhe mir deinen heiligen Nahmen also zu ehren/ daß ich würdig werde/ umb diese hohe Gnad so eyferig zu dancken/ als freygebig du gewest/ mir solche[30] zu verleyhen: Höre du Simpl. (dann anderst kan ich dich nicht nennen) wann du das Vatter unser betest/ so mustu also sprechen: Vatter unser/ der du bist im Himmel/ geheiliget werde dein Nahm/ zukomme uns dein Reich/ dein Will geschehe auff Erden wie im Himmel/ unser täglich Brod gib uns heut/ und: Simpl. Gelt du/ auch Käß darzu? Einsid. Ach liebes Kind/ schweige und lerne/ solches ist dir viel nötiger als Käß/ du bist wol ungeschickt/ wie dein Meuder gesagt hat/ solchen Buben wie du bist/ stehet nicht an/ einem alten Mann in die Red zu fallen/ sondern zu schweigen/ zuzuhöꝛen und zu lernen/ wüste ich nur/ wo deine Eltern wohneten/ so wolte ich dich gerne wieder hin bringen/ und sie zugleich lehren/ wie sie Kinder erziehen solten; Simpl. Jch weiß nicht/ wo ich hin soll/ unser Hauß ist verbrennet/ und mein Meüder hinweg geloffen/ und wieder kommen mit dem Ursele/ und mein Knan auch/ und unser Magd ist kranck gewest/ und ist im Stall gelegen. Einsid. Wer hat dann das Hauß verbrennt? Simpl. Ha/ es sind so eiserne Männer kommen/ die seynd so auff Dingern gesessen/ groß wie Ochsen/ haben aber keine Hörner/ dieselbe Männer haben Schafe und Kübe und Säu gestochen/ und da bin ich auch weg geloffen/ und da ist darnach das Hauß verbrennt gewest: Einsid. Wo war dann dein Knan? Simpl. Ha/ die eiferne Männer haben ihn angebunden/ da hat ihm unser alte Gaiß die Füß geleckt/ da hat mein Knau lachen müssen/ und hat denselben eisernen Mannen viel Weißpfenning geben/ grosse und kleine/ auch hübsche gelbe/ und sonst schöne klitzerechte Dinger/ und hübsche Schnür voll weisse Kügelein. Eins. wañ[31] ist diß geschehen? Simpl. Ey wie ich der Schaf hab hüten sollen/ sie haben mir auch mein Sackpfeiff wollen nemmen: Einsid. Wann hastu der Schaf sollen hüten? Simpl. Ey hörstus nicht/ da die eiserne Männer kommen sind/ und darnach hat unser Ann gesagt/ ich soll auch weg lauffen/ sonst würden mich die Krieger mit nehmen/ sie hat aber die eiserne Männer gemeynet/ und da sein ich weg geloffen/ und sein hieher kommen: Einsid. Wo hinauß wilst du aber jetzt? Simpl. Jch weiß weger nit/ ich will bey dir hier bleiben: Einsid. Dich hier zu behalten/ ist weder mein noch dein Gelegenheit/ esse/ alsdann will ich dich wieder zu Leuten führen: Simpl. Ey so sag mir dann auch/ was Leut vor Dinger seyn? Einsid. Leut seynd Menschen wie ich und du/ dein Knan/ dein Meüder und euer Ann seynd Menschen/ und wann deren viel beyeinander seynd/ so werden sie Leut genennt: Simpl. Haha; Einsid. Nun gehe und esse. Diß war unser Discurs, unter welchem mich der Einsidel offt mit den allertieffsten Seufftzen anschauete/ nicht weiß ich/ ob es darumb geschahe/ weil er ein so groß Mitleiden mit meiner Einfalt und Unwissenheit hatte/ oder auß der Ursach/ die ich erst über etliche Jahr hernach erfuhr.

Das IX. Capitel.

JCh fieng an zu essen/ und hörete auff zu papplen/ welches nicht länger währete/ als biß ich nach Notdurfft gefüttert hatte/ und mich der Alte fort gehen hiesse: Da suchte ich die allerzarteste Wort herfür/ die mir mein bäurische Grobheit immermehr eingeben konte/ welche alle dahin giengen/ den Ein- [32] sidel zu bewegen/ daß er mich bey ihm behielte: Ob es ihm nun zwar beschwerlich gefallen/ meine verdrüßliche Gegenwart zu gedulden/ so hat er jedoch beschlossen/ mich bey ihm zu leiden/ mehr/ daß er mich in der Christlichen Religion unterꝛichtete/ als sich in seinem vorhandenen Alter meiner Dienste zu bedienen/ sein gröste Sorg war/ mein zarte Jugend dörffte ein solche harte Art zu leben/ in die Länge nit außharꝛen mögen.

Eine Zeit von ungefähr drey Wochen war mein Probier-Jahr/ in welcher eben S. Gertraud mit den Gärtnern zu Feld lag/ also daß ich mich auch in deren Profession gebrauchen liesse/ ich hielte mich so wol/ daß der Einsidel ein sonderliches Gefallen an mir hatte/ nicht zwar der Arbeit halber/ so ich zuvor zu vollbringen gewohnet war/ sondern weil er sahe/ daß ich eben so begierig seine Unterweisungen hörete/ als geschickt die Waxwaiche/ und zwar noch glatte Tafel meines Hertzens solche zu fassen/ sich erzeigte: Solcher Ursachen halber wurde er auch desto eyferiger/ mich in allem Guten anzuführen/ er machte den Anfang seiner Unterꝛichtungen vom Fall Lucifers/ von dannen kam er in das Paradeis/ und als wir mit unsern Eltern dar auß verstossen wurden/ passirte er durch das Gesetz Mosis/ und lernete mich vermittelst der zehen Gebot Gottes und ihrer Außlegungen (von denen er sagte/ daß sie ein wahre Richtschnur seyen/ den Willen GOttes zu erkennen/ und nach denselben ein heiliges Gott wolgefälliges Leben anzustellen) die Tugenden von den Lastern zu unterscheiden/ das gute zu thun/ und das böse zu lassen: Endlich kam er auff das Evangelium/ und sagte mir [33] von Christi Geburt/ Leiden/ Sterben und Aufferstehung; zuletzt beschlosse ers mit dem jüngsten Tag/ und stellet mir Himmel und Höll vor Augen/ und solches alles mit gebührenden Umbständen/ doch nit mit gar zu überflüssiger Weitläufftigkeit/ sondern wie ihn dünckte/ daß ichs am allerbesten fassen und verstehen möchte/ wann er mit einer materia fertig war/ hub er ein andere an/ und wuste sich bißweilen in aller Gedult nach meinen Fragen so artlich zu reguliren/ und mit mir zu verfahren/ daß er mirs auch nicht besser hätte eingiessen können/ sein Leben und seine Reden waren mir eine immerwährende Predigt/ welche mein Verstand/ der eben nicht so gar dumm und höltzern war/ vermittels Göttlicher Gnad/ nicht ohne Frucht abgehen liesse/ allermassen ich alles das jenige/ was ein Christ wissen soll/ nicht allein in gedachten dreyen Wochen gefast/ sondern auch ein solche Lieb zu dessen Unterꝛicht gewonnen/ daß ich deß Nachts nicht darvor schlaffen konte.

Jch habe seithero der Sach vielmal nachgedacht/ und befunden/ daß Aristot. lib. 3. de Anima wol geschlossen/ als er die Seele eines Menschen einer läeren ohnbeschriebenen Tafel verglichen/ darauff man allerhand notiren könne/ und daß solches alles darumb von dem höchsten Schöpffer geschehen seye/ damit solche glatte Tafel durch fleissige Impression und Ubung gezeichnet/ und zur Vollkommenheit und perfection gebracht werde; dahero dann auch sein Commentator Averroes lib. 2. de Amma (da der Philosophus sagt/ der Intellectus sey als potentia, werde aber nichts in actum gebracht/ als durch die Scientiam, das ist/ es seye deß Menschen Verstand [34] allerdings fähig/ könne aber nichts ohne fleissige Ubung hinein gebracht werden) diesen klaren Außschlag gibt: nemlich/ es seye diese Scientia oder Ubung die perfection der Seelen/ welche für sich selbst überall nichts an sich habe; Solches bestätigt Cicero lib. 2. Tuscul. quæst. Welcher die Seel deß Menschen ohne Lehr/ Wissenschafft und Ubung/ einem solchen Feld vergleicht/ das zwar von Natur fruchtbar seye/ aber wann man es nicht baue und besaame/ gleichwol keine Frucht bringe.

Solches alles erwiese ich mit meinem eigenen Exempel/ denn daß ich alles so bald gefasst/ was mir der fromme Einsidel vorgehalten/ ist daher kommen/ weil er die geschlichte Tafel meiner Seelen gantz läer/ und ohn einige zuvor hinein gedruckte Bildnussen gefunden/ so etwas anders hinein zu bringen hätt hindern mögen; gleichwol aber ist die pure Einfalt gegen andern Menschen zu rechnen/ noch immerzu bey mir verblieben/ dahero der Einsidel (weil weder er noch ich meinen rechten Nahmen gewust) mich nur Simplicium genennet.

Mithin lernete ich auch beten/ und als er meinem steiffen Vorsatz/ bey ihm zu bleiben/ ein Genügen zu thun entschlossen/ baueten wir vor mich eine Hütten gleich der seinigen/ von Holtz/ Reisern und Erden/ fast formirt wie der Musquetirer im Feld ihre Zelten/ oder besser zu sageu/ die Bauren an theils Orten ihre Rubenlöcher haben/ zwar so nider/ daß ich kaum auffrecht darinn sitzen konte/ mein Bett war von dürꝛem Laub und Gras/ und eben so groß als die Hütte selbst/ so daß ich nit weiß/ ob ich dergleichen Wohnung oder Hölen eine bedeckte Lägerstatt/ oder eine Hütte neñen soll.

[35]

Das X Capitel.

ALs ich das erste mal den Einsidel in der Bibel lesen sahe/ konte ich mir nicht einbilden/ mit wem er doch ein solch heimlich/ und meinem Beduncken nach sehr ernstlich Gespräch haben müste; ich sahe wol die Bewegung seiner Lippen/ hingegen aber niemand/ der mit ihm redet/ und ob ich zwar nichts vom lesen und schreiben gewust/ so merckte ich doch an seinen Augen/ daß ers mit etwas in selbigem Buch zu thun hatte: Jch gab Achtung auff das Buch/ und nachdem er solches beygelegt/ machte ich mich darhinder/ schlugs auff/ und bekam im ersten Griff das erste Capitel deß Hiobs/ und die davor stehende Figur/ so ein feiner Holtzschnitt/ und schön illuminirt war/ in die Augen; ich fragte dieselbige Bilder selzame Sachen/ weil mir aber kein Antwort widerfahren wolte/ wurde ich ungedultig/ und sagte eben/ als der Einsidel hinder mich schlich: Jhr kleine Hudler/ habt ihr dann keine Mäuler mehr? habt ihr nicht allererst mit meinem Vatter (dann also muste ich den Einsidel nennen) lang genug schwätzen können? ich sihe wol/ daß ihr auch dem armen Knan seine Schaf heim treibt/ und das Hauß angezündet habt/ halt/ halt/ ich will diß Feuer noch wol leschen/ damit stunde ich auff Wasser zu holen/ weil mich die Noth vorhanden zu seyn bedunckte. Wohin Simplici? sagt der Einsidel/ den ich binder mir nicht wuste/ Ey Vatter/ sagte ich/ da sind auch Krieger/ die haben Schaf/ und wollens weg treiben/ sie habens dem armen Mann genommen/ mit dem du erst geredet hast/ so brennet sein Hauß auch schon liechterlohe/ und wann ich nicht bald lesche/ so wirds verbrennen; [36] mit diesen Worten zeigte ich ihm mit dem Finger/ was ich sahe: Bleib nur/ sagte der Einsidel/ es ist noch keine Gefahr vorhanben; Jch antwortete/ meiner Höfligkeit nach/ bist du dann blind/ wehre du/ daß sie die Schaf nicht fort treiben/ so will ich Wasser holen: Ey/ sagte der Einsidel/ diese Bilder leben nicht/ sie seynd nur gemacht/ uns vorlängst geschehene Dinge vor Augen zu stellen/ ich antwortet/ du hast ja erst mit ihnen geredt/ warumb wolten sie dann nicht leben?

Der Einsidel muste wider seinen Willen und Gewonheit lachen/ und sagte: Liebes Kind/ diese Bilder können nicht reden/ was aber ihr Thun und Wesen sey/ kan ich auß diesen schwartzen Linien sehen/ welches man lesen nennet/ und wann ich dergestalt lese/ so hältest du darvor/ ich rede mit den Bildern/ so aber nichts ist: Jch antwortet/ wann ich ein Mensch bin wie du/ so müste ich auch an denen schwartzen Zeilen können sehen/ was du kanst/ wie soll ich mich in dein Gespräch richten? Lieber Vatter/ berichte mich doch eygentlich/ wie ich die Sach verstehen solle? Darauff sagte er/ nun wolan mein Sohn/ ich will dich lehren/ daß du so wol als ich mit diesen Bildern wirst reden können/ allein wird es Zeit brauchen/ in welcher ich Gedult/ und du Fleiß anzulegen; demnach schriebe er mir ein Alphabet auff dirckene Rinden/ nach dem Druck formirt/ und als ich die Buchstaben kennete/ lernete ich buchstabiren/ folgends lesen/ und endlich besser schreiben/ als es der Einsidel selber konte/ weil ich alles dem Druck nachmahlet.

[37]

Das XI. Capitel.

ZWey Jahr ungefähr/ nemlich biß der Einfidel gestorben/ und etwas länger als ein halbes Jahr nach dessen Todt/ bin ich in diesem Wald verblieben/ derohalben sihet mich vor gut an/ dem curiosen Leser/ der auch offt das geringste wissen will/ unser Thun/ Handel und Wandel/ und wie wir unser Leben durch gebracht/ zu erzehlen.

Unsere Speiß war allerhand Gartengewächs/ Rüben/ Kraut/ Bonen/ Erbsen und dergleichen/ wir verschmäheten auch keine Buchen/ wilde Aepffel/ Pirn/ Kirschen/ ja die Eicheln machte uns der Hunger offt angenehm; das Brot/ oder besser zu sagen/ unsere Kuchen backten wir in heisser Aschen/ auß zerstossenem Welschen Korn/ im Winter fiengen wir Vögel mit Sprincken und Stricken/ im Frühling und Sommer aber beschehrte uns GOtt Junge auß den Nestern/ wir behalffen uns offt mit Schnecken und Fröschen/ so war uns auch mit Reussen und Anglen das fischen nicht zu wider/ in dem ohnweit von unserer Wohnung ein Fisch- und Krebsreicher Bach bin floß/ welches alles unser grob Gemüß hinunder convoyren muste; wir hatten auff eine Zeit ein junges wildes Schweinlein auffgefangen/ welches wir in einen Pferch versperꝛet/ mit Eicheln und Buchen aufferzogen/ gemästet/ und endlich verzehret/ weil mein Einsidel wuste/ daß solches keine Sünde seyn könte/ wann man geniesset/ was GOtt dem gantzen menschlichen Geschlecht zu solchem End erschaffen/ Saltz drauchten wir wenig/ und von Gewürtz gar nichts/ dann wir dörfften den Lust zum Trunck nicht erwecken/ weil wir keinen Keller hatten/ die Notdurfft [38] an Saltz gab uns ein Pfarꝛer/ der ohngefähr 3. Meil Wegs von uns wohnete/ von welchem ich noch viel zu sagen habe.

Unsern Haußrath betreffend/ dessen war genug vorhanden/ dann wir hatten eine Schauffel/ eine Haue/ eine Axt/ ein Beyl/ und einen eisernen Hafen zum kochen/ welches zwar nicht unser eigen/ sondern von obgemeldtem Pfarꝛer entlehnet war/ jeder hatte ein abgenütztes stumpffes Messer/ selbige waren unser Eigenthum/ und sonsten nichts; ferner bedorfften wir auch weder Schüsseln/ Deller/ Leffel/ Gabeln/ Kessel/ Pfannen/ Rost/ Bratspieß/ Saltzbüchs noch ander Tisch- und Küchengeschirꝛ/ dann unser Hafen war zugleich unser Schüssel/ und unsere Hände waren auch unsere Gabeln und Leffel/ wolten wir aber trincken/ so geschahe es durch ein Rohr auß dem Brunnen/ oder wir henckten das Maul hinein/ wie Gedeons Kriegs-Leute; Von allerhand Gewand/ Wollen/ Seiden/ Baumwollen und Leinen/ beydes zu Betten/ Tischen und Tapezereyen/ hatten wir nichts/ als was wir auff dem Leib trugen/ weil wir vor uns genug zu haben schätzten/ wann wir uns vor Regen und Frost beschützen könten: Sonsten hielten wir in unserer Haußhaltung keine gewisse Regul oder Ordnung/ ausserhalb an Sonn- und Feyertägen/ an welchen wir schon umb Mitternacht hinzugehen anfiengen/ damit wir noch frühe genug/ ohne männiglichs Vermercken/ in obgemeldten Pfarꝛherꝛns Kirche/ die etwas vom Dorff abgelegen war/ kommen/ und dem Gottesdienst abwarten können/ in derselben verfügten wir uns auff die zerbrochne Orgel/ an welchem Ort wir so wol auff den [39] den Altar/ als zu der Cantzel sehen konten; Als ich das erste mal den Pfarꝛherꝛn auff dieselbige steigen sahe/ fragete ich meinen Einsidel/ was er doch in demselben grossen Zuber machen wolte? nach verrichtetem Gottesdienst aber/ giengen wir eben so verstolen wieder heim/ als wir hin kommen waren/ und nachdem wir mit müdem Leib und Füssen zu unserer Wohnung kamen/ assen wir mit guten Zähnen übel/ alsdann brachte der Einsidel die übrige Zeit zu mit beten/ und mich in gottseeligen Dingen zu unterꝛichten.

An den Wercktägen thäten wir/ was am nötigsten zu thun war/ je nachdem sichs fügte/ und solches die Zeit deß Jahrs/ und unser Gelegenheit erforderte/ einmal arbeiteten wir im Garten/ das ander mal suchten wir den feisten Grund an schattigten Orten/ und auß holen Bäumen zusammen/ unsern Garten/ an statt der Tung/ damit zu bessern/ bald flochten wir Körbe oder Fisch-Reussen/ oder machten Brennholtz/ fischten/ oder thäten ja so etwas wider den Müssiggang. Und unter allen diesen Geschäfften liesse der Einsidel nicht ab/ mich in allem Guten getreulichst zu unterweisen/ unterdessen lernete ich in solchem harten Leben Hunger/ Durst/ Hitz/ Kälte/ und grosse Arbeit überstehen/ und zuvorderst auch GOTT erkennen/ und wie man Jhm rechtschaffen dienen solte/ welches das vornehmste war. Zwar wolte mich mein getreuer Einsidel ein mehrers nicht wissen lassen/ dann er hielte darvor/ es seye einem Christen genug/ zu seinem Ziel und Zweck zu gelangen/ wann er nur fleissig bete und arbeite/ dahero es kommen/ ob ich zwar in geist- [40] lichen Sachen zimlich berichtet wurde/ mein Christenthum wol verstunde/ und die Teutsche Sprach so schön redete/ als wann sie die Orthographia selbst außspräche/ daß ich dannoch der einfältigste verbliebe; gestalten ich/ wie ich den Wald verlassen/ ein solcher elender Tropff in die Welt war/ daß man keinen Hund mit mir auß dem Ofen hätte locken können.

Das XII. Capitel.

ZWey Jahr ungefähr hatte ich zugebracht/ und das harte Eremitisch Leben kaum gewohnet/ als mein bester Freund auff Erden seine Haue nam/ mir aber die Schauffel gab/ und mich seiner täglichen Gewonheit nach/ an der Hand in unsern Garten führte/ da wir unser Gebet zu verꝛichten pflegten: Nun Simplici/ liebes Kind/ sagte er/ dieweil GOtt Lob die Zeit vorhanden/ daß ich auß dieser Welt scheiden/ die Schuld der Natur bezahlen/ und dich in dieser Welt hinder mir verlassen solle/ zumalen deines Lebens künfftige Begegnussen beyläuffig sehe/ und wol weiß/ daß du in dieser Einöde nicht lang verharꝛen wirst/ so hab ich dich auff dem angetrettenen Weg der Tugend stärcken/ und dir einige Lehren zum Unterꝛicht geben wollen/ vermittelst deren du/ als nach einer ohnfehlbaren Richtschnur/ zur ewigen Seeligkeit zu gelangen/ dein Leben anstellen sollest/ damit du mit allen heiligen Außerwehlten das Angesicht GOttes in jenem Leben ewiglich anzuschauen gewürdiget werdest.

Diese Wort setzten meine Augen ins Wasser/ wie hiebevor deß Feinds Erfindung die Statt Villingen/ einmal/ sie waren mir so unerträglich/ daß ich sie [41] nicht ertragen könte/ doch sagte ich: Hertzliebster Vatter/ wilst du mich dann allein in diesem wilden Wald verlassen? soll dann: mehrers vermochte ich nicht herauß zu bringen/ dann meines Hertzens Qual ward auß überflüssiger Lieb/ die ich zu meinem getreuen Vatter trug/ also hefftig/ daß ich gleichsam wie todt zu seinen Füssen nider sanck; Er hingegen richtet mich wieder auff/ tröstet mich so gut es Zeit und Gelegenheit zuliesse/ und verwiese mir gleichsam fragend/ meinen Fehler/ Ob ich nemlich der Ordnung deß Allerhöchsten widerstreben wolte? weistu nicht/ sagt er weiters/ daß solches weder Himmel noch Höll zu thun vermögen? nicht also mein Sohn! was unterstehest du dich/ meinem schwachen Leib (welcher vor sich selbst der Ruhe begierig ist) auffzubürden? vermeynest du mich zu nötigen/ länger in diesem Jam̃erthal zu leben? Ach nein/ mein Sohn/ lasse mich fahren/ sintemal du mich ohne das weder mit heulen noch weynen/ und noch viel weniger mit meinem Willen/ länger in diesem Elend zu verharren/ wirst zwingen können/ in dem ich durch GOttes außtrücklichen Willen darauß gefordert werde; folge an statt deines unnützen Geschreys meinen letzten Worten/ welche seynd/ daß du dich je länger je mehr selbst erkennen sollest/ und wann du gleich so alt als Mathusalem würdest/ so laß solche Ubung nicht auß dem Hertzen/ dann daß die meiste Menschen verdam̃t werden/ ist die Ursach/ daß sie nicht gewust haben/ was sie gewesen/ und was sie werden können/ oder werden müssen. Weiters riethe er mir getreulich/ ich solte mich jederzeit vor böser Gesellschafft hüten/ dann derselben Schädlichkeit wäre unaußsprechlich:[42] Er gab mir dessen ein Exempel/ und sagte/ wann du einen Tropffen Malvasier in ein Geschirꝛ voll Essig schüttest/ so wird er alsobald zu Essig; wirstu aber so viel Essig in Malvasier giessen/ so wird er auch unter dem Malvasier hingehen: Liebster Sohn/ sagte er/ vor allen Dingen bleibe standhafftig/ dann wer verharꝛet biß aus End/ der wird seelig/ geschihet aber wider mein Verhoffen/ daß du auß menschlicher Schwachheit fällst/ so stehe durch ein rechtschaffene Buß geschwind wieder auff.

Dieser sorgfältige fromme Mann hielte mir allein diß wenige vor/ nicht zwar/ als hätte er nichts mehrers gewust/ sondern darumb/ dieweil ich ihn erstlich meiner Jugend wegen/ nicht fähig genug zu seyn bedunckte/ ein mehrers in solchem Zustand zu fassen/ und dann weil wenig Wort besser/ als ein langes Geplauder/ im Gedächtnus zu behalten seynd/ und wann sie anders Safft und Nachtruck haben/ durch das Nachdencken grössern Nutzen schaffen/ als eine lange Sermon, die man außtrücklich verstanden hat/ und bald wieder zu vergessen pflegt.

Diese drey Stück/ sich selbst erkennen/ böse Gesellschafft meiden/ und beständig verbleiben/ hat dieser fromme Mann ohne Zweiffel deßwegen vor gut und nötig geachtet/ weil er solches selbsten practicirt/ und daß es ihme darbey nicht mißlungen ist; denn nachdem er sich selbst erkant/ hat er nicht allein böse Gesellschafften/ sondern auch die gantze Welt geflohen/ ist auch in solchem Vorsatz biß an das Ende verharꝛet/ an welchem ohn Zweiffel die Seeligkeit hängt/ welcher gestalt aber/ folgt hernach.

Nachdem er mir nun obige Stück vorgehalten/ [43] hat er mit seiner Reithaue angefangen sein eigenes Grab zu machen/ ich halff so gut ich konte/ wie er mir befahl/ und bildete mir doch das jenige nicht ein/ worauff es angesehen war/ indessen sagte er: Mein lieber und wahrer einiger Sohn (dann ich habe sonsten keine Creatur als dich/ zu Ehren unsers Schöpffers erzeuget) wann meine Seele an ihren Ort gangen ist/ so leiste meinem Leib deine Schuldigkeit und die letzte Ehre/ scharꝛe mich mit der jenigen Erden wieder zu/ die wir anjetzo auß dieser Gruben gegraben haben/ darauff nam er mich in seine Arm/ und druckte mich küssend/ viel härter an seine Brust/ als einem Mann/ wie er zu seyn schiene/ hätte müglich seyn können: Liebes Kind/ sagte er/ ich befehle dich in GOttes Schutz/ und sterbe umb so viel desto frölicher/ weil ich hoffe/ er werde dich darin auffnemmen; Jch hingegen konte nichts anders/ als klagen und heulen/ ich hängete mich an seine Ketten/ die er am Hals trug/ und vermeynte ihn damit zu halten/ damit er mir nicht entgehen solte: Er aber sagte/ mein Sohn lasse mich/ daß ich sehe/ ob mir das Grab lang genug seye/ legte demnach die Ketten ab/ sampt dem Ober-Rock/ und begab sich in das Grab/ gleichsam wie einer/ der sich sonst schlaffen legen will/ sprechende: Ach grosser GOtt/ nun nimm wieder hin die Seele/ die du mir gegeben/ HERR/ in deine Hände befehl ich meinen Geist/ ꝛc. Hierauff beschloß er seine Lippen und Augen sanfftiglich/ ich aber stund da wie ein Stockfisch/ und meynte nicht/ daß seine liebe Seel den Leib gar verlassen haben solte/ dieweil ich ihn öffters in dergleichen Verzuckungen gesehen hatte.

[44]

Jch verharꝛete/ wie mein Gewonheit in dergleichen Begebenheiten war/ etlich Stund neben dem Grab im Gebet/ als sich aber mein allerliebster Einsidel nicht mehr auffrichten wolte/ stiege ich zu ihm ins Grab hinunder/ und fieng ihn an zu schüttlen/ zu küssen und zu liebeln/ aber da war kein Leben mehr/ weil der grimmige ohnerbittliche Todt den armen Simplicium seiner holden Beywohnung beraubt hatte; ich begosse/ oder besser zu sagen/ ich balsamirte den entseelten Cörper mit meinen Zähren/ und nachdem ich lang mit jämmerlichem Geschrey hin und her geloffen/ fienge ich an/ ihn mit mehr Seufftzen als Schauffeln voller Grund zuzuscharꝛen/ und wann ich kaum sein Angesicht bedeckt hatte/ stiege ich wieder hinunder/ entblöste es wieder/ damit ichs noch einmal sehen und küssen möchte/ solches trieb ich den gantzen Tag/ biß ich fertig worden/ und auff diese Wets die funeralia exequias und luctus gladiatorios allein geendet/ weil ohne das weder Baar/ Sarch/ Decken/ Liechter/ Todtenträger noch Gelaits-Leut/ und auch kein Clerisey vorhanden gewest/ die den Todten besungen hätte.

Das XIII. Capitel.

ÜBer etlich Tag nach deß Einsidels Ableiben/ verfügte ich mich zu obgemeldtem Pfarꝛern/ und offenbarte ihm meines Herꝛn Todt/ begehrte benebens Rath von ihm/ wie ich mich bey so gestalter Sache verhalten solte? Unangesehen er mir nun starck widerꝛathen/ länger im Wald zu verbleiben/ so bin ich jedoch dapffer in meines Vorgängers Fußstapffen getretten/ massen ich den gantzen Sommer hindurch [45] thät/ was ein frommer Monachus thun soll; Aber gleich wie die Zeit alles ändert/ also ringert sich auch nach und nach das Leyd/ so ich umb meinen Einsidel trug/ und die äusserliche scharffe Winterskält leschte die innerliche Hitz meines steiffen Vorsatzes zugleich auß/ je mehr ich anfieng zu wancken/ je träger wurde ich in meinem Gebet/ weil ich an statt/ göttliche und himmlische Ding zu betrachten/ mich die Begierde/ die Welt auch zu beschauen/ überherꝛschen liesse/ und als ich dergestalt nichts nutz würde im Wald länger gut zu thun/ gedachte ich wieder zu gedachtem Pfarꝛer zu gehen/ zu vernehmen/ ob er mir noch wie zuvor auß dem Wald rathen wolte? zu solchem End machte ich mich seinem Dorff zu/ und als ich hin kam/ fande ichs in voller Flamm stehen/ dann es eben ein Partey Reuter außgeplündert/ augezündet/ theils Bauren nidergemacht/ viel verjagt/ und etliche gefangen hatten/ darunter auch der Pfarꝛer selbst war. Ach GOtt! wie ist das menschliche Leben so voll Mühe und Widerwertigkeit/ kaum hat ein Unglück auffgehört/ so stecken wir schon in einem andern/ mich verwundert nicht/ daß der Heydnische Philosophus Timon zu Athen viel Galgen aufrichtete/ daran sich die Menschen selber auffknüpffen/ und also ihrem elenden Leben durch ein kurtze Grausamkeit ein Ende machen solten; die Reuter waren eben wegfertig/ und führten den Pfarꝛer an einem Strick daher/ unterschiedliche schryen/ schiesse den Schelmen nider! andere aber wolten Gelt von ihm haben/ er aber hub die Händ auff/ und bat umb deß Jüngsten Gerichts willen/ umb Verschohnung und Christliche Barmhertzigkeit/ aber umbsonst/ dann[46] einer ritte ihn übern Hauffen/ und versetzte ihm zugleich eins an Kopff/ davon er alle vier von sich streckte/ und Gott seine Seel befahl/ den andern noch übrigen gefangenen Bauren giengs gar nicht besser.

Da es nun sahe/ als ob diese Reuter in ihrer tyrannischen Grausamkeit gantz unsinnig worden wären/ kam ein solcher Schwarm bewehrter Bauren auß dem Wald/ als wann man in ein Wespen-Nest gestochen hätte/ die fiengen an so greulich zu schreyen/ so grimmig darein zu setzen/ und darauff zu schiessen/ daß mir alle Berg gen Haar stunden/ weil ich noch niemals bey dergleichen Kürben gewesen/ dann die Spesserter und Vogelsberger Bauren lassen sich fürwahr so wenig als die Hessen/ Sauerländer und Schwartzwälder/ auff ihrem Mist foppen; darvon rissen die Reuter auß/ und liessen nicht allein das eroberte Rindviehe zurück/ sondern warffen auch Sack und Pack von sich/ schlugen also ihre gantze Beut in Wind/ damit sie nicht selbst den Bauren zur Beut würden doch kamen ihnen theils in die Händ.

Diese Kurtzweil bename mir bey nahe den Lust/ die Welt zu beschauen/ dann ich gedachte/ wann es so darinnen hergehet/ so ist die Wildnus weit anmutiger/ doch wolte ich auch hören/ was der Pfarꝛer darzu sagte/ derselbe war wegen empfangener Wunden und Stöß gantz matt/ schwach und Krafftloß/ doch hielte er mir vor/ daß er mir weder zu helffen noch zu rathen wisse/ weil er dermalen selbst in einen solchen Stand gerathen worden wäre/ in welchem er besorglich das Brot am Bettelstab suchen müste/ und wann ich gleich noch länger im Wald verbleiben würde/ so hätte ich mich seiner Hülff-leistung [47] nichts zu getrösten/ weil/ wie ich vor Augen sehe/ beydes sein Kirch und Pfarꝛhof im Feuer stunde. Hierauf verfügte ich mich gantz traurig gegen dem Wald zu meiner Wohnung/ und demnach ich auff dieser Räis sehr wenig getröst/ hingegen aber umb viel andächtiger worden/ beschlosse ich bey mir/ die Wildnus nimmermehr zu verlassen; massen ich schon nachgedachte/ ob nicht müglich wäre/ daß ich ohne Saltz (so mir bißher der Pfarꝛer mitgetheilt hatte) leben/ und also aller Menschen entberen könte?

Das XIV. Capitel.

DAmit ich aber diesem meinem Entschluß nachkommen/ und ein rechter Wald-Bruder seyn möchte/ zoge ich meines Einsidlers hinderlassen härin Hemd an/ und gürtet seine Kette darüber; nicht zwar/ als hätt ich sie bedörfft/ mein unbändig Fleisch zu mortificiren/ sondern damit ich meinem Vorfahren so wolim Leben/ als im Habit gleichen/ mich auch durch solche Kleidung desto besser vor der rauhen Winters-Kält beschützen möchte.

Den zweyten Tag/ nachdem obgemeldtes Dorff geplündert und verbrennt worden/ als ich eben in meiner Hütten sasse/ und zugleich neben dem Gebet gelbe Rüben/ zu meinem Auffenthalt/ im Feuer briete/ umbringten mich bey 40. oder 50. Mußquetier; diese/ ob sie zwar ob meiner Person Seltzamkeit erstauneten/ so durchstürmten sie doch meine Hütten/ und suchten/ was da nicht zu finden war/ dañ nichts als Bücher hatte ich/ die sie mir durcheinander geworffen/ weil sie ihnen nichts taugten: Endlich/ als sie mich besser betrachteten/ und an meinen Federn [48] sahen/ was vor einen schlechten Vogel sie gefangen hätten/ konten sie leicht die Rechnung machen/ daß bey mir ein schlechte Beut zu hoffen; Demnach verwunderten sie sich über mein hartes Leben/ und hatten mit meiner zarten Jugend ein grosses Mitleiden/ sonderlich der Officier/ so sie commandirte; ja er ehrte mich/ und begehrte gleichsam bittend/ ich wolte ihm und den seinigen den Weg wider auß dem Wald weisen/ in welchem sie schon lang in der Jrꝛe herumb gangen wären; Jch widerte mich gantz nicht/ sondern führte sie den nächsten Weg gegen dem Dorff zu/ allwo der obgemeldte Pfarꝛer so übel tractirt worden/ dieweil ich sonst keinen andern Weg wuste: Ehe wir aber vor den Wald kamen/ sahen wir ohngefähr einen Bauren oder zehen/ deren ein Theil mit Feuer-rohren bewehrt/ die übrige aber geschäfftig waren/ etwas einzugraben; die Mußquetierer giengen auff sie loß/ und schryen/ halt! halt! jene aber antworteten mit Rohren: Und wie sie sahen/ daß sie von den Soldaten übermannet waren/ giengen sie schnell durch/ also daß die müden Mußquetierer keinen von ihnen ereylen konten; derowegen wolten sie wieder herauß graben/ was die Bauren eingescharꝛt/ das schickte sich umb so viel desto besser/ weil sie die Hauen und Schauffeln/ so sie gebraucht/ ligen liessen: Sie hatten aber wenig Streich gethan/ da höreten sie eine Stimm von unden herauff/ die sagte: O ihr leichtfertige Schelmen! O ihr ErtzBößwichter/ vermeynt ihr wol/ daß der Himmel euer un-Christliche Grausamkeit und Bubenstück ungestrafft hingehen lassen werde? Nein/ es lebt noch manch redlicher Kerl/[49] durch welche eure Unmenschlichkeit dermassen vergolten werden soll/ daß euch keiner von euren Neben-Menschen mehr den Hindern lecken dörffe. Hierüber sahen die Soldaten einander an/ weil sie nicht wusten/ was sie thun solten: Etliche vermeynten/ sie hätten ein Gespenst/ ich aber gedachte/ es träume mir; ihr Officier hiesse dapffer zugraben: Sie kamen gleich auff ein Faß/ schlugens auff/ und fanden einen Kerl darinnen/ der weder Nasen noch Ohren mehr hatte/ und gleichwol noch lebte: So bald sich derselbe ein wenig ermunterte/ und vom Hauffen etliche kennete/ erzehlet er/ was massen die Bauren den vorigen Tag/ als einige seines Regiments auff Fütterung gewest/ ihrer sechs gefangen bekommen/ davon sie allererst vor einer Stund fünffe/ so hinder-einander stehen müssen/ todt geschossen; und weil die Kugel ihn/ weil er der sechste und letzte gewest/ nicht erlangt/ in dem sie schon zuvor durch fünff Cörper gedrungen/ hätten sie ihm Nasen und Ohren abgeschnitten/ zuvor aber gezwungen/ daß er ihrer fünffen (s.v.) den Hindern lecken müssen: Als er sich nun von den Ehr- und Gotts-vergessenen Schelmen so gar geschmähet gesehen/ hätte er ihnen/ wiewol sie ihn mit dem Leben darvon lassen wolten/ die aller-unnützste Wort gegeben/ die er erdencken mögen/ und sie alle bey ihrem rechten Nahmen genennet/ der Hoffnung/ es würde ihm etwan einer auß Ungedult eine Kugel schencken/ aber vergebens; sondern nachdem er sie verbittert gemacht/ hätten sie ihn in gegenwärtig Faß gesteckt/ und also lebendig begraden/ sprechend: Weil er deß Todts so eyferig begehr/ wolten sie ihm zum Possen hierinn nicht willfahren.

[50]

Jn dem dieser seinen überstandenen Jammer also klaget/ kam ein andere Partey Soldaten zu Fuß überzwergs den Wald herauff/ die hatten obgedachte Bauren angetroffen/ fünff davon gefangen bekommen/ und die übrigen todt geschossen; unter den Gefangenen waren vier/ denen der übel-zugerichte Reuter kurtz zuvor so schändlich zu Willen seyn müssen. Als nun beyde Parteyen auß dem Anschreyen einander erkenneten/ einerley Volck zu seyn/ tratten sie zusammen/ und vernamen wiederumb vom Reuter selbst/ was sich mit ihm und seinen Cammeraden zugetragen; da solte man seinen blauen Wunder gesehen haben/ wie die Bauren getrillt wurden/ etliche wolten sie gleich in der ersten Furi todt schiessen/ andere aber sagten: Nein/ man muß die leichtfertigen Vögel zuvor rechtschaffen quälen/ und ihnen einträncken/ was sie an diesem Reuter verdient haben/ indessen bekamen sie mit den Mußqueten so treffliche Ribbstöß/ daß sie hätten Blut speyen mögen; zuletzt tratte ein Soldat hervor/ und sagte: Jhr Herꝛen/ dieweil es der gantzen Soldatesca ein Schand ist/ daß diesen Schurcken (deutet damit auff den Reuter) fünff Bauren so greulich getrillt haben/ so ist billich/ daß wir solchen Schandflecken wieder außleschen/ und diese Schelmen den Reuter wieder hundert mal lecken lassen: Hingegen sagte ein anderer/ dieser Kerl ist nicht werth/ daß ihm solche Ehr widerfahre/ dann wäre er kein Bernheuter gewesen/ so hätte er allen redlichen Soldaten zu Spott diese schandliche Arbeit nicht verꝛichtet/ sondern wäre tausend mal lieber gestorben. Endlich wurde einhellig beschlossen/ daß ein jeder von den sauber-gemachten Bauren/ sol- [51] ches an zehen Soldaten also wett machen/ und zu jedem mal sagen solte: Hiermit lesche ich wider auß/ und wische ab die Schand/ die sich die Soldaten einbilden empfangen zu haben/ als uns ein Bernheuter hinden leckte. Nachgehends wolten sie sich erst resolviren/ was sie mit den Bauren weiters anfahen wolten/ wenn sie diese saubere Arbeit verꝛichtet haben würden: Hierauff schritten sie zur Sach/ aber die Baurn warn so halsstarꝛig/ daß sie weder durch Verheissung/ sie mit dem Leben darvon zu lassen/ noch durch einigerley Marter/ hierzu gezwungen werden kunten. Einer führte den fünfften Bauren/ der nicht geleckt war worden/ etwas beyseits/ und sagte zu ihm: Wenn du GOtt und alle seine Heiligen verleugnen wilt/ so werde ich dich lauffen lassen/ wohin du begehrest; Hierauff antwortet der Baur/ Er hätte sein Lebtag nichts auff die Heilige gehalten/ und auch bißher noch geringe Kundschafft mit GOtt selbst gehabt/ schwur auch darauff solenniter, daß er Gott nicht kenne/ und kein Theil an seinem Reich zu haben begehre; hierauff jagte ihm der Soldat ein Kugel an die Stirn/ welche aber so viel effectuirt/ als wann sie an einen stäblernen Berg gangen wäre/ darauff zuckte er seine Plauten/ und sagte: Holla/ bistu der Haar? ich hab versprochen/ dich lauffen zu lassen/ wohin du begehrest/ sihe/ so schicke ich dich nun ins höllische Reich/ weil du nicht in Himmel wilt/ und spaltete ihm damit den Kopff biß auff die Zähn voneinander/ als er dorthin fiele/ sagte der Soldat: So muß man sich rächen/ und diese lose Schelmen zeitlich und ewig straffen.

[52]

Jndessen hatten die andern Soldaten die übrigen vier Bauren/ so geleckt waren worden/ auch unterhanden/ die banden sie über einen umbgefallenen Baum/ mit Händen und Füssen zusammen/ so artlich/ daß sie (s.v.) den Hindern gerad in die Höhe kehrten/ und nachdem sie ihnen die Hosen abgezogen/ namen sie etliche Klaffter Lunden/ machten Knöpff daran/ und fidelten ihnen so unsäuberlich durch solchen hindurch/ daß der rothe Safft hernach gienge; Also/ sagten sie/ muß man euch Schelmen den gereinigten Hindern außtröcknen. Die Bauren schryen zwar jämmerlich/ aber es war den Soldaten nur ein Kurtzweil/ dann sie höreten nicht auff zu sägen/ biß Haut und Fleisch gantz auff das Bein hinweg war; mich aber liessen sie wieder nach meiner Hütten geben/ weil die letzt-gemeldte Parthey den Weg wol wuste/ also kan ich nicht wissen/ was sie endlich mit den Bauren vollends angestellt haben.

Das XV. Capitel.

ALs ich wieder heim kame/ befand ich/ daß mein Feurzeug und gantzer Haußrath/ sampt allem Vorꝛath an meinen armseeligen Essenspeisen/ die ich den Sommer hindurch in meinem Garten erzogen/ und auff künfftigen Winter vorm Maul erspart hatte/ miteinander fort war: Wo nun hinauß? gedachte ich/ damals lernete mich die Noth erst recht beten; Jch gebotte aller meiner wenigen Witz zusammen/ zu berathschlagen/ was mir zu thun oder zu lassen seyn möchte? Gleich wie aber meine Erfahrenheit schlecht und gering war/ also konte ich auch nichts rechtschaffenes schliessen/ das beste war/ [53] daß ich mich GOtt befahl/ und mein Vertrauen allein auff ihn zu setzen wuste/ sonst hätte ich ohn Zweiffel desperiren und zu Grund gehen müssen: Uber das lagen mir die Sachen/ so ich denselben Tag gehöret und gesehen/ ohn Unterlaß im Sinn/ ich dachte nicht so viel umb Essenspeiß und meiner Erhaltung nach/ als der jenigen Antipathia, die sich zwischen Soldaten und Bauren enthält/ doch konte meine Alberkeit nichts ersinnen/ als daß ich schlosse/ es müsten ohnfehlbar zweyerley Menschen in der Welt seyn/ so nicht einerley Geschlechts von Adam her/ sondern wilde und zabme wären/ wie andere unvernünfftige Thier/ weil sie einander so grausam verfolgen.

Jn solchen Gedancken entschlieff ich vor Unmuth und Kälte/ mit einem hungerigen Magen/ da dünckte mich/ gleich wie in einem Traum/ als wenn sich alle Bäum/ die umb meine Wohnung stunden/ gähling veränderten/ und ein gantz ander Ansehen gewönnen/ auff jedem Giffel sasse ein Cavallier/ und alle Aest wurden an statt der Blätter mit allerhand Kerlen geziert; von solchen hatten etliche lange Spieß/ andere Mußqueten/ kurtze Gewehr/ Partisanen/ Fähnlein/ auch Trommeln und Pfeiffen Diß war lustig anzusehen/ weil alles so ordentlich und fein grad-weis sich außeinander theilete; die Wurtzel aber war von ungültigen Leuten/ als Handwerckern/ Taglöhnern/ mehrentheils Bauren und dergleichen/ welche nichts desto weniger dem Baum seine Krafft verliehen/ und wieder von neuem mittheilten/ wann er solche zu Zeiten verlor; ja sie ersetzten den Mangel der abgefallenen Blätter auß den ihrigen/ zu ihrem eigenen noch grösseren Verderben; benebens seufftzeten sie [54] über die jenige/ so auff dem Baum sassen/ und zwar nicht unbillich/ dann der gantze Last deß Baums lag auff ihnen/ und druckte sie dermassen/ daß ihnen alles Geld auß den Beuteln/ ja hinder sieben Schlossen herfür gieng/ wann es aber nicht herfür wolte/ so striegelten sie die Commissarios mit Besemen/ die man militarische Execution nennete/ daß ihnen die Seufftzer auß dem Hertzen/ die Threnen auß den Augen/ das Blut auß den Nägeln/ und das Marck auß den Beinen herauß gienge/ noch dannoch waren Leut unter ihnen/ die man Fatzvögel nennete; diese bekümmerten sich wenig/ namen alles auff die leichte Achsel/ und hatten in ihrem Creutz an statt deß Trosts allerhand Gespey.

Das XVI. Capitel.

ALso musten sich die Wurtzeln dieser Bäume in lauter Mühseeligkeit und lamentiren/ die jenige aber auff den untersten Aesten in viel grösserer Müh/ Arbeit und Ungemach gedulden und durchbringen; doch waren diese jeweils lustiger als jene/ darneben aber auch trotzig/ tyrannisch/ mehrentheils gottlos/ und der Wurtzel jederzeit ein schwerer unerträglicher Last/ umb sie stunde dieser Reim:

Hunger und Durst/ auch Hitz und Kält/
Arbeit und Armuth/ wie es fällt/
Gewaltthat/ Ungerechtigkeit/
Treiben wir Landsknecht allezeit.

Diese Reimen waren umb so viel desto weniger erlogen/ weil sie mit ihren Wercken überein stimmten/ dem Fressen und Sauffen/ Hunger und Durst leiden/ huren und buben/ raßlen und spielen/ schlem- [55] men und demmen/ morden/ und wieder ermordet werden/ todt schlagen/ und wieder zu todt geschlagen werden/ tribulirn/ und wieder getrillt werden/ jagen/ und wieder gejaget werden/ ängstigen/ und wieder geängstiget werden/ rauben/ und wieder beraubt werden/ plündern/ und wieder geplündert werden/ sich förchten/ und wieder geförchtet werden/ Jammer anstellen/ und wieder jämmerlich leiden/ schlagen/ und wieder geschlagen werden; und in Summa nur verderben und beschädigen/ und hingegen wieder verderbt und beschädigt werden/ war ihr gantzes Thun und Wesen; Woran sie sich weder Winter noch Som̃er/ weder Schnee noch Eiß/ weder Hitz noch Kält/ weder Regen noch Wind/ weder Berg noch Thal/ weder Felder noch Morast/ weder Gräben/ Päß/ Meer/ Mauren/ Wasser/ Feuer/ noch Wälle/ weder Vatter noch Mutter/ Brüder und Schwestern/ weder Gefahr ihrer eigenen Leiber/ Seelen und Gewissen/ ja weder Verlust deß Lebens/ noch deß Himmels/ oder sonst einig anderer Ding/ wie das Nahmen haben mag/ verhindern liessen: Sondern sie weberten in ihren Wercken immer embsig fort/ biß sie endlich nach und nach in Schlachten/ Belägerungen/ Stürmen/ FeldZůgen/ und in den Quartieren selbsten/ (so doch der Soldaten irdische Paradeis sind/ sonderlich wenn sie fette Bauren antreffen) umbkamen/ starben/ verdarben und crepirten; biß auff etlich wenige/ die in ihrem Alter/ wann sie nicht wacker geschunden und gestolen hatten/ die allerbeste Bettler und Landstürtzer abgaben: Zu nächst über diesen mühseeligen Leuten sassen so alte Hünerfänger/ die sich etlich Jahr[56] mit höchster Gefahr auff den untersten Aesten beholffen/ durch gebissen/ und das Glück gehabt hatten/ dem Todt biß dahin zu entlauffen/ diese sahen ernstlich und etwas reputirlicher auß/ als die unterste/ weil sie umb einen gradum hinauff gestiegen waren; aber über ihnen befanden sich noch höhere/ welche auch höhere Einbildungen hatten/ weil sie die unterste zu commandiren/ diese nennte man Wammesklopffer/ weil sie den Picquenirern mit ihren Prügeln und Hellenpotzmarter den Rucken so wol/ als den Kopff abzufegen/ und den Mußquetierern Baumöl zu geben pflegten/ ihr Gewehr damit zu schmieren. Uber diesen hatte deß Baumes Stamm einen Absatz oder Unterscheid/ welches ein glattes Stück war/ ohne Aest/ mit wunder barlichen Materialien und seltzamer Saiffen deß Mißgunsts geschmieret/ also daß kein Kerl/ er sey dann vom Adel/ weder durch Mannheit/ Geschickligkeit noch Wissenschafft hinauff steigen konte/ Gott geb wie er auch klettern könte; dann es war glätter polirt/ als ein marmorsteinerne Säul/ oder stählerner Spiegel; über demselben Ort sassen die mit den Fähnlein/ deren waren theils jung/ und theils bey zimlichen Jahren/ die Junge hatten ihre Vettern hinauff gehoben/ die Alte aber waren zum theil von sich selbst hinauff gestiegen/ entweder auff einer silbernen Läiter/ die man Schmiralia nennet/ oder sonst auff einem Steg/ den ihnen das Glück auß Mangel anderer gelegt hatte. Besser oben sassen noch böhere/ die auch ihre Mühe/ Sorg und Anfechtung hatten/ sie genossen aber diesen Vortheil/ daß sie ihre Beutel mit dem jenigen Speck am besten spicken können/ welchen sie mit einem Messer/ das sie Contribution [57] nenneten/ auß der Wurtzel schnitten; am thunlichsten und geschicktesten fiele es ihnen/ wann ein Commissarius daher kam/ und ein Wanne voll Geld über den Baum abschüttete/ solchen zu erquicken/ daß sie das beste von oben herab aufffiengen/ und den untersten so viel als nichts zukommen liessen; dahero pflegten von den untersten mehr Hungers zu sterben/ als ihrer vom Feind umbkamen/ welcher Gefahr miteinander die höchste entübriget zu seyn schienen. Dahero war ein unauffhörliches gegrabel und auffkletterns an diesen Baum/ weil jeder gerne an den obristen glückseeligen Orten sitzen wolte/ doch waren etliche faule liederliche Schlingel/ die das Commiss brot zu fressen nicht werth waren/ welche sich wenig umb ein Oberstell bemüheten/ und ein weg als den andern thun musten/ was ihr Schuldigkeit erfordert; die unterste/ was Ehrgeitzig war/ hoffeten auff der obern Fall/ damit sie an ihren Ort sitzen möchten/ und wann es unter zehentausenden einem geriethe/ daß er so weit gelangte/ so geschahe solches erst in ihrem verdrüßlichen Alter/ da sie besser hindern Ofen taugten Aepffel zu braten/ als im Feld vorm Feind zu ligen/ und wann schon einer wol sinnde/ und seine Sach rechtschaffen verꝛichtete/ so wurde er von andern geneidet/ oder sonst durch einen ohnversehenlichen unglücklichen Dunst beydes der Scharge und deß Lebens beraubt/ nirgends hielte es härter/ als an obgemeldtem glatten Ort/ dann welcher einen guten Feldwaibel oder Schergianten hatte/ verlor ihn ungern/ welches aber geschehen muste/ wenn man ein Fähnrich auß ihm gemacht hätte. Man nam dahero/ an statt der alten Solbaten/ viel lieber[58] Planckschmeisser/ Cammerdiener/ erwachsene Page/ arme Edelleut/ irgends Vettern und sonst Schmarotzer und Hungerleider/ die denen/ so etwas meritirt/ das Brot vorm Maul abschnitten/ und Fähnrich wurdeu.

Das XVII. Capitel.

DJeses verdroß einen Feldwaibel so sehr/ daß er trefflich anfienge zu schmälen/ aber Adelhold sagte: Weistu nicht/ daß man je und allwegen die Kriegs-Aempter mit Adelichen Personen besetzt hat? als welche hierzu am tauglichsten seyn; graue Bärt schlagen den Feind nicht/ man könte sonst ein Heerd Böck zu solchem Geschäfft dingen/ es heist:

Ein junger Stier wird vorgestellt
   Dem Haussen/ als erfahren/
Den er auch hůbsch beysammen hält/
   Trutz dem von vielen Jahren;
Der Hirt darff ihm vertrauen auch/
   Ohn Anseh’n seiner Jugend/
Man judicirt nach bösem Brauch/
   Auß Alterthum die Tugend.

Sag mir/ du alter Krachwadel/ ob nicht Edel-geborne Officier von der Soldatesca besser respectiret werden/ als die jenige/ so zuvor gemeine Knecht gewesen? und was ist vor Kriegs-Disciplin zu halten/ wo kein rechter Respect ist? darff nicht der Feldherꝛ einem Cavallier mehr vertrauen/ als einem Baurenbuden/ der seinem Vatter vom Pflug entloffen/ und seinen eigenen Eltern kein gut thun wollen? Ein rechtschaffener Edelmann/ ehe er seinem Geschlecht durch Ureu/ Feld-Flucht/ oder sonst etwas der- [59] gleichen einen Schandflecken anhenckte/ ehe würde er ehrlich sterben: Zu dem gebührt dem Adel der Voꝛzug in allwege/ wie solches leg. Honor. dig. de honor. zu sehen. Joannes de Platea will außdrücklich/ daß man in Bestallung der Aempter dem Adel den Vorzug lassen/ und die Edelleut den Plebejis schlecht soll vorziehen; ja solches ist in allen Rechten bräuchlich/ und wird in H. Schrifft bestetigt/ dann Beata terra, cujus Rex nobilis est, sagt Syrach cap. 10. welches ein herꝛlich Zeugnus ist deß Vorzugs/ so dem Adel gebührt. Und wann schon einer von euch ein guter Soldat ist/ der Pulver riechen/ und in allen Begebenheiten treffliche Anschläg geben kan/ so ist er darumb nicht gleich tüchtig/ andere zu commandiren; da hingegen diese Tugend dem Adel angeborn/ oder von Jugend auff angewehnet wird. Seneca sagt:

Habet hoc proprium generosus animus, quod concitatur ad honesta, & neminem excelsi Ingenij Virum humilia delectant, & sordida.

Welches auch Faustus Poëta in diesem Dysticho exprimirt hat:

Si te rusticitas vilem genuisset agrestis,
68.    Nobilitas animi non foret ista tui.

Uber das hat der Adel mehr Mittel/ ihren Untergehörigen mit Geld/ und den schwachen Compagnien mit Volck zu helffen/ als ein Bauer: So stünde es auch nach dem gemeinen Sprüchwort nicht fein/ wann man den Bauren über den Edelmann setzte; auch würden die Bauren viel zu hoffärtig/ wenn man sie also strack zu Herꝛen machte/ dann man sagt:

Es ist kein Schwerd das schärffer schiert/
Als wenn ein Baur zum Herꝛen wird.

Hätten die Bauren durch lang-hergebrachte löbliche [60] Gewonheit die Kriegs- und andere Aempter in Possession, wie der Adel/ so würden sie gewißlich so bald keinen Edelmann einkom̃en lassen; zu dem/ ob man euch Soldaten von Fortun (wie ihr genennet werdet) schon offt gerne helffen wolte/ daß ihr zu höhern Ehren erhaben würdet/ so seyt ihr aber alsdann gemeiniglich schon so abgelebt/ wenn man euch probirt hat/ und eines bessern würdig schätzet/ daß man Bedenckens haben muß/ euch zu befördern; dann da ist die Hitz der Jugend verloschen/ und gedencket ihr nur schlechts dahin/ wie ihr euren krancken Leibern/ die durch viel erstandene Widerwertigkeit außgemergelt/ und zu Kriegs-Diensten wenig mehr nutz seyn/ gütlich thun/ und wol pflegen möget/ GOtt geb/ wer fechte und Ehr einlege; hingegen aber ist ein junger Hund zum Jagen viel freudiger/ als ein alter Löw.

Der Feldwaibel antwortet: Welcher Narꝛ wolte dann dienen/ wenn er nicht hoffen darff/ durch sein Wolverhalten befördert/ und also umb seine getreue Dienst belohnt zu werden: Der Teuffel hol solchen Krieg! Auff diese Weis gilts gleich/ ob sich einer wol hält/ oder nicht. Jch hab von unserm alten Obristen vielmals gehört/ daß er keinen Soldaten unter sein Regiment begehre/ der ihm nicht vestiglich einbilde/ durch Wolverhalten ein General zu werden. So muß auch alle Welt bekennen/ daß die jenige Nationen/ so gemeinen/ aber doch rechtschaffenen Soldaten foꝛt helffen/ und ihre Dapfferkeit bedencken/ gemeiniglich victorisiren/ welches man an den Persern und Türcken wol sihet. Es heist/

[61]

Die Lampe leucht dir fein/ doch must du sie auch laben
  Mit fett Oliven-Safft/ die Flamm sonst bald verlischt:
  Getreuer Dienst durch Lohn gemehrt wird/ und erfrischt;
Soldaten Dapfferkeit will Unterhaltung haben.

Adelhold antwortet: Wenn man eines redlichen Manns rechtschaffene Qualitäten sihet/ so wird er freylich nicht übersehen/ massen man heutiges Tags viel findet/ welche vom Pflug/ von der Nadel/ von dem Schuster-Läist/ und vom Schäferstecken zum Schwerd gegriffen/ sich wol gehalten/ und durch solche ihre Dapfferkeit/ weit über den gemeinen Adel/ in Grafen- und Freyherꝛen- Stand geschwungen; Wer war der Käiserliche Johann von Werd? wer der Schwedische Stallhans? wer der Hessische Kleine Jacob und S. Andreas? Jhres gleichen sind noch viel bekant/ die ich Kürtze halber nicht alle nennen mag. Jst also gegenwärtiger Zeit nichts neues/ wird auch bey der Posterität nicht abgehen/ daß geringe/ doch redliche Leut/ durch Krieg zu hohen Ehren gelangen/ welches auch bey den Alten geschehen: Tamerlanes ist ein mächtiger König/ und schröckliche Forcht der gantzen Welt worden/ der doch zuvor nur ein Säuhirt war; Agathocles König in Sicilien/ ist eines Hafners Sohn gewesen; Thelephas ein Wagner/ wurde König in Lydien; deß Käisers Valentiniani Vatter war ein Säiler; Mauritius Cappadox, ein leib eigener Knecht/ ward nach Tiberio Käiser; Joannes Zemisces kam auß der Schulen zum [62] Käiserthumb. So bezeuget Flavius Vobiscus, daß Bonosus Imperator eines armen Schul-Meisters Sohn gewest seye; Hyperbolus, Chermidis Sohn/ war erstlich ein Laternen-macher/ und nachgehends Fürst zu Athen; Justinus, so vor Justiniano regierte/ war vor seinem Käiserthumb ein Säuhirt; Hugo Capetus eines Metzgers Sohn/ hernach König in Franckreich; Pizarrus gleichfalls ein Schweinhirt/ und hernach Marggraf in den West-Jndianischen Ländern/ welcher das Gold mit Centern außzuwägen hatte.

Der Feldwaibel antwort: Diß alles lautet zwar wol auff meinen Schrot/ indessen sehe ich aber wol/ daß uns die Thüren/ zu ein und anderer Würde zu gelangen/ durch den Adel verschlossen gehalten werden. Man setzt den Adel/ wann er nur auß der Schalen gekrochen/ gleich an solche Ort/ da wir uns nimmermehr keine Gedancken hin machen dörffen/ wenn wir gleich mehr gethan haben/ als mancher Nobilist, den man jetzt für einen Obristen vorstellet. Und gleich wie unter den Bauren manch edel Ingenium verdirbt/ weil es auß Mangel der Mittel nicht zu den Studiis angehalten wird: Also veraltet mancher wackerer Soldat unter seiner Mußquet/ der billicher ein Regiment meritirte/ und dem Feldherꝛn grosse Dienste zu leisten wüste.

Das XVIII. Capitel.

JCh mochte dem alten Esel nicht mehr zuhören/ sondern gönnete ihm/ was er klagte/ weil er offt die arme Soldaten prügelte wie die Hund: Jch wendet mich wieder gegen den Bäumen/ deren das gantze [63] Land voll stunde/ und sahe/ wie sie sich bewegten/ und zusammen stiessen/ da prasselten die Kerl Hauffenweis herunder/ Knall und Fall war eins; augenblicklich frisch und todt/ in einem Huy verlor einer ein Arm/ der ander ein Bein/ der dritte den Kopff gar. Als ich so zusahe/ bedauchte mich/ alle die jenige Bäum/ die ich sahe/ wären nur ein Baum/ auff dessen Gipffel sasse der Kriegs-Gott Mars, und bedeckte mit deß Baums Aesten gantz Europam; Wie ich davor hielte/ so hätte dieser Baum die gantze Welt überschatten können/ weil er aber durch Neid und Haß/ durch Argwohn und Mißgunst/ durch Hoffart/ Hochmuth und Geitz/ und andere dergleichen schöne Tugenden/ gleich wie von scharffen Nord-Winden angewehet würde/ schiene er gar dünn und durchsichtig/ dahero einer folgende Reimen an den Stam̃ geschrieben hat:

Die Stein-Eych durch den Wind getrieben und verletzet/
Jhr eigen Aest abbricht/ sich ins Verderben setzet:
  Durch innerliche Krieg/ und brüderlichen Streit/
  Wird alles umbgekehrt/ und folget lauter Leid.

Von dem gewaltigen Gerassel dieser schädlichen Wind/ und Zerstüm̃lung deß Baums selbsten/ ward ich auß dem Schlaff erweckt/ und sahe mich nur allein in meiner Hütten. Dahero fieng ich wieder an zu gedencken/ was ich doch immermehr anfangen solte? im Wald zu bleiben war mir unmüglich/ weil mir alles so gar hinweg genommen worden/ daß ich [64] mich nicht mehr auffhalten konte/ nichts war mehr übrig/ als noch etliche Bücher/ welche hin und her zerstreut/ und durcheinander geworffen lagen: Als ich solche mit weynenden Augen wieder aufflase/ und zugleich Gott inniglich anruffte/ er wolte mich doch leiten und führen/ wohin ich solte/ da fand ich ohngefähr ein Brieflein/ das mein Einsidel bey seinem Leben noch geschrieben hatte/ das lautet also: Lieber Simplici, wann du diß Briefflein findest/ so gehe alsbald auß dem Wald/ und erꝛette dich und den Pfarꝛer auß gegenwärtigen Nöthen/ denn er hat mir viel guts gethan: Gott/ den du allweg vor Augen haben/ und fleissig beten sollest/ wird dich an ein Ort bringen/ das dir am bequemsten ist. Allein habe denselbigen stets vor Augen/ und befleissige dich/ ihm jederzeit dergestalt zu dienen/ als wann du noch in meiner Gegenwart im Wald wärest/ bedencke und thue ohne Unterlaß meine letzte Reden/ so wirstu bestehen mögen: Vale.

Jch küßte diß Briefflein und deß Einsidlers Grab zu viel 1000. malen/ und machte mich auff den Weg/ Menschen zu suchen/ biß ich deren finden möchte/ gieng also zween Tag einen geraden Weg fort/ und wie mich die Nacht begriff/ suchte ich ein holen Baum zu meiner Herberg/ mein Zehrung war nichts anders als Buchen/ die ich unterwegs aufflase/ den dritten Tag aber kame ich ohnweit Gelnhausen auff ein zimlich eben Feld/ da genosse ich gleichsam eines Hochzeitlichen Mahls/ dann es lag überall voller Garben auff dem Feld/ welche die Bauren/ weil sie nach der nahmhafften Schlacht vor Nördlingen verjagt worden/ zu meinem Glück nicht einführen kön- [65] nen/ in deren einer macht ich mein Nachtläger/ weil es grausam kalt war/ und sättigte mich mit außgeriebenen Waitzen/ dergleichen ich lang nicht genossen.

Das XIX. Capitel.

DA es taget/ füttert ich mich wieder mit Waitzen/ begab mich zum nächsten auff Gelnhausen/ und fande daselbst die Thor offen/ welche zum theil verbrennet/ und jedoch noch halber mit Mist verschantzt waren: Jch gieng hinein/ konte aber keines lebendigen Menschen gewahr werden/ hingegen lagen die Gassen hin und her mit Todten überstreut/ deren etliche gantz/ etliche aber biß auffs Hemd außgezogen waren. Dieser jämmerliche Anblick war mir ein erschröcklich Spectacul, massen ihm jederman selbsten wol einbilden kan/ meine Einfalt konte nicht ersinnen/ was vor ein Unglück das Ort in einen solchen Stand gesetzt haben müste. Jch erfuhre aber ohnlängst hernach/ daß die Käiserliche Völcker etliche Weymarische daselbst überꝛumpelt. Kaum zween Steinwürff weit kam ich in die Statt/ als ich mich derselben schon satt gesehen hatte/ derowegen kehrete ich wieder umb/ gieng durch die An neben hin/ und kam auff ein gänge Landstraß/ die mich vor die herꝛliche Vestung Hanau trug: So bald ich deren erste Wacht ersahe/ wolte ich durchgehen/ aber mir kamen gleich zween Mußquetier auff den Leib/ die mich anpackten/ und in ihre Corps de Guarde führten.

Jch muß dem Leser nur auch zuvor meinen damaligen visirlichen Auffzug erzehlen/ ehe daß ich ihm sage/ wie mirs weiter gieng/ dann meine Kleidung [66] und Geberden waren durchauß seltzam/ verwunderlich und widerwertig/ so/ daß mich auch der Gouverneur abmahlen lassen: Erstlich waren meine Haar in dritthalb Jahren weder auff Griechisch/ Teutsch noch Frantzöstsch abgeschnitten/ gekampelt noch gekräuselt oder gebüfft worden/ sondern sie stunden in ihrer natürlichen Verwirꝛung noch/ mit mehr als jährigem Staub/ an statt deß Haar-Plunders/ Puders oder Pulvers (wie man das Narꝛen- oder Närrin-werck nennet) durchstreuet/ so zierlich auff meinem Kopff/ daß ich darunter herfür sahe mit meinem bleichen Angesicht/ wie ein Schleyer-Eul die knappen will/ oder sonst auff eine Mauß spannet. Und weil ich allzeit paarhäuptig zu gehen pflegte/ meine Haar aber von Natur krauß waren/ hatte es das Ansehen/ als wenn ich ein Türckischen Bund auffgehabt hätte; Der übrige Habit stimmte mit der Hauptzierd überein/ dann ich hatte meines Einsidlers Rock an/ wann ich denselben anders noch einen Rock nennen darff/ dieweil das erste Gewand/ darauß er geschnitten worden/ gäntzlich verschwunden/ und nichts mehr darvon übrig gewesen/ als die blosse Form/ welche mehr als tausend Stücklein allerhand-färbiges zusammen gesetztes/ oder durch vielfältiges flicken aneinander genähetes Tuch/ noch vor Augen stellte. Uber diesem abgangenem/ und doch zu vielmalen verbessertem Rock/ trug ich das härin Hemd/ an statt eines Schulder-Kleids/ (weil ich die Ermel an statt eines paar Strümpffs brauchte/ und dieselbe zu solchem Ende herab getrennet hatte) der gantze Leib aber war mit eisernen Ketten/ hinden und vornen fein Creutzweis/ wie man Sanctum Wilhelmum zu mahlen[67] pflegt/ umbgürtet/ so daß es fast eine Gattung abgab/ wie mit denen/ so vom Türcken gefangen/ und vor ihre Freunde zu bettlen/ im Land umbziehen; meine Schuh waren auß Holtz geschnitten/ und die Schuhbändel auß Rinden von Lindeubäumen geweben/ die Füß selbst aber sahen so Krebs-roth auß/ als wann ich ein paar Strümpff von Spanisch Leibfarb angehabt/ oder sonst die Haut mit Fernambuc gefärbt hätte: Jch glaube/ wenn mich damals ein Gauckler/ Marcktschreyer oder Landfahrer gehabt/ und vor einen Samojeden oder Grünländer dargeben/ daß er manchen Narꝛen angetroffen/ der ein Creutzer an mir versehen hätte. Ob nun zwar ein jeder Verständiger auß meinem magern und außgehungerten Anblick/ und hinlässiger Auffziehung ohnschwer schliessen können/ daß ich auß keiner Garküchen/ oder auß dem Frauenzimmer/ weniger von irgend eines grossen Herꝛn Hofhaltung entloffen/ so wurde ich jedoch unter der Wacht streng examinirt/ und gleich wie sich die Soldaten an mir vergafften/ also betrachtet ich hingegen ihres Officiers dollen Auffzug/ dem ich Red und Antwort geben muste; Jch wuste nicht/ ob er Sie oder Er wäre/ dann er trug Haar und Bart auff Frantzöstsch/ zu beyden Seiten hatte er lange Zöpff herunder hangen wie Pferds-Schwäntz/ und sein Bart war so elend zugerichtet/ und verstümpelt/ daß zwischen Maul und Nasen nur noch etlich wenig Haar so kurtz darvon kommen/ daß man sie kaum sehen konte: Nicht weniger setzten mich seine weite Hosen/ seines Geschlechts halber in nicht geringen Zweiffel/ als welche mir vielmehr einen WeiberRock/ als ein paar Manns-Hosen vorstelleten. Jch[68] gedachte bey mir selbst/ ist diß ein Mann? so solte er auch einen rechtschaffenen Bart haben/ weil der Geck nicht mehr so jung ist/ wie er sich stellet: Jsts aber ein Weib/ warumb hat die alte Hur dann so viel Stupffeln umbs Maul? Gewißlich ists ein Weib/ gedacht ich/ dann ein ehrlicher Mann wird seinen Bart wol nimmermehr so jämmerlich verketzern lassen; massen die Böcke auß grosser Schamhafftigkeit keinen Tritt unter frembde Heerden gehen/ wenn man ihnen die Bärt stutzet. Und demnach ich also im Zweiffel stunde/ und nicht wuste/ was die jetzige Mode war/ hielte ich ihn endlich vor Mann und Weib zugleich.

Dieses männische Weib/ oder dieser weibische Mann/ wie er mir vorkam/ liesse mich überall besuchen/ fande aber nichts bey mir/ als ein Büchlein von Bircken-Rinden/ darinn ich meine tägliche Gebet geschrieben/ und auch das jenige Zettelein ligen hatte/ das mir mein frommer Einsidel/ wie in vorigem Capitel gemeldet worden/ zum Valete hinderlassen/ solches nam er mir; weil ichs aber ohngern verlieren wolte/ fiel ich vor ihm nider/ faßte ihn umb beyde Knie/ und sagte: Ach mein lieber Hermaphrodit, last mir doch mein Gebetbüchlein! Du Narꝛ/ antwortet er/ wer Teuffel hat dir gesagt/ daß ich Herman heisse? Befahl darauff zweyen Soldaten/ mich zum Gubernator zu führen/ welchen er besagtes Buch mit gab/ weil der Phantast ohne das/ wie ich gleich merckte/ selbst weder lesen noch schreiben konte.

Also führete man mich in die Statt/ und jederman lieff zu/ als wenn ein Meer-Wunder auff die Schau geführt wurde; und gleich wie mich jedweder sehen [69] wolte/ also machte auch jeder etwas besonders auß mir/ etliche hielten mich vor einen Spionen/ andere vor ein Unsinnigen/ andere vor ein wilden Menschen/ und aber andere vor ein Geist/ Gespenst/ oder sonst vor ein Wunder/ welches etwas besonders bedeuten würde: Auch waren etliche/ die hielten mich vor ein Narꝛen/ welche wol am nächsten zum Zweck geschossen haben möchten/ wann ich den lieben GOtt nicht gekennet hätte.

Das XX. Capitel.

ALs ich vor den Gubernator gebracht wurde/ fragte er mich/ wo ich herkäme? Jch aber antwortet/ ich wüste es nicht: Er fragt weiter/ wo wilstu dann hin? Jch antwortet abermal/ ich weiß nicht: was Teuffel weistu dann/ fragte er ferner/ was ist dann dein Handtierung? Jch antwortet noch wie vor/ ich wüste es nicht: Er fragte/ wo bistu zu Hauß? und als ich wiederumb antwortet/ ich wüste es nicht/ verändert er sich im Gesicht/ nicht weiß ich/ obs auß Zorn oder Verwunderung geschahe? Dieweil aber jederman das Böse zu argwohnen pflegt/ zumalen der Feind in der Nähe war/ als welcher allererst/ wie gemeldt/ die vorige Nacht Gelnhausen eingenom̃en/ und ein Regiment Dragoner darinn zu schanden gemacht hatte/ fiele er denen bey/ die mich vor einen Verꝛäther oder Kundschaffter hielten/ befahl darauff/ man solte mich besuchen; Als er aber von den Soldaten von der Wacht/ so mich zu ihm geführet hatten/ vername/ daß solches schon beschehen/ und anders nichts bey mir gefunden worden wäre/ als gegenwärtiges Büchlein/ welches sie ihm zugleich [70] überꝛeichten/ lase er ein paar Zeilen darnach/ und fragte mich/ wer mir das Büchlein geben hätte? ich antwortet/ es wäre von Anfang mein eigen gewest/ dann ich hätte es selbst gemacht und überschrieben: Er fragte/ warumb eben auff birckene Rinden? Jch antwortet/ weil sich die Rinden von andern Bäumen nicht darzu schicken: Du Flegel/ sagte er/ ich frage/ warumb du nicht auff Papier geschrieben hast? Ey/ antwortet ich/ wir haben keins mehr im Wald gehabt: Der Gubernator fragte/ Wo? in welchem Wald? Jch antwortet wieder auff meinen alten Schrot/ ich wüste es nicht.

Da wandte sich der Gubernator zu etlichen von seinen Officiern/ die ihm eben auffwarteten/ und sagte: Entweder ist dieser ein Ertz-Schelm/ oder gar ein Narꝛ! zwar kan er kein Narꝛ seyn/ weil er so schreibt; und in dem als er so redet/ blättert er in meinem Büchlein so starck herumb/ ihnen mein schöne Handschrifft zu weisen/ daß deß Einsidlers Brieflein herauß fallen muste/ solches liesse er auffheben/ ich aber entfärbte mich darüber/ weil ich solches vor meinen höchsten Schatz und Heiligthumb hielte; welches der Gubernator wol in acht nam/ und daher noch ein grössern Argwohn der Verꝛätherey schöpffte/ vornemlich als er das Briefflein auffgemacht und gelesen hatte/ dann er sagte: Jch kenne einmal diese Hand/ und weiß/ daß sie von einem mir wolbekandten Kriegs-Officier geschrieben worden ist/ ich kan mich aber nicht erinnern/ von welchem? so kam ihm auch der Jnhalt selbst gar seltzam und ohnverständlich vor/ dann er sagte: Diß ist ohne Zweiffel eine abgeredte Sprach/ die sonst niemand verstehet/ [71] als der jenig/ mit dem sie abgeredt worden. Mich aber fragte er/ wie ich hiesse? und als ich antwortet Simplicius, sagte er: Ja ja/ du bist eben deß rechten Krauts! fort/ fort/ daß man ihn alsobald an Hand und Fuß in Eisen schliesse: Also wanderten beyde obgemeldte Soldaten mit mir nach meiner bestim̃ten neuen Herberg/ nemlich dem Stock-Hauß zu/ und überantworteten mich dem Gewaltiger/ welcher mich seinem Befelch gemeß/ mit eisernen Banden und Ketten an Händen und Füssen/ noch ein mehrers zierte/ gleichsam als hätte ich nicht genug an deren zu tragen gehabt/ die ich bereits umb den Leib herumb gebunden hatte.

Dieser Anfang mich zu bewillkommen/ war der Welt noch nicht genug/ sondern es kamen Hencker und Steckenknecht/ mit grausamen Folterungs-Instrumenten/ welche mir/ ohnangesehen ich mich meiner Unschuld zu getrösten hatte/ meinen elenden Zustand allererst grausam machten: Ach GOtt! sagte ich zu mir selber/ wie geschicht mir so recht/ Simplicius ist darumb auß dem Dienst GOttes in die Welt geloffen/ damit ein solche Mißgeburt deß Christenthumbs den billichen Lohn empfahe/ den ich mit meiner Leichtfertigkeit verdienet habe: O du unglückseliger Simplici! wohin bringt dich deine Undanckbarkeit? Sihe/ Gott hatte dich kaum zu seiner Erkantnus und in seine Dienst gebracht/ so lauffst du hingegen auß seinen Diensten/ und kehrest ihm den Rucken! Hättestu nicht mehr Eicheln und Bohnen essen können wie zuvor/ deinem Schöpffer ohnverhindert zu dienen? Hastu nicht gewust/ daß dein getreuer Einsidel und Lehrmeister die Welt geflohen/ und ihme [72] die Wildnus außerwehlt? O blindes Ploch/ du hast dieselbe verlassen/ in Hoffnung/ deinen schändlichen Begierden (die Welt zu sehen) genug zu thun. Aber nun schaue/ in dem du vermeynest/ deine Augen zu wäiden/ mustu in diesem gefährlichen Jrꝛgarten untergeben und verderben; Hastu unweiser Tropff dir nicht zuvor können einbilden/ daß dein seeliger Vorgänger der Welt Freude umb sein hartes Leben/ das er in der Einöde geführt/ nicht verdauscht haben würde/ wenn er in der Welt den wahren Frieden/ eine rechte Ruhe/ und die ewige Seeligkeit zu erlangen getraut hätte? Du armer Simplici, jetzt fahr hin/ und empfahe den Lohn deiner gehabten eitelen Gedancken und vermessenen Thorheit; Du hast dich keines Unrechts zu beklagen/ auch keiner Unschuld zu getrösten/ weil du selber deiner Marter und darauff folgendem Todt entgegen bist geeylet. Also klagte ich mich selber an/ bat GOtt umb Vergebung/ und befahl ihm meine Seel: Jndessen näherten wir dem Diebs-Thurn/ und als die Noth am grösten/ da war die Hülff Gottes am nächsten; dann als ich mit den Schergen umdgeben war/ und sampt einer grossen Menge Volcks vorm Gefängnus stund/ zu warten biß es auffgemacht/ und ich hinein gethan würde/ wolte mein Pfarꝛherꝛ/ dem neulich sein Dorff geplündert und verbrennt worden/ auch sehen/ was da vorhanden wäre: (dann er lag zunächst darbey auch im Arrest) Als dieser zum Fenster außsahe/ und mich erblickte/ ruffte er überlaut: ô Simplici bistus? Als ich ihn hörte und sahe/ konte ich nichts anders/ als daß ich beyde Händ gegen ihm auffhube/ und schrye: ô Vatter! ô Vatter! ô Vatter! Er aber fragte/[73] was ich gethan hätte? Jch antwortet/ ich wüste es nicht/ man hätte gewißlich mich darumb daher geführt/ weil ich auß dem Wald entloffen wäre: Als er aber vom Umbstand vernam/ daß man mich vor einen Verꝛäther hielte/ bat er/ man wolte mit mir inhalten/ biß er meine Beschaffenheit den Herꝛn Gouverneur berichtet hätte/ dann solches würde beydes zu meiner und seiner Erledigung taugen/ und verhüten/ daß sich der Herꝛ Gouverneur an uns beyden nicht vergreiffen würde/ sintemal er mich besser kenne/ als sonst kein Mensch.

Das XXI. Capitel.

JHm wurde erlaubt/ zum Gubernator zu gehen/ und über ein halbe Stund hernach wurd ich auch geholt/ und in die Gesind-Stube gesetzt/ allwo sich schon zween Schneider/ ein Schuster mit Schuhen/ ein Kauffmann mit Hüten und Strümpffen/ und ein anderer mit allerhand Gewand eingestellt/ damit ich ehist gekleidet würde; da zog man mir den Rock ab/ sampt der Ketten und dem härinen Hemd/ auff daß die Schneider das Maaß recht nehmen könten; folgends erschiene ein Feldscherer/ mit scharffer Laugen und wolriechender Säiffen/ und eben als dieser seine Kunst an mir üben wolte/ kam ein anderer Befelch/ welcher mich greulich erschreckte/ weil er lautet/ ich solte meinen Habit wieder anziehen; solches war nicht so böß gemeynt/ wie ich wol besorgte/ dann es kam gleich ein Mahler mit seinem Werckzeug daber/ nemlich mit Minien und Zinober zu meinen Augliedern/ mit Lack/ Endig und Lasur zu meinen Corallen-rothen Lippen/ mit Auripigmentum/ [74] Rausch-schütt und Bleygelb zu meinen weissen Zähnen/ oie ich vor Hunger bleckte/ mit Kühnruß/ Kohlschwartz und Umbra zu meinen gelben Haaren/ mit Bleyweiß zu meinen greßlichen Augen/ und mit sonst vielerley Farben zu meinem Wetterfarbigen Rock/ auch hatte er eine gantze Hand voll Bensel. Dieser fieng an mich zu beschauen/ abzureissen/ zu untermahlen/ den Kopff über eine Seite zu hencken/ umb seine Arbeit gegen meiner Gestalt genau zu betrachten; bald ändert er die Augen/ bald die Haar/ geschwind die Naslöcher/ und in Sum̃a alles/ was er im Anfang nicht recht gemacht/ biß er endlich ein natürliches Muster entworffen hatte/ wie Simplicius eins war: Alsdann dorffte allererst der Feldscherer auch über mich herwischen/ derselbe zwagte mir den Kopff/ und richtet wol anderthalbe Stund an meinen Haaren/ folgends schnitte er sie ab auff die damalige Mode, dann ich hatte Haar übrig. Nachgehends setzt er mich in ein Badstüblein/ und säubert meinen mageren außgehungerten Leib von mehr als drey- oder vierjährigem Unlust: Kaum war er fertig/ da bracht man mir ein weisses Hemd/ Schuhe und Strümpff/ sampt einem Uberschlag oder Kragen/ auch Hut und Feder/ so waren die Hosen auch schön außgemacht/ und überall mit Galaunen verpremt/ allein manglets noch am Wambs/ daran die Schneider zwar auff die Eyl arbeiteten; der Koch stellet sich mit einem kräfftigen Süpplein ein/ und die Kellerin mit einem Tranck: Da sasse mein Herꝛ Simplicius wie ein junger Graf/ zum besten accommodirt; Jch zehrte dapffer zu/ ohnangesehen ich nicht wuste/ was man mit mir machen wolte/ dann ich wuste noch von[75] keinem Hencker-Mahl nichts/ dahero thät mir die Erkostung dieses herꝛlichen Anfangs so trefflich kirꝛ und sanfft/ daß ichs keinem Menschen genugsam sagen/ rühmen und außsprechen kan; Ja ich glaube schwerlich/ daß ich mein Lebtag einiges mal einen grössern Wollust empfunden/ als eben damals. Als nun das Wambs fertig war/ zog ichs auch an/ und stellte in diesem neuen Kleid ein solch ungeschickte Postur vor Augen/ daß es sahe wie ein Trophæum, oder als wenn man ein Zaunstecken geziert hätte/ weil mir die Schneider die Kleider mit Fleiß zu weit machen musten/ umb der Hoffnung willen die man hatte/ ich würde in kurtzer Zeit zulegen/ welches auch bey so gutem Futter augenscheinlich geschahe. Mein WaldKleid/ sampt der Ketten und aller Zugehör/ wurde hingegen in die Kunst-Kammer zu andern raren Sachen und Antiquitäten gethan/ und mein Bildnus in Lebensgröß darneben gestellt.

Nach dem Nacht-Essen wurde mein Herꝛ in ein Bett gelegt/ dergleichen mir niemals weder bey meinem Knan noch Einsidel zu theil worden; aber mein Bauch kurꝛet und murꝛet die gantze Nacht hindurch/ daß ich nicht schlaffen konte/ vielleicht keiner andern Ursach halber/ als weil er entweder noch nicht wuste was gut war/ oder weil er sich über die anmütige neue Speisen/ die ihm zu theil worden/ verwunderte/ ich blieb aber ein weg als den andern ligen/ biß die liebe Sonn wieder leuchtet (deñ es war kalt) und betrachtet/ was vor seltzame Anständ ich nun etliche Tag gehabt/ und wie mir der liebe GOtt so treulich durch geholffen/ und mich an ein so gutes Ort geführet hätte.

[76]

Das XXII. Capitel.

DEnselben Morgen befahl mir deß Gouverneurs Hofmeister/ ich solte zu obgemeldtem Pfarꝛern geben/ und vernehmen/ was sein Herꝛ meinetwegen mit ihm geredt hätte: Er gab mir einen Leibschützen mit/ der mich zu ihm brachte/ der Pfarꝛer aber führet mich in sein Museum, setzt sich/ hieß mich auch sitzen/ und sagte: Lieber Simplici, der Einsidel/ bey dem du dich im Wald auffgehalten/ ist nicht allein deß hiesigen Couverneurs Schwager/ sondern auch im Krieg sein Beförderer und werthester Freund gewesen; wie dem Gubernator mir zu erzehlen beliebt/ so ist demselben von Jugend auff weder an Dapfferkeit eines heroischen Soldaten/ noch an Gottseeligkeit und Andacht/ die sonst einem Religioso zuständig/ niemal nichts abgangen/ welche beyde Tugenden man zwar selten beyeinander zu finden pflegt; Sein geistlicher Sinn und widerwertige Begegnüssen/ hem̃eten endlich den Lauff seiner weltlichen Glückseeligkeit/ so/ daß er seinen Adel und ansehenliche Güter in Schotten/ da er gebürtig/ verschmähet und hindan setzet/ weil ihm alle Welthändel abgeschmack/ eitel und verwerfflich vorkamen: Er verhoffte/ mit einem Wort/ seine gegenwärtige Hoheit/ umb ein künfftige bessere Glory zu verwechseln/ weil sein hoher Geist einen Eckel an allem zeitlichen Pracht hatte/ und sein Dichten und Trachten war nur nach einem solchen erbärmlichen Leben gerichtet/ darinn du ihn im Wald angetroffen/ und biß in seinen Todt Gesellschafft geleistet hast: Meines Erachtens ist er durch Lesung vieler Papistischen Bücher/ von dem Leben [77] der Alten Eremiten/ hierzu verleitet worden.

Jch will dir aber auch ohnverhalten/ wie er in den Spessert und seinem Wunsch nach/ zu solchem armseeligen Einsidler-Leben kommen seye/ damit du ins künfftig auch andern Leuten etwas darvon zu erzehlen weist: Die zweyte Nacht hernach/ als die blutige Schlacht vor Höchst verloren worden/ kam er einig und allein vor meinen Pfarꝛhof/ als ich eben mit meinem Weib und Kindern gegen dem Morgen entschlaffen war/ weil wir wegen deß Lermens im Land/ den beydes die Flüchtige und Nachjagende in dergleichen Fällen zu erꝛegen pflegen/ die vorige gantze/ und auch selbige halbe Nacht durch und durch gewacht hatten: Er klopffte erstlich sittig an/ und folgends ungestümm genug/ biß er mich und mein Schlafftruncken Gesind erweckte/ und nachdem ich auff sein Anhalten und wenig Wortwechseln/ welches beyderseits gar bescheiden fiele/ die Thür geöffnet/ sahe ich den Cavallier von seinem mutigen Pferd steigen/ sein kosibarlich Kleid war eben so sehr mit seiner Feinde Blut besprengt/ als mit Gold und Silber verpremt; und weil er seinen blossen Degen noch in der Faust hielte/ so kam mich Forcht und Schrecken an/ nachdem er ihn aber einsteckte/ und nichts als lauter Höflichkeit vorbrachte/ hatte ich Ursach/ mich zu verwundern/ daß ein so braver Herꝛ einen schlechten Dorff-Pfarꝛer so freundlich umb Herberg anredet: Jch sprach ihn wegen seiner schönen Person/ und seines berꝛlichen Ansehens halber/ vor den Mansfelder selbst an/ Er aber sagte/ er sey demselben vor dißmal nur in der Unglückseeligkeit nicht allein zu vergleichen/ sondern auch vorzuziehen; drey Ding [78] beklagte er/ nemlich sein verlorne hoch-schwangere Gemahlin/ die verlorne Schlacht/ und daß er nicht gleich andern redlichen Soldaten/ in derselben vor das Evangelium sein Leben zu lassen/ das Glück gehabt hätte. Jch wolte ihn trösten/ sahe aber bald/ daß seine Großmüthigkeit keines Trostes bedorffte/ demnach theilte ich mit/ was das Hauß vermochte/ und ließ ihm ein Soldaten-Bett von frischem Stroh machen/ weil er in kein anders ligen wolte/ wiewol er der Ruhe sehr bedürfftig war. Das erste/ das er den folgenden Morgen thät/ war/ daß er mir sein Pferd schenckte/ und sein Gelt (so er an Gold in keiner kleinen Zahl bey sich hatte) sampt etlich köstlichen Ringen/ unter meine Frau/ Kinder und Gesind außtheilete. Jch wuste nicht wie ich mit ihm dran war/ weil die Soldaten viel eher zu nemmen als zu geben pflegen; trug derowegen Bedenckens/ so grosse Verehrungen anzunemmen/ und wandte vor/ daß ich solches umb ihn nicht meritirt/ noch hinwiederumb zu verdienen wisse/ zu dem sagte ich/ wenn man solchen Reichthum/ und sonderlich das köstliche Pferd/ welches sich nicht verbergen liesse/ bey mir und den Meinigen sehe/ so würde männiglich schliessen/ ich hätte ihn berauben/ oder gar ermorden helffen. Er aber sagte/ ich solte dißfalls ohne Sorg leben/ er wolte mich vor solcher Gefahr mit seiner eigenen Handschrifft versichern/ ja er begehre so gar sein Hemd/ geschweige seine Kleider auß meinem Pfarꝛhof nicht zu tragen/ und mit dem öffnet er mir seinen Vorsatz/ ein Einsidel zu werden: Jch wehrete mit Händen und Füssen was ich konte/ weil mich bedünckte/ daß solch Vorhaben zumal nach dem Pabstum schmeckte/ mit[79] Erinnerung/ daß er dem Evangelio mehr mit seinem Degen würde dienen können; Aber vergeblich/ denn er machte so lang und viel mit mir/ biß ich alles eingieng/ und ihn mit den jenigen Büchern/ Bildern und Haußrath mondirte/ die du bey ihm gefunden/ wiewol er nur der wüllinen Decke/ darunter er dieselbige Nacht auff dem Stroh geschlaffen/ vor all das jenige begehrte/ das er mir verehrt hatte/ darauß ließ er ihm einen Rock machen; So muste ich auch meine Wagenketten/ die er stetig getragen/ mit ihm umb eine güldene/ daran er seiner Liebsten Conterfait trug/ vertauschen/ also daß er weder Gelt noch Gelts werth behielte/ mein Knecht führte ihn an das einödiste Ort deß Walds/ und halff ihm daselbst seine Hütten auffrichten. Was gestalt er nun sein Leben daselbst zugebracht/ und wormit ich ihm zu Zeiten an die Hand gangen und außgeholffen/ weist du so wol/ ja zum theil besser als ich.

Nachdem nun neulich die Schlacht vor Nördlingen verloren/ und ich/ wie du weist/ rein außgeplündert/ und zugleich übel beschädiget worden/ hab ich mich hieher in Sicherheit geflehnet/ weil ich ohn das schon meine beste Sachen hier hatte: Und als mir die paare Geltmittel auffgehen wolten/ nam ich drey Ring/ und obgemeldte güldene Ketten/ mit sampt dem anhangenden Conterfait/ so ich von deinem Einsidel hatte/ massen sein Pettschier-Ring auch darunter war/ und trugs zu einem Juden/ solches zu versilbern/ der hat es aber der Köstlichkeit und schönen Arbeit wegen dem Gubeinator käufflich angetragen/ welcher das Wappen und Conterfait stracks gekennet/ nach mir geschickt/ und gefragt/ [80] woher ich solche Cleinodien bekommen? Jch sagte ihm die Warheit/ wiese deß Einsidlers Handschrifft oder Ubergabs-Brieff auff/ und erzehlet allen Verlauff/ auch wie er im Wald gelebt und gestorben: Er wolte solches aber nicht glauben/ sondern kündet mir den Arrest an/ biß er die Warheit besser erführe/ und in dem er im Werck begriffen war/ eine Partey außzuschicken/ den Augenschein seiner Wohnung einzunehmen/ und dich hieher holen zu lassen/ so sehe ich dich in Thurn führen. Weil dann der Gubernator nunmehr an meinem Vorgeben nicht zu zweifflen Ursach hat/ in dem ich mich auff den Ort/ da der Einsidel gewohnet/ item auff dich und andere lebendige Zeugen mehr/ insonderheit aber auff meinen Meßner beruffen/ der dich und ihn offt vor Tags in die Kirch gelassen/ zumalen auch das Briefflein/ so er in deinem Gebet-Büchlein gefunden/ nicht allein der Warheit/ sondern auch deß seeligen Einsidlers Heiligkeit/ ein treffliches Zeugnus gibt; Als will er dir und mir wegen seines Schwagers sel. gutes thun/ du darffst dich jetzt nur resolvirn/ was du wilt/ daß er dir thun soll? wiltu studirn/ so will er die Unkosten darzu geben; hast du Lust ein Handwerck zu lernen/ so will er dich eins lernen lassen; wiltu aber bey ihm verbleiben/ so will er dich wie sein eigen Kind halten/ denn er sagte/ wenn auch ein Hund von seinem Schwager sel. zu ihm käme/ so wolle er ihn auffnehmen: Jch antwortet/ es gelte mir gleich/ was der Herꝛ Gubernator mit mir machte.

Das XXIII. Capitel.

DEr Pfarꝛer zögerte mich auff in seinem Losa- [81] ment biß 10. Uhr/ ehe er mit mir zum Gouverneur gieng/ ihm meinen Entschluß zu sagen/ damit er bey demselben/ weil er ein freye Tafel hielte/ zu Mittags ein Gast seyn könne; dann es war damals Hanau blocquirt/ und ein solche klemme Zeit bey dem gemeinen Mann/ bevorab den geflehnten Leuten in selbiger Vestung/ daß auch etliche/ die sich etwas einbildeten/ die angefrorne Rübschälen auff der Gassen/ so die Reiche etwan hinwarffen/ auffzuheben nit verschmäheten: Es glückte ihm auch so wol/ daß er neben den Gouverneur selbst über der Tafel zu sitzen kam/ ich aber wartete auff mit einem Deller in der Hand/ wie mich der Hofmeister anwiese; in welches ich mich zu schicken wuste/ wie ein Esel ins Schach-Spiel: Aber der Pfarꝛer ersetzte allein mit seiner Zung/ was die Ungeschicklichkeit meines Leibs nicht vermochte/ Er sagte/ daß ich in der Wildnus erzogen/ niemals bey Leuten gewesen/ und dahero wol vor entschuldigt zu halten/ weil ich noch nicht wissen könte/ wie ich mich halten solte; meine Treu/ die ich dem Einsidel erwiesen/ und das harte Leben/ so ich bey demselben überstanden/ wären verwunderns würdig/ und allein werth/ nicht allein meine Ungeschicklichkeit zu gedulden/ sondern auch mich dem feinsten Edelknaben vorzuziehen. Weiters erzehlte er/ daß der Einsidel alle seine Freud an mir gehabt/ weil ich/ wie er öffters gesagt/ seiner Liebsten von Angesicht so ähnlich seye/ und daß er sich offt über meine Beständigkeit und ohnveränderlichen Willen/ bey ihm zu bleiben/ und sonst noch über viel Tugenden/ die er an mir gerühmt/ verwundert hätte. Jn Summa/ er konte nicht genugsam außsprechen/ wie mit ernstlicher Jnbrünstigkeit [82]er kurtz vor seinem Todt mich ihme Pfarꝛern recommendirt/ und bekennet hätte/ daß er mich so sehr als sein eigen Kind liebe.

Dieses kützelt mich dermassen in Ohren/ daß mich bedünckte/ ich hätte schon Ergötzlichkeit genug vor alles das jenige empfangen/ das ich je bey dem Einsidel außgestanden. Der Gouverneur fragte/ ob sein seel. Schwager nicht gewust hätte/ daß er der Zeit in Hanau commandire? Freylich/ antwortet der Pfarꝛer/ ich habs ihm selbst gesagt; Er hat es aber (zwar mit einem frölichen Gesicht und kleinem lächlen) so kaltsinnig angehört/ als ob er niemals keinen Ramsay gekennt hätte/ also daß ich mich noch/ wenn ich der Sach nachdencke/ über dieses Manns Beständigkeit und vesten Vorsatz verwundern muß/ wie er nemlich übers Hertz bringen können/ nicht allein der Welt abzusagen/ sondern auch seinen besten Freund/ den er doch in der Nähe hatte/ so gar auß dem Sinn zu schlagen! Dem Gouverneur, der sonst kein wäichhertzig Weiber-Gemüt hatte/ sondern ein dapfferer heroischer Soldat war/ stunden die Augen voll Wasser: Er sagte/ hätte ich gewüst/ daß er noch im Leben/ und wo er anzutreffen gewest wäre/ so wolte ich ihn auch wider seinen Willen haben zu mir holen lassen/ damit ich ihm seine Gutthaten hätte erwiedern können/ weil mirs aber das Glück mißgönnet/ als will ich an seiner statt seinen Simplicium versorgen: Ach! sagte er weiters/ der redliche Cavallier hat wol Ursach gehabt/ seine schwangere Gemahlin zu beklagen/ dann sie ist von einer Partey Käiserl. Reuter im Nachhauen/ und zwar auch im Spessert gefangen woꝛden. Als ich solches erfahren/ und nichts [83] anders gewust/ als mein Schwager seye bey Höchst todt geblieben/ habe ich gleich einen Trompeter zum Gegentheil geschickt/ meiner Schwester nachzufragen/ und dieselbe zu ranzioniren/ hab aber nichts anders damit außgerichtet/ als daß ich erfahren/ gemeldte Partey Reuter sey im Spessert von etlichen Bauren zertrennt/ und in solchem Gefecht meine Schwester von ihnen wieder verloren worden/ also daß ich noch biß auff diese Stund nicht weiß/ wo sie hin kommen.

Dieses und dergleichen war deß Gouverneurs und Pfarꝛern Tisch-Gespräch/ von meinem Einsidel und seiner Liebsten/ welches paar Ehevolck umb so viel desto mehr bedauret wurde/ weil sie einander nur ein Jahr gehabt hatten. Aber ich wurde also deß Gubernators Page, und ein solcher Kerl/ den die Leut/ sonderlich die Bauren/ wenn ich sie bey meinem Herꝛn anmelden solte/ bereits Herꝛ Jung nenneten/ wiewol man selten einen Jungen sihet/ der ein Herꝛ gewesen/ aber wol Herꝛen/ die zuvor Jungen waren.

Das XXIV. Capitel.

DAmals war bey mir nichts schätzbarliches/ als ein reines Gewissen/ und auffrichtig frommes Gemüt zu finden/ welches mit der edlen Unschuld und Einfalt begleitet und umbgeben war; ich wuste von den Lastern nichts anders/ als daß ich sie etwan hören nennen/ oder darvon gelesen hatte/ und wenn ich deren eins würcklich begeben sahe/ war mirs ein erschröckliche und seltene Sach/ weil ich erzogen und gewehnet worden/ die Gegenwart GOttes allezeit vor Augen zu haben/ und auffs ernstlichst nach seinem [84] heiligen Willen zu leben/ und weil ich denselben wuste/ pflegte ich der Menschen Thun und Wesen gegen demselben abzuwegen/ in solcher Ubung bedünckte mich/ ich sehe nichts als lauter Greuel: HErꝛ GOtt! wie verwundert ich mich anfänglich/ wann ich das Gesetz und Evangelium/ sampt den getreuen Warnungen Christi betrachtete/ und hingegen der jenigen Werck ansahe/ die sich vor seine Jůnger und Nachfolger außgaben; An statt der auffrichtigen Meynung/ die ein jedweder rechtschaffener Christ haben soll/ fand ich eitel Heucheley/ und sonst so unzehlbare Thorheiten bey allen Welt Menschen/ daß ich auch zweiffelte/ ob ich Christen vor mir hätte oder nicht? dann ich konte leichtlich mercken/ daß männiglich den ernstlichen Willen GOttes wüste/ ich merckte aber hingegen keinen Ernst/ denselben zu vollbringen.

Also hatte ich wol tausenderley Grillen und seltzame Gedancken in meinem Gemüt/ und gerieth in schwere Anfechtung/ wegen deß Befelchs Christi/ da er spricht: Richtet nicht/ so werdet ihr auch nicht gerichtet. Nichts desto weniger kamen mir die Wort Pauli zu Gedächtnus/ die er zun Gal. am 5. Cap. schreibt: Offenbar sind alle Wercke deß Fleisches/ als da sind Ehebruch/ Hurerey/ Unreinigkeit/ Unzucht/ Abgötterey/ Zauberey/ Feindschafft/ Hader/ Neid/ Zorn/ Zanck/ Zweytracht/ Rotten/ Haß/ Mord/ Sauffen/ Fressen und dergleichen/ von welchen ich euch habe zuvor gesagt/ und sage es noch wie zuvor/ daß die solches thun/ werden das Reich Gottes nicht ererben! Da gedachte ich/ das thut ja fast jederman offentlich/ warumb solte ich dann nicht [85] auch auff deß Apostels Wort offenbertzig schliessen dörffen/ daß auch nicht jederman seelig werde.

Nächst der Hoffart und dem Geitz/ sampt deren erbaren Anhängen/ waren Fressen und Sauffen/ Huren und Buben/ bey den Vermöglichen ein tägliche Ubung; was mir aber am aller-erschröcklichsten vorkam/ war dieser Greuel/ daß etliche/ sonderlich Soldaten-Bursch/ bey welchen man die Laster nicht am ernstlichsten zu straffen pflegt/ beydes auß ihrer Gottlosigkeit und dem beiligen Willen GOttes seldsten/ nur einen Schertz machten. Zum Exempel/ ich hörete einsmals einen Ehebrecher/ welcher wegen vollbrachter That noch gerühmt seyn wolte/ diese gottlose Wort sagen: Es thuts dem gedultigen Hanrey genug/ daß er meinetwegen ein paar Hörner trägt/ und wenn ich die Warheit bekennen soll/ so hab ichs mehr dem Mann zu Leyd/ als der Frauen zu Lieb gethan/ damit ich mich an ihm rächen möge. O kahle Rach! antwortet ein ehrbar Gemüt/ so dabey stunde/ dardurch man sein eigen Gewissen beflecket/ und den schändlichen Nahmen eines Ehebrechers überkompt! was Ehebrecher? antwortet er ihm mit einem bönischen Gelächter/ ich bin darumb kein Ehebrecher/ wenn ich schon diese Ehe ein wenig gebogen habe; diß seynd Ehebrecher/ worvon das sechste Gebot sagt/ allwo es verdeut/ daß keiner einem andern in Garten steigen/ und die Kirschen ehe brechen solle/ als der Eigenthums-Herꝛ! Und daß solches also zu versteben seye/ erklärte er gleich darauff/ nach seinem Teuffels-Catechismo/ das siebende Gebot/ welches diese Meynung deutlicher vorbringe/ in dem es sagt: Du solt nicht stelen/ ꝛc. Solcher [86] Wort trieb er viel/ also daß ich bey mir selbst seufftzt und gedachte: O Gottslästerlicher Sünder! du nennest dich selbst einen Ehebieger/ und den gütigen Gott einen Ehebrecher/ weil er Mann und Weib durch den Todt voneinander trennet; meynestu nicht/ sagt ich auß übrigem Eyfer und Verdruß zu ihm/ wiewol er ein Officier war/ daß du dich mit diesen gottlosen Worten mehr versündigest/ als mit dem Ehebruch selbsten? Er aber autwortet mir: Du Maußkopff/ soll ich dir ein paar Ohrfeigen geben? Jch glaub auch/ daß ich solche dicht bekommen hätte/ wenn der Kerl meinen Herꝛn nicht hätte förchten müssen: Jch aber schwieg still/ und sahe nachgehends/ daß es gar kein seltene Sach war/ wenn sich Ledige nach Verehelichten/ und Verehelichte nach Ledigen umbsahen.

Als ich noch bey meinem Einsidel den Weg zum ewigen Leben studirte/ verwundert ich mich/ warumb doch Gott seinem Volck die Abgötterey so hochsträfflich verbotten? dann ich bildete mir ein/ wer einmal den wahren ewigen GOtt erkennet hätte/ der würde wol nimmermehr keinen andern ehren und anbeten; schlosse also in meinem dummen Sinn/ diß Gebot seye ohnnötig/ und vergedlich gegeben worden: Aber Ach! ich Narꝛ wuste nicht was ich gedachte/ dann so bald ich in die Welt kam/ vermerckte ich/ daß (diß Gebot ohnangesehen) bey nahe jeder Welt-Mensch einen besondern Neben-Gott hatte/ ja etliche hatten wol mehr/ als die Alte und Neue Heyden selbsten/ etliche hatten den Jhrigen in der Küsten/ auff welchen sie allen Trost und Zuversicht setzten; mancher hatte den seinen bey Hof/ zu welchem er allen Zuflucht [87] gestellt/ der doch nur ein Favorit, und offt ein liederlicher Bernheuter war/ als sein Anbeter selbst/ weil sein lüfftige Gottheit nur auff deß Printzen Aprillenwetterischen Gunst bestunde; andere hatten den ihrigen in der Reputation, und bildeten sich ein/ wann sie nur dieselbige erhielten/ so wären sie selbst auch halbe Götter; noch andere hatten den ihrigen im Kopff/ nemlich die jenige/ denen der wahre Gott ein gesund Hirn verliehen/ also daß sie einige Künste und Wissenschafften zu fassen geschickt waren/ dieselbe setzten den gütigen Geber auff ein Seit/ und verliessen sich auff die Gab/ in Hoffnung/ sie würde ihnen alle Wolfahrt verleyhen; Auch waren viel/ deren Gott ihr eigener Bauch war/ welchem sie täglich die Opffer raichten/ wie vor Zeiten die Heyden dem Baccho und der Cerere gethan/ und wann solcher sich unwillig erzeigte/ oder sonst die menschliche Gebrechen sich anmeldeten/ so machten die elende Menschen einen Gott auß dem Medico, und suchten ihres Lebens Auffenthalt in der Apotheck/ auß welcher sie zwar öffters zum Todt befördert wurden. Manche Narꝛen machten ihnen Göttinnen auß glatten Metzen/ dieselbe nenneten sie mit andern Nahmen/ beteten sie Tag und Nacht an mit viel tausend Seufftzen/ und machten ihnen Lieder/ welche nichts anders/ als ihr Lob in sich hielten/ benebens einem demütigen Bitten/ daß solche mit ihrer Thorheit ein barmhertziges Mitleiden tragen/ und auch zu Närꝛinnen werden wolten/ gleich wie sie selbst Narꝛen seyen. Hingegen waren Weibsbilder/ die hatten ihre eigene Schönheit vor ihren Gott auffgeworffen diese/ gedachten sie/ wird mich wol vermannen/ GOTT im[88] Him̃el sage darzu/ was er will; dieser Abgott ward an statt anderer Opffer täglich mit allerhand Schmincke/ Salben/ Wassern/ Pulvern und sonst Schmirsel unter halten und verehrt. Jch sahe Leut/ die wolgelegene Häuser vor Götter hielten/ dann sie sagten/ so lang sie darinn gewohnet/ wäre ihnen Glück und Heyl zugestanden/ und das Gelt gleichsam zum Fenster hinein gefallen; welcher Thorheit ich mich höchstens verwundert/ weil ich die Ursach sahe/ warumb die Jnwohner so guten Zuschlag gehabt: Jch kante einen Kerl/ der konte in etlich Jahren vor dem Toback-Handel nicht recht schlaffen/ weil er demselben sein Hertz/ Sinn und Gedancken/ das allein GOtt gewidmet seyn solte/ geschenckt hatte/ er schickte demselben so Tags als Nachts viel 1000. Seufftzer/ weil er dardurch prosperirte; Aber was geschabe? der Phantast starb/ und fuhr dahin/ wie der Toback-Rauch selbst. Da gedacht ich/ O du elender Mensch! wäre dir deiner Seelen Seeligkeit und deß wahren GOttes Ehr/ so hoch angelegen gewesen/ als der Abgott/ der in Gestalt eines Brasilianers mit einer Roll Toback unterm Arm/ und einer Pfeiffen im Maul/ auff deinem Gaden stehet/ so lebte ich der ohnzweifflichen Zuversicht/ du hättest ein herꝛliches Ehren-Kräntzlein/ in jener Welt zu tragen/ erworben. Ein anderer gEsell hatte noch wol liederlichere Götter/ dann als bey einer Gesellschafft von jedem erzehlt wurde/ auff was Weis er sich in dem grenlilichen Hunger und theuren Zeit ernehret und durch gebracht/ sagte dieser mit Teutschen Worten: Die Schnecken und Frösch seyen sein Herꝛ Gott gewesen/ er hätte sonst in Mangel ihrer müssen Hungers sterben: [89]Jch fragte ihn/ was ihm denn damals GOtt selbst gewest wäre/ der ihm solche Insecta zu seinem Auffenthalt beschehrt hätte? Der Tropff aber wuste nichts zu antworten/ und ich muste mich umb so viel desto mehr verwundern/ weil ich noch nirgends gelesen/ daß die Alte abgöttische Egyptier/ noch die Neulichste Americaner/ jemals dergleichen Ungeziefer vor Gott außgeschryen/ wie dieser Geck thäte.

Jch kam einsmals mit einem vornehmen Herꝛn in eine Kunst-Kam̃er/ darinnen schöne Raritäten waren/ unter den Gemählden gefiele mir nichts besser/ als ein Ecce Homo! wegen seiner erbärmlichen Darstellung/ mit welcher es die Anschauer gleichsam zum Mitleiden verzuckte; darneben hienge eine papierne Charte in China gemahlt/ darauff stunden der Chineser Adgötter in ihrer Majestät sitzend/ deren theils wie die Teuffel gestaltet waren/ der Herꝛ im Hauß fragte mich/ welches Stück in seiner KunstKammer mir am besten gefiele? Jch deutet auff besagtes Ecce Homo, Er aber sagte/ ich irꝛe mich/ das Chineser Gemähld wäre rarer/ und dahero auch kösilicher/ er wolte es nicht umb zehen solcher Ecce Homo manglen: Jch antwortet/ Herꝛ/ ist euer Hertz wie euer Mund? Er sagt/ ich versehe michs; Darauff sagte ich: So ist auch euers Hertzen Gott der jenige/ dessen Conterfait ihr mit dem Mund bekennet/ das köstlichste zu seyn: Phantast/ sagt jener/ ich æstimire die Rarität! Jch antwortet/ was ist seltener und verwunderns würdiger/ als daß GOttes Sohn selbst unsert wegen gelitten/ wie uns diß Bildnus vorstellt?

[90]

Das XXV. Capitel.

SO sehr wurden nun diese und noch eine grössere Menge anderer Art Abgötter nicht geehrt/ so sehr wurde hingegen die wahre Göttliche Majestät verachtet/ denn gleich wie ich niemand sahe/ der sein Wort und Gebot zu halten begehrte/ also sahe ich hingegen viel/ die ihm in allem widerstrebten/ und die Zöllner (welche zu den Zeiten/ als Christus noch auff Erden wandelt/ offene Sünder waren) mit Boßheit übertraffen: Christus spricht/ liebet eure Feinde/ seguet die euch fluchen/ thut wol denen die euch hassen/ bittet vor die so euch beleydigen und versolgen/ auff daß ihr Kinder seyt euers Vatters im Himmel; dann so ihr liebet/ die euch lieben/ was werdet ihr für Lohn haben? thun solches nicht auch die Zöllner? und so ihr euch nur zu euren Brüdern freundlich thut/ was thut ihr sonderliches? thun nicht die Zöllner auch also? Aber ich fande nicht allein niemand/ der diesem Befelch Christi nachzukommen begehrte/ sondern jederman thät gerad das Widerspil/ es hiesse/ viel Schwäger/ viel Knebel-Spieß; und nirgends fande sich mehr Neid/ Haß/ Mißgunst/ Hader und Zanck/ als zwischen Brüdern/ Schwestern/ und andern angebornen Freunden/ sonderlich wenn ihnen ein Erb zu theilen/ zugefallen war; auch sonst haßte das Handwerck aller Orten einander/ also daß ich handgreifflich sehen und schliessen muste/ daß vor diesem die offene Sünder/ Publicanen und Zöllner/ welche wegen ihrer Boßheit und Gottlosigkeit bey männiglich verhaßt waren/ uns heutigen Christen mit Ubung Brüderlicher Liebe weit über- [91] legen gewesen; massen ihnen Christus selbsten das Zeugnus gibt/ daß sie sich untereinander geliebet haben: Dahero betrachtete ich/ wenn wir keinen Lohn haben/ so wir die Feinde nicht lieben/ was vor grosse Straffen wir dann gewärtig seyn müssen/ wann wir auch unsere Freund hassen; wo die gröste Lieb und Treu seyn solte/ fande ich die höchste Untreu/ und den gewaltigsten Haß. Mancher Herꝛ schunde seine getreue Diener und Underthanen/ hingegen wurden etliche Underthanen an ihren frommen Herꝛen zu Schelmen. Den continuirlichen Zanck vermercket ich zwischen vielen Eheleuten/ mancher Tyrann hielte sein ehrlich Weib ärger als einen Hund/ und manche lose Vettel ihren from̃en Mann vor einen Narꝛn und Esel. Viel Hündische Herꝛn und Meister betrogen ihre fleissige Dienstbotten umb ihren gebührenden Lohn/ und schmälerten beydes Speiß und Tranck/ hingegen sahe ich auch viel untreu Gesind/ die ihre fromme Herꝛen entweder durch Diebstal oder Fahrlässigkeit ins Verderben setzten. Die Handels-Leut und Handwercker renneten mit dem Juden-Spieß gleichsam umb die Wett/ und sogen durch allerhand Fünde und Vörthel dem Bauersmann seinen sauren Schweiß ab; hingegen waren theils Bauren so gar gottloß/ daß sie sich auch darumb bekümmerten/ wenn sie nicht rechtschaffen genug mit Boßheit durchtrieben waren/ andere Leut/ oder auch wol ihre Herꝛen selbst/ unterm Schein der Einfalt zu beruffen. Jch sahe einsmals einen Soldaten einem andern eine dichte Maulschelle geben/ und bildete mir ein/ der Geschlagene würde den andern Backen auch darbieten: (weil ich noch niemal bey keiner Schlägerey[92] gewesen) Aber ich irꝛete/ dann der Beleydigte zoge von Leder/ und versetzte dem Thäter eine Wunde davor an Kopff: Jch schrye ihm überlaut zu/ und sagte: Ach Freund/ was machstu? Da wär einer ein Bernheuter/ antwort jener/ ich will mich der Teuffel hol ꝛc. selbst rächen/ oder das Leben nicht haben! bey/ müste doch einer ein Schelm seyn/ der sich so coujoniren liesse. Der Lermen zwischen diesen zweyen Duellanten ergrössert sich/ weilen beyderseits Beyständer/ sampt dem Umbstand und Zulauff/ einander auch in die Haar kamen; da hörte ich schwören bey Gott und ihren Seelen so leichtfertig/ daß ich nicht glauben konte/ daß sie diese vor ihr edelst Kleinod hielten: Aber das war nur Kinderspiel/ deñ es blieb bey so geringen Kinderschwüren nicht/ sondern es folgte gleich hernach: Schlag mich der Donner/ der Blitz/ der Hagel/ zerꝛeiß und hol mich der ꝛc. ja nicht einer allein/ sondern hundert tausend/ und führen mich in die Lüfft hinweg! Die H. Sacramenta musten nicht nur siebenfältig/ sondern auch mit hundert tausenden/ ja so viel Thonnen/ Galleern und Stattgräben voll herauß/ also daß mir abermal alle Haar gen Berg stunden. Jch gedachte wiederumb an den Befelch Christi/ da er sagt: Jhr solt allerdings nicht schwören/ weder bey dem Himmel/ dann er ist Gottes Stul/ noch bey der Erden/ dann sie ist seiner Füsse Schemel/ noch bey Jerusalem/ dann sie ist eines grossen Königs Statt/ auch solt du nicht bey deinem Haupt schwören/ dann du vermagst nicht ein einiges Haar weiß und schwartz zu machen/ euer Rede aber sey Ja Ja/ Nein Nein/ was drüber ist/ das ist vom Ubel. Dieses alles/ und was ich sahe[93] und hörete/ erwog ich/ und schloß vestiglich/ daß diese Balger keine Christen seyen/ suchte derowegen eine andere Gesellschafft.

Zum aller-erschröcklichsten kam mirs vor/ wenn ich etliche Großsprecher sich ihrer Boßhett/ Sünd/ Schand und Laster rühmen hörete/ dann ich vernam zu unterschiedlichen Zeiten/ und zwar täglich/ daß sie sagten: Potz Blut/ wie haben wir gester gesoffen! Jch hab mich in einem Tag wol dreymal voll gesoffen/ und eben so vielmal gekotzt. Potz Stern/ wie haben wir die Bauren/ die Schelmen/ tribulirt. Potz Stral/ wie haben wir Beuten gemacht. Potz hundert Gifft/ wie haben wir ein Spaß mit den Weihern und Mägden gehabt. Jtem/ ich hab ihn darnider gehauen/ als wenn ihn der Hagel hätte nider geschlagen. Jch hab ihn geschossen/ daß er das Weiß übersich kehrte. Jch hab ihn so artlich über den Dölpel geworffen/ daß ihn der Teuffel hätte holen mögen. Jch hab ihm den Stein gestossen/ daß er den Hals hätt brechen mögen. Solche und dergleichen unChristliche Reden erfüllten mir alle Tag die Ohren/ und über das/ so hörte und sahe ich auch in GOttes Nahmen sündigen/ welches wol zu erbarmen ist; von den Kriegern wurde es am meisten practicirt/ wenn sie nemlich sagten: Wir wollen in Gottes Nahmen auff Partey/ Plündern/ Mitnemmen/ Todtschiessen/ Nidermachen/ Angreiffen/ gefangen nemmen/ in Brand stecken/ und was ihrer schröcklichen Arbeiten und Verꝛichtungen mehr seyn mögen. Also wagens auch die Wucherer mit dem Verkauff in Gottes Nahmen/ damit sie ihrem Teufflischen Geitz nach schinden und schaben mögen. Jch habe zween Mauß- [94] köpff sehen hencken/ die wolten einsmals bey Nacht stelen/ und als sie die Leiter angestellt/ und der eine in GOttes Nahmen einsteigen wolte/ warff ihn der wachtsame Haußvatter ins Teuffels Nahmen wieder herunter/ davon er ein Bein zerbrach/ und also gefangen/ und über etlich Tag hernach sampt seinem Camerad auffgeknüpffet ward. Wann ich nun so etwas höret/ sahe/ und beredet/ und wie meine Gewonheit war/ mit der H. Schrifft hervor wischte/ oder sonst treuhertzig abmahnete/ so hielten mich die Leut vor einen Narꝛen/ ja ich wrrde meiner guten Meynung halber so offt außgelacht/ daß ich endlich auch unwillig wurde/ und mir vorsetzte/ gar zu schweigen/ welches ich doch auß Christlicher Liebe nicht halten konte. Jch wünschte/ daß jederman bey meinem Einsidel aufferzogen worden wäre der Meynung/ es würde alsdann auch männiglich der Welt Wesen mit Simplicii Augen ansehen/ wie ichs damals beschauet. Jch war nicht so witzig/ wann lauter Simplici in der Welt wären/ daß man alsdann auch nicht so viel Laster sehen werde. Jndessen ists doch gewiß/ daß ein Welt-Mensch/ welcher aller Untugenden und Thorheiten gewohnt/ und selbsten mit macht/ im wenigsten nicht empfinden kan/ auff was vor einer bösen Sprossen er mit seinen Geferten wandelt.

Das XXVI. Capitel.

ALs ich nun vermeynte/ ich hätte Ursach zu zweiffeln/ ob ich unter Christen wäre oder nicht? gienge ich zu dem Pfarꝛer/ und erzehlte alles/ was ich gehöret und gesehen/ auch was ich vor Gedancken [95] hatte/ nemlich daß ich die Leut nur vor Spötter Christi und seines Worts/ und vor keine Christen hielte/ mit Bitt/ er wolte mir doch auß dem Traum helffen/ damit ich wisse/ worvor ich meine Neben-Menschen halten solte; Der Pfarꝛer antwortet/ freylich sind sie Christen/ und wolt ich dir nicht rathen/ daß du sie anderst nennen soltest; Mein GOtt! sagte ich/ wie kans seyn? dann wann ich einem oder dem andern seinen Fehler/ den er wider GOtt begehet/ verweise/ so werde ich verspottet und außgelacht: Dessen verwundere dich nicht/ antwortet der Pfarꝛer/ ich glaube/ wenn unsere erste fromme Christen/ die zu Christi Zeiten gelebt/ ja die Apostel selbst/ anjetzo aufferstehen/ und in die Welt kommen solten/ daß sie mit dir ein gleiche Frag thun/ und endlich auch so wol als du/ von jedermänniglich vor Narꝛen gehalten würden; das/ was du bißher sihest und hörest/ ist ein gemeine Sach/ und nur Kinderspiel gegen dem jenigen/ das sonsten so heimlich als offentlich und mit Gewalt/ wider GOtt und den Menschen vorgehet/ und in der Welt verübet wird/ aber laß dich das nicht ärgern/ du wirst wenig Christen finden/ wie Herꝛ Samuel sel. einer gewesen ist.

Jn dem als wir so miteinander redeten/ führet man etliche/ so vom Gegentheil gefangen waren worden/ übern Platz/ welches unsern Discurs zerstöret/ weil wir die Gefangene auch beschauten: Da vername ich eine Unsinnigkeit/ dergleichen ich mir nicht hätte träumen dörffen lassen: Es war aber ein neue Mode einander zu grüssen und zu bewillkom̃en/ dann einer von unserer Guarnison, welcher hiebevor dem Käiser auch gedient hatte/ kante einen von den [96] Gefangenen/ zu dem gieng er/ gab ihm die Hand/ druckt jenem die seinige vor lauter Freud und Treuhertzigkeit/ und sagte: Daß dich der Hagel erschlag/ (Alt-Teutsch) lebstu auch noch Bruder? Potz Fickerment/ wie führt uns der Teuffel hier zusammen! ich hab schlag mich der Donner vorlängst gemeynt/ du wärst gehenckt worden: Darauff antwortet der ander/ potz Blitz Bruder! bistus/ oder bistus nicht? daß dich der Teuffel hol/ wie bistu hieher kom̃en? ich hätte mein Lebtag nicht gemeynt/ daß ich dich wieder antreffen würde/ sondern hab gedacht/ der Teuffel hab dich vorlängst hingeführt. Und als sie wieder voneinander giengen/ sagt einer zum andern/ an statt behüt dich Gott; Strick zu/ Strick zu/ morgen kommen wir vielleicht zusammen/ dann wollen wir brav miteinander sauffen.

Jst das nicht ein schöner gottseeliger Willkomm? sagt ich zum Pfarꝛer/ sind das nicht herꝛliche Christliche Wünsch? haben diese nicht einen heiligen Vorsatz auff den morgenden Tag? wer wolte sie vor Christen erkennen/ oder ihnen ohne Erstaunen zuhören? wenn sie einander auß Christlicher Liebe so zusprechen/ wie wirds denn hergehen/ wenn sie miteinander zancken? Herꝛ Pfarꝛer/ wenn diß Schäflein Christi sind/ ihr aber dessen bestellter Hirt/ so will euch gebuhren/ sie auff eine bessere Wäid zu führen; Ja/ antwort der Pfarꝛer/ Liebes Kind/ es gehet bey den gottlosen Soldaten nicht anders her/ GOtt erbarms! wann ich gleich etwas sagte/ so wäre es so viel/ als wenn ich den Tauben predigte/ und ich hätte nichts anders davon/ als dieser gottlosen Bursch gefährlichen Haß. Jch verwundert mich/ schwätzte [97] noch ein Weil mit dem Pfarꝛer/ und gieng dem Gubernator auffzuwarten/ dann ich hatte gewisse Zeiten Erlaubnus/ die Statt zu beschauen/ und zum Pfarrer zu gehen/ weil mein Herꝛ von meiner Einfalt Wind hatte/ und gedachte/ solche würde sich legen/ wann ich herumb terminirte/ etwas sehe/ hörte/ und von andern geschulet/ oder wie man sagt/ gehobelt und gerülpt würde.

Das XXVII. Capitel.

MEines Herꝛn Gunst vermehrte sich täglich/ und wurde je länger je grösser gegen mir/ weil ich nicht allein seiner Schwester/ die den Einsidel gehabt hatte/ sondern auch ihm selbsten je länger je gleicher sahe/ in dem die gute Speisen und faule Täg mich in Kürtze glatthärig machten. Diese Gunst genosse ich bey jedermänniglich/ dann wer etwas mit dem Gubernator zu thun hatte/ der erzeigte sich mir auch günstig/ und sonderlich mochte mich der Secretarius wol leiden/ in dem mich derselbe rechnen lernen muste/ hatte er manche Kurtzweil von meiner Einfalt und Unwissenheit; er war erst von den Studien kommen/ und stack dahero noch voller Schulpossen/ die ihm zu Zeiten ein Ansehen gaben/ als wann er einen Sparꝛen zu viel oder zu wenig gehabt hätte/ er überredete mich offt/ schwartz sey weiß/ und weiß sey schwartz/ dahero kam es/ daß ich ihm in der erste alles/ und auffs letzte gar nichts mehr glaubte: Jch tadelt ihm einsmals sein schmierig Dintenfaß/ er aber antwortet/ solches sey sein bestes Stück in der gantzen Cantzley/ dann auß demselben lange er herauß was er begehre/ die schönste Ducaten/ Kleider/ [98] und in Summa was er vermöchte/ hätte er nach und nach herauß gefischt: Jch wolte nicht glauben/ daß auß einem so kleinen verächtlichen Ding so herꝛliche Sachen zu bekommen wären; hingegen sagt er/ solches vermög der Spiritus Papyri (also nennet er die Dinten) und das Dintenfaß würde darumb ein Faß genennet/ weil es grosse Sachen fasse: Jch fragte/ wie mans dann herauß bringen könte/ sintemal man kaum zween Finger hinein stecken möchte? Er antwortet/ er hätte einen Arm im Kopff/ der solche Arbeit verꝛichten müsse/ er verhoffe ihm bald auch ein schöne reiche Jungfrau herauß zu langen/ und wann er das Glück hätte/ so getraute er auch eigen Land und Leut herauß zu bringen/ welches wol ehemals geschehen wäre: Jch muste mich über diese künstliche Griff verwundern/ und fragte/ ob noch mehr Leute solche Kunst könten? Freylich/ antwortet er/ alle Cantzler/ Doctorn, Secretarii, Procuratorn oder Advocaten/ Commissarii, Notarii, Kauff- und Handels-Herꝛen/ und sonst unzehlich viel andere mehr/ welche gemeiniglich/ wann sie nur fleissig fischen/ zu reichen Herꝛen darauß werden: Jch sagte/ so seynd die Bauren und andere arbeitsame Leut nicht witzig/ daß sie im Schweiß ihres Angestchts ihr Brot essen/ und diese Kunst nicht auch lernen: Er antwortet/ etliche wissen der Kunst Nutzen nicht/ dahero begehren sie solche auch nicht zu lernen; etliche woltens gerne lernen/ manglen aber deß Arms im Kopff/ oder anderer Mittel; etliche lernen die Kunst/ und haben Arms genug/ wissen aber die Griff nicht/ so die Kunst erfordert/ wenn man dardurch will reich werden; andere wissen und können alles was darzu[99] gehört/ sie wohnen aber an der Feblhalden/ und baben keine Gelegenheit wie ich/ die Kunst rechtschaffen zu üben.

Als wir dergestalt vom Dintenfaß (welches mich allerdings an deß Fortunati Säckel gemahnet) discurirten/ kam mir das Titular-Buch ohngefäbr in die Händ/ darinnen fande ich/ meines damaligen Davorhaltens/ mehr Thorheiten/ als mir bißhero noch nie vor Augen kommen; Jch sagte zum Secretario, dieses alles sind ja Adams-Kinder/ und eines Gemächts miteinander/ und zwar nur von Staub und Aschen! Wo kompt dann ein so grosser Unterscheid her? Allerheiligst/ Unüberwindlichst/ Durchleuchtigst! Sind das nicht Göttliche Eigenschafften? hier ist einer Gnädig/ dort ist der ander Gestreng; und was muß allzeit das Geborn darbey thun? man weiß ja wol/ daß keiner vom Him̃el fällt/ auch keiner auß dem Wasser entstehet/ und daß keiner auß der Erden wächst/ wie ein Krautskopff; warumb stehen nur Hoch-Wol. Vor- und Großgeachte da/ und keine geneunte? oder wo bleiben die gefünffte/ gesechste/ und gesibende? was ist das vor ein närꝛisch Wort/ Vorsichtig? welchem stehen dann die Augen hinden im Kopff? Der Secretarius muste meiner lachen/ und nam die Mühe/ mir eines und deß andern Titul/ und alle Wort insonderheit außzulegen/ ich aber beharꝛete darauff/ daß die Titul nicht recht geben würden/ es wäre einem viel rühmlicher/ wann er Freundlich titulirt würde/ als Gestreng; Jtem/ wann das Wort Edel an sich selbsten nichts anders/ als hochschätzbarliche Tugenden dedeute/ warumb es dann/ wann es zwischen Hoch- [100] geborn (welches Wort einen Fürsten oder Grafen anzeige) gesetzt werde/ solchen Fürstlichen Titul verꝛingere? das Wort Wolgeborn sey eine gantze Unwarheit/ solches würde eines jeden Barons Mutter bezeugen/ wenn man sie fraget/ wie es ihr bey ihres Sohns Geburt ergangen wäre?

Jn dem ich nun dieses also belachte/ entranne mir ohnversehens ein solcher grausamer Leibs-Dunst/ daß beydes ich und der Secretarius darüber erschracken; dieser meldet sich augenblicklich so wol in unsern Nasen/ als in der gantzen Schreibstuben so kräfftig an/ gleichsam als wenn man ihn zuvor nicht genug gehöret hätte: Troll dich du Sau/ sagt der Secretarius zu mir/ zu andern Säuen in Stall/ mit denen du Rülp besser zustimmen/ als mit ehrlichen Leuten conversiren kanst; er muste aber so wol als ich den Ort räumen/ und dem greulichen Gestanck den Platz allein lassen. Und also habe ich meinen guten Handel/ den ich in der Schreib-Stub hatte/ dem gemeinen Sprüchwort nach/ auff einmal verkerbt.

Das XXVIII. Capitel.

JCh kam aber sehr unschuldig in diß Unglück/ denn die ohngewöhnliche Speisen und Artzneyen/ die man mir täglich gab/ meinen zusammen geschrumpelten Magen und eingeschnorꝛtes Gedärm wieder zu recht zu bringen/ erꝛegten in meinem Bauch viel gewaltige Wetter und starcke Sturmwind/ welche mich treff ich quälten/ wann sie ihren ungestümmen Außbruch suchten; und demnach ich mir nicht einbildete/ daß es übel gethan sey/ wenn man diß Orts der Natur willfahre/ massen einem solchen innerli- [101] chen Gewalt in die Läng zu widerstehen/ ohne das ohnmüglich/ mich auch weder mein Einsidel (weil solche Gäst gar dünn bey uns gesäet wurden) niemal nichts darvon unterꝛichtet/ noch mein Knan verbotten/ solche Kerl ihres Wegs nicht ziehen zu lassen/ als liesse ich ihnen Lufft/ und alles passirn/ was nur fort wolte/ diß ich erzehlter massen mein Credit beym Secretario verloren: Zwar wäre dessen Gunst noch wol zu entberen gewest/ wenn ich in keinen grössern Unfall kommen wäre/ dann mir giengs/ wie einem frommen Menschen der nach Hof kompt/ da sich die Schlang wider den Nasicam, Goliath wider den David/ Minotaurus wider Theseum, Medusa wider Perseum, Circe wider Ulyssem, Ægisthus wider Menelaum, Paludes wider Coræbum, Medea wider den Peliam, Nessus wider Herculem, und was mehr ist/ Althea wider ihren eigenen Sohn Meleagrum rustet.

Mein Herꝛ hatte einen außgestochenen Essig zum Page neben mir/ welcher schon ein paar Jahr bey ihm gewesen/ demselben schenckt ich mein Hertz/ weil er mit mir gleiches Alters war: Jch gedachte/ dieser ist Jonathan/ und du bist David; aber er eyfert mit mir/ wegen der grossen Gunst/ die mein Herꝛ zu mir trug/ und täglich vermehrte; er besorgt/ ich möchte ihm vielleicht die Schuh gar außtretten/ sahe mich derowegen heimlich mit mißgönstigen neidigen Augen an/ und gedachte auff Mittel/ wie er mir den Stein stossen/ und durch meinen Unfall dem seinigen vorkommen möchte: Jch aber hatte DaubenAugen/ und auch einen andern Sinn als er/ ja ich vertraute ihm alle meine Heimlichkeiten/ die zwar [102] auff nichts anders/ als auff kindischer Einfalt und Frommkeit bestunden/ dahero er mir auch nirgends zukommen konte. Einsmals schwätzten wir im Bett lang miteinander/ ehe wir entschlieffen/ und in dem wir vom Wahrsagen redeten/ ver sprach er mich solches auch umbsonst zu lernen; hiesse mich darauff den Kopff unter die Decke thun/ dann er überꝛedet mich/ auff solche Weis müste er mir die Kunst beybringen; Jch gehorchte fleissig/ und gab auff die Ankunfft deß Wahrsager-geistes genaue Achtung/ potz Glück! derselbe nam seinen Einzug in meiner Nasen/ und zwar so starck/ daß ich den gantzen Kopff wieder unter der Decken herfür thun muste: Was ists? sagt mein Lehrmeister/ Jch antwortet/ du hast einen streichen lassen; Und du/ antwortet er/ hast wahr gesagt/ und kanst also die Kunst am besten. Dieses empfande ich vor keinen Schimpff/ dann ich hatte damals noch keine Gall/ sondern begehrte allein von ihm zu wissen/ durch was vor einen Vortel man diese Kerl so stillschweigend abschaffen könte? mein Camerad antwortet/ diese Kunst ist gering/ du darffst nur das lincke Bein auffheben/ wie ein Hund der an ein Eck bruntzt/ darneben heimlich sagen: Je pete, Je pete, Je pete, und mithin so starck gedruckt/ als du kanst/ so spatzieren sie so stillschweigends dahin/ als wann sie gestolen hätten. Es ist gut/ sagte ich/ und wanns hernach schon stinckt/ so wird man vermeynen/ die Hund haben den Lufft verfälscht/ sonderlich wann ich das lincke Bein fein doch auffgehebt werde haben. Ach/ dachte ich/ hätte ich doch diese Kunst heute in der Schreib-Stuben gewust.

[103]

Das XXIX. Capitel.

DEß andern Tags hatte mein Herꝛ seinen Officiern und andern guten Freunden/ eine Fürstliche Gasterey angestellt/ weil er die angenehme Zeitung bekommen/ daß die Seinigen das veste Hauß Braunfels ohne Verlust einigen Manns eingenommen; da muste ich/ wie dann mein Ampt war/ wie ein anderer Tisch-Diener helffen Speisen aufftragen/ einschencken/ und mit einem Deller in der Hand auffwarten: Den ersten Tag wurde mir ein grosser fetter Kalbskopff (von welchen man zu sagen pflegt/ daß sie kein Armer fressen dörffe) auffzutragen eingehändigt; weil nun derselbig zimlich mürd gesotten war/ liesse er das eine Aug mit zugehöriger gantzen Substanz zimlich weit herauß lappen/ welches mir ein anmuthiger und verführischer Anblick war: Und weil mich der frische Geruch von der SpeckBrühe und auffgestreutem Jngwer zugleich anreitzete/ empfand ich einen solchen Appetit/ daß mir das Maul gantz voll Wasser wurde: Jn Summa/ das Aug lachte meine Augen/ meine Nasen/ und meinen Mund zugleich an/ und bate mich gleichsam/ ich wolte es doch meinem heiß-hungerigen Magen einverleiben: Jch liesse mir nicht lang den Rock zerreissen/ sondern folgte meinen Begierden/ im Gang hub ich das Aug mit meinem Leffel/ den ich erst denselben Tag bekommen hatte/ so meisterlich herauß/ und schickte es ohne Anstoß so geschwind an seinen Ort/ daß es auch kein Mensch innen ward/ biß das Schüppen-Essen auff den tisch kam/ und mich und sich selbst verꝛiethe; dañ als man ihn zerlegen wolte/ [104] und eins von seinen allerbesten Gliedmassen mangelte/ sahe mein Herꝛ gleich/ warumb der Vorschneider stutzte; Er wolte fürwahr den Spott nicht haben/ daß man ihm einen einäugigen Kalbskopff auffzustellen/ das Hertz haben solte! Der Koch muste vor die Tafel/ und die so auffgetragen hatten/ wurden mit ihm examinirt; zuletzt kame das Facit über den armen Simplicium herauß/ daß nemlich ihme der Kopff mit beyden Augen auffzutragen gegeben worden wäre/ wie es aber weiter gangen/ darvon wuste niemand zu sagen. Mein Herꝛ fragte/ meines Bedünckens mit einer schröcklichen Mine, wohin ich mit dem Kalbs-Aug kommen wäre? geschwind wischte ich mit meinem Leffel wieder auß dem Sack/ gab dem Kalbskopff den andern Fang/ und wiese kurtz und gut/ was man von mir wissen wolte/ massen ich das ander Aug/ gleich wie das erste/ in einem Huy verschlang: Par Dieu, sagte mein Herꝛ/ dieser Act schmeckt besser/ als zehen Kälber! Die anwesende Herꝛen lohten diesen Außspruch/ und nenneten meine That/ die ich auß Einfalt begangen/ eine Wunderkluge Erfindung/ und Vorbedeutung künfftiger Dapfferkeit und unerschrockenen Resolution. Also daß ich vor dißmal meiner Straff/ durch Widerholung eben deß jenigen/ damit ich solche verdient hatte/ nicht allein glücklich entgieng/ sondern auch von etlichen kurtzweiligen Possenreissern/ Fuchsschwäntzern und Tisch-Räthen/ diß Lob erlangte/ ich hätte weislich gehandelt/ daß ich beyde Augen zusammen logirt/ damit sie gleich wie in dieser/ also auch in jener Welt einander Hülff u[n]d Gesellschafft leisten könten/ worzu sie dann anfänglich von der Natur [105] gewidmet wären. Mein Herꝛ aber sagte/ ich solte ihm ein ander mal nicht wieder so kommen.

Das XXX. Capitel.

BEy dieser Mahlzeit (ich schätze/ es geschicht bey andern auch) tratte man gantz Christlich zur Tafel/ man sprach das Tischgebet sehr still/ und allem Ansehen nach auch sehr andächtig: Solche stille Andacht continuirte so lang/ als man mit der Supp und den ersten Speisen zu thun hatte/ gleichsam als wenn man in einem Capucciner-Convent gessen bäthe; Aber kaum hatte jeder drey oder viermal gesegne Gott gesagt/ da wurde schon alles viel lauter: Jch kan nicht beschreiben/ wie sich nach und nach eines jeden Stimm je länger je höher erhebte/ ich wolte dann die gantze Gesellschafft einem Orator vergleichen/ der erstlich sachte anfähet/ und endlich herauß donnert: Man brachte Gerichter/ deßwegen Vor-Essen genant/ weil sie gewürtzt/ und vor dem Trunck zu geniessen verordnet waren/ damit derselbe desto besser gienge: Jtem Bey-Essen/ weil sie bey dem Trunck nicht übel schmecken solten/ allerhand Frantzösischen Potagen und Spanischen Olla Pottriden zu geschweigen; welche durch tausendfältige künstliche Zubereitungen und ohnzahlbare Zusätze/ dermassen verpfeffert/ überdummelt/ vermummet/ mixtirt/ und zum Trunck gerüstet waren/ daß sie durch solche zufällige Sachen und Gewürtz mit ihrer Substanz sich weit anders verändert hatten/ als sie die Natur anfänglich hervor gebracht/ also daß sie Cneus Manlius selbsten/ wann er schon erst auß Asia kommen wäre/ und die beste Köch bey sich ge- [106] habt hätte/ dennoch nicht gekennet hätte. Jch gedachte/ warumb wolten diese einem Menschen/ der ihm solche/ und den Trunck darbey schmecken läst/ (worzu sie dann vornemlich bereitet sind) nicht auch seine Sinne zerstören/ und ihn verändern/ oder gar zu einer Bestia machen können? Wer weiß/ ob Circe andere Mittel gebraucht hat/ als eben diese/ da sie deß Ulyssis Geferten in Schwein verändert? Jch sahe einmal/ daß diese Gäst die Trachten frassen wie die Säu/ darauff soffen wie die Kühe/ sich darbey stellten wie die Esel/ und alle endlich kotzten wie die Gerberhund! Den edlen Hochheimer/ Bacheracher und Klingenberger/ gossen sie mit Kübelmässigen Gläsern in Magen hinunder/ welche ihre Würckungen gleich oben im Kopffverspůren liessen. Darauff sahe ich meinen Wunder/ wie sich alles veränderte; nemlich verständige Leut/ die kurtz zuvor ihre fünff Sinn noch gesund beyeinander gehabt/ wie sie jetzt urplötzlich anfiengen närꝛisch zu thun/ und die alderste Ding von der Welt vorzubringen; die grosse Thorheiten die sie begiengen/ und die grosse Trünck/ die sie einander zubrachten/ wurden je länger je grösser/ also daß es schiene/ als ob diese beyde umb die Wett miteinander stritten/ welches unter ihnen am grösten wäre/ zuletzt verkehrte sich ihr Kampff in eine unflätige Sauerey. Nichts artlichers war/ als daß ich nicht wuste/ woher ihnen der Dürmel kam/ sintemal mir die Würckung deß Weins/ oder die Trunckenheit selbst/ noch allerdings unbekant gewesen/ welches dann lustige Grillen und Phantasten-Gedancken in meinem wercklichen Nachsinnen setzte/ ich ahe wol ihre seltzame Minas, ich wuste aber den [107] Ursprung ihres Zustands nicht. Biß dahin hatte jeder mit gutem Appetit das Geschirꝛ geläert/ als aber die Mägen gefüllt waren/ hielte es härter als bey einem Fuhrmann/ der mit geruhtem Gespann auff der Ebne wol fort kompt/ am Berg aber nicht hotten kan. Nachdem aber die Köpff auch doll wurden/ ersetzte ihre Unmüglichkeit entweder deß einen Courage, die er im Wein eingesoffen; oder beym andern die Treuhertzigkeit/ seinem Freund eins zu bringen; oder beym dritten die Teutsche Redlichkeit/ Ritterlich Bescheid zu thun: Nachdeme aber solches die Länge auch nicht bestehen konte/ beschwur je einer den andern bey grosser Herꝛen und sonst lieber Freund/ oder bey seiner Liebsten Gesundheit/ den Wein Maßweis in sich zu schütten/ worüber manchem die Augen übergiengen/ und der Angstschweiß außdrach; doch muste es gesoffen seyn: Ja man machte zuletzt mit Trommeln/ Pfeiffen und Säitenspiel Lermen/ und schoß mit Stücken darzu/ ohn Zweiffel darumb/ dieweil der Wein die Mägen mit Gewalt einnemmen muste. Mich verwundert/ wohin sie ihn doch alle schütten könten/ weil ich noch nicht wuste/ daß sie solchen/ ehe er recht warm bey ihnen ward/ wiederum mit grossem Schmertzen auß eben dem Ort herfür gaben/ wohinein sie ihn kurtz zuvor mit höchster Gefahr ihrer Gesundheit gegossen hatten.

Mein Pfarꝛer war auch bey dieser Gasterey/ ihm beliebte so wol als andern/ weil er auch so wol als andere ein Mensch war/ ein Abtritt zu nemmen: Jch gieng ihm nach/ und sagte: Mein Herꝛ Pfarꝛer/ warumb thun doch die Leut so seltzam? woher kom̃t es doch/ daß sie so hin und her dorckeln? mich dünckt [108] schier/ sie seyen nicht mehr recht witzig/ sie haben sich alle satt gessen und getruncken/ und schwören bey Teuffel holen/ wann sie mehr sauffen können/ und dennoch hören sie nicht auff/ sich außzuschoppen! müssen sie es thun/ oder verschwenden sie GOtt zu Trutz/ auß freyem Willen so unnützlich? Liebes Kind/ antwortet der Pfarꝛer/ Wein ein/ Witz auß! das ist noch nichts gegen dem/ das künfftig ist: Morgen gegen Tag ists noch schwerlich Zeit/ bey ihnen voneinander zu gehen/ dann wenn schon ihre Mägen gedrungen voll stecken/ so sind sie jedoch noch nicht recht lustig gewest; zerbersten dann/ sagte ich/ ihre Bäuch nicht/ wenn sie immer so unmässig einschteben? können dann ihre Seelen/ die Gottes Ebenbild seyn/ in solchen Mastschwein-Cörpern verharꝛen? in welchen sie doch/ gleichsam wie in finstern Gefängnussen und Ungezifer-mässigen Diebs-Thürnen/ ohn alle gottseelige Regungen gefangen ligen? Jhre edle Seelen/ sage ich/ wie mögen sich solche so martern lassen; seynd nicht ihre Sinne/ welcher sich ihre Seelen bedienen solten/ wie in dem Eingeweid der unvernünfftigen Thier begraben? Halts Maul/ antwortet der Pfarꝛer/ du dörfftest sonst greulich Pumpes kriegen/ hier ist kein Zeit zu predigen/ ich wolts sonst besser als du verꝛichten. Als ich dieses hörte/ sahe ich ferner stillschweigend zu/ wie man Speiß und Tranck muthwillig verderbte/ unangesehen der arme Lazarus/ den man damit hätte laben können/ in Gestalt vieler 100. vertriebener Wetterauer/ denen der Hunger zu den Augen herauß guckte/ vor unsern Thüren verschmachtete/ weil naut im Schanck war.

[109]

Das XXXI. Capitel.

ALs ich dergestalt mit einem Deller in der Hand vor der Tafel auffwartete/ und in meinem Gemüt von allerhand Dauben und wercklichen Gedancken geplagt wurde/ liesse mich mein Bauch auch nicht zu frieden/ er kurꝛet und murꝛet ohn Unterlaß/ und gab dardurch zu verstehen/ daß Bursch in ihm vorhanden wären/ die in freyen Lufft begehrten; ich gedacht/ mir von dem ungeheuren Gerümpel abzuhelffen/ den Paß zu öffnen/ und mich darbey meiner Kunst zu bedienen/ die mich erst die vorig Nacht mein Camerad gelernet hatte; solchem Unterꝛicht zu folg/ hub ich das lincke Bein sampt dem Schenckel in alle Höhe auff/ druckte von allen Kräfften was ich konte/ und wolte meinen Spruch/ Je pete, zugleich dreymal heimlich sagen; Als aber der ungeheure Gespan/ der zum Hindern hinauß wischte/ wider mein Verhoffen so greulich thönete/ wuste ich vor Schrecken nit mehr was ich thäte/ mir wurde einsmals so bang/ als weñ ich auff der Läiter am Galgen gestanden wäre/ und mir der Hencker bereits den Strick hätte anlegen wollen/ und in solcher gählingen Angst so verwirꝛet/ daß ich auch meinen eigenen Gliedern nicht mehr befehlen konte/ massen mein Maul in diesem urplötzlichen Lermen auch rebellisch wurde/ und dem Hindern nichts bevor geben/ noch gestatten wolte/ daß er allein das Wort haben/ es aber/ das zum reden und schreyen erschaffen/ seine Reden heimlich drumlen solte/ derowegen liesse solches das jenige/ so ich heimlich zu reden im Sinn hatte/ dem Hindern zu Trutz überlaut hören/ und zwar so schröcklich/ als [110] wann man mir die Kehl hätte abstechen wollen: Je greulicher der Unterwind knallete/ je grausamer das Je pete oben herauß fuhr/ gleichsam als ob meines Magens Ein- und Außgang einen Wettstreit miteinander gehalten hätten/ welcher unter ihnen beyden die schröcklichste Stimm von sich zu donnern vermöchte. Hierdurch bekam ich wol Linderung in meinem Eingeweid/ dargegen aber einen ungnädigen Herꝛn an meinem Gouverneur; Seine Gäst wurden über diesem unversehenen Knall fast wieder alle nüchtern/ ich aber/ weil ich mit aller meiner angewandten Mühe und Arbeit keinen Wind bannen können/ in eine Futterwanne gespannet/ und also zerkarbäitscht/ daß ich noch biß auff diese Stund daran gedencke. Solches waren die erste Pastonaden die ich kriegte/ seit ich das erste mal Lufft geschöpfft/ weil ich denselben so abscheulich verderbt hatte/ in welchem wir doch gemeinschafftlicher Weis leben müssen/ da brachte man Rauch-täfelein und Kertzen/ und die Gäst suchten ihre Bisemknöpff und Balsambüchslein/ auch so gar ihren Schnupfftoback hervor/ aber die beste arommata wolten schier nichts erklecken. Also hatte ich von diesem Actu, den ich besser als der beste Comœdiant in der Welt spielte/ Friede in meinem Bauch/ hingegen Schläg auff den Buckel/ die Gäst aber ihre Nafen voller Gestanck/ und die Auffwarter ihre Mühe/ wieder einen guten Geruch ins Zimmer zu machen.

Das XXXII. Capitel.

WJe diß vorüber/ muste ich wieder auffwarten/ wie zuvor/ mein Pfarꝛer war noch vorhanden/ [111] und wurde so wol als andere zum Trunck genötiget/ er aber wolte nicht recht daran/ sondern sagte: Er möchte so bestialisch nicht sauffen; hingegen erwiese ihm ein guter Zech-Bruder/ daß er Pfarꝛer wie eine Bestia/ er der Säuffer und andere Anwesende aber/ wie Menschen söffen; dann/ sagte er/ ein Vieh säufft nur so viel als ihm wol schmecket/ und den Durst lescht/ weil sie nicht wissen was gut ist/ noch den Wein trincken mögen; uns Menschen aber beliebt/ daß wir uns den Trunck zu nutz machen/ und den edlen Reben-Safft einschleichen lassen/ wie unser VorEltern auch gethan haben: So wol/ sagt der Pfarrer/ es gebührt mir aber rechte Maaß zu halten; Wol/ antwort jener/ ein ehrlicher Mann hält sein Wort/ und ließ ihm darauff einen mässigen Becher einschencken/ denselben dem Pfarꝛer zuzuzottlen; er hingegen gieng durch/ und ließ den Säuffer mit seinem Eymer stehen.

Als dieser abgeschafft war/ gieng es drunter und drüber/ und liesse sich ansehen/ als wenn diese Gasterey ein bestimpte Zeit und Gelegenheit seyn solte/ sich gegeneinander mit Vollsauffen zu rächen/ einander in Schand zu bringen/ oder sonst ein Possen zu reissen; dann wann einer expedirt wurde/ daß er weder sitzen/ gehen oder stehen mehr konte/ so bieß es: Nun ists Wett! Du hast mirs hiebevor auch so gekocht/ jetzt ist dirs eingetränckt/ und so fortan/ ꝛc. Welcher aber außdauren/ und am besten sauffen konte/ wuste sich dessen groß zu machen/ und dünckte sich kein geringer Kerl zu seyn; zuletzt dürmelten sie alle herum/ [112] als wenn sie Bilsensamen genossen hätten. Es war eben ein wunderliches Faßnacht-Spiel an ihnen zu sehen/ und war doch niemand/ der sich darüber verwundert/ als ich; einer sang/ der ander weynet/ einer lachte/ der ander traurete/ einer fluchte/ der ander betete/ einer schrye überlaut Courage, der ander konte nicht mehr reden/ einer war stille und friedlich/ der ander wolte den Teuffel mit RauffHändeln bannen/ einer schlieff und schwiege still/ der ander plaudert/ daß sonst keiner vor ihm zukommen konte; Einer erzehlte seine liebliche Bulerey/ der ander seine erschröckliche Kriegs-Thaten/ etliche redeten von der Kirch und geistlichen Sachen/ andere von Ratione Status, der Politic, Welt- und Reichs-Händeln; theils lieffen hin und wider/ und konten an keiner Stelle bleiben/ andere lagen und vermochten nicht/ den kleinesten Finger zu regen/ geschweige auffrecht zu gehen oder zu stehen/ etliche frassen wie die Drescher/ und als ob sie acht Tage Hunger gelitten hätten/ andere kotzten wieder/ was sie denselbigen gantzen Tag eingeschlucket hatten. Einmal/ ihr gantzes Thun und Lassen war dermassen possierlich/ närꝛisch/ seltzam/ und darbey so sündhafftig und gottloß/ daß der mir entwischte üble Geruch/ darumb ich gleichwol so greulich zerschlagen worden/ nur ein Schertz dargegen zu rechnen. Endlich setzt es unden an der Tafel ernstliche Streit-Händel/ da warff man einander Gläser/ Becher/ Schüssel und Deller an die Köpff/ und schlug nicht allein mit Fäusten/ sondern auch mit Stülen/ Stul-Beinen/ Degen/ und allerhand[113] siben-Sachen drein/ daß etlich der rothe Safft über die Ohren lieffe/ aber mein Herꝛ stillete den Handel gleich wiederumb.

Das XXXIII. Capitel.

DA es nun wieder Fried worden/ namen die Meister-Säuffer die Spielleut sampt dem FrauenZimmer/ und wanderten in ein ander Hauß/ dessen Saal auch zu einer andern Thorheit erkoren und gewidmet war; Mein Herꝛ aber setzte sich auff sein Lotterbett/ weil ihm entweder vom Zorn oder der Uberfüllung wehe war/ ich liesse ihn ligen/ wo er lag/ damit er ruhen und schlaffen könte/ war aber kaum unter die Thür deß Zimmers kommen/ als er mir pfeiffen wolte/ und solches doch nicht konte: Er rieff/ aber nicht anders als Simpls: Jch sprang zu ihm/ und fand ihn die Augen verkehren wie ein Viehe/ das man absticht; Jch stund da vor ihm wie ein Stockfisch/ und wuste nicht was zu thun war: er aber deutet auffs Trysor/ und lallete: Br/ bra/ dring da das; du Schufft/ la/ la/ lang/ langs Lavor/ ich m/ mu/ muß e/ ein/ Fu/ Fuchs schiessen! Jch eylete und brachte das Lavor-Becken/ und als ich zu ihm kame/ hatte er ein paar Backen wie ein Trompeter; Er erwischte mich geschwind bey dem Arm/ und accommodirte mich zu stehen/ daß ich ihm das Lavor gerad vors Maul halten muste/ solches brach ihme mit schmertzlichen Hertz-Stössen ohnversehens auff/ und gosse eine solche wüste Materi in bemeldtes Lavor/ daß mir vor unleidenlichem Gestanck schier ohnmächtig wurde/ sonderlich weil [114] mir etliche Brocken (sal. ven.) ins Gesicht spritzten: Jch hätte bey nahe auch mit gemacht/ aber als ich sahe/ wie er verblaichte/ liesse ichs auß Forcht unterwegen/ und besorgte/ die Seel würde ihm sampt dem Unflat durchgeben/ weil ihm der kalte Schweiß außbrach/ und sein Angesicht einem Sterbenden ähnlich sahe: Als er sich aber gleich wieder erholte/ hieß er mich frisch Wasser holen/ damit er seinen Weinschlauch wieder außspülete.

Demnach befahl er mir den Fuchs hinweg zu tragen/ welcher mich/ weil er in einem silbern Lavor lag/ nichts verächtliches/ sondern ein Schüssel voller Vor-Essen vor vier Mann zu seyn/ bedünckt/ das sich bey Leib nicht hinweg zu schütten gebührte; zu dem wuste ich wol/ daß mein Herꝛ nichts schlimmes in seinen Magen gesamlet/ sondern herꝛliche und delicate Pastetlein/ wie auch von allerhand Gebaches/ Geflügel/ Wildpret und zahmen Viehe/ welches man alles noch artlich unterscheiden und kennen konte/ ich schumelte mich darmit/ wuste aber nicht wohin/ oder was ich drauß machen solte/ dorffte auch meinen Herꝛn nicht fragen. Jch gieng zum Hofmeister/ dem wiese ich dieses schöne Tractament, und fragte/ was ich mit dem Fuchs machen solte? Er antwortet/ Narꝛ gebe/ und bring ihn dem Kirschner/ daß er den Balg bereite; Jch fragte/ wo der Kirschner seye? Nein/ antwortet er/ da er mein Einfalt sahe/ bring ihn dem Doctor, damit er daran sehe/ was vor ein Zustand unser Herꝛ habe: Solchen Aprillen-Gang hätte ich gethan/ wann der Hofmeister nicht was anders geförcht hätte/ er hieß [115] mich derowegen den Bettel in die Küche tragen/ mit Befelch/ die Mägd soltens auffheben/ und ein Pfeffer drüber machen/ welches ich ernstlich außrichtet/ und deßwegen von den Schläpp-säcken mächtig agirt worden.

Das XXXIV. Capitel.

MEin Herꝛ gieng eben auß/ als ich meines Lavors loß worden/ ich trat ihm nach gegen einem grossen Hauß zu/ allwo ich im Saal Männer/ Weiber und ledige Personen/ so schnell untereinander herumb haspeln sahe/ daß es frey wim̃elte; die hatten ein solch Getreppel und Gejöhl/ daß ich vermeynte/ sie wären alle rasend worden/ dann ich konte nicht ersinnen/ was sie doch mit diesem Wüten und Toben vorhaben möchten? ja ihr Anblick kam mir so grausam/ förchterlich und schröcklich vor/ daß mir alle Berg gen Haar stunden/ und konte nichts anders glauben/ als sie müsten aller ihrer Vernunfft beraubt seyn: Da wir näher hinzu kamen/ sahe ich/ daß es unsere Gäst waren/ welche den Vormittag noch witzig gewesen; mein GOtt! gedacht ich/ was haben doch diese arme Leut vor? Ach/ es hat sie gewißlich eine Unsinnigkeit überfallen. Bald fiele mir ein/ es möchten vielleicht höllische Geister seyn/ welche in dieser angenommenen Weis dem gantzen menschlichen Geschlecht/ durch solch leichtfertig Geläuff und Affenspiel spotteten/ dann ich gedachte/ hätten sie menschliche Seelen und Gottes Ebenbild in sich/ so thäten sie auch wol nicht so unmenschlich. Als mein Herꝛ in Hauß-ehren kam/ und zum Saal eingehen [116] wolte/ hörete die Wut eben auff/ ohne daß sie noch ein buckens und duckens mit den Köpffen/ und ein kratzens und Schuh-schleiffens mit den Füssen auff dem Boden machten/ daß mich deuchte/ sie wolten die Fußstapffen wieder außtilgen/ die sie in währender Raserey getretten; Am Schweiß/ der ihnen über die Gesichter floß/ und an ihrem Geschnäuff/ konte ich abnehmen/ daß sie sich starck zerarbeitet hatten; aber ihre fröliche Angesichter gaben zu versiehen/ daß sie solche Bemühungen nicht sauer ankommen.

Jch hätte trefflich gern gewust/ wohin doch das närꝛisch Wesen gemeynt seyn möchte? fragte derowegen meinen Cameraden/ und vertrauten HertzBruder/ der mich erst kürtzlich das Wahrsagen gelernet/ was solche Wut bedeute? oder worzu dieses rasende trippen und trappen angesehen seye? Der berichtet mich vor eine grundliche Warheit/ daß sich die Anwesende vereinbart hätten/ dem Saal den Boden mit Gewalt einzutretten; Warumb vermeynst du wol/ sagt er/ daß sie sich sonst so dapffer dummlen solten? hasiu nicht gesehen/ wie sie die Fenster vor Kurtzweil schon außgeschlagen? eben also wird es auch diesem Boden gehen: HErꝛ GOtt/ antwortet ich/ so müssen wir ja mit zu Grund gehen/ und im hinunder fallen/ sampt ihnen/ Hals und Bein brechen? Ja/ sagt mein Camerad/ darauff ists angesehen/ und da geheyen sie sich den Teuffel darumb/ du wirst sehen/ wann sie sich also in Todts-Gefahr begeben/ daß jeder ein hübsche Frau oder Jungfer erwischt/ dann man sagt/ es pflege denen Paaren/ so also zusammen haltend fallen/ nicht bald wehe zu geschehen. Jn dem ich dieses alles glaubte/ über- [117] fiele mich eine solche Angst und Todtes. Sorg/ daß ich nicht mehr wuste/ wo ich bleiben solte/ und als die Musicanten/ deren ich bißher noch nicht wahrgenommen/ noch darzu sich hören liessen/ auch die Kerl den Damen zulieffen/ wie die Soldaten ihrem Gewehr und Posten/ wann sie die Trommel Lermen rühren hören/ und jeder eine bey der Hand erdappte/ wurde mir nicht anders/ als wenn ich allbereit den Boden eingehen/ und mich und viel andere mehr die Häls abstürtzen sähe: Da sie aber anfiengen zu gumpen/ daß der gantze Bau zitterte/ weil man eben ein trollichten Gassenhauer auffmachte/ gedachte ich/ nun ists umb dein Leben geschehen! Jch vermeynte nicht anders/ als der gantze Bau würde urplötzlich einfallen; Derowegen erwischte ich in der allerhöchsten Angst eine Dame von hohem Adel und vortrefflichen Tugenden/ mit welcher mein Herꝛ eben conversirte/ unversehens beym Arm wie ein Beer/ und hielte sie wie eine Klett; Da sie aber zuckte/ und nicht wuste/ was vor närꝛische Grillen in meinem Kopff sieckten/ spielte ich das Desperat. und fieng auß Verzweifflung an zu schreyen/ als wenn man mich hätte ermorden wollen: Das war aber noch nicht genug/ sondern es entwischte mir auch ohngefähr etwas in die Hosen/ so einen über alle massen üblen Geruch von sich gabe/ dergleichen meine Nase lange Zeit nicht empfunden. Die Musicanten wurden gähling still/ die Täntzer und Täntzerin höreten auff/ und die ehrliche Dam/ deren ich am Arm hieng/ befand sich offendirt/ weil sie ihr einbildet/ mein Herꝛ hätte ihr solches zum Schimpff thun lassen: Darauff befohl mein Herꝛ/ mich zu prügeln/ und hernach irgendhin [118] einzusperꝛen/ weil ich ihm denselben Tag schon mehr Possen gerissen hatte: Die Fourierschützen/ so exequiren solten/ hatten nicht allein Mitleiden mit mir/ sondern konten auch vor Gestanck nicht bey mir bleiben; entübrigten mich derohalben der Stöß/ und sperꝛeten mich unter eine Stege in Gäns-stall. Seithero hab ich der Sach vielmals nachgedacht/ und bin der Meynung worden/ daß solche Excrementa, die einem auß Angst und Schrecken entgehen/ viel üblern Geruch von sich geben/ als wenn einer ein starcke Purgation eingenommen.

ENDE deß I. Buchs.

 




 

[119]

Abentheurlicher Simplicissimus Teutsch: Das Zweyte Buch.

Das Erste Capitel.

JN meinem Gäns-Stall concipirte ich/ was beydes vom Tantzen und Sauffen ich im ersten Theil meines Schwartz und Weiß hiebevor geschrieben/ ist derowegen ohnnötig/ diß Orts etwas ferners darvon zu melden: Doch kan ich nicht verschweigen/ daß ich damals noch zweiffelte/ [123] ob die Täntzer den Boden einzutretten/ so gewütet/ oder ob ich nur so überꝛedet worden? Jetzt will ich ferner erzehlen/ wie ich wieder auß dem Gäns-Kercker kame; Drey gantzer Stund/ nemlich biß sich das Præludium Veneris (der ehrlich Tantz solt ich gesagt haben) geendet hatte/ muste ich in meinem eigenen Unlust sitzen bleiben/ ehe einer herzu schlich/ und an dem Rigel anfieng zu rappeln; Jch lausterte wie ein San die ins Wasser harnt/ der Kerl aber/ so an der Thür war/ machte solche nicht allein auff/ sondern wischte auch eben so geschwind hinein/ als gern ich heraussen gewest wäre/ und schleppte noch darzu ein Weibsbild an der Hand mit sich daher/ gleich wie ich beym Tantz hatte thun sehen: Jch konte nicht wissen/ was es abgeben solte/ weil ich aber vielen seltzamen Abentheuren/ die meinem närꝛischen Sinn denselben Tag begegnet/ schier gewohnt war/ und ich mich drein ergeben hatte/ fürterhin alles mit Gedult und Stillschweigen zu ertragen/ was mir mein Verhängnus zuschicken würde; Als schmiegt ich mich zu der Thür mit Forcht und Zittern/ das End erwartete; gleich darauff erhub sich zwischen diesen beyden ein Gelispel/ darauß ich zwar nichts anders verstunde/ als daß sich das eine Theil über den bösen Geruch desselben Orts beklagte/ und hingegen der ander Theil das erste hinwiederum tröstete: Gewißlich schönste Dame/ sagt er/ mir ist versichert von Hertzen leyd/ daß uns die Früchte der Lieb zu geniessen/ vom mißgönstigen Glück kein ehrlicher Ort gegönnet wird; Aber ich kan darneben betheuren/ daß mir ihre holdseelige Gegenwart diesen verächtlichen Winckel anmutiger macht/ als das [124] lieblichste Paradeis selbsten: Hierauff hörte ich küssen/ und vermerckte seltzame Posturen/ ich wusie aber nicht was es war oder bedeuten solte/ schwieg derowegen noch fürters so still als ein Mauß. Wie sich aber auch sonst ein possirlich Geräusch erhube/ und der Gänsstall/ so nur von Brettern unter die Stege getäfelt war/ zu krachen anfienge/ zumaln das Weibsbild sich anstellte/ als ob ihr gar wehe bey der Sach geschehe/ da gedachte ich/ das seynd zwey von denen wütenden Leuten/ die den Boden helffen eintretten/ und sich jetzt hieher begeben haben/ da gleicher weis zu hausen/ und dich umbs Leben zu bringen. So bald diese Gedancken mich einnamen/ so bald nam ich hingegen die Thür ein/ dem Todt zu entfliehen/ dardurch ich mit einem solchen Mordio-Geschrey hinauß wischte/ das natürlich lautet/ wie das jenige/ das mich an denselben Ort gebracht hatte/ doch war ich so gescheid/ daß ich die Thür hinder mir wieder zurigelte/ und hingegen die offene Haußihür suchte. Dieses nun war die erste Hochzeit/ bey deren ich mich mein Lebtag befunden/ unangesehen ich nicht darzu geladen woꝛden hingegen dorffte ich aber auch nichts schencken/ wiewol mir hernach der Hochzeiter die Zech desto theurer rechnete/ die ich auch redlich bezahlte. Günstiger Leser/ ich erzehle diese Geschicht nicht darumb/ damit Er viel darüber lachen solle/ sondern damit meine Histori gantz seye/ und der Leser zu Gemüt führe/ was vor ehrbare Früchten von dem Tantzen zu gewarten seyen. Diß halte ich einmal vor gewiß/ daß bey den Täntzen mancher Kauff gemacht wird/ dessen sich hernach eine gantze Freundschafft zu schämen hat.

[125]

Das II. Capitel.

OB ich nun zwar dergestalt auß dem Gäns-stall glücklich entronnen/ so wurde ich jedoch erst meines Unglücks recht gewahr/ dann meine Hosen waren voll/ und ich wuste nicht wohin damit; in meines Herꝛn Quartier war alles still und schlaffend/ dahero dorffte ich mich zur Schildwacht/ die vorm Hauß stunde/ nicht nähern/ in der Hauptwach Corps de Guarde wolte man mich nicht leiden/ weil ich viel zu übel stanck/ auffder Gassen zu bleiben war mirs gar zu kalt und ohnmüglich/ also daß ich nicht wuste wo auß noch ein. Es war schon weit nach Mitternacht/ als mir einfiele/ ich solte mein Zuflucht zu dem vielgemeldten Pfarꝛer nemmen; Jch folgete meinem Gutbefinden/ vor der Thür anzuklopffen/ damit war ich so importun, daß mich endlich die Magd mit Unwillen einliesse. Als sie aber roche was ich mit brachte/ (dann ihre lange Nas verꝛieth gleich meine Heimlichkeit) wurde sie noch schelliger; Derowegen fienge sie an mit mir zu keifen/ welches ihr Herꝛ/ so nunmehr fast außgeschlaffen hatte/ bald hörete: Er ruffte uns bey den vor sich ans Bett/ so bald er aber merckte/ wo der Has im Pfeffer lag/ und die Nas ein wenig gerümpfft hatte/ sagte er: Es seye niemals/ ohnangesehen was die Calender schreiben/ besser baden/ als in solchem Stand/ darinn ich mich befünde/ er befahl auch seiner Magd/ sie solte biß es vollends Tag würde/ meine Hosen wäschen/ und vor den Stuben-Ofen hängen/ mich selbst aber in ein Bett legen/ dann er sahe wol/ daß ich vor Frost gantz erstarꝛt war: Jch war kaum erwarmt/ da es anfieng zu ta- [126] gen/ so stunde der Pfarꝛer schon vorm Bett/ zu vernehmen wie mirs gangen/ und wie meine Händel beschaffen wären/ weil ich meines nassen Hemds und der Hosen halber noch nicht auffstehen konte/ zu ihm zu gehen: Jch erzehlte ihm alles/ und machte den Anfang an der Kunst/ die mich mein Camerad gelernet/ und wie übel sie gerathen. Folgends meldet ich/ daß die Gäst/ nachdem Er der Pfarꝛer hinweg gewest/ gantz unsinnig worden wären/ und (massen mich mein Camerad also berichtet) ihnen vorgenommen hätten/ dem Hauß den Boden einzutretten; item in was vor ein schröckliche Angst ich darüber gerahten/ und auff was Weis ich mich vorm Untergang conserviren wollen/ darüber aber in Gäns-stall gesperꝛet worden/ auch was ich in demselben von den Zweyen/ so mich wieder erlöst/ vor Wort und Werck vernommen/ und welcher gestalt ich sie beyde an meine statt eingesperꝛet hätte. Simplici, sagt der Pfarrer/ deine Sachen stehen lausig/ du hattest einen guten Handel/ aber ich sorg! ich sorg! es sey verschertzt; pack dich nur geschwind auß dem Bett/ und troll dich auß dem Hauß/ damit ich nicht sampt dir in deines Herꝛn Ungnad komme/ wenn man dich bey mir findet. Also muste ich mit meinem fenchten Gewand hinziehen/ und zum ersten mal erfahren/ wie wol einer bey männiglich daran ist/ wenn er seines Herꝛn Gunst hat/ und wie scheel einer hingegen angesehen wird/ wann solche hincket.

Jch gieng in meines Herꝛn Quartier/ darinn noch alles steinhart schlieff/ biß auff den Koch und ein paar Mägd/ diese butzten das Zimmer/ darinnen man gestern gezecht/ jener aber rüstete auß den Abschrötlin [127] wieder ein Frühstück/ oder vielmehr ein Jmbis zu; Am ersten kam ich zu den Mägden/ bey denen lag es hin und wider voller zerbrochener so Trinck- als Fenster-Gläser/ an theils Orten war es von dem/ so unden und oben weg gangen/ und an andern Orten waren grosse Lachen von verschüttem Wein und Bier/ also daß der Boden einer Land-Karten gleich sahe/ darinnen man unterschiedliche Meer/ Jnsuln und truckene oder Fußveste Länder hätte abbilden/ und vor Augen stellen wollen. Es stanck im gantzen Zimmer viel übler/ als in meinem Gäns-stall; derowegen war auch meines bleibens nicht lang daselbsten/ sondern ich machte mich in die Küchen/ und liesse meine Kleider beym Feur am Leib vollends trücknen/ mit Forcht und Zittern erwartend/ was das Glück/ wenn mein Herꝛ außgeschlaffen hätte/ ferners in mir würcken wolte; Darneben betrachtet ich der Welt Thorheit und Unsinnigkeit/ und zog alles zu Gemüt/ was mir verwichenen Tag und selbige Nacht begegnet war/ auch was ich sonst gesehen/ gehört und erfahren hatte. Solche Gedancken verursachten/ daß ich damals meines Einsidlers geführtes dörfftig und elend Leben vor glückseelig schätzte/ und ihn und mich wieder in vorigen Stand wünschete.

Das III. Capitel.

ALs mein Herꝛ auffgestanden/ schickte er seinen Leibschützen hin/ mich auß dem Gänsstall zu holen/ der brachte Zeitung/ daß er die Thür offen/ und ein Loch hinder dem Rigel mit einem Messer geschnitten gefunden/ vermittelst dessen der Gefangene sich selbst erledigt hätte: Ehe aber solche Nachricht ein- [128] kam/ verstunde mein Herꝛ von andern/ daß ich vor längst in der Küchen gewesen: Jndessen musten die Diener hin und wieder lauffen/ die gestrige Gäst zum Frühestück einzuholen/ unter welchen der Pfarꝛer auch war/ welcher zeitlicher als andere erscheinen muste/ weil mein Herꝛ meinetwegen mit ihm reden wolte/ ehe man zur Tafel sässe. Er fragte ihn erstlich/ ob er mich vor witzig oder vor närꝛisch hielte? oder ob ich so einfältig/ oder so boßhafftig seye? und erzehlet ihm damit alles/ wie unehrbarlich ich mich den vorigen Tag und Abend gehalten/ welches theils von seinen Gästen übel empfunden/ und auffgenommen werde/ als wäre es ihnen zum Despect mit Fleiß so angestellt worden/ item daß er mich hätte in einen Gänsstall versperꝛen lassen/ sich vor dergleichen Spott/ so ich ihm noch hätte zufügen können/ zu versichern/ auß welchem ich aber gebrochen/ und nun in der Küchen umbgehe/ wie ein Juncker/ der ihm nicht mehr auffwarten dörffe/ sein Lebtag sey ihm kein solcher Poß widerfahren/ als ich ihm in Gegenwart so vieler ehrlichen Leut gerissen/ er wisse nichts anders mit mir anzufangen/ als daß er mich lasse abprügeln/ und weil ich mich so dumm anliesse/ wieder vor den Teuffel hin jage.

Jnzwischen als mein Herꝛ so über mich klagte/ samleten sich die Gäst nach und nach/ da er aber außgeredet hatte/ antwort der Pfarꝛer: Wann ihm der Herꝛ Gouverneur ein kleine Zeit mit ein wenig Gedult zuzuhören beliebte/ so wolte er von Simplicio der Sachen halber eines und anders erzehlen/ darauß nicht allein seine Unschuld zu vernehmen seyn/ sondern auch denen/ so sich seines Verhaltens halber [129] disgustirt befinden wolten/ alle ungleiche Gedancken benommen würden.

Als man dergestalt oben in der Stuben von mir redete/ accordirt der dolle Fähnrich/ den ich an meine Stell selb ander angesperꝛt hatte/ unden mit mir in der Küchen/ und brachte mich durch Drohwort und einen Thaler/ den er mir zusteckte/ dahin/ daß ich ihm versprach/ von seinen Händeln reinen Mund zu halten.

Die Tafeln wurden gedeckt/ und wie den vorigen Tag mit Speifen und Leuten besetzt/ WermutSalbey-Alant-Quitten- und Citronen-Wein muste neben dem Hippocras den Säuffern ihre Köpff und Mägen wieder begütigen/ denn sie waren schier alle deß Teuffels Märtyrer. Jhr erstes Gespräch war von ihnen selbsten/ nemlich wie sie gestern einander so brav voll gesoffen hätten/ und war doch keiner unter ihnen/ der gründlich gestehen wolte/ daß er voll gewesen/ wiewol den Abend zuvor theils bey Teuffel holen geschworen/ sie könten nicht mehr sauffen/ auch Wein mein Herꝛ! geschryen und geschrieben hatten. Etliche zwar sagten/ sie hätten gute Räusch gehabt/ andere aber bekenneten/ daß sich keiner mehr voll söffe/ sint die Räusch auffkommen. Als sie aber von ihren eigenen Thorheiten beydes zu reden und zu hören müd waren/ musie sich der arme Simplicius leiden: Der Gouverneur selbst erinnerte den Pfarꝛer/ die lustige Sachen zu eröffnen/ wie er versprochen hätte.

Dieser bate zuvörderst/ man wolte ihm nichts vor ungut halten/ dafern er etwan Wörter reden müste/ die seiner geistlichen Person übel anständig zu seyn [130] vermerckt würden; Fienge darauff an zu erzehlen/ erstlich auß was vor natürlichen Ursachen mich die Leibs-Dünste zu plagen pflegten/ was ich durch solche dem Secretario vor einen Unlust in die Cantzley angerichtet: Was ich neben dem Wahrsagen vor ein Kunst darwider gelernet/ und wie schlim solche in der Prob bestanden. Jtem wie seltzam mir das tantzen vorkommen/ weil ich dergleichen niemalen gesehen/ was ich vor Bericht deßhalber von meinem Cameraden eingenommen/ welcher Ursachen halder ich dann die vornehme Dame ergriffen/ und darüber in Gänsstall kommen. Solches aber brachte er mit einer wol-anständigen Art zu reden vor/ daß sie sich trefflich zerlachen musten/ entschuldigt darbey meine Einfalt und Unwissenheit so bescheidenlich/ daß ich wieder in meines Herꝛn Gnad kame/ und vor der Tafel auffwarten dorffte/ aber von dem was mir im Gänsstall begegnet/ und wie ich wieder darauß erlöst worden/ wolte er nichts sagen/ weil ihn bedünckte/ es hätten sich an seiner Person etliche Saturnische Holtzböck geärgert/ die da vermeynten/ Geistliche solten nur immer sauer sehen; hingegen fragte mich mein Herꝛ/ seinen Gästen ein Spaß zu machen/ was ich meinem Cameraden geben hätte/ daß er mich so saubere Künste gelehret? und als ich antwortet/ nichts! sagte er/ so will ich ihm das Lehrgelt vor dich bezahlen/ wie er ihn dann hier auff in ein Futterwanne spannen/ und allerdings karbäitschen liesse/ wie man mirs den vorigen Tag gemacht/ als ich die Kunst probirt/ und falsch befunden hatte.

Mein Herꝛ hatte nunmehr genug Nachricht von meiner Einfalt/ wolte mich derowegen stimmen/ ihm [131] und seinen Gästen mehr Lust zu machen/ er sahe wol/ daß die Musicanten nichts galten/ so lang man mich unterhanden haben würde/ denn ich bedünckte mit meinen närꝛischen Einfällen jederman über 17. Lauten zu seyn. Er fragte/ warumb ich die Thür an dem Gänsstall zerschnitten hätte? Jch antwortet/ das mag jemand anders gethan haben; Er fragte/ wer dann? Jch sagte/ vielleicht der so zu mir kommen; Wer ist denn zu dir kommen? Jch antwortet/ das darff ich niemand sagen; Mein Herꝛ war ein geschwinder Kopff/ und sahe wol wie man mir lausen muste/ derowegen übereylt er mich/ und fragte/ wer mir solches dann verbotten hätte? Jch antwortet gleich/ der dolle Fähnrich; und demnach ich an jedermans Gelächter merckete/ daß ich mich gewaltig verhauen haben müste/ der dolle Fähnrich/ so mit am Tisch sasse/ auch so roth wurde/ wie ein glühende Kohl; als wolte ich nichts mehr schwätzen/ es würde mir denn von demselben erlaubt. Es war aber nur umb einen Wunck zu thun/ den mein Herꝛ dem dollen Fähnrich an statt eines Befehls gab/ da dorfft ich reden was ich wuste. Darauff fragte mich mein Herꝛ/ was der dolle Fähnrich bey mir im Gäns-Stall zu thun gehabt? ich antwortet/ er brachte eine Jungfer zu mir hinein: Was thät er aber weiters? sagte mein Herꝛ/ Jch antwortet/ mich deuchte/ er wolte im Stall sein Wasser abgeschlagen haben. Mein Herꝛ fragte/ was thät aber die Jungfer darbey/ schämte sie sich nicht? Ja wol nein Herꝛ! sagte ich/ sie hub den Rock auff/ und wolte darzu (mein hochgeehrter/ Zucht- Ehr- und Tugendliebender Leser verzeyhe meiner unhöflichen Feder/ daß sie alles so[132] grob schreibt/ als ichs damals vorbrachte) scheissen. Hierüber erhub sich bey allen Anwesenden ein solch Gelächter/ daß mich mein Herꝛ nicht mehr hören/ geschweige etwas weiters fragen konte/ und zwar war es auch nicht weiters vonnöten/ man hätte dann die ehrliche fromme Jungfer scil. auch in Spott bringen wollen.

Hierauff erzehlte der Hofmeister vor der Tafel/ daß ich neulich vom Bollwerck oder Wall heim kommen/ und gesagt: Jch wüste wo der Donner und Blitz herkäme/ ich hätte grosse Plöcher auff halben Wägen gesehen/ die inwendig hol gewesen/ in dieselbe hätte man Zwibelsaamen sampt einer eisernen weissen Rüben/ deren der Schwantz abgeschnitten/ gestopfft/ hernach die Plöcher hinden her ein wenig mit einem zinckigten Spieß gekützelt/ darvon wäre vornen herauß Dampff/ Donner und höllisch Feuer geschlagen. Sie brachten noch mehr dergleichen Posten auff die Bahn/ also daß man schier denselben gantzen Jmbiß von sonst nichts/ als nur von mir zu reden und zu lachen hatte. Solches verursachte einen allgemeinen Schluß zu meinem Untergang/ welcher war/ daß man mich dapffer agiren solte/ so würde ich mit der Zeit einen raren Tischrath abgeben/ mit dem man auch den grösten Potentaten von der Welt verehren/ und die Sterbende zu lachen machen könte.

Das IV. Capitel.

WJe man nun also schlampamte/ und wieder wie gester gut Geschirꝛ machen wolte/ meldet die Wacht mit Einhändigung eines Schreibens an den [133] Gouverneur, einen Commissarium an/ der vor dem Thor seye/ welcher von der Kron Schweden KriegsRäthen abgeordnet war/ die Guarmson zu mustern/ und die Vestung zu visitiren. Solches versaltzte allen Spaß/ und alles Freuden-Gelach verlummerte wie ein Sackpfeiffen-Zipffel/ dem der Plast entgangen: Die Musicanten und die Gäst zerstoben wie TobackRauch verschwindet/ der nur den Geruch hinder sich läst; mein Herꝛ trollte selbst mit dem Adjutanten/ der die Schlüssel trug/ sampt einem Außschuß von der Hauptwacht und vielen Windliechtern/ dem Thor zu/ den Plackschmeisser/ wie er ihn nennete/ selbst einzulassen: Er wünschte/ daß ihm der Teuffel den Hals in tausend Stück brechen/ ehe er in die Vestung käme! So bald er ihn aber eingelassen/ und auff der innern Fallbrücken bewillkommte/ fehlte wenig oder gar nichts/ daß er ihm nicht selbst an Stegräiff griff/ seine Devotion gegen ihm zu bezeugen/ ja die Ehrerbietung wurde augenblicklich zwischen beyden so groß/ daß der Commissarius abstieg/ und zu Fuß mit meinem Herꝛn gegen seinem Losament fort wanderte/ da wolte jeder die lincke Hand haben/ ꝛc. Ach! gedachte ich/ was vor ein Wunder-falscher Geist regiert doch die Menschen/ in dem er je den einen durch den andern zum Narꝛen macht. Wir näherten also der Haupt-Wacht/ und die Schildwacht ruffte ihr Wer da? wiewol sie sahe/ daß es mein Herꝛ war; Dieser wolte nicht antworten/ sondern jenem die Ehr lassen/ daher stellte sich die Schildwacht mit Widerholung ihres Geschreys desto hefftiger: Endlich antwortet er auff das letztere Wer da? Der Mann ders Geld gibt! Wie wir nun bey der Schild [134] wacht vorbey passirten/ und ich so hinden nach zog/ hörete ich ermeldte Schildwacht/ die ein neugeworbener Soldat/ und zuvor ihres Handwercks ein wolhäbiger junger Bauresmann auff dem Vogelsberg gewest war/ diese Wort brumlen: Du magst wol ein verlogener Kund seyn; ein Mann ders Geld gibt! Ein Schindhund ders Geld nimmt! das bist du; So viel Gelds hastu mir abgeschweist/ daß ich wolte/ der Hagel erschlüg dich/ ehe du wieder auß der Statt kämest. Von dieser Stund an faßte ich die Gedancken/ dieser fremde Herꝛ im sam̃eten Mutzen müsse ein heiliger Mann seyn/ weil nicht allein keine Flüch an ihm haffteten/ sondern dieweil ihm auch seine Hasser alle Ehr/ alles Liebs und alles Gutes erwiesen/ er wurde noch dieselbe Nacht Fürstlich tractirt/ blind voll gesoffen/ und noch darzu in ein herꝛlich Bett gelegt.

Folgende Täge giengs bey der Musterung bund über Eck her/ ich einfältiger Tropff war selbst geschickt genug/ den klugen Commissarium (zu welchen Aemptern und Verꝛichtungen man Warlich keine Kinder nimmt) zu betrügen/ welches ich eher als in einer Stund lernete/ weil die gantze Kunst nur in 5. und 9. bestunde/ selbige auff einer Trommel zu schlagen/ weil ich noch zu klein war/ einen Mußquetierer zu præsentiren; man staffirte mich zu solchem End mit einem entlehnten Kleid/ und auch mit einer entlehnten Trommel/ (denn meine geschürtzte PageHosen taugten nichts zum Handel) ohne Zweiffel darumb/ weil ich selbst entlehnt war/ damit passirte ich glücklich durch die Musterung: Demnach man aber meiner Einfalt nicht zugetraute/ ein frembden [135] Nahmen im Sinn zu behalten/ auff welchen ich antworten und hervor tretten solte/ muste ich der Simplicius verbleiben/ den Zunahmen ersetzte der Gouverneur selbsten/ und liesse mich Simplicius Simplicissimus in die Roll schreiben/ mich also wie ein Hurenkind zum ersien meines Geschlechts zu machen/ wiewol ich seiner eigenen Schwester/ seiner seldst-Bekantnus nach/ ähnlich sahe. Jch behielt auch nachgehends diesen Nahmen und Zunahmen/ biß ich den rechten erfuhr/ und spielte unter solchem meine Person zu Nutz deß Gouverneurs, und geringen Schad der Kron Schweden zimlich wol/ welches denn alle meine Kriegs Dienste seyn/ die ich derselben mein Lebtag geleistet/ derowegen dann ihre Feinde mich deßwegen zu neiden kein Ursach haben.

Das V. Capitel.

ALs der Commissarius wieder hinweg war/ liesse vielgemeldter Pfarꝛer mich heimlich zu sich in sein Losament kommen/ und sagte: ô Simplici, deine Jugend dauret mich/ und deine künfftige Unglückseeligkeit bewegt mich zum Mitleiden; Höre mein Kind/ und wisse gewiß/ daß dein Herꝛ dich aller Vernunfft zu beranben/ und zum Narꝛen zu machen entschlossen/ massen er zu solchem End bereits ein Kleid vor dich verfertigen läst/ morgen must du in die jenige Schul/ darinn du deine Vernunfft verlernen solt; in derselben wird man dich ohne Zweiffel so greulich trillen/ daß du/ wenn anders GOtt und natürliche Mittel solches nicht verhindern/ ohne Zweiffel zu einem Phantasten werden must. Weil aber solches ein mißlich und sorglich Handwerck ist/ als hab ich [136] umb deines Einfidlers Frommkeit/ und umb deiner eigenen Unschuld willen/ auß getreuer Christlicher Liebe/ dir mit Rath und nothwendigen guten Mitteln beyspringen/ und gegenwärtige Artzney zustellen wollen; Darumb folge nun meiner Lehr/ und nimm dieses Pulver ein/ welches dir das Hirn und Gedächtnus dermassen stärcken wird/ daß du unverletzt deines Verstands alles leicht überwinden magst: Auch hastu hierbey einen Balsam/ damit schmiere die Schläff/ den Würbel/ und das Knick sampt den Naslöchern/ und diese beyde Stück brauche auff den Abend/ wenn du schlaffen gehest/ sintemal du keine Stund sicher seyn wirst/ daß du nicht auß dem Bett abgeholet werdest/ aber sehe zu/ daß niemand dieser meiner Warnung und mitgetheilten Artzney gewahr werde/ es möchte sonst dir und mir übel außschlagen/ und wenn man dich in dieser verfluchten Cur haben wird/ so achte und glaube nicht alles/ was man dich überꝛeden will/ und stelle dich doch/ als wenn du alles glaubtest/ rede wenig/ damit deine Zugeordnete nicht an dir mercken/ daß sie läer Stroh dreschen/ sonsten werden sich deine Plagen verändern/ wiewol ich nit wissen kan/ auff was Weis sie mit dir umgehen werden; Wenn du aber den Strauß und das NarꝛenKleid anhaben wirst/ so komm wieder zu mir/ damit ich deiner mit fernerm Rath pflegen möge. Jndessen will ich Gott vor dich bitten/ daß er deinen Verstand und Gesundheit erhalten wolle: Hier auff stellt er mir gemeldtes Pulver und Sälblein zu/ und wandert damit wieder nach Hauß.

Wie der Pfarꝛer gesagt hatte/ also giengs; Jm ersten Schlaff kamen vier Kerl in schröcklichen Teuf- [137] fels-Larven vermummt/ zu mir ins Zim̃er vors Bett/ die sprangen herumb wie Gauckler und FaßnachtsNarꝛen/ einer hatte einen glüenden Hacken/ und der ander eine Fackel in Händen/ die andere zween aber wischten über mich her/ zogen mich auß dem Bett/ tantzten ein Weil mit mir hin und her/ und zwangen mir meine Kleider an Leib/ ich aber stellte mich/ als wenn ich sie vor rechte natürliche Teuffel gehalten hätte/ verführte ein jämmerliches Zettergeschrey/ und liesse die aller-forchtsamste Geberden erscheinen; aber sie verkündigten mir/ daß ich mit ihnen fort müsie/ hierauff verbanden sie mir den Kopff mit einer Handzwell/ daß ich weder hören/ sehen noch schreyen konte: Sie führten mich unterschiedliche Umbweg/ viel Stegen auff und ab/ und endlich in einen Keller/ darinn ein grosses Feuer branne/ und nachdeme sie mir die Handzwell wieder abgebunden/ fiengen sie an mir in Spanischem Wein und Malvasier zuzutrincken. Sie hatten mich gut überꝛeden/ ich wäre gestorben/ und nunmehr im Abgrund der Höllen/ weil ich mich mit Fleiß also stellete/ als wenn ich alles glaubte/ was sie mir vor logen: Sauffe nur dapffer zu/ sagten sie/ weil du doch ewig bey uns bleiben must/ wilstu aber nicht ein gut Gesell seyn/ und mit machen/ so mustu in gegenwärtiges Feur: Die arme Teuffel wolten ihre Sprach und Stimm verquanten/ damit ich sie nicht kennen solte/ ich merckte aber gleich/ daß es meines Herꝛn Fourierschützen waren/ doch ließ ichs mich nicht mercken/ sondern lachte in die Faust/ daß diese/ so mich zum Narꝛen machen solten/ meine Narꝛen seyn musten. Jch tranck meinen Theil mit vom Spanischen Wein/ sie aber soffen[138] mehr als ich/ weil solcher himmlische Nectar selten an solche Gesellen kompt/ massen ich noch schwören dörffte/ daß sie eher voll worden/ als ich; Da michs aber Zeit zu seyn bedünckte/ stellte ich mich mit hin und her dorckeln/ wie ichs neulich an meines Herꝛn Gästen gesehen hatte; und wolte endlich gar nicht mehr sauffen/ sondern schlaffen/ hingegen jagten und stiessen sie mich mit ihrem Hacken/ den sie allezeit im Feuer ligen hatten/ in allen Ecken deß Kellers herum/ daß es sahe/ als ob sie selbst närꝛisch worden wären/ entweder daß ich mehr trincken/ oder auffs wenigste nicht schlaffen solte/ und wenn ich in solcher Hatz nider fiele/ wie ich denn offt mit Fleiß thät/ so packten sie mich wieder auff/ und stellten sich/ als wann sie mich ins Feuer werffen wolten: Also gieng mirs wie einem Falcken dem man wacht/ welches mein grosses Creutz war. Jch hätte sie zwar Trunckenheit und Schlaffs halber wol außgedauret/ aber sie verblieben nicht allweg beyeinander/ sondern lösten sich untereinander ab/ darumb hätte ich zuletzt den Kürtzern ziehen müssen: Drey Täg und zwo Nächt hab ich in diesem raucherichten Keller zubracht/ welcher kein ander Liecht hatte/ als was das Feur von sich gab/ der Kopff fieng mir dahero an zu brausen und zu wüten/ als ob er zerꝛeissen wolte/ daß ich endlich einen Fund ersinnen muste/ mich meiner Qual sampt den Peinigern zu entledigen/ ich machte es wie der Fuchs/ welcher den Hunden ins Gesicht harnt/ weñ er ihnen nicht mehr zu entrinnen getraut/ dann weil mich eben die Natur triebe/ meine Notdursst (s. v.) zu thun/ bewegte ich mich zugleich mit einem Finger im Hals zum Unwillen/ dergestalt/ daß ich mit einem[139] unleidenlichen Gestanck die Zech bezahlte/ also daß auch meine Teuffel selbst schier nicht mehr bey mir bleiben konten; damals legten sie mich in ein Leylach/ und zerplotzten mich so unbarmbertzig/ daß mir alle innerliche Glieder sampt der Seelen herauß hätten fahren mögen. Worvon ich dermassen auß mir selber kam/ und deß Gebrauchs meiner Sinnen beraubt wurde/ daß ich gleichsam wie todt da lag/ ich weiß auch nicht was sie ferners mit mir gemacht haben/ so gar war ich allerdings dahin.

Das VI. Capitel.

ALs ich wieder zu mir selber kam/ befand ich mich nicht mehr in dem öden Keller bey den Teuffeln/ sondern in einem schönen Saal/ unter den Händen dreyer der allergarstigsten alten Weiber/ so der Erdboden je getragen; ich hielte sie anfänglich/ als ich die Augen ein wenig öffnete/ vor natürliche höllische Geister/ hätte ich aber die alte Heydnische Poëten schon gelesen gehabt/ so hätte ich sie vor die Eumenides, oder wenigst die eine eigentlich vor die Thisiphone gehalten/ welche mich wie den Athamantem meiner Sinn zu berauben/ auß der Höllen ankommen wäre/ weil ich zuvor wol wuste/ daß ich darumb da war/ zum Narꝛen zu werden: Diese hatte ein paar Augen wie zween Jrꝛwisch/ und zwischen denselben eine lange magere Habichs-Nas/ deren Ende oder Spitz die undere Lefftzen allerdings erꝛeichte/ nur zween Zähn sahe ich in ihrem Maul/ sie waren aber so vollkommen/ lang/ rund und dick/ daß sich jeder bey nahe der Gestalt nach mit dem Goldfinger/ der Farb nach aber sich mit dem Gold selbst hätte vergleichen [140] lassen; Jn Sum̃a/ es war Gebeins genug vorhanden zu einem gantzen Maul voll Zähn/ es war aber gar übel außgetheilt/ ihr Angesicht sahe wie Spanisch Leder/ und ihre weisse Haar hiengen ihr seltzam zerstrobelt umb den Kopff herumb/ weil man sie erst auß dem Bett geholt hatte; ihre lange Brüst weiß ich nichts anders zu vergleichen/ als zweyen lummerichten Kuh-Blasen/ denen zwey Drittel vom Blast entgangen/ unden hienge an jeder ein schwartz-brauner Zapff halb Fingers lang; Warhafftig ein erschröcklicher Anblick/ der zu nichts anders/ als vor eine treffliche Artzney wider die unsinnige Liebe der gailen Böck hätte dienen mögen/ die andere zwo waren gar nicht schöner/ ohne daß dieselbe stumpffe Affen-Näslein/ und ihre Kleider etwas ordentlicher angethan hatten: Als ich mich besser erkoverte/ sahe ich/ daß die eine unser Schüsselwäscherin/ die andere zwo aber zweyer Fourierschützen Weiber waren. Jch stellte mich/ als wenn ich mich nicht zu regen vermochte/ wie mich dann in Warheit auch nicht tantzerte/ als diese ehrliche alte Mütterlein mich splitter-nackend außzogen/ und von allem Unrath wie ein junges Kind säuberten: Doch thät mir solches trefflich sanfft/ sie bezeugten unter währender Arbeit ein grosse Gedult und treffliches Mitleiden/ also daß ich ihnen bey nahe offenbart hätte/ wie wol mein Handel noch stünde; doch gedacht ich/ Nein Simplici! vertraue keinem alten Weib/ sondern gedencke/ du habest Victori genug/ wenn du in deiner Jugend drey abgefäumte alte Vetteln/ mit denen man den Teuffel im weiten Feld fangen möchte/ betrügen kanst; du kanst auß dieser Occasion Hoffnung schöpffen/ im[141] Alter mehrers zu leisten. Da sie nun mit mir fertig waren/ legten sie mich in ein köstlich Bett/ darinnen ich ohngewieget entschlieff/ sie aber giengen/ und namen ihre Kübel und andere Sachen/ damit sie mich gewaschen hatten/ sampt meinen Kleidern und allen Unflat mit sich hinweg. Meines Davorhaltens schlieffe ich diesen Satz länger als 24. Stund/ und da ich wieder erwachte/ stunden zween schöne geflügelte Knaben vorm Bett/ welche mit weissen Hemdern/ daffeten Binden/ Perlen/ Cleinodien/ güldenen Ketten und andern scheinbarlichen Sachen köstlich gezieret waren: Einer hatte ein verguldtes Lavor voller Hippen/ Zuckerbrot/ Marzeban und ander Confect, der ander aber einen vergüldten Becher in Handen. Diese als Engel/ davor sie sich außgaben/ wolten mich bereden/ daß ich nunmehr im Himmel sey/ weil ich das Fegfeuer so glucklich überstanden/ und dem Teuffel sampt seiner Mutter entgangen/ derohalben solte ich nur begehren/ was mein Hertz wünschte/ sintemal alles/ was mir nur beliebte/ genug vorhanden wäre/ oder doch sonst herbey zu schaffen/ in ihrer Macht stünde. Mich quälte der Durst/ und weil ich den Becher vor mir sahe/ verlangte ich nur den Trunck/ der mir auch mehr als gutwillig geraicht wurde; Solches war aber kein Wein/ sondern ein lieblicher Schlafftrunck/ welchen ich ohnabgesetzt zu mir nam/ und davon wieder entschlieff/ so bald er bey mir erwarmt.

Den andern Tag erwachte ich wiederumb/ (dann sonst schlieffe ich noch) befand mich aber nicht mehr im Bett/ noch in vorigem Saal/ sondern in meinem alten Gäns-Kercker/ da war abermal eine greuliche [142] Finsternus wie in vorigem Keller/ und über das hatte ich ein Kleid an von Kalb-Fellen/ daran das rauhe Theil auch außwendig gekehrt war/ die Hosen waren auff Polnisch oder Schwäbisch/ und das Wambs noch wol auff ein närꝛischere Manier gemacht/ oben am Hals stunde eine Kappe wie ein Mönchs-gugel/ die war mir über den Kopff gestreifft/ und mit einem schönen paar grosser Esels-Ohren geziert. Jch muste meines Unsterns selbst lachen/ weil ich beydes am Nest und den Federn sahe/ was ich vor ein Vogel seyn solte: Dam als fieng ich erst an/ in mich selbst zu gehen/ und auff mein Bestes zu gedencken. Jch setzte mir vor/ mich auff das närꝛischte zu stellen/ als mir immer möglich seyn möchte/ und darneben mit Gedult zu erharꝛen/ wie sich mein Verhänguns weiters anlassen würde.

Das VII. Capitel.

VErmittelst deß Lochs/ so der dolle Fähnrich hiebevor in die Thür geschnitten/ hätte ich mich wol erledigen können/ weil ich aber ein Narꝛ seyn solte/ ließ ichs bleiben/ und thät nicht allein wie ein Narꝛ/ der nicht so witzig ist/ von sich selbst herauß zu gehen/ sondern stellte mich gar wie ein hungerig Kalb/ das sich nach seiner Mutter sehnet/ mein Geplerꝛ wurde auch bald von den jenigen gehört/ die darzu bestellt waren; massen zween Soldaten vor den Gänsstall kamen/ und fragten/ wer darinnen wäre? Jch antwortet/ Jhr Narꝛen/ hört ihr denn nicht/ daß ein Kalb da ist! Sie machten den Stall auff/ namen mich herauß/ und verwunderten sich/ daß ein Kalb solte reden können! Welches ihnen anstunde/ wie die [143] gezwungene Actionen eines neu-gewordenen ungeschickten Comœdianten/ der die Person/ die er vertretten soll/ nicht wol agiren kan/ also daß ich offt meynte/ ich müste ihnen selbst zum Possen helffen: Sie berathschlagten sich/ was sie mit mir machen wolten/ und wurden eins/ mich dem Gubernator zu verehren/ als welcher ihnen/ weil ich reden könte/ mehr schencken würde/ als ihnen der Metzger vor mich bezahlte. Sie fragten mich/ wie mein Handel stünde? Jch antwortet/ liederlich genug; Sie fragten/ Warumb? Jch sagte/ darumb/ dieweil hier der Brauch ist/ redliche Kälber in Gänsstall zu sperꝛen: Jhr Kerl müst wissen/ dafern man will/ daß ein rechtschaffener Ochs auß mir werden soll/ daß man mich auch auffziehen muß/ wie einem ehrlichen Stier zustehet. Nach solchem kurtzen Discurs führeten sie mich über die Gaß gegen deß Gouverneurs Quartier zu/ uns folgte eine grosse Schaar Buben nach/ und weil dieselbe eben so wol als ich das Kälber-geschrey schryen/ hätte ein Blinder auß dem Gehör urtheilen mögen/ man triebe ein Heerd Kälber daher/ aber dem Gesicht nach sahe es einem Hauffen so junger als alter Narꝛen gleich.

Also wurde ich von den beyden Soldaten dem Gouverneur præsentirt/ gleichsam als ob sie mich erst auff Partey erbeutet hätten/ dieselbe beschenckte er mit einem Trinckgelt/ mir selbst aber versprach er die beste Sach/ so ich bey ihm haben solte: Jch gedachte wie deß Goldschmids Jung/ und sagte: Wol Herꝛ/ man muß mich aber in keinen Gänsstall sperꝛen/ dañ wir Kälber können solches nicht erdulden/ wann wir anders wachsen/ und zu einem Stück Haupt-Viehe [144] werden sollen. Der Gouverneur vertröstete mich eines bessern/ und dünckte sich gar gescheid seyn/ daß er einen solchen vifierlichen Narꝛen auß mir gemacht hätte; hingegen gedacht ich/ Harꝛe mein lieber Herꝛ/ ich hab die Prob deß Feuers überstanden/ und bin darinn gehärtet worden; jetzt wollen wir probiren/ welcher den andern am besten agiren wird können. Jn dem trieb ein geflehnter Baur sein Vieh zur Träncke/ so bald ich das sahe/ verließ ich den Gouverneur, und eylete mit einem Kälber-Geplerꝛ den Kühen zu/ gleichsam als ob ich an ihnen saugen wolte/ diese/ als ich zu ihnen kam/ entsetzten sich ärger vor mir/ als vor einem Wolff/ wiewol ich ihrer Art Haar trug/ ja sie wurden so schellig/ und zerstoben dermassen voneinander/ als wenn im Augusto ein Nest voll Hornussen unter sie gelassen worden wäre; also daß sie ihr Herꝛ an selbigem Ort nicht mehr zusammen bringen konte/ welches ein artlichen Spaß abgabe. Jn einem Huy war ein Hauffen Volck beyeinander/ das der Gauckelfuhr zusahe/ und als mein Herꝛ lachte/ daß er hätte zerbersten mögen/ sagte er endlich/ ein Narꝛ macht ihrer hundert; Jch aber gedachte/ und eben du bist der jenige/ dem du jetzt wahr sagest.

Gleich wie mich nun jederman von selbiger Zeit an das Kalb nennete/ also nennete ich hingegen auch einen jeden mit einem besonderen spöttischen NachNahmen/ dieselbe fielen mehrentheils der Leut/ und sonderlich meines Herꝛn Bedüncken nach gar Sinnreich/ dann ich tauffte jedwedern nachdem seine Qualitäten erforderten. Summariter davon zu reden/ so schätzte mich männiglich vor einen ohnweisen Thoren/ und ich hielte jeglichen vor einen gescheiden [145] Narꝛn. Dieser Gebrauch ist meines Erachtens in der Welt noch üblich/ massen ein jeder mit seiner Witz zu frieden/ und sich einbildet/ er sey der Gescheideste unter allen.

Obige Kurtzweil/ die ich mit deß Bauren Rindern anstellete/ machte uns den kurtzen Vormittag noch kürtzer/ denn es war damals eben umb die Winterliche Sonnenwende: Bey der Mittags-Mahlzeit wartete ich auff wie zuvor/ brachte aber benebens seltzame Sachen auff die Bahn/ und als ich essen solte/ konte niemand einige menschliche Speiß oder Tranck in mich bringen/ ich wolte kurtzum nur Gras haben/ so damals zu bekommen ohnmüglich war. Mein Herꝛ liesse ein paar frische Kalb-Fell von den Metzgern holen/ und solche zweyen kleinen Knaben über die Köpff straiffen: Diese setzte er zu mir an den Tisch/ tractirte uns in der ersten Tracht mit WinterSalat/ und hieß uns wacker zuhauen/ auch liesse er ein lebendig Kalb hinbringen/ und mit Saltz zum Salat anfrischen. Jch sahe so starꝛ darein/ als wenn ich mich darüber verwunderte/ aber der Umbstand vermahnete mich mit zu machen; Ja wol sagten sie/ wie sie mich so kaltfinnig sahen/ es ist nichts neues/ wenn Kälber Fleisch/ Fisch/ Käß/ Butter und anders fressen: Was? sie sauffen auch zu Zeiten ein guten Rausch! die Bestien wissen nunmehr wol/ was gut ist; ja/ sagten sie ferner/ es ist heutiges Tags so weit kommen/ daß sich nunmehr ein geringer Unterscheid zwischen ihnen und den Menschen befindet/ woltest du dann allein nicht mit machen?

Dieses liesse ich mich umb so viel desto ehender überꝛeden/ weil mich hungerte/ und nicht darumb/ [146] daß ich hiebevor schon selbst gesehen/ wie theils Menschen säuischer als Schwein/ grimmiger als Löwen/ gäiler als Böck/ neidiger als Hund/ unbändiger als Pferd/ gröber als Esel/ versoffener als Rinder/ listiger als Füchs/ gefrässiger als Wölff/ närꝛischer als Affen/ und gifftiger als Schlangen und Krotten waren/ welche dannoch allesampt menschlicher Nahrung genossen/ und nur durch die Gestalt von den Thieren unterschieden waren/ zumalen auch die Unschuld eines Kalds bey weitem nicht batten. Jch fütterte mit meinen Mit Kälbern/ wie solches mein Appetit erforderte/ und wann ein Fremder uns ohnversehens also beyeinander zu Tisch hätte sitzen sehen/ so hätte er sich ohne Zweiffel eingebildet/ die alte Circe wäre wieder aufferstanden/ auß Menschen Thier zu machen/ welche Kunst damals mein Herꝛ konte und practicirte. Eben auff den Schlag/ wie ich die Mittags. Mahlzeit vollbrachte/ also wurde ich auch auff den Nacht-Jmbis tractirt; Und gleich wie meine Mit. Esser oder Schmarotzer mit mir zehrten/ damit ich auch zehren solte/ also musten sie auch mit mir zu Bett/ wann mein Herꝛ anders nicht zugeben wolte/ daß ich im Kühestall über Nacht schlieffe; und das thät ich darumb/ damit ich die jenige auch genug narꝛete/ die mich zum Narꝛen zu haben vermeynten: Und machte diesen vesten Schluß/ daß der grundgütige GOtt einem jeden Menschen in seinem Stand/ zu welchem er ihn beruffen/ so viel Witz gebe und verleyhe/ als er zu seiner selbst-Erhaltung vonnöthen/ auch daß sich dannenhero/ Doctor hin oder Doctor her/ viel vergeblich einbilden/ sie seyen allein[147] witzig/ und Hans in allen Gassen/ dann hinder den Bergen wohnen auch Leut.

Das VIII. Capitel.

AM Morgen als ich erwachte/ waren meine beyde verkälberte Schlaff Gesellen schon fort/ derowegen stunde ich auch auff/ und schliche/ als der Adjutant die Schlüssel holete/ die Statt zu öffnen/ auß dem Hauß zu meinem Pfarꝛer/ demselben erzehlte ich alles/ wie mirs so wol im Him̃el als in der Höll ergangen. Und wie er sahe/ daß ich mir ein Gewissen machte/ weil ich so viel Leut/ und sonderlich meinen Herꝛn betröge/ wenn ich mich närꝛisch stellete/ sagte er: Hierumb darffst du dich nicht bekümmern/ die närꝛische Welt will betrogen seyn/ hat man dir deine Witz noch übrig gelassen/ so gebrauche dich derselben zu deinem Vortheil/ bilde dir ein/ als ob du gleich dem Phœnix, vom Unverstand zum Verstand durchs Feuer/ und also zu einem neuen menschlichen Leben auch neu geboren worden seyest: Doch wisse dabey/ daß du noch nicht über den Graben/ sondern mit Gefahr deiner Vernunfft in diese Narꝛen-Kappe geschloffen bist/ die Zeiten seyn so wunderlich/ daß niemand wissen kan/ ob du ohne Verlust deines Lebens wieder herauß kommest/ man kan geschwind in die Höll rennen/ aber wieder herauß zu entrinnen/ wirds Schnauffens und Bartwischens brauchen/ du bist bey weitem noch nicht so gemannet/ deiner bevorstehenden Gefahr zu entgehen/ wie du dir wol einbilden möchtest/ darumb wird dir mehr Vorsichtigkeit und Verstand vonnöthen seyn/ als zu der Zeit/ da du noch nicht wustest/ was Verstand oder Unverstand war/ [148] bleibe demütig/ und erwarte der künfftigen Veränderung.

Sein Discurs war vorsetzlich so variabel, dann ich bilde mir ein/ er habe mir an der Stirn gelesen/ daß ich mich groß zu seyn bedünckte/ weil ich mit so meisterlichem Betrug und seiner Kunst durch geschloffen; und ich muthmassete hingegen auß seinem Angesicht/ daß er unwillig/ und meiner überdrüssig worden/ dann seine Minen gabens/ und was hatte er von mir? Derowegen verändert ich auch meine Reden/ und wuste ihm grossen Danck vor die herꝛliche Mittel/ die er mir zu Erhaltung meines Verstands mitgetheilt hatte/ ja ich thät unmügliche Promessen, alles/ wie meine Schuldigkeit erfordere/ wieder danckbarlich zu verschulden: Solches kützelte ihn/ und brachte ihn auch wieder auff einen andern Laun/ dann er rühmte gleich darauff seine Artzney trefflich/ und erzehlte mir/ daß Simonides Melicus eine Kunst auffgebracht/ die Metrodorus Sceptius nicht ohne grosse Müde perfectionirt hätte/ vermittelst deren er die Menschen lehren können/ daß sie alles/ was sie einmal gehöret oder gelesen/ bey einem Wort nach-reden mögen/ und solches wäre/ sagte er/ ohne Hauptstärckende Artzneyen/ deren er mir mitgetheilt/ nicht zugangen! Ja/ gedachte ich/ mein lieber Herꝛ Pfarrer/ ich habe in deinen eigenen Büchern bey meinem Einsidel viel anders gelesen/ worinnen Sceptii Gedächtnus-Gunst bestehet/ doch war ich so schlau/ daß ich nichts sagte/ dann wann ich die Warheit bekennen soll/ so bin ich/ als ich zum Narꝛen werden solte/ allererst witzig/ und in meinen Reden behutsamer worden. Er der Pfarꝛer fuhr fort/ und sagte mir/ [149] wie Cyrus einem jeden von seinen 30000. Soldaten mit seinem rechten Nahmen hätte ruffen/ Lucius Scipio alle Bürger zu Rom bey den ihrigen nennen/ und Cyneas Pyrihi Gesandter/ gleich den andern Tag hernach/ als er gen Rom kom̃en/ aller Rahtsberꝛen und Edelleute Nahmen daselbst/ ordentlich her sagen können. Mithridates der König in Ponto und Bithynia/ sagte er/ hatte Völcker von 22. Sprachen unter ihm/ denen er allen in ihrer Zungen Recht sprechen/ und mit einem jeden insonderheit/ wie Sabell. lib. 10. cap. 9. schreibet/ reden konte. Der gelehrte Griech Charmides sagte einem außwendig/ was einer auß den Büchern wissen wolte/ die in der gantzen Liberey lagen/ wenn er sie schon nur einmal überlesen hatte. Lucius Seneca konte 2000. Nahmen herwider sagen/ wie sie ihm vorgesprochen worden/ und wie Ravisius meldet/ 200. Vers von 200. Schü[ern] geredet/ vom letzten an biß zum ersten/ hinwiederumb erzehlen. Eßdras/ wie Euseb. lib. temp. fulg. lib. 8. cap. 7. schreibet/ konte die fünff Bücher Moysis außwendig/ und selbige von Wort zu Wort den Schreidern in die Feder dictiren. Themistocles lernete die Persische Sprach in einem Jahr. Crassus konte in Asia die fünff unterschiedliche Dialectos der Griechischen Sprach außreden/ und seinen Untergebenen darinn Recht sprechen. Julius Cæsar lase/ dictirte/ und gab zugleich Audienz Von Ælio Hadriano, Portio Latrone, den Römern und andern will ich nichts melden/ sondern nur von dem heiligen Hieronymo sagen/ daß er Hebraisch/ Chaldaisch/ Griechisch/ Persisch/ Medisch/ Arabisch und Lateinisch gekönt. Der Einsidel Antonius konte die gantze Bidel nur vom hören[150] lesen/ außwendig. So schreibt auch Colerus lib. 18. cap. 21. Auß Marco Antonio Mureto, von einem Corsicaner, welcher 6000. Menschen-Nahmen angehöret/ und dieselbige hernach in richtiger Ordnung schnell herwieder gesagt.

Dieses erzehle ich alles darumb/ sagte er ferner/ damit du nicht vor unmüglich haltest/ daß durch Medicin einem Menschen sein Gedächtnus trefflich gestärcket und erhalten werden könne/ gleich wie es hingegen auch auff mancherley Weis geschwächt/ und gar außgetilgt wird/ massen Plinius lib. 7. cap. 24. schreibet/ daß am Menschen nichts so blöd seye/ als eben das Gedächtnus/ und daß sie durch Kranckheit/ Schrecken/ Forcht/ Sorg und Bekůmmernus entweder gantz verschwinde/ oder doch einen grossen Theil ihrer Krafft verliere. Von einem Gelehrten zu Athen wird gelesen/ daß er alles was er je studiert gehabt/ so gar auch das A B C vergessen/ nachdem ein Stein von oben herab auff ihn gefallen. Ein anderer kam durch eine Kranckheit dahin/ daß er seines Dieners Nahmen vergaß/ und Messala Corvinus wusie seinen eigenen Nahmen nicht mehr/ der doch vorhin ein gut Gedächtnus gehabt. Schramhans schreibet in fasciculo Historiarum, fol. 60. (welches aber so Auffschneiderisch klinget/ als ob es Plinius selbst geschrieben) daß ein Priester auß seiner eigenen Ader Blut getruncken/ und dardurch schreiben und lesen vergessen/ sonst aber sein Gedächtnus unverꝛuckt behalten/ und als er übers Jahr hernach eben an selbigem Ort/ und damaliger Zeit/ abermal desselbigen Bluts getruncken/ hätte er wieder wie zuvor schreiben und lesen können. Zwar ists glaublicher/ was [151] Jo. Wierus de præstigiis dæmon. lib. 3. cap. 18. schreibet/ wenn man Beeren-Hirn einfresse/ daß man dardurch in solche Phantasey und starcke Imagination gerathe/ als ob man selbst zu einem Beeren worden wäre/ wie er dann solches mit dem Exempel eines Spanischen Edelmanns beweiset/ der/ nachdeme er dessen genossen/ in den Wildnussen umbgeloffen/ und sich nicht anders eingebildet/ als er seye ein Beer. Lieber Simplici, hätte dein Herꝛ diese Kunst gewüst/ so dörfftestu wol ehender in einen Beern/ wie die Callisto, als in einen Stier/ wie Jupiter, verwandelt worden seyn.

Der Pfarꝛer erzehlte mir deß Dings noch viel/ gab mir wieder etwas von Artzney/ und instruirte mich wegen meines fernern Verhalts/ damit machte ich mich wieder nach Hauß/ und brachte mehr als 100. Buben mit/ die mir nachlieffen/ und abermals alle wie Kälber schryen/ derowegen lieff mein Herꝛ/ der eben auffgestanden war/ ans Fenster/ sahe so viel Narꝛen auff einmal/ und liesse ihm belieben/ darüber hertzlich zu lachen.

Das IX. Capitel.

SO bald ich ins Hauß kam/ muste ich auch in die Stub/ weil Adelich Frauenzimmer bey meinem Herꝛn war/ welches seinen neuen Narꝛn auch gerne hätte sehen und hören mögen. Jch erschiene/ und stund da wie ein Stumm/ dahero die jenige/ so ich hiebevor beym Tantz erdappet hatte/ Ursach nam zu sagen: Sie hätte ihr sagen lassen/ dieses Kalb könne reden/ sd verspüre sie aber nunmehr/ daß es nicht wahr [152] seye; Jch antwortet/ so hab ich hingegen vermeynet/ die Affen können nicht reden/ höre aber wol/ daß dem auch nicht also sey. Wie/ sagte mein Herꝛ/ vermeynst du dann/ diese Damen seyen Affen? Jch antwortet/ seynd sie es nicht/ so werden sie es doch bald werden/ wer weiß wie es fällt/ ich habe mich auch nicht versehen ein Kalb zu werden/ und bins doch! Mein Herꝛ fragte/ woran ich sehe/ daß diese Affen werden sollen? Jch amwortet/ unser Aff trägt sein Hindern bloß/ diese Damen aber alldereit ihre Brüst/ dann andere Mägdlein pflegten ja sonst solche zu bedecken. Schlimmer Vogel/ sagte mein Herꝛ/ du bist ein närꝛisch Kalb/ und wie du bist/ so redesiu/ diese lassen billich sehen was sehens werth ist/ der Aff aber gehet auß Armut nackend/ geschwind bringe wieder ein/ was du gesündiget hast/ oder man wird dich karbäitschen/ und mit Hunden in Gänsstall hetzen/ wie man Kälbern thut/ die sich nicht zu schicken wissen/ laß hören/ weist du auch eine Dam zu loben/ wie sichs gebührt? Hierauff betrachtete ich die Dame von Füssen an biß oben auß/ und hinwieder von oben biß unden/ sahe sie auch so steiff und lieblich an/ als hätte ich sie heuraten wollen. Endlich sagte ich/ Herꝛ/ ich sehe wol wo der Fehler steckt/ der Diebs-Schneider ist an allem schuldig/ er hat das Gewand/ das oben umb den Hals gehört/ und die Brüstbedecken solte/ unden an dem Rock stehen lassen/ darumb schleifft er so weit hinden hernach/ man solte dem Hudler die Händ abhauen/ wenn er nicht besser schneidern kan/ Jungfer/ sagte ich zu ihr selbst/ schafft ihn ab/ wenn er euch nicht so verschänden soll/ und febet/ daß ihr meines Knans Schneider bekompt/ der hieß Meister[153] Paulgen/ er hat meiner Meüder/ unserer Ann und unserm Ursele so schöne gebrittelte Röck machen können/ die unden herumb gantz eben gewest seyn/ sie haben wol nicht so im Dreck geschlappt wie eurer/ ja ihr glaubt nicht/ wie er den Huren so schöne Kleider machen können. Mein Herꝛ fragte/ ob dann meines Knans Ann und Ursele schöner gewesen/ als diese Jungfer? Ach wol Nein/ Herꝛ/ sagte ich/ diese Jungfrau hat ja Haar/ das iß so gelb wie kleiner KinderDreck/ und ihre Schäidel sind so weiß und so gerad gemacht/ als wenn man Säubürsten auff die Haut gekappt hätte/ ja ihre Haar seyn so hübsch zusam̃en gerollt/ daß es sihet/ wie hole Pfeiffen/ oder als wenn sie auff jeder Seiten ein paar Pfund Liechter/ oder ein Dutzet Bratwürst hangen hätte: Ach sehet nur/ wie hat sie so ein schöne glatte Stirn; ist sie nicht feiner gewölbet als ein fetter Kunstbacken? und weisser als ein Todtenkopff/ der viel Jahr lang im Wetter gehangen; Jmmer Schad ists/ daß ihre zarte Haut durch das Haar-Puder so schlim bemackelt wird/ dann wanns Leut sehen/ die es nicht verstehen/ dörfften sie wol vermeynen/ die Jungfer habe den Erbgrind/ der solche Schuppen von sich werffe; welches noch grösserer Schad wäre vor die funcklende Augen/ die von Schwärtze klärer zwitzern/ als der Ruß vor meines Knans Ofenloch/ welcher so schröcklich gläntzete/ wenn unser Ann mit einem Strohwisch davor stunde/ die Stub zu hitzen/ als wenn lauter Feuer darinn steckte/ die gantze Welt anzuzünden: Jhre Backen seyn so hübsch rotlecht/ doch nicht gar so roth/ als neulich die neue Nestel waren/ damit die Schwäbische Fuhrleut von Ulm ihre Lätz gezieret[154] hatten: Aber die hohe Röte/ die sie an den Lefftzen hat/ übertrifft solche Fard weit/ und wenn sie lacht oder redt (ich bitte/ der Herꝛ geb nur Achtung darauf) so sihet man zwey Reyhen Zähn in ihrem Maul stehen/ so schön Zeilweis und Zucker-ähnlich/ als wenn sie auß einem Stück von einer weissen Rüben geschnitzelt worden wären: O Wunderbild/ ich glaub nicht/ daß es einem webe thut/ wenn du einen damit beissest: So ist ihr Hals ja schier so weiß/ als eine gestandene Saurmilch/ und ihre Brüstlein/ die darunter ligen/ seyn von gleicher Farb/ und ohn Zweiffel so hart anzugreiffen/ wie ein Gaiß-Mämm/ die von übriger Milch strotzt: Sie seynd wol nicht so schlapp/ wie die alte Weiber hatten/ die mir neulich den Hindern butzten/ da ich in Himmel kam. Ach Herꝛ/ sehet doch ihre Händ und Finger an/ sie sind ja so subtil/ so lang/ so gelenck/ so geschmeidig/ und so geschicklich gemacht/ natürlich wie die Zügeinerinnen neulich hatten/ damit sie einem in Schubsack greiffen/ wenn sie fischen wollen. Aber was soll dieses gegen ihrem gantzen Leib selbst zu rechnen seyn/ den ich zwar nicht bloß sehen kan. Jst er nicht so zart/ schmal und anmuthig/ als wenn sie acht gantzer Wochen die schnelle Catharina gehabt hätte? Hierüber erhub sich ein solch Gelächter/ daß man mich nicht mehr hören/ noch ich mehr reden konte/ gienge hiemit durch wie ein Holländer/ und liesse mich/ so lang mirs gefiel/ von andern vexiern.

Das X. Capitel.

HJerauff erfolgte die Mittags-Mahlzeit/ bey welcher ich mich wieder dapffer gebrauchen liesse/ [155] dann ich hatte mir vorgesetzt/ alle Thorheiten zu bereden/ und alle Eitelkeiten zu straffen/ worzu sich dann mein damaliger Stand trefflich schickte; kein Tischgenoß war mir zu gut/ ihm sein Laster zu verweisen und auffzurupffen/ und wenn sich einer fand/ der sichs nicht gefallen liesse/ so wurde er entweder noch darzu von andern außgelacht/ oder ihme von meinem Herꝛn vorgehalten/ daß sich kein Weiser über einen Narꝛn zu erzörnen pflege: Den dollen Fähnrich/ welcher mein argster Feind war/ setzte ich gleich auff den Esel. Der erste aber/ der mir auß meines Herꝛn Wincken mit Vernunfft begegnete/ war der Secretarius, dann als ich denselben einen TitulSchmid nennete/ ihn wegen der eiteln Titul außlachte/ und fragte/ wie man der Menschen ersten Vatter titulirt hätte? Antwortet er/ du redest wie ein unvernünfftig Kalb/ weil du nicht weist/ daß nach unsern ersten Eltern unterschiedliche Leut gelebt/ die durch seltene Tugenden/ als Weisheit/ mannliche HeldenThaten/ und Erfindung guter Künste/ sich und ihr Geschlecht dermassen geadelt haben/ daß sie auch von andern über alle irdische Ding/ ja gar übers Gestirn zu Göttern erhoben worden; Wärest du ein Mensch/ oder hättest auffs wenigst wie ein Mensch die Historien gelesen/ so verstündest du auch den Unterscheid/ der sich zwischen den Menschen enthält/ und würdest dannenhero einem jeden seinen EhrenTitul gern gönnen/ sintemal du aber ein Kalb/ und keiner menschlichen Ehr würdig noch fähig bist/ so redest du auch von der Sach wie ein dummes Kalb/ und mißgönnest dem edlen menschlichen Geschlecht das jenige/ dessen es sich zu erfreuen hat. Jch [156] antwortet/ ich bin so wol ein Mensch gewesen als du/ hab auch zimlich viel gelesen/ kan dahero urtheilen/ daß du den Handel entweder nicht recht verstehest/ oder durch dein Interesse abgehalten wirst/ anderst zu reden als du weist: Sag mir/ was seyn vor herꝛliche Thaten begangen/ und vor löbliche Künste erfunden worden/ die genugsam seyen/ ein gantz Geschlechte etlich hundert Jahr nacheinander/ auff Absterben der Helden und Künstler selbst/ zu adlen? Jst nicht beydes der Helden Stärck/ und der Künstler Weisheit und hoher Verstand/ mit hinweg gestorben? Wenn du diß nicht verstehest/ und der Eltern Qualitäten auff die Kinder erben/ so muß ich davor halten/ dein Vatter sey ein Stockfisch/ und dein Mutter ein Platteiß gewesen: Ha! antwort der Secretarius, wann es damit wol außgericht seyn wird/ wann wir einander schänden wollen/ so könte ich dir vorwerffen/ daß dein Knan ein grober Spesserter Baur gewesen/ und ob es zwar in deiner Heimat und Geschlecht die gröste Knollfincken abgibt/ daß du dich annoch noch mehr verꝛingert habest/ in dem du zu einem unvernünfftigen Kalb worden bist. Da recht/ antwortet ich/ das ists was ich behaupten will/ daß nemlich der Eltern Tugenden nicht allweg auff die Kinder erben/ und daß dahero die Kinder ihrer Eltern Tugend-Tituln auch nicht allweg würdig seyen; mir zwar ists kein Schand/ daß ich ein Kalb bin worden/ dieweil ich in solchem Fall dem Großmächtigen König Nabuchodonosor nachzufolgen die Ehr habe/ wer weiß/ ob es nicht GOtt gefällt/ daß ich auch wieder wie dieser/ zu einem Menschen/ und zwar noch grösser werde/ als mein Kuan gewesen? Jch rühme einmal[157] die jenige/ die sich durch eigene Tugenden edel machen. Nun gesetzt/ aber nicht gestanden/ sagt der Secretarius, daß die Kinder ihrer Eltern Ehren-Titul nicht allweg erben sollen/ so must du doch gestehen/ daß die jenige alles Lobswerth seyen/ die sich selbst durch Wolverhalten Edel machen; wann dann dem also/ so folget/ daß man die Kinder wegen ihrer Eltern billich ehret/ dann der Apffel fällt nicht weit vom Stamm: Wer wolte in Alexandri M. Nachkömmlingen/ wenn anders noch einige vorhanden wären/ ihres alten Ur-Anherꝛn hertzhaffte Dapfferkeit im Krieg nicht rühmen: Dieser erwiese seine Begierde zu fechten in seiner Jugend mit Weynen/ als er noch zu keinen Waffen tüchtig war/ besorgend/ sein Vatter möchte alles gewinnen/ und ihme nichts zu bezwingen übrig lassen; hat er nicht noch vor dem dreissigsten Jahr seines Alters die Welt bezwungen/ und noch ein andere zu bestreiten gewünscht? hat er nicht in einer Schlacht/ die er mit den Jndianern gehalten/ da er von den Seinigen verlassen war/ auß Zorn Blut geschwitzet? War er nicht anzusehen/ als ob er mit lauter Feurflammen umbgeben war/ so/ daß ihn auch die Barbaren vor Forcht streitend verlassen musten? Wer wolte ihn nicht höher und edler/ als andere Menschen schätzen/ da doch Quintus Curtius von ihm bezeuget/ daß sein Athem wie Balsam/ der Schweiß nach Bisem/ und sein todter Leib nach köstlicher Specerey gerochen: Hier könte ich auch einführen den Julium Cæsarem und den Pompejum, deren der eine über und neben den Victorien/ die er in den Bürgerlichen Kriegen behauptet/ fünfftzig mal in offenen Feldschlachten gestritten/ und 1152000. [158] Mann erlegt und todt geschlagen hat/ der ander hat neben 940. den Meer-Räubern abgenom̃enen Schiffen/ vom Alpgebürg an biß in das äusserste Hispanien/ 876. Stätt und Flecken eingenommen und überwunden. Den Ruhm Marci Sergii will ich verschweigen/ und nur ein wenig von dem Lucio Sucio Dentato sagen/ welcher Zunfftmeister zu Rom war/ als Spurius Turpejus und Aulus Eternius Burgermeister gewesen/ dieser ist in 110. Feld-Schlachten gestanden/ und hat achtmal die jenige überwunden/ so ihn herauß gefordert/ er konte 45. Wundmähler an seinem Leib zeigen/ die er alle vor dem Mann/ und keine rückwarts empfangen/ mit neun Obrist FeldHerꝛen ist er in ihren Triumphen (die sie vornemlich durch ihre Mannheit erlangt) eingezogen. Deß Manlii Capitolini Kriegs-Ehr wäre nicht geringer/ wenn er sie im Beschluß seines Lebens nicht selbst verkleinert/ dann er konte auch 33. Wundmähler zeigen/ ohn daß er einsmals das Capitolium mit allen Schätzen allein vor den Frantzosen erhalten. Wo bleibt der starcke Hercules, Theseus und andere/ die beynahe beydes zu erzehlen/ und ihr unsterbliches Lob zu beschreiben unmüglich! Solten diese in ihren Nachkömmlingen nicht zu ehren seyn?

Jch will aber Wehr und Waffen fahren lassen/ und mich zu den Künsten wenden/ welche zwar etwas geringer zu seyn scheinen/ nichts desto weniger aber ihre Meister gantz Ruhmreich machen. Was findet sich nur für ein Geschicklichkeit am Zeuxe, welcher durch seinen Kunstreichen Kopff und geschickte Hand die Vögel in der Lufft betrog; item am Apelle, der eine Venus so natürlich/ so schön/ so außbündig/ und [159] mit allen Lineamenten so subtil und zart daher mahlet/ daß sich auch die Junggesellen darein verliebten. Plutarchus schreibet/ daß Archimedes ein groß Schiff mit Kauffmanns-Wahren beladen/ mitten über den Marckt zu Syracusis nur mit einer Hand/ an einem einzigen Sail daher gezogen/ gleich als ob er ein Saumthier an einem Zaum geführt/ welches 20. Ochsen/ geschweige 200. deines/ gleichen Kälber/ nicht hätten zu thun vermöcht. Solte nun dieser rechtschaffene Meister nicht mit einem besondern Ehren-titul/ seiner Kunst gemäß/ zu begaben seyn? Wer wolte nicht vor andern Menschen preisen den jenigen/ der dem Persischen König Sapor ein gläsernes Werck machte/ welches so weit und groß war/ daß er mitten in demselben auff dessen Centro sitzen/ und unter seinen Füssen das Gestirn auff und nider gehen sehen konte? Archimedes machte einen Spiegel/ damit er der Feinde Kriegs-Schiff mitten im Meer anzündet: So gedencket auch Ptolomeus eine wunderliche Art Spiegel/ die so viel Angesichter zeigten/ als Stund im Tag waren. Welcher wolte den nicht preisen/ der die Buchstaben zu erst erfunden? ja wer wolte nicht vielmehr den über alle Künstler erheben/ welcher die Edle und der gantzen Welt höchst nutzbare Kunst der Buchdruckerey erfunden? Jst Ceres, weil sie den Ackerbau und das Mühlwerck erfunden haben solle/ vor eine Göttin gehalten worden/ warumb solte dann unbillich seyn/ wenn man andern/ ihren Qualitäten gemäß/ ihr Lob mit EhrenTituln berühmt? Zwar ist wenig daran gelegen/ ob du grobes Kalb solches in deinem unvernünfftigen Ochsenhirn fassest oder nicht: Es gehet dir eben wie[160] jenem Hund/ der auff einem Hauffen Heu lag/ und solches dem Ochsen auch nicht gönnete/ weil er es selbst nicht geniessen konte; du bist keiner Ehr fähig/ und eben dieser Ursachen halber mißgönnest du solche den jenigen/ die solcher werth seyn.

Da ich mich so gehetzt sahe/ antwortet ich/ die herꝛliche Helden-Thaten wären höchlich zu rühmen/ wann sie nicht mit anderer Menschen Untergang und Schaden vollbracht worden wären. Was ist das aber vor ein Lob/ welches mit so vielem unschuldigvergossenem Menschen-Blut besudelt: Und was ist das vor ein Adel/ der mit so vieler tausend anderer Menschen Verderben erobert und zu wegen gebracht worden ist? Die Künste betreffend/ was seynds anders als lauter Vanitäten und Thorheiten? Ja sie seynd eben so läer/ eitel und unnütz/ als die Titul selbst/ die einem von denselbigen zustehen möchten; dann entweder dienen sie zum Geitz/ oder zur Wollust/ oder zur Uppigkeit/ oder zum Verderben anderer Leut/ wie dann die schröckliche Dinger auch sind/ die ich neulich auff den halben Wägen sahe; so könte man der Druckerey und Schrifften auch wol entberen/ nach Außspruch und Meynung jenes heiligen Manns/ welcher darvor hielte/ die gantze weite Welt sey ihm Buchs genug/ die Wunder seines Schöpffers zu betrachten/ und die göttliche Allmacht darauß zu erkennen.

Das XI. Capitel.

MEin Herꝛ wolte auch mit mir schertzen/ und sagte: Jch mercke wol/ weil du nicht Edel zu werden getrauest/ so verachtest du deß Adels Ehren- [161] Titul; Jch antwortet/ Herꝛ/ wann ich schon in dieser Stund andeine Ehrenstell tretten solte/ so wolte ich sie doch nicht annehmen! Mein Herꝛ lachte/ und sagte: Das glaube ich/ dann dem Ochsen gehöret Haberstroh; wann du aber einen hohen Sinn hättest/ wie Adeliche Gemüter haben sollen/ so würdest du mit Fleiß nach hohen Ehren und Dignitäten trachten/ Jch meines theils/ achte es für kein geringes/ wenn mich das Glück über andere erhebt. Jch seufftzete und sagte: Ach/ arbeitseelige Glückseeligkeit! Herꝛ/ ich versichere dich/ daß du der aller-elendeste Mensch in gantz Hanau bist: Wie so? wie so? Kalb/ sagte mein Herꝛ/ sag mir doch die Ursach/ dann ich befinde solches bey mir nicht: Jch antwortet/ wenn du nicht weist und empfindest/ daß du Gubernator in Hanau/ und mit wie viel Soꝛgen und Unruhe du deßwegen beladen bist/ so verblendet dich die allzugrosse Begierd der Ehr/ deren du geniessest/ oder du bist eisern und gantz unempfindlich/ du hast zwar zu besehlen/ und wer dir unter Augen kompt/ muß dir gehorfamen; thun sie es aber umbsonst? bist du nicht ihrer aller Knecht? must du nicht vor einen jedwedern insonderheit sorgen? Schaue/ du bist jetzt rund umbder mit Feinden umbgeben/ und die Conservation dieser Vestung ligt dir allein auff dem Hals/ du must trachten/ wie du deinem Gegentheil einen Abbruch thun mögest/ und must darneben sorgen/ daß deine Anschläg nicht verkundschafftet werden; Bedörffte es nicht öffters/ daß du selber/ wie ein gemeiner Knecht/ Schildwach stündest? Uber das mustu bedacht seyn/ daß kein Mangel an Geld/ Munition/ Proviant und Volck im Posten erscheine/ deßwegen[162] du dann das gantze Land durch stetiges exequiren und tribuliren in der Contribution erhalten must; Schickest du die Deinige zu solchem End hinauß/ so ist rauben/ plündern/ stelen/ brennen und morden ihre beste Arbeit/ sie haben erst neulich Orb geplündert/ Braunfels eingenommen/ und Staden in die Asche gelegt/ davon haben sie zwar ihnen Beuten/ du aber eine schwere Verantwortung bey GOtt gemachet: Jch lasse seyn/ daß dir vielleicht der Genuß neben der Ehr auch wol thut/ weist du aber auch/ wer solche Schätz/ die du etwan samlest/ geniessen wird? Und gesetzt/ daß dir solcher Reichthum verbleibt (so doch mißlich stehet) so mustu sie doch in der Welt lassen/ und nimmst nichts darvon mit dir/ als die Sünde/ dardurch du selbigen erworben hast: Hast du dann das Glück/ daß du dir deine Beuten zu nutz machen kanst/ so verschwendest du der Armen Schweiß und Blut/ die jetzt im Elend Mangel leiden/ oder gar verderden und Hungers sterben. O wie offt sehe ich/ daß deine Gedancken wegen Schwere deines Ampts hin und wieder zerstreut seyn/ und daß hingegen ich und andere Kälber ohn alle Bekümmernus ruhig schlaffen; thust du solches nicht/ so kostet es deinen Kopff/ dafern anders etwas verabsäumet wird/ das zu Conservation deiner untergebenen Völcker und der Vestung hätte observirt werden sollen; Schaue/ solcher Sorgen bin ich überhoben! Und weil ich weiß/ daß ich der Natur einen Todt zu leisten schuldig bin/ sorge ich nicht/ daß jemand meinen Stall stürmet/ oder daß ich mit Arbeit umb mein Leben scharmützeln müsse/ sterbe ich jung/ so bin ich der Mühseeligkeit eines Zug-Ochsens überhoben/ dir[163] aber stellt man ohne Zweiffel auff tausendfältige weis nach/ deßwegen ist dein gantzes Leben nichts anders als ein immerwährende Sorg und Schlaffbrechens/ dann du must Freund und Feind förchten/ die dich ohn Zweiffel/ wie du auch andern zu thun gedenckest/ entweder umb dein Leben/ oder umb dein Geld/ oder umb deine Reputation, oder umb dein Commando, oder umb sonsten etwas zu bringen nachsinnen/ der Feind setzt dir offentlich zu/ und deine vermeynte Freund beneiden heimlich dein Glück; vor deinen Untergebenen aber bistu auch nicht allerdings versichert. Jch geschweige hier/ wie dich täglich deine brennende Begierden quälen/ und hin und wider treiben/ wenn du gedenckest/ wie du dir einen noch grössern Nahmen und Ruhm zu machen/ höher in KriegsAemptern zu steigen/ grössern Reichthum zu samlen/ dem Feind einen Tuck zu beweisen/ ein oder ander Ort zu überꝛumpeln/ und in Summa fast alles zu thun/ was andere Leut geheyet/ und deiner Seelen schädlich/ der Göttlichen Majestät aber mißfällig ist! Und was das aller-ärgste ist/ so bist du von deinen Fuchsschwäntzern so verwähnt/ daß du dich selbsten nicht kennest/ und von ihnen so eingenommen und vergifftet/ daß du den gefährlicheu Weg/ den du gehest/ nicht sehen kanst/ denn alles was du thust/ heissen sie recht/ und alle deine Laster werden von ihnen zu lauter Tugenden gemacht und außgeruffen; dein Grimmigkeit ist ihnen eine Gerechtigkeit/ und wenn du Land und Leut verderben läst/ so sagen sie/ du seyst ein braver Soldat/ hetzen dich also zu ander Leut Schaden/ damit sie deine Gunst behalten/ und ihre Beutel darbey spicken mögen.

[164]

Du Beruheuter/ sagte mein Herꝛ/ wer lernet dich so predigen? Jch antwortet/ Liebster Herꝛ/ sage ich nicht wahr/ daß du von deinen Ohrenbläsern und Daumendrehern dergestalt verderbet seyest/ daß dir bereits nicht mehr zu helffen; hingegen sehen andere Leut deine Laster gar bald/ und urtheilen dich nicht allein in hohen und wichtigen Sachen/ sondern finden auch genug in geringen Dingen/ daran wenig gelegen/ an dir zu tadlen: Hastu nicht Exempel genug an hohen Personen/ so vor der Zeit gelebt? die Athenienser murmelten wider ihren Simonidem, nur darumb daß er zu laut redete; die Thebaner klagten über ihren Paniculum, dieweil er außwurffe; die Lacedæmonier schalten an ihrem Lycuigo, daß er allezeit mit nieder geneigtem Happt daher gienge; die Römer vermeynten/ es stünde dem Scipione gar übel an/ daß er im Schlaff so laut schnarchte; es dünckte sie heßlich zu seyn/ daß sich Pompejus nur mit einem Finger kratzte; deß Julii Cæsaris spotteten sie/ weil er seinen Gürtel nicht artig und lustig antrug; die Uticenser verleumdeten thren guten Catonem, weil er/ wie sie bedünckte/ allzu-geitzig auff beyden Backen asse; und die Carthaginenser redeten dem Hannibali übel nach/ weil er immerzu mit der Brust auffgedeckt und bloß daher gienge. Wie dünckt dich nun/ mein lieber Herꝛ? vermeynest du wol noch/ daß ich mit einem tauschen solte/ der vielleicht neben zwölff oder dreyzehen Tisch Freunden/ Fuchsschwäntzern und Schmarotzern/ mehr als 100. oder vermuthlicher mehr als 10000. so heimliche als offentliche Feind/ Verleumder und mißgönstige Neider hat? zu dem/ was vor Glückseeligkeit/ was für Lust und was vor [165] Freud solte doch ein solch Haupt haben können/ unter welches Pfleg/ Schutz und Schirm so viel Menschen leben? Jsts nicht vonnöten/ daß du vor alle die Deinige wachest/ vor sie sorgest/ und eines jeden Klag uud Beschwerden anhörest? Wäre solches allein nicht müheseelig genug/ wenn du schon weder Feinde noch Mißgönner hättest? Jch sehe wol/ wie sauer du dirs must werden lassen/ und wie viel Beschwerden du doch erträgst; Liebster Herꝛ/ was wird doch endlich dein Lohn seyn/ sage mir/ was hast du darvon? Wann du es nicht weist/ so lasse dirs den Griechtschen Demosthenem sagen/ welcher/ nachdem er den gemeinen Nutzen/ und das Recht der Athenienser/ dapffer und getreulich befördert und beschützt/ wider alles Recht und Billichkeit/ als einer so ein greuliche Missethat begangen/ deß Lands verwiesen/ und in das Elend verjaget ward; dem Socrati ward mit Gifft vergeben; dem Hannibal ward von den seinen so übel gelohnet/ daß er elendiglich in der Welt Landflüchtig herum schwaiffen muste; also geschahe dem Römischen Camillo; und dergestalt bezahlten die Griechen den Lycurgum und Solonem, deren der eine gesteiniget ward/ dem andern aber/ nachdem ihm ein Aug außgestochen/ wurde als einem Mörder endlich das Land verwiesen. Darumb behalte dein Commando sampt dem Lohn/ den du darvon haben wirst/ du darffst deren keins mit mir theilen/ dann wann alles wol mit dir abgehet/ so hastu auffs wenigste sonst nichts/ das du davon bringest/ als ein böß Gewissen; Wirstu aber dein Gewissen in acht nemmen wollen/ so wirstu als ein Untüchtiger bey Zeiten von deinem Commando verstossen werden/ nicht anders/ als[166] wann du auch/ wie ich/ zu einem dummen Kalb worden wärest.

Das XII. Capitel.

UNter währendem meinem Discours sahe mich jederman an/ und verwunderten sich alle Gegenwärtige/ daß ich solche Reden solte vorbringen können/ welche wie sie vorgaben/ auch einem verständigen Mann genug wären/ wann er solche so gar ohne allen Vorbedacht hätte vortragen sollen; Jch aber machte den Schluß meiner Red/ und sagte: Darum dann nun/ mein liebster Herꝛ/ will ich nicht mit dir tauschen; zwar ich bedarffs auch im geringsten nit/ dann die Quellen geben mir einen gesunden Tranck/ an statt deiner köstlichen Wein/ und der jenige/ der mich zum Kalb werden zu lassen beliebet/ wird mir auch die Gewächs deß Erdbodens dergestalt zu segnen wissen/ daß sie mir wie dem Nabuchodonosore zur Speiß und Auffenthalt meines Lebens auch nicht unbequem seyn werden; so hat mich die Natur auch mit einem guten Beltz versehen/ da dir hingegen offt vor dem besten eckelt/ der Wein deinen Kopff zerꝛeist/ und dich bald in diese oder jene Kranckheit wirfft.

Mein Herꝛ antwortet: Jch weiß nicht was ich an dir habe? du bedünckest mich vor ein Kalb viel zu verständig zu seyn/ ich vermeyne schier/ du seyest unter deiner Kalbs-Haut mit einer Schalcks-Haut überzogen? Jch stellte mich zornig/ und sagte: Vermeynet ihr Menschen dann wol/ wir Thiere seyen gar Narꝛen? Das dörfft ihr euch wol nicht einbilden! Jch halte darvor/ wann ältere Thier als ich/ so wol als ich reden könten/ sie würden euch wol anders [167] auffschneiden: Wann ihr vermeynt/ wir seyen so gar dumm/ so sagt mir doch/ wer die wilde BlochDauben/ Häher/ Ambseln und Rebhüner gelernet hat/ wie sie sich mit Lorbeer-blättern purgiren sollen? und die Dauben/ Turteldäublein und Hüner mit S. Peters Kraut? Wer lehret Hund und Katzen/ daß sie das bethaute Gras fressen sollen/ wann sie ihren vollen Bauch reinigen wollen? Wer die SchildKrott/ wie sie die Biß mit Schirling heylen? und den Hirsch/ wann er geschossen/ wie er seine Zuflucht zu dem Dictamno oder wilden Poley nehmen solle? Wer hat das Wieselin unterꝛichtet/ daß es Rauten gebrauchen solle/ wenn es mit der Fledermauß oder irgend einer Schlang kämpffen will? Wer gibt den wilden Schweinen den Epheu/ und den Beeren den Alraun zu erkennen/ und sagt ihnen/ daß es gut seye zu ihrer Artzney? Wer hat dem Adler gerathen/ daß er den Adlerstein suchen und gebrauchen soll/ wann er seine Eyer schwerlich legen kan? Und welcher gibt es der Schwalbe zu verstehen/ daß sie ihrer Jungen blöde Augen mit dem Chelidonio artzneyen solle? Wer hat die Schlang instruirt/ daß sie soll Fenchel essen/ wann sie ihre Haut abstreiffen/ und ihren dunckeln Augen helffen will? Wer lehret den Stock/ sich zu clystieren? den Pelican/ sich Ader zu lassen? und den Beeren/ wie er ihm von den Bienen solle schrepffen lassen? Was/ ich dörffte schier sagen/ daß ihr Menschen eure Künste und Wissenschafften von uns Thieren erlernet habt! Jhr fresst und saufft euch kranck und todt/ das thun wir Thier aber nicht! Ein Löw oder Wolff/ wenn er zu fett werden will/ so fastet er/ biß er wieder mager/ frisch und gesund wird. [168] Welches Theil handelt nun am weislichsten? Uber dieses alles betrachtet das Geflügel unter dem Himmel! betrachtet die unterschiedliche Gebäue ihrer artlichen Nester/ und weil ihnen ihre Arbeit niemand nachmachen kan/ so müst ihr ja bekennen/ daß sie beydes verständiger und künstlicher seyn/ als ihr Menschen selbst: Wer sagt den Sommer-vögeln/ wann sie gegen dem Frühling zu uns kommen/ und Jungen hecken? und gegen dem Herbst/ wann sie sich wieder von dannen in die warme Länder verfügen sollen? Wer unterꝛichtet sie/ daß sie zu solchem End einen Sammelplatz bestimmen müssen? Wer führet sie/ oder wer weiset ihnen den Weg/ oder leyhet ihr Menschen vielleicht ihnen euern See-Compaß/ damit sie unterwegs nicht irꝛ fahren? Nein/ ihr liebe Leut/ sie wissen den Weg ohne euch/ und wie lang sie darauff müssen wandern/ auch wann sie von einem und dem andern Ort auffdrechen müssen; bedörffen also weder eures Compasses noch eures Calenders. Ferners beschauet die mühsame Spinn/ deren Geweb bey nahe ein Wunderwerck ist! Sehet/ ob ihr auch einen einigen Knopff in aller ihrer Arbeit finden möget? Welcher Jäger oder Fischer hat sie gelehret/ wie sie ihr Netz außspannen/ und sich/ je nachdem sie sich eines Netzes gebraucht/ ihr Wildbret zu belaustern/ entweder in den hindersten Winckel/ oder gar in das Centrum ihres Gewebs setzen solle? Jhr Menschen verwundert euch über den Raben/ von welchem Plutarchus bezeugt/ daß er so viel Stein in ein Geschirꝛ/ so halb voll Wasser gewesen/ geworffen/ biß das Wasser so wett oben gestanden/ daß er bequemlich hab trincken mögen: Was würdet[169] ihr erst thun/ wann ihr bey und unter den Thieren wohnen/ und ihre übrige Handlungen/ Thun und Lassen ansehen und betrachten würdet; alsdeñ würdet ihr erst bekennen/ daß es sich ansehen lasse/ als hätten alle Thier etwas besonderer eigener natürlicher Kräfften und Tugenden/ in allen ihren Affectionibus und Gemüts-Neigungen/ in der Fürsichtigkeit/ Stärck/ Mildigkeit/ Forchtsamkeit/ Rauchheit/ Lehr und Unterꝛichtung; es kennet je eines das ander/ sie unterscheiden sich vor einander/ sie stellen dem nach/ so ihnen nützlich/ fliehen das schädlich/ meiden die Gefahr/ samblen zusammen/ was ihnen zu ihrer Nahrung nothwendig ist/ und betrügen auch bißweilen euch Menschen selbst. Dahero viel alte Philosophi solches ernstlich erwogen/ und sich nicht geschämet haben zn fragen und zu disputiren/ ob die unvernünfftige Thier nicht auch Verstand hätten? Jch mag aber nichts mehr von diesen Sachen reden/ gehet hin zu den Jmmen/ und sehet/ wie sie Wachs und Honig machen/ und alsdann sagt mir euer Meynung wieder.

Das XIII. Capitel.

HJerauff fielen unterschiedliche Urtheil über mich/ die meines Herꝛn Tischgenossen gaben/ der Secretarius hielte darvor/ ichseye vor närrisch zuhalten/ weil ich mich selbst vor ein vernünfftig Thier schätzte und dargebe/ massen die jenige so ein Sparren zu viel oder zu wenig hätten/ und sich jedoch weis zu seyn dünckten/ die aller-artlichste oder visierlichste Narꝛen wären: Andere sagten/ wenn man mir die Imagination benehme/ daß ich ein Kalb seye/ oder [170] mich überꝛeden könte/ daß ich wieder zu einem Menschen worden wäre/ so würde ich vor vernünfftig oder witzig genug zu halten seyn: Mein Herꝛ selbst sagte/ Jch halte ihn vor einen Narꝛn/ weil er jedem die Wa[r]heit so ungescheut sagt/ hingegen seynd seine Dilcursen so beschaffen/ daß solche keinem Narꝛn zusiehen. Und solches alles redeten sie auff Latein/ damit ichs nicht verstehen solte. Er fragte mich/ ob ich studirt hätte/ als ich noch ein Mensch gewesen? Jch wüste nicht/ was studiren seye/ war mein Antwort/ aber lieber Herꝛ/ sagte ich weiters/ sag mir/ was Studen vor Dinger seyn/ damit man studiret? Mennest du vielleicht die Kegel so/ damit man keglet? Hierauff antwortet der dolle Fähnrich: Watt wolts met deesem Kerl sin/ hey hett den Tüfel in Liff/ hey ist beseeten/ de Tüfel der kühret ut jehme: Dahero nam mein Herꝛ Ursach/ mich zu fragen/ sintemal ich dann nunmehr zu einem Kalb worden wäre/ ob ich noch wie vor disem/ gleich andern Menschen/ zu beten pflege/ und in Himmel zu kommen getraue? Freylich/ antwortet ich/ ich habe ja meine unsterbliche menschliche Seel noch/ die wird ja/ wie du leichtlich gedencken kanst/ nicht in die Höll begehren/ vornemlich weil mirs schon einmal so übel darinnen ergangen; Jch bin nur verändert/ wie vor diesem Nabuchodonosor/ und dörffte ich noch wol zu seiner Zeit wieder zu einem Menschen werden. Das wünsche ich dir/ sagte mein Herꝛ mit einem zimblichen Seufftzen: Darauß ich leichtlich schliessen konte/ daß ihn eine Reu ankommen/ weil er mich zu einem Narꝛen zu machen unterstanden. Aber laß hören/ fuhr er weiter fort/ wie pflegst du zu beten? [171] darauff knyet er nider/ hube Augen und Hände auff gut Einsidlerisch gen Himmel/ und weilen meines Herꝛn Reu/ die ich gemercht hatte/ mir das Hertz mit trefflichem Trost berührte/ konte ich auch die Threnen nicht enthalten/ bat also dem äusserlichen Ansehen nach/ mit höchster Andacht/ nach gesprochenem Vatter unser/ vor alles Anligen der Christenheit/ vor meine Freund und Feind/ und daß mir GOtt in dieser Zeitlichkeit also zu leben verleyben wolle/ daß ich würdig werden möchte/ ihn in ewiger Seeligkeit zu loben; massen mich mein Einsidel ein solches Gebet mit andächtigen concipirten Worten gelehret hat. Hiervon fiengen etliche wäichhertzige Zuseher auch bey nahe an zu weynen/ weil sie ein trefflich Mitleiden mit mir trugen/ ja meinem Herꝛu selbst stunden die Augen voller Wasser.

Nach der Mahlzeit schickte mein Herꝛ nach obgemeldtem Pfarꝛherꝛn/ dem erzehlte er alles/ was ich vorgebracht hatte/ und gab damit zu verstehen/ daß er besorge/ es gehe nicht recht mit mir zu/ und daß vielleicht der Teuffel mit unter der Decken lege/ dieweil ich vor disem gantz einfältig und unwissend mich erzeigt/ nunmehr aber Sachen vorzubringen wisse/ daß sich darüber zu verwundern! Der Pfarꝛer/ dem meine Beschaffenheit am besten bekant war/ antwortet: Man solte solches bedacht haben/ ehe man mich zum Narꝛn zu machen unterstanden hätte/ Menschen seyen Edenbilder Gottes/ mit welchen/ und bevorab mit so zarter Jugend/ nicht wie mit Bestien zu schertzen seye; doch wolle er nimmermehr glauben/ daß dem bösen Geist zugelassen worden/ sich mit in das Spiel zu mischen/ dieweil ich mich jederzeit durch [172] inbrünstiges Gebet Gott befohlen gehabt/ solte ihm aber wider Verhoffen solches verhängt und zugelassen worden seyn/ so hätte mans bey GOTT schwerlich zu verantworten/ massen ohne das bey nahe keine grössere Sünd sey/ als wenn ein Mensch den andern seiner Vernunfft berauben/ und also dem Lob und Dienst Gottes/ darzu er vornemlich erschaffen worden/ entziehen wolte: Jch habe hiebevor Versicherung gethan/ daß er Witz genug gehabt/ daß er sich aber in die Welt nicht schicken können/ war die Ursach/ daß er bey seinem Vatter einem groben Bauren/ und bey eurem Schwager in der Wildnus/ in aller Einfalt erzogen worden/ hätte man sich anfänglich ein wenig mit ihm geduldet/ so würde er sich mit der Zeit schon besser angelassen haben/ es war eben ein fromm einfältig Kind/ das die boßhafftige Welt noch nicht kennete/ doch zweiffle ich gar nicht/ daß er nicht wiederumb zu recht zu bringen seye/ wann man ihm nur die Einbildung benehmen kan/ und ihn dahin bringt/ daß er nicht mehr glaubt/ er sey zum Kalb worden: Man lieset von einem/ der hat vestiglich geglaubt/ er sey zu einem irdinen Krug worden/ bat dahero die Seinige/ sie solten ihn wol in die Höhe stellen/ damit er nicht zerstossen würde; Ein anderer bildete sich nicht anders ein/ als er sey ein Han/ dieser krähete in seiner Kranckheit Tag und Nacht; noch ein anderer vermeynte nicht anders/ als er seye bereits gestorben/ und wandere als ein Geist herumb/ wolte derowegen weder Artzney/ noch Speiß und Tranck mehr zu sich nemmen/ biß endlich ein kluger Artzt zween Kerl anstellete/ die sich auch vor Geister außgaben/ darneben aber dapffer zechten/ sich zu jenem [173]geselleten/ und ihn überꝛedeten/ daß jetziger Zeit die Geister auch zu essen und zu trincken pflegten/ wordurch er dann wieder zu recht gebracht worden. Jch habe selbsten einen krancken Bauren in meiner Pfarꝛ gehabt/ als ich denselben besuchte/ klagte er mir/ daß er auff drey oder vier Ohm Wasser im Leib hätte/ wann solches von ihm wäre/ so getraute er wol wieder gesund zu werden/ mit Bitt/ ich wolte ihn entweder auffschneiden lassen/ damit solches von ihm lauffen könte/ oder ihn in Rauch hencken lassen/ damit dasselbe außtröckne: Darauff sprach ich ihm zu/ und überꝛedet ihn/ ich könte das Wasser auff eine andere Manier wol von ihm bringen/ name demnach einen Hanen/ wie man zu den Wein- oder Bier-Fässern braucht/ band einen Darm daran/ und das ander End band ich an den Zapffen eines Bauch-Zubers/ den ich zu solchem End voll Wasser tragen lassen/ stellete mich darauff/ als wenn ich ihm den Hanen in Bauch steckte/ welchen er überall mit Lumpen umbwinden lassen/ damit er nicht zerspringen solte: Hier auff ließ ich das Wasser auß dem Zuber durch den Hanen hinweg lauffen/ darüber sich der Tropff hertzlich erfreuet/ nach solcher Verꝛichtung die Lumpen von sich thät/ und in wenig Tagen wieder allerdings zu recht kam. Auff solche Weis ist einem andern geholffen worden/ der sich eingebildet/ er habe allerhand Pferdgezeug/ Zäun und sonst Sachen im Leib/ demselben gab sein Doctor eine Purgation ein/ und legte dergleichen Ding untern Nachtstul/ also daß der Kerl glauben muste/ solches seye durch den Stulgang von ihm kommen. So sagt man auch von einem Phantasten/ der geglaubt habe/ seine Nas seye[174] so lang/ daß sie ihm biß auff den Boden reiche/ dem habe man eine Wurst an die Nas gehenckt/ dieselbe nach und nach biß an die Nas selbst binweg geschnitten/ und als er das Messer an der Nas empfunden/ hätte er geschryen/ seine Nas seye jetzt wieder in rechter Form/ kan also/ wie diesen Personen/ dem guten Simplicio wol auch wieder geholffen werden.

Dieses alles glaubte ich wol/ antwortet mein Herꝛ/ allein ligt mir an/ daß er zuvor so unwissend gewesen/ nunmehr aber von Sachen zu sagen weiß/ solche auch so perfect daher erzehlet/ dergleichen man bey älteren/ erfahrneren und belesneren Leuten/ als er ist/ nicht leichtlich finden wird/ er hat mir viel Eygenschafften der Thier erzehlt/ und mein eigene Person so artlich beschrieben/ als wenn er sein Lebtag in der Welt gewesen/ also daß ich mich darüber verwundern/ und seine Reden bey nahe vor ein Oracul oder Warnung Gottes halten muß.

Herꝛ/ antwortet der Pfarꝛer/ dieses kan natürlicher Weis wol seyn/ ich weiß/ daß er wol belesen ist/ massen er so wol als sein Einsidel gleichsam alle meine Bücher die ich gehabt/ und deren zwar nicht wenig gewesen/ durch gangen/ und weil der Knab ein gut Gedächtnus hat/ jetzo aber in seinem Gemüth müssig ist/ und seiner eigenen Person vergißt/ kan er gleich hervor bringen/ was er hiebevor ins Hirn gefast; ich versehe mich auch/ daß er mit der Zeit wieder zu recht zu bringen sey. Also setzt der Pfarꝛer den Gubernator zwischen Forcht und Hoffnung/ er verantwortet mich und mein Sach auff das beste/ und bracht mir gute Tag/ ihme selbst aber ein Zutritt bey meinem Herꝛn zu wegen. Jhr endlicher Schluß war/ [175] man solte noch ein Zeitlang mit mir zusehen; und solches thät der Pfarꝛer mehr umb seines als meines Nutzens wegen/ dann mit diesem/ daß er so ab und zugieng/ und sich stellet/ als wenn er meinet halben sich bemühet/ und grosse Sorg trug/ überkam er deß Gnbernators Gunst/ dahero gab ihm derselbige Dienst/ und machte ihn bey der Guarnison zum Caplan/ welches in so schwerer Zeit kein geringes war/ und ich ihm hertzlich wol gönnete.

Das XIV. Capitel.

VOn dieser Zeit an besaß ich meines Herꝛn Gnad/ Gunst und Lieb vollkommenlich/ dessen ich mich wol mit Warheit rühmen kan; nichts mangelt mir zu meinem bessern Glück/ als daß ich an meinem Kalbs Kleid zu viel/ und an Jahren noch zu wenig hatte/ wiewol ich solches selbst nicht wuste; so wolte mich der Pfarꝛer auch noch nicht witzig haben/ weil ihn solches noch nicht Zeit/ und seinem Nutzen vorträglich zu seyn bedünckte. Und demnach mein Herꝛ sahe/ daß ich Lust zur Music hatte/ ließ er mich solche lernen/ und verdinget mich zugleich einem vortrefflichen Lautenisten/ dessen Kunst ich in Bälde zimlich begriffe/ und ihn umb so viel übertraff/ weil ich besser als er darein singen konte: Also dienete ich meinem Herꝛn zum Lust/ zur Kurtzweil/ Ergetzung und Verwunderung. Alle Officier erzeigten mir ihren geneigten Willen/ die reichste Bürger verebrten mich/ und das Haußgesind neben den Soldaten wolten mir wol/ weil sie sahen/ wie mir mein Herꝛ gewogen war; einer schenckte mir hier/ der ander dort/ dann sie wusten/ daß Schalcks-Narꝛen offt bey ihren Herꝛen [176] mehr vermögen/ als etwas rechtschaffenes/ und dahin hatten auch ihre Geschenck das Absehen/ weil mir etliche darumb gaben/ daß ich sie nicht versuchs. schwäntzen solte/ andere aber eben deßwegen/ daß ich ihrentwegen solches thun solte; Auff welche Weis ich zimlich Geld zu wegen brachte/ welches ich mehrentheils dem Pfarꝛer wieder zusteckte/ weil ich noch nicht wuste/ worzu es nutzete. Und gleich wie mich niemand scheel ansehen dõrffte/ also hatte ich auch von nirgends her keine Anfechtung/ Sorg oder Bekümmernus; Alle meine Gedancken legte ich auff die Music/ und wie ich dem einen und dem andern seine Mängel artlich verweisen möchte/ daher wuchse ich auff wie ein Narꝛ im Zwibel-Land/ und meine Leibs. kräfften namen Handgreifflich zu; man sahe mir in Bälde an/ daß ich mich nicht mehr im Wald mit Wasser/ Eicheln/ Buchen/ Wurtzeln und Kräutern mortificirte/ sondern daß mir bey guten Bißlein der Rheinische Wein und das Hanauische Doppelbier wol zuschlug/ welches in so elender Zeit vor ein grosse Gnad von Gott zu schätzen war/ denn damals stunde gantz Teutschland in völligen Kriegsflammen/ Hunger und Pestilentz/ und Hanau selbst war mit Feinden umblagert/ welches alles mich im geringsten nicht kräncken konte. Nach auffgeschlagener Belägerung nam ihme mein Herꝛ vor/ mich entweder dem Cardinal Richelieu oder Hertzog Bernhard von Weymar zu schencken/ dann ohne daß er hoffte einen grossen Danck mit mir zu ver dienen/ gab er auch vor/ daß ihm schier ohnmüglich wäre/ länger zu ertragen/ weil ich ihm seiner verlornen Schwester Gestalt/ deren ich je länger je äbnlicher [177]würde/ in so närꝛischem Habit täglich vor Augen stellte/ solches widerꝛieth ihm der Pfarꝛer/ dann er hielte darvor/ die Zeit wäre kommen/ in welcher er ein Miracul thun/ und mich wieder zu einem vernünfftigen Menschen machen wolte; gabe demnach den Gubernator den Rath/ er solte ein paar Kalbfell bereiten/ und solche andern Knaben anthun lassen/ hernach ein dritte Person bestellen/ die in Gestalt eines Artzts/ Propheten oder Landfahrers/ mich und bemeldte zween Knaben mit seltzamen Ceremonien außziehe/ und vorwenden/ daß er auß Thieren Menschen/ und auß Menschen Thiere machen könte/ auff solche Weis könte ich wol wieder zu recht gebracht/ und mir ohne sonderliche grosse Mühe eingebildet werden/ ich seye wie andere mehr wieder zu einem Menschen worden: Als ihme der Gubernator solchen Vorschlag belieben liesse/ communicirt mir der Pfarꝛer/ was er mit meinem Herꝛn abgeredt hätte/ und überꝛedet mich leicht/ daß ich meinen Willen darein gab. Aber das neidige Glück wolte mich so leichtlich auß meinem Narꝛnkleid nicht schliessen/ noch mich das herꝛliche gute Leben länger geniessen lassen; dann indem als Gerber und Schneider mit den Kleidern umbgiengen/ die zu dieser Comœdia gehörten/ terminirte ich mit etlich andern Knaben vor der Vestung auff dem Eiß herumb; da führt/ ich weiß nicht wer/ ohnversehens eine Partey Croaten daher/ die uns miteinander aupackten/ auff etliche läere Bauren-Pferd setzten/ die sie erst gestolen hatten/ und miteinander darvon führten. Zwar stunden sie ersilich im Zweiffel/ ob sie mich mit nehmen wolten oder nicht? biß endlich einer auff Böhmisch sagt:[178] Mih weme daho Blasna sebao, bo we deme ho gbabo Obersto wi: Dem antwort ein anderer/ Prschis am bambo ano, mi ho nagonie possadeime, wan rosumi niemezki, won bude mit Kratock wille sebao; Also muste ich zu Pferd/ und innen werden/ daß einem ein einzig unglückliches Stůndlein aller Wolfahrt entsetzen/ und von allem Glück und Heyl dermassen entfernen kan/ daß es einem sein Lebtag nachgehet.

Das XV. Capitel.

OB nun zwar die Hanauer gleich Lermen hatten/ sich zu Pferd herauß liessen/ und die Croaten mit einem Scharmützel etwas auffbielten und bekümmerten/ so mochten sie ihnen jedoch nichts abgewinnen/ dann diese leichte Wahr gieng sehr vortheilhafftig durch/ und nam ihren Weg auff Büdingen zu/ allwo sie fütterten/ und den Bürgern daselbst die gefangene Hanauische reiche Söhnlein wieder zu lösen gaben/ auch ihre gestolene Pferd und andere Wahr verkaufften/ von dannen brachen sie wieder auff/ schier ehe es recht Nacht/ geschweige wieder Tag worden/ giengen schnell durch den Büdinger Wald dem Stifft Fulda zu/ und namen unterwegs mit/ was sie fort bringen konten/ das Rauben und Plündern hinderte sie an ihrem schleunigen FortZug im geringsten nichts/ dann sie kontens machen wie der Teuffel/ von welchem man zu sagen pflegt/ daß er zugleich lauffe und (s. v.) hofiere/ und doch nichts am Weg versaume; massen wir noch denselben Abend im Stifft Hirschfeld/ allwo sie ihr Quartier hatien/ mit einer grossen Beut ankamen/ das [179] wurde alles partirt/ ich aber wurde dem Obrist Corpes zu theil.

Bey diesem Herꝛn kam mir alles widerwertig und fast Spanisch vor/ die Hanauische SchleckerBißlein hatten sich in schwartzes grobes Brod/ und mager Rindfleisch/ oder wanns wol abgieng/ in ein Stück gestolnen Speck verändert; Wein und Bier war mir zu Wasser worden/ und ich muste an statt deß Betts/ bey den Pferden in der Streu vor lieb nemmen; vor das Lauten schlagen/ das sonst jederman belustiget/ muste ich zu Zeiten/ gleich andern Jungen/ untern Tisch kriechen/ wie ein Hund heulen/ und mich mit Sporen stechen lassen/ welches mir ein schlechter Spaß war; vor das Hanauische spatzieren gehen/ dorffte ich nicht auff Fourage reuten/ Pferd strigeln/ und denselben außmisten; das fouragirn aber ist nichts anders/ als daß man mit grosser Mühe und Arbeit/ auch offt nicht ohne Leibund Lebens-Gefahr hinauß auff die Dörffer schwaiffet/ drischt/ mahlt/ backt/ stilt und nimmt was man findt/ trillt und verderbt die Bauren/ ja schändet wol gar ihre Mägd/ Weiber und Töchter! Und wann den armen Baurn das Ding nicht gefallen will/ oder sie sich etwan erkühnen dörffen/ einen oder den andern Fouragierer ũber solcher Arbeit auff die Finger zu klopffen/ wie es denn damals dergleichen Gäst in Hessen viel gabe/ so hauet man sie nider/ wenn man sie hat/ oder schicket auffs wenigste ihre Häuser im Rauch gen Himmel Mein Herꝛ hatte kein Weib (wie dann diese Art Krieger keine Weiber mit zu führen pflegen) keinen Page/ keinen Kammerdiener/ keinen Koch/ hingegen aber einen Hauffen Reutknecht [180] und Jungen/ welche ihm und den Pferden zugleich abwarteten/ und schämte er sich selbst nicht/ ein Roß zu satteln/ oder demselben Futter fürzuschütten; er schlieff allezeit auff Stroh/ oder auff der blossen Erd/ und bedeckte sich mit seinem Beltz-Rock/ daher sahe man offt die Müller flöhe auff seinen Kleidern herum wandern/ deren er sich im geringsten nicht schämet/ sondern noch darzu lachte/ wann ihm jemand eine herab lase; er trug kurtze Haupt-Haar/ und einen breiten Schweitzer-Bart/ welches ihm wol zu statten kam/ weil er sich selbst in Bauren-Kleider zu verstellen/ und darin auff Kundschafft außzugehen pflegte. Wiewol er nun/ wie gehöret/ keine Giandezza speiset/ so wurde er jedoch von den Seinen und andern die ihn kenneten/ geehrt/ geliebt und geförchtet; Wir waren niemals ruhig/ sondern bald hier/ bald dort; bald fielen wir ein/ und bald wurde uns eingefallen/ so gar war keine Ruhe da/ der Hessen Macht zu ringern/ hingegen feyret uns Melander auch nicht/ als welcher uns manchen Reuter abjagte/ und nach Cassel schickte.

Dieses unruhige Leben schmeckte mir gantz nicht/ dahero wünscht ich mich offt vergeblich wieder nach Hanau; mein gröstes Creutz war/ daß ich mit den Burschen nicht recht reden konte/ und mich gleichsam von jedwederm hin und wieder stossen/ plagen/ schlagen und jagen lassen muste/ die gröste Kurtzweil/ die mein Obrister mit mir hatte/ war/ daß ich ihm auff Teutsch singen/ und wie andere Reuter-Jungen auffblasen muste/ so zwar selten geschahe/ doch kriegte ich alsdann solche dichte Ohrfeigen/ daß der rothe Safft hernach gieng/ und ich lang genug daran hatte/ [181] zuletzt fienge ich an/ mich deß Kochens zu unterwinden/ und meinem Herꝛn das Gewehr/ darauff er viel hielte/ sauber zu halten/ weil ich ohne das auff Fourage zu reuten noch nichts nutz war/ das schlug mir so trefflich zu/ daß ich endlich meines Herꝛn Gunst erwarbe/ massen er mir wieder auß Kalbfellen ein neu Narꝛen-Kleid machen lassen/ mit viel grössern Esels-Ohren/ als ich zuvor getragen; und weil meines Herꝛn Mund nicht eckelicht war/ bedorfft ich zu meiner Koch-Kunst desto weniger Geschickligkeit; demnach mirs aber zum öfftern an Saltz/ Schmaltz und Gewürtz mangelte/ wurde ich meines Handwercks auch müd/ trachtet derowegen Tag und Nacht/ wie ich mit guter Manier außreissen möchte/ vornemlich weil ich den Früling wieder erlangt hatte. Als ich nun solches ins Werck setzen wolte/ nam ich mich an/ die Schaf- und Kübkutteln/ deren es voll umb unser Quartier lag/ ferne hinweg zu schläiffen/ damit solche kein so üblen Geruch mehr machten; solches ließ ihm der Obriste gefallen/ als ich nun damit umbgieng/ blieb ich/ da es dunckel ward/ zuletzt gar auß/ und entwischt in den nächsten Wald.

Das XVI. Capitel.

MEin Handel und Wesen wurde aber allem Ansehen nach/ je länger je ärger/ ja so schlim/ daß ich mir einbildete/ ich seye nur zum Unglück geboren/ dannich war wenig Stunden von den Croaten hinweg/ da erhascheten mich etliche Schnapphanen; diese vermeynteu ohn Zweiffel/ etwas rechts an mir gefangen zu haben/ weil sie bey finsterer Nacht mein närꝛisch Kleid nicht sahen/ und mich gleich durch [182] zween auß ihnen an einen gewissen Ort/ in Wald hinein führen lassen; Als mich diese dahin brachten/ und es zugleich stockfinster wurde/ wolte der eine Kerl kurtzumb Geld von mir haben/ zu solchem End legte er seine Handschuh sampt dem Feur-rohr nider/ und fieng an mich zu visitiren/ fragend/ Wer bistu? hastu Geld? So bald er aber mein haarig Kleid/ und die lange Esels-ohren an meiner Kappe (die er vor Hörner gehalten) begriffe/ und zugleich die hellscheinende Funcken (welchegemeiniglich der Thiere Häut sehen lassen/ wenn man sie in der Finstere streichet) gewahr wurde/ erschrack er/ daß er ineinander fuhr; solches merckete ich gleich/ derowegen strigelt ich/ ehe er sich wieder erholen/ oder etwas besinnen konte/ mein Kleid mit beyden Händen dermassen/ daß es schimmerte/ als wenn ich inwendig voller brennendem Schwefel gestocken wäre/ und antwortet ihm mit erschröcklicher Stimm: Der Teuffel bin ich/ und will dir und deinem Gesellen die Häls umbdrehen! Welches diese zween also erschreckte/ daß sie sich alle beyde durch Stöck und Stauden so geschwind darvon trolleten/ als wenn sie das höllisch Feuer gejagt hätte: Die finstere Nacht konte ihren schnellen Lauff nicht hindern/ und ob sie gleich offt an Stöck/ Stein/ Stämm und Bäum lieffen/ und noch öffter zu hauffen fielen/ rafften sie sich doch geschwind wieder auff/ solches trieben sie/ biß ich keinen mehr hören konte; ich aber lachte unter dessen so schröcklich/ daß es im gantzen Wald erschallete/ welches ohne Zweiffel in einer solchen finstern Einöde förchterlich anzuhören war.

Als ich mich nun abwegs machen wolte/ strauchelt [183] ich über das Feuer-rohr/ das nam ich zu mir/ weil ich bereits mit dem Geschoß umbzugehen/ bey den Croaten gelernet hatte; da ich weiter schritte/ stieß ich auch an einen Knappsack/ welcher gleich meinem Kleid von Kalbfellen gemacht war/ ich hnbe ihn ebenmässig auff/ und fand/ daß eine Patron-Däsche mit Pulver/ Bley und aller Zugehör wol versehen/ unden daran hienge. Jch hängte alles an mich/ nam das Rohr auff die Achsel wie ein Soldat/ und verbarg mich ohnweit darvon in einen dicken Busch/ der Meynung/ daselbst ein Weil zu schlaffen: Aber so bald der Tag anbrach/ kam die gantze Parthey auff vorbenanten Platz/ und suchten das verlorne Feurrohr sampt dem Knappsack/ ich spitzte die Ohren wie ein Fuchs/ und hielte mich stiller als eine Mauß/ wie sie aber nichts fanden/ verlachten sie die zween/ so von mir entflohen waren: Pfuy ihr fäige Tropffen/ sagten sie/ schämt euch ins Hertz hinein/ daß ihr euch von einem einigen Kerl erschrecken/ verjagen/ und das Gewehr nemmen laßt! Aber der eine schwur/ der Teuffel solt ihn holen/ wanns nicht der Teuffel selbst gewesen sey/ er hätte ja die Hörner und seine rauhe Haut wol begriffen; der ander aber gehub sich gar übel/ und sagte: Es mag der Teuffel oder sein Mutter gewesen seyn/ wenn ich nur meinen Rantzen wieder hätte. Einer von ihnen/ welchen ich vor den vornehmsten hielte/ antwortet diesem/ und sagte: Was meynstu wol/ daß der Teuffel mit deinem Rantzen und dem Feuer rohr machen wolte/ ich dörffte mein Hals verwetten/ wo nicht der Kerl/ den ihr so schändlich entlauffen lassen/ beyde Stück mit sich genommen. Diesem hielte ein anderer Widerpart/ und[184] sagte/ es könne auch wol seyn/ daß seither etliche Bauren da gewesen wären/ welche die Sachen gejunden und auffgehoben hätten/ solchem wurde endlich von Allen Beyfall gegeben/ und von der gantzen Partey vestiglich geglaubt/ daß sie den Teuffel selbst unter Handen gehabt hätten/ vornemlich weil der jenige/ so mich in der Finstere visitiren wollen/ nicht allein solches mit grausamen Flüchen bekräfftiget/ sondern auch die raube funcklende Haut und beyde Hörner/ als gewisse Wahrzeichen einer teufflischen Eigenschafft/ gewaltig zu beschreiben und herauß zu streichen wuste. Jch vermeyne auch/ wenn ich mich unversehens hätte wiederum sehen lassen/ daß die gantze Partey entloffen wäre.

Zuletzt/ als sie lang genug gesucht/ und doch nichts funden hatten/ namen sie ihren Weg weiters/ ich aber machte den Rantzen auff zu frühestücken/ und langte im ersten Griff einen Seckel herauß/ in welchem dreyhundert und etlich sechtzig Ducaten waren. Ob ich nun hierüber erfreuet worden/ bedarff zwar keines fragens: Aber der Leser sey versichert/ daß mich der Knappsack vielmehr erfreute/ weil ich ihn mit Proviant so wol versehen sabe/ als diese schöne Summa Golds selbst. Und demnach dergleichen Gesellen bey den gemeinen Soldaten viel zu dinn gesäet zu seyn pflegen/ daß sie solche mit sich auff Partey schleppen solten/ als mache ich mir die Gedancken/ der Kerl müsse diß Geld auff eben derselbigen Partey erst heimlich erschnappt/ und geschwind zu sich in Rantzen geschoben haben/ damit er solches mit den andern nicht partirn dörffe.

Hierauff zehrte ich frölich zu morgen/ fand auch [185] bald ein lustig Brünnlein/ bey welchem ich mich erquickte/ und meine schöne Ducaten zehlete. Wann mirs allbereit das Leben gülte/ ich solte anzeigen/ in welchem Land oder Gegend ich mich damals befunden/ so könte ichs nicht; ich blieb anfangs so lang im Wald/ als mein Proviant währte/ mit welchem ich sparsam Hauß hielte/ als aber mein Rantzen läer worden/ jagte mich der Hunger in die Bauren-Häuser/ da kroch ich bey Nacht in Keller und Küchen/ und nam von Essenspeiß/ was ich fand und tragen mochte/ das schleppte ich mit mir in Wald/ wo er am allerwildesten war/ darinnen führte ich wieder überall ein Einsidlerisch Leben wie hiebevor/ ohne daß ich sehr viel stale/ und desto weniger betete/ auch keine stetige Wohnung hatte/ sondern bald hie bald dort hin schwäiffte. Es kam mir trefflich wol zu statten/ daß es im Anfang deß Sommers war/ doch konte ich auch mit meinem Rohr Feuer machen/ wann ich wolte.

Das XVII. Capitel.

UNter währendem diesem meinem Umbschwäiffen haben mich hin und wieder in den Wäldern unterschiedliche Baursleut angetroffen/ sie seynd aber allezeit vor mir geflohen/ nicht weiß ich/ wars die Ursach/ daß sie ohne das durch den Krieg scheu gemacht/ verjagt/ und niemals recht beständig zu Hauß waren; oder ob die Schnapphanen die jenige Abentheur/ so ihnen mit mir begegnet/ in dem Land außgesprengt haben? Also daß hernach diese/ so mich nachgehends gesehen/ ingleichem geglaubt/ der böse Feind wandere warhafftig in selbiger Gegend umb- [186] her/ derowegen muste ich sorgen/ das Proviant möchte mir außgehen/ und ich dardurch endlich ins äusserste Verderben kommen/ ich wolte dann wieder Wurtzel und Kräuter essen/ deren ich nicht mehr gewohnt war. Jn solchen Gedancken hörte ich zween Holtzbauer/ so mich höchlich erfreute/ ich gieng dem Schlag nach/ und als ich sie sahe/ nam ich ein Hand voll Ducaten auß meinem Säckel/ schliche nahe zu ihnen/ zeigte ihnen das anziehende Gold/ und sagte: Jhr Herꝛn/ wenn ihr meiner wartet/ so will ich euch die Hand voll Gold schencken; Aber so bald sie mich und mein Gold sahen/ eben so bald gaben sie auch Fersengelt/ und liessen Schlegel und Keil/ sampl ihrem Käß und Brot-Sack ligen/ mit solchem versahe ich meinen Rantzen wieder/ verschlug mich in den Wald/ und verzweiffelte schier/ mein Lebtag wider einmal zu Menschen zu kommen.

Nach langem bin und her finnen gedacht ich: Wer weiß wie dirs noch gehet/ dastu doch Geld/ und wenn du solches zu guten Leuten in Sicherheit bringest/ so kanstu zimlich lang wol darumb leben; Also fiel mir ein/ ich solts einnähen/ derowegen machte ich mir auß meinen Esels-obren/ welche die Leut so flüchtig machten/ zwey Armbänder/ gesellet meine Hanauische zu den Schnapphanischen Ducaten/ thät solche in besagte Armbänder wol arrestiren/ und oberhalb den Elenbogen umb meine Arm binden. Wie ich nun meinen Schatz dergestalt versichert hatte/ fuhr ich den Bauren wieder ein/ und holte von ihrem Vorrath was ich bedorffte und erschnappen konte/ und wiewol ich noch einfältig gewest/ so war ich jedoch so schlau/ daß ich niemal/ wo ich einst einen Particul [187] geholt/ wieder an dasselbig Ort kam/ dahero war ich sehr glückselig im sielen/ und wurde niemals auff der Mauserey erdappt.

Einsmal zu End deß May/ als ich abermal durch mein gewöhnlich/ ob zwar verbottenes Mittel/ meine Nahrung holen wolte/ und zu dem Ende zu einem Baurn-Hof gestrichen war/ kam ich in die Küchen/ merckte aber bald/ daß noch Leut auff waren (Nota, wo sich Hund befanden/ da kam ich wol nicht hin) derowegen sperꝛete ich die eine Küchenthür/ die in Hof gieng/ Angelweit auff/ damit wann es etwan Gefahr setzte/ ich stracks außreissen könte blieb also Maußstill sitzen/ biß ich erwarten möchte/ daß sich die Leut nidergelegt hätten: Unte[r]dessen nam ich eines Spalts gewahr/ den das Küchenschälterlein hatte/ welches in die Stuben gieng; ich schlich hinzu/ zu sehen/ ob die Leut nicht bald schlaffen gehen wolten? aber meine Hoffnung war nichts/ dann sie hatten sich erst angezogen/ und an statt deß Liechts/ ein schweflichte blaue Flamm auff der Banck stehen/ bey welcher sie Stecken/ Besem/ Gablen/ Stül und Bänck schmierten/ und nacheinander damit zum Feuster hinauß flogen. Jch verwundert mich schröcklich/ und empfand ein grosses Grausen; weil ich aber grösserer Erschröcklichkeiten gewohnt war/ zumal mein Lebtag von den Unholden weder gelesen noch gehört hatte/ achtet ichs nicht sonderlich/ vornemlich weil alles so still hergieng/ sondern verfügte mich/ nachdem alles darvon gefahren war/ auch in die Stub/ bedachte was ich mit nemmen/ und wo ich solches suchen wolte/ und setzte mich in solchen Gedancken auff einen Banck schrittlings nider; Jch war aber [188] kaum auffgesessen/ da fuhr ich sam̃t der Banck gleichsam augenblicklich zum Fenster hinauß/ und ließ mein Rantzen und Feur-rohr/ so ich von mir gelegt hatte/ vor den Schmirberlohn und so künstliche Salbe dahinden. Das Auffsitzen/ davon fahren und absteigen/ geschahe gleichsam in einem Nu! dann ich kam/ wie mich bedünckte/ augenblicklich zu einer grossen Schaar Volcks/ es sey dann/ daß ich auß Schrecken nicht geacht hab/ wie lang ich auff dieser weiten Räis zugebracht/ diese tantzten einen wunderlichen Tantz/ dergleichen ich mein Lebtag nie gesehen/ dann sie hatten sich bey den Händen gefast/ und viel Ring ineinander gemacht/ mit zusamm gekehrten Rucken/ wie man die drey Gratien abmahlet/ also daß sie die Angesichter heraußwarts kehrten; der inner Ring bestund etwan in 7. oder 8. Personen/ der ander hatte wol noch so viel/ der dritte mehr als diese beyde/ und so fortan/ also daß sich in dem äussern Ring über 200. Personen befanden; und weil ein Ring oder Craiß umb den andern lincks/ und die andere rechts herumb tantzte/ konte ich nicht sehen/ wie viel sie solcher Ring gemacht/ noch was sie in der Mitten/ darumb sie tantzten/ stehen hatten. Es sahe eben greulich seltzam auß/ weil die Köpff so possierlich durcheinander haspelten. Und gleich wie der Tantz seltzam war/ also war auch ihre Music, auch sange/ wie ich vermeynte/ ein jeder am Tantz selber drein/ welches ein wunderliche Harmoniam abgab/ meine Banck die mich hin trug/ ließ sich bey den Spiellenten nieder/ die ausserhalb der Ringe umb den Tantz herum sinnden/ deren etliche hatten an statt der Flöten/ Zwerchpfeiffen und Schalmeyen/ nichts anders als Natern/[189] Vipern und Blindschleichen/ darauff sie lustig daher pfiffen: Etliche hatten Katzen/ denen sie in Hindern bliesen/ und auff dem Schwantz fingerten/ das lautet den Sack-pfeiffen gleich: Andere geigeten auff Roßköpffen/ wie auff dem besten Discant, und aber andere schlugen die Harpffe auff einem Kühgeribbe/ wie solche auff dem Wasen ligen/ so war auch einer vorhanden/ der hatte eine Hündin underm Arm/ deren leyert er am Schwantz/ und fingert ihr an den Dutten/ darunter trompeteten die Teuffel durch die Nase/ daß es im gantzen Wald erschallete/ und wie dieser Tantz bald auß war/ fieng die gantze höllische Gesellschafft an zu rasen/ zu ruffen/ zu rauschen/ zu brausen/ zu heulen/ zu wüten und zu toben/ als ob sie alle toll und thöricht gewest wären. Da kan jeder gedencken/ in was Schrecken und Furcht ich gesteckt.

Jn diesem Lermen kam ein Kerl auff mich dar/ der hatte ein ungeheure Krott unterm Arm/ gern so groß als eine Heerpaucke/ deren waren die Därm auß dem Hindern gezogen/ und wieder zum Maul hinein geschoppt/ welches so garstig außsahe/ daß mich darob kotzerte; Sehin Simplici, sagte er/ ich weiß/ daß du ein guter Lautenist bist/ laß uns doch ein fein Stückgen hören: Jch erschrack daß ich schier umbfiel/ weil mich der Kerl mit Nahmen nennete/ und in solchem Schrecken verstummte ich gar/ und bildete mir ein/ ich lege in einem so schweren Traum/ bat derowegen innerlich im Hertzen/ daß ich doch erwachen möchte/ der mit der Krott aber/ den ich steiff ansahe/ zog seine Nasen auß und ein/ wie ein Calecutscher Han/ und stieß mich endlich auff die Brust/ daß ich bald darvon erstickte; derowegen fienge ich an überlaut zu [190] Gott zu ruffen/ da verschwand das gantze Heer. Jn einem Huy wurde es stockfinster/ und mir so förchterlich umbs Hertz/ daß ich zu Boden fiele/ und wol 100. Creutz vor mich machte.

Das XVIII. Capitel.

DEmnach es etliche/ und zwar auch vornehme gelehrte Leut darunter gibt/ die nicht glauben/ daß Hexen oder Unholden seyen/ geschweige daß sie in der Lufft hin und wieder fahren solten; Als zweiffele ich nicht/ es werden sich etliche finden/ die sagen werden/ Simplicius schneide hier mit dem grossen Messer auff: Mit denselben begehre ich nun nicht zu fechten/ dann weil auffschneiden keine Kunst/ sondern jetziger Zeit fast das gemeineste Handwerck ist/ als kan ich nicht leugnen/ daß ichs nicht auch könte/ dann ich müste ja sonst wol ein schlechter Tropf seyn. Welche aber der Hexen Außfahren verneinen/ die stellen ihnen nur Simonem den Zauberer vor/ welcher vom bösen Geist in die Lufft erhaben wurde/ und auff S. Petri Gebet wieder herunter gefallen. Nicolaus Remigius, welcher ein dapfferer/ gelehrter und verständiger Mann gewesen/ und im Hertzogthum Lothringen nicht nur ein halb Dutzet Hexen verbrennen lassen/ erzehlet von Johanne von Hembach/ daß ihn seine Mutter/ die eine Hex war/ im 16. Jahr seines Alters/ mit sich auff ihre Versamlung genommen/ daß er ihnen/ weil er hatte lernen pfeiffen/ beym Tantz auffspielen solte; zu solchem End stiege er auff einen Baum/ pfiffe daher/ und sihet dem Tantz mit Fleiß zu (vielleicht weil ihm alles so wunderlich vorkam) Endlich spricht er: Behüt lieber GOtt/ [191] woher kompt so viel närꝛisch und unsinniges Gesind? Er hatte aber kaum diese Wort außgesagt/ so fiel er vom Baum herab/ verꝛenckt eine Schulter/ und rufft ihnen umb Hülff zu/ aber da war niemand als er; Wie es dieses nachmals ruchbar machte/ hieltens die meiste vor ein Fabel/ biß man kurtz hernach Catharinam Prævotiam Zauberey halber fienge/ welche auch bey selbigem Tantz gewesen/ die bekante alles wie es hergangen/ wiewol sie von dem gemeinen Geschrey nichts wuste/ das Hembach außgesprengt hatte. Majolus setzet zwey Exempel/ von einem Knecht/ so sich an sein Frau gehängt/ und von einem Ehebrecher/ so der Ehebrecherin Büchsen genom̃en/ sich mit deren Salben geschmiert/ und also beyde zu der Zauberer Zusammenkunfft kommen seyn. So sagt man auch von einem Knecht/ der frühe auffgestanden/ und den Wagen geschmiert/ weil er aber die unrechte Büchs in der Finstere erdappt/ hat sich der Wagen in die Lufft erhoben/ also daß man ihn wieder herab ziehen müssen. Olaus Magnus erzehlet in lib. 3. Hist. de gentibus Septentrional. 1. cap. 19. daß Hadingus König in Dennemarck wieder in sein Königreich/ worauß er durch etliche Auffrührer vertrieden worden/ fern über das Meer auff deß Othini Geist durch die Lufft gefahren/ welcher sich in ein Pferd verstellt hätte. So ist auch mehr als genugsam bekant/ was gestalt theils Weiber und ledige Dirnen in Böhmen/ ihre Beyschläffer deß Nachts einen weiten Weg auff Böcken zu sich holen lassen. Was Torquemadius in seinem Hexamerone von seinem Schulgesellen erzehlt/ mag bey ihm gelesen werden. Ghirlandus schreibet auch von einem vornehmen Mann/[192] welcher als er gemerckt/ daß sich sein Weib salbe/ und darauff auß dem Hauß fahre/ habe er sie einsmals gezwungen/ ihn mit sich auff der Zauberer Zusammenkunfft zu nehmen; Als sie daselbst assen/ und kein Saltz vorhanden war/ habe er dessen begehrt/ mit grosser Mühe auch erhalten/ und darauff gesagt: GOtt sey gelobt/ jetzt kompt das Saltz! Darauff die Liechter erloschen/ und alles verschwunden. Als es nun Tag worden/ hat er von den Hirten verstanden/ daß er nahend der Statt Benevento, im Königreich Neapolis/ und also wol 100. Meil von seiner Heimat seye; Derowegen ob er wol reich gewesen/ habe er doch nach Hauß bettlen müssen/ und als er heim kam/ gab er alsbald sein Weib vor eine Zauberin bey der Obrigkeit an/ welche auch verbrennt worden. Wie Doctor Faust neben noch andern mehr/ die gleichwol keine Zauberer waren/ durch die Lufft von einem Ort zum andern gefahren/ ist auß seiner Histori genugsam bekant. So hab ich selbst auch eine Frau und eine Magd gekant/ seynd aber/ als ich dieses schreibe/ beyde todt/ wiewol der Magd Vatter noch im Leben/ diese Magd schmierte einsmals auff dem Herd beym Feuer ihrer Frauen die Schuh/ und als sie mit einem fertig war/ und solchen beyseit setzte/ den andern auch zu schmieren/ fuhr der geschmierte ohnversehens zum Kamin hinauß; diese Geschicht ist aber verduscht geblieben. Solches alles melde ich nur darumb/ damit man eigentlich darvor halte/ daß die Zauberinnen und Hexenmeister zu Zeiten leibhafftig auff ihre Versamlungen fahren/ und nicht deßwegen/ daß man mir eben glauben müsse/ ich sey wie ich gemeldt hab/ auch so dahin gefahren/ dann es gilt mir gleich/ es[193] mags einer glauben oder nicht/ und wers nicht glauben will/ der mag einen andern Weg erfinnen/ auff welchem ich auß dem Stifft Hirschfeld oder Fulda (dann ich weiß selbst nicht/ wo ich in den Wäldern herumb geschwaifft hatte) in so kurtzer Zeit ins ErtzStifft Magdeburg marchirt seye.

Das XIX. Capitel.

JCh fang meine Histori wieder an/ und versichere den Leser/ daß ich auff dem Bauch ligen bliebe/ biß es allerdings heller Tag war/ weil ich nicht das Hertz hatte/ mich auffzurichten; zu dem zweiffelt ich noch/ ob mir die erzehlte Sachen geträumt hätten/ oder nicht? und ob ich zwar in zimlichen Aengsten stacke/ so war ich doch so kühn zu entschlaffen/ weil ich gedachte/ ich könte an keinem ärgern Ort/ als in einem wilden Wald ligen/ in welchem ich die meiste Zeit/ sint ich von meinem Knan war/ zubracht/ und dahero derselben zimlich gewohnt hatte. Ungefähr umb 9. Uhr Vormittag war es/ als etliche Fouragier kamen/ die mich auffweckten/ da sahe ich erst/ daß ich mitten im freyen Feld war; diese namen mich mit ihnen zu etlichen Windmühlen/ und nachdem sie ihre Früchten allda gemahlen hatten/ folgends in das Läger vor Magdeburg/ allda ich einem Obristen zu Fuß zu theil ward/ der fragte mich/ wo ich her käme/ und was vor einem Herꝛn ich zugehörig wäre? Jch erzehlte alles Haar-klein/ und weil ich die Croaten nicht nenneu konte/ beschrieb ich ihre Kleidungen/ und gab Gleichnussen von ihrer Sprach/ auch daß ich von denselben Leuten geloffen wäre; von meinen Ducaten schwiege ich still/ und was ich von meiner [194] Lufftfahrt und dem Hexen-Tantz erzehlete/ das hielte man vor Einfäll und Narꝛentheidungen/ vornemlich weil ich auch sonst in meinem Discurs das tausend ins hunderte warff: Jndessen samblete sich ein Hauffen Volcks umb mich her/ (dann ein Narꝛ machet 1000. Narꝛen) unter denselben war einer/ so das vorig Jahr in Hanau gefangen gewesen/ und allda Dienst angenommen hatte/ folgends aber wieder unter die Käiserl. kommen war/ dieser kante mich und sagte gleich: Hoho/ diß ist deß Commandanten Kalb zu Hanau! Der Obrist fragte ihn meinet wegen mehrere Umbständ/ der Kerl wuste aber nichts weiters von mir/ als daß ich wol auff der Lauten schlagen könte/ item daß mich die Croaten von deß Obrist Corpes Regiment/ zu Hanau vor der Vestung hinweg genommen hätten/ so dann/ daß mich besagter Commandant ungern verloren/ weil ich gar ein artlicher Narꝛ wäre. Hierauff schickte die Obristin zu einer andern Obristin/ die zimlich wol auff der Lauten konte/ und deßwegen stetig eine nachführte/ die liesse sie umb ihre Lauten bitten/ solche kam/ und wurde mir præsentirt/ mit Befelch/ ich solte eins hören lassen; Aber meine Meynung war/ man solte mir zuvor etwas zu essen geben/ weil ein läerer und dicker Bauch/ wie die Laut einen hatte/ nicht wol zusammen stimmen würden; Solches geschahe/ und demnach ich mich zimlich bekröpfft/ und zugleich einen guten Trunck Zerbster Bier verschlucket hatte/ ließ ich beydes mit der Lauten und meiner Stimme hören was ich konte/ darneben redete ich allerley untereinander/ wie mirs einfiel/ so/ daß ich mit geringer Mühe die Leut dahin brachte/ daß sie glaubten/ ich[195] wäre von der jenigen Qualität/ die meine Kleidung vorstellte. Der Obriste fragte mich/ wo ich weiters hin wolte? und da ich antwortet/ daß es mir gleich gelte; wurden wir deß Handels eins/ daß ich bey ihm bleiben/ und sein Hof-Juncker seyn solte. Er wolte auch wissen/ wo meine Esels-Ohren hinkommen wären? Ja/ sagte ich/ wann du wüstest/ wo sie wären/ so wurden sie dir nicht übel anstehen: Aber ich konte wol verschweigen/ was sie vermochten/ weil all mein Reichthum darinn lagen.

Jch wurde in kurtzer Zeit bey den meisten hohen Officiern/ so wol im Chur Sächsischen als Käiserl. Läger bekant/ sonderlich bey dem Frauenzimmer/ welches meine Kappe/ Ermel und abgestutzte Ohren überall mit seidenen Banden zierte/ von allerhand Farben/ so daß ich schier glaube/ daß etliche Stutzer die jetzige Mode darvon abgesehen. Was mir aber von den Officierern an Geld geschenckt wurde/ das theilte ich wieder mildiglich mit/ dann ich verspendirte alles bey einem Heller/ in dem ichs mit guten Gesellen in Hamburger und Zerbster Bier/ welche Gattungen mir trefflich wol zuschlugen/ versoffe; unangesehen ich an allen Orten/ wo ich nur hin kam/ genug zu schmarotzen hatte.

Als mein Obrister aber ein eigene Lauten vor mich überkam/ denn er gedachte ewig an mir zu haben/ da dorfft ich nicht mehr in den beyden Lägern so hin und wieder schwermen/ sondern er stellete mir einen Hofmeister dar/ der mich beobachten/ und dem ich hingegen gehorsamen solte: Dieser war ein Mann nach meinem Hertzen/ dann er war still/ verständig/ wolgelährt/ von guter/ aber nicht überflüssiger Conver- [196] sation, und was das gröste gewesen/ überauß gottsförchtig/ wol belesen/ und voll allerhand Wissenschafften und Künsten/ bey ihm muste ich deß Nachts in seiner Zelten schlaffen/ und bey Tag dorfft ich ihm auch nicht auß den Augen/ er war eines vornehmen Fürsten Rath und Beampter/ zumal auch sehr reich gewesen/ weil er aber von den Schwedischen biß in Grund ruinirt worden/ zumaln auch sein Weib mit todt abgangen/ und sein einiger Sohn Armut halber nicht mehr studiren konte/ sondern unter der Chur Sächfischen Armee vor einen Musterschreiber dienete/ hielte er sich bey diesem Obristen auff/ und liesse sich vor einen Stallmeister gebrauchen/ umb zu verharꝛen/ biß die gefährliche Kriegsläufften am ElbStrom sich änderten/ und ihme alsdann die Sonne seines vorigen Glücks wieder scheinen möchte.

Das XX. Capitel.

WEil mein Hofmeister mehr alt als jung war/ also konte er auch die gantze Nacht nicht durchgehend schlaffen/ solches war ein Ursach/ daß er mir in der ersten Wochen hinder die Brieff kam/ und außtrücklich vernam/ daß ich kein solcher Narꝛ war/ wie ich mich stellete: Wie er denn zuvor auch etwas gemerckt/ und von mir auß meinem Angesicht ein anders geurtheilet hatte/ weil er sich wol auff die Phisiognomiam verstund. Jch erwachte einsmals umb Mitternacht/ und machte über mein eygen Leben und seltzame Begegnussen allerley Gedancken/ stunde auch auff/ und erzehlte Dancksagungs-weis alle Gutthaten/ die mir mein lieber Gott erwiesen/ und alle Gefahren/ auß welchen er mich erꝛettet; legte mich her- [197] nach wider nider mit schweren Seufftzen/ und schlieff vollends auß.

Mein Hofmeister hörete alles/ thät aber/ als wenn er hart schlieff/ und solches geschahe etliche Nächt nacheinander/ also daß er sich genugsam versichert hielte/ daß ich mehr Verstand hätte/ als mancher Betagter/ der sich viel einbilde; doch redet er nichts mit mir im Zelt biervon/ weil sie zu dinne Wänd hatte/ und er gewisser Ursachen halber nicht haben wolte/ daß noch zur Zeit/ und ehe er meiner Unschuld verfichert wäre/ jemand anders diese Geheimnus wüste. Einsmals gieng ich hinder das Läger spatzieren/ welches er gern geschehen liesse/ damit er Ursach hätte mich zu suchen/ und also die Gelegenheit bekäme/ allein mit mir zu reden: Er fand mich nach Wunsch an einem einsamen Ort/ da ich meinen Gedancken Audienz gab/ und sagte: Lieber guter Freund/ weil ich dein besies zu suchen untersiehe/ erfreue ich mich/ daß ich hier allein mit dir reden kan; Jch weiß/ daß du kein Narꝛ bist/ wie du dich stellest/ zumalen auch in diesem elenden und verächtlichen Stand nicht zu leben begehrest: Wenn dir nun deine Wolfahrt lieb ist/ auch zu mir als einem ehrlichen Mann/ dein Vertrauen setzen wilst/ so kanstu mir deiner Sachen Bewandnus erzehlen/ so will ich hingegen/ wo müglich/ mit Rath und That bedacht seyn/ wie dir etwan zu helffen seyn möchte/ damit du auß deinem Narꝛnkleid kommest.

Hierauff fiel ich ihm umb den Hals/ und erzeigte mich vor übriger Freud nicht anders/ als wann er ein Prophet gewest wäre/ mich von meiner NarꝛnKapp zu erlösen; und nachdem wir sich auff die Erde [198] gesetzt hatten/ erzehlte ich ihm mein gantzes Leben/ er beschaute meine Händ/ und verwundert sich beydes über die verwichene und künfftige seltzame Zufälle; Wolte mir aber durchauß nicht rathen/ daß ich in Bälde mein Narꝛn-Kleid ablegen solte/ weil er/ wie er sagte/ vermittelst der Chiromantia sahe/ daß mir mein fatum eine Gefängnus androhe/ die Leib- und Lebensgefahr mit sich brächte. Jch bedanckte mich seiner guten Neigung und mitgetheilten Raths/ und bat GOtt/ daß er ihm seine Treuhertzigkeit belohnen/ Jhn selber aber/ daß er (weil ich von aller Welt verlassen wäre) mein getreuer Freund und Vatter seyn und bleiben wolte.

Demnach stunden wir auff/ und kamen auff den Spielplatz/ da man mit Würffeln turnieret/ und alle Schwur mit hundert tausend mal tausend/ Galleen/ Rennschifflein/ Tonnen und Stattgräben voll/ ꝛc. herauß fluchte; der Platz war ungefähr so groß als der Alte Marckt zu Cöln/ überall mit Mänteln überstreut/ und mit Tischen bestellt/ die alle mit Spielern umbgeben waren; Jede Gesellschafft hatte drey viereckigte Schelmenbeiner/ denen sie ihr Glück vertrauten/ weil sie ihr Geld theilen/ und solches dem einen geben/ dem andern aber nemmen musten: So hatte auch jeder Mantel oder Tisch einen Schunderer/ (Scholderer wolte ich sagen/ und hätte doch schier Schinder gesagt) dieser Ampt war/ daß sie Richter seyn/ und zusehen solten/ daß keinem unrecht geschehe; sie liehen auch Mäntel/ Tisch und Würffel her/ und wusten deßwegen ihr Gebühr so wol vom Gewin einzunem̃en/ daß sie gewöhnlich das meiste Geld erschnappten/ doch faselt es nicht/ dann sie verspiel- [199] tens gemeiniglich wieder/ oder wenns gar wol angelegt wurde/ so bekams der Marquetender/ oder der Feldscherer/ weil ihnen die Köpff offt gewaltig geflickt wurden.

An diesen närꝛischen Leuten sahe man sein blauen Wunder/ weil sie alle zu gewinnen vermeynten/ welches doch unmüglich/ sie hätten denn auß einer fremden Daschen gesetzt/ und ob sie zwar alle diese Hoffnung hatten/ so bieß es doch: Viel Köpff/ viel Sinn/ weil sich jeden Kopff nach seinem Glück sinnete/ denn etliche traffen/ etliche fehlten; etliche gewanen/ etliche verspielten: Derowegen auch etliche fluchten/ etliche donnerten; etliche betrogen/ und andere wurden besebelt; Dahero lachten die Gewinner/ und die Verspieler bissen die Zähn auffeinander; theils verkaufften Kleider/ und was sie sonst lieb hatten/ andere aber gewinneten ihnen das Geld wieder ab; etliche begehrten redliche Würffel/ andere hingegen wünschten falsche auff den Platz/ und führten solche unvermerckt ein/ die aber andere wieder hinweg wurffen/ zerschlugen/ mit Zähnen zerbissen/ und den Scholderern die Mäntel zerꝛissen. Unter den falschen Würffeln befanden sich Niderländer/ welche man schläiffend hinein rollen muste/ diese hatten so spitzige Rucken/ darauff sie die fünffer und sechser trugen/ als wie die magere Esel darauff man die Soldaten setzt. Andere waren Oberländisch/ denselben muste man die Bayrische Höhe geben/ wenn man werffen wolte: Etliche waren von Hirschhorn/ leicht oben/ und schwer unden gemacht: Andere waren mit Quecksilber oder Bley/ und aber andere mit zerschnittenen Haaren/ Schwämmen/ Spreu und Kolen gefüttert; [200] etliche hatten spitzige Eck/ an andern waren solche gar binweg geschliffen; theils waren lange Kolben/ und theils sahen auß wie breite Schildkrotten. Und alle diese Gattungen waren auff nichts anders/ als auff Betrug verfertigt/ sie thaten das jenige/ worzu sie gemacht waren/ man mochte sie gleich wippen/ oder sanfft schleichen lassen/ da halff kein knüpffens/ geschweige jetzt deren/ die entweder zween fünffer/ oder zween sechser/ und im Gegentheil entweder zwey Eß oder zwey Dauß hatten: Mit diesen Schelmenbeinern zwackten/ laureten und stalen sie einander ihr Geld ab/ welches sie vielleicht auch geraubt/ oder wenigst mit Leib- und Lebensgefahr/ oder sonst saurer Mühe und Arbeit erobert hatten.

Als ich nun so da stunde/ und den Spielplatz sampt den Spielern in ihrer Thorheit betrachte/ sagte mein Hofmeister/ wie mir das Wesen gefalle? Jch antwortet/ daß man so greulich GOtt lästert/ gefällt mir nicht/ im übrigen aber lasse ichs in seinem Werth und Unwerth beruhen/ als eine Sach die mir unbekant ist/ und auff welche ich mich noch nichts verstehe; Hierauff sagte mein Hofmeister ferner: So wisse/ daß dieses der aller-ärgste und abscheulichste Ort im gantzen Läger ist/ dann hier sucht man eines andern Geld/ und verlieret das seinige darüber: Wann einer nur einen Fuß hieher setzt/ in Meynung zu spielen/ so hat er das zehende Gebot schon übertretten/ welches will/ Du solt deines Nächsten Gut nicht begehren! Spielestu und gewinnest/ sonderlich durch Betrug und falsche Würffel/ so übertrittest du das siebend und achte Gebot: Ja es kan kommen/ daß du auch zu einem Mörder an dem [201] jenigen wirst/ dem du sein Geld abgewonnen hast/ wenn nemlich dessen Verlust so groß ist/ daß er darüber in Armut/ in die äusserste Noth und Desperation, oder sonst in andere abscheuliche Laster geräth/ darvor die Außred nichts hilfft/ wenn du sagst: Jch hab das Meinig daran gesetzt/ und redlich gewonnen; dann du Schalck bist auff den Spielplatz gangen/ der Meynung/ mit eines andern Schaden reich zu werden: Verspielest du dann/ so ists mit der Buß darumb nicht außgericht/ daß du deß Deinigen entberen must/ sondern du hasts/ wie der Reiche Mann/ bey GOtt schwerlich zu verantworten/ daß du das jenige so unnütz verschwendet/ welches er dir zu dein und der Deinigen Lebens. Auffenthalt verliehen gehabt! Wer sich auff den Spielplatz begibt zu spielen/ derselbe begibt sich in eine Gefahr/ darinnen er nicht allein sein Geld/ sondern auch sein Leib/ Leben/ ja was das allerschröcklichste ist/ so gar seiner Seelen Seeligkeit verlieren kan. Jch sage dir dieses zur Nachricht/ liebster Simplici, weil du vorgibst/ das Spielen sey dir unbekant/ damit du dich all dein Lebenlang darvor hüten sollest.

Jch antwortet/ Liebster Herꝛ/ wann dann das Spielen ein so schröcklich und gefährlich Ding ist/ warumb lassens dann die Vorgesetzte zu? mein Hofmeister antwortet mir/ Jch will nicht sagen darum/ dieweil theils Officier selbst mit machen; sondern es geschicht deßwegen/ weil es die Soldaten nicht mehr lassen wollen/ ja auch nicht lassen können/ dann wer sich dem Spielen einmal ergeben/ oder welchen die Gewonheit/ oder vielmehr der Spiel-Teuffel eingenommen/ der wird nach und nach (er gewinne oder [202] verspiele) so verpicht darauff/ daß ers weniger lassen kan/ als den natürlichen Schlaff; wie man dann sihet/ daß etliche die gantze Nacht durch und durch raßlen/ und vor das beste Essen und Trincken hinein spielen/ und solten sie auch ohne Hemd davon gehen: Das Spielen ist bereits zu unterschiedlichen malen bey Leib- und Lebensstraff verbotten/ und auß Befelch der Generalität durch Rumormeister/ Provosen/ Hencker und Steckenknecht/ mit gewaffneter Hand offentlich und mit Gewalt verwehret worden; Aber das halff alles nichts/ dann die Spieler kamen anderwerts in heimlichen Winckeln/ und hinder den Hecken zusammen/ gewannen einander das Geld ab/ entzweyten sich/ und brachen einander die Häls darüber: Also daß man solcher Mord und Todtschläg halber/ und vornemlich auch/ weil mancher sein Gewehr und Pferd/ ja so gar sein weniges Commiß- Brot verspielte/ das Spielen nicht allein wieder offentlich erlauben/ sondern so gar diesen eigenen Platz darzu widmen muste/ damit die Haupt-wacht bey der Hand wäre/ die allem Unheyl/ so sich etwan ereignen möchte/ vorkäme/ welche doch nicht allezeit verhüten kan/ daß nicht einer oder der ander auff dem Platz bleibt. Und weil das Spielen deß leydigen Teuffels eigene Inv[e]ntion ist/ und ihme nicht wenig einträgt/ also hat er auch absonderliche Spiel-Teuffel geordnet/ und in der Welt herumb schwermen/ die sonst nichts zu thun haben/ als die Menschen zum Spielen anzuräitzen; diesen ergeben sich unterschiedliche leichtfertige Gesellen durch gewisse Pacten und Bündnus/ daß er sie gewinnen lasse; und wird man doch unter zehentausend Spielern selten einen reichen[203] finden/ sondern sie sind gewöhnlich im Gegentheil arm und dürfftig/ weil ihr Gewin leicht geschätzet/ und dahero gleich entweder wieder verspielet/ oder sonst liederlich verschwendet wird: Hiervon ist das allzuwahre/ aber sehr erbärmliche Sprüchwort entsprungen/ Der Teuffel verlasse keinen Spieler/ er lasse sie aber Blut-arm werden; dann er raubet ihnen Gut/ Muth und Ehr/ und verläst sie alsdann nicht mehr/ biß er sie endlich auch gar (GOttes unendliche Barmhertzigkeit komme ihm dann zuvor) umb ihrer Seelen Seeligkeit bringt. Jst aber ein Spieler von Natur eines so lustigen Humors/ und so großmütig/ daß er durch kein Unglück oder Verlust zur Melancholey/ Unmuth und andere hierauß entspringende schädliche Laster gebracht werden mag/ so läst ihn der arglistige böse Feind deßwegen dapffer gewinnen/ damit er ihn durch Verschwendung/ Hoffart/ Fressen/ Sauffen/ Huren und Buben/ endlich ins Netz bringe.

Jch vercreutzigte und versegnete mich/ daß man unter einem Christlichen Heer solche Sachen üben liesse/ die der Teuffel erfunden solt haben/ sonderlich weil augenscheinlich und handgreifflich so viel zeitliche und ewige Schäden und Nachtheil darauß folgeten; Aber mein Hofmeister sagte/ das seye noch nichts was er mir erzehlt hätte/ wer alles Unheyl beschreiben wolte/ das auß dem Spielen entstünde/ der nehme ihm eine ohnmügliche Sach vor/ weil man sagt/ der Wurff/ wann er auß der Hand gangen/ seye deß Teuffels/ so solte ich mir nichts anders einbilden/ als daß mit jedem Würffel (wann er auß deß Spielers Hand auff dem Mantel oder Tisch daher [204] rolle) ein kleines Teuffelgen daher lauffe/ welches ihn regiere/ und Augen geben lasse/ wie es seiner Principalen Interesse erfordere. Darbey solte ich bedencken/ daß sich der Teuffel freylich nicht umbsonst deß Spielens so eyferig annehme/ sondern ohne Zweiffel seinen trefflichen Gewin darbey zu schöpffen wisse. Darbey mercke ferner/ daß gleich wie neben dem Spielplatz auch einige Schacherer und Jnden zu siehen pflegen/ die von den Spielern wolfail auffkauffen/ was sie etwan an Ringen/ Kleidern oder Cleinodien gewonnen/ oder noch zu verspielen versilbern wollen/ daß eben also auch allbier die Teuffel auffpassen/ damit sie bey den abgefertigten Spielern/ sie haben gleich gewonnen oder verloren/ andere Seelen-verderbliche Gedancken erꝛegen und hegen; bey den Gewinnern zwar bauet er schröckliche Schlösser in die Lufft/ bey denen aber so verspielt haben/ deren Gemüt ohne das gantz verwirꝛt/ und desto bequemer ist/ seine schädliche Eingebungen anzunehmen/ setzet er ohne Zweiffel lauter solche Gedancken und Anschläg/ die auff nichts anders als das endliche Verderben zielen. Jch versichere dich/ Simplici, daß ich willens bin/ von dieser Materi ein gantz Buch zu schreiben/ so bald ich wieder bey den Meinigen zu Ruhe komme/ da will ich den Verlust der edlen Zeit beschreiben/ die man mit dem Spielen unnütz hinbringet; nicht weniger die grausame Flüch/ mit welchen man Gott bey dem Spielen lästert; Jch will die Scheliwort erzehlen/ mit welchen man einander antastet/ und viel schröckliche Exempel und Historien mit einbringen/ die sich bey/ mit/ und in dem Spielen zutragen; dabey ich dann die Duell und Todtschläg/[205] so Spielens wegen entstanden/ nicht vergessen will; ja ich will den Geitz/ den Zorn/ den Neid/ den Eyfer/ die Falschheit/ den Betrug/ die Vortelsucht/ den Diebstal/ und mit einem Wort/ alle unsinnige Thorbeiten beydes der Würffel- und Kartenspieler mit ihren lebendigen Farben dermassen abmahlen und vor Augen stellen/ daß die jenige/ die solches Buch nur einmal lesen/ ein solch Abscheuen vor dem Spielen gewinnen sollen/ als wenn sie Sän-Milch (welche man den Spielsüchtigen wider solche ihre Kranckheit ohnwissend eingibt) gesoffen bätten. Und also damit der gantzen Christenheit darthun/ daß der liebe GOtt von einer einzigen Compagnia Spieler mehr gelästert/ als sonst von einer gantzen Armee bedienet werde. Jch lobte seinen Vorsatz/ und wünschte ihm Gelegenheit/ daß er solchen ins Werck setzen möchte.

Das XXI. Capitel.

MEin Hofmeister wurde mir je länger je holder/ und ich ihm bingegen wiederumb/ doch hielten wir unsere Verträulichkeit sehr geheim/ ich ag[i]rte zwar einen Narꝛn/ brachte aber keine grobe Zotten noch Büffelspossen vor/ so daß meine Gaben und Auffzüg zwar einfältig genug/ aber jedoch mehr sinnreich als närꝛisch fielen. Mein Obrister/ der ein trefflichen Lust zum Wäidwerck trug/ name mich einsmal mit/ als er außspatzierte Feldhüner zu fangen mit dem Tyras/ welche Invention mir trefflich wol gefiele; Dieweil aber der vorstehende Hund so hitzig war/ daß er einzufallen pflegte/ ehe man tyrassiren konte/ deßwegen wir dann wenig fangen konten: Da gab ich dem Obristen den Rath/ er solte die [206] Hündin mit einem Falcken oder Stein-Adler belegen lassen/ wie man mit Pferden und Eseln zu thun pflege/ wenn man gerne Manlthier bätte/ damit die junge Hund Flügel bekämen/ so könte man alsdann mit denselbigen die Hüner in der Lufft fangen. Auch gab ich den Vorschlag/ weil es mit Eroberung der Statt Magdeburg/ die wir belägert bielten/ so schläfferig bergieng/ man solte ein mächtig langes Säil/ so dick als ein balb Füderiges Faß verfertigen/ solches umb die Statt zieben/ und alle Menschen sam̃t dem Vieh in beyden Lägern daran spannen/ und dergestalt die Statt in einem Tag übern Hauffen schlaiffen lassen. Solcher närꝛischen Dauben und Grillen ersanne ich täglich einen Uberfluß/ weil es meines Handwercks war/ so daß man meine Werckstatt nie läer fand: So gab mir auch meines Herꝛn Schreiber/ der ein arger Gast und durchtriebener Schalck war/ viel Materi an die Hand/ dadurch ich auff dem Weg unterhalten wurde/ den die Narꝛen zu wandeln pflegen/ denn was mich dieser Speyvogel uberꝛedte/ das glaubte ich nicht allein vor mich selbsten/ sondern theilte es auch andern mit/ wann ich etwan discurirte/ und sich die Sach dahin schickte.

Als ich ihn einsmals fragte/ was unser Regiments Caplan vor einer seye/ weil er mit Kleidungen von andern unterscheiden? sagte er/ Es ist der Herꝛ Dicis & non facis, das ist auff Teutsch so viel geredt/ als ein Kerl/ der andern Leuten Weiber gibt/ und selbst keine nimmt: Dieser ist den Dieben Spinnenfeind/ weil sie nicht sagen was sie thun/ er aber hingegen sagt/ was er nicht thut; so können ihm hingegen die Dieb auch nicht so gar hold seyn/ weil sie gemei- [207] niglich gehenckt werden/ wenn sie die beste Kundschafft mit diesen Leuten haben. Da ich nun nachgehends den guten ebrlichen Pater so nennete/ wurde er außgelacht/ ich aber vor einen bösen schalckbafftigen Narꝛn gehalten/ und seinet wegen gebaum[-]ölt. Ferners überꝛedet er mich/ man hätte die offentliche gemeine Häuser zu Prag hinder der Mauer abgebrochen und verbrennet/ darvon die Funcken und der Staub/ wie der Samen eines Unkrauts/ in alle Welt zerstoben wäre. Jtem/ es kämen von den Soldaten keine dapffere Helden und hertzhaffte Kerl in Himmel/ sondern lauter einfältige Tropffen/ Bernbeuter und dergleichen/ die sich an ihrem Sold genügen liessen; so dann keine politische Alamode Cavalliers und gallante Dames, sondern nur gedultige Job/ Siemänner/ langweilige Mönch/ melancholische Pfaffen/ Bett. Schwestern/ arme Bettelhuren/ allerhand Außwürffling/ die in der Welt weder zu sieden noch zu braten taugen/ und junge Kinder/ welche die Bänck überall voll hofierten. Auch loge er mir vor/ man nenne die Gastgeber nur darumb Würth/ weil sie in ihrer Handierung under allen Menschen am fleissigsten betrachteten/ daß sie entweder GOtt oder dem Teuffel zu theil würden. Vom Kriegswesen überꝛedte er mich/ daß man auch zu Zeiten mit güldenen Kuglen schiesse/ und je kostbarer solche wären/ je grösseren Schaden pflegten sie zu thun; ja/ sagte er/ man führet wol ehe gantze KriegsHeer mit sampt der Artollerey, Munition und Bagage, an güldenen Ketten gefangen daher! Weiters überꝛedet er mich von den Weibern/ daß mehr als der halbe Theil Hosen trügen/ ob man sie schon nicht[208] sehe/ und daß viel ihren Männern/ wenn sie schon nicht zaubern könten/ noch Göttinnen wären/ als Diana gewesen/ grössere Hörner auff die Köpff gauckelten/ als Actæon getragen; Welches ich ihme alles glaubte/ so ein dummer Narꝛ war ich.

Hingegen unterhielte mich mein Hofmeister/ wenn er allein bey mir war/ mit viel einem andern Discurs, er brachte mich auch in seines Sohns Kundschafft/ welcher wie biebevor gemeldet worden/ bey der Chur Sächsischen Armee ein Musterschreiber war/ und weit andere Qualitäten an sich hatte/ als meines Obr. Schreiber; dahero mochte ihn mein Obrister nicht allein gerne leiden/ sondern er war auch bedacht/ ihn von seinem Capitain loß zu handlen/ und zu seinem Regiments-Secretario zu machen/ auff welche Stell obgemeldter sein Schreiber sich auch spitzete.

Mit diesem Musterschreiber/ welcher auch wie sein Vatter Ulrich Hertzbruder hiesse/ machte ich ein solche Freundschafft/ daß wir ewige Brüderschafft zusammen schwuren/ Krafft deren wir einander in Glück und Unglück/ in Lieb und Leyd/ nimmermehr verlassen wolten: Und weil dieses mit Wissen seines Vattern geschahe/ hielten wir den Bund desto vester und steifftr/ demnach lage uns nichts härter an/ als wie wir meines Narꝛen-Kleids mit Ehren loß werden/ und einander rechtschaffer dienen möchten; welches aber der alte Hertzbruder/ den ich als meinen Vatter ehrete und vor Augen hatte/ nicht gut hiesse/ sondern außtrücklich sagte: Wenn ich in kurtzer Zeit meinen Stand änderte/ daß mir solches ein schwere Gefängnus und grosse Leib- und Lebensgefabr gebären würde: Und weil er auch ihm selbst und seinem [209] Sohn einen grossen bevorstehenden Spott prognosticirte/ und dahero Ursach zu haben vermeynte/ desto vorsichtiger und behutsamer zu leben; Als wolte er sich umb so viel desto weniger in einer Person Sachen mischen/ deren künfftige grosse Gefahr er vor Augen sehen konte/ dann er besorgte/ er möchte meines künfftigen Unglücks theilhafftig werden/ wenn ich mich offenbarte/ weil er bereits vorlängst meine Heimlichkeit gewust/ und mich gleichsam in- und außwendig gekant/ meine Beschaffenheit aber dem Obristen nicht kund gethan hatte.

Kurtz hernach merckte ich noch besser/ daß meines Obristen Schreiber meinen neuen Bruder schröcklich neidete/ weil er besorgte/ er möchte vor ihme zu der Secretariat-Stell erhoben werden/ dann ich sahe wol/ wie er zu Zeiten grißgramete/ wie ihm die Mißgunst so getrang thät/ und daß er in schweren Gedancken allezeit seufftzete/ wenn er entweder den Alten oder den Jungen Hertzbruder ansahe; Darauß urtheilte ich/ und glaubte ohn allen Zweiffel/ daß er Calender machte/ wie er ihm ein Bein vorsetzen/ und zu Fall bringen möchte. Jch communicirte meinem Bruder/ beydes auß getreuer Affection und tragender Schuldigkeit/ das jenige/ was ich argwohnete/ damit er sich vor diesem Judas-Bruder ein wenig vorsehen solte; Er aber nam es auff die leichte Achsel/ Ursach/ weil er dem Schreiber so wol mit der Feder/ als mit dem Degen/ mehr als genug überlegen war/ und darzu noch deß Obristen grosse Gunst und Gnad hinweg hatte.

[210]

Das XXII. Capitel.

WEil der Gebrauch im Krieg ist/ daß man gemeiniglich alte versuchte Soldaten zu Provosen macht/ also hatten wir auch einen dergleichen bey unserm Regiment/ und zwar einen solchen abgefäumten Ertz-Vogel und Kern-Bößwicht/ daß man wol von ihm sagen konte/ er seye vielmehr als vonnöthen/ erfahren gewesen; dann er war ein rechter Schwartzkünstler/ Siebdreher und Teuffelsbauner/ und von sich selbsten nicht allein so vest als Stahl/ sondern auch über das ein solcher Gesell/ der andere vest machen/ und noch darzu gantze Esquadronen Reuter ins Feld stellen konte: Sein Bildnus sabe natürlich auß/ wie uns die Mahler und Poëten den Saturnum vorstellen/ ausser daß er weder Steltzen noch Sensen trug. Ob nun zwar die arme gefangene Soldaten/ so ihm in seine unbarmbertzige Hände kamen/ wegen dieser seiner Beschaffenheit und stetiger Gegenwart sich desto unglückseeliger schätzten/ so waren doch Leute/ die gern mit diesem Wendenschimpff umbgiengen/ sonderlich Olivier unser Schreiber/ und je mehr sich sein Neid wider den jungen Hertzbruder (der eines sehr frölichen Humors war) vermehrte/ je vester wuchse die grosse Verträulichkeit zwischen ihme und dem Provosen; dahero konte ich mir gar leichtlich die Rechnung machen/ daß die Conjunction Saturni und Mercurii dem redlichen Hertzbruder nichts guts bedeuten würde.

Eben damals wurde meine Obristin mit einem jungen Sohn erfreuet/ und die Tauff-Suppe fast [211] Fürstlich dargereicht/ bey welcher der junge Hertzbruder auffzuwarten ersucht ward/ und weil er sich auß Höflichkeit gern einstellete/ war solches dem Olivier ein erwünschte Gelegenheit/ sein Schelmenstück/ mit welchem er lang schwanger gangen/ auff die Welt zu bringen: Dann als nun alles vorüber war/ manglete meines Obristen grosser verguldter Tisch-Becher/ welchen er so leichtlich nicht verloren haben wolte/ weil er noch vorhanden gewesen/ da alle fremde Gäst schon hinweg waren; der Page sagte zwar/ daß er ihn das letzte mal bey dem Olivier gesehen/ er war dessen aber nicht geständig; Hierauff wurde der Provos geholet/ der Sachen Rath zu schaffen/ und wurde ihm benebens anbefohlen/ wann er durch seine Kunst den Diebstal wieder herzu könte bringen/ daß er das Werck so einrichten solte/ damit der Dieb sonst niemand/ als dem Obristen kund würde/ weil noch Officier von seinem Regiment vorhanden waren/ welche er/ wenn sich vielleicht einer darvon übersehen hätte/ nicht gerne zu schanden machen wolte.

Weil sich nun jeder unschuldig wuste/ so kamen wir auch alle lustig in deß Obristen grosses Zelt/ da der Zauberer die Sach vornam/ da sahe je einer den andern an/ und verlangte zu vernehmen/ was es endlich abgeben/ und wo der verlorne Becher doch herkom̃en würde: Als er nun etliche Woꝛt gemurmelt hatte/ sprangen einem hier/ dem andern doꝛt ein/ zwey/ drey/ auch mehr junge Hündlein auß den Hosen-säcken/ Ermeln/ Stieffeln/ Hosen-Schlitzen/ und wo sonst die Kleidungen offen waren: Diese wuselten behend in der Zelt hin und wieder herumb/ waren [212] alle überauß schön/ von mancherley Farben/ und jeder auff ein sonderbare Manier gezeichnet/ als daß es ein recht lustig Spectacul war/ mir aber wurden meine enge Croatische Kälber-Hosen so voll junger Hund gegauckelt/ daß ich solche abziehen/ und weil mein Hemd im Wald vorlängst am Leib verfaulet war/ nackend da stehen muste; zuletzt sprang eins dem jungen Hertzbruder auß dem Schlitz/ welches das allerhurtigste war/ und ein gülden Halsband an hatte/ dieses verschlang alle andere Hündlein/ deren es doch so voll im Zelt herumb grabelte/ daß man vor ihnen keinen Fuß weiters setzen konte: Wie es nun alle auffgerieden hatte/ wurde es selbsten je länger je kleiner/ das Halsband aber nur desto grösser/ biß es sich endlich gar in deß Obristen Tisch-Becher verwandelte.

Da muste nun nicht allein der Obriste/ sondern auch alle andere Gegenwärtige darvor halten/ daß sonst niemand als der junge Hertzbruder den Becher gestolen/ derowegen sagte der Obriste zu ihm: Sihe du/ du undanckbarer Gast/ hab ich dieses Diebsstück/ das ich dir nimmermehr zugetraut hätte/ mit meinen Gutthaten umb dich verdienet? Schaue/ ich habe dich zu meinem Secretario deß morgenden Tags wollen machen/ aber nun hast du verdienet/ daß ich dich noch heut auffhencken liesse! welches auch ohnfehlbar geschehen solte/ wenn ich deines ehrlichen alten Vatters nicht verschohnete; geschwind packe dich auß meinem Läger/ und lasse dich die Tag deines Lebens vor meinen Augen nicht mehr sehen! Er wolte sich entschuldigen/ wur[de] aber nicht gehört/ dieweil seine That so Sonnen-klar am Tag lag; und [213] in dem er fort gieng/ wurde dem guten alten Hertzbruder gantz ohnmächtig/ also daß man genug an ihm zu laben/ und der Obrist selbst an ihm zu trösten batte/ welcher sagte: Daß ein frommer Vatter seines ungerathenen Kinds gar nicht zu entgelten hätte. Also erlangte Olivier durch Hülff deß Teuffels das jenige/ wornach er vorlängst gerungen/ auff einem ehrlichen Weg aber nicht ereylen mögen.

Das XXIII. Capitel.

SO bald deß jungen Hertzbruders Capitain diese Geschicht erfuhr/ nam er ihm auch die Musterschreiber-Stell/ und lud ihm eine Bieque auff/ von welcher Zeit an er bey männiglich so veracht wurde/ daß ihn die Hund hätten anpissen mögen/ darumb er ihme dann offt den Todt wünschete! Sein Vatter aber bekümmerte sich dergestalt darüber/ daß er in ein schwere Kranckheit fiel/ und sich auff das Sterben gefast machte. Und demnach er ihme ohne das hiebevor selbst prognosticirt hatte/ daß er den 26. Julii Leib- und Lebensgefahr außstehen müste: (welcher Tag dann nächst vor der Thür war) Als erlangte er bey dem Obristen/ daß sein Sohn noch einmal zu ihm kommen dorffte/ damit er wegen seiner Verlassenschafft mit ihm reden/ und seinen letzten Willen eröffnen möchte. Jch wurde bey ihrer Zusammenkunfft nicht außgeschlossen/ sondern war der dritte Mitgesell ihres Leyds; Da sahe ich/ daß der Sohn keiner Entschuldigung bedörfft gegen seinem Vatter/ weil er seine Art und gute Aufferziehung wol wuste/ und dahero seiner Unschuld genugsam verstchert war: Er als ein weiser/ verständiger und tieff- [214] sinniger Mann ermaß ohnschwer auß den Umbständen/ daß Olivier seinem Sohn diß Bad durch den Provosen hatte zurichten lassen/ was vermochte er aber wider einen Zauberer? von dem er noch ärgers zu besorgen hatte/ wann er sich anders einiger Rach hätte unterfangen wollen; Uber diß versahe er sich seines Todts/ und wuste doch nicht geruhiglich zu sterben/ weil er seinen Sohn in solcher Schand hinder sich lassen solte: Jn welchem Stand der Sohn desto weniger zu leben getraute/ umb wie vielmehr er ohne das wünschte/ vor dem Vatter zu sterben. Es war versichert dieser beyder Jammer so erbärmlich anzuschauen/ daß ich von Hertzen weynen muste! zuletzt war ihr gemeiner einhelliger Schluß/ GOtt ihre Sach in Gedult heimzustellen/ und der Sohn solte auff Mittel und Weg gedencken/ wie er sich von seiner Compagnia loß würcken/ und anderwerts sein Glück suchen könte; als sie aber die Sach bey dem Liecht besahen/ da manglets am Geld/ mit welchem er sich bey seinem Capita[i]n loß kauffen solte/ und in dem sie betrachteten und bejammerten/ in was vor einem Elend sie die Armuth gefangen hielte/ und alle Hoffnung abschnitte/ ihren gegenwärtigen Stand zu verbessern/ erinnerte ich mich erst meiner Ducaten/ die ich noch in meinen Esels-Ohren vernähet hatte; Fragte derowegen/ wie viel sie dann Gelds zu dieser ihrer Notdurfft haben müsten? der Junge Hertzbruder antwortet/ wenn einer käme/ und uns bundert Thaler brächte/ so getraute ich auß allen meinen Nöthen zu kommen: Jch antwortet/ Bruder/ wann dir damit geholffen wird/ so hab ein gut Hertz/ dann ich will dir hundert Ducaten geben: Ach[215] Bruder/ antwortet er mir hinwiederumb/ was ist das? bistu dann ein rechter Narꝛ? oder so leichtfertig/ daß du uns in unserer äussersten Trübseeligkeit noch schertzest? Nein/ nein/ sagte ich/ ich will dir das Geld herschiessen; sträiffte darauff mein Wambs ab/ und thät das eine Esels-ohr von meinem Arm/ öffnete es/ und ließ ihn selbst 100. Ducaten darauß zehlen und zu sich nemmen/ das übrige behielt ich/ und sagte: Hiermit will ich deinem krancken Vatter außwarten/ wann er dessen bedarff. Hierauff fielen sie mir umb den Hals/ küßten mich/ und wusten vor Freuden nicht was sie thaten/ wolten mir auch eine Handschrifft zustellen/ und mich darinnen versichern/ daß ich an dem alten Hertzbruder neben seinem Sohn ein Mit-Erb seyn solte; oder daß sie mich/ wann ihnen Gott wieder zu dem Jhrigen hülffe/ umb diese Summam sampt dem Interesse wiederumb mit grossem Danck befriedigen wolten: Deren ich aber keines annam/ sondern allein mich in ihre beständige Freundschafft befohle. Hierauff wolte der junge Hertzbruder verschwören/ sich an dem Olivier zu rächen/ oder darumb zu sterben! Aber sein Vatter verbotte ihm solches/ und versichert ihn/ daß der jenige/ der den Olivier todt schlüg/ wieder von mir dem Simplicio den Rest kriegen werde; doch/ sagte er/ bin ich dessen wol vergewissert/ daß ihr beyde einander nicht umbbringen werdet/ weil keiner von euch durch Waffen umbkom̃en solle. Demnach hielte er uns an/ daß wir Aydlich zusammen schwuren/ einander biß in den Todt zu lieben/ und in allen Nöthen beyzustehen. Der junge Hertzbruder aber entledigte sich mit dreissig Reichsthalern/ darvor ihm sein [216] Capitain einen ehrlichen Abschied gab/ verfügte sich mit dem übrigen Geld und guter Gelegenheit nach Hamburg/ mondirte sich allda mit zwenen Pferden/ und liesse sich unter der Schwedischen Armee vor einen Frey-Reuter gebrauchen/ mir indessen unsern Vatter befehlende.

Das XXIV. Capitel.

KEiner von meines Obristen Leuten schickte sich besser/ dem alten Hertzbruder in seiner Kranckheit abzuwarten/ als ich/ und weil der Krancke auch mehr als wol mit mir zu frieden war/ so wurde mir auch solches Ampt von der Obristin auffgetragen/ welche ihm viel Guts erwiese/ und demnach er neben so guter Pfleg auch wegen seines Sohns sattsam erquickt worden/ besserte es sich von Tag zu Tag mit ihm/ also daß er noch vor dem 26. Julii fast wieder [ü]berall zu völliger Gesundheit gelangte/ doch wolt er sich noch inhalten/ und kranck stellen/ biß bemeldter Tag/ vor welchem er sich mercklich entsetzte/ vorbey wäre: Jndessen besuchten ihn allerhand Officier von beyden Armeen/ die ihr künfftig Glück und Unglück von ihm wissen wolten/ dann weil er ein guter Mathematicus und Nativitäten-Steller/ benebens auch ein vortrefflicher Phisiognomist und Chiromanticus war/ fehlte ihm seine Außsag selten; ja er nennete so gar den Tag/ an welchem die Schlacht vor Wittstock nachgehends geschabe/ sirtemal ihm viel zukamen/ denen umb dieselbige Zeit einen gewaltthätigen Todt zu leiden angedrohet war; Die Obristin verstchert er/ daß sie ihr Kindbett noch im Läger außhalten würde/ weil vor Außgang der sechs Wochen [217] Magdeburg an die Unserige nicht übergeben würde: Dem falschen Olivier, der sich gar zutäppisch bey ihm zu machen wuste/ sagte er außdrücklich/ daß er eines gewaltthätigen Todts sterben müste/ und daß ich seinen Todt/ er geschehe wann er wolle/ rächen/ und seinen Mörder wieder umbbringen würde/ weßwegen mich Olivier folgender Zeit hoch hielte; mir seldsten aber erzehlet er meinen künfftigen gantzen Lebenslauff so umbständlich/ als wenn er schon vollendet/ und er allezeit bey mir gewesen wäre/ welches ich aber wenig achtet/ und mich jedoch nachgebends vielen Dings erinnert/ das er mir zuvor gesagt/ nachdem es schon geschehen oder wahr worden/ vornemlich aber warnet er mich vorm Wasser/ weil er besorgte/ ich würde meinen Untergang darinn leiden.

Als nun der 26. Julii eingetretten war/ vermahnet er mich und einen Fourierschützen (den mir der Obriste auff sein Begehren denselben Tag zugegeben hatte) gantz treulich/ wir solten niemand zu ihm ins Zelt lassen: Er lag also allein darinnen/ und betet ohn Unterlaß/ da es aber umb den Nachmittag wurde/ kam ein Leutenant auß dem Reuter-Läger daher geritten/ welcher nach deß Obristen Stallmeister fragte; Er wurde zu uns/ und gleich darauff wieder von uns abgewiesen/ er wolte sich aber nicht abweisen lassen/ sondern bate den Fourierschützen mit untergemischten Verheissungen/ ihn vor den Stallmeister zu lassen/ als mit welchem er noch diesen Abend nothwendig reden müste/ weil aber solches auch nicht helffen wolte/ fieng er an zu fluchen/ mit Donner und Hagel drein zu kollern/ und zu sagen/ er seye schon so vielmal dem Stallmeister zu gefallen [218] geritten/ und hätte ihn noch ntemals daheim angetroffen/ so er nun jetzt einmal vorhanden seye/ solte er abermal die Ehr nicht haben/ nur ein einig Wort mit ihm zu reden; stiege darauff ab/ und itesse sich nicht verwehren/ das Zelt selbst auffzuknüpffen/ worüber ich ihn in die Hand bisse/ aber ein dichte Maulschelle darvor bekam. So bald er meinen Alten sahe/ sagte er/ der Herꝛ sey gebetten/ mir zu verzeyben/ daß ich die Frechheit brauche/ ein Wort mit ihm zu reden: Wol/ antwort der Stallmeister/ was beliebt dann dem Herꝛn? Nichts anders/ sagte der Leutenant/ als daß ich den Herꝛn bitten wolte/ ob er sich liesse belieben/ mir meine Nativität zu stellen? Der Stallmeister antwortet/ Jch will verhoffen/ mein bochgeehrter Herꝛ werde mir vergeben/ daß ich demselben vor dißmal meiner Kranckheit halber nicht willfahren kan/ dann weil diese Arbeit viel Rechnens braucht/ wirds mein blöder Kopff jetzo nicht verrichten können/ wann er sich aber biß morgen zu gedulden beliebt/ will ich ihm verhoffentlich genugsame Satisfaction thun; Herꝛ/ sagte hierauff der Leutenant/ er sage mir nur etwas dieweil auß der Hand: Mein Herꝛ/ antwort der alte Hertzbruder/ dieselbe Kunst ist gar mißlich und betrüglich/ derowegen bitte ich/ der Herꝛ wolle mich damit so weit verschohnen/ ich will morgen hergegen alles gerne thun/ was der Herꝛ an mich begehrt. Der Leutenant wolte sich doch nicht abweisen lassen/ sondern tratte meinem Vatter vors Bett/ streckt ihm die Hand dar/ und sagte: Herꝛ/ ich bitt uur umb ein paar Wort/ meines Lebens End betreffend/ mit Versicherung/ wann solches etwas böses seyn solte/ daß ich deß Herꝛn Red als ein Warnung [219]von GOtt annehmen will/ umb mich desto besser vorzusehen/ darumb bitte ich umb Gottes willen/ der Herꝛ wolle mir die Warheit nicht verschweigen! Der redliche Alte antwortet ihm hier auff kurtz/ und sagte: Nun wolan/ so sehe sich der Herꝛ dann wol vor/ damit er nicht in dieser Stund noch auffgehenckt werde; Was/ du alter Schelm/ sagte der Leutenant/ der eben ein rechten Hunds-soff hatte/ sollest du einem Cavallier solche Wort vorhalten dörffen? zog damit von Leder/ und stach meinen lieben alten Hertzbruder im Bett zu todt! Jch und der Fourierschütz rufften alsbald Lermen und Mordio/ also daß alles dem Gewehr zulieffe/ der Leutenant aber machte sich unverweilt auff seinen Schnellsuß/ wäre auch ohne Zweiffel entritten/ wann nicht eben der Churfürst in Sachsen mit vielen Pferden persöhnlich vorbey geritten wäre/ und ihn hätte einholen lassen: Als Derselbe den Handel vernam/ wendet er sich zu dem von Hatzfeld/ als unserm General/ und sagte nichts anders als dieses: Das wäre ein schlechte Disciplin in einem Käiserlichen Läger/ wann auch ein Krancker im Bett vor den Mördern seines Lebens nicht sicher seyn solte! Das war ein scharffer Sentenz, und genugsam/ den Leutenant umb das Leben zu bringen; gestalt ihn unser General alsbald an seinen allerbesten Hals auffhencken liesse.

Das XXV. Capitel.

AUß dieser warhafftigen Histori ist zu sehen/ daß nicht so gleich alle Wahrsagungen zu verwerffen seyen/ wie etliche Gecken thun/ die gar nichts glauben können. So kan man auch hierauß abnehmen/ [220] daß der Mensch sein auffgesetztes Ziel schwerlich üderschreiten mag/ wann ihm gleich sein Unglück lang oder kurtz zuvor durch dergleichen Weissagungen angedeutet worden. Auff die Frag/ die sich ereignen möchte/ obs einem Menschen nötig/ nützlich und gut seye/ daß er sich wahrsagen/ und die Nativität stellen lasse? Antworte ich allein dieses/ daß mir der Alte Hertzbruder so viel gesagt habe/ daß ich offt gewünschet/ und noch wünsche/ daß er geschwiegen hätte/ dann die unglückliche Fäll/ die er mir angezeigt/ hab ich niemals umbgehen können/ und die jenige die mir noch bevor stehen/ machen mir nur vergeblich graue Haar/ weil mir besorglich dieselbige auch/ wie die vorige/ zu handen gehen werden/ ich sehe mich gleich für denselben vor oder nicht: Was aber die GlücksFälle anbelangt/ von denen einem geweissaget wird/ davon halte ich/ daß sie öffter betrügen/ oder auffs wenigste den Menschen nicht so wol gedeyen/ als die unglückselige Prophezeyhungen: Was halff michs/ daß mir der alte Hertzbruder hoch und theur schwur/ ich wäre von Edlen Eltern geboren und erzogen woꝛden/ da ich doch von niemand anders wuste/ als von meinem Knan und meiner Meüder/ die grobe BaursLeut im Spessert waren. Jtem was halffs den von Wallenstein/ Hertzogen in Friedland/ daß ihm pro[v]hezeyt wurde/ er werde gleichsam mit Säitenspiel zum König gekrönet werden? weiß man nicht/ wie er zu Eger eingewieget worden? Mögen derowegen andere ihre Köpff über dieser Frag zerbrechen/ ich komme wieder auff meine Histori.

Als ich erzehlter massen meine beyde Hertzbrüder verloren hatte/ verleydet mir das gantze Läger vor [221] Magdeburg/ welches ich ohne das nur ein leinene und ströherne Statt/ mit irdenen Mauren/ zu nennen pflegte. Jch wurde meines Stands so müd und satt/ als wenn ichs mit lauter eisernen Kochleffeln gefressen hätte/ einmal/ ich gedachte mich nicht mehr von jederman so voppen zu lassen/ sondern meines NarꝛnKleids loß zu werden/ und solte ich gleich Leib und Leben darüber verlieren. Das setzte ich folgender gestalt sehr liederlich ins Werck/ weil mir sonst keine bessere Gelegenheit anstehen wolte.

Olivier der Secretarius, welcher nach deß Alten Hertzbruders Todt mein Hofmeister worden war/ erlaubte mir offt mit den Knechten auff Fourage zu reuten/ als wir nun einsmals in ein groß Dorff kamen/ darinnen etliche den Reutern zuständige Bag[a]ge logirte/ und jeder hin und wieder in die Häuser gienge/ zu suchen was etwan mit zu nehmen wäre/ stal ich mich auch hinweg/ und suchte/ ob ich nicht ein altes Baurenkleid finden möchte/ umb welches ich meine Narꝛn-Kappe verdauschen könte; Aber ich sande nicht was ich wolte/ sondern muste mit einem Weiber-Kleid vor lieb nemmen; Jch zoge selbiges an/ weil ich mich allein sahe/ und warff das meinig in ein Secret/ mir nicht anders einbildende/ als daß ich nunmehr auß allen meinen Nöthen erꝛettet worden. Jn diesem Auffzug gieng ich über die Gaß gegen etlichen Officiers-Weibern/ und macht so enge Schrittlein/ als etwan Achilles gethan/ da ihn seine Mutter dem Licomedi recommendirte/ ich war aber kaum ausser Dach her vor kommen/ da mich etliche Fouragierer sahen/ und besser springen lernten/ dann als sie schryen/ Halt/ halt! lieffe ich nur desto stär- [222] cker/ und kam ehender als sie zu obgemeldten Officiererin/ vor denselben fiele ich auff die Knye nider/ und bate umb aller Weiber Ehr und Tugend willen/ sie wolten meine Jungferschafft vor diesen gäilen Buben beschützen! Allda meine Bitt nicht allein statt fande/ sondern ich wurde auch von einer Rittmeisterin vor eine Magd angenommen/ bey welcher ich mich deholffen/ biß Magdeburg/ item die Werberschantz/ auch Havelberg und Perleberg von den Unsern eingenommen worden.

Diese Rittmeisterin war kein Kind mehr/ wiewol sie noch jung war/ und vernarꝛete sich dermassen in meinen glatten Spiegel und geraden Leib/ daß sie mir endlich nach lang-gehabter Mühe und vergeblicher umbschwaiffender Weitläuffigkeit nur allzu Teutsch zu verstehen gab/ wo sie der Schub am meisten drücke; ich aber war damals noch viel zu gewissenhafft/ thät als wenn ichs nicht merckte/ und ließ keine andere Anzeigungen scheinen/ als solche/ darauß man nichts anders als eine fromme Jungfrau urtheilen mochte: Der Rittmeister und sein Knecht lagen in gleichem Spital kranck/ derowegen befahl er seinem Weib/ fie solte mich besser kleiden lassen/ damit sie sich meines garstigen Bauren-Küttels nicht schämen dörffte. Sie thät mehr als ihr befohlen war/ und butzte mich her auß wie ein Frantzösische Popp/ welches das Feuer bey allen dreyen noch mehr schürete/ ja es wurde endlich bey ihnen so groß/ daß Herꝛ und Knecht eyferigst von mir begehrten/ was ich ihnen nit leisten konte/ und der Frauen selbst mit einer schönen Manier verwaigerte. Zuletzt setzte ihm der Rittmelster vor/ eine Gelegenheit zu ergreiffen/ bey deren er [223] mit Gewalt von mir haben könte/ was ihm doch zu bekommen unmüglich war/ solches merckete sein Weib/ und weil sie mich noch endlich zu überwinden verhoffte/ verlegte sie ihm alle Päß/ und lieffe ihm alle Ränck ab/ also daß er vermeynte/ er müsse doll und thöricht darüber werden. Einsmals als Herꝛ und Frau schlaffen war/ stund der Knecht vor dem Wagen/ in welchem ich alle Nacht schlaffen muste/ klagte mir seine Lieb mit heissen Threnen/ und bat eben so andächtig umb Gnad und Barmhertzigkeit! Jch aber erzeigte mich härter als ein Stein/ und gab ihm zu verstehen/ daß ich meine Keuschheit biß in Ehestand bewahren wolte; Da er mir nun die Ehe wol 1000. mal anbotte/ und doch nichts anders dargegen vernam/ als daß ich ihn versicherte/ daß es unmüglich seye/ mich mit ihm zu verehelichen/ verzweiffelt er endlich gar/ oder stellte sich doch auffs wenigst nur so/ dann er zoge seinen Degen auß/ setzte die Spitz an die Brust/ und den Knopff an Wagen/ und thät nicht anderst/ als wenn er sich jetzt erstechen wolte: Jch gedachte/ der Teuffel ist ein Schelm/ sprach ihm derowegen zu/ und gab ihm Vertröstung/ am morgen frühe einen endlichen Bescheid zu ertheilen/ davon wurde er content, und gieng schlaffen/ ich aber wachte desto länger/ dieweil ich meinen seltzamen Stand betrachtete: Jch befand wol/ daß mein Sach in die Länge kein gut thun würde/ dann die Rittmeisterin wurde je länger je importuner mit ihren Reitzungen/ der Rittmeister verwegener mit seinen Zumuthungen/ und der Knecht verzweiffelter in seiner beständigen Liebe/ ich wuste mir aber darumb nicht auß solchem Labyrinth zu belffen. Jch muste[224] offt meiner Frau bey hellem Tag Flöb faugen/ nur darumb/ damit ich ihre Alabaster-weisse Brüst sehen/ und ihren zarten Leib genug betasten solte/ welches mir/ weil ich auch Fleisch und Blut hatte/ in die Läng zu ertragen schwer fallen wolte; ließ mich dann die Frau zu frieden/ so quälte mich der Rittmeister/ und wenn ich vor diesen beyden bey Nacht Ruhe haben sotte/ so peinigte mich der Knecht/ also daß mich das Weiber-Kleid viel saurer zu tragen ankam/ als meine Narꝛn-Kapp; Damal (aber viel zu spat) gedachte ich fleissig an meines Seel. Hertzbruders Weissagung und Warnung/ und bildete mir nichts anders ein/ als daß ich sehon würcklich in der jenigen Gesängnus auch Leib- und Lebensgesahr steckte/ davon er mir gesagt hatte/ dann das Weiber-Kleid hielte mich gefangen/ weil ich darinn nicht außreissen konte/ und der Rittmeister würde übel mit mir gespielet haben/ wenn er mich erkant/ und einmal bey seiner schönen Frauen über dem Flöh fangen erdappt hätte. Was solt ich thun? Jch beschloß endlich dieselbe Nacht/ mich dem Knecht zu offenbaren/ so bald es Tag würde/ dann ich gedachte/ seine Liebsregungen werden sich alsdann legen/ und wenn du ihm von deinen Ducaten spendirest/ so wird er dir wieder zu einem Mannskleid/ und also in demselbigen auß allen deinen Nöthen helffen. Es wäre wol außgesonnen gewesen/ wann nur das Glück gewolt hätte/ aber es war mir zu wider.

Mein Hans liesse ihm gleich nach Mitternacht tagen/ das Jawort zu holen/ und fieng an am Wagen zu rapplen/ als ich eben anfieng am aller-stärcksten zu schlaffen; Er rieff etwas zu laut/ Sabina/ Sabina/ [225] Ach mein Schatz steht auff/ und balt mir euer Versprechen! also daß er den Rittmeister eber als mich darmit erweckte/ weil er se in Zelt am Wagen stehen hatte/ diesem wurde ohne Zweiffel grün und gelb vor den Augen/ weil ihn die Eifer sucht ohne das zuvor eingenommen/ doch kam er nicht berauß unser Thun zu zerstören/ sondern stund nur auff/ zu sehen/ wie der Handel ablauffen wolte; Zuletzt weckte mich der Knecht mit seiner Importunität/ und nötigte mich/ entweder auß dem Wagen zu ihm zu kommen/ oder ihn zu mir einzulassen/ ich aber schalt ihn auß/ und fragte/ ob er mich dann vor eine Hur ansebe? meine gestrige Zusag sey auff den Ehestand gegründet/ ausser dessen er meiner nicht theilhafftig werden könte; Er antwort/ so solte ich jedannoch auffstehen/ weil es anfieng zu tagen/ damit ich dem Gesind das Essen bey Zeiten verfertigen könte/ er wolte Holtz und Wasser holen/ und mir das Feuer zugleich anmachen/ Jch antwortet/ wenn du das thun wilt/ so kan ich desto länger schlaffen/ gebe nur hin/ ich will bald folgen: Weil aber der Narꝛ nicht ablassen wolte/ stunde ich auff/ mehr meine Arbeit zu verꝛichten/ als ihm viel zu hofieren/ sintemal wie mich deuchte/ ihn die gestrige verzweiffelte Thorheit wieder verlassen hatte. Jch konte sonst zimlich wol vor eine Magd im Feld passirn/ dann kochen/ bachen und wäschen hatte ich bey den Croaten gelernet/ so pflegen die Soldaten-Weider ohne das im Feld nicht zu spinnen/ was ich aber sonst vor Frauenzimmer Arbeit nicht konte/ als wenn ich etwan der Frauen bürsten/ und Zöpff machen solte/ das übersahe mir meine Rittmeisterin gern/ dann sie wuste wol/ daß ichs nicht gelernet.

[226]

Wie ich nun mit meinen hindersich gestraifften Ermeln vom Wagen herab stiege/ wurde mein Hans durch meine weisse Arm so hefftig inflammirt/ daß er ihm nicht abbrechen konte/ mich zu küssen/ und weil ich mich nicht sonderlich wehrte/ vermochte es der Rittmeister/ vor dessen Augen es geschahe/ nicht zu erdulden/ sondern sprang mit blossem Degen auß dem Zelt/ meinem armen Liebhaber einen Fang zu geben/ aber er gieng durch/ und vergaß das wiederkom̃en; der Rittmeister aber sagte zu mir/ Du Blut-Hur/ ich will dich lernen ꝛc. mehrers konte er vor Zorn nicht sagen/ sondern schlug auff mich zu/ als wann er unsinnig gewest wäre; Jch fieng an zu schreyen/ darum muste er auffbören/ damit er keinen Allarm erꝛegte/ dann beyde Armeen/ die Sächstsche und Käiserliche/ lagen damals beyeinander/ weil sich die Schwedische unter dem Banier näherte.

Das XXVI. Capitel.

ALs es nun Tag worden/ gab mich mein Herꝛ den Reuter-Jungen preiß/ eben als beyde Armeen völlig auffbrachen; das war nun ein Schwarm von Lumpengesind/ und dahero die Hatz desto grösser und erschröcklicher/ die ich außzustehen hatte/ sie eyleten mit mir einem Busch zu/ ihre viehische Begierden desto besser zu sättigen/ wie dann diese Teuffelskinder im Brauch haben/ wann ihnen ein Weibsbild dergestalt übergeben wird: So folgeten ihnen auch sonst viel Bursch nach/ die dem elenden Spaß zusahen/ unter welchen mein Hans auch war/ dieser ließ mich nicht auß den Augen/ und als er sahe/ daß es mir gelten solte/ wolte er mich mit Gewalt erꝛetten/ und [227] solte es seinen Kopff kosten; Er bekam Beyständer/ weil er sagte/ daß ich sein versprochene Braut wäre/ diese trugen ein Mitleiden mit mir und ihm/ und begehrten ihm Hülff zu leisten/ solches war aber den Jungen/ die besser Recht zu mir zu haben vermeynten/ und ein so gute Beut nicht auß Händen lassen wolten/ allerdings ungelegen/ derowegen gedachten sie Gewalt mit Gewalt abzutreiben/ da fienge man an Stöß außzutheilen von beyden Seiten her/ der Zulauff und der Lermen wurde je länger je grösser/ also daß es schier einem Turnier gleich sahe/ in welchem jeder umb einer schönen Damen willen das beste thut. Jhr schröcklich Geschrey lockte den RumorMeister herzu/ welcher eben ankam/ als sie mir die Kleider vom Leib gerissen/ und gesehen hatten/ daß ich kein Weibsbild war/ seine Gegenwart machte alles stockstill/ weil er vielmehr geförcht wurde/ als der Teuffel selbst/ auch verstoben alle die jenige/ die widereinander Hand angelegt hatten/ er informirt sich der Sach kurtz/ und in dem ich hoffte/ er würde mich erꝛetten/ nam er mich dargegen gefangen/ weil es ungewöhnlich und fast argwöhnische Sach war/ daß sich ein Mannsbild bey einer Armee in WeiberKleidern solte finden lassen/ dergestalt wanderten er und seine Bursch mit mir neben den Regimentern daher (welche alle im Feld stunden/ und marchiren wolten) der Meynung/ mich dem General Auditor oder General Gewaltiger zu überliefern/ da wir aber bey meines Obristen Regiment vorbey wolten/ wurde ich erkant/ angesprochen/ schlechtlich durch meinen Obristen bekleidet/ und unserm alten Provosen[228] gesänglich überliefert/ welcher mich an Hände und Füß in die Eisen schlosse.

Es kam mich gewaltig sauer an/ so in Ketten und Banden zu marchirn/ so hätt mich auch der Schmalhans trefflich gequält/ wann mir der Secretarius Olivier nicht spendirt hätte/ dann ich dorffte meine Ducaten/ die ich noch bißher davon bracht hatte/ nicht an deß Tages Liecht kommen lassen/ ich bätte dann solche miteinander verlieren/ und mich noch darzu in grössere Gesahr stecken wollen. Gedachter Olivier communicirte mir noch denselbigen Abend/ warumd ich so hart gefangen gehalten wurde/ und unser Regiments-Schultbeiß bekam gleich Befelch/ mich zu examiniren/ damit meine Außsag dem General Auditor desto eber zugestellt werden möchte/ dann man hielte mich nicht allein vor einen Kundschaffter und Spionen/ sondern auch gar vor einen der bexen könte/ dieweil man kurtz hernach/ als ich von meinem Obristen außgetretten/ einige Zauberinnen verbrennt/ die bekant hatten/ und darauff gestorben wären/ daß sie mich auch bey ihrer General-Zusammenkunfft gesehen bätten/ da sie beyeinander gewesen/ die Elb außzutrücknen/ damit Magdeburg desto eher eingenommen werden könte Die Puncten/ darauff ich Antwort geben sol[t]e/ waren diese:

Erstlich/ ob ich nicht studirt hätte/ oder auffs wenigste schreibens und lesens erfahren wäre?

Zweytens/ warumb ich mich in Gestalt eines Narꝛn dem Läger vor Magdeburg genähert/ da ich doch in deß Rittmeisters Diensten so wol als jetzt witzig genug seye?

[229]

Drittens/ auß was Ursachen ich mich in WeiberKleider verstellet?

Viertens/ ob ich mich nicht auch neben andern Unholden auff dem Hexentantz befunden?

Wo Fünfftens mein Vatterland/ und wer meine Eltern gewesen seyen?

Sechstens/ wo ich mich auffgehalten/ ehe ich in das Läger vor Magdeburg kommen?

Wo und zu was End ich Sibendens die WeiberArbeit/ als wäschen/ bachen/ kochen/ ꝛc. gelernet? Jtem das Lautenschlagen?

Hierauff wolte ich mein gantzes Leben erzehlen/ damit die Umbständ meiner seltzamen Begegnussen alles recht erleutern/ und diese Fragen mit der Warheit fein verständlich unterscheiden könten; der Regiments-Schultheiß war aber nicht so curios, sondern vom marchiren müd und verdrossen/ derowegen begehrte er nur eine kurtze runde Antwort auff das/ was gefragt würde. Demnach antwortet ich folgender gestalt/ darauß man aber nichts eigentliches und gründliches fassen konte/ und zwar

Auff die erste Frag/ Jch hätte zwar nicht studirt/ könte aber doch Teutsch lesen und schreiben.

Auff die Zweyte/ weil ich kein ander Kleid gehabt/ hätte ich wol im Narꝛnkleid auffziehen müssen.

Auff die Dritte/ weil ich meines Narꝛnkleids müd gewesen/ und keine Mannskleider haben können.

Auff die Vierte/ Ja/ ich sey aber wider meinen Willen hin gefahren/ könte aber gleichwol nich zaubern.

Auff die Fünffte/ mein Vatterland sey der Spesfert/ und meine Eltern Bauersleut.

[230]

Auff die Sechste/ zu Hanau bey dem Gubernator, und bey einem Croaten Obrist Corpes genant.

Auff die Stebende/ bey den Croaten hab ich wäschen/ bachen und kochen wider meinen Willen müssen lernen/ zu Hanau aber das Lauten schlagen/ weil ich Lust darzu hatte.

Wie diese meine Außsag geschrieben war/ sagte er: Wie kanstu leugnen und sagen/ daß du nicht studirt habest/ da du doch/ als man dich noch vor einen Narꝛn bielte/ einem Priester unter währender Meß auff die Wort/ Domine, non sum dignus, auch in Latein geantwort/ Er dörffte solches nicht sagen/ man wisse es zuvor wol? Herꝛ/ antwortet ich/ das haben mich damals andere Leut gelernet/ und mich überꝛedet/ es seye ein Gebet/ das man bey der Meß sprechen müsse/ wann unser Caplan den Gottesdienst verꝛichte; Ja/ ja/ sagte der Regim. Schultheiß/ ich sehe dich vor den Rechten an/ dem man die Zung mit der Folter lösen muß. Jch gedachte/ so helff GOtt! wanns deinem närꝛischen Kopff nachgebet.

Am andern Morgen früh kam Befehl vom General Auditor an unsern Provosen/ daß er mich wol in acht nehmen solte/ dann er war gefinnt/ so bald die Armeen still lägen/ mich selbst zu examiniren/ auff welchen Fall ich ohne Zweiffel an die Folter gemüst hätte/ wann es Gott nicht anders gefügt. Jn dieser Gefangenschafft dachte ich stetigs an meinen Pfarꝛer zu Hanau/ und den verstorbenen alten Hertzbruder/ weil sie beyde wahr gesagt/ wie mirs ergehen würde/ wenn ich wieder auß meinem Narꝛnkleid käme.

[231]

Das XXVII. Capitel.

DEnselben Abend/ als wir uns kaum gelägert batten/ wurde ich zum General Auditor geführt/ der hatte meine Außsag sampt einem Schreib-zeug vor sich/ und fieng an mich besser zu examiniren; ich bingegen erzehlte meine Händel/ wie sie an sich selbst waren/ es wurde mir aber nicht geglaubt/ und konte der General Auditor nicht wissen/ ob er einen Narꝛn oder außgestochenen Bößwicht vor sich hatte/ weil Frag und Antwort so artlich fiele/ und der Handel an sich selbst seltzam war; Er hiesse mich eine Feder nehmen und schreiben/ zu sehen was ich könte/ und ob etwan meine Handschrifft bekant/ oder doch so beschaffen wäre/ daß man etwas darauß abnehmen möchte? Jch ergriff Feder und Papier so geschicklich/ als einer der sich täglich damit übte/ und fragte/ was ich schreiben solte? der General Auditor (welcher vielleicht unwillig war/ weil sich mein Examen tieff in die Nacht hinein verzog) antwortet: Hey schreib deine Mutter die Hur! Jch setzte ihm diese Wort dahin/ und da sie gelesen wurden/ machten sie meinen Handel nur desto schlimmer/ dann der General Auditor sagte/ jetzt glaube er erst/ daß ich ein rechter Vogel sey; Er fragte den Provosen/ ob man mich visitirt/ und ob man nichts von Schrifften bey mir funden hätte? Der Provos antwortet/ Nein/ was solt man an ihm visitirn/ weil ihn der Rumormeister gleichsam nackend zu uns gebracht: Aber Ach! das halff nichts/ der Provos muste mich in Gegenwart ihrer aller besuchen/ und indem er solches mit Fleiß verꝛichtet/ findet er/ O Unglück! meine [232] beyde Eselsobren mit den Ducaten/ umb meine Arm herumb gemacht. Da bieß es/ was dörffen wir ferner Zeugnus? Dieser Verꝛäther hat ohne Zweiffel ein groß Schelmstück zu verꝛichten auff sich genommen/ dann warumb solte sich sonst ein Gesebeider in ein Narꝛnkleid stecken? oder ein Mannsbild in ein Weiberkleid verstellen? warumb vermeynt man wol/ zu was End er sonst mit einem so ansehenlichen Stück Geld versehen seye/ als etwas grosses zu verꝛichten? Sagt er nicht selbst/ er habe bey dem Gubernator zu Hanau den aller-verschlagnesten Soldaten in der Welt lernen auff der Lauten schlagen? Was vermeynt ihr Herꝛen wol/ was er sonst bey denselben Spitzköpffen vor listige Practiquen ins Werck zu setzen begriffen habe? der nächste Weg ist/ daß man morgen mit ihm auff die Folter/ und wie ers verdient haben wird/ dem Feur zueyle/ massen er sich ohne das bey den Zauber ern befunden/ und nichts bessers werth ist. Wie mir damals zu Muth gewesen/ kan sich jeder leicht einbilden/ ich wuste mich zwar unschuldig/ und hatte ein starckes Vertrauen zu Gott; Aber dennoch sahe ich meine Gefahr/ und bejammerte den Verlust meiner schönen Ducaten/ welche der General Auditor zu sich steckte.

Aber ehe man diesen strengen Procefs mit mir ins Werck setzte/ geriethen die Banierische den Unserigen in die Haar/ gleich anfänglich kämpfften die Armeen umb den Vorthel/ und gleich darauff umb das schwere Geschütz/ dessen die Unserige stracks verlustigt wurden: Unser Provos hielte zwar zimlich weit mit seinen Leuten und den Gefangenen hinder der Battalia, gleichwol aber waren wir unser Brigade so [233] nahe/ daß wir jeden von hinderwerts an den Kleidern erkennen konten; und als eine Schwedische Esquadron auff die unserige traff/ waren wir so wol als die Fechtende selbst in Todtsgefahr/ dann in einem Augenblick floge die Lufft so häuffig voller singenden Kugeln über uns her/ daß es das Anseden hatte/ als ob die Salve uns zu gefallen gegeben worden wäre/ darvon duckten sich die Forchtsame/ als ob sie sich in sich selbst hätten verbergen wollen; die jenige aber/ so Courage hatten/ und mehr bey dergleichen Schertz gewesen/ liessen solche ohnverblichen über sich hin streichen; Jm Treffen selbst aber/ suchte ein jeder seinem Todt mit Nidermachung deß Nächsten/ der ihm auffstieß/ vorzukommen/ das greuliche schiessen/ das gekläpper der Harnisch/ das krachen der Biquen/ und das Geschrey beydes der Verwundten und Angreiffenden/ machten neben den Trompeten/ Trommeln und Pfeiffen ein erschröckliche Music! da sahe man nichts als einen dicken Rauch und Staub/ welcher schiene/ als wolte er die Abscheulichkeit der Verwundten und Todten bedecken/ in demselbigen hörete man ein jämmerliches Weheklagen der Sterbenden/ und ein lustiges Geschrey der jenigen/ die noch voller Muth stacken/ die Pferd selbst hatten das Ansehen/ als wenn sie zu Verthedigung ihrer Herꝛn je länger je frischer würden/ so hitzig erzeigten sie sich in dieser Schuldigkeit/ welche sie zu leisten genötiget waren/ deren sahe man etliche unter ihren Herꝛn todt darnider fallen/ voller Wunden/ welche sie unverschuldter Weis zu Vergeltung ihrer getreuen Dienste empfangen hatten; andere fielen umb gleicher Urfach willen auff ihre Reuter/ und hatten also in ihrem Todt die[234] Ehr/ daß sie von den jenigen getragen wurden/ welche sie in währendem Leben tragen müssen; wiederumb andere/ nachdem sie ihrer hertzhafften Last/ die sie commandirt hatte/ entladen worden/ verliessen die Menschen in ihrer Wut und Raserey/ rissen auß/ und suchten im weiten Feld ihr erste Freyhet: Die Erde/ deren Gewonheit ist/ die Todten zu bedecken/ war damals an selbigem Ort selbst mit Todten überstreut/ welche auff unterschiedliche Manier gezeichnet waren/ Köpff lagen dorten/ welche ihre natürliche Herꝛen verloren hatten/ und hingegen Leiber/ die ihrer Köpff mangleten; etliche hatten grausamund jämmerlicher Weis das Jngeweid herauß/ und andern war der Kopff zerschmettert/ und das Hirn zerspritzt; da sahe man/ wie die entseel[t]e Leiber ihres eigenen Geblüts beraubet/ und hingegen die lebendige mit fremdem Blut beflossen waren/ da lagen abgeschossene Aerm/ an welchen sich die Finger noch regten/ gleichsam als ob sie wieder mit in das Gedräng wolten/ hingegen rissen Kerles auß/ die noch keinen Tropffen Blut vergossen hatten/ dort lagen abgelöste Schenckel/ welche ob sie wol der Bürde ihres Cörpers entladen/ dannoch viel schwerer worden waren/ als sie zuvor gewesen; da sahe man zerstümmelte Soldaten umb Beförderung ihres Todts/ hingegen andere umb Quartier u[n]d Verschohnung ihres Lebens bitten. Summa Summarum, da war nichts anders als ein elender jämmerlicher Anblick! Die Schwedische Sieger trieben unsere Uberwundene von der Stell/ darauff sie so ünglücklich gefochten/ nachdem sie solche zuvor zertrennt hatten/ sie mit ihrer schnellen Verfolgung vollends zerstrenende. [235] Bey welcher Bewandnus mein Herꝛ Provos mit seinen Gefangenen auch nach der Flucht griffe/ wiewol wir mit einiger Gegenwehr umb die Uberwinder keine Feindseeligkeit verdient hatten/ und indeme er Provos uns mit dem Todt bedrohete/ und also nötigte sampt ihm durchzugehen/ jagte der junge Hertzbruder daher mit noch fünff Pferden/ und grüste ihn mit einer Pistoln: Sehe da/ du alter Hund/ sagte er/ ists noch Zeit/ junge Hündlein zu machen? Jch will dir deine Mühe bezahlen! Aber der Schuß beschädigt den Provosen so wenig/ als einen stählernen Amboß; Oho bistu der Haar? sagt Hertzbruder/ ich will dir nicht vergeblich zu gefallen herkommen seyn/ du must sterben/ und wäre dir gleich die Seel angewachsen/ nötigt darauff einen Mußquetierer von deß Provosen bey sich gehabter Wacht/ daß er ihn/ dafern er anderst selbst Quartier haben wolte/ mit einer Axt zu todt schlug. Also bekam der Provos seinen Lohn/ ich aber wurde von Hertzbruder erkant/ welcher mich meiner Ketten und Band entledigen/ auff ein Pferd setzen/ und durch seinen Knecht in Sicherheit führen liesse.

Das XXVIII. Capitel.

GLeich wie mich nun meines Erꝛetters Knecht auß fernerer Gefahr führete/ also liesse sich sein Herꝛ hingegen erst durch Begierd der Ehr und Beut recht hinein treiben/ allermassen er sich so weit verhauen/ daß er gefangen wurde. Demnach die sieghaffte Uberwinder die Beuten theilten/ und ihre Todten begruben/ mein Hertzbruder aber manglete/ erbte dessen Rittmeister mich mit sampt seinem Knecht und Pfer- [236] den/ bey welchem ich mich vor einen Reuterjungen muste gebrauchen lassen/ worvor ich nichts hatte/ als diese Promessen/ wenn ich mich wol hielte/ und ein wenig besser meiner Jugend entgienge/ daß er mich alsdann auffsetzen/ das ist/ zu einem Reuter machen wolte/ wormit ich mich dann also dahin gedulden muste.

Gleich hernach wurde mein Rittmeister zum Obr. Leutenant vorgestellt/ ich aber bekam das Ampt bey ihm/ welches David vor alten Zeiten bey dem König Saul vertretten/ dann in den Quartieren schlug ich auff der Lauten/ und im marchiren muste ich ihm seinen Küriß nachführen/ welches mir ein beschwerliche Sach war; Und ob zwar diese Waffen/ ihren Träger vor feindlichen Büffen zu beschützen/ erfunden worden/ so befande ich jedoch allerdings das Widerspil/ weil mich meine eigene Jungen/ die ich außheckte/ unter ihrem Schutz desto sicherer verfolgten/ darunter hatten sie ihren freyen Paß/ Spaß und Tummelplatz/ so daß es das Ansehen hatte/ als ob ich den Harnisch ihnen und nicht mir/ zur Beschützung antrüge/ sintemal ich mit meinen Armen nicht darunter kommen/ und keinen Streiff unter sie thun konte. Jch war auff allerhand Stratagemata bedacht/ wie ich diese Armada vertilgen möchte/ aber ich hatte weber Zeit noch Gelegenheit sie durchs Feuer (wie in den Bach-öfen geschicht) noch durchs Wasser/ oder durch Gifft (massen ich wol wuste/ was das Quecksilber vermochte) außzurotten; viel weniger vermochte ich die Mittel/ sie durch ein ander Kleid oder weisse Hemder abzuschaffen/ sondern muste mich mit ihnen schleppen/ und Leib und Blut zum besten [237] geben/ wenn sie mich dann so unter dem Harnisch plagten und nagten/ so wischte ich mit einer Pistoln herauß/ als ob ich hätte Kuglen mit ihnen wechseln wollen/ nam aber nur den Ladstecken/ und stiesse sie damit von der Kost; endlich erfand ich die Kunst/ daß ich einen Beltzfleck darumb wickelte/ und ein artlich Klebgarn vor sie zurichtete/ wann ich dann mit diesem Lauß. Angel unter den Harnisch fuhr/ fischte ich sie Dutzetweis auß ihrem Vortel/ welchen ich miteinander die Häls über das Pferd abstürtzte/ es mochte aber wenig erklecken.

Einsmals wurde mein Obrist Leutenant commandirt/ eine Cavalcada mit einer starcken Parthey in Westphalen zu thun/ und wäre er damals so starck an Reutern gewesen/ als ich an Läusen/ so hätte er die gantze Welt erschreckt/ weil solches aber nicht war/ muste er behutsam gehen/ auch solcher Ursachen halber sich in der Gemmer Marck (das ist ein so genanter Wald zwischen Ham und Soest) heimlich halten; Damals wars mit den meinigen auffs höchste kommen/ sie quälten mich so hart mit Miniren/ daß ich sorgte/ sie möchten sich gar zwischen Fell und Fleisch hinein logiren. Kein Wunder ists/ daß die Brastlianer ihre Läus auß Zorn und Rachgier fressen/ weil sie einen so drängen! Einmal/ ich getraute meine Pein nicht länger zu gedulden/ sondern gienge als theils Reuter fütterten/ theils schlieffen/ und theils Schildwacht hielten/ ein wenig beyseits unter einen Baum/ meinen Feinden eine Schlacht zu liefern/ zu solchem End zog ich den Harnisch auß/ unangesehen andere denselben anziehen/ wann sie fechten wollen/ und fienge ein solches Würgen und [238] Morden an/ daß mir gleich beyde Schwerder an den Daumen von Blut triefften/ und voller todten Cörper/ oder vielmehr Bälg hiengen/ welche ich aber nicht umbbringen mochte/ die verwiese ich ins Elend/ und ließ sie unter dem Baum herumb spatzieren. So offt mir diese Rencontre zu Gedächtnus kompt/ beist mich die Haut noch allenthalben/ natürlich als ob ich noch mitten in der Schlacht begriffen wäre. Jch dachte zwar/ ich solte nicht so wider mein eigen Geblüt wüten/ vornemlich wider so getreue Diener/ die sich mit einem hencken und radbrechen liessen/ und auff deren Menge ich offt im freyen Feld auff harter Erde sanfft gelegen wäre; aber ich fuhr doch in meiner Tyranney so unbarmhertzig fort/ daß ich auch nicht gewahr wurde/ wie die Käiserl. meinen Obrist Leutenant chargirten/ biß sie endlich auch an mich kamen/ die arme Läus entsetzten/ und mich selbst gefangen namen/ dann diese scheuten meine Mannheit gar nicht/ vermittelst deren ich kurtz zuvor viel 1000. erlegt/ und den Titul eines Schneiders (sieben auff einen Streich) überstiegen hatte. Mich kriegte ein Dragoner/ und die beste Beut die er von mir hatte/ war meines Obrist Leutenants Kürts/ welchen er zu Soest/ da er im Quartier lag/ dem Commandanten zimlich wol verkauffte. Also wurde er im Krieg mein sechster Herꝛ/ weil ich sein Jung seyn muste.

Das XXIX. Capitel.

UNsere Wirthin/ wolte sie nicht/ daß ich sie und ihr gantzes Hauß mit meinen Völckern besetzte/ so muste sie mich auch darvon entledigen; sie machte ihnen den Proceß kurtz und gut/ steckt meine Lumpen [239] in Bach-ofen/ und brennet sie so sauber auß wie eine alte Tabackpfeiffe/ also daß ich wieder diß Unziefers halber wie in einem Rosengarten lebte/ ja es kan niemand glauben/ wie mir so wol war/ da ich auß dieser Qual war/ in welcher ich etlich Monat wie in einem Ameißhauffen gesessen; hingegen hatte ich gleich ein ander Creutz auff dem Hals/ weil mein Herꝛ einer von den jenigen Soldaten war/ die in Him̃el zu kommen getrauen/ er liesse sich glatt an seinem Sold genügen/ und betrübte im übrigen kein Kind/ sein gantze Prosperität bestunde in dem was er mit wachen verdienet/ und von seiner wochentlichen Lehnung erkargte/ solches wiewol es wenig war/ hube er höher auff/ als mancher die Orientalische Perlen/ einen jeden Blomeuser nähete er in seine Kleider/ und damit er deren einige in Vorꝛath kriegen möchte/ muste ich und sein armes Pferd daran sparen helffen/ darvon kams/ daß ich den treugen Pumpernickel gewaltig beissen/ und mich mit Wasser/ oder wanns wol gieng/ mit dinn Bier behelffen muste/ welches mir ein abgeschmacke Sach war/ massen mir meine Keel von dem schwartzen truckenen Brod gantz rauch/ und mein gantzer Leib gantz mager wurde; wolt ich aber besser fressen/ so mochte ich stelen/ aber mit außtrücklicher Bescheidenheit/ daß er nichts darvon innen würde: Seinet halben hätte man weder Galgen/ Esel/ Hencker/ Steckenknecht noch Feldscherer bedörfft/ auch keine Marquetender noch Trommelschlager/ die den Zapffenstreich gethan hätten/ dann sein gantzes Thun war fern von Fressen/ Sauffen/ Spielen und allen Duellen/ wann er aber irgends hin auff Convoy/ Partey/ oder sonst einen Anschlag[240] commandirt wurde/ so schlendert er mit dahin/ wie ein alt Weib am Stecken. Jch glaube auch gäntzlich/ wann dieser gute Dragoner solche heroische Soldaten-Tugenden nicht an sich gehabt/ daß er mich auch nicht gefangen bekommen hätte/ dann er wäre ja meinem Obrist Leutenant nachgerennt. Jch hatte mich keines Kleids bey ihm zu getrösten/ weil er selbst über und über zerflickt daher gieng/ gleichsam wie mein Einsidel; So war sein Sattel und Zeug auch kaum drey Batzen werth/ und das Pferd von Hunger so hinfällig/ daß sich weder Schwed noch Heß vor seinem dauerhafften nachjagen zu förchten hatte.

Solches alles bewegte seinen Hauptmann/ ihn ins Paradeis/ ein so genantes Frauen-Closter/ auff Salvaguardi zu legen/ nicht zwar/ als wäre er viel nutz darzu gewesen/ sondern damit er sich begrasen/ und wieder mondiren solte/ vornemlich aber auch/ weil die Nonnen umb einen frommen/ gewissenhafften und stillen Kerl gebetten hatten. Also ritte er dahin/ und ich gieng mit/ weil er leyder nur ein Pferd hatte: Botz Glück Simbrecht, (dann er konte den Nahmen Simplicius nicht behalten) sagte er unterwegs/ kommen wir in das Paradeis/ wie wollen wir fressen! Jch antwortet/ der Nahm ist ein gut Omen, Gott geb daß der Ort auch so beschaffen seye; Freylich/ sagte er/ (dann er verstunde mich nicht recht) wenn wir alle Tag zwey Ohmen von dem besten Bier sauffen könten/ so wirds uns nicht abgeschlagen/ halt dich nur wol/ ich will mir jetzt bald ein braven neuen Mantel machen lassen/ alsdann hastu den alten/ das gibt dir noch einen guten Rock; Er nennet [241] ihn recht den alten/ dann ich glaub/ daß ihm die Schlacht vor Pavia noch gedachte/ so gar Wetterfärbig und abgeschaben sahe er auß/ also daß er mich wenig damit erfreute.

Das Paradeis fanden wir/ wie wirs begehrten/ und noch darüber/ an statt der Engel/ schöne Jungfrauen darinnen/ welche uns mit Speiß und Tranck also tractirten/ daß ich in Kürtze wieder einen glatten Balg/ dann da setzte es das fetteste Bier/ die beste Westphalische Schincken und Knackwũrst/ wolgeschmack und sehr delicat Rindfleisch/ das man auß dem Saltzwasser kochte/ und kalt zu essen pflegte; da lernete ich das schwartze Brod Fingers dick mit gesaltzenem Butter schmieren/ und mit Käß belegen/ damit es desto besser rutschte/ und wann ich so über einen Hamelskolben kam/ der mit Knoblauch gespickt war/ und ein gute Kanne Bier darneben stahn hatte/ so erquickte ich Leib und Seel/ und vergasse all meines außgestandenen Leyds. Jn Summa/ diß Paradeis schlug mir so wol zu/ als ob es das rechte gewest wäre; kein ander Anligen hatte ich/ als daß ich wuste/ daß es nicht ewig währen würde/ und daß ich so zerlumpt daher gehen muste.

Aber gleich wie mich das Unglück Hauffenweiß überfiele/ da es anfieng mich hiebevor zu reuten/ also bedunckte mich auch jetzt/ das Glück wolte es wieder Wett spielen: Dann als mich mein Herꝛ nach Soest schickte/ seine Bagage vollends zu holen/ fand ich unterwegs einen Pack/ und in demselben etliche Ehlen Scharlach zu einem Mantel/ sampt rothem Sam̃et zum Futter/ das nam ich mit/ und verdauschte es zu Soest mit einem Tuch-Händler/ umb gemein grün [242] wüllen Tuch zu einem Kleid/ sampt der Außstaffierung/ mit dem Geding/ daß er mir solches Kleid auch machen lassen/ und noch darzu einen neuen Hut auffgeben solte; und demnach mir nur noch ein par neuer Schuh und ein Hemd abgieng/ gab ich dem Krämer die filberne Knöpff und Galaunen auch/ die zu dem Mantel gehörten/ worvor er mir dann schaffte was ich noch brauchte/ und mich also Nagelneu herauß butzte. Also kchrte ich wieder ins Paradeis zu meinem Herꝛn/ welcher gewaltig kollerte/ daß ich ihm den Fund nicht gebracht hatte/ ja er sagte mir vom Brügeln/ und hätte ein geringes genommen (wann er sich nicht geschämt/ und ihm das Kleid gerecht gewesen wäre) mich außzuziehen/ und das Kleid selbst zu tragen/ wiewol ich mir eingebildet/ gar wol gehandelt zu haben.

Jndessen muste sich der karge Filtz schämen/ daß sein Jung besser gekleidet war als er selbsten/ derowegen ritte er nach Soest/ borgte Geld von seinem Hauptmann/ und mondirte sich damit auffs beste/ mit Versprechen/ solches von seinen wochentlichen Salvaguardi Geldern wieder zu erstatten/ welches er auch fleissig thät/ er hätte zwar selbsten noch wol so viel Mittel gehabt/ er war aber viel zu schlau sich anzugreiffen/ dann hätte ers gethan/ so wäre ihm die Bernhaut entgangen/ auff welcher er denselbigen Winter im Paradeis ligen konte/ und wäre ein anderer nackender Kerl an seine statt gesetzt worden/ mit der Weis aber muste ihn der Hauptmann wol ligen lassen/ wolte er anders sein außgeliehen Geld wieder haben. Von dieser Zeit an hatten wir das allerfäulste Leben von der Welt/ in welchem Keglen [243] unser allergröste Arbeit war/ wann ich meines Dragoners Klepper gestriegelt/ gefüttert und getränckt hatte/ so trieb ich das Junckern-Handwerck/ und gieng spatzieren; Das Closter war auch von den Hessen unserm Gegentheil/ von der Lippstatt auß/ mit einem Mußquetier salvaguard rt/ derselbe war seines Handwercks ein Kürschner/ und dahero nicht allein ein Meister-Sänger/ sondern auch ein trefflicher Fechter/ und damit er seine Kunst nicht vergässe/ übte er sich täglich mit mir vor die lange Weil in allen Gewehren/ worvon ich so fir wurde/ daß ich mich nicht scheute ihm Bescheid zu thun wann er wolte; mein Dragoner aber kegelte an statt deß Fechtens mit ihm/ und zwar umb nichts anders/ als wer über Tisch das meiste Bier außsauffen muste/ damit gieng eines jeden Verlust übers Closter.

Das Stifft vermochte ein eigene Wildbahn/ und hielte dahero auch einen eigenen Jäger/ und weil ich auch grün gekleidet war/ gesellete ich mich zu ihm/ und lernete ihm denselben Herbst und Winter alle seine Künste ab/ sonderlich was das kleine Waidwerck angelangt. Solcher Ursachen halber/ und weil der Nahm Simplicius etwas ungewöhnlich/ und den gemeinen Leuten vergeßlich/ oder sonst schwer außzusprechen war/ nennete mich jederman dat Jäjerken; darbey wurden mir alle Weg und Steg bekant/ welches ich mir hernach trefflich zu Nutz machte; Wann ich aber wegen üblen Wetters in Wäldern und Feldern nicht herumb konte schwermen/ so lase ich allerhand Bücher/ die mir deß Closters Verwalter leyhete. So bald aber die Adeliche Closterfrauen gewahr wurden/ daß ich neben meiner [244] guten Stimm auch auff der Lauten/ und etwas wenigs auffdem Jnstrument schlagen konte/ ermasseu sie auch mein Thun desto genauer/ und weil eine zimliche Leibs-Proportion und schönes Angesicht darzu kam/ hielten sie alle mein Sitten/ Wesen/ Thun und Lassen vor Adelich/ dergestalt nun muste ich ohnversehens ein sehr beliebter Juncker seyn/ über welchem man sich verwundert/ daß er sich bey einem so liederlichen Dragoner behülffe.

Als ich nun solcher gestalt denselben Winter in aller Wollust hingebracht hatte/ wurde mein Herꝛ abgelöst/ welches ihm auff das gute Leben so and thät/ daß er darüber erkranckte/ und weil auch ein starckes Fieber darzu schlug/ zumalen auch die alte Mucken/ die er sein Lebtag im Krieg auffgefangen/ darzu kamen/ machte ers kurtz/ allermassen ich in drey Wochen hernach etwas zu begraben hatte/ ich machte ihm diese Grabschrifft:

Der Schmalhans liget hier/ ein dapfferer Soldat/
231.Der all sein Lebetag kein Blut vergossen hat.

Von Rechts und Gewonheit wegen hätte der Hauptmann Pferd und Gewehr/ der Führer aber die übrige Verlassenschafft zu sich nehmen und erben sollen/ weil ich aber damals ein frischer auffgeschossener Jüngling war/ und Hoffnung gabe/ ich würde mit der Zeit meinen Mann nicht förchten/ wurde mir alles zu überlassen angebotten/ wenn ich mich an meines verstorbenen Herꝛn statt unterhalten lassen wolte; ich nams umb so viel desto lieber an/ weil mir bekant/ daß mein Herꝛ in seinen alten Hosen ein zim- [245] liche Anzahl Ducaten eingenähet verlassen/ an welchen er sein Lebtag zusammen gekratzt hatte/ und als ich zu solchem End meinen Nahmen/ nemlich Simplicius Simplicissimus angab/ der Muster schreiber (welcher Cyriacus genant war) solchen aber nicht orthographicè schreiben konte/ sagte er: Es ist kein Teuffel in der Höll/ der also heist; und weil ich ihn hierauff geschwind fragte/ ob dann einer in der Höll wäre/ der Cyriacus hiesse? er aber nichts zu antworten wuste/ ob er sich schon klug zu seyn dünckte/ gefiel solches meinem Hauptmann so wol/ daß er gleich im Anfang viel von mir hielte.

Das XXX. Capitel.

WEil dem Commandanten in Soest ein Kerl im Stall mangelte/ wie ich ihn einer zu seyn gedünckte/ sahe er nicht gern/ daß ich ein Soldat worden war/ sondern unterstunde sich/ mich noch zu bekommen/ massen er meine Jugend vorwandte/ und mich vor keinen Mann passiren lassen wolte; und als er solches meinem Herꝛn vorhielte/ schickte er auch nach mir/ und sagte: Hör Jägergen/ du solst mein Diener werden; Jch fragte/ was dann meine Verrichtungen seyn solten? Er antwort/ du solst meiner Pferd helffen warten; Herꝛ/ sagte ich/ wir sind nicht voreinander/ ich hätte lieber einen Herꝛn/ in dessen Diensten die Pferd auff mich warten/ weil ich aber keinen solchen werde haben können/ will ich ein Soldat bleiben; Er sagte/ dein Bart ist noch viel zu klein! O Nein/ sagte ich/ ich getraue einen Mann zu bestehen der achtzig Jahr alt ist/ der Bart schlägt keinen Mann/ sonst würden die Bö[ck] hoch æstimirt [246] werden; Er sagte/ wann die Courage so gut ist/ als das Maul-Leder/ so will ich dich noch passirn lassen; Jch antwortet/ das kan in der nächsten Occasion probirt werden/ und gab damit zu verstehen/ daß ich mich vor keinen Stallknecht wolte gebrauchen lassen. Also ließ er mich bleiben der ich war/ und sagte/ das Werck würde den Meister loben.

Hierauff wischte ich hinder meines Dragoners alte Hosen her/ und nachdem ich dieselbe anatomirt hatte/ schaffte ich mir auß deren Jngeweid noch ein gut Soldaten-Pferd/ und das beste Gewehr so ich kriegen konte/ das muste mir alles gläntzen wie ein Spiegel: Jch liesse mich wieder von neuem grün kleiden/ weil mir der Nahm Jäger sehr beliebte/ mein altes Kleid aber gab ich meinem Jungen/ weil mirs zu klein worden/ also ritte ich selb ander daher wie ein junger Edelmann/ und dünckte mich fürwahr keine Sau zu seyn; ich war so kühn/ meinen Hut mit einem dollen Federbusch zu zieren wie ein Officier/ dahero bekam ich bald Neider und Mißgönner/ zwischen denselben und mir setzte es zimlich empfindliche Wort/ und endlich gar Ohrfeigen: Jch hatte aber kaum einem oder drey gewiesen/ was ich im Paradeis vom Kürschner gelernet hatte/ da ließ mich nicht allein jederman zu frieden/ sondern es suchte auch ein jeglicher meine Freundschafft. Darneben liesse ich mich beydes zu Roß und Fuß auffs Partey gehen gebrauchen/ dann ich war wol beritten/ und schneller auff den Füssen als einer meines gleichen/ und wenn es etwas mit dem Feind zu thun gab/ warff ich mich herfür/ wie das Böß in einer Wannen/ und wolte allzeit vorn dran seyn/ davon wurde ich in kurtzer Zeit [247] bey Freunden und Feinden bekant/ und so berühmt/ daß beyde Theil viel von mir hielten/ allermassen mir die gefährlichste Anschläg zu verꝛichten/ und zu solchem End gantze Parteyen zu commandiren anvertraut wurden/ da fienge ich an zuzugreiffen wie ein Böhm/ und wann ich etwas namhafftes erschnappte/ gab ich meinen Officiern so reiche Part darvon/ daß ich selbig Handwerck auch an verbottenen Orten treiben dorffte/ weil mir überall durch geholffen wurde. Der General Graf von Götz hatte in Westphalen drey feindliche Guarnisonen übrig gelassen/ nemlich zu Dorsten/ Lippstatt und Coeßfeld/ denen war ich gewaltig molest, dann ich lag ihnen mit geringen Partheyen bald hier bald dort schier täglich vor den Thoren/ und erhaschte manche gute Beut/ und weil ich überall glücklich durch kam/ hielten die Leut von mir/ ich könte mich unsichtbar machen/ und wäre so vest wie Eisen und Stahl/ davon wurde ich geförcht wie die Pest/ und schämten sich 30. Mann vom Gegentheil nicht/ vor mir durchzugehen/ wann sie mich nur mit 15. in der Nähe wusten. Zuletzt kam es dahin/ wo nur ein Ort in Contribution zu setzen war/ daß ich solches alles verꝛichten muste/ davon wurde mein Beutel so groß als mein Nahm/ meine Officier und Cameraden liebten ihren Jäger/ die vornehmste Parteygäuger vom Gegentheil entsetzten sich/ und den Landmann hielt ich durch Forcht und Liebe auff meiner Seiten/ dann ich wuste meine Widerwertige zu straffen/ und die so mir nur den geringsten Dienst thäten/ reichlich zu belohnen/ allermassen ich bey nahe die Helffte meiner Beuten wieder verspendirte/ und auff Kundschafften außlegte. Solcher Ursachen[248] halber gieng keine Partey/ keine Convoy/ noch keine Räis auß deß Gegentheils Posten/ deren Außfahrt mir nicht zu wissen ward gethan/ alsdann conjecturirt ich ihr Vorhaben/ und macht meine Anschläg darauff/ und weil ich solche mehrentheils durch Beystand deß Glücks wol ins Werck setzte/ verwunderte sich jedweder über meine Jugend/ so gar/ daß mich auch viel Officier und brave Soldaten vom Gegentheil nur zu sehen wünschten/ darneben erzeigte ich mich gegen meinen Gefangenen überauß discret, also daß sie mich offt mehr kosteten/ als meine Beuten werth waren/ und wann ich einem vom Gegentheil/ sonderlich den Officiern/ ob ich sie schon nicht kante/ ohne Verletzung meiner Pflicht und Herꝛndienst ein Courtoisie thun konte/ unterliesse ichs nicht.

Durch solch mein Verhalten wäre ich zeitlich zu Officien befördert worden/ wanns meine Jugend nicht verhindert hätte/ dann welcher in solchem Alter als ich trug/ ein Fähnlein haben wolte/ muste ein guter von Adel seyn/ zu dem konte mich mein Hauptmann nicht befördern/ weil keine ledige Stellen bey seiner Comp. waren/ und keinem andern mochte er mich gönnen/ weil er an mir mehr als eine melckende Kuhe verloren hätte/ doch wurde ich ein Gefreyter. Diese Ehr/ daß ich alten Soldaten vorgezogen wurde/ wiewol es ein geringe Sach war/ und das Lob/ das man mir täglich verliehe/ waren gleichsam wie Sporn/ die mich zu höhern Dingen antrieben: Jch speculirte Tag und Nacht/ wie ich etwas anstellen mōchte/ mich noch grösser zu machen/ ja ich konte vor solchem närꝛischen Nachsinnen offt nicht schlaffen: Und weil ich sahe/ daß mirs an Gelegenheit [249] manglete/ im Werck zu erweisen/ was ich vor einen Muth trüge/ beküm̃erte ich mich/ daß ich nicht täglich Gelegenheit haben solte/ mich mit dem Gegentheil in Waffen zu üben/ ich wünschte mir offt den Trojanischen Krieg/ oder eine Belägerung wie zu Ostende/ und ich Narꝛ gedachte nicht/ daß der Krug so lang zum Brunnen gehet/ biß er einmal zerbricht. Es gehet aber nicht anders/ wann ein junger unbesonnener Soldat Geld/ Glück und Courage hat/ dann da folget Ubermuth und Hoffart/ und auß solcher Hoffart hielte ich an statt eines Jungen zween Knecht/ die ich trefflich herauß staffierte/ und beritten machte/ wormit ich mir aller Officierer Neid auffbürdete.

Das XXXI. Capitel.

JCh muß ein Stücklein oder etliche erzehlen/ die mir hin und wieder begegnet/ ehe ich wieder von meinen Dragonern kam/ und ob sie schon nicht von importanz seyn/ sind sie doch lustig zu hören/ dann ich nam nicht allein grosse Ding vor/ sondern verschmähet auch die geringe nicht/ wann ich nur muthmassete/ daß ich Ruhm bey den Leuten dardurch erwecken möchte. Mein Hauptmann wurde mit etlich und fünfftzig Mann zu Fuß in das Vest von Recklinckhusen commandirt/ einen Anschlag daselbst zu verꝛichten/ und weil wir gedachten/ wir würden/ ehe wir solchen ins Werck setzen könten/ einen Tag oder etlich uns in den Büschen heimlich halten müssen/ nam jeder auff acht Tag Proviant zu sich/ demnach aber die reiche Caravana, deren wir auffpaßten/ die bestim̃te Zeit nicht ankam/ gieng uns das Brod auß/ welches [250] wir nicht rauben dorfften/ wir hätten uns dann selbst verꝛathen/ und unser Vorhaben zu nichts werden lassen wollen/ dahero uns der Hunger gewaltig preßte/ so hatte ich auch diß Orts keine Kunden/ wie anderswo/ die mir und den Meinigen etwas heimlich zutrugen/ derowegen musten wir/ Fütterung zu bekommen/ auff andere Mittel bedacht seyn/ wenn wir anders nicht wieder läer heim wolten; Mein Camerad/ ein Lateinischer Handwercks-Gesell/ der erst kürtzlich auß der Schul entloffen/ und sich unterhalten lassen/ seufftzete vergeblich nach den GerstenSuppen/ die ihm hiebevor seine Eltern zum besten verordnet/ er aber verschmähet und verlassen hatte/ und als er so an seine vorige Speisen gedachte/ erinnert er sich auch seines Schul-sacks/ bey welchem er solche genossen: Ach Bruder/ sagte er zu mir/ ists nicht eine Schand/ daß ich nicht so viel Künste erstudirt haben soll/ vermittelst deren ich mich jetzund füttern könte/ Bruder/ ich weiß revera, wann ich nur zum Pfaffen in jenes Dorff gehen dörffte/ daß es ein trefflich Convivium bey ihm setzen solte! Jch überlieff diese Wort ein wenig/ und ermaß unsern Zustand/ und weil die jenige so Weg und Steg wusten/ nicht hinauß dörfften/ dann sie wären sonst erkant worden/ die Unbekante aber keine Gelegenheit wusten/ etwas heimlich zu stehlen oder zu kauffen/ als machte ich meinen Anschlag auff unsern Studenten/ und hielte die Sach dem Hauptmann vor/ wiewol nun dasselbige Gefahr auff sich hatte/ so war doch sein Vertrauen so gut zu mir/ und unsere Sach so schlecht bestellt/ daß er darem consentirte.

Jch verwechselte meine Kleider mit einem andern/ [251] und zottelt mit meinem Studenten besagtem Dorff zu durch einen weiten Umbschweiff/ wiewol es nur ein halbe Stund von uns lag/ in demselben erkanten wir das nächste Hauß bey der Kirch vor deß Pfarꝛers Wohnung/ weil es auff Stättisch gebaut war/ und an einer Mauer stunde/ die umb den gantzen Pfarꝛhof gieng: Jch hatte meinen Cameraden schon instruirt/ was er reden solte/ dann er hatte sein abgeschaben Studenten-Kleidlein noch an/ ich aber gab mich vor einen Mahler-Gesellen auß/ dann ich gedachte/ ich würde dieselbe Kunst im Dorff nicht üben dörffen/ weil die Bauren nicht bald gemahlte Häuser haben. Der Geistliche Herꝛ war höflich/ als ihm mein Gesell ein tieffe Lateinische Reverenz gemacht/ und einen Hauffen daher gelogen hatte/ was gestalt ihn die Soldaten auff der Räis geplündert/ und aller seiner Zehrung beraubt hätten/ botte er ihm selbst ein Stück Butter und Brod/ neben einem Trunck Bier an/ ich aber stellte mich/ als ob ich nicht zu ihm gehörte/ und sagte/ ich wolte im Wirthshauß etwas essen/ und ihm alsdann ruffen/ damit wir noch denselben Tag ein stück Wegs hinder sich legen könten: Also gieng ich dem Wirthshauß zu/ mehr außzuspehen was ich dieselbe Nacht holen wolte/ als meinen Hunger zu stillen/ hatte auch das Glück/ daß ich unterwegs einen Bauren antraff/ der seinen Bach-ofen zuklaibte/ welcher grosse Pumpernickel darinnen hatte/ die 24. Stund da sitzen und außbachen solten. Jch machts beym Wirth kurtz/ weil ich schon wuste wo Brod zu bekommen war/ kauffte etliche Stutten/ (das ist ein so genantes weiß Brod) solche meinem Hauptmann zu bringen/ und da ich in Pfarꝛ-Hof kame/ meinen[252] Cameraden zu mahnen/ daß er gehen solte/ hatte er sich auch schon gekröpfft/ und dem Pfarꝛer gesagt/ daß ich ein Mahler sey/ und in Holland zu wandern vorhabens wäre/ meine Kunst daselbsten vollends zu perfectioniren; der Pfarꝛherꝛ hiesse mich sehr willkomm seyn/ und bat mich/ mit ihm in die Kirch zu gehen/ da er mir etliche Stück weisen wolte/ die zu repariren wären: Damit ich nun das Spiel nicht verderbte/ muste ich folgen: Er führte uns durch die Küchen/ und als er das Nachtschloß an der starcken eychenen Thür auffmachte/ die auff den Kirch-Hof gieng/ ô mirum! da sahe ich/ daß der schwartze Himmel auch schwartz voller Lauten/ Flöten und Geigen hienge/ ich vermeyne aber die Schincken/ Knackwürst und Speckseiten/ die sich im Kamin befanden; diese blickte ich trostmüthig an/ weil mich bedünckte/ als ob sie mit mir lachten/ und wünschte sie/ aber vergeblich/ meinen Cameraden in Wald/ dann sie waren so hartnäckig/ daß sie mir zu Trotz hangen blieben/ da gedachte ich auff Mittel/ wie ich sie obgedachtem Bach-Ofen voll Brod zugesellen möchte/ konte aber so leicht keines ersinnen/ weil/ wie obgemeldt/ der Pfarꝛhof umbmauret/ und alle Fenster mit eisernen Gittern genugsam verwahret waren/ so lagen auch zween ungeheure grosse Hund im Hof/ welche/ wie ich sorgte/ bey Nacht gewißlich nicht schlaffen würden/ wann man das jenige hätte stehlen wollen/ daran ihnen auch zu Belohnung ihrer getreuen Hut zu nagen gebührte.

Wie wir nun in die Kirch kamen/ von den Gemählden allerhand discurirten/ und mir der Pfarꝛer etliche Stück außzuhessern verdingen wolte/ ich aber [253] allerhand Außflücht suchte/ und meine Wanderschafft vorwandte/ sagte der Meßner oder Glöckner: Du Kerl/ ich sehe dich ehe vor einen verloffenen Soldaten-Jungen an/ als vor einen Mahler-Gesellen! Jch war solcher Reden nicht mehr gewohnet/ und solte sie doch verschmirtzen/ doch schüttelt ich nur den Kopff ein wenig/ und antwortet ihm: O du Kerl/ gib mir nur geschwind Benfel und Farben her/ so will ich dir in Huy einen Narꝛn daher gemahlt haben/ wie du einer bist; Der Pfarꝛer machte ein Gelächter darauß/ und sagte zu uns beyden/ es gezieme sich nicht an einem so heiligen Ort einander wahr zu sagen; gab damit zu verstehen/ daß er uns beyden glaubte/ ließ uns noch einen Trunck langen/ und also dahin ziehen. Jch aber liesse mein Hertz bey den Knackwürsten.

Wir kamen noch vor Nacht zu unsern Gesellen/ da ich meine Kleider und Gewehr wieder nam/ dem Hauptmann meine Verꝛichtung erehlet/ und sechs gute Kerl außlase/ die das Brod heim tragen solten helffen/ wir kamen umb Mitternacht ins Dorff/ und huben in aller Stille das Brod auß dem Ofen/ weil wir einen bey uns hatten/ der die Hund bannen konte/ und da wir bey dem Pfarꝛhof vorüber wolten/ konte ichs nicht übers Hertz bringen/ ohne Speck weiters zu passirn; Jch stund einsmals still/ und betrachtete mit Fleiß/ ob nicht in deß Pfaffen Küchen zu kommen seyn möchte? sahe aber keinen andern Eingang als das Kamin/ welches vor dißmal meine Thür seyn muste; Wir trugen Brod und Gewehr auff den Kirchhof ins Beinhauß/ und brachten ein Laiter und Sail auß einer Scheur zuwegen/ und weil ich [254] so gut als ein Schornsteinfeger in den Kaminen auff und ab steigen konte/ (als welches ich von Jugend auff in den holen Bäumen gelernet hatte) stiege ich selb ander auffs Dach/ welches von holen Ziegeln doppelt belegt/ und zu meinem Vorhaben sehr bequem gebaut war: Jch wickelt meine lange Haar über dem Kopff auff einen Büschel zusammen/ ließ mich mit einem End deß Sails hinunder zu meinem geliebten Speck/ und band einen Schincken nach dem andern/ und eine Speckseite nach der andern an das Sail/ welches der auff dem Dach fein ordentlich zum Dach hinauß fischete/ und den Andern in das Beinhäußlein zu tragen gabe: Aber potz Unstern! da ich allerdings Feyrabend gemacht hatte/ und wieder übersich wolte/ brach eine Stange mit mir/ also daß der arme Simplicius herunder fiele/ und der elende Jäger sich selbst/ wie in einer Maußfallen gefangen befande: Meine Cameraden auff dem Dach liessen das Sail herunder/ mich wieder hinauff zu ziehen/ aber es zerbrach/ ehe sie mich vom Boden brachten. Jch gedachte/ nun Jäger/ jetzt must du eine Hatz außstehen/ in welcher dir selbst/ wie dem Actæon, das Fell gewaltig zerꝛissen wird werden/ dann der Pfarꝛer war von meinem Fall erwacht/ und befohl seiner Köchin/ alsbald ein Liecht anzuzünden: Sie kam im Hemd zu mir in die Küchen/ hatte den Rock über der Achsel hangen/ und stunde so nahe neben mich/ daß sie mich damit rührte; sie griff nach einem Brand/ hielte das Liecht daran/ und fieng an zu blasen/ ich aber bliese viel stärcker zu/ als sie selbsten/ davon das gute Mensch so erschrack/ daß sie Feur und Liecht fallen liesse/ und sich zu ihrem Herꝛn[255] retirirte; Also bekame ich Lufft/ mich zu bedencken/ durch was Mittel ich mir darvon helffen möchte/ es wolte mir aber nichts einfallen: Meine Cameraden gaben mir durchs Kamin herunder zu verstehen/ daß sie das Hauß auffstossen/ und mich mit Gewalt herauß nemmen wolten/ ich gabs ihnen aber nicht zu/ sondern befohl/ sie solten ihr Gewehr in acht nemmen/ und allein den Spring-ins-feld oben bey dem Kamin lassen/ und erwarten/ ob ich ohne Lermen und Rumor darvon kommen könte/ damit unser Anschlag nicht zu Wasser würde/ wofern aber solches nicht seyn möchte/ solten sie alsdenn ihr bestes thun; Interim schlug der Geistliche selbst ein Liecht an/ seine Köchin aber erzehlte ihm/ daß ein greulich Gespenst in der Küchen wäre/ welches zween Köpff hätte (dann sie hatte vielleicht meinen Büschel Haar auff dem Kopff gesehen/ und auch vor einen Kopff gehalten) das hörete ich alles/ machte mich derowegen mit meinen schmutzigen Händen/ darinn ich Aschen/ Ruß und Kohlen riebe/ im Angesicht und an Händen so abscheulich/ daß ich ohn Zweiffel keinem Engel mehr (wie hiebevor die Closter-Frauen im Paradeis sagten) gleich sahe; und der Meßner/ wann ers gesehen/ mich wol vor einen geschwinden Mahler hätte passiren lassen. Jch fienge an in der Küchen schröcklich zu poldern/ und allerley KüchenGeschirꝛ untereinander zu werffen/ der Kessel-Ring gerieth mir in die Händ/ den hängte ich an den Hals/ den Feuer-Hacken aber behielt ich in den Händen/ mich damit auff den Nothfall zu wehren; Solches liesse sich aber der fromme Pfaff nicht irꝛen/ dann er kam mit seiner Köchin Processions-weis daher/[256] welche zwey Wachsliechter in den Händen/ und einen Weyhwasser-Kessel am Armtrug/ er selbsten aber war mit dem Chor-Rock bewaffnet/ sampt den Stollen/ und hatte den Sprengel in der einen/ und ein Buch in der andern Hand/ auß demselben fienge er an mich zu exorciren/ fragende: Wer ich seye/ und was ich da zu schaffen hätte? Weil er mich dann nun vor den Teuffel selbst hielte/ so gedachte ich/ es wäre billich/ daß ich auch wie der Teuffel thäte/ daß ich mich mit Lügen behülffe/ antwortet derowegen: Jch bin der Teuffel/ und will dir und deiner Köchin die Häls umbdrähen! Er fuhr mit seinem Exorcismo weiter fort/ und hielte mir vor/ daß ich weder mit ihm noch seiner Köchin nichts zu schaffen hätte/ hiesse mich auch mit der allerhöchsten Beschwörung wieder hinfahren/ wo ich herkommen wäre; Jch aber antwortet mit gantz förchterlicher Stimm/ daß solches unmüglich seye/ wenn ich schon gern wolte. Jndessen hatte Spring ins-feld/ der ein abgefäumter Ertz-Vogel war/ und kein Latein verstunde/ seine seltzame Tausendhändel auff dem Dach/ dann da er hörete/ umb welche Zeit es in der Küchen war/ daß ich mich nemlich vor den Teuffel außgab/ mich auch der Geistliche also hielte/ wixte er wie eine Eul/ bellete wie ein Hund/ wiherte wie ein Pferd/ plehckte wie ein Geißbock/ schrye wie ein Esel/ und liesse sich bald durch den Kamin herunder hören wie ein Hauffen Katzen/ die im Hornung rammeln; bald wie eine Henne die legen wolte/ dann dieser Kerl konte aller Thier Stimme nachmachen/ und wann er wolte/ so natürlich heulen/ als ob ein gantzer Hauffen Wölff beyeinander gewesen wäre. [257] Solches ängstigte den Pfarꝛer und seine Köchin auff das höchste/ ich aber machte mir ein Gewissen/ daß ich mich vor den Teuffel beschwören liesse/ vor welchen er mich eigentlich hielte/ weil er etwan gelesen oder gehöret hatte/ daß sich der Teuffel gern in grünen Kleidern sehen lasse.

Mitten in solchen Aengsten/ die uns beyderseits umbgeben hatte/ wurde ich zu allem Glück gewahr/ daß das Nacht-Schloß an der Thür/ die auff den Kirch-Hof gienge/ nicht eingeschlagen/ sondern der Rigel nur vorgeschoben war: Jch schob denselben geschwind zurück/ wischte zur Thůr hinauß auff den Kirch-Hof (da ich dann meine Gesellen mit auffgezogenen Hanen stehen fande) und ließ den Pfaffen Teuffel beschwören/ so lang er immer wolte. Und demnach Spring-ins-feld mir meinen Hut von dem Dach gebracht/ wir auch unser Proviant auffgesackt hatten/ giengen wir zu unserer Bursch/ weil wir im Dorff nichts mehr zu verꝛichten hatten/ als daß wir die entlehnte Laiter sampt dem Sail wieder hätten heim liefern sollen.

Die gantze Partey erquickte sich mit dem jenigen das wir gestolen hatten/ und bekam doch kein einiger den Klucksen darvon/ so gesegnete Leut waren wir! Auch hatten alle über diese meine Farth genugsam zu lachen/ nur dem Studenten wolte es nicht gefallen/ daß ich den Pfaffen bestolen/ der ihm das Münckelspiel so grandig besteckt hatte/ ja er schwur auch hoch und theur/ daß er ihm seinen Speck gern bezahlen wolte/ wenn er die Mittel nur bey der Hand hätte/ und frasse doch nichts desto weniger mit/ als ob ers verdingt hätte. Also lagen wir noch zween [258] Tag an selbigem Ort/ und erwarteten die jenige/ denen wir schon so lang auffgepaßt hatten/ wir verloren keinen einigen Mann im Angriff/ und bekamen doch über dreissig Gefangene/ und so herꝛliche Beuten/ als ich jemals theilen helffen: Jch hatte doppelt Part/ weil ich das beste gethan/ das waren drey schöner Frießländischer Hengst mit KauffmannsWahren beladen/ was sie in Eyl fort tragen möchten/ und wann wir Zeit gehabt/ die Beuten recht zu suchen/ und solche in Salvo zu bringen/ so wäre jeder vor sein Theil reich genug worden/ massen wir mehr stehen lassen/ als wir darvon brachten/ weil wir mit dem was wir fort bringen konten/ sich in schnellster Eyl dumlen musten/ und zwar so retirirten wir uns mehrer Sicherheit halber auff Rehnen/ da wir fütterten/ und die Beuten theilten/ weil unsers Volcks da lag. Daselbst gedachte ich wieder an den Pfaffen/ dem ich den Speck gestolen hatte; der Leser mag dencken/ was ich vor einen verwegenen/ freveln und ehrgeitzigen Kopff hatte/ in dem mirs nicht genug war/ daß ich den frommen Geistlichen bestolen/ und so schröcklich geängstiget/ sondern ich wolte noch Ehr darvon haben; derowegen nam ich einen Sapphier in einen güldenen Ring gefast/ den ich auff selbiger Partey erschnappt hatte/ und schickte ihn von Rehnen auß durch einen gewissen Botten meinem Pfarꝛer/ mit folgendem Briefflein:

WOl-Ehrwürdiger/ ꝛc. Wenn ich dieser Tagen im Wald noch etwas von Speisen zu leben gehabt hätte/ so hätte ich nicht Ursach gehabt/ E. WolEhrw. ihren Speck zu stelen/ worbey Sie vermuthlich sehr erschröckt worden. Jch bezeuge beym Höchsten/ [259] daß Sie solche Angst wider meinen Willen eingenommen/ hoffe derowegen die Vergebung desto ebender: Was aber den Speck selbst anbelangt/ so ists billich/ daß selbiger bezahlt werde/ schicke derohalben an statt der Bezahlung gegenwärtigen Ring/ den die jenige hergeben/ umb welcher willen die Wahr außgenommen werden müssen/ mit Bitt/ E. WolEhrw. belieben damit vor lieb zu nehmen; versichere darneben/ daß dieselbe im übrigen auff alle Begebenheit einen diensifertigen und getreuen Diener hat an dem/ den dero Meßner vor keinen Mahler hält/ welcher sonst genant wird

Der Jäger.

Dem Bauren aber/ welchem sie den Bach-Ofen außgeläert hatten/ schickte die Partey auß gemeiner Beut 16. Reichsthaler/ dann ich hatte sie gelernet/ daß sie solcher gestalt den Landmann auff ihre Seite bringen müssen/ als welche einer Partey offt auß allen Nöthen helffen/ oder hingegen eine andere verrathen/ verkauffen/ und umb die Häls bringen könten. Von Rehnen giengen wir auff Münster/ und von dar auff Ham/ und heim nach Soest in unser Quartier/ allwo ich nach wenig Tagen ein Antwort von dem Pfaffen empfieng/ die also lautet:

EDler Jäger/ ꝛc. Wann der jenige/ dem ihr den Speck gestolen/ hätte gewust/ daß Jhr ihme in teufflischer Gestalt erscheinen würdet/ hätte er sich nicht so offt gewünscht/ den Land-beruffenen Jäger auch zu sehen: Gleich wie aber das geborgte Fleisch und Brod viel zu theuer bezahlt woꝛden/ also ist auch der eingenommene Schrecken desto leichter zu verschmirtzen/ vornemlich weil er von einer so berühm- [260] ten Person wider ihren Willen verursacht worden/ deren hiemit allerdings verziehen wird/ mit Bitt/ dieselbe wolle ein ander mal ohne Scheu zusprechen/ bey dem der sich nicht scheuet/ den Teuffel zu beschwören. Vale.

Also machte ichs aller Orten/ und überkam dardurch einen grossen Ruff/ und je mehr ich außgabe und verspendirte/ je mehr flossen mir Beuten zu/ und bildet ich mir ein/ daß ich diesen Ring/ wiewol er bey 100. Reichstbaler werth war/ gar wol angelegt hätte. Aber hiemit hat dieses Zweyte Buch ein Ende.

ENDE deß II. Buchs.

 




 

[261]

Abentheurlicher Simplicissimus Teutsch: Das Dritte Buch.

[264]

Das Erste Capitel.

DEr günstige Leser wird in vorhergehendem Buch verstanden haben/ wie Ehrgeitzig ich in Soest worden/ und daß ich Ehr/ Ruhm und Gunst in Handlungen suchte und auch gefunden/ die sonst bey andern wären Straffwürdig gewesen: Jetzt will ich erzehlen/ wie ich mich meine Thorheit weiter verleiten lassen/ und dadurch in stetiger Leib- und Lebensgefahr gelebt; Jch war/ wie ich bereits erwehnet hab/ so beflissen Ehr und Ruhm zu erjagen/ daß ich auch nicht darvor schlaffen konte/ und wann ich so Grillen hatte/ und manche Nacht lag/ neue Fünd und List zu ersinnen/ hatte ich wunderliche Einfäll; dahero erfand ich ein Gattung Schuh/ die man das hinderst zu vorderst anziehen konte/ also daß die Absätz unter den Zähen stunden/ deren liesse ich auff meinen Kosten bey dreissig unterschiedliche Paar machen/ und wann ich solche unter meine Bursch außtheilete/ und damit auff Partey gienge/ wars unmüglich uns außzuspüren/ dann wir trugen bald diese/ und bald unsere rechte Schuh an den Füssen/ und hingegen die übrige im Rantzen/ und wann jemand an einen Ort kam/ da ich die Schuh verwechseln lassen/ sahe es nicht anders in der Spur/ als wann zwo Partey allda zusammen kommen/ und miteinander auch wieder verschwunden wären; behielte ich aber meine letzte Schuh an/ so sahe es/ als ob ich erst hingangen wä[r]e/ wo ich schon gewesen/ oder als ob ich von dem [265] Ort herkäme/ dahin ich erst gienge: So waren obne das meine Gäng/ wann es eine Spur batte/ viel verwirꝛter als in einem Jrꝛgarten/ also daß es den jenigen/ die mich vermittelst der Spur hätten außkündigen/ oder sonst nach jagen sollen/ unmüglich gefallen wäre/ mich zu kriegen. Jch war offt allernächst bey denen vom Gegentbeil/ die mich in der Ferne solten suchen/ und noch öffters etliche Meil Wegs von dem jenigen Busch/ den sie jetzt umbstellten und durchstreifften/ mich darinn zu fangen/ und gleich wie ichs machte mit den Parteyen zu Fuß/ also thät ich ihm auch/ wann ich zu Pferd darauß war/ dann das war mir nichts seltzams/ daß ich an Scheid- und Creutzwegen ohnversehens absteigen/ und den Pferden die Eisen das binderst zu vörderst auffschlagen liesse; die gemeine Vörtel aber/ die man brauchet/ wann man schwach auff Partey ist/ und doch vor starck auß der Spur judicirt/ oder wenn man starck ist/ und doch vor schwach gehalten werden will/ waren mir so gemein/ und ich achte sie so gering/ daß ich selbige zu erzeblen/ nicht werth achte. Darneben erdachte ich ein Instrument, mit welchem ich bey Nacht/ wann es Windstill war/ ein Trompet auff drey Stund Wegs von mir blasen/ ein Pferd auff zwo Stund schreyen/ oder Hunde bellen/ und auff eine Stund weit die Menschen reden hören konte/ welche Kunst ich sehr geheim hielte/ und mir damit ein Ansehen machte/ weil es bey jederman ohnmüglich zu seyn schiene/ bey Tag aber war mir besagtes Instrument, (welches ich gemeiniglich neben einem Perspectiv im Hosensack trug) nit so viel nutz/ es wäre dann an einem einsamen stillen Ort gewesen/[266] dann man muste von den Pferden und dem Rindvieh an/ biß auff den geringsten Vogel in der Lufft/ oder Frosch im Wasser alles hören/ was sich in der gantzen Gegend nur regte/ und ein Stimm von sich gab/ welches dann nicht anderst lautet/ als ob man sich (wie mitten auff einem Marck) sich unter viel Menschen und Thieren befände/ deren jedes sich hören läst/ da man vor deß einen Geschrey den andern nicht verstehen kan.

Jch weiß zwar wol/ daß auff diese Stund Leut seyn/ die mir dieses nicht glauben/ aber sie mögen es glauben oder nicht/ so ists doch die Warheit: Jch will einen Menschen bey Nacht/ der nur so laut redet als seine Gewonheit ist/ an der Stimm durch ein solches Instrument erkennen/ er sey gleich so weit von mir/ als ihn einer durch ein gut Perspectiv bey Tag an den Kleidern erkennen mag. Jch kan aber keinen verdencken/ wann er mir nicht glaubt/ was ich jetzund schreibe/ dann es wolte mir keiner glauben von den jenigen/ die mit ihren Augen sahen/ als ich mehrbedeut Instrument gebrauchte/ und ihnen sagte: Jch höre Reuter reuten/ dann die Pferd seyn beschlagen; ich böre Baurn kommen/ dann die Pferd gehen barfuß; ich höre Fuhrleut/ aber es sind nur Baurn/ ich kenne sie an der Sprach; es kommen Mußquetier/ ungefähr so viel/ dann ich höre es am Gekläpper ihrer Bandelier; es ist ein Dorff umb diese oder jene Gegend/ ich höre die Hanen krähen/ Hund bellen/ ꝛc. dort geht eine Herd Vieh/ ich höre Schaf plehcken/ Kühe schreyen/ Schwein kruntzen/ und so fortan: Meine eigene Cameraden hielten anfangs diese Reden vor Auffschneiderey/ und als sie im Werck befanden/ [267] daß ich jederzeit wahr sagte/ muste alles Zauberey/ und mir/ was ich ihnen gesagt/ vom Teuffel und seiner Mutter offenbart worden seyn: Also/ glaub ich/ wird der günstige Leser auch gedencken. Nichts desto weniger bin ich dem Gegentheil hierdurch offtmals wunderlich entronnen/ wann er Nachricht von mir kriegte/ und mich auffzuheben kam; halt auch davor/ wann ich diese Wissenschafft offenbart hätte/ daß sie seither sehr gemein worden wäre/ weil sie denen im Krieg trefflich zu statten käme/ sonderlich in Belägerungen: Jch schreite aber zu meiner Histori.

Wann ich nicht auff Partey dorffte/ so gieng ich sonst auß zu stelen/ und dann waren weder Pferd/ Kühe/ Schwein noch Schaf in den Ställen vor mir sicher/ welche ich auff etlich Meil Wegs bolete; Rindviehe und Pferden wuste ich Stiffel oder Schuh anzulegen/ biß ich sie auff eine gänge Straß brachte/ damit man sie nicht spüren konte/ als dann schlug ich den Pferden die Eisen hinderst zu vörderst auff/ oder wanns Küh und Ochsen warn/ thät ich ihnen Schuh an die ich darzu gemacht hatte/ und brachte sie also in Sicherheit; die grosse fette Schweins. Personen/ die Faulheit halber bey Nacht nicht räisen mögen/ wuste ich auch meisterlich fort zu bringen/ wann sie schon gruntzten/ und nicht dran wolten/ ich machte ihnen mit Meel und Wasser einen wolgesaltzenen Brey/ liesse solchen einen Baderschwamm in sich sauffen/ an welchen ich ein starcken Bindfaden gebunden hatte/ ließ nachgehends die jenige umb welche ich leffelte/ den Schwamm voll Muß fressen/ und behielt die Schnur in der Haud/ worauff sie ohne ferneren Wortwechsel gedultig mit giengen/ und mir die [268] Zech mit Schincken und Würsten bezahlten/ und wann ich so was heim brachte/ theilte ich so wol den Officiern als meinen Cameraden getreulich mit/ dahero dorffte ich ein ander mal wieder hinauß/ und da mein Diebstal verꝛathen oder außgekundschafftet wurde/ halffen sie mir hübsch durch: Jm übrigen dünckte ich mich viel zu gut darzu seyn/ daß ich die Arme bestelen/ oder Hüner fangen/ und andere geringe Sachen hätte mausen sollen. Darbey fieng ich an/ nach und nach mit Fressen und Sauffen ein Epicurisch Leben zu führen/ weil ich meines Einsidlers Lehr vergessen/ und niemand hatte/ der meine Jugend regierte/ oder auff den ich sehen dorffte/ dann meine Officier machten selbst mit/ wann sie bey mir schmarotzten/ und die mich hätten straffen und abmahnen sollen/ reitzten mich vielmehr zu allen Lastern/ darvon wurde ich endlich so gottioß und verꝛucht/ daß mir kein Schelmstück/ solches zu begehen/ zu groß war. Zuletzt wurde ich auch heimlich geneidet/ zumal von meinen Cameraden/ daß ich ein glücklichere Hand zu stelen hatte/ als ein anderer; von meinen Officiern aber/ daß ich mich so doll hielte/ glücklich auff Parteyen handelte/ und mir ein grössern Nahmen und Ansehen machte/ als sie selbst hatten. Jch halte auch gäntzlich darvor/ daß mich ein oder ander Theil zeitlich auffgeopffert hätte/ wenn ich nicht so spendirt hätte.

Das II. Capitel.

ALs ich nun so fort hausete/ und im Werck begriffen war/ mir einige Teuffels-Larven und darzu gehörige schröckliche Kleidungen mit Roß- und [269] Ochsenfüssen machen zu lassen/ vermittelst deren ich die Feind erschrecken/ zumal auch den Freunden als unerkant das Jhrige zu nehmen/ darzu mir dann die Begebenheit mit dem Speck-stehlen Anlaß gabe/ bekam ich Zeitung/ daß ein Kerl sich in Werle auff hielte/ welcher ein trefflicher Parteygänger seye/ sich grün kleiden lassen/ und hin und her auff dem Land/ sonderlich aber bey unsern Contribuenten/ unter meinem Nahmen mit Weiberschänden und Plünderungen allerhand Exorbitantien verübte/ massen dahero greuliche Klagen auff mich einkamen/ dergestalt/ daß ich übel eingebüst hätte/ da ich nicht außtrücklich dargethan/ daß ich in den jenigen Zeiten/ da er ein und ander Stücklein auff mich verꝛichtet/ mich anderswo befunden. Solches gedacht ich ihm nicht zu schencken/ viel weniger zu leiden/ daß er sich länger meines Nahmens bedienen/ unter meiner Gestalt Beuten machen/ und mich dadurch so schänden solte. Jch liesse ihn mit Wissen deß Commandanten in Soest auff einen Degen oder paar Pistoln ins freye Feld zu Gast laden/ nachdem er aber das Hertz nicht hatte zu erscheinen/ ließ ich mich vernehmen/ daß ich mich an ihm revangiren wolte/ und solt es zu Werle in desselbigen Commandanten Schos geschehen/ als der ihn nicht drumb straffte: Ja ich sagte offentlich/ daß/ so ich jhn auff Partey erdappte/ er als ein Feind von mir tractirt werden solte! Das machte/ daß ich meine Larven ligen liesse/ mit denen ich ein grosses anzustellen vor hatte/ sondern auch mein gantz grünes Kleid in kleine Stück zerhackte/ und in Soest vor meinem Quartier offentlich verbrennet/ unangesehen allein meine Kleider/ ohne Federn und Pferdgezeug/[270] über die 100. Ducaten werth ware; ja ich fluchte in solcher Wuth noch drüber hin/ daß der nächste/ der mich mehr einen Jäger nenne/ entweder mich ermorden/ oder von meinen Händen sterben müsse/ und solte es auch meinen Hals kosten! Wolt auch keine Partey mehr führen (so ich ohne das nicht schuldig/ weil ich noch kein Officier war) ich hätte mich dann zuvor an meinem Widerpart zu Werle gerochen. Also hielte ich mich ein/ und thät nichts Soldatisch mehr/ als daß ich meine Wacht versahe/ ich wäre dann absonderlich irgends hin commandirt worden/ welches jedoch alles wie ein anderer Bernheuter/ sehr schläfferig verꝛichtet. Diß erscholl gar bald in der Nachbarschafft/ und wurden die Parteyen vom Gegentheil so kühn und sicher davon/ daß sie schier täglich vor unsern Schlagbäumen lagen/ so ich in die Läng auch nicht ertragen konte. Was mir aber gar zu unleidenlich fiele/ war diß/ daß der Jäger von Werle noch immerzu fort fuhr/ sich vor mich außzugeben/ und zimliche Beuten zu machen.

Jndessen nun/ als jederman vermeynte/ ich hätte mich auff eine Bernhaut schlaffen gelegt/ von deren ich so bald nicht wieder auffstehen würde/ kündigte ich meines Gegentheils von Werle Thun und Lassen auß/ und befand/ daß er mir nicht nur mit dem Nahmen und in den Kleidern nach-äffte/ sondern auch bey Nacht heimlich zu stehlen pflegte/ wann er etwas erhaschen konte/ derhalben erwachte ich wieder ohnversehens/ und machte meinen Anschlag darauff: Mein beyde Knecht hatte ich nach und nach abgericht wie die Wachtelhund/ so waren sie mir auch dermasen getreu/ daß jeder auff den Nothfall für mich durch [271] ein Feur geloffen wäre/ weil sie ihr gut Fressen und Sauffen bey mir batten/ und treffliche Beuten machten: Deren schickte ich einen nach Werle zu meinem Gegentheil/ der wandte vor/ weil ich/ als sein gewesener Herꝛ/ nunmehr anfienge zu leben wie ein ander Coujon, und verschworen hätte/ nimmermehr auff Partey zu geben/ so hätte er nicht mehr bey mir bleiben mögen/ sondern sey kommen ihm zu dienen/ weil er an seines Herꝛn statt ein Jägerkleid angenommen/ und sich wie ein rechtschaffener Sold at gebrauchen lasse; er wisse alle Weg und Steg im Land und könte ihm manchen Anschlag geben/ gute Beuten zu machen/ ꝛc. Mein guter einfältiger Narꝛ glaubte meinem Kuecht/ und ließ sich bereden/ daß er ihn annam/ und auff eine bestimpte Nacht mit seinem Cameraden und ihm auff eine Schäferey gienge/ etliche fette Hämmel zu holen/ da ich und Spring-ins-feld mit meinem andern Knecht schon auffpaßten/ und den Schäfer bestochen hatten/ daß er seine Hund anbinden/ und die Ankömmling in die Scheur unverhindert miniren lassen solte/ so wolte ich ihnen das Hamelfleisch schon gesegnen. Da sie nun ein Loch durch die Wand gemacht hatten/ wolte der Jäger von Werle haben/ mein Knecht solte gleich zum ersten hinein schlieffen; Er aber sagte Nein/ es möchte jemand drinn auffpassen/ und mir eins vorn Kopff geben/ ich sehe wol/ daß ihr nicht recht mausen könt/ man muß zuvor visitiren; zog darauff seinen Degen auß/ und henckte seinen Hut an die Spitz/ stiesse ihn also etlich mal durchs Loch/ und sagte/ so muß man zuvor sehen/ ob Bläsy zu Hauß sey oder nicht? Als solches geschehen/ war der Jäger von Werle selbst[272] der erste so hinein kroch; Aber Spring-ins-feld erwischte ihn gleich beym Arm/ darinn er seinen Degen hatte/ und fragte ihn/ ob er Quartier wolte? Das höret sein Gesell/ und wolt durchgehen/ weil ich aber nicht wuste/ welches der Jäger/ und geschwinder als dieser auff den Füssen war/ eylet ich ihm nach/ und erdappt ihn in wenig Sprüngen; Jch fragte/ was Volcks? Er antwortet/ Käiserisch; Jch fragte/ was Regiments? Jch bin auch Käiserisch/ ein Schelm der sein Herꝛn verleugnet! Jener antwort/ wir seyn von den Dragonern auß Soest/ und kommen ein par Hämel zu holen/ Bruder ich hoffe/ wann ihr auch Käiserisch seyd/ ihr werdet uns passiren lassen: Jch antwortet/ wer seyd ihr denn auß Soest? jener antwort/ mein Camerad im Stall ist der Jäger; Schelmen seyd ihr! sagte ich/ warumb plündert ihr denn euer eigen Quartier? der Jäger von Soest ist so kein Narꝛ/ daß er sich in einem Schafstall fangen läst: Ach von Werle wolt ich sagen/ antwort mir jener wiederumb; und in dem ich so disputirte/ kam mein Knecht und Spring-ins-feld mit meinem Gegentheil auch daher; Sihe da/ du ehrlicher Vogel/ kommen wir hier zusammen? wenn ich die Käiserliche Waffen/ die du wider den Feind zu tragen auffgenommen hast/ nicht respectirte/ so wolt ich dir gleich eine Kugel durch den Kopff jagen! Jch bin der Jäger von Soest bißhero gewesen/ und dich halt ich vor einen Schelmen/ biß du einen von gegenwärtigen Degen zu dir nimmst/ und den andern auff Soldaten Manier mit mir missest! Jn dem legte mein Knecht (der so wol als Spring-ins-feld ein abschenliches Tenffels-Kleid mit grossen Bockshörnern an hatte)[273] uns zween gleiche Degen vor die Füß/ die ich mit auß Soest genommen hatte/ und gab dem Jäger von Werle die Wahl/ einen darvon zu nemmen welchen er wolte; davon der arme Jäger so erschrack/ daß es ihm gienge wie mir zu Hanau/ da ich den Tantz verderbte/ dann er hofierte die Hosen so voll/ daß schier niemand bey ihm bleiben konte/ er und sein Camerad zitterten wie nasse Hund sie fielen nider auff die Knye/ und baten umb Gnad! Aber Spring-ins-feld kollerte wie auß einem holen Hafen herauß/ und sagte zum Jäger: Du must einmalrauffen/ oder ich will dir den Hals brechen! Ach hochgeehrter Herꝛ Teuffel/ ich bin nicht rauffens halber her kommen/ der Herꝛ Teuffel überhebe mich dessen/ so will ich hingegen thun was du wilt; Jn solchen verwirꝛten Reden gab ihm mein Knecht den einen Degen in die Hand/ und mir den andern/ er zitterte aber so sehr/ daß er ihn nicht halten konte: Der Mond schiene sehr hell/ so daß der Schäfer und sein Gesind alles auß ihrer Hütten sehen und hören konten/ Jch ruffte demselben/ herbey zu kommen/ damit ich einen Zeugen dieses Handels hätte/ dieser als er kame/ stellte sich/ als ob er die zween in den Teuffels-Kleidern nicht sehe/ und sagte/ was ich mit diesen Kerlen lang in seiner Schäferey zu zancken/ wenn ich etwas mit ihnen hätte/ solte ichs an einem andern Ort außmachen/ unsere Händel giengen ihn nichts an/ er gebe monatlich sein Konterbission/ hoffte darumb bey seiner Schäferey in Ruhe zu leben. Zu jenen Zweyen aber sagte er/ warumb sie sich nur so von mir geheyen liessen/ und mich nicht nider schlügen? Jch sagte/ du Flegel/ sie haben dir deine Schaf wollen siehlen; Der[274] Baur antwortet/ so wolt ich/ daß sie mich und meine Schaf müsten im Hindern lecken; und gienge damit hinweg. Hierauff drang ich wieder auff das fechten/ mein armer Jäger aber konte schier nicht mehr vor Forcht auff den Füssen stehen/ also daß er mich daurete/ ja er und sein Camerad brachten so bewegliche Wort vor/ daß ich ihm endlich alles verziehe und vergabe: Aber Spring-ins-feld war damit nicht zu frieden/ sondern zwang den Jäger/ daß er 3 Schaf (denn so viel hatten sie stelen wollen) muste im Hindern küssen/ und zerkratzte ihn noch dazu so abscheulich im Gesicht/ daß er außsahe/ als ob er mit den Katzen gefressen hätte/ mit welcher schlechten Rach ich zu frieden war. Aber der Jäger verschwand bald auß Werle/ weil er sich viel zu sehr schämte/ dann sein Camerad sprengte allẽr Orten auß/ und betheurets mit hefftigen Flüchen/ daß ich warhafftig zween leibhafftiger Teuffel hätte/ die mir auff den Dienst warteten/ darumb ich noch mehr geförchtet/ hingegen aber desto weniger geliebt wurde.

Das III. Capitel.

SOlches wurde ich bald gewahr/ derhalben stellte ich mein vorig gottloß Leben allerdings ab/ und beflisse mich allein der Tugend und Frömmigkeit; ich gienge zwar wie zuvor/ wieder auff Partey/ erzeigte mich aber gegen Freunden und Feinden so Leutselig und discret, daß all die jenige/ so mir unter die Händ kamen/ ein anders glaubten/ als sie von mir gehört hatten/ über das hielt ich auch mit den überflüssigen Verschwendungen innen/ und samlete mir viel schöne Ducaten und Cleinodien/ welche ich hin [275] und wieder in der Soestischen Böerde auff dem Land in hole Bäum verbarg/ weil mir solches die bekante Wahrsagerin zu Soest riethe/ und mich versicherte/ daß ich mehr Feind in der selben Statt und unter meinem Regiment/ als ausser halb und in den feindlichen Guarnisonen hätte/ die mir und meinem Geld nachstellten. Und in dem man hin und her Zeitung hatte/ daß der Jäger außgerissen wäre/ sasse ich denen/ die sich damit kützelten/ wieder ohnversehens auff der Hauben/ und ehe ein Ort recht erführ/ daß ich an einem andern Schaden gethan/ empfande dasselbige schon/ daß ich noch vorhanden war; denn ich fuhre herumb wie ein Windsbraut/ war bald hie bald dort/ also daß man mehr von mir zu sagen wuste als zuvor/ da sich noch einer vor mich außgab.

Jch sasse einsmals mit 25. Feur-Röhren nicht weit von Dorsten/ und paßte einer Convoy mit etlichen Fuhrleuten auff/ die nach Dorsten kom̃en solte; Jch hielte meiner Gewonheit nach selbst Schildwacht/ weil wir dem Feind nahe waren; da kam ein einziger Mann daher/ fein ehrbar gekleidet/ der redte mit ihm selbst/ und hatte mit seinem Meer-robr/ das er in Händen trug/ ein seltzam Gefecht; Jch konte nichts anders verstehen/ als daß er sagte: Jch will einmal die Welt straffen/ es wolle mirs dann das grosse Numen nicht zugeben! Worauß ich muthmassete/ es möchte etwan ein mächtiger Fürst seyn/ der so verkleidter Weis herumb gienge/ seiner Underthanen Leben und Sitten zu erkundigen/ und sich nun vorgenommen hätte/ solche (weil er sie vielleicht nicht nach seinem Willen gefunden) gehührend zu strassen: Jch gedachte/ ist dieser Mann vom [276] Feind/ so setzts ein gute Ranzion, wo nicht/ so wiltu ihn so höflich tractiren/ und ihm dardurch das Hertz dermassen abstehlen/ daß es dir künfftig dein Lebtag wol bekommen soll/ sprang derhalben hervor/ præsentirt mein Gewehr mit auffgezogenem Hanen/ und sagte: Der Herꝛ wird ihm belieben lassen/ vor mir hin in Busch zu gehen/ wofern er nicht als Feind tractirt seyn will; Er antwortet sehr ernsthafftig: Solcher Tractation ist meines gleichen nit gewohnt. Jch aber dummelt ihn höflich fort/ und sagte: Der Herꝛ wird ihm nicht zu wider seyn lassen/ sich vor dißmal in die Zeit zu schicken/ und als ich ihn in den Busch zu meinen Leuten gebracht/ und die Schildwachten wieder besetzt hatte/ fragte ich ihn/ wer er seye? Er antwortet gar großmütig/ es würde mir wenig daran gelegen seyn/ wenn ichs schon wüste/ Er sey auch ein Grosser GOtt! Jch gedachte/ er möchte mich vielleicht kennen/ und etwan ein Edelmann von Soest seyn/ und so sagen mich zu hetzen/ weil man die Soester mit dem grossen Gott und seinem güldenen Fürtuch zu vexiren pflegt/ wurde aber bald innen/ daß ich an statt eines Fürsten einen Phantasten gefangen hätte/ der sich überstudirt/ und in der Poëterey gewaltig verstiegen/ denn da er bey mir ein wenig erwarmte/ gab er sich vor den Gott Jupiter auß.

Jch wünschte zwar/ daß ich diesen Fang nicht gethan/ weil ich den Narꝛn aber hatte/ must ich ihn wol behalten/ biß wir von dannen rückten/ und demnach mir die Zeit ohne das zimlich lang wurde/ gedachte ich/ diesen Kerl zu stimmen/ und mir seine Gaben zu nutz zu machen/ sagte derowegen zu ihm: Nun dann [277] mein lieber Jove, wie kompts doch/ daß deine hohe Gottheit ihren himmlischen Thron verläst/ und zu uns auff Erden steigt? vergebe mir/ ô Jupiter, meine Frag/ die du vor fürwitzig halten möchtest/ dann wir seynd den himmlischen Göttern auch verwandt/ und eitel Sylvani, von den Faunis und N[i]mphis geboren/ denen diese Heimlichkeit billich ohnverborgen seyn solle; Jch schwäre dir beym Styx, antwortet Jupiter, daß du hiervon nichts erfahren soltest/ wenn du meinem Mund schencken Ganymede nicht so ähnlich sehest/ und wenn du schon Pans eigener Sohn wärest/ aber von seinet wegen communicire ich dir/ daß ein groß Geschrey über der Welt Laster zu mir durch die Wolcken gedrungen/ darüber in aller Götter Rath beschlossen worden/ ich könte mit Billichkeit/ wie zu Lycaons Zeiten/ den Erdboden wieder mit Wasser außtilgen/ weil ich aber dem menschlichen Geschlecht mit sonderbarer Gunst gewogen bin/ und ohne das allezeit lieber die Güte/ als eine strenge Verfahrung brauche/ vagire ich jetzt herum/ der Menschen Thun und Lassen selbst zu erkündigen/ und obwol ich alles ärger finde/ als mirs vorkom̃en/ so bin ich doch nicht gesinnt/ alle Menschen zugleich und ohne Unterscheid außzurenten/ sondern nur die jenige zu straffen/ die zu straffen sind/ und hernach die übrige nach meinem Willen zu ziehen.

Jch muste zwar lachen/ verbisse es doch so gut als ich konte/ und sagte: Ach Jupiter, deine Mühe und Arbeit wird besorglich allerdings umb sonst seyn/ weñ du nicht wieder/ wie vor diesem/ die Welt mit Wasser/ oder gar mit Feur heimsuchest; dann schickest du einen Krieg/ so lauffen alle böse verwegene Buben [278] mit/ welche die friedliebende fromme Menschen nur quälen werden; schickestu eine Theurung/ so ists ein erwünschte Sach vor die Wucherer/ weil alsdann denselben ihr Korn viel gilt; schickstu aber ein Sterben/ so haben die Geitzhäls und alle übrige Menschen ein gewonnen Spiel/ in dem sie hernach viel erben; wirst derhalben die gantze Welt mit Butzen und Stil außrotten müssen/ wenn du anders straffen wilt.

Das IV. Capitel.

JUpiter antwortet/ du redest von der Sach wie ein natürlicher Mensch/ als ob du nicht wüstest/ daß uns Göttern müglich sey/ etwas anzustellen/ daß nur die Böse gestrafft/ und die Gute erhalten werden; ich will einen Teutschen Helden erwecken/ der soll alles mit der Schärffe deß Schwerds vollenden/ er wird alle verꝛuchte Menschen umbbringen/ und die from̃e erhalten und erhöhen; Jch sagte/ so muß ja ein solcher Held auch Soldaten haben/ und wo man Soldaten braucht/ da ist auch Krieg/ und wo Krieg ist/ da muß der Unschuldig so wol als der Schuldig berhalten! Seyd ihr irdische Götter denn auch gesinnt wie die irdische Menschen/ sagte Jupiter hier auff/ daß ihr so gar nichts verstehen könnet? Jch will einen solchen Helden schicken/ der keiner Soldaten bedarff/ und doch die gantze Welt reformiren soll; in seiner Geburt-Stund will ich ihm verleyhen einen wolgestalten und stärckern Leib/ als Hercules einen hatte/ mit Fürsichtigkeit/ Weisheit und Verstand überflüssig geziert/ hierzu soll ihm Venus geben ein schön Angeficht/ also daß er auch Narcissum, Adonidem, und meinen Ganymedem selbst übertreffen solle/ sie [279] soll ihm zu allen seinen Tugenden ein sonderbare Zierlichkeit/ Auffsehen und Anmütigkeit vorstrecken/ und dahero ihn bey aller Welt beliebt machen/ weil ich sie eben der Ursachen halber in seiner Nativität desto freundlicher anblicken werde; Mercurius aber soll ihn mit unvergleich lich-sinnreicher Vernunfft begaben/ und der unbeständige Mond soll ihm nicht schädlich/ sondern nützlich seyn/ weil er ihm eine unglaubliche Geschwindigkeit einpflantzen wird; die Pallas soll ihn auff dem Parnasso aufferziehen/ und Vulcanus soll ihm in Hora Martis seine Waffen/ sonderlich aber ein Schwerd schmiden/ mit welchem er die gantze Welt bezwingen/ und alle Gottlosen nider machen wird/ ohne fernere Hülff eines einigen Menschen/ der der ihme etwan als ein Soldat beystehen möchte/ er soll keines Beystands bedörffen/ ein jede grosse Statt soll von seiner Gegenwart erzittern/ und ein jede Vestung/ die sonst unüberwindlich ist/ wird er in der ersten Viertelstund in seinem Gehorsam haben/ zuletzt wird er den grösten Potentaten in der Welt befehlen/ und die Regierung über Meer und Erden so löblich anstellen/ daß beydes Götter und Menschen ein Wolgefallen darob haben sollen.

Jch sagte/ wie kan die Nidermachung aller Gottlo sen ohne Blutvergiessen/ und das Commando über die gantze weite Welt ohne sonderbaren grossen Gewalt und starcken Arm beschehen/ und zu wegen gebracht werden? ô Jupiter, ich bekenne dir unverholen/ daß ich diese Ding weniger als ein sterblicher Mensch begreiffen kan! Jupiter antwortet/ das gibt mich nicht Wunder/ weil du nicht weist/ was meines Helden Schwerd vor ein seltene Krafft an sich haben [280] wird/ Vulcanus wirds auß denen Materialien verfertigen/ darauß er mir meine Donnerkeil macht/ und dessen Tugenden dahin richten/ daß mein Held/ wenn er solches entblösset/ und nur einen Streich damit in die Lufft thut/ einer gantzen Armada, wenn sie gleich hinder einem Berg eine gantze SchweitzerMeilwegs weit von ihm stünde/ auff einmal die Köpf herunder hauen kan/ also daß die arme Teuffel ohne Köpff da ligen müssen/ ehe sie einmal wissen wie ihnen geschehen! Wenn er denn nun seinem Lauff den Anfang macht/ und vor eine Statt oder Vestung kompt/ so wird er deß Tamerlani Manier brauchen/ und zum Zeichen/ daß er Friedens halber/ und zu Beförderung aller Wolfahrt vorhanden seye/ ein weisses Fähnlein auffstecken/ kom̃en sie dann zu ihm herauß/ und bequemen sich/ wol gut; wo nicht/ so wird er von Leder ziehen/ und durch Krafft mehrgedachten Schwerds/ allen Zauberern und Zauberinnen/ so in der gantzen Statt seyn/ die Köpff herunder hauen/ und ein rothes Fähnlein auffstecken; wird sich aber dennoch niemand einstellen/ so wird er alle Mörder/ Wucherer/ Dieb/ Schelmen/ Ehebrecher/ Huren und Buben auff die vorige Manier umbbringen/ und ein schwartzes Fähnlein sehen lassen/ wofern aber nicht so bald die jenige/ so noch in der Statt übrig blieben/ zu ihm kommen/ und sich demütig einstellen/ so wird er die gantze Statt und ihre Jnwohner als ein halsstarꝛig und ungehorsam Volck außrotten wollen/ wird aber nur die jenige hinrichten/ die den andern abgewehrt haben/ und ein Ursach gewesen/ daß sich das Volck nicht ehe ergeben. Also wird er von einer Statt zur andern ziehen/ einer jeden Statt ihr[281] Theil Lands umb sie her gelegen/ im Frieden zu regieren übergeben/ und von jeder Statt durch gantz Teutschland zween von den klügsten und gelehrtesten Männern zu sich nemmen/ auß denselben ein Parlament machen/ die Stätt miteinander auff ewig vereinigen/ die Leibeigenschafften sampt allen Zöllen/ Accisen/ Zinsen/ Gülten und Umbgelten durch gantz Teutschland auffheben/ und solche Anstalten machen/ daß man von keinem Fronen/ Wachen/ Contribuiren/ Gelt geben/ Kriegen/ noch einiger Beschwerung beym Volck mehr wissen/ sondern viel seeliger als in den Elysischen Feldern leben wird: Alsdann (sagt Jupiter ferner) werde ich offtmals den gantzen Chorum Deorum nemmen/ und herunder zu den Teutschen steigen/ mich unter ihren Weinstöcken und Feigenbäumen zu ergötzen/ da werde ich den Helicon mitten in ihre Grentzen setzen/ und die Musen von neuem darauff pflantzen/ ich werde Teutschland höher segnen mit allem Uberfluß/ als das glückseelige Arabia, Mesopotamiam, und die Gegend umb Damas[c]o; die Griechische Sprach werde ich als denn verschwören/ und nur Teutsch reden/ und mit einem Wort mich so gut Teutsch erzeigen/ daß ich ihnen auch endlich/ wie vor diesem den Römern/ die Beherꝛschung über die gantze Welt zukommen lassen werde. Jch sagte/ Höchster Jupiter, was werden aber Fürsten und Herꝛn darzu sagen/ wenn sich der künfftige Held unterstehet/ ihnen das Jhrig so unrechtmässiger Weis abzunehmen/ und den Stätten zu unterwerffen? werden sie sich nicht mit Gewalt widersetzen/ oder wenigst vor Göttern und Menschen darwider protestiren? Jupiter antwortet/ hierumb wird[282] sich der Held wenig bekümmern/ er wird alle Grosse in drey Theil unterscheiden/ und die jenige/ so ohnexemplarisch und verꝛucht leben/ gleich den Gemeinen straffen/ weil seinem Schwerd kein irdischer Gewalt widerstehen mag/ denen übrigen aber wird er die Wahl geben/ im Land zu bleiben oder nicht; was bleibt/ und sein Vatterland liebet/ die werden leben müssen wie andere gemeine Leut/ aber das Privat-Leben der Teutschen wird alsdann viel vergnügsamer und glůckseeliger seyn/ als jetzund das Leben und der Stand eines Königs/ und die Teutsche werden alsdenn lauter Fabricii seyn/ welcher mit dem König Pyrrho sein Königreich nicht theilen wolte/ weil er sein Vatterland neben Ehr und Tugend so hoch liebte/ und das seyn die zweyte; die dritte aber/ die JaHerꝛn bleiben/ und immerzu herꝛschen wollen/ wird er durch Ungarn und Jtalia in die Moldau/ Wallachey/ in Macedoniam, Thraciam, Græciam, ja über den Hellespontum in Asiam hinein führen/ ihnen dieselbe Länder gewinnen/ alle Kriegsgurgeln in gantz Teutschland mit geben/ und sie alldort zu lauter Königen machen; Alsdenn wird er Constantinopel in einem Tag einnebmen/ und allen Türcken/ die sich nicht bekehren oder gehorsamen werden/ die Köpff vor den Hindern legen/ daselbst wird er das Römisch Käiserthumb wieder auffrichten/ und sich wieder in Teutschland begeben/ und mit seinen Parlaments. Herꝛen (welche er/ wie ich schon gesagt habe/ auß allen Teutschen Stätten paarweis samblen/ und die Vorsteher und Vätter seines Teutschen Vatterlands neñen wird) eine Statt mitten in Teutschland bauen/ welche viel grösser seyn wird/ als Manoah in America, [283] und Goldreicher als Jerusalem zu Salomons Zeiten gewesen/ deren Wäll sich dem Tyrolischen Gebürg/ und ihre Wassergräben der Breite deß Meers zwischen Hispania und Africa vergleichen soll/ er wird einen Tempel hinein bauen von lauter Diamanten/ Rubinen/ Smaragden und Saphiren; und in der Kunst-Kam̃er die er auffrichten wird/ werden sich alle Raritäten in der gantzen Welt versamblen/ von den reichen Geschencken/ die ihm die Könige in China/ in Persta/ der Grosse Mogor in den Orientalischen Jndien/ der Grosse Tartar Cham/ Priester Johann in Africa, und der Grosse Czar in der Moscau schicken; der Türckische Käiser würde sich noch fleissiger einstellen/ wofern ihm bemeldter Held sein Kaiserthum nicht genommen/ und solches dem Römischen Käiser zu Lehen gegeben bätte.

Jch fragte meinen Jovem, was dann die Christlichen Könige bey der Sach thun würden? er antwortet/ der in Engeland/ Schweden und Dennemarck werden/ weil sie Teutschen Geblüts und Herkom̃ens: der in Hispania/ Franckreich und Portugall aber/ weil die Alte Teutschen selbige Länder hiebevor auch eingenommen und regiert haben/ ihre Kronen/ Königreich und incorporirte Länder/ von der Teutschen Nation auß freyen Stücken zu Lehen empfahen/ und alsdenn wird/ wie zu Augusti Zeiten/ ein ewiger beständiger Fried zwischen allen Völckern in der gantzen Welt seyn.

Das V. Capitel.

SPring-ins-feld/ der uns auch zuhörete/ hätte den Jupiter schier unwillig gemacht/ und den Han- [284] del bey nahe verderbt/ weil er sagte: Und alsdann wirds in Teutschland hergehen wie im Schlauraffenland/ da es lauter Muscateller regnet/ und die Creutzer-Pastetlein über Nacht wie die Pfifferling wachsen! da werde ich mit beyden Backen fressen müssen wie ein Drescher/ und Malvaster sauffen/ daß mir die Augen übergehen. Ja freylich/ antwortet Jupiter, vornemlich wenn ich dir die Plag Erisichtonis anhencken würde/ weil du/ wie mich düncken will/ meine Hodeit verspottest; Zu mir aber sagte er/ ich habe vermeynt/ ich sey bey lauter Sylvanis, so sehe ich aber wol/ daß ich den neidigen Momum oder Zoilum angetroffen habe; Ja man solte solchen Verꝛäthern das was der Himmel beschlossen/ offenbaren/ und so edle Perlen vor die Säu werffen/ ja freylich/ auff den Buckel geschissen vor ein Brust-tuch! Jch gedachte/ diß ist mir wol ein visierlicher und unflätiger Abgott/ weil er neben so bohen Dingen auch mit so weicher Materi umbgehet. Jch sahe wol/ daß er nicht gern hatte/ daß man lachte/ verbiß es derowegen so gut als ich immer konte/ und sagte zu ihm: Allergütigster Jove, du wirst ja eines groben Waldgotts Unbescheidenheit halber deinem andern Ganymede nicht verhalten/ wie es weiter in Teutschland hergehen wird? O Nein/ antwortet er/ aber befehle zuvor diesem Theoni, daß er seine Hipponacis Zunge fürterhin im Zaum halten solle/ ehe ich ihn (wie Mercurius den Battum) in einen Stein verwandele; Du selbst aber gestehe mir/ daß du mein Ganymedes seyest/ und ob dich nicht mein eyfersichtiger Juno in meiner Abwesenheit auß dem himmlischen Reich gejaget habe? Jch versprach ihm alles zu erzehlen/ da ich zuvor [285] gehört haben würde/ was ich zu wissen verlangte: Darauff sagte er/ Lieber Ganymede, (leugne nur nicht mehr/ dann ich sehe wol daß du es bist) es wird alsdenn in Teutschland das Gold-machen so gewiß und so gemein werden/ als das Hafner-Handwerck/ also daß schier ein jeder Roßbub den Lapidem Philosophorum wird umbschleppen! Jch fragte/ wie wird aber Teutschland bey so unterschiedlichen Religionen ein so langwierigen Frieden haben können? werden so unterschiedliche Pfaffen nicht die Jhrige hetzen/ und wegen ihres Glaubens wiederumb einen Krieg anspinnen? O Nein! sagt Jupiter, mein Held wird dieser Sorg weislich vorkommen/ und vor allen Dingen alle Christliche Religionen in der gantzen Welt miteinander vereinigen; Jch sagte/ ô Wunder/ das wäre ein groß Werck! wie müste das zugehen? Jupiter antwortet/ das will ich dir hertzlich gern offenbaren: Nachdem mein Held den Universal-Frieden der gantzen Welt verschafft/ wird er die Geist- und Weltliche Vorsteher und Häupter der Christlichen Völcker und unterschiedlichen Kirchen mit einer sehr beweglichen Sermon anreden/ und ihnen die bißherige hochschädliche Spaltungen in den Glaubens-sachen trefflich zu Gemüth führen/ sie auch durch hochvernünfftige Gründe und unwidertreibliche Argumenta dahin bringen/ daß sie von sich selbst eine allgemeine Vereinigung wünschen/ und ihme das gantze Werck/ seiner hohen Vernunfft nach zu dirigirn/ übergeben werden: Alsdann wird er die aller-geistreichste/ gelehrteste und frömmste Theologi von allen Orten und Enden her/ auß allen Religionen zusammen bringen/ und ihnen einen Ort/ wie vor[286] diesem Ptolomæus Philadelphus den 72. Dolmetschen gethan/ in einer lustigen und doch stillen Gegend/ da man wichtigen Sachen ungehindert nachsinnen kan/ zurichten lassen/ sie daselbst mit Speiß und Tranck/ auch aller anderer Nothwendigkeit versehen/ und ihnen aufflegen/ daß sie so bald immer möglich/ und jedoch mit der aller-reiffsten und fleissigsten Wol-erwegung die Strittigkeiten/ so sich zwischen ihren Religionen enthalten/ erstlich beylegen/ und nachgehends mit rechter Einhelligkeit die rechte/ wahre/ Heilige und Christliche Religion, der H. Schrifft/ der uhralten Tradition, und der probirten H. Vätter Meynung gemäß/ schrifftlich verfassen sollen: Umb dieselbige Zeit wird sich Pluto gewaltig hindern Ohren kratzen/ weil er alsdann die Schmälerung seines Reichs besorgen wird/ ja er wird allerley Fund und List erdencken/ ein Que darein zu machen/ und die Sach/ wo nicht gar zu hindertreiben/ jedoch solche ad infinitum oder indefinitum zu bringen/ sich gewaltig bemühen; er wird sich unterstehen/ einem jeden Theologo sein Interesse, seinen Stand/ sein geruhig Leben/ sein Weib und Kind/ sein Ausehen/ und je so etwas/ das ihm seine Opinion zu behaupten einrathen möchte/ vorzumahlen: Aber mein dapfferer Held wird auch nicht feyren/ er wird/ so lang dieses Concilium währet/ in der gantzen Christenheit alle Glocken läuten/ und damit das Christlich Volck zum Gebet an das höchste Numen ohnablässig anmahnen/ und umb Sendung deß Geistes der Warheit bitten lassen: Wenn er aber mercken würde/ daß sich einer oder ander von Plutone einnemmen läst/ so wird er die gantze Congregation, wie in einem Conclave, [287] mit Hunger quälen/ und wenn sie noch nicht dran wollen/ ein so hohes Werck zu befördern/ so wird er ihnen allen vom Hencken predigen/ oder ihnen sein wunderbarlich Schwerd weisen/ und sie also erstlich mit Güte/ endlich mit Ernst und Bedrohungen dahin bringen/ daß sie ad rem schreiten/ und mit ihren halsstarꝛigen falschen Meynungen/ die Welt nicht mehr wie vor Alters foppen: Nach erlangter Einigkeit wird er ein groß Jubelfest anstellen/ und der gantzen Welt diese geläuterte Religion publiciren/ und welcher alsdann darwider glaubt/ den wird er mit Schwefel und Bech martyrisiren/ oder einen solchen Ketzer mit Buxbaum bestecken/ und dem Plutone zum Neuen Jahr schencken. Jetzt weistu/ lieber Ganymede, alles was du zu wissen begehrt hast/ nun sage mir aber auch/ was die Ursach ist/ daß du den Him̃el verlassen/ in welchem du mir so manchen Trunck Nectar eingeschenckt hast?

Das VI. Capitel.

JCh gedachte bey mir selbst/ der Kerl dörffte vielleicht kein Narꝛ seyn wie er sich stellte/ sondern mirs kochen/ wie ichs zu Hanau gemacht/ umb desto besser von uns durch zu kommen; gedacht ihn derowegen mit dem Zorn zu probiren/ weil man einen Narꝛn am besten bey solchem erkennet/ und sagte/ die Ursach/ daß ich auß dem Himmel kommen/ ist/ daß ich dich selbst darinn manglete/ nam derowegen deß Dædali Flügel/ und flog auff Erden dich zu suchen/ wo ich aber nach dir fragte/ fand ich/ daß man dir aller Orten und Enden ein schlechtes Lob verliehe/ dann Zoilus und Moscus haben dich und alle andere [288] Götter/ in der gantzen weiten Welt vor so verꝛucht/ leichtfertig und stinckend außgeschryen/ daß ihr bey den Menschen allen Credit verloren; du selbst/ sagen sie/ seyest ein Filtzlausiger Ehebrecherischer Hurenhengst/ mit was vor Billichkeit du dann die Welt wegen solcher Laster straffen mögest? Vulcanus sey ein gedultiger Hanrey/ und habe den Ehebruch Martis ohne sonderbare nahmhaffte Rach müssen hingehen lassen/ was der hinckende Gauch dann vor Waffen werde schmiden können? Venus sey selbsten die verhaßte Vettel von der Welt/ wegen ihrer Unkeuschheit/ was sie denn vor Gnad und Gunst einem andern werde mittheilen können? Mars sey ein Mörder und Rauber; Apollo ein unverschämter HurenJäger; Mercurius ein unnützer Planderer/ Dieb und Kuppler/ Priapus ein Unflat/ Hercules ein Hirnschälliger Wüterich/ und in Summa die gantze Schaar der Götter sey so verꝛucht/ daß man sie sonst nirgends hin als in deß Augei Stall logiren solte/ welcher ohne das durch die gantze Welt stinckt. Ach! sagte Jupiter, wäre es ein Wunder/ wenn ich meine Güte beyseit setzte/ und diese heyllose Ehrendieb und Gottsschändende Verleumder mit Donner und Blitz verfolgte? Was dünckt dich mein getreuer und allerliebster Ganymede? Soll ich diese Schwätzer mit ewigem Durst plagen wie den Tantalum? oder soll ich sie neben den muthwilligen Plauderer Daphitas auff dem Berg Therace auffhencken lassen? oder sie mit Anaxarcho in einem Mörsel zerstossen? oder soll ich sie zu Agrigento in Phalaris glühenden Ochsen stecken? Nein/ Nein Ganymede! diese Straffen und Plagen sind alle miteinander viel zu gering; ich will[289] der Pandora Büchse von neuem füllen/ und selbe den Schelmen auff die Köpff außläeren lassen/ die Nemesis soll die Alecto, Megæra und Thesiphone erwecken/ und ihnen über den Hals schicken/ und Hercules soll den Cerberum vom Pluto entlehnen/ und diese böse Buben damit hetzen wie die Wölff/ wenn ich sie dann dergestalt genug gejagt und geplagt haben werde/ so will ich sie erst neben den Hesiodum und Homerum in das höllisch Hauß an ein Säul binden/ und sie durch die Eumenides ohn einige Erbarmung ewiglich abstraffen lassen. Jn dem Jupiter so drohete/ zog er in Gegenwart meiner und der gantzen Partey die Hosen herunder ohn einige Scham/ und stöbert die Flöh darauß/ welche ihn/ wie man an seiner sprencklichten Haut wol sahe/ schröcklich tribulirt hatten: Jch konte mir nicht einbilden/ was es abgeben solte/ biß er sagte: Schert euch fort ihr kleine Schinder/ ich schwöre euch beym Styx, daß ihr in Ewigkeit nicht erhalten solt/ was ihr so sorgfältig sollicitirt! Jch fragte ihn/ was er mit solchen Worten meyne? Er antwortet/ daß das Geschlecht der Flöhe/ als sie vernommen/ daß er auff Erden kommen seye/ ihre Gesandten zu ihm geschickt hätten/ ihne zu complimentiren: Diese hätten ihm darneben angebracht/ ob er zwar ihnen die Hunds-Häut zu bewohnen assignirt/ daß dennoch zu Zeiten wegen etlicher Eigenschafften/ welche die Weiber an sich hätten/ theils auß ihnen sich verirꝛeten/ und den Weibern in die Beltz geriethen; solche verirꝛte arme Tropffen aber würden von den Weibern übel tractirt/ gefangen/ und nicht allein ermordt/ sondern auch zuvor zwischen ihren Fingern so elendiglich gemartert und [290] zerrieben/ daß es einen Stein erbarmen möchte: Ja/ (sagte Jupiter ferner) sie brachten mir die Sach so beweglich und erbärmlich vor/ daß ich Mitleiden mit ihnen haben muste/ und also ihnen Hülff zusagte/ jedoch mit Vorbehalt/ daß ich die Weiber zuvor auch hören möchte; sie aber wandten vor/ wenn den Weibern erlaubt würde/ Widerpart zu halten/ und ihnen zu widersprechen/ so wüsten sie wol/ daß sie mit ihren gifftigen Hunds-zungen entweder meine Frömmigkeit und Güte beteuben/ die Flöd selbsten aber überschreyen/ oder aber durch ihre liebliche Wort und Schönheiten mich bethören/ und zu einem falschen Urtheil verleiten würden; mit fernerer Bitt/ ich wolte sie ihrer underthänigen Treu geniessen lassen/ welche sie mir allezeit erzeigt/ und ferner zu leisten gedächten/ in dem sie allezeit am nächsten darbey gewesen/ und am besten gewust hätten/ was zwischen mir und der Jo, Calisto, Europa, und andern mehr vorgangen/ hätten aber niemal nichts auß der Schul geschwätzt/ noch der Juno, wiewol sie sich auch bey ihr pflegten auffzuhalten/ einiges Wort gesagt/ massen sie sich noch solcher Verschwiegenheit beflissen/ wie dann kein Mensch biß dato (ohnangesehen sie sich gar nahe bey allen Bulschafften finden liesse) von ihnen/ wie Apollo von den Raben/ etwas dergleichen erfahren hätte: Wenn ich aber je zulassen wolte/ daß die Weiber sie in ihrem Bann jagen/ fangen/ und nach Waidmanns Recht metzlen dörfften/ so wäre ihr Bitt/ zu verschaffen/ daß sie hinfort mit einem heroischen Todt hingerichtet/ und entweder mit einer Axt wie Ochsen nidergeschlagen/ oder wie Wildpret gefället würden/ und nicht mehr so[291] schimpfflich zwischen ihren Fingern zerquetschen und radbrechen solten/ wordurch sie ohne das ihre eigene Glieder/ damit sie offt was anders berührten/ zu Henckers-Instrumenten machten/ welches allen ehrlichen Mannsbildern ein Schand wäre! Jch sagte/ ihr Herꝛen müst sie greulich quälen/ weil sie euch so schröcklich tyrannisiren? Ja wol/ gaben sie mir zur Antwort/ sie sind uns sonst so neidig/ und villeicht darumb/ daß sie sorgen/ wir sehen/ hören und empfinden zu viel/ eben als ob sie unserer Verschwiegenheit nicht genugsam versichert wären. Was wolts seyn? können sie uns doch in unserm eigenen Territorio nit leiden/ gestalt manche ihr Schoshündlein mit Bürsten/ Kämmen/ Säiffen/ Laugen und andern Dingen dermassen durchstreifft/ daß wir unser Vatterland nothdringlich quittiren/ und andere Wohnungen suchen müssen/ ohnangesehen sie solche Zeit besser anlegen/ und etwan ihre eigene Kinder von den Läufen säubern könten: Darauff erlaubte ich ihnen/ bey mir einzukehren/ und meinen menschlichen Leib ihre Beywohnung/ Thun und Lassen empfinden zu machen/ damit ich ein Urtheil darnach fassen könte; da fieng das Lumpengesind an/ mich zu geheyen/ daß ich sie/ wie ihr gesehen habt/ wieder abschaffen müssen: Jch will ihnen ein Privilegium auff die Nas hofieren/ daß sie die Weiber verꝛieblen und vertrieblen mögen/ wie sie wollen/ ja wenn ich selbst so ein schlimmen Kunden erdappe/ will ichs ihm nicht besser machen.

Das VII. Capitel.

WJr dorfften nicht rechtschaffen lachen/ beydes weil wir sich still halten musten/ und weils der [292] Phantast nicht gern hatte/ worvon Spring-ins-feld hätte zerspringen mögen. Eben damals zeigte unsere Hohewacht an/ die wir auff einem Baum hatten/ daß er in der Ferne etwas kommen sehe; Jch stieg auch hinauff/ und sahe durch mein Perspectiv, daß es zwar die Fuhrleute seyn müsten/ denen wir auffpaßten/ sie hatten aber niemand zu Fuß/ sondern ohngefähr etlich und dreissig Reuter zur Convoy bey sich/ dahero konte ich mir die Rechnung leicht machen/ daß sie nicht oben durch den Wald/ darin wir lagen/ gehen/ sondern sich im freyen Feld behelffen würden/ da wir ihnen nichts hätten abgewinnen mögen/ wiewol es daselbst einen bösen Weg hatte/ der ungefähr 600. Schritt von uns/ und etwan 300. Schritt vom End deß Walds oder Bergs durch die Ebne voꝛbey gieng. Jch wolte ungern so lang daselbst umbsonst gelegen/ oder nur einen Narꝛn erbeutet haben/ machte derhalben geschwind einen andern Anschlag/ der mir auch angienge.

Von unserer Lägerstatt gienge ein Wasser-runtze in einer Klam̃en hinunder (die bequem zu reuten war) gegen dem Feld warts/ deren Außgang besetzte ich mit 20. Mann/ nam auch selbst meinen Stand bey ihnen/ und ließ den Spring-ins-feld schier an dem Ort/ wo wir zuvor gelegen warn/ sich in seinem Vortheil halten/ befahl auch meiner Bursch/ wenn die Convoy hin komme/ daß jeder seinen Mann gewiß nemmen solte/ sagte auch jedem/ wer Feuer geben/ und welcher seinen Schuß im Rohr zum Vorꝛath behalten solte. Etliche alte Kerl sagten/ was ich gedächte? und ob ich wol vermeynte/ daß die Convoy an diesen Ort kommen würde/ da sie nichts zu thun [293] hätten/ und dahin wol in 100. Jahren kein Bauer kommen seye? Andere aber/ die da glauhten/ ich könne zaubern/ (massen ich damals deßwegen in einem grossen Ruff war) gedachten/ ich würde den Feind in unsere Händ bannen. Aber ich brauchte hierzu keine Teuffels-Kunst/ sondern nur den Spring-ins-feld/ dann als die Convoy/ welche zimlich Trouppen hielte/ recta gegen uns über vorbey passiren wolte/ fieng Spring-ins-feld auß meinem Befelch so schröcklich an zu brüllen wie ein Ochs/ und zu wiehern wie ein Pferd/ daß der gantze Wald einen Widerschall darvon gab/ und einer hoch geschworen hätte/ es wären Roß und Rinder vorhanden: So bald die Convon das hörte/ gedachten sie Beuten zu machen/ und an diesem Ort etwas zu erschnappen/ das doch in derselben gantzen Gegend nicht anzutreffen/ weil das Land zimlich eröset war; sie ritten sämptlich so geschwind und unordentlich in unsern Halt/ als wenn ein jeder der erste hätte seyn wollen/ die beste Schlappe zu holen/ welche es dann so dichte setzt/ daß gleich im ersten Willkomm/ den wir ihnen gaben/ 13. Sättel geläert/ und sonst noch etliche auß ihnen gequetscht wurden; Hierauff lieffe Spring-ins-feld gegen ihnen die Klamme herunder/ und schrye: Jäger/ hieher! darvon die Kerl noch mehr erschreckt/ und so irꝛ wurden/ daß sie weder hindersich/ fürsich/ noch neben auß reuten konten/ absprangen/ und sich zu Fuß darvon machen wolten: Aber ich bekam sie alle sibenzehen/ sampt dem Leutenant der sie commandirt hatte/ gefangen/ und gieng damit auff die Wägen loß/ spannete 24. Pferd auß/ und bekam nur etliche wenige Seidenwahr und Holländisch Tuch/ dann[294] ich dorffte nicht so viel Zeit nehmen/ die Todte zu plündern/ geschweig die Wägen recht zu durch suchen/ weil sich die Fuhrleut zu Pferd bald auß dem Staub gemacht/ als die Action angienge/ durch welche ich zu Dorsten hätte verꝛathen/ und unterwegs wieder auffgehebt werden können Da wir nun auffgepackt hatten/ lieffe Jupiter auch auß dem Wald/ und schrye uns nach/ ob ihn dann Ganymedes verlassen wolte? Jch antwortet ihm ja/ wenn er den Flöhen das begehrte Privilegium nicht mittheilen wolte: Jch wolte lieber (antwortet er wieder) daß sie miteinander im Cocyto legen! Jch muste lachen/ und weil ich ohne das noch läere Pferd hatte/ lieffe ich ihn auffsitzen/ demnach er aber nicht besser reuten konte/ als eine Nuß/ muste ich ihn auffs Pferd binden lassen/ da sagte er/ daß ihn unser Scharmützel an die jenige Schlacht gemahnt hätte/ welche die Lapithæ hiebevor mit den Centhauris bey deß Pirithoj Hochzeit angefangen hätten.

Wie nun alles vorüber war/ und wir mit unsern Gefangenen davon postirten/ als ob uns jemand jagte/ bedachte erst der gefangene Leutenant/ was er vor ein groben Fehler begangen/ daß er nemlichein so schönen Trouppen Reuter dem Feind so ohnvorsichtig in die Händ geführt/ und 13. so brave Kerl auff die Fleischbanck geliefert hätte/ fienge derowegen an zu desperiren/ und kündete mir das Quartier wieder auff/ das ich ihm selbsten gegeben hatte/ ja er wolte mich gleichsam zwingen/ ich solte ihn todt schiessen lassen/ denn er gedachte nicht allein/ daß dieses Uberseben ihm eine grosse Schand seyn/ und unverantwortlich fallen/ sondern auch an seiner künfftigen [295] Beförderung verhinderlich seyn würde/ wofern es anders nicht gar darzu käme/ daß er den Schaden mit seinem Kopff bezahlen müste: Jch aber sprach ihm zu/ und hielte ihm vor/ daß manchem rechtschaffenen Soldaten das unbeständige Glück seine Tück bewiesen/ ich hätte aber darumb noch keinen geseben/ der deßwegen verzagt/ oder gar verzweiffelt seye/ sein Beginnen sey ein Zeichen der Kleinmütigkeit/ dapffere Soldaten aber gedächten/ die empfangne Schäden ein ander mal wieder einzubringen; mich würde er nimmermehr dahin bringen/ daß ich das Cartel verletzte/ oder ein so schandliche That wider alle Billichkeit/ und löblicher Soldaten Gewonheit und Herkommen begienge. Da er nun sahe/ daß ich nicht dran wolte/ fienge er an mich zu schmähen/ in Meynung/ mich zum Zorn zu bewegen/ und sagte: Jch hätte nicht auffrecht und redlich mit ihm gefochten/ sondern wie ein Schelm und Strauch-Mörder gehandelt/ und seinen bey sich gehabten Soldaten das Leben als ein Dieb abgestolen; worüber seine eigene Bursch/ die wir gefangen hatten/ mächtig erschracken/ die meinige aber eben so sehr ergrimmten/ also daß sie ihn wie ein Sieb durchlöchert hätten/ wann ichs nur zugelassen/ massen ich genug abzuwehren bekame. Jch aber bewegte mich nicht einmal über seine Reden/ sondern nam beydes Freund und Feind zum Zeugen dessen was da geschahe/ und liesse ihn Leutenant binden/ und als einen Unsinnigen verwahren; versprach auch/ ihn Leutenant/ so bald wir in unsern Posten kämen/ und es meine Officier zulassen wolten/ mit meinen eigenen Pferden und Gewehr/ worunter er dann die Wahl haben solte/ außzustaffiren/ [296] und ihme offentlich mit Pistolen und Degen zu weisen/ daß Betrug im Krieg wider seinen Gegentheil zu üben/ in Rechten erlaubt seye/ warumb er nicht bey seinen Wägen geblieben/ darauff er bestellt gewesen; oder da er ja hätte sehen wollen/ was im Wald stecke/ warumb er dann zuvor nicht rechtschaffen hätte recognosciren lassen/ welches ihm besser angestanden wäre/ als daß er jetzund so unsinnige Narꝛenpossen anfienge/ daran sich doch niemand kehren würde. Hierüber gaben mir beydes Freund und Feind recht/ und sagten: Sie hätten unter hundert Parteygängern nicht einen angetroffen/ der auff solche Schmähewort nicht nur den Leutenant todt geschossen/ sondern auch alle Gefangene mit der Leich geschickt hätte. Also brachte ich meine Beuten und Gefangene den andern Morgen glücklich in Soest/ und bekam mehr Ehr und Ruhm von dieser Partey/ als zuvor nimmer/ jeder sagte: Diß gibt wieder ein jungen Joh. de Werd! Welches mich trefflich kützelte; aber mit dem Leutenant Kugeln zu wechseln oder zu rauffen/ wolte der Commandant nicht zugeben/ dann er sagte/ ich hätte ihn schon zweymal überwunden. Je mehr sich nun dergestalt mein Lob wieder vermehrte/ je mehr nam der Neid bey denen zu/ die mir ohne das mein Glück nicht gönneten.

Das VIII. Capitel.

MEines Jupiters konte ich nicht loß werden/ dann der Commandant begehrte ihn nicht/ weil nichts an ihm zu ropffen war/ sondern sagte/ er wolte mir ihn schencken; Also bekam ich einen eigenen Narꝛn/ und dorffte keinen kauffen/ wiewol ich das Jahr zu- [297] vor selbst vor einen mich hatte gebrauchen lassen müssen. So wunderlich ist das Glück/ und so veränderlich ist die Zeit! Kurtz zuvor tribulierten mich die Läus/ und jetzt habe ich den Flöhe-Gott in meinem Gewalt; vor einem halben Jahr dienete ich einem schlechten Dragoner vor einen Jungen; nunmehro aber vermochte ich zween Knecht/ die mich Herꝛ hiessen; es war noch kein Jahr vergangen/ daß mir die Buben nachlieffen/ mich zur Hur zu machen/ jetzt wars an dem/ daß die Mägdlein selbst auß Liebe sich gegen mir vernarꝛten: Also wurde ich bey Zeiten gewahr/ daß nichts beständigers in der Welt ist/ als die Unbeständigkeit selbsten. Dahero muste ich sorgen/ wann das Glück einmal seine Mucken gegen mich außlasse/ daß es mir meine jetzige Wolfahrt gewaltig einträncken würde.

Damals zoge der Graf von der Wahl/ als Obrister Gubernator deß Westphälischen Cräises/ auß allen Guarnisonen einige Völcker zusammen/ eine Cavalcada durchs Stifft Münster gegen der Vecht/ Meppen/ Lingen/ und der Orten zu thun/ vornemlich aber zwo Compagnien Hessische Reuter im Stifft Paderborn außzuheben/ welche zwo Meilen von Paderborn lagen/ und den Unferigen daselbsten viel Dampffs anthäten; ich wurde unter unsern Dragonern mit commandirt/ und als sich einige Trouppen zum Ham gesamblet/ giengen wir schnell fort/ und berenneten bemeldter Reuter Quartier/ welches ein schlecht-verwahrtes Stättlein war/ biß die Unserige hernach kamen; Sie unterstunden durch zu gehen/ wir jagten sie aber wieder zurück in ihr Nest/ es wurde jhnen angebotten/ sie ohne Pserd und Gewehr/ [298] jedoch mit dem was der Gürtel beschliesse/ passiren zu lassen; Aber sie wolten sich nicht darzu verstehen/ sondern mit ihren Carbinern wie Mußquetierer wehren: Also kams darzu/ daß ich noch dieselbe Nacht probieren muste/ was ich vor Glück in Stürmen hätte/ weil die Dragoner vorn an giengen/ da gelung es mir so wol/ daß ich sampt dem Spring-ins-feld gleichsam mit den ersten gantz ohnbeschädigt in das Stättlein kam/ wir läerten die Gassen bald/ weil nidergemacht wurde/ was sich im Gewehr befande/ und sich die Burger nicht hatten wehren wollen/ also gieng es mit uns in die Häuser/ Spring-ins-feld sagte: Wir müsten ein Hauß vornehmen/ vor welchem eingrosser Hauffen Mist lege/ dañ in denselben pflegten die reichste Kautzen zu sitzen/ denen man gemeiniglich die Officier einlogirte/ darauff griffen wir ein solches an/ in welchem Spring-ins-feld den Stall/ ich aber das Hauß zu visitiren vor name/ mit dieser Abred/ daß jeder das jenige was er bekame/ mit dem andern parten solte; Also zündet jeder seinen Waxstock an/ ich ruffte nach dem Vatter im Hauß/ kriegte aber kein Antwort/ weil sich jederman versteckt hatte/ geriethe indessen in eine Kammer/ fande aber nichts als ein läer Bett darinnen/ und einen beschlossenen Trog/ den hämmert ich auff/ in Hoffnung etwas kostbares zu finden/ aber da ich den Deckel auffthät/ richtet sich ein kohlschwartzes Ding gegen mir auff/ welches ich vor den Lucifer selbst ansahe: Jch kan schwören/ daß ich mein Lebtag nie so erschrocken bin/ als eben damals/ da ich diesen schwartzen Teuffel so unversehens erblickte; Daß dich bieser und jener erschlag/ sagte ich gleichwol in solchem Schrecken/[299] und zuckte mein Aextlein/ damit ich den Trog auffgemacht/ und hatte doch das Hertz nicht/ ihm solches in Kopff zu hauen; er aber knyete nider/ bud die Händ auff/ und sagte: Min leve Heer/ ick bitte ju doer Gott/ schinckt mi min Levent! Da hörete ich erst/ daß es kein Teuffel war/ weil er von Gott redet/ und umb sein Leben bat; sagte demnach/ er solte sich auß dem Trog geheyen/ das thät er/ und gieng mit mir so nackend/ wie ihn GOtt erschaffen hatte. Jch schnitte ein Stück von meinem Wachs/ und gabs ihm mir zu leuchten/ das thät er gehorsamlich/ und führet mich in ein Stüblein/ da ich den Haußvatter fande/ der sampt seinem Gesind diß lustige Spectacul ansahe/ und mit Zittern umb Gnad bate! Diese erhielte er leicht/ weil wir den Burgern ohne das nichts thun dorfften/ und er mir deß Rittmeisters Bagage, darunter ein zimlich wolgespickt verschlossen Felleisen war/ einhändigte/ mit Bericht/ daß der Rittmeister und seine Leut/ biß auff einen Knecht und gegenwärtigen Mohren/ sich zu wehren auff ihre Posten gangen wären; indessen hatte der Spring-ins feld besagten Knecht auch mit sechs gesattelten schönen Pferden auch im Stall erwischt/ die stellten wir ins Hauß/ verꝛigelten solches/ und liessen den Mohren sich anziehen/ den Wirth aber aufftragen/ was er vor seinen Rittmeister zurichten müssen. Als aber die Thor geöffnet/ die Posten besetzt/ und unser General Feldzeugmeister Herꝛ Graf von der Wahl eingelassen wurde/ nam er sein Logiment in eben demselben Hauß darinn wir uns befanden/ darumb musten wir bey finsterer Nacht wieder ein ander Quartier suchen. Das fanden wir bey [300] unsern Cameraden/ die auch mit Sturm ins Stänlein kommen waren/ bey denselbigen liessen wir uns wol seyn/ und brachten den übrigen Theil der Nacht mit Fressen und Sauffen zu/ nachdem ich und Springins-feld miteinander unsere Beuten getheilt hatten/ ich bekam vor mein Theil den Mohren und die zwey beste Pferd/ darunter ein Spanisches war/ auff welchem ein Soldat sich gegen seinem Gegentheil dorffte sehen lassen/ mit dem ich nachgehends nicht wenig prangte/ auß dem Felleisen aber kriegte ich unterschiedliche köstliche Ring/ und in einer güldenen Cappel mit Rubinen besetzt/ deß Printzen von Uranien Conterfäit/ weil ich dem Spring-ins-feld das übrige alles liesse/ kam also/ wenn ich alles halber hinweg hätte schencken wollen/ mit Pferden und allem über die 200. Ducaten/ vor den Mohren aber/ der mich am allersaursten ankommen war/ wurde mir vom Gen. Feldzeugmeister/ als welchen ich ihm præsentirte/ nicht mehr als zwey Dutzet Thaler verehrt. Von dannen giengen wir schnell an die Embs/ richteten aber wenig auß/ und weil sichs eben traff/ daß wir auch gegen Recklinghausen zukamen/ nam ich Erlaubnus/ mit Spring-ins-feld meinem Pfaffen zuzusprechen/ dem ich hiebevor den Speck gestohlen hatte/ mit demselben machte ich mich lustig/ und erzehlte ihm/ daß mir der Mohr den Schrecken/ den er und seine Köchin neulich empfunden/ wieder eingetränckt hätte/ verehrte ihm auch ein schöne schlagende Hals-Uhr zum freundlichen Valete, so ich auß deß Rittmeisters Felleisen bekommen hatte/ pflegte also aller Orten die jenige zu Freunden zu machen/ so sonsten Ursach geha[b]t hätten/ mich zu hassen.

[301]

Das IX. Capitel.

MEine Hoffart vermehrte sich mit meinem Glück/ darauß endlich nichts anders als mein Fall ersolgen konte; Ungefähr ein halbe Stund von Rehnen campirten wir/ als ich mit meinen besten Cameraden Erlaubnus begehrte/ in dasselbe Stättlein zu gehen/ etwas an unserm Gewehr flicken zu lassen/ so wir auch erhielten. Weil aber unser Meynung war/ sich einmal rechtschaffen miteinander lustig zu machen/ kehrten wir im besten Wirtshauß ein/ und liessen Spilleut kommen/ die uns Wein und Bier hinunder geigen musten: Da giengs in floribus her/ und blieb nichts unterwegen/ was nur dem Geld wehe thun möchte/ ja ich hielte Bursch von andern Regimentern zu Gast/ und stellte mich nicht anders/ als wie ein junger Printz/ der Land und Leut vermag/ und alle Jahr ein groß Geld zu verzehren hat. Dahero wurde uns auch besser/ als einer Gesellschafft Renter/ die gleichfalls dort zehrte/ auffgewartet/ weils jene nicht so doll hergeben liessen/ das verdroß sie/ und fiengen an mit uns zu kippeln: woher kom̃ts/ sagten sie untereinander/ daß diese Stigelhupffer (dann sie hielten uns vor Mußauetterer/ massen kein Thier in der Welt ist/ das einem Mußquetierer gleicher sihet als ein Dragoner/ und wenn ein Dragoner vom Pferd fällt/ so stehet ein Mußquetierer wieder auff) ihre Heller so weisen? Ein anderer antwortet/ jener Säugling ist gewiß ein Stroh-Juncker/ dem seine Mutter etliche Milch-Pfenning geschickt/ die er jetzo seinen Cameraden spendirt/ damit sie ihn künfftig irgendswo auß dem Dreck/ oder etwan durch ein [302] Graben tragen sollen. Mit diesen Worten zieleten sie auff mich/ dann ich wurde vor einen jungen Edelmann bey ihnen angesehen. Solches wurd mir durch die Keller in hinderbracht/ weil ichs aber nicht selbst gehört/ konte ich anders nichts darzu thun/ als daß ich ein groß Bierglas mit Wein einschencken/ und solches auff Gesundheit aller rechtschaffenen Mußquetierer herumb gehen/ auch jedesmal solchen Allarm darzu machen liesse/ daß keiner sein eigen Wort hören konte; das verdroß sie noch mehr/ derowegen sagten sie offentlich: Was Teuffels haben doch die Stigelhüpffer vor ein Leben? Spring-ins-feld antwortet/ was gehts die Stiffelschmierer an? Das gieng ihm hin/ dann er sahe so gräßlich drein/ und machte so grausame und bedrohliche Minen/ daß sich keiner an ihn reiben dorffte. Doch stieß es ihnen wieder auff/ und zwar einen ansehnlichen Kerl/ der sagte: Und wenn sich die Maurenscheisser auch auff ihrem Mist (er vermeynte/ wir lägen da in der Guarnison, weil unsere Kleidungen nicht so Wetterfärbig außsahen/ wie der jenigen Mußquetierer/ die Tag und Nacht im Feld ligen) nicht so breit machen dörfften/ wo wolten sie sich dann sehen lassen? man weiß ja wol/ daß jeder von ihnen in offenen Feldschlachten unser Raub seyn muß/ gleich wie die Daub eines jeden Stoß-Falcken! Jch antwortet ihm: Wir müssen Stätt und Vestungen einnehmen/ und solche werden uns auch zu verwahren vertrauet/ dahingegen ihr Reuter auch vor dem geringsten Ratten-Nest keinen Hund auß dem Ofen locken könnet; warumb wolten wir sich dann in dem/ was mehr unser als euer ist/ nicht dörffen lustig machen? Der Reuter antwortet/[303] wer Meister im Feld ist/ dem folgen die Vestungen/ daß wir aber die Feldschlachten gewinnen müssen/ folget auß dem/ daß ich so drey Kinder/ wie du eins bist/ mit sampt ihren Mußqueten nicht allein nicht förchten/ sondern ein paar darvon auff den Hut siecken/ und den dritten erst fragen wolte/ wo deiner noch mehr wären? und sässe ich nur bey dir/ sagte er gar bönisch/ so wolte ich dem Junckern zu Bestetigung der Warheit ein par Dachteln geben! Jch antwortet ihm/ ob ich zwar vermeyne/ ein so gut par Pistolen zu haben als du/ wiewol ich kein Reuter/ sondern nur ein Zwidder zwischen ihnen und den Mußquetierern bin/ schau! so hat doch ein Kind das Hertz/ mit seiner Mußqueten allein/ einem solchen Praler zu Pferd/ wie du einer bist/ gegen all seinem Gewehr im freyen Feld/ nur zu Fuß zu erscheinen. Ach du Coujon, sagte der Kerl/ ich balte dich vor einen Schelmen/ wenn du nicht wie ein redlicher von Adel alsbald deinen Worten eine Krafft gibst. Hierauff warff ich ihm einen Handschuh zu/ und sagte: Sihe da/ wenn ich diesen im freyen Feld durch meine Mußquete nicht zu Fuß wieder von dir bekomme/ so habe genugsame Macht und Gewalt/ mich vor den jenigen zu halten und außzuschreyen/ wie mich deine Vermessenheit gescholten hat. Hierauff zahlten wir den Wirth/ und der Reuter machte seinen Carbiner und Pistolen/ ich aber meine Mußquete fertig/ und da er mit seinen Cameraden von uns an den bestim̃ten Ort ritte/ sagte er zu meinem Spring-ins-feld: Er solte mir nur allgemach das Grab bestellen; Dieser aber antwortet ihm/ er möchte solches auff ein Vorsorg seinen eigenen Cameraden/ vor ihn selbst zu bestellen/[304] anbefehlen; mir aber verwiese er meine Frechheit/ und sagte unverholen/ Er besorge/ ich werde auß dem letzten Loch pfeiffen. Jch lachte hingegen/ weil ich mich schon vor längst besonnen hatte/ wie ich einem wol-mondirten Reuter begegnen müsse/ wann mich einmal einer zu Fuß mit meiner Mußquete im weiten Feld feindlich angreiffen solte. Da wir nun an den Ort kamen/ wo der Betteltantz angehen solte/ hatte ich meine Mußquet bereits mit zweyen Kuglen geladen/ frisch Zindkraut auffgerührt/ und den Deckel auff der Zindpfannen mit Unschlit verschmiert/ wie vorsichtige Mußquetierer zu thun pflegen/ wenn sie das Zindloch und Pulver auff der Pfannen im Regenwetter vor Wasser verwahren wollen.

Ehe wir nun auffeinander giengen/ bedingten beyderseits Cameraden miteinander/ daß wir uns im freyen Feld angreiffen/ und zu solchem End der eine von Ost/ der ander aber von West/ in ein umbzäuntes Feld eintretten solten/ und alsdann möge ein jeder sein bestes gegen dem andern thun/ wie ein Soldat thun soll/ welcher dergestalt seinen Feind vor Augen kriegt; Es solte sich auch weder vor/ in/ noch nach dem Kampff/ keiner von beyden Parteyen unterstehen/ seinem Cameraden zu helffen/ noch dessen Todt oder Beschädigung zu rächen. Als sie solches einander mit Mund und Hand versprochen hatten/ gaben ich und mein Geguer einander auch die Händ/ und verziehe je einer dem andern seinen Todt: Jn welcher aller-unsinnigsten Thorheit/ welche je ein vernünfftiger Mensch begehen kan/ ein jeder hoffte/ seiner Gattung Soldaten das Præ zu erhalten/ gleichsam als ob deß einen oder andern Theils Ehr und Repu- [305] tation an dem Außgang unseres teufflischen Beginnens gelegen gewest wäre. Da ich nun an meinem destimpten Ende mit doppelt-brennendem Lunden in angeregtes Feld tratte/ und meinen Gegentheil vor Augen sahe/ stellte ich mich/ als ob ich das alte Zindkraut im Gang abschüttete/ ich thäts aber nicht/ sondern rührte Zindpulper nur auff den Deckel meiner Zindpfannen/ bließ ab/ und baßte mit zweyen Fingern auff der Pfann auff/ wie bräuchlich ist/ und ehe ich meinem Gegentheil/ der mich auch wol im Gesicht hielte/ das Weisse in Augen sehen konte/ schlug ich auff ihn an/ und brennte mein falsch Zindkraut auff dem Deckel der Pfannen vergeblich hinweg; mein Gegner vermeynte/ die Mußquet hätte mir versagt/ und das Zündloch wäre mir verstopfft/ sprengte derowegen/ mit einer Pistol in der Hand/ gar zu begierig recta auff mich dar/ in Meynung/ mir meinen Frevel zu bezahlen; Aber ehe er sichs versahe/ hatte ich die Pfann offen/ und wieder angeschlagen/ hiesse ihn auch dergestalt willkomm seyn/ daß Knall und Fall eins war.

Jch retirirte mich hierauff zu meinen Cameraden/ die mich gleichfam küssend empfiengen/ die seinige aber entledigten ihn auß seinem Stegraiff/ und thäten gegen ihm und uns/ wie redliche Kerl/ massen sie mir auch meinen Handschuh mit grossem Lob wieder schickten. Aber da ich meine Ehr am grösten zu seyn schätzte/ kamen 25. Mußquetier auß Rehnen/ welche mich und meine Cameraden gefangen namen: Jch zwar wurde alsbald in Ketten und Band geschlossen/ und der Generalität überschickt/ weil alle Duell bey Leib- und Lebensstraff verbotten waren.

[306]

Das X. Capitel.

DEmnach unser General Feldzeugmeister strenge Kriegs-Disciplin zu halten pflegte/ besorgte ich die Verlierung meines Kopffs; Hingegen hatte ich noch Hoffnung darvon zu kommen/ weil ich bereits in so blühender Jugend jederzeit mich gegen dem Feind wol gehalten/ und einen grossen Ruff und Nahmen der Dapfferkeit erwoꝛben. Doch war solche Hoffnung ungewiß/ weil dergleichen täglichen Händel halber die Notdurfft erfordert/ ein Exempel zu statuiren. Die Unserige hatten eben damals ein vestes Ratten-Nest berennet und aufffordern lassen/ aber ein abschlägige Antwort bekommen/ weil der Feind wuste/ daß wir kein grob Geschütz führten. Derowegen ruckte unser Graf von der Wahl mit dem gantzen Corpo vor besagten Ort/ begehrte durch einen Trompeter abermal die Ubergab/ und drohete zu stürmen/ es erfolgte aber nicht anders/ als dieses nachgesetzte Schreiben:

HOch-Wolgeborner Graf/ ꝛc. Auß E. Gräfl. Excell. an mich abgelassenem habe vernommen/ was Dieselbe im Nahmen der Röm. Käis. Maj. an mich gesinnen: Nun wissen aber Euer Hoch-Gräfl. Excell. Dero hohen Vernunfft nach/ wie übel- anständig/ ja unverantwortlich einem Soldaten fallen würde/ wann er einen solchen Ort/ wie dieser ist/ dem Gegentheil ohne sonderbare Noth einhändigte: Wessentwegen Dieselbe mich dann verhoffentlich nicht verdencken werden/ wann ich mich bekleissige zu verharꝛen/ biß die Waffen Euer Excell. dem Ort zusprechen. Kan aber E. Excell. meine Wenigkeit[307] ausserhalb Herꝛen-Diensten in ichtwas zu gehorsamen die Gelegenhett haben/ so werde ich seyn

E. Excell.

Aller-dienstwilligster Diener
N. N.

Hierauff wurde in unserm Läger unterschiedlich von dem Ort discurirt/ dann solches ligen zu lassen/ war gar nicht rathsam/ zu stürmen ohn eine Presse/ hätte viel Blut gekostet/ und wäre doch noch mißlich gestanden/ ob mans übermeistert hätte oder nicht? hätte man aber erst die Stück und alle Zugehör von Münster oder Ham her holen sollen/ so wäre gar viel Mühe/ Zeit und Unkosten darauff geloffen. Jn dem man nun bey Grossen und Kleinen rathschlagte/ fiel mir ein/ ich solte mir diese Occasion zu nutz machen/ umb mich zu erledigen; Also gebot ich meiner Witz zusammen/ und bedachte mich/ wie man den Feind betrügen möchte/ weils nur an den Stücken mangelte. Und weil mir gleich zufiele/ wie der Sach zu thun seyn möchte/ ließ ich meinen Obrist Leutenant wissen/ daß ich Anschläg hätte/ durch welche der Ort ohne Mühe und Unkosten zu bekommen wäre/ wenn ich nur Perdon erlangen/ und wieder auff freyen Fuß gestellt werden könte. Etliche alte und versuchte Soldaten lachten darüber/ und sagten/ Wer hangt/ der langt; der gut Gesell gedenckt sich loß zu schwätzen! Aber der Obrist Leutenant selbst und andere die mich kanten/ namen meine Reden an wie einen GlaubensArticul: Weßwegen er selbsten zum General Feldzeugmeister gienge/ und demselben mein Vorgeben anbrachte/ mit Erzehlung vieles Dings/ das er von mir zu sagen wuste: Weil dann nun der Graf[308] hiehiebevor auch vom Jäger gehört hatte/ liesse er mich vor ihn bringen/ und so lange meiner Band entledigen; Der Graf hielte eben Tafel/ als ich hin kame/ und mein Obrist Leutenant erzehlte ihm/ als ich verwichenen Frühling mein erste Stund unter S. Jacobs Pforten zu Soest Schildwacht gestanden/ sey unversehens ein starcker Platzregen mit grossem Donner und Sturmwind kommen/ deßwegen sich jederman auß dem Feld und den Gärten in die Statt salvirt/ und weil das Gedräng beydes von lauffenden und reutenden zimlich dick worden/ hätte ich schon damals den Verstand gehabt/ der Wacht ins Gewehr zu ruffen/ weil in solchem Geläuff eine Statt am besten einzunehmen seye; zuletzt (sagte der Obrist Leutenant ferner) kam ein altes Weib gantz tropffnaß daher/ die sagte/ eben als sie beym Jäger vorbey passirte: Ja/ ich hab diß Wetter schou wol 14. Tag in meinem Rucken stecken gehabt! Als der Jäger solches höret/ und eben einen Stecken in Händen hatte/ schlug er sie damit übern Buckel/ und sagte: Du alte Hex/ hastus dann nicht ehe herauß lassen können? hastu eben müssen warten/ biß ich anfahe Schildwacht zu stehen? Da ihm aber sein Officier abwehrte/ antwortet er: Es geschicht ihr recht/ das alte Raben-Aaß hat schon vor vier Wochen gehört/ daß jederman nach einem guten Regen geschryen/ warum hat sie ihn den ehrlichen Leuten nicht ehe gegönnet? so wäre vielleicht Gerst und Hopffen besser gerathen. Worüber der General Feldzeugmeister/ wiewol er sonst ein ernsthaffter Herꝛ war/ trefflich lachte: Jch aber gedachte/ erzehlt der Obrist Leutenant dem Grafen solche Narꝛnpossen/ so hat er ihm gewißlich auch[309] nicht verschwiegen/ was ich sonst angestellt habe. Jch aber wurde vorgelassen.

Als mich nun der Gen. Feldzeugmeister fragte/ was mein Anbringen wäre? Antwortet ich/ Gnädiger Herꝛ/ ꝛc. Ob zwar mein Verbrechen und E. Excell. rechtmässig Gebot und Verbot/ mir beyde das Leben absprechen; So heisset mich jedoch meine aller- und erthänigste Treu (die ich Dero Röm. Käis. Maj. meinem Allergnädigsten Herꝛn biß in Todt zu leisten schuldig bin) ein weg als den andern meines wenigen Orts dem Feind einen Abbruch thun/ und erst-Aller höchstgedachter Röm. Käis. Maj. Nutzen und Kriegswaffen befördern; Der Graf fiele mir in die Red/ und sagte/ hastu mir nicht neulich den Mohren gebracht? Jch antwortet/ Ja Gnädiger Herꝛ; Da sagte er/ Wol/ dein Fleiß und Treu möchte vielleicht meritirn/ dir das Leben zu schencken/ was hastu aber vor ein Anschlag/ den Feind auß gegenwärtigem Ort zu bringen/ ohne sonderbaren Verlust der Zeit und Mannschafft? Jch antwortet/ weil der Ort vor grobem Geschütz nicht bestehen kan/ so hält meine Wenigkeit darvor/ der Feind würde bald accordirn/ wann er nur eigentlich glaubt/ daß wir Stück bey uns haben; Das hätte mir wol ein Narꝛ gesagt/ antwortet der Graf/ wer wird sie aber überꝛeden/ solches zu glauben? Jch antwortet/ ihre eigene Augen; Jch habe ihre hohe Wacht mit einem Perspectiv gesehen/ die kan man betrügen/ wann man nur etliche Plöcher/ den Brunnen-Teichlen gleich/ auff Wägen ladet/ und dieselbe mit einem starcken Gespann in das Feld führet/ so werden sie schon glauben/ es seyen grobe Stück/ vornemlich wann E. Gräfl. Excell. [310] irgendswo im Feld etwas auffwerffen läst/ als ob man Stücke dahin pflantzen wolte; Mein liebes Bürschlein/ antwortet der Graf/ es seyn keine Kinder drinnen/ sie werden diesem Spiegelfechten nicht glauben/ sondern die Stück auch hören wollen/ und wenn der Poß dann nicht angehet/ sagte er zu den umbstehenden Officiern/ so werden wir von aller Welt verspottet! Jch antwortet/ Gnäd. Herꝛ/ ich will schon Stücke in ihren Ohren lassen klingen/ wann man nur ein paar Doppelhacken und ein zimlich groß Faß haben kan/ allein wird ohne den Knall sonst kein Effect varhanden seyn; solte man aber ja wider Verhoffen nur Spott damit erlangen/ so werde ich der Inventor, weil ich ohne das sterben muß/ solchen Spott mit mir dahin nem̃en/ und denselben mit meinem Leben auffheben. Ob nun zwar der Graf nicht daran wolte/ so persuadirte ihn jedoch mein Obrist Leutenant dahin/ dann er sagte/ daß ich in dergleichen Sachen so glückseelig seye/ daß er im wenigsten zweiffele/ daß dieser Poß nicht auch angehen werde. Derowegen befohl ihm der Graf die Sach anzustellen/ wie er vermeynte/ daß sichs thun liesse/ und sagte im Schertz zu ihm: Die Ehr/ so er damit erwürbe/ solte ihm allein zustehen.

Also wurden drey solcher Plöcher zu wegen gebracht/ und vor jedes 24. Pferd gespannt/ wiewol nur zwey genug gewest wären/ diese führten wir gegen Abend dem Feind ins Gesicht/ indessen aber hatte ich auch drey Doppelhacken/ und ein Stück-Faß/ so wir von einem Schloß bekamen/ unterhanden/ und richtete ein und anders zu/ wie ichs haben wolte/ das wurde bey Nacht zu unserer visierlichen Artollerey [311] verschafft; den Doppelhacken gabe ich doppelte Ladung/ und liefse sie durch berührtes Faß (deme der vördere Boden benommen war) loß gehen/ gleich ob es drey Losung-Schüsse hätten seyn sollen/ das donnerte dermassen/ daß jederman Stein und Bein verschworen hätte/ es wären Quartier-Schlangen/ oder halbe Carthaunen gewesen; unser Gen. Feld. Zeugmeister muste der Gauckelfuhr lachen/ und ließ dem Feind abermal einen Accord anbieten/ mit dem Anhang/ wann sie sich nicht noch diesen Abend bequemen würden/ daß es ihnen morgen nicht mehr so gut werden solte: Darauff wurden alsbald beyderseits Geisel geschickt/ der Accord geschlossen/ und uns noch dieselbige Nacht ein Thor der Statt eingegeben. Welches mir trefflich zu gut kame/ dann der Graf schenckte mir nicht allein das Leben/ das ich Krafft seines Verbotts verwürckt hatte/ sondern ließ mich noch selbige Nacht auff freyen Fuß stellen/ und befohl dem Obrist Leutenant in meiner Gegenwart/ daß er mir das erste Fähnlein/ so ledig würde/ geben solte: Welches ihm aber ungelegen war/ dann er hatte der Vettern und Schwäger so viel/ die auffpaßten/ daß ich vor denselben nicht zugelassen werden konte.

Das XI. Capitel.

ES begegnete mir auff demselbigen March nichts merckwürdiges mehr; Da ich aber wieder nach Soest kam/ hatten mir die Lippstättische Hessen meinen Knecht/ den ich bey meiner Bagage im Quartier gelassen/ sampt einem Pferd auff der Waid hinweg gefangen/ von demselben erkündigte der Gegentheil [312] mein Thun und Lassen/ dahero hielten sie mehr von mir als zuvor/ weil sie hiebevor durch das gemeine Geschrey beredt worden/ zu glauben/ daß ich zaubern könte. Er erzehlte ihnen auch/ daß er einer von denen Teuffeln gewesen seye/ die den Jäger von Werle auff der Schäferey so erschröckt hätten; da solches erstbesagter Jäger erfuhr/ schämte er sich so sehr/ daß er abermal das Reiß-auß spielete/ und von Lippstatt zu den Holländern lieffe: Aber es war mein gröstes Glück/ daß mir dieser Knecht gefangen worden/ massen auß der Folge meiner Histori zu vernehmen seyn wird.

Jch fienge an mich etwas reputierlicher zu halten als zuvor/ weil ich so stattliche Hoffnung hatte/ in Bälde ein Fähnlein zu haben; Jch gesellete mich allgemach zu den Officiern und jungen Edelleuten/ die eben auff das jenige spanneten/ was ich in Bälde zu kriegen mir einbildete; Diese waren deßwegen meine ärgste Feinde/ und stellten sich doch gegen mir/ als meine beste Freunde/ so war mir der Obrist Leutenant auch nicht so gar grün/ weil er Befelch hatte/ mich vor seinen Verwandten zu befördern; mein Hauptmann war mir darumb abhold/ weil ich mich an Pferden/ Kleidern und Gewehr viel braver hielte/ als er/ und dem alten Geitzhals nicht mehr wie hiebevor spendirte/ er hätte lieber gesehen/ daß mir neulich der Kopff hinweg geschlagen/ als ein Fähnlein versprochen worden wäre/ denn er gedachte meine schöne Pferd zu erben; so haßte mich mein Leutenant eines einzigen Worts halber/ das ich neulich unbedachtsam lauffen lassen/ das fügte sich also: Wir waren miteinander in letzter Cavalcada com- [313] mandirt/ eine gleichsam verlorne Wacht zu halten/ als nun das Schildwacht halten an mir war/ (welches ligend geschehen muste/ unangesehen es siockfinster Nacht war) kroche er Leutenant auch auf dem Bauch zu mir/ wie ein Schlang/ und sagte: Schildwacht merckstu was? Jch antwortet/ ja Herꝛ Leutenant; Was da? Was da? sagte er: Jch antwortet/ Jch mercke/ daß sich der Herꝛ förchtet. Von dieser Zeit an hatte ich kein Gunst mehr bey ihm/ und wo es am ungeheursten war/ wurde ich zum ersten hin commandirt/ ja er suchte an allen Orten und Enden Gelegenheit und Ursach/ mir/ noch ehe ich Fähnrich würde/ das Wambs außzuklopffen/ weil ich mich gegen ihm nicht wehren dörffte. Nicht weniger feindeten mich auch alle Feldwaibel an/ weil ich ihnen allen vorgezogen wurde. Was aber gemeine Knecht waren/ die fiengen auch an/ in ihrer Liebe und Freundschafft zu wancken/ weil es das Ansehen hatte/ als ob ich sie verachtete/ in deme ich mich nicht sonderlich mehr zu ihnen/ sondern wie obgemeldt/ zu grössern Hansen gesellete/ die mich drumb nicht desto lieber sahen. Das allerärgste war/ daß mir kein einiger Mensch sagte/ wie jederman gegen mir gesinnet/ so konte ichs auch nicht mercken/ weil mir mancher die beste Wort unter Augen gabe/ der mich doch lieber todt gesehen hätte! Jch lebte eben dahin wie ein Blinder/ in aller Sicherheit/ und wurde länger je hoffärtiger/ und wann ich schon wuste/ daß es ein oder andern verdrosse/ so ichs etwan denen von Adel und vornehmen Officiern mit Pracht bevor thät/ so liesse ichs drumb nicht unterwegen; ich scheute mich nicht/ nachdem ich Gefreyter worden/ ein Koller von[314] sechtzig Reichsthalern/ rothe Scharlachne Hosen/ und weisse Anlassene Ermel/ überall mit Gold und Silber verbremt/ zu tragen/ welches damals eine Tracht der höchsten Officier war/ darumb stachs ein jeden in die Augen; ich war aber ein schröcklich junger Narꝛ/ daß ich den Hasen so lauffen liesse/ dann hätte ich mich anders gehalten/ und das Geld/ das ich so unnützlich an den Leib henckte/ an gehörige Ort und End verschmieret/ so hätte ich nicht allein das Fähnlein bald bekommen/ sondern mir auch nicht so viel zu Feinden gemacht. Jch ließ es aber hierbey noch nicht bleiben/ sondern butzte mein bestes Pferd/ das Spring-ins-feld vom Hessischen Rittmeister bekommen hatte/ mit Sattel/ Zeug und Gewehr dergestalt herauß/ daß man mich/ wann ich darauff saß/ gar wol vor einen andern Ritter S. Georgen hätte ansehen mögen. Nichts vexierte mich mehr/ als daß ich mich keinen Edelmann zu seyn wuste/ damit ich meinen Knecht und Jungen auch in meine Liberey hätte kleiden mögen: Jch gedachte/ alle Ding hat seinen Anfang/ wann du ein Wappen hast/ so hast du schon ein eigene Liberey/ und weñ du Fähnrich wirst/ so mustu ja ein Petschier haben/ wenn du schon kein Juncker bist. Jch war nicht lang mit solchen Gedancken schwanger gangen/ als ich mir durch einen Comitem Palatinum ein Wappen geben liesse/ das waren drey rothe Larven in einem weissen Feld/ und auff dem Helm ein Brustbild eines jungen Narꝛn/ in Kälbernem Habit/ mit einem paar Hasen-Ohren/ vornen mit Schellen geziert; denn ich dachte/ diß schicke sich am besten zu meinem Nahmen/ weil ich Simplicius hiesse; so wolte ich mich auch deß Narꝛn[315] gebrauchen/ mich in meinem künfftigen hohen Stand darbey zu erinnern/ was ich zu Hanau vor ein Gesell gewesen/ damit ich nicht gar zu hoffärtig würde/ weil ich mich schon jetzt keine Sau zu seyn bedüncken liesse: Also wurde ich erst rechtschaffen der erste meines Nahmens/ Stam̃ens und Wappens/ und wenn mich jemand damit hätte foppen wollen/ so bätte ich ihm ohne Zweiffel einen Degen oder paar Pistoln anpræsentirt.

Wiewol ich damals noch nichts nach dem Weibervolck fragte/ so gienge ich doch gleichwol mit denen von Adel/ wenn sie irgends Jungfrauen besuchten/ deren es dann viel in der Statt gabe/ mich sehen zu lassen/ und mit meinen schönen Haaren/ Kleidern und Federbüschen zu prangen. Jch muß bekennen/ daß ich meiner Gestalt halber allen andern vorgezogen wurde/ muste aber darneben hören/ daß mich die verwehnte Schleppsäck einem schönen und wolgeschnitzten höltzernen Bild verglichen/ an welchem ausser der Schönheit sonst weder Krafft noch Safft wäre/ dann es war sonst nichts an mir das ihnen gefiele/ so konte ich auch ohne das Lautenschlagen sonst noch nichts machen oder vorbringen/ das ihnen angenehm gewest wäre/ weil ich noch nichts vom Lieben wuste. Als mich aber auch die jenige/ die sich umb das Frauenzimmer umbthun konten/ meiner Holtzböckischen Art und Ungeschickligkeit halber anstachen/ umb sich selbst dardurch beliebter zu machen/ und ihre Wolredenheit zu rühmen: Jch aber hingegen sagte/ daß mirs genug seye/ wenn ich noch zur Zeit meine Freud an einem blancken Degen und einer guten Mußqueten hätte; Nachdem auch das [316] Frauenzimmer diese meine Reden billichte/ verdroß es sie so sehr/ daß sie mir heimlich den Todt schwuren/ ohnangesehen keiner war/ der das Hertz hatte/ mich herauß zu fordern/ oder Ursach zu geben/ daß ich einen von ihnen gefordert hätte/ darzu ein paar Ohrfeigen/ oder sonst zimlich empfindliche Wort/ genug wären gewest/ zu dem ich mich auch zimlich breit machte. Worauß das Frauenzimmer muthmassete/ daß ich ein resoluter Jüngling seyn müste; sagten auch unverholen/ daß bloß meine Gestalt und rühmlicher Sinn/ bey einer Jungfer das Wort besser thun könne/ als alle andere Complimenten/ die Amor je erfunden; welches die Anwesende noch mehr verbitterte.

Das XII. Capitel.

JCh hatte zwey schöne Pferd/ die waren alle meine Freud/ die ich selbiger Zeit in der Welt genosse; alle Tag ritte ich mit denselben auff die Reit-schul/ oder sonst spatzieren/ wann ich sonst nichts zu thun hatte; nicht zwar/ als hätten die Pferd noch etwas bedörfft zu lernen/ sondern ich thäts darumb/ damit die Leut sehen solten/ daß die schöne Creaturen mir zugehörten. Wann ich dann so durch eine Gasse daher prangte/ oder vielmehr das Pferd mit mir dahin tantzte/ und das albere Volck zusahe/ und zu-einander sagte: Sehet/ das ist der Jäger! Ach welch ein schön Pferd! Ach wie ein schöner Federbosch! oder/ Min God/ wat vor en prave Kerl is mi dat! so spitzte ich die Ohren gewaltig/ und liesse mirs so sanfft thun/ als ob mich die Königin Nichaula dem Weisen Salomon in seiner höchsten Majestät sitzend/ [317] verglichen hätte: Aber ich Narꝛ hörete nicht/ was vielleicht damals verständige Leut von mir hielten/ oder meine Mißgönner von mir sagten; diese letztere wünschten mir ohn Zweiffel/ daß ich Hals und Bein brechen solte/ weil sie mirs nicht gleich thun konten; Andere aber gedachten gewißlich/ wann jederman das Seinig hätte/ daß ich nicht so doll daher ziehen würde; Jn Summa/ die Allerklügste müssen mich ohn allen Zweiffel vor einen jungen Lappen gehalten haben/ dessen Hoffart nothwendig nicht lang dauren würde/ weil sie auff einem schlechten Fundament bestünde/ und nur auß ungewissen Beuten unterhalten werden müste. Und wann ich selber die Warheit bekennen soll/ muß ich gestehen/ daß diese letztere nicht unrecht urtheilten/ wiewol ichs damals nicht verstunde/ dann es war nichts anders mit mir/ als daß ich meinem Mann oder Gegentheil das Hemd hätte rechtschaffen heiß machen können/ wenn einer mit mir zu thun hätte bekommen/ also daß ich wol vor einen einfachen guten Soldaten hätte passiren können/ wiewol ich gleichsam noch ein Kind war. Aber diese Ursach macht mich so groß/ daß jetziger Zeit der geringste Roß Bub den aller-dapffersten Helden von der Welt todt schiessen kan/ wäre aber das Pulver noch nit erfunden gewesen/ so hätt ich die Pfeiffe wol im Sack müssen stecken lassen.

Meine Gewonheit war/ wenn ich so herumb terminirte/ daß ich alle Weg und Steg/ alle Gräben/ Moräst/ Büsch/ Bühel und Wasser beritten/ dieselbige mir bekant machte/ und ins Gedächtnis faßte/ damit wanns etwan an ein oder anderm Ort künfftig eine Occasion setzte/ mit dem Feind zu scharmützeln/ [318] ich mir deß Orts Gelegenheit beydes offensivè und defensivè zu nutz machen könte. Zu solchem End ritte ich einsmals ohnweit der Statt bey einem alten Gemäur vorüber/ darauff vor Zeiten ein Hauß gestanden; Jm ersten Anblick gedachte ich/ diß wäre ein gelegener Ort darinn auffzupassen/ oder sich dahin zu retirirn/ sonderlich vor uns Dragoner/ wenn wir von Reutern übermannt und gejagt werden solten: Jch [r]itte in den Hof/ dessen Gemäur zimlich verfallen war/ zu sehen/ ob man sich auch auff den Nothfall zu Pferd dahin salvirn/ und wie man sich zu Fuß darauß wehren könte. Als ich nun zu solchem End alles genau besichtigen/ und bey dem Keller/ dessen Gemäur noch rund umbher auffrecht stunde/ vorüber reuten wolte/ konte ich mein Pferd/ welches sonst im geringsten nichts scheuete/ weder mit Lieb noch Leyd nicht hinbringen/ wo ichs hin wolte/ ich sporte es/ daß michs daurte/ aber es halff nichts! ich stieb ab/ und führt es an der Hand die verfallene Keller-Stegen hinunder/ worvon es doch scheuete/ damit ich mich ein ander mal darnach richten könte; Aber es huffte zurück/ so sehr es immer mochte/ doch brachte ichs endlich mit guten Worten und Streichen hinunder/ und in dem ichs striche/ und ihm liebkoste/ wurde ich gewahr/ daß es vor Angst schwitzte/ und die Augen stets in ein Eck deß Kellers richtete/ dahin es am allerwenigsten wolte/ und ich auch das geringste nicht sahe/ darob der schlimste Kollerer hätte Wetterläunisch werden mögen. Als ich nun so mit Verwunderung da stunde/ und dem Pferd zusahe/ wie es vor Forcht zitterte/ kam mich auch ein solches Grausen an/ daß mir nicht anderst wurde/ als ob[319] man mich bey den Haaren über sich zöge/ und einen Kübel voll kalt Wasser über mich abgösse/ doch konte ich nichts sehen/ aber das Pferd stellte sich viel seltzamer/ also daß ich mir nichts anders einbilden konte/ als ich müste vielleicht mit sampt dem Pferd verzaubert seyn/ und in dem selben Keller mein Ende nemmen; derowegen wolte ich wieder zurück/ aber mein Pferd thät mir nicht folgen/ dahero wurde ich noch ängstiger/ und so verwirꝛt/ daß ich schier nicht wuste was ich thät. Zuletzt nam ich eine Pistol auff den Arm/ und band das Pferd an einen starcken Holderstock (der im Keller auffgewachsen war) der Meynung/ auß dem Keller zu gehen/ und Leut in der Nähe zu suchen/ die meinem Pferd wieder herauff hülffen/ und in dem ich so hiermit umbgehe/ fällt mir ein/ ob nicht vielleicht in diesem alten Gemäur ein Schatz verborgen lege/ dahero es so ungeheur seyn möchte? Jch glaubte meinem Einfall/ und sahe mich genauer umb/ und sonderlich in dem Eck/ dahin mein Pferd so gar nicht wolte/ wurde ich eines Stück Gemäurs gewahr/ ohngefähr so groß als ein gemeiner Kam̃erLaden/ welches dem andern alten Gemäur beydes an der Farb und Arbeit nicht allerdings gleichte/ da ich aber hinzu gehen wolte/ wurde mir abermal wie zuvor/ nemlich als ob mir alle Haar gen Berg stünden/ welches mich in meiner Meynung stärckte/ daß nemlich ein Schatz daselbst verborgen seyn müste.

Zehen/ ja hundert mal lieber hätte ich Kugeln gewechselt/ als mich in solcher Angst befunden. Jch wurde gequält/ und wuste doch nicht von wem/ denn ich sahe oder hörete nichts; ich nam das ander Pistol auch von meinem Pferd/ und wolte damit durch [320] gehen/ und das Pferd siehen lassen/ vermochte aber die Stegen nicht hinauff zu kommen/ weil mich/ wie mich deuchte/ ein starcker Lufft auffhielte; Da lieff mir erst die Katz den Buckel hinauff! Zuletzt fiel mir ein/ ich solte meine Pistoln lösen/ damit die Bauren/ so in der Nähe im Feld arbeiteten/ mir zulieffen/ und mit Rath und That zu Hülff kämen; das thät ich/ weil ich sonst kein Mittel/ Rath noch Hoffnung hatte oder wuste auß diesem ungeheuren Wunder-ort zu kommen/ ich war auch so erzörnt/ oder vielmehr so desperat, (dann ich weiß selber nicht mehr wie mir gewesen ist) daß ich im loßschiessen meine Pistol gerad an den Ort kehret/ allwo ich vermeynte/ daß die Ursach meiner seltzamen Begegnus steckte/ und traff obangeregtes Stück Gemäur mit zweyen Kuglen so hart/ daß es ein Loch gab/ darein man zwo Fäust hätte stecken mögen. Als der Schuß geschehen/ wieherte mein Pferd/ und spitzt die Ohren/ welches mich bertzlich erquickte/ nicht weiß ich/ ist damals das Ungeheur oder Gespenst verschwunden/ oder hat sich das arme Thier über das schiessen erfreut? Einmal/ ich faßte wieder ein frisch Hertz/ und gienge gantz unverbindert und ohn alle Forcht zu dem Loch/ das ich erst durch den Schuß geöffnet hatte/ da fienge ich an die Maur vollends einzubrechen/ und fande von Silber/ Gold und Edelgesteinen einen solchen reichen Schatz/ der mir noch biß auff diese Stund wol bekäme/ wenn ich ihn nur recht zu verwahren und anzulegen gewust hätte: Es waren aber sechs Dutzet Altfränckische silberne Tischbecher/ ein groß gülden Pocal/ etliche Duplet/ vier silberne und ein güldenes Saltzfaß/ ein Altfränckische güldne Kette/ unterschidliche [321] Demant/ Rubin/ Sapbier und Schmaragd/ beydes in Ringen und andern Cleinodien gefast/ item ein gantz Lädlein voll grosser Perlen/ aber alle verdorben oder abgestanden/ und dann in einem versporten ledernen Sack achtzig von den ältsten JoachimsThalern auß feinem Silber/ so dann 893. Goldstücke mit dem Frantzös. Wappen und einem Adler/ welche Müntz niemand kennen wolte/ weil man/ wie sie sagten/ die Schrifft nicht lesen konte. Diese Müntz/ die Ring und Cleinodien steckte ich in meine Hosensäck/ Stiffeln/ Hosen und Pistolhulfftern/ und weil ich keinen Sack bey mir hatte/ sintemal ich nur spatzieren geritten war/ schnitte ich meine Schaberack vom Sattel/ und packte in dieselbige (weil sie gefüttert war/ und mir gar wol vor einen Sack dienen konte) das übrig Silbergeschirꝛ/ henckte die güldene Kette an Hals/ sasse frölich zu Pferd/ und ritte meinem Quartier zu. Wie ich aber auß dem Hof kam/ wurde ich zweyer Bauren gewahr/ welche darvon lauffen wolten/ so bald sie mich sahen/ ich ereylte sie leichtlich/ weil ich sechs Füsse und ein eden Feld hatte/ und fragte sie/ warumb sie hätten wollen außreissen? und warumb sie sich so schröcklich förchteten? Da erzehlten sie mir/ daß sie vermeynt hätten/ ich wäre das Gespenst/ das in gegenwärtigem öden Edelhof wohne/ welches die Leute/ wenn man ihm zu nahe käme/ elendiglich zu tractiren pflege; Und als ich ferner umb dessen Beschaffenheit fragte/ gaben sie mir zur Antwort/ daß auß Forcht deß Ungeheners offt in vielen Jahren kein Mensch an denselben Ort komme/ es sey dann jemand fremder/ der verirꝛe/ und ungefähr dahin gerathe: Die gemeine Sag gienge[322] im Land/ es wäre ein eiserner Trog voller Gelds darinnen/ den ein schwartzer Hund hüte/ zusampt einer verfluchten Jungfrauen/ und wie die alte Sag gienge/ sie auch selbsten von ihren Groß-Eltern gehört hätten/ so solte ein fremder Edelmann/ der weder seinen Vatter noch Mutter kenne/ ins Land kommen/ dieselbe Jungfrau erlösen/ den eisernen Trog mit einem feurigen Schlüssel auffschliessen/ und das verborgen Geld darvon bringen. Dergleichen albere Fabeln erzeblten sie mir noch viel/ weil sie aber gar zu schlecht klingen/ will ich geliebter Kürtze halber abbrechen. Hernach fragte ich sie/ was sie beyde dann da gewolt hätten/ da sie doch ohn das nicht in das Gemäur gehen dörfften? Sie antworteten/ sie hätten einen Schuß sampt einem lauten Schrey gehöret/ da seyen sie zugeloffen/ zu sehen/ was da zu thun seyn möchte? Als ich ihnen aber sagte/ daß ich zwar geschossen hätte/ der Hoffnung/ es würden Leut zu mir ins Gemäur kommen/ weil mir auch zimlich angst worden/ wüste aber von keinem Gefchrey nichts: Da antworteten sie/ man möchte in diesem Schloß lang hören schiessen/ biß jemand hinein laufft auß unserer Nachbarschafft/ dann es ist in Warheit so abentheurlich damit beschaffen/ daß wir dem Junckern nicht glauben würden/ wenn er sagte/ er wäre darinnen gewesen/ dafern wir ihn nicht selbst wieder herauß hätten sehen reuten. Hierauff wolten sie viel Dings von mir wissen/ vornemlich wie es darinn beschaffen wäre/ und ob ich die Jungfrau sampt dem schwartzen Hund auff dem eisernen Trog nicht geseben hätte? Also daß ich ihnen/ wenn ich nur auffschneiden wollen/ seltzame Beeren hätte anbinden [323/332] können/ aber ich sagte ihnen im geringsten nichts/ auch nicht einmal/ daß ich den köstlichen Schatz außgehoben/ sondern ritte meines Wegs in mein Quartier/ und beschaute meinen Fund/ der mich hertzlich erfreute.

Das XIII. Capitel.

DJe jenige/ die wissen was das Geld gilt/ und dahero solches vor ihren GOtt halten/ haben dessen nicht geringe Ursach; dann ist jemand in der Welt/ der dessen Kräfften und bey nahe Göttliche Tugenden erfahren hat/ so bin ichs: Jch weiß/ wie einem zu Muth ist/ der dessen einen zimlichen Vorrath hat/ so hab ich auch nicht nur einmal erfahren/ wie der jenige gesinnet sey/ der keinen einigen Heller vermag. Ja ich dörffte mich vermessen zu erweisen/ daß es alle Tugend- und Würckungen viel kräfftiger hat und vermag/ als alle Edelgestein/ dann es vertreibt alle Melancholey/ wie der Demant; es macht Lust und Beliebung zu den Studiis, wie der Smaragd/ darumb werden gemeiniglich mehr reicher als armer Leut Kinder Studenten; es nimmt hinweg Furchtsamkeit/ macht den Menschen frölich und glückselig wie der Rubin; Es ist dem Schlaff offt binderlich/ wie die Granaten/ bingegen hat es auch eine grosse Krafft/ die Ruhe und den Schlaff zu befördern/ wie der Jacint; es stärcket das Hertz/ und machet den Menschen freudig/ sittsam/ frisch und mild/ wie der Saphir und Amethist; es vertreibet böse Träum/ machet frölich/ schärffet den Verstand/ und so man mit jemand zanckt/ macht es daß man siegt/ wie der Sardus/ vornemlich wenn man alsdann den[324] Richter drav damit schmiert; es lescht auß die gäile und unkeusche Begierden/ sonderlich weil man schöne Weiber umbs Geld kriegen kan. Jn Summa/ es ist nicht außzusprechen/ was das liebe Geld vermag/ wie ich dann hiebevor in meinem Schwartz und Weiß etwas darvon geschrieben/ wenn mans nur recht zu brauchen und anzulegen weiß.

Was das Meinige anbelangt/ das ich damals beydes mit Rauben und Findung dieses Schatzes zu wegen gebracht/ so hatte dasselbe ein seltzame Natur an sich/ denn erstlich machte es mich hoffärtiger/ als ich zuvor war/ so gar/ daß mich auch im Hertzen darinn verdrosse/ daß ich nur Simplicius heissen solte; Es hindert mir den Schlaff/ wie der Amethist/ denn ich lag manche Nacht/ und speculirte/ wie ich solches anlegen/ und noch mehr darzu bekommen möchte. Es machte mich zu einem perfecten Rechenmeister/ dann ich überschlug/ was mein ungemüntztes Silber und Gold werth seyn möchte/ summirte solches zu dem jenigen/ das ich hin und wieder verborgen/ und noch bey mir im Seckel hatte/ und befand ohne die Edelgestein ein nahmhafftes Facit! Es gab mir auch seine eigene angeborne Schalckheit und böse Natur zu versuchen/ in dem es mir das Sprüchwort (wo viel ist/ begehrt man im̃er mehr) rechtschaffen außlegte/ und mich so geitzig machte/ daß mir jederman hätte feind werden mögen. Jch bekam von ihm wol närꝛische Anschläg/ und seltzame Grillen ins Hirn/ und folgte doch keinem einigen Einfall/ den ich kriegte: Einmal kam mirs in Sinn/ ich solte den Krieg quittirn/ mich irgends hin setzen/ und mit einem schmutzigen Maul zum Fenster nauß sehen; [325] Aber geschwind reute michs wieder/ vornemlich da ich bedachte/ was vor ein freyes Leben ich führte/ und was vor Hoffnung ich hatte/ ein grosser Hans zu werden; da gedachte ich dann/ Huy Simplici, lasse dich Adeln/ und werbe dem Käiser ein eigene Compagni Dragoner auß deinem Seckel/ so bistu schon ein außgemachter junger Herꝛ/ der mit der Zeit noch hoch steigen kan. So bald ich aber zu Gemüt füdrte/ daß meine Hoheit durch ein einzig unglücklich Treffen fallen/ oder sonst durch einen Friedenschluß sampt dem Krieg in Bälde ein End nemmen könte; ließ ich mir diesen Anschlag auch nicht mehr belieben. Alsdenn fienge ich an/ mir mein vollkommen männlich Alter zu wünschen/ dann wann ich solches hätte/ sagte ich zu mir selber/ so nehmestu ein schöne junge reiche Frau/ alsdenn kaufftestu irgends einen Adelichen Sitz/ und führtest ein geruhiges Leben; Jch wolte mich auff die Viehzucht legen/ und mein ehrlich Außkommen reichlich haben können/ da ich aber wuste/ daß ich noch viel zu jung hierzu war/ muste ich diesen Anschlag auch fahren lassen. Solcher und dergleichen Einfäll hatte ich viel/ biß ich endlich resolvirte/ meine beste Sachen irgend hin in einer wolverwahrten Statt einem begüterten Mann in Verwahrung zu geben/ und zu verharꝛen/ was das Glück ferner mit mir machen würde. Damals hatte ich meinen Jupiter noch bey mir/ dann ich konte seiner nicht loß werden/ derselbe redte zu Zeiten sehr subtil/ und thät etliche Wochen gar klug seyn/ hatte mich auch über alle massen lieb/ weil ich ihm viel Guts thäte/ und demnach er mich immer in tieffen Gedancken gehen sahe/ sagte er zu mir: Liebster Sohn/ schencket[326] euer Schindgeld/ Gold und Silber weg; ich sagte/ warumb mein lieber Jove? darumb/ antwortet er/ damit ihr euch Freunde dardurch machet/ und eurer unnützen Sorgen loß werdet: Jch sagte/ daß ich lieber gern mehr hätte: Darauff sagte er/ so sehet/ wo ihr mehr bekompt/ aber auff solche Weis werdet ihr euch euer Lebtag weder Rube noch Freunde schaffen/ last die alte Schabhäls geitzig seyn/ ihr aber haltet euch/ wie es einem jungen braven Kerl zustehet/ ihr solt noch viel eher Mangel an guten Freunden/ als Geld erfahren; Jch dachte der Sach nach/ und befande zwar/ daß Jupiter wol von der Sach redte/ der Geitz aber hatte mich schon dergestalt eingenommen/ daß ich gar nit gedachte etwas hinzuschencken/ doch verehrte ich zuletzt dem Commandanten ein paar silberne und überguldte Duplet/ meinem Hauptmann aber ein paar silberne Saltzfässer/ darmit ich aber nichts anders außrichtete/ als daß ich ihnen nur das Maul auch nach dem übrigen wässerig machte/ weil es rare Antiquitäten waren; meinem getreusten Cameraden Spring-ins-feld schenckte ich 12. Reichsthaler/ der riethe mir dargegen/ ich solte mein Reichthum von mir thun/ oder gewärtig seyn/ daß ich dardurch in Unglück käme/ dann die Officier sehen nicht gern/ daß ein gemeiner Soldat mehr Geld hätte als sie; So hätte er auch wol ehemals gesehen/ daß ein Camerad den andern umbs Gelds halber heimlich ermordet; bißher hätte ich wol heimlich halten können/ was ich an Beuten erschnappt/ dann jederman glaubte/ ich hätte alles wieder an Kleider/ Pferd und Gewehr gehenckt/ nunmehr aber würde ich niemand kein Ding mehr verklaiben/ oder weiß machen können/ [327] daß ich kein übrig Geld hätte/ dann jeder machte den gefundenen Schatz jetzt grösser/ als er an sich selbst seye/ und ich ohne das nicht mehr wie hiebevor spendire/ er müsse offt hören/ was unter der Bursch vor ein Gemurmel gehe/ solte er an meiner statt seyn/ so liesse er den Krieg Krieg seyn/ setzte sich irgend bin in Sicherheit/ und ließ den lieben GOtt walten: Jch antwortet/ Hör Bruder/ wie kan ich die Hoffnung/ die ich zu einem Fähnlein habe/ so leichtlich in Wind schlagen? Ja ja/ sagte Spring-ins-feld/ bol mich dieser und jener/ wenn du ein Fähnlein bekommst/ die andere so auch darauff hoffen/ solten dir ehe tausendmal den Hals brechen helffen/ wenn sie sehen/ daß eins ledig/ und du bekommen soltest/ lerne mich nur keine Karpffen kennen/ dann mein Vatter ist ein Fischer gewest: Halt mirs zu gut Bruder/ deñ ich länger zugesehen habe/ wie es im Krieg hergehet/ als du; sihesin nicht/ wie mancher Feldwaibel bey seinem kurtzen Gewehr grau wird/ der vor vielen eine Compagni zu haben meritirte/ vermeynestu/ sie seyen nicht auch Kerl/ die etwas haben hoffen dörffen? zu dem so gedühret ihnen von Rechts wegen mehr als dir solche Beförderung/ wie du selber erkennest. Jch muste schweigen/ weil Spring-ins-feld auß einem Teutschen auffrichtigen Hertzen mir die Warheit so getreulich sagte/ und nicht heuchelte/ jedoch bisse ich die Zähn heimlich übereinander/ dann ich bildete mir damals trefflich viel ein.

Doch erwog ich diese und meines Jupiters Reden sehr fleissig/ und bedachte/ daß ich keinen einigen angebornen Freund hätte/ der sich meiner in Nöthen annehmen/ oder meinen Todt/ er geschehe heimlich [328] oder öffentlich/ rächen würde; Auch konte ich mir leicht einbilden/ wie die Sach an sich selbsten war/ dennoch aber liesse weder mein Ehr-noch Geldgeitz zu/ viel weniger die Hoffnung groß zu werden/ den Krieg zu quittirn/ und mir Ruhe zu schaffen/ sondern ich verbliebe bey meinem ersten Vorsatz/ und indem sich eben eine Gelegenheit auff Cöln præsentirte/ (in dem ich neben 100. Dragonern etliche Kauffleut und Güter-Wägen von Münster dorthin convojrn helffen muste) packte ich meinen gefundenen Schatz zusammen/ name ihn mit/ und gab ihn einem von den vornehmsten Kauffleuten daselbst/ gegen Außhändigung einer specificierten Handschrifft auffzuheben/ das waren 74. Marck ungemüntzt fein Silber/ 15. Marck Gold/ 80. Joachimsthaler/ und in einem verpetschierten Kästlein unterschiedliche Ringe und Cleinodien/ so mit Gold und Edelgesteinen achthalb Pfund in allem gewogen/ sampt 893. antiquische gemüntzte Goldstück/ deren jedes anderthalbe Goldgülden schwer war. Meinen Jupiter bracht ich auch dahin/ weil ers begehrte/ und in Cöln ansehenliche Verwandten hatte/ gegen denselben rühmte er die Gutthaten/ die er von mir empfangen/ und machte/ daß sie mir viel Ehr erwiesen. Mir aber riethe er noch allezeit/ ich solte mein Geld besser anlegen/ und mir Freunde darvor kauffen/ die mich mehr als das Gold in der Küsten nutzen würden.

Das XIV. Capitel.

AUff dem Zuruck-Weg machte ich mir allerhand Gedancken/ wie ich mich ins künfftig halten wolte/ damit ich doch jedermans Gunst erlangen möchte/ [329] dann Spring-ins-feld hatte mir einen unruhigen Floh ins Ohr gesetzt/ und mich zu glauben persuadirt/ als ob mich jederman neidete/ wie es deñ in der Warbeit auch nicht anders war. So erinnerte ich mich auch dessen/ was mir die berühmte Wahrsagerin zu Soest ehemals gesagt/ und belude mich deßhalber mit noch grössern Sorgen. Mit diesen Gedancken schärffte ich meinen Verstand trefflich/ und nam gewahr/ daß ein Mensch/ der ohne Sorgen dahin lebt/ fast wie ein Vieh seye. Jch sonne auß/ welcher Ursach halber mich ein oder ander hassen möchte/ und erwoge/ wie ich einem jeden begegnen müste/ darmit ich dessen Gunst wieder erlangte/ verwundert mich darneben zum höchsten/ daß die Kerl so falsch seyn/ und mir lauter gute Wort geben solten/ da sie mich nicht liebten! Derowegen gedachte ich mich anzustellen/ wie die andere/ und zu reden was jedem gefiel/ auch jedem mit Ehrerbietung zu begegnen/ ob mirs schon nicht umbs Hertz wäre; vornemlich aber merckte ich klar/ daß meine eigene Hoffart mich mit den meisten Feinden beladen hatte/ deßwegen hielte ich vor nötig/ mich wieder demütig zu stellen/ ob ichs schon nicht sey/ mit den gemeinen Kerlen wieder unden und oben zu ligen/ vor den höhern aber den Hut in Händen zu tragen/ und mich deß Kleider-Prachts in etwas abzuthun/ biß sich etwan mein Stand änderte. Jch hatte mir von dem Kauffherꝛn in Cöln 100. Thaler geben lassen/ solche sampt Interesse wieder zu erlegen/ wenn er mir meinen Schatz außhändigte/ dieselbe gedachte ich unterwegs der Convoy halb zu verspendirn/ weil ich nunmehr erkennete/ daß der Geitz keine Freunde macht. Solcher gestalt war ich resolvirt/ mich zu[330] ändern/ und noch auff diesem Weg den Anfang zu machen: Jch machte aber die Zech ohn den Wirth. Denn da wir durch das Bergische Land passirn wolten/ paßten uns an einem sehr vorthelhafften Ort 80. Feur-röhr und 50. Reuter auff/ eben als ich selb fünfft mit einem Corporal geschickt wurde voran zu reuten/ und die Straß zu partirn: Der Feind hielte sich still/ als wir in ihren Halt kamen/ liesse uns auch passirn/ damit wenn sie uns angegriffen hätten/ die Convoy nicht gewarnet würde/ biß sie auch zu ihnen in die Enge käme; Schickte uns aber einen Cornet mit acht Reutern nach/ die uns im Gesicht behielten/ biß die Jhrige unser Convoy selbst angriffen/ und wir umbkehrten/ uns auch zun Wägen zu thun; Da giengen sie auff uns loß/ und fragten/ ob wir Quartier wolten? Jch vor meine Person war wol beritten/ denn ich hatte mein bestes Pferd unter mir/ ich wolte aber gleichwol nicht außreissen/ schwang mich herumb auff eine kleine Ebne/ zu sehen/ ob da Ehr einzulegen seyn möchte. Jndessen hörte ich stracks an der Salve, welche die Unserigen empfiengen/ was die Glock geschlagen/ trachtete derowegen nach der Flucht/ aber der Cornet hatte alles vorbedacht/ und uns den Paß schon abgeschnitten/ und in deme ich durch zu hauen bedacht war/ botte er mir/ weil er mich vor einen Officier ansahe/ nochmals Quartier an; Jch gedachte/ das Leben eigentlich darvon zu bringen/ ist besser als ein ungewisse Hazart, sagte derowegen: Ob er mir Quartier halten wolte/ als ein redlicher Soldat? Er antwortet/ ja rechtschaffen! Also præsentirte ich ihm meinen Degen/ und gab mich dergestalt gefangen; Er fragte mich gleich/ was ich[331] vor einer seye/ dann er sehe mich vor einen Edelmañ/ und also auch vor einen Offiicier an? Da ich ihm aber antwortet/ ich würde der Jäger von Soest genant/ antwortet er: So hat er gut Glück/ daß er uns vor 4. Wochen nicht in die Händ gerathen/ dann zu selbiger Zeit hätte ich ihm kein Quartier geben noch halten dörffen/ dieweil man ihn damal bey uns vor einen offentlichen Zauberer gehalten hat.

Dieser Cornet war ein dapfferer junger Cavallier, und nicht über zwey Jahr älter als ich/ er erfreute sich trefflich/ daß er die Ehr hatte/ den berühmten Jäger gefangen zu haben/ deßwegen hielte er auch das versprochen Quartier sehr ehrlich und auff Holländisch/ deren Gebrauch ist/ ihren gefangenen Spanischen Feinden von dem jenigen/ was der Gürtel beschleust/ nichts zu nemmen; ja er liesse mich nicht einmal visitiren/ ich aber war selbst der Bescheidenheit/ das Geld auß meinen Schubsäcken zu thun/ und ihnen solches zuzustellen/ da es an ein partens gienge; sagte auch dem Cornet heimlich/ Er solte seben/ däß ihm mein Pferd/ Sattel und Zeug zu theil würde/ dann er im Sattel 30. Ducaten finden würde/ und das Pferd ohne das seines gleichen schwerlich hätte. Von deßwegen wurde mir der Cornet so hold/ als ob ich sein leiblicher Bruder wäre/ er sasse auch gleich auff mein Pferd/ und ließ mich auff dem seinigen reuten/ von der Convoy aber blieben nicht mehr als 6. todt/ und 13. wurden gefangen/ darunter 8. beschädigt/ die übrige giengen durch/ und hatten das Hertz nicht/ dem Feind im freyen Feld die Beut wieder abzujagen/ das sie fein hätten thun können/ weil sie alle zu Pferd waren.

[332]

Nachdem die Beuten und Gefangene getheilet worden/ giengen die Schweden und Hessen (denn sie waren auß unterschiedlichen Guarnisonen) noch selbigen Abend voneinander/ mich und den Corporal/ sampt noch dreyen Dragonern/ behielt der Cornet/ weil er uns gefangen bekommen/ dahero wurden wir in eine Vestung geführt/ die nicht gar 2. Meilen von unserer Guarnison lag. Und weil ich hiebevor demselben Ort viel Dampffs angethan/ war mein Nahm daselbst wol bekant/ ich selber aber mehr geförcht als geliebt: Da wir die Statt vor Augen hatten/ schickte der Cornet einen Reuter voran/ seine Ankunfft dem Commandanten zu verkünden/ auch anzuzeigen/ wie es abgeloffen/ und wer die Gefangene seyen; darvon es ein Geläuffin der Statt geb/ daß nit außzusagen/ weil jeder den Jäger gern sehen wolte; Da sagte einer diß/ der ander jenes von mir/ und war nicht anders anzusehen/ als ob ein grosser Potentat seinen Einzug gebalten hätte.

Wir Gefangene wurden strack zum Commandanten geführt/ welcher sich sehr über meine Jugend verwundert; Er fragte mich/ ob ich nie auff Schwedischer Seiten gedient hätte/ und was ich vor ein Landsmann wäre? Als ich ihme nun die Warheit sagte/ wolte er wissen/ ob ich nicht Lust hätte/ wieder auff ihrer Seiten zu bleiben? Jch antwortet ihm/ daß es mir sonst gleich gülte/ allein weil ich dem Römischen Käiser einen Ayd geschworen hätte/ so dünckte mich/ es gebühre mir solchen zu halten. Darauff befohl er uns zum Gewaltiger zu führen/ und erlaubte doch dem Cornet auff sein Anhalten/ uns zu gastirn/ weil ich hiebevor meine Gefangene (darunter sein[333] Bruder sich befunden) auch solcher gestalt tractirt hätte. Da nun der Abend kam/ fanden sich unterschiedliche Officier, so wol Soldaten von Fortun als geborne Cavallier, beym Cornet ein/ der mich und den Corporal auch holen liesse; da wurde ich/ die Warheit zu bekennen/ von ihnen überauß höflich tractirt: Jch machte mich so lustig/ als ob ich nichts verloren gehabt/ und liesse mich so vertreulich und offenhertzig vernehmen/ als ob ich bey keinem Feind gefangen/ sondern bey meinen allerbesten Freunden wäre/ darbey beflisse ich mich der Bescheidenheit/ so viel mir immer müglich war/ denn ich konte mir leicht einbilden/ daß dem Commandanten mein Verhalten wieder notificirt würde/ so auch geschehen/ massen ich nachmals erfahren.

Den andern Tag wurden wir Gefangene/ und zwar einer nach dem andern vor deu Regim. Schultzen geführt/ welcher uns examinirte; der Corporal war der erste/ und ich der ander. So bald ich in den Saal trat/ verwundert er sich auch über meine Jugend/ und sagte/ mir solche vorzurucken: Mein Kind/ was hat dir der Schwed gethan/ daß du wider ihn kriegest? Das verdroß mich/ vornemlich da ich eben so junge Soldaten bey ihnen gesehen/ als ich war/ antwortet derhalben: Die Schwedische Krieger haben mir meine Schnellkugeln oder Klicker genom̃en/ die wolte ich gern wieder holen; Da ich ihn nun dergestalt bezahlte/ schämten sich seine beysitzende Officier, massen einer anfieng auff Latein zu sagen: Er solte von ernstlichen Sachen mit mir reden/ er hörte wol/ daß er kein Kind vor sich hätte. Da merckte ich/ daß er Eusebius hiesse/ weil ihn derselbige Officier so [334] nennte; Darauff fragte er mich umb meinen Nabmen/ und nachdem ich ihm denselben genennet/ sagte er: Es ist kein Teuffel in der Höll/ der Simplicissimus heisset: Da antwortet ich/ so ist auch vermuthlich keiner in der Höll/ der Eusebius heist! Bezahlte ihn also wie unsern Musterschreiber Cyriacum, so aber von den Officiern nicht am besten auffgenom̃en wurde/ massen sie mir sagten/ ich solte mich erinnern/ daß ich ihr Gefangener seye/ und nicht schertzens halber ber geholt worden wäre. Jch wurde dieses Verweises wegen drumb nicht roth/ bate auch nicht umb Verzeyhung/ sondern antwortete: Weil sie mich vor einen Soldaten gefangen hielten/ und nicht vor ein Kind wieder lauffen lassen würden/ so hätte ich mich versehen/ daß man mich auch nicht als ein Kind gefoppt hätte/ wie man mich gefragt/ so hätte ich geantwortet/ hoffte auch/ ich würde nicht unrecht daran gethan haben. Darauff fragten sie mich umd mein Vatterland/ Herkommen und Geburt/ und vornemlich/ ob ich nit auch auff Schwedischer Seiten gedient hätte? item/ wie es in Soest beschaffen? wie starck selbige Guarnison sey/ und was deß Dings mehr ist/ ꝛc. Jch antwortet auff alles behend/ kurtz und gut/ und zwar wegen Soest und selbiger Guarnison, so viel als ich zu verantworten getraute/ konte aber wol verschweigen/ daß ich das Narꝛn-Handwerck getrieben/ weil ich mich dessen schämte.

Das XV. Capitel.

JNdessen erfuhr man zu Soest/ wie es mit der Convoy abgeloffen/ und daß ich mit dem Corporal und andern mehr gefangen/ auch wo wir[335] hingeführt worden/ derhalben kam gleich den andern Tag ein Trommelschlager/ uns abzuholen/ dem wurde der Corporal und die drey andere gefolgt/ und ein Schreiben mitgegeben folgenden Jnhalts/ das mir der Commandant zu lesen überschickte:

MOnsieur, &c. Durch Wiederbringern diesen Tambour ist mir dessen Schreiben eingehändigt worden/ schicke darauff hiermit gegen empfangener Rantzion den Corporal/ sampt den übrigen dreyen Gefangenen; Was aber Simplicium den Jäger anbelangt/ kan selbiger/ weil er hiebevor auff dieser Seiten gedient/ nicht wieder hinüber gelassen werden. Kan ich aber dem Herꝛn im übrigen ausserhalb Herꝛn-Pflichten in etwas bedient seyn/ so hat derselbe an mir einen willigen Diener/ als der ich so weit bin und verbleibe

Deß Herꝛn

Dienst-bereitwilliger
N. de S. A.

Dieses Schreiben gefiel mir nicht halb/ und muste mich doch vor die Communication bedancken. Jch begehrte mit dem Commandanten zu reden/ bekam aber die Antwort/ daß er schon selbst nach mir schicken würde/ wenn er zuvor den Trommelschlager abgefertigt hätte/ so morgen früh geschehen solte/ biß dahin ich mich zu gedulden.

Da ich nun die bestimmte Zeit überwartet hatte/ schickte der Commandant nach mir/ als es eben Essens-Zeit war/ da widerfuhr mir das erste mal die Ehr/ zu ihm an seine Tafel zu sitzen/ so lang man asse/ liesse er mir mit dem Trunck zusprechen/ und gedachte weder klein noch grosses von dem jenigen/ was er mit [336] mir vor hatte/ und mir wolte es auch nicht anstehen/ etwas davon anzufangen. Demnach man aber abgesessen/ und ich einen zimlichen Dum̃el hatte/ sagte er: Lieber Jäger/ ihr habt auß meinem Schreiben verstanden/ unter was vor einem Prætext ich euch hier behalte; und zwar/ so hab ich gar kein unrechtmässige Sach/ oder etwas vor/ das wider Raison oder Krtegsgebrauch wäre/ dann ihr habt mir und dem Regim. Schultheiß selbst gestanden/ daß ihr hiebevor auff unserer Seiten bey der Haupt-Armee gedienet/ werdet euch derhalben resolviren müssen/ unter meinem Regiment Dienst anzunehmen/ so will ich euch mit der Zeit/ und wenn ihr euch wol verhaltet/ dergestalt accommodiren/ dergleichen ihr bey den Käiserl. nimmer hättet hoffen dörffen: Widerigen falls werdet ihr mich nicht verdencken/ wenn ich euch wiederum dem jenigen Obrist Leutenaut überschicke/ welchem euch die Dragoner hiebevor abgefangen haben. Jch antwortet/ Hochgeehrter Herꝛ Obrist/ (denn damals war noch nicht der Brauch/ daß man Soldaten von Fortun Jhr Gnaden titulirte/ ob sie gleich Obriste waren) ich hoffe/ weil ich der Kron Schweden/ noch deren Confœderirten/ viel weniger dem Obrist Leutenant niemalen mit Ayd verpflichtet/ sondern nur ein Pferd-Jung gewesen/ daß dannenher ich nicht verbunden sey/ Schwedische Dienste anzunehmen/ und dardurch den Ayd zu brechen/ den ich dem Röm. Käiser geschworen/ derowegen meinen Hochg. Herꝛn Obristen allergehorsamst bittend/ Er beliebe mich dieser Zumuthung zu überheben: Was/ sagt der Obriste/ verachtet ihr dann die Schwedische Dienste? Jhr müst wissen/ daß ihr mein Gefangener[337] seyd/ und ehe ich euch wieder nach Soest lasse/ dem Gegentheil zu dienen/ ehe will ich euch einen andern Proceß weisen/ oder im Gefängnus verderben lassen/ darnach wisse ich mich zu richten. Jch erschrack zwar über diese Wort/ gab mich aber drumb noch nicht/ sondern antwortete: GOtt wolle mich vor solcher Verachtung so wol als vorm Meineyd behüten; im übrigen stünde ich in underthäniger Hoffnung/ der Herꝛ Obriste würde mich seiner weitberühmten Discretion nach/ wie einen Soldaten tractirn: Ja/ sagte er/ ich wüste wol wie ich euch tractiren könte/ da ich der Strenge nach procediren wolte/ aber bedenckt euch besser/ damit ich nicht Ursachen ergreiffe/ euch etwas anders zu weisen. Darauff wurde ich wieder ins Stockhauß geführt.

Jederman kan unschwer erachten/ daß ich dieselbe Nacht nicht viel geschlaffen/ sondern allerhand Gedancken gehabt habe; den Morgen aber kamen etlich Officier mit dem Cornet/ so mich gefangen bekommen/ zu mir/ unterm Schein/ mir die Zeit zu kürtzen/ in Warheit aber mir weiß zu machen/ als ob der Obriste gesinnt wäre/ mir als einem Zauberer den Proceß machen zu lassen/ da ich mich nicht anders bequemen würde. Wolten mich also erschrecken/ und sehen was hinder mir steckte/ weil ich mich aber meines guten Gewissens tröstete/ nam ich alles gar kaltsinnig an/ und redete nicht viel/ merckte darbey/ daß es dem Obristen umb nichts anders zu thun war/ als daß er mich ungern in Soest sahe/ so konte er sich auch leicht einbilden/ daß ich selbigen Ort/ wann er mich ledig liesse/ wol nicht verlassen würde/ weil ich meine Beförderung dort hoffte/ und noch 2. schöne [338] Pferd/ und sonst köstliche Sachen allda hatte. Den folgenden Tag liesse er mich wieder zu sich kommen/ und fragte/ ob ich mich auff ein und anders resolvirt hätte? Jch antwortet/ diß/ Herꝛ Obrister/ ist mein Entschluß/ daß ich ehe sterben/ als meineydig werden will! Wenn aber mein Hochg. Herꝛ Obrist mich auff freyen Fuß zu stellen/ und mit keinen Kriegsdiensten zu belegen belieben wird/ so will ich dem Herꝛn Obristen mit Hertz/ Mund und Haud versprechen/ in 6. Monaten keine Waffen wider die Schwed- und Hessische zu tragen oder zu gebrauchen. Solches ließ ihm der Obrist stracks gefallen/ botte mir darauff die Hand/ und schenckte mir zugleich die Rantzion/ defohl auch dem Secretatio, daß er deßwegen einen Revers in duplo auffsetzte/ den wir beyde unterschrieben/ darinn er mir Schutz/ Schirm/ und alle Freyheit/ so lang ich in der ihme anvertrauten Vestung verbliebe/ versprach: Jch hingegen reversirte mich über obige 2 Puncten/ daß ich/ so lang ich mich in derselben Vestung auffbalten würde/ nichts nachtheiliges wider dieselbige Guarnison und ihren Commandanten practiciren/ noch etwas das ihr zu Nachtheil und Schaden vorgenommen würde/ verhelen/ sondern vielmehr deren Nutzen und Frommen fördern/ und ihren Schaden nach Müglichkeit wenden/ ja wenn der Ort feindlich attaquirt würde/ denselben defend ren helffen solte und wolte.

Hier auff behielte er mich wieder bey dem MittagJmbiß/ und thät mir mehr Chr an/ als ich von den Käiserl. mein Lebtag hätte hoffen dörffen/ dardurch gewan er mich dergestalt nach und nach/ daß ich nit wieder nach Soest gangen wäre/ wenn er mich schon [339] dahin lassen/ und meines Versprechens ledig zehlen wollen.

Das XVI. Capitel.

WAnn ein Ding seyn soll/ so schickt sich alles darzu/ ich vermeynte/ das Glück hätte mich zur Ehe genommen/ oder wenigst sich so eng zu mir verbunden/ daß mir die aller-widerwertigste Begegnussen zum besten gedeyen müsten/ da ich über deß Commandanten Tafel sasse/ und vernam/ daß mein Knecht mit meinen zwey schönen Pferden von Soest zu mir kommen wäre; Jch wuste aber nicht (wie ichs hernach im Außkehren befand) daß das tückische Glück der Syrenen Art an sich bat/ die dem jenigen am übelsten wollen/ denen sie sich am geneigtesten erzeigen/ und einen der Ursach halber desto höher hebt/ damit es ihn bernach desto tieffer stürtze.

Dieser Kuecht (den ich hiebevor von den Schweden gefangen bekom̃en hatte) war mir über alle massen getreu/ weil ich ihm viel guts thät/ dahero sattelt er alle Tag meine Pferd/ und ritte dem Trommelschlager/ der mich abholen solte/ ein gut stück Wegs von Soest auß entgegen/ so lang er auß war/ damit ich nicht allein nicht so weit gehen/ sondern auch nit nackend oder zerlumpt (dann er vermeynte/ ich wäre außgezogen worden) in Soest kommen dörffte. Also begegnet er dem Trom̃elschlager und seinen Gefangenen/ und hatte mein bestes Kleid auffgepackt. Da er mich aber nicht sahe/ sondern vernam/ daß ich bey dem Gegentheil Dienst anzunehmen auffgehalten werde/ gab er den Pferden die Sporn/ und sagte: Adjeu Tambour und ihr Corporal, wo mein Herꝛ ist/ [340] da will ich auch seyn; gieng also durch/ und kam zu mir/ eben als mich der Commandant ledig gesprochen hatte/ und mir grosse Ehr anthät. Er verschaffte darauff meine Pferd in ein Wirthshauß/ biß ich mir selbsten ein Logiment nach meinem Willen bestellen möchte/ und priese mich glückseelig wegen meines Knechts Treu/ verwundert sich auch/ daß ich als ein gemeiner Dragoner/ und noch so junger Kerl/ so schöne Pferd vermögen/ und so wol mondirt seyn solte/ lobte auch das eine Pferd/ als ich Valet nam/ und in besagtes Wirthshauß gieng/ so trefflich/ daß ich gleich merckte/ daß er mirs gern abgekaufft hätte/ weil er mirs aber auß Discretion nicht feil machte/ sagte ich/ wenn ich die Ehr begehren dörffte/ daß ers von meinet wegen behalten wolte/ so stünde es zu seinen Diensten; Er schlugs aber anzunehmen rund ab/ mehr darumb/ dieweil ich ein zimlichen Rausch hatte/ und er die Nachred nicht haben wolte/ daß er einem Trunckenen etwas abgeschwätzt/ so ihn vielleicht nüchtern reuen möchte/ also daß er deß edlen Pferds gern gemangelt.

Dieselbige Nacht bedachte ich/ wie ich künfftig mein Leben anstellen wolte: Entschloß mich derohalben/ die 6. Monat über zu verbleiben wo ich wäre/ und also den Winter/ der nunmehr vor der Thür war/ in Ruhe dahin zu bringen/ worzu ich dann Gelds genug wuste hinauß zu langen/ wañ ich meinen Schatz zu Cöln schon nicht angriffe: Jn solcher Zeit/ gedachte ich/ wächst du vollends auß/ und erlangst deine völlige Stärcke/ und kanst dich darnach auff den künfftigen Frühling wieder desto dapfferer unter die Käiserl. Armee ins Feld begeben.

[341]

Deß morgens frühe anatomirt ich meinen Sattel/ welcher weit besser gespickt war/ als der jenige/ den der Cornet von mir bekommen/ nach gehends ließ ich mein bestes Pferd vor deß Obristen Quartier bringen/ und sagte zu ihm: Demnach ich mich resolvirt/ die 6. Monat/ in welchen ich nicht kriegen dörffte/ unter deß Herꝛn Obristen Schutz allhier ruhig zuzubringen/ als seyen mir meine Pferd nichts nutz/ umb welche es schad wäre/ wenn sie verderben solten/ bitte Jhn derowegen/ er wolte belieben/ gegenwärtigem Soldaten-Klepper einen Platz unter den seinigen zu gönnen/ und solches von mir als ein Zeichen danckbarer Erkantnus vor empfangene Gnaden unschwer annehmen: Der Obriste bedanckte sich mit grosser Höfligkeit und sehr courtoisen Offerten/ schickte mir auch denselben Nachmittag seinen Hofmeister mit einem gemästen lebendigen Ochsen/ 2. fetten Schweinen/ 1. Tonne Wein/ 4. Tonnen Bier/ 12. Fuder Brennholtz/ welches alles er mir vor mein neu Losament/ das ich eben auff ein halb Jahr bestellt hatte/ bringen/ und sagen liesse: Weil er sehe/ daß ich bey ihm hausen wolte/ und sich leicht einbilden könte/ daß es im Anfang mit Victualien schlecht bestellt seye/ so schicke er mir zur Haußsteur neben einem Trunck/ ein stück Fleisch mit sampt dem Holtz/ solches dabey kochen zu lassen/ mit fernerm Anhang/ dafern er mir in etwas beholffen seyn könte/ daß ers nicht unterlassen wolte: Jch bedanckte mich so höflich als ich konte/ verehrte dem Hofmeister zwo Ducaten/ und bat ihn/ mich senem Herꝛn bestens zu recommendiren.

Da ich sahe/ daß ich meiner Freygebigkeit halber bey dem Obristen so hoch geehrt wurde/ gedachte ich [342] mir auch bey dem gemeinen Mann ein gutes Lob zu machen/ damit man mich vor keinen kahlen Bernheuter hielte; liesse derowegen in Gegenwart meines Haußwirths meinen Knecht vor mich kommen/ zu demselben sagte ich: Lieber Niclas/ du hast mir mehr Treu erwiesen/ als ein Herꝛ seinem Knecht zumuthen darff/ nun aber da ichs umb dich nicht zu verschulden weiß/ weil ich dieser Zeit keinen Herꝛn/ und also auch keinen Krieg habe/ daß ich etwas erobern könte/ dich zu belohnen/ wie mirs wol anstünde; zumal auch wegen meines stillen Lebens/ das ich hinfoꝛt zu führen gedencke/ keinen Knecht mehr zu halten bedacht/ als gebe ich dir hiemit vor deinen Lohn das ander Pferd/ sampt Sattel/ Zeug und Pistolen/ mit Bitt/ du wollest damit vor lieb nehmen/ und dir vor dißmal einen andern Herꝛn suchen/ kan ich dir ins künfftig in etwas bedient seyn/ so magstu jederzeit mich drumb ersuchen. Hierauff küßte er mir die Händ/ und konte vor weynen schier nicht reden/ wolte auch durchauß das Pferd nicht nem̃en/ sondern hielte vor desser/ ich solte es versildern/ und zu meinem Unterhalt gebrauchen/ zuletzt überꝛedt ich ihn doch/ daß ers annam/ nachdem ich ihm versprochen/ ihn wieder in Dienst zu nehmen/ so bald ich jemand brauchte. Uber diesem Abscheid wurde mein Hauß-Vatter so mitleidig/ daß ihm auch die Augen übergiengen/ und gleich wie mich mein Knecht bey der Soldatesca, also erhub mich mein Haußvatter bey der Burgerschafft/ wegen dieser That mit grossem Lob über alle schwangere Baurn; der Commandant hielte mich vor einen so resoluten Kerl/ daß er auch getraute Schlösser auff meine Paroln zu bauen/ weil ich meinen Ayd/[343] dem Käiser geschworen/ nicht allein treulich/ sondern auch das jenig daß ich mich gegen ihm verschrieben/ desto steiffer zu halten/ mich selbst meiner herꝛlichen Pferd/ Gewehr und deß getreuen Knechts entblöste.

Das XVII. Capitel.

JCh glaude/ es sey kein Mensch in der Welt/ der nicht einen Hasen im Busem habe/ dann wir s[ind] ja alle einerley Gemächts/ und kan ich bey meinen Pirn wol mercken/ wenn andere zeitig seyn. Huy Geck/ möchte mir einer antworten/ Wann du ein Narꝛ bist/ meynst du darumb/ andere seyens auch? Nein/ das sag ich nicht/ denn es wäre zu viel geredt; Aber diß halte ich darvor/ daß einer den Narꝛn besser verbirgt als der ander: Es ist einer drum kein Narꝛ/ wenn er schon närꝛische Einfäll hat/ dann wir haben in der Jugend gemeiniglich alle dergleichen/ welcher aber solche herauß läst/ wird vor einen gehalten/ weil theils ihn gar nicht/ andere aber nur halb sehen lassen: Welche ihren gar unterdrücken/ seyn rechte Saurtöpff; die aber den Jhrigen nach Gelegenheit der Zeit bißweilen ein wenig mit den Ohren herfür gucken/ und Athem schöpffen lassen/ damit er nicht gar bey ihuen ersticke/ dieselbige halte ich vor die beste und verständigste Leut. Jch liesse den meinen nur zu weit herauß/ da ich mich in einem so freyen Stand sahe/ und noch Geld wuste/ massen ich einen Jungen anname/ den ich als einen Edel-Bage kleidete/ und zwar in die närꝛischte Farben/ nemlich Veyelbraun und gelb außgemacht/ so meine Liberey seyn muste/ weil mirs so gefiel; derselbe muste mir auffwarten/ als wenn ichein Freyherꝛ/ und kurtz zuvor kein[344] Dragoner/ oder vor einem halben Jahr ein armer RoßBub gewesen wäre.

Diß war die erste Thorheit/ so ich in dieser Statt begieng/ welche/ ob sie gleich zimlich groß war/ wurde sie doch vo[n] [nie]mand gemerckt/ viel weniger geta delt: Aber was machts? die Welt ist der so voll/ daß sie keiner mehr acht/ noch selbige verlacht/ oder [sich] drüber verwundert/ weil sie deren gewohnt ist; So hatte ich auch den Ruff eines klugen und guten Soldaten/ und nicht eines Narꝛn/ der die KinderSchuh noch trägt. Jch dingte mich und meinen Jungen meinem Haußvatter in die Kost/ und gab ihm an Bezahlung auff Abschlag/ was mir der Commandant wegen meines Pferds an Fleisch und Holtz verehrt hatte/ zum Getränck aber muste mein Jung den Schlüssel haben/ weil ich denen die mich besuchten/ gerne darvon mittheilte/ dann sintemal ich weder Burger noch Soldat war/ und also keinen meines gleichen hatte/ der mir Gesellschafft leisten mögen/ hielt ich mich zu beyden Theilen/ und bekam dahero täglich Cameraden genug/ die ich ungetränckt nicht bey mir liesse. Zum Organisten allda machte ich auß den Burgern die beste Kundschafft/ weil ich die Music liebte/ und (ohne Ruhm zu melden) ein trefflich gute Stimm hatte/ die ich bey mir nicht verschimlen lassen wolte; dieser lernte mich/ wie ich componirn solte/ item auff dem Jnstrument besser schlagen/ sowol als auch auff der Harpffen/ so war ich ohne das auff der Lauten ein Meister/ schaffte mir dahero eine eigene/ und hatte schier täglich meinen Spaß damit: Wenn ich dann satt war zu musiciren/ ließ ich den Kürschner kommen/ der mich im Paradeis in allen[345] Gewehren unterwiesen/ mit demselben exercirte ich mich/ umb noch perfecter zu werden. So erlangte ich auch beym Commandanten/ daß mich einer von seinen Constablen die Büchsenmeisterey Kunst/ und etwas mit dem Feurwerck umbzugehen/ umb die Gebühr lernete. Jm übrigen hielte ich mich sehr still und eingezogen/ also daß sich die Leut verwunderten/ wann sie sahen/ daß ich stets über den Büchern sasse wie ein Student/ da ich doch Raubens und Blutvergiessens gewohnt gewesen.

Mein Haußvatter war deß Commandanten Spürhund und mein Hüter/ massen ich merckte/ daß er all mein Thun und Lassen demselben hinderbracht/ ich konte mich aber artlich darein schicken/ dann ich gedachte deß Kriegswesens kein einig mal/ und wann man darvon redte/ thät ich/ als ob ich niemals kein Soldat gewesen/ und nur darumb da wäre/ meinen täglichen Exercitien/ deren ich erst gedacht/ abzuwarten. Jch wünschte zwar/ daß meine 6. Monat bald herumb wären/ es konte aber niemand abnehmen/ welchem Theil ich alsdann dienen wolte. So offt ich dem Obristen auffwartete/ behielt er mich auch an seiner Tafel/ da setzt es dann jezuweiln solche Discurs, dardurch mein Vorsatz außgeholt werden solte/ ich antwortet aber jederzeit so vorstchtig/ daß man nicht wissen konte/ was Sinns ich seye. Einsmals sagte er zu mir: Wie stehts Jäger/ wolt ihr noch nicht Schwedisch werden/ gestern ist mir ein Fähnrich gestorben? Jch antwortet/ Hochg. Herꝛ Obrist/ stehet doch einem Weib wol an/ weñ sie nach ihres Manns Todt nicht gleich wieder heurat/ warumb solte ich mich dann nicht 6. Monat patientiren: Dergestalt [346] entgieng ich jederzeit/ und kriegte doch deß Obristen Gunst länger je mebr/ so gar/ daß er mir so wol inals ausserhalb der Vestung herumb zu spatzieren/ ja ich dorffte endlich den Hasen/ Feldhünern und Vögeln nachstellen/ welches seinen eigenen Soldaten nicht gegönnet war: So fischte ich auch in der Lipp/ und war so glückseelig darmit/ daß es das Ansehen hatte/ als ob ich beydes Fisch und Krebs auß dem Wasser bannen könte. Darumb ließ ich mir nur ein schlechtes Jägerkleid machen/ in demselbigen striche ich bey Nacht (dann ich wuste alle Weg und Steg) in die Soestische Böerde/ und holte meine verborgene Schätz hin und wider zusammen/ schleppte solche in gedachte Vestung/ und ließ mich an/ als ob ich ewig bey den Schweden wohnen wolte.

Auff demselbigen Weg kam die Wahrsagerin von Soest zu mir/ die sagte: Schau mein Sohn/ hab ich dir hiebevor nicht wol gerathen/ daß du dein Geld ausserhalb der Statt Soest verbergen soltest? Jch versichere dich/ daß es dein gröstes Glück gewesen/ daß du gefangen worden/ dann wärest du heim kommen/ so hätten dich einige Kerl/ welche dir den Todt geschworen/ weil du ihnen beym Frauenzimmer bist vorgezogen worden/ auff der Jagd erwürgt. Jch antwortet/ wie kan jemand mit mir eyfern/ da ich doch dem Frauenzimmer nichts nachfrage? Verstchert/ sagte sie/ wirstu deß Sinns nicht verbleiben/ wie du jetzt bist/ so wird dich das Frauenzimmer mit Spott und Schand zum Land hinauß jagen/ du hast mich jederzeit verlacht/ wenn ich dir etwas zuvor gesagt habe/ woltest du mir abermal nicht glauben/ wann ich dir mehr sagte/ findestu an dem Ort/ wo du [347] jetzt bist/ nicht geneigtere Leut als in Soest? Jch schwöre dir/ daß sie dich nur gar zu lieb haben/ und daß dir solche übermachte Lieb zum Schaden gereichen wird/ wann du dich nicht nach derselbigen accommodirest. Jch antwortet ihr/ wenn sie ja so viel wüste/ als sie sich darvor außgebe/ so solte sie mir darvor sagen/ wie es mit meinen Eltern stünde/ und ob ich mein Lebtag wieder zu denselben kommen würde? sie solte aber nicht so dunckel/ sondern fein Teutsch mit der Sprach herauß: Darauff sagte sie/ ich solte alsdann nach meinen Eltern fragen/ wann mir mein Pflegvatter unversehens begegne/ und führe meiner Säug-Ammen Tochter am Strick daher; Lachte darauff überlaut/ und henckte dran/ daß sie mir von sich selbst mehr gesagt/ als andern die sie drumb gebetten hätten: Hernach machte sie sich/ weil ich sie nur anfieng zu foppen/ geschwind von mir/ als ich ihr zuvor etliche Thaler verehrt/ weil ich doch schwer am Silbergeld zu tragen hatte. Jch hatte damals ein schön stück Geld/ und viel köstliche Ring und Cleinodien beyeinander/ dann wo ich hiebevor unter den Soldaten etwas von Edelgesteinen wuste/ oder auff Parthey und sonst autraff/ brachte ichs an mich/ und darzu nicht einmal umbs halbe Geld/ was es gültig war. Solches schrye mich immerzu an/ es wolte gern wieder unter die Leut; ich folgte auch gar gerue/ dann weil ich zimlich hoffärtig war/ prangte ich mit meinem Gut/ und ließ solches meinen Wirth ohne Scheu sehen/ der bey den Leuten mehr darauß machte/ als es war: Dieselbige aber verwunderten sich/ wo ich doch alles hergebracht haben müste/ denn es war genugsam erschollen/ daß ich meinen gefundenen [348]Schatz zu Cöln ligen hatte/ weil der Cornet deß Kauffmanns Handschrifft gelesen/ da er mich gefangen bekommen.

Das XVIII. Capitel.

MEin Vorsatz/ die Büchsenmeisterey- und FechtKunst in diesen 6. Monaten vollkommen zu lernen/ war gut/ und ich begriffs auch: Aber es war nit genug/ mich vorm Müssiggang/ der ein Ursprung vieles Ubels ist/ allerdings zu behüten/ vornemlich weil niemand war/ der mir zu gebieten hatte. Jch saß zwar embsig über allerhand Büchern/ auß denen ich viel Guts lernete/ es kamen mir aber auch theils unter die Händ/ die mir wie dem Hund das Gras gesegnet wurden: Die unvergleichliche Arcadia, auß deren ich die Wolredenheit lernen wolte/ war das erste Stück/ das mich von den rechten Historien zu den Liebes-Büchern/ und von den warhafften Geschichten zu den Helden-Gedichten zoge: Solcherley Gattungen brachte ich zu wegen wo ich konte/ und wann mir eins zu theil wurde/ hörte ich nit auff/ biß ichs durchgelesen/ und solte ich Tag und Nacht darüber gesessen seyn; diese lerneten mich vor das Wol-reden mit der Leimstangen lauffen. Doch wurde dieser Mangel damals bey mir nicht so hefftig und starck/ daß man ihn mit Seneca ein göttliches Rasen/ oder wie er in Thomæ Thomaj Wald-Gärtlein beschrieben wird/ eine beschwerliche Kranckheit hätte nennen können; dann wo meine Lieb hinfiel/ da erhielte ich leichtlich und ohne sonderbare Mühe/ was ich begehrte/ also daß ich keine Ursach zu klagen bekam/ wie andere Buler und Leimstängler/ die voller [349] phantastischer Gedancken/ Mühe/ Begierden/ heimlich Leiden/ Zorn/ Eyfer/ Rachgier/ Rasen/ Weynen/ Protzen/ Drohen/ und dergleichen tausendfältigen Thorheiten stecken/ und ihnen vor Ungedult den Todt wünschen; Jch hatte Geld/ und ließ mich dasselbe nit dauren/ und über das ein gute Stimm/ übte mich stetig auff allerhand Instrumenten; An statt deß Tantzens/ dem ich nie bin hold worden/ wiese ich die Gerade meines Leibs/ wenn ich mit meinem Kürschner fochte; über das hatte ich einen trefflich glatten Spiegel/ und gewöhnte mich zu einer freundlichen Liebligkeit/ also daß mir das Frauenzimmer/ wann ich mich dessen schon nicht sonderlich anname/ wie Aurora dem Clito, Cephalo und Vitoni, Venus dem Anchise, Atidi und Adoni, Ceres dem Glauco, Ulysse und Jasoni, und die keusche Diana selbst ihrem Endimione, von sich selbst nachlieffe/ mehr als ich dessen begehrte.

Umb dieselbige Zeit fiel Martini ein/ da fängt bey uns Teutschen das Fressen und Sauffen an/ und währet bey theils biß in die Faßnacht/ da wurde ich an unterschiedliche Ort/ so wol bey Officiern als Bürgern/ die Martins-Gans verzehren zu helffen/ eingeladen; Da setzt es dann zu Zeiten so etwas/ weil ich bey solchen Gelegenheiten mit dem Frauenzimmer in Kundschafft kame; meine Laute und Gesang die zwangen ein jede/ mich anzuschauen/ und wann sie mich also betrachteten/ wuste ich zu meinen neuen Bulen-Liedern/ die ich selber machte/ so anmuthige Blick und Geberden hervor zu bringen/ daß sich manches hübsches Mägdlein darüber vernarꝛte/ und mir unversehens hold ward. Und damit ich nit vor einen [350] Hungerleider gehalten würde/ stellte ich auch zwo Gastereyen/ die eine zwar vor die Officier/ und die ander vor die vornehmste Bürger an/ dardurch ich mir bey beyden Theilen Gunst/ und einen Zutritt vermittelte/ weil ich kostbar aufftragen liesse. Es war mir aber alles nur umb die liebe Jungfrauen zu thun/ und ob ich gleich bey einer oder der andern nit fande/ was ich suchte (dann es gab auch noch etliche/ die es verhalten konten) so gienge ich doch ein weg als den andern zu ihnen/ damit sie die jenige/ die mir mehr Gunst erzeigten/ als ehrlichen Jungfrauen gebührt/ in keinen bösen Verdacht bringen/ sondern glauben solten/ daß ich mich bey denselbigen auch nur Discurs halber auffhielte. Und das überꝛedet ich ein jede insonderheit/ daß sie es von den andern glaubte/ und nit anders meynte/ als wäre sie allein die jenige/ die sich meiner erfreute.

Jch hatte gerad sechs die mich liebten/ und ich sie hinwiederumb/ doch hat keine mein Hertz gar/ oder mich allein; an der einen gefielen mir nur die schwartze Augen/ an der andern die Goldgelbe Haar/ an der dritten die liebliche Holdseeligkeit/ und an den übrigen auch so etwas/ das die andere nicht hatte. Wenn ich aber ohne diese andere besuchte/ so geschahe es nur entweder auß obgesagter Ursach/ oder weilen es fremd und neu war/ und ich ohne das nichts außschlug oder verachtete/ indem ich nit immer an demselben Ort zu bleiben gedachte. Mein Jung/ der ein Ertz-Schelm war/ hatte genug zu thun mit Kupplen und Bulen-Brieflein hin und wieder zu tragen/ und wuste reinen Mund/ und meine lose Händel gegen einer und der andern so geheim zu halten/ daß nichts [351] drüber war; darvon bekam er von den Schleppsäcken ein Hauffen Favor, so mich aber am meisten kosteten/ massen ich hierdurch ein ansehenliches verschwendete/ und wol sagen konte: Was mit Trommeln gewonnen wird/ gehet mit Pfeiffen wieder dahin. Darbey hielte ich meine Sachen so geheim/ daß mich der hunderte vor keinen Buler halten konte/ ohn der Pfarꝛer/ bey welchem ich nit mehr so viel geistliche Bücher entlehnte/ als zuvor.

Das XIX. Capitel.

WAnn das Glück einen stürtzen will/ so hebt es ihn zuvor in alle Höhe/ und der gütige GOtt lässet auch einen jeden vor seinem Fall so treulich warnen. Das widerfuhr mir auch/ ich nams aber nicht an! Jch bielte in meinem gäntzlich darvor/ daß mein damaliger Stand so vest gegründet wäre/ daß mich kein Unglück darvon stürtzen könte/ weil mir jederman/ insonderheit aber der Commandant selbst so wol wolte; die jenige/ auff welche er viel hielte/ gewanne ich mit allerhand Ehrerbietungen/ seine getreue Diener brachte ich durch Geschenck auff meine Seiten/ und mit denen/ so etwas mehr als meines gleichen warn/ soffe ich Brüderschafft/ und schwur ihnen ohnverbrüchliche Treue und Freundschafft; die gemeine Burger und Soldaten waren mir deßwegen hold/ weil ich jedem freundlich zusprach. Ach was vor ein freundlicher Mensch/ sagten sie offt zusammen/ ist doch der Jäger er redt ja mit dem Kind auff der Gassen/ und erzörnt keinen Menschen! Wann ich ein Häsgen oder etliche Feldhüner fieng/ so schickte ichs denen in die Küchen/ deren Freundschafft ich suchte/ [352] lude mich darbey zu Gast/ und ließ etwan ein Trunck Wein/ welcher der Orten theuer war/ darzu holen/ ja ich stellte es so an/ daß schier aller Kosten über mich gieng. Wenn ich dann mit jemand bey solchen Gelachen in ein Gespräch kam/ lobte ich jederman ohne mich selbst nicht/ und wuste mich so demütig zu stellen/ als ob ich die Hoffart nie gekant hätte. Weil ich dann nun hierdurch eines jeden Gunst kriegte/ und jederman viel von mir hielte/ gedachte ich nicht/ daß mir etwas unglücklichs widerfahren könte/ vornemlich weil mein Säckel noch zimlich gespickt war.

Jch gieng offt zum ältesten Pfarꝛer derselbigen Statt/ als der mir auß seiner Bibliothec viel Bücher lehnete/ und wenn ich ihm eins wieder brachte/ so discurirte er von allerhand Sachen mit mir/ dann wir accommodirten uns so miteinander/ daß einer den andern gern leiden mochte: Als nun nicht nur die Martins-Gäns und Metzelsuppen hin und wieder/ sondern auch die H. Weyhnacht-Feyertäge vorbey waren/ verehrte ich ihm eine Flaschen voll Straßburger Brandtewein zum Neuen Jahr/ welchen er/ der Westphälinger Gebrauch nach/ mit Candel-Zucker gern einläpperte/ und kam darauff hin ihn zu besuchen/ als er eben in meinem Joseph lase/ welchen ihm mein Wirth ohne mein Wissen geliehen hatte: Jch entfärbte mich/ daß einem solchen gelehrten Mann meine Arbeit in die Hände kommen solte/ sonderlich weil man darvor hält/ daß einer am besten auß seinen Schrifften erkennet werde; Er aber machte mich zu ihm sitzen/ und lobte zwar meine Invention, schalte aber/ daß ich mich so lang in der Seliche (die Potiphars Weib gewesen) Liebes-Händeln hätte [353] auffgehalten; Wessen das Hertz voll ist/ gehet der Mund über/ sagte er ferners/ wenn der Herꝛ nicht selbsten wüste wie einem Buler umbs Hertz ist/ so hätte er dieses Weibs Passiones nicht so wol außfůhren/ oder vor Augen stellen können: Jch antwortet/ was ich geschrieben hätte/ das wäre mein eigene Erfindung nicht/ sondern hätte es auß andern Büchern extrahirt/ mich umb etwas im Schreiben zu üben: Ja ja/ antwortet er/ das glaube ich gern/ (scil.) aber er versichere sich/ daß ich mehr von ihm weiß/ als er sich einbildet! Jch erschrack/ da ich diese Wort hörte/ und gedachte/ hat dirs dann S. Velten gesagt; Und weil er sahe/ daß sich meine Farb änderte/ fuhr er ferner fort/ und sagte: Der Herꝛ ist frisch und jung/ er ist müssig und schön/ er lebt ohne Sorg/ und wie ich vernehme/ in allem Uberfluß; darumb bitte und ermahne ich ihn im HErꝛn/ daß er bedencken wolle/ in was vor einem gefährlichen Stand er sich befindet/ er hüte sich vor dem Thier das Zöpff hat/ will er anders sein Glück und Heyl beobachten; Der Herꝛ möchte zwar gedencken/ Was gehts den Pfaffen an/ was ich thu und lasse/ (Jch gedachte/ du hasts errathen) oder was hat er mir zu befehlen? Es ist wahr/ ich bin ein Seelsorger! Aber/ Herꝛ seyd versichert/ daß mir eure/ als meines Gutthäters/ zeitliche Wolfahrt auß Christlicher Lieb so hoch angelegen ist/ als ob ihr mein eigener Sohn wäret; immer Schad ists/ und ihr könts bey eurem him̃lischen Vatter in Ewigkeit nicht verantworten/ wenn ihr euer Talent, das er euch verliehen/ vergrabt/ und euer edel Ingenium, das ich auß gegenwärtiger Schrifft erkenne/ verderben lasset/ mein getreuer und vätterlicher [354]Rath wäre/ ihr legtet eure Jugend und eure Mittel/ die ihr hier so unnützlich verschwendet/ zum Studiren an/ damit ihr heut oder morgen beydes GOtt und den Menschen und euch selbst bedient seyn könnet/ und liesset das Kriegswesen/ zu welchem ihr/ wie ich höre/ so grossen Lust traget/ seyn wie es ist/ ehe ihr eine Schlappe darvon traget/ und das jenige Sprüchwort wahr zu seyn an euch befindet/ welches beist: Junge Soldaten/ alte Bettler. Jch hörte diesen Sentenz mit grosser Ungedult/ weil ich dergleichen zu vernehmen nicht gewohnt war/ jedoch stellte ich mich viel anders als mirs umbs Hertz war/ damit ich mein Lob/ daß ich ein feiner Mensch wäre/ nicht verliere; bedanckte mich zumal auch sehr vor seine erwiesene Treuhertzigkeit/ und versprach/ mich auff sein Einrathen zu bedencken/ gedachte aber bey mir selbst/ wie deß Goldschmids Jung/ und was es den Pfaffen geheye/ wie ich mein Leben anstelle/ weil es damals mit mir auffs höchste kommen war/ und ich die nunmehr gekoste Liebs-Wollüste nicht mehr entberen wolte; Es gehet aber mit solchen Warnungen nicht anders her/ wann die Jugend schon Zaum und Sporn entwohnt hat/ und in vollen Sprüngen ihrem Verderben zurennt.

Das XX. Capitel.

JCh war in den Wollüsten doch nicht so gar ersoffen/ oder so dumm/ daß ich nicht gedacht hätte/ jedermans Freundschafft zu behalten/ so lang ich noch in derselbigen Vestung zu verbleiben (nemlich biß der Winter vorüber) willens war; So erkante ich auch wol/ was es einen vor Unrath bringen könte/ [355] wann er der Geistlichen Haß hätte/ als welche Leut bey allen Völckern/ sie seyen gleich was Religion sie wollen/ einen grossen Credit haben; derowegen nam ich meinen Kopff zwischen die Ohren/ und tratte gleich den andern Tag wieder auff frischem Fuß zu obgedachtem Pfarꝛer/ und loge ihm mit gelehrten Worten ein solchen zierlichen Hauffen daher/ was gostalten ich mich resolvirt hätte/ ihm zu folgen/ daß er sich/ wie ich auß seinen Geberden sehen konte/ hertzlich darüber erfreute; Ja/ sagte ich/ es hat mir seithero/ auch schon in Soest/ nichts anders als ein solcher Englischer Rathgeber gemangelt/ wie ich einen an meinem Hochg. Herꝛn angetroffen habe; Wann nur der Winter bald vorüber/ oder sonst das Wetter bequem wäre/ daß ich fort räisen könte/ bate ihn darneben/ er wolte mir doch ferner mit gutem Rath beförderlich seyn/ auff welche Academiam ich mich begeben solte? Er antwortet/ was ihn anbelangt/ so hätte er zu Leiden studirt/ mir aber wolte er nach Genff gerathen haben/ weil ich/ der Außsprech nach/ ein Hochteutscher wäre; Jesus Maria! antwortet ich/ Genff ist weiter von meinem Heimat/ als Leiden: Was vernehme ich? sagte er hierauff mit grosser Bestürtzung/ ich höre wol/ der Herꝛ ist ein Papist/ O mein Gott/ wie finde ich mich betrogen! Wie so/ wie so Herꝛ Pfarꝛer/ sagte ich/ muß ich darumb ein Papist seyn/ weil ich nicht nach Genff will? O Nein/ sagte er/ sondern daran höre ichs/ weil ihr die Mariam anruffet; Jch sagte/ solte denn einem Christen nit gebühren/ die Mutter seines Erlösers zu nennen? Das wol/ antwortet er/ aber ich ermahne und bitte ihn so hoch als ich kan/ er wolle GOtt die[356] Ehr geben/ und mir gestehen/ welcher Religion er beygethan seye? denn ich zweiffle sehr/ daß er dem Evangelio glaube (ob ich ihn zwar alle Sonntag in meiner Kirchen gesehen) weil er das verwichene Fest der Geburt Christi weder bey uns noch den Lutherischen zum Tisch deß Herꝛn gangen! Jch antwortet/ der Herꝛ Pfarꝛer hört ja wol/ daß ich ein Christ bin/ und wann ich keiner wäre/ so würde ich mich nicht so offt in der Predigt haben eingefunden/ im übrigen aber gestehe ich/ daß ich weder Petrisch noch Paulisch bin/ sondern allein simpliciter glaube/ was die 12. Articul deß Allgemeinen H. Christlichen Glaubens in sich halten/ werde mich auch zu keinem Theil vollkommen verpflichten/ biß mich ein oder ander durch genugsame Erweisungen persuadirt zu glauben/ daß es vor den andern die rechte wahre und allein seeligmachende Religion habe. Jetzt/ sagte er/ glaube ich erst recht/ daß er ein kühnes SoldatenHertz habe/ sein Leben dapffer dran zu wagen/ weil er gleichsam ohne Religion und Gottesdienst auff den Alten Käiser hinein dahin leben/ und so frevelhafftig seine Seeligkeit in die Schantz schlagen darff! Mein Gott/ wie kan aber ein sterblicher Mensch/ der entweder verdammt oder seelig werden muß/ immermehr so keck seyn? Jst der Herꝛ in Hanau erzogen/ und nit anders im Christenthumb unterꝛichtet worden? Er sage mir doch/ warumb er seiner Eltern Fußstapffen in der reinen Christlichen Religion nicht nach folget? Oder warumb er sich eben so wenig zu dieser/ als zu einer andern begeben will/ deren Fundamenta so wol in der Natur als H. Schrifft/ doch so Sonnenklar am Tag ligen/ daß sie auch in Ewigkeit weder Papist[357] noch Lutheraner nimmermehr wird umbstossen können? Jch antwortet/ Herꝛ Pfarꝛer/ das sagen auch alle andere von ihrer Religion/ welchem soll ich aber glauben? vermeynt der Herꝛ wol/ es sey so ein geringes/ wenn ich einem Theil/ den die andern zwey lästern/ und einer falschen Lehr bezüchtigen/ meiner Seelen Seeligkeit vertraue? Er sehe doch (aber mit memen unparteyischen Augen) was Conrad Vetter und Johannes Naß wider Lutherum/ und hingegen Luther und die Seinige wider den Pabst/ sonderlich aber Spangenberg wider Franciscum, der etlich hundert Jahr vor einen heiligen und gottseeligen Mann gehalten worden/ in offenen Druck außgehen lassen; zu welchem Theil soll ich mich dann thun/ wann je eins das ander außschreyet/ es sey kein gut Haar an ihm! vermeynt der Herꝛ Pfarꝛer/ ich thue unrecht/ wenn ich einhalte/ biß ich meinen Verstand völliger bekomme/ und weiß was Schwartz oder Weiß ist? Solte mir wol jemand rathen/ hinein zu plumpen/ wie die Fliege in ein heissen Brey? O Nein/ das wird der Herꝛ Pfarꝛer verhoffentlich mit gutem Gewissen nicht thun können; Es muß ohnumbgänglich eine Religion recht haben/ und die andern beyde unrecht/ solte ich mich nun zu einer ohne reifflichen Vorbedacht bekennen/ so könte ich eben so bald ein unrechte als die rechte erwischen/ so mich hernach in Ewigkeit reuen würde/ ich will lieber gar von der Straß bleiben/ als nur irꝛ lauffen; zu dem seynd noch mehr Religionen/ denn nur die in Europa, als die Armenier/ Abyssiner/ Griechen/ Georgianer und dergleichen/ und Gott geb was ich vor eine davon annehme/ so muß ich mit meinen Religionsgenossen den andern[358] allen widersprechen. Wird nun der Herꝛ Pfarꝛer mein Ananias seyn/ so will ich ihm mit grosser Danckbarkeit folgen/ und die Religion annehmen/ die er selbst bekennt.

Darauff sagte er: Der Herꝛ steckt in grossem Jrꝛthum/ aber ich hoffe zu GOtt/ er werde ihn erleuchten/ und auß dem Schlamm heiffen; zu welchem End ich ihm dann unsere Confession ins künfftig dergestalt auß H. Schrifft bewähren will/ daß sie auch wider die Pforten der Höllen bestehen solle; Jch antwortet/ dessen würde ich mit grossem Verlangen gewärtig seyn/ gedachte aber bey mir selber/ wenn du mir nur nichts mehr von meinen Liebgern vorhältst/ so bin ich mit deinem Glauben wol zu frieden. Hierbey kan der Leser abnehmen/ was ich damals vor ein gottloser böser Bub gewesen/ dann ich machte dem guten Pfarꝛer deßwegen vergebliche Mühe/ damit er mich in meinem ruchlosen Leben ungehindert liesse/ und gedachte: Biß du mit deinen Beweißthumen fertig bist/ so bin ich vielleicht wo der Pfeffer wächst.

Das XXI. Capitel.

GEgen meinem Quartier über wohnet ein Reformirter Obrist Leutenant/ der hatte ein überauß schöne Tochter/ die sich gantz Adelich trug; ich hätte längst gern Kundschafft zu ihr gemacht/ unangesehen sie mir anfänglich nicht beschaffen zu seyn deuchte/ daß ich sie allein lieben/ und auff ewig haben möchte/ doch schenckte ich ihr manchen Gang/ und noch vielmehr liebreicher Blick/ sie wurde mir aber so fleissig verhütet/ daß ich kein einig mal/ als ich mir wünschete/ mit ihr zu reden kommen konte/ so dorffte ich [359] auch so unverschämt nit hinein platzen/ weil ich mit ihren Eltern keine Kundschafft hatte/ und mir der Ort vor einen Kerl von so geringem Herkom̃en/ als mir das meinige bewust war/ viel zu hoch vor kam; Am allernächsten gelangte ich zu ihr/ wenn wir etwan in oder auß der Kirch giengen/ da nam ich dann die Zeit so fleissig in acht/ mich ihr zu nähern/ daß ich offt ein paar Seufftzer anbrachte/ das ich meisterlich konte/ ob sie zwar alle auß falschem Hertzen giengen: Hingegen nam sie solche auch so kaltsinnig an/ daß ich mir einbilden muste/ daß sie sich nicht so leicht wie eines schlechten Burgers Tochter verführen lassen würde/ und in dem ich gedachte/ sie würde mir schwerlich zu theil/ wurden meine Begierden nach ihr nur desto hefftiger.

Mein Stern/ der mich das erste mal zu ihr vermittelte/ war der jenige/ den die Schüler zu immerwährendem Gedächtnus umb selbige Zeit deß Jahrs herumb tragen/ damit anzuzeigen/ daß die 3. Weisen durch einen solchen nach Bethlehem begleitet worden/ so ich anfänglich vor ein gut Omen hielte/ weil mir dergleichen einer in ihre Wohnung leuchtete/ da ihr Vatter selbst nach mir schickte: Monsieur, sagte er zu mir/ seine Neutralität/ die er zwischen Bürgern und Soldaten hält/ ist eine Ursach/ daß ich ihn zu mir bitten lassen/ weil ich wegen einer Sach/ die ich zwischen beyden Theilen ins Werck zu richten vor habe/ einen unparteyischen Zeugen bedarff; ich vermeynte/ er hätte was Wundergrosses im Sinn/ weil Schreibzeug und Papier auff dem Tisch war/ bote ihm derowegen zu allen ehrlichen Geschäfften meine bereitfertigste Dienst an/ mit sondern Complimenten/ [360] daß ich mirs nemlich vor eine grosse Ehr halten würde/ wenn ich so glückseelig seye/ ihm beliebige Dienst zu leisten. Es war aber nichts anders/ als (wie an vielen Orten der Gebrauch ist) ein Königreich zu machen/ massen es eben an der H. drey König Abend war/ darbey solte ich zusehen/ daß es recht zugienge/ und die Aempter ohne Ansehung der Personen durch das Loß außgetheilt würden. Zu diesem Geschäfft/ bey welchem deß Obristen Secretarius auch war/ liesse der Obrist Leutenant Wein und Confect langen/ weil er ein trefflicher Zechbruder/ und es ohne das nach dem Nacht-Essen war; der Secretarius schrieb/ ich lase die Nahmen/ und die Jungfer zog die Zettel/ ihre Eltern aber sahen zu; und ich mag eben nicht außführlich erzehlen/ wie es hergangen/ dann ich die erste Kundschafft an diesem Ort machte. Sie beklagten sich über die lange Winter-Nächt/ und gaben mir damit zu verstehen/ daß ich solche desto leichter zu passiren/ wol zu ihnen zu Liecht kommen dörffte/ in dem sie ohne das keine besonders grosse Geschäfften hätten. Diß war nun eben das/ was ich vor längsten gewünscht.

Von diesem Abend an (da ich mich zwar nur ein wenig bey der Jungfer zutäppisch machte) fieng ich wieder auff ein neues an mit der Leimstangen zu lauffen/ und am Narꝛen-Sail zu ziehen; also daß sich beydes die Jungfer und ihre Eltern einbilden musten/ ich hätte den Angel geschluckt/ wiewol mirs nicht halber Ernst war; Jch butzte mich als nur gegen der Nacht/ wenn ich zu ihr wolte/ wie die Hexen/ und den Tag über hatte ich mit den Liebes-Büchern zu thun/ darauß stellte ich Bulenbrieflein an meine[361] Liebsie/ eben als ob ich hundert Meil Wegs von ihr gewohnt hätte/ oder in viel Jahren nicht zu ihr käme; zuletzt machte ich mich gar gemein/ weil mir meine Leffeley nicht sonderlich von den Eltern gewehrt/ sondern zugemuthet ward/ ich solte ihre Tochter auff der Lauten lernen schlagen. Da hatte ich nun einen freyen Zutritt/ bey Tag so wol/ als hiebevor deß Abends/ also daß ich meinen gewöhnlichen Reimen/

Jch und eine Fledermauß/
Fliegen nur bey Nachte auß:

änderte/ und ein Liedlein machte/ in welchem ich mein Glück lobte/ weil es mir auff so manchen guten Abend auch so freudenreiche Täg verliehe/ an denen ich in meiner Liebsten Gegenwart meine Augen waiden/ und mein Hertz umb etwas erquicken könte/ hingegen klagte ich auch in eben demselbigen Lied über mein Unglück/ und bezüchtigte dasselbige/ daß es mir die Nächt verbittere/ und mir nicht gönnete/ solche auch wie die Täg mit liebreicher Ergetzung hinzubringen; und ob es zwar umb etwas zu frey kam/ so sange ichs doch meiner Liebsten mit andächtigen Seufftzen und einer Lustreitzenden Melodey/ darbey die Laute das ihrig trefflich thät/ und gleichsam die Jungfer mit mir bate/ sie wolte doch cooperiren/ daß mir die Nächte so glücklich als die Täge bekommen möchten; Aber ich bekam zimlich abschlägige Antwort/ dann sie war trefflich klug/ und konte mich auff meine Erfindungen/ die ich bißweilen artlich anbrachte/ gar höflich beschlagen. Jch nam mich gar wol in acht/ von der Verehelichung zu schweigen/ ja wenn schon Discursweis davon geredt wurde/ stellete ich doch alle meine Wort auff Schrauben; [362] Welches meiner Jungfer Schwester/ die schon verheuratet war/ bald merckte/ und dahero mir und meinem lieben Mägdlein alle Päß verlegte/ damit wir nicht so offt wie zuvor allein beysammen seyn solten/ denn sie sahe wol/ daß mich ihre Schwester von Hertzen liebte/ und daß die Sach in die Läng kein gut thun würde.

Es ist ohnnötig/ alle Thorheiten meiner Leffeley umbständlich zu erzehlen/ weil dergleichen Possen ohne das alle Liebes. Schrifften voll seyn. Genug ists/ wenn der günstige Leser weiß/ daß es zuletzt dahin kam/ daß ich erstlich mein liebes Dingelgen zu küssen/ und endlich auch andere Narꝛnpossen zu thun mich erkühnen dorffte/ solchen erwünschten Fortgang verfolgte ich mit allerhand Reitzungen/ biß ich bey Nacht von meiner Liebsten eingelassen wurde/ und mich so hübsch zu ihr ins Bett fügte/ als wenn ich zu ihr gehört hätte. Weil jederman weiß/ wie es bey dergleichen Kürben pfleget gemeiniglich her zu geben/ so dörffte sich wol der Leser einbilden/ ich hätte etwas ungebührliches begangen: Ja wol Nein! dann alle meine Gedancken waren umbsonst/ ich fand einen solchen Widerstand/ dergleichen ich mir nimmermehr bey keinem Weibsbild anzutreffen gedencken können/ weil ihr Absehen einig und allein auff Ehr und den Ehestand gegründet war/ und wenn ich ihr solchen gleich mit den allergrausamsten Flüchen versprach/ so wolte sie jedoch vor der ehelichen Copulation kurtzumb nichts geschehen lassen/ doch gönnete sie mir/ auff ihrem Bett neben ihr ligen zu bleiben/ auff welchem ich auch gantz ermüdet vor Unmuth saufft einschlummerte. Jch wurde aber gar [363] ungestümm auffgeweckt/ dann morgens umb 4. Uhr stund der Obrist Leutenant vorm Bett/ mit einer Pistol in der einen/ und einer Fackel in der andern Hand: Crabat/ schrye er überlaut seinem Diener zu/ der auch mit einem blassen Sebel neben ihm stunde/ geschwind Crabat/ hole den Pfaffen! Worvon ich dann erwachte/ und sahe/ in was vor einer Gefahr ich mich befande; O Wehe/ gedacht ich/ du sollest gewiß zuvor beichten/ ehe er dir den Rest gibt! Es wurde mir gantz g[r]ün und gelb vor den Augen/ und wuste nicht/ ob ich sie recht auffthun solte/ oder nit? Du leichtfertiger Gesell/ sagte er zu mir/ soll ich dich finden/ daß du mein Hauß schändest? thät ich dir unrecht/ wenn ich dir und dieser Vettel/ die deine Hur worden ist/ den Hals breche? Ach du Bestia, wie kan ich mich doch nur enthalten/ daß ich dir nit das Hertz auß dem Leib herauß reisse/ und zu kleinen Stücken zerhackt den Hunden darwerffe? damit bisse er die Zähn übereinander/ und verkehrte die Augen/ als ein unsinnig Thier. Jch wuste nicht was ich solte/ und meine Beyschläfferin konte nichts als weynen; endlich da ich mich ein wenig erholete/ wolte ich etwas von unserer Unschuld vorbringen/ er aber hiesse mich das Maul halten/ indem er wieder auff ein neues anfienge/ mir auffzurucken/ daß er mir viel ein anders vertraut/ ich aber hingegen ihn mit der allergrösten Untreu von der Welt gemeynt hätte: Jndessen kam seine Frau auch darzu/ die fieng eine Nagelneue Predigt an/ also daß ich wünschte/ ich lege irgends in einer Dornhecken/ ich glaub auch/ sie hätte in zweyen Stunden nicht auffgehört/ wenn der Crabat mit dem Pfarꝛer nicht kommen wäre.

[364]

Ehe dieser ankam/ unterstund ich etlich mal auffzustehen/ aber der Obrist Leutenant machte mich mit bedrohlichen Minen ligen bleibend/ also daß ich erfahren muste/ wie gar keine Courage ein Kerl hat/ der auff einer bösen That erdappt wird/ und wie einem Dieb umbs Hertz ist/ den man erwischt/ wenn er eingebrochen/ ob er gleich noch nichts gestolen hat; ich gedenck der lieben Zeit/ wenn mir der Obr. Leutenant sampt zwey solchen Croaten auffgestossen wäre/ daß ich sie alle drey zu jagen unterstanden/ aber jetzt lag ich da wie ein ander Bernheuter/ und hatte nicht das Hertz/ nur das Maul/ geschweig die Fäust recht auffzuthun. Seht Herꝛ Pfarꝛer/ sagte er/ das schöne Spectacul, zu welchem ich euch zum Zeugen meiner Schand beruffen muß! und kaum hatte er dise Wort ordentlich vorgebracht/ da fieng er wieder an zu wüten/ und das tausend ins hundert zu werffen/ daß ich nichts anders als vom Halsbrechen/ und Händ in Blut wäschen verstehen konte; er schaumte umbs Maul wie ein Eber/ und stellte sich nicht anders/ als ob er gar von Sinnen kommen wolte/ also daß ich alle Augenblick gedachte/ jetzt jagt er dir eine Kugel durch den Kopff! Der Pfarꝛer aber wehrte mit Händen und Füssen/ daß nichts tödtliches geschehe/ so ihn hernach reuen möchte; Was? sagte er/ Herꝛ Obrist Leutenant/ braucht euer hohe Vernunfft/ und bedenckt das Sprüchwort/ daß man zu geschehenen Dingen das beste reden soll; diß schöne junge Paar/ das seines gleichen schwerlich im Land hat/ ist nicht das erste/ und auch nicht das letzte/ so sich von den unüberwindlichen Kräfften der Liebe meistern lassen; dieser Fehler/ den sie beyde begangen/ kan auch durch [365] sie/ da es anders ein Fehler zu nennen/ wieder leichtlich gebessert werden; Zwar lobe ichs nit/ sich auff diese Art zu verehelichen/ aber gleichwol hat dieses junge Paar hierdurch weder Galgen noch Rad verdient/ der Herꝛ Obrist Leutenant auch keine Schand darvon zu gewarten/ wenn er nur diesen Fehler (der ohne das noch niemand bewust) heimlich halten und verzeyhen/ seine Consens zu beyder Verehelichung geben/ und diese Ehe durch den gewöhnlichen Kirchgang offentlich bestetigen lassen wird. Was? antwortet er/ solte ich ihnen an statt billicher Straff/ erst noch hofieren/ und grosse Ehr anthun? ich wolte sie ehe morgenden Tags beyde zusammen binden/ und in der Lipp erträncken lassen! Jhr müst mir sie in diesem Augenblick copulirn/ massen ich euch deßwegen holen lassen/ oder ich will sie alle beyde wie die Hüner erwürgen.

Jch gedachte/ was wiltu thun/ es heist: Vogel friß/ oder stirb; zu dem so ist es eine solche Jungfer/ deren du dich nicht schämen darffst/ ja wenn du dein Herkommen bedenckest/ so bistu kaum werth/ hin zu sitzen/ wo sie ihre Schuh hinstellt; doch schwur ich/ und bezeugte hoch und theur/ daß wir nichts unehrlichs miteinander zu schaffen gehabt hätten; Aber mir wurde geantwortet/ wir solten uns gehalten haben/ daß man nichts Böses von uns argwohnen können/ diesen Weg aber würden wir dem einmal gefasten Verdacht niemand benehmen. Hierauff wurden wir von gemeldtem Pfarꝛer im Bett sitzend zusamm gegeben/ und nachdem solches geschehen/ auffzustehen/ und miteinander auß dem Hauß zu gehen gemüssiget. Unter der Thür sagte der Obrist Leutenant zu mir [366] und seiner Tochter/ wir solten sich in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr sehen lassen. Jch aber/ als ich mich wieder erholt/ und den Degen auch an der Seiten hatte/ antwortet gleichsam im Schertz: Jch weiß nicht/ Herꝛ Schwehrvatter/ warumb er alles so widersinns anstellt/ wenn andere neue Eheleut copulirt werden/ so führen sie die nächste Verwandte schlaffen/ er aber jagt mich nach der Copulation nit allein auß dem Bett/ sondern auch gar auß dem Hauß/ und an statt deß Glücks/ das er mir in Ebestand wünschen solte/ will er mich nicht so glückseelig wissen/ meines Schwehers Angesicht zu sehen/ und ihm zu dienen; Warlich/ wenn dieser Brauch auffkommen solte/ so würden die Verebelichungen wenig Freundschafft mehr in der Welt stifften.

Das XXII. Capitel.

DJe Leut in meinem Losament verwunderten sich alle/ da ich diese Jungfer mit mir heim brachte/ und noch vielmehr/ da sie sahen/ daß sie so ungescheut mit mir schlaffen gieng; dann ob mir zwar dieser Poß/ so mir widerfahren/ grandige Grillen in Kopff brachte/ so war ich doch so närꝛisch nit/ meine Braut zu verschmähen; ich hatte zwar die Liebste im Arm/ hingegen aber tausenderley Gedancken im Kopff/ wie ich mein Sach heben und legen wolte; bald gedacht ich/ es ist dir recht geschehen/ und bald vermeynt ich/ es wäre mir der allergröste Schimpff von der Welt widerfahren/ welchen ich ohne billiche Rach mit Ehren nicht verschmirtzen könte: Wann ich aber besanne/ daß solche Rach wider meinen Schwebrvatter/ und also auch wider meine unschuldige from̃e Liebste [367] lauffen müste/ sielen alle meine Anschläg. Jch schämte mich so sehr/ daß ich mir vor nam/ mich einzuhalten/ und vor keinem Menschen mehr sehen zu lassen/ befande aber/ daß ich alsdann erst die allergröste Narꝛheit begehen würde. Endlich war mein Schluß/ ich wolte vor allen Dingen meines Schwehr-Vattern Freundschafft wieder gewinnen/ und mich im übrigen gegen jederman anlassen/ als ob mir nichts übels widerfahren/ und wegen meiner Hochzeit alles wol außgerichtet hätte. Jch sagte zu mir selber/ weil alles auff ein seltzame ungewöhnliche Weis sich geschickt und seinen Anfang genommen/ so mustu es auch auff solche Gattung außmachen/ solten die Leut erfahren/ daß du Verdruß an deinem Heurath hättest/ und wider deinen Willen copulirt worden wärest/ wie ein arme Jungfer an einen alten reichen Ehekrippel/ so hättestu nur Spott darvon.

Jn solchen Gedancken ließ ich mir früh tagen/ wiewol ich lieber länger im Bett verblieben wäre; Jch schickte am allerersten nach meinem Schwager/ der meines Weibs Schwester hatte/ und hielt ihm kurtz vor/ wie nahe ich ihm verwandt worden/ ersuchte ihn darneben/ er wolte seine Liebste kommen lassen/ umb etwas zurichten zu helffen/ damit ich den Leuten auch bey meiner Hochzeit zu essen geben könte/ Er aber wolte belieben/ unsern Schwehr und Schwiger meinet wegen zu begütigen/ so wolte ich indessen außgehen/ Gäste zu bitten/ die den Frieden zwischen mir und ihm vollends machten. Solches nam er zu verrichten auff sich/ und ich verfügte mich zum Commandanten/ dem erzehlte ich mit einer kurtzweiligen und artlichen Manier/ was ich und mein[368] Schwehr-Vatter vor ein neue Mode angefangen hätten/ Hochzeit zu machen/ welche Gattung so geschwind zugehe/ daß ich in einer Stund die Heurats-Abred/ den Kirchgang/ und die Hochzeit auff einmal vollzogen/ allein weil mein Schwehrvatter die Morgensupp gesparet hätte/ wäre ich bedacht/ an deren statt ehrlichen Leuten von der Specksuppen mitzutheilen/ zu deren ich ihn underthänig eingeladen haben wolte. Der Commandant wolte sich meines lustigen Vortrags schier zu Stückern lachen/ und weil ich sahe/ daß sein Kopff recht stunde/ ließ ich mich noch freyer herauß/ und entschuldigte mich deßwegen/ daß ich nothwendig jetzt nit wol klug seyn müste/ weil andere Hochzeiter 4. Wochen vor und nach der Hochzeit nit recht bey Sinnen seyen; andere Hochzeiter zwar hätten vier Wochen Zeit/ in welchen sie allgemach ihre Thorheiten unvermerckt herauß lassen/ und also ihren Mangel an der Witz zimlich verbergen könten; weil mich aber die gantze Bräuterey vollkom̃en überfallen/ so müste ich auch die Narꝛnpossen häuffig fliegen lassen/ damit ich mich hernach desto vernünfftiger im Ehestand anlassen könte. Er fragte mich/ wie es mit der Heurats Notul beschaffen wäre/ und wie viel mir mein Schwehrvatter Füchse/ deren der alte Schabhals viel hätte/ zum Heurat-Gut gebe? Jch antwortet/ daß unser Heurats Abred nur in einem Puncten bestünde/ der laute/ daß ich und seine Tochter sich in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr solten sehen lassen/ dieweil aber weder Norarien noch Zeugen dabey gewesen/ hoffe ich/ er solte wider revocirt werden/ vornemlich weil alle Heurat zu Fortpflantzung guter Freund schafft gestifft würden/ es wäre deñ Sach/[369] daß er mir seine Tochter/ wie Pythagoras die seinige verheuratet hätte/ so ich aber nimmermehr glauben könte/ weil ich ihn meines Wissens niemal beleydigt.

Mit solchen Schwäncken/ deren man an mir diß Orts sonst nicht gewohnt war/ erhielte ich/ daß der Commandant sampt meinem Schwehrvatter/ welchen er hierzu wol persuadiren wolte/ bey meiner Specksuppen zu erscheinen versprach: Er schickt auch gleich ein Faß Wein/ und einen Hirsch in meine Küchen/ ich aber liesse der gestalt zurichten/ als ob ich Fürsten hätte tractiren wollen/ brachte auch ein anfehenliche Gesellschafft zu wegen/ die sich nit allein brav miteinander lustig machten/ sondern auch vor allen Dingen meinen Schwehrvatter und Schwiger dergestalt mit mir und meinem Weib versöhneten/ daß sie uns mehr Glücks wünschten/ als sie uns die vorige Nacht fluchten. Jn der gantzen Statt aber wurde außgesprengt/ daß unsere Copulation mit Fleiß auff so ein fremde Gattung angestellt worden wäre/ damit uns beyden kein Poß von bösen Leuten widerfahre; mir aber war diese schnelle Hochzeit trefflich gesund/ dann wann ich doch verehelichet/ und gemeinem Gebrauch nach über die Cantzel hätte abgeworffen werden sollen/ so hätten sich besorglich Schleppsäck gefunden/ die mir ein verhinderliches Gewirꝛ drein zu machen unterstanden/ dann ich hatte solcher unter den Burgers-Töchtern ein gantz halb Dutzet/ die mich mehr als allzuwol kanten.

Den andern Tag tractirte mein Schwehrvatter meine Hochzeitgäst/ aber bey weitem nit so wol als ich/ denn er war karg/ da wurde erst mit mir geredt/ was ich vor eine Handierung treiben/ und wie ich die [370] Haußhaltung anstellen wolte/ da merckte ich erst/ daß ich meine edle Freyheit verloren hatte/ und unter einer Bottmässigkeit leben solte. Jch liesse mich gar gehorsamlich an/ und begehrte zuvor meines lieben Schwehrvattern als eines verständigen Cavalliers, getreuen Rath zu vernehmen/ und dem zu folgen/ welche Antwort der Commandant lobte/ und sagte/ dieweil er ein junger frischer Soldat ist/ so wäre es ein grosse Thorheit/ wañ er mitten in jetzigen Kriegsläufften ein anders/ als das Soldaten-Handwerck zu treiben/ vor die Hand nehme/ es ist weit besser/ sein Pferd in eines andern Stall zu stellen/ als eines andern in dem seinigen zu füttern; Was mich anbelangt/ so will ich ihm ein Fähnlein geben/ wann er will. Mein Schwehr und ich bedanckten sich/ und ich schl[u]gs nit mehr auß wie zuvor/ wiese doch dem Commandanten deß Kauffmanns Handschrifft/ der meinen Schatz zu Cöln in Verwahrung hat/ dieses/ sagte ich/ muß ich zuvor holen/ ehe ich Schwedische Dienst annehme/ dann solte man gewahr werden/ daß ich ihrem Gegentheil dienete/ so werden sie mir zu Cöln die Feige weisen/ und das meinige behalten/ welches sich so leichtlich nicht im Weg finden läst: Sie gaben mir beyde recht/ und wurde also zwischen uns dreyen abgeredt/ zugesagt und beschlossen/ daß ich in wenig Tagen mich nach Cöln begeben/ meinen Schatz dort erheben/ mich nach gehends wieder damit in der Vestung einstellen/ und ein Fähnlein annehmen solte; darbey wurde auch ein Tag ernennet/ an welchem meinem Schwehrvatter eine Compagnie sampt der Obrist Leutenant-Stelle bey deß Commandanten Regiment übergeben werden solte/[371] dann sintemal der Graf von Götz damals mit vielen Käiserlichen Völckern in Westphalen lag/ und sein Quartier zu Dortmund hatte/ versahe sich der Commandant auff den künfftigen Frühling einer Belägerung/ und bewarbe sich dahero umb gute Soldaten/ wiewol diese Sorg vergeblich war/ dieweil ermeldter Graf von Götz/ weil Johann de Werd im Brißgäu geschlagen worden/ selbigen Frühling Westphalen quittiren/ und am Ober-Rheinstrom wegen Breysach wider den Fürsten von Weymar agiren muste.

Das XXIII. Capitel.

ES schickt sich ein Ding auff mancherley Weis/ deß einen Unstern kompt Staffelweis und allgemach/ und einen andern überfällt das Seinige mit Hauffen; das meinige aber hatte einen so süssen und angenehmen Anfang/ daß ich mirs wol vor kein Unglück/ sondern vor das höchste Glück rechnete. Kaum über acht Tag hatte ich mit meinem lieben Weib im Ehestand zugebracht/ da ich in meinem Jägerkleid/ mit einem Feur-rohr auff der Achsel/ von ihr und ihren Freunden meinen Abschied nam/ ich schliche mich glücklich durch/ weil mir alle Weg bekant/ also daß mir keine Gefahr unterwegs auffstiesse/ ja ich wurde von keinem Menschen gesehen/ biß ich nacher Dütz/ so gegen Cöln über/ dißseits Rhein ligt/ vor den Schlagbaum kam. Jch aber sahe viel Leut/ sonderlich einen Bauren im Bergischen Land/ der mich allerdings an meinen Knan im Spessert gemahnte/ sein Sohn aber dessen Simplicio sich am besten vergliche. Dieser Baurenbub hütete der Schwein/ als [372] ich bey ihm vorüber passiren wolte/ und weil die Säu mich spürten/ fiengen sie an zu gruntzen/ der Knab aber über sie zu fluchen daß sie der Donner und Hagel erschlagen/ und de Tüfel dartoo halen solte; das hörte die Magd/ und schrye dem Jungen zu/ er solte auffhören zu fluchen/ oder sie wolts dem Vatter sagen: Deren antwortet der Knab/ sie solte ihn im Hindern lecken/ und ihre Mour dartoo brühen; Der Baur hörte seinem Sohn gleichfalls zu/ lieffe derowegen mit seinem Brügel auß dem Hauß/ und schrye: Halt du hundert tausend ꝛc. Schelm/ ick sall di lehren sweren/ de Hagel schla di dann/ dat di der Tüfel int Liff fahr/ erwischt ihn darmit bey der Cartausen/ brůgelt ihn wie ein Tantzbeeren/ und sagte zu jedem Streich: Du böse Bof/ ick sall di leeren floeken/ de Tüfel hal di dann/ ick sall di im Arse lecken/ ick sall di leeren dine Mour brůhen/ ꝛc. Diese Zucht erinnert mich natürlich an mich und meinen Knan/ und ich war doch nicht so ehrlich oder gottselig/ daß ich GOtt gedanckt hätte/ weil er mich auß solcher Finsternus und Ignoranz gezogen/ und zu einer bessern Wissenschafft und Erkantnus gebracht/ warum wolte dañ mein Glück/ das er mir täglich zuschickt/ in die Länge haben harren können? Da ich nun nach Cöln kam/ kehrte ich bey meinem Jupiter ein/ so damals gantz klug war; Als ich ihm nun vertraute/ warumb ich da wäre/ sagte er mir gleich/ daß ich besorglich läer Stroh dreschen würde/ weil der Kauffmann/ dem ich das meinige auffzuheben geben/ Bancquerot gespielt/ und außgerissen wäre/ zwar seyen meine Sachen Obrigkeitlich petschirt/ er selbst aber/ sich wieder einzustellen/ [373] citirt worden/ aber man zweiffle sehr an seiner Wiederkunfft/ weil er das beste so fort zu bringen gewesen/ mit sich genommen/ biß nun die Sach erörtert würde/ könte viel Wasser den Rhein hinunder lauffen. Wie angenehm mir diese Bottschafft war/ kan ein jeder leicht ermessen; ich fluchte ärger als ein Fuhrmann/ aber was halffs/ ich hatte drumb meine Sache nit wieder/ und über das keine Hoffnung/ solche zu bekommen; so hatte ich auch über 10. Thaler Zehrgelt nit zu mir genommen/ daß ich also mich nit so lang auffhalten konte/ als es die Zeit erforderte. Uber das hatte es auch Gefahr auff sich/ so lange da zu bleiben/ dann ich muste sorgen/ daß/ weil ich einer feindlichen Guarnison zugethan wäre/ ich verkundschafft würde/ und also nicht allein gar umb das meinige/ sondern noch darzu in grössere Ungelegenheit kommen/ solte ich dann unverꝛichter Sach wieder zurück/ das meinige muthwillig dahinden lassen/ und den Hingang vor den Hergang haben/ das dünckte mich auch nicht rathsam seyn. Zuletzt wurde ich mit mir selber eins/ ich wolte mich in Cöln auffhalten/ biß die Sach erörtert würde/ und die Ursach meines Außdleibens meiner Liebsten berichten/ verfügte mich demnach zu einem Procurator der ein Notarius war/ und erzehlte ihm mein Thun/ bat ihn/ mir umb die Gebühr mit Rath und That beyzuspringen/ ich wolte ihm neben dem Tax, wenn er meine Sach beschleunigte/ mit einer guten Verehrung begegnen. Weil er dann hoffte/ es würde an mir etwas zu fischen seyn/ nam er mich gutwillig an/ und dingte mich auch in die Kost/ darauff gienge er andern Tags mit mir zu den jenigen Herꝛen/ welche die Falliments-Sachen[374] zu erörtern haben/ gab vidimirte Copey von deß Kauffmanns Handschrifft ein/ und legte das Original vor/ worauff wir zur Antwort bekamen/ daß wir uns biß zu gäntzlicher Erörterung der Sach patientiren müsten/ weil die Sachen/ davon die Handschrifft sage/ nicht alle vorhanden wären.

Also versahe ich mich deß Müssiggangs wider auff ein Zeitlang/ biß ich sehen wolte/ wie es in grossen Stätten hergehet; mein Kost-Herꝛ war/ wie gehört/ ein Notarius und Procurator, darneben hatte er etwan ein balb Dutzet Kostgänger/ und hielte stets 8. Pferd auff der Streu/ welche er den Räisenden umbs Geld hinzuleyhen pflegte/ darbey hatte er einen Teutschen und einen Welschen Knecht/ die sich beydes zum fahren und reuten gebrauchen liessen/ und der Pferd warteten/ mit welcher drey- oder vierthalbfachen Handierung er nicht allein seine Nahrung reichlich gewann/ sondern auch ohn Zweiffel trefflich vorschlug/ dann weil keine Juden in selbige Statt kommen dörffen/ konte er mit allerley Sachen desto besser wuchern.

Jch lernete viel in der Zeit die ich bey ihm war/ vornemlich aber alle Kranckheiten kennen/ so die grösie Kunst an einem Doctor Medicinæ ist/ dann man sagt/ wenn man eine Kranckheit recht erkenne/ so sey dem Patienten schon halb geholffen. Daß ich nun solche Wissenschafft begriffe/ daran war mein Wirth Ursach/ denn von seiner Person fienge ich an/ auch auff andere und deren Complexion zu sehen. Da fand ich manchen todt[k]ranck/ der seine Kranckheit offt selbst nit wuste/ und auch von andern Menschen/ ja von den Doctoribus selbst/ vor einen Gesunden gehalten wurde. Jch fande Leut/ die waren vor Zorn kranck/ und [375] wenn sie diese Kranckheit anstieß/ so verstellten sie die Gesichter wie die Teuffel/ brülleten wie die Löwen/ kratzten wie die Katzen/ schlugen umb sich wie die Beeren/ bissen drein wie die Hund/ und damit sie sich ärger stellen möchten als die rasende Thier/ warffen sie auch mit allem das sie in die Hände kriegten/ umb sich wie die Narꝛen. Man sagt/ diese Kranckheit kom̃e von der Gall her/ aber ich glaube/ daß sie ihren Ursprung daher habe/ wenn ein Narꝛ hoffärtig seye/ derhalben wenn du einen Zornigen rasen hörest/ sonderlich über ein gering Ding/ so halt kecklich darvor/ daß er mehr stoltz als klug seye. Auß dieser Kranckheit folget unzehlich viel Unglück/ so wol dem Krancken selbst als andern; dem Krancken zwar endlich die Lähme/ Gicht/ und ein frühzeitiger/ wo nicht gar ewiger Todt! Und kan man diese Krancken/ ob sie schon gefährlich kranck seyn/ mit gutem Gewissen keine Patienten nennen/ weil ihnen die Patientz am allermeisten mangelt. Etliche sahe ich am Neid darnider ligen/ von welchen man sagt/ daß sie ihr eigen Hertz fressen/ weil sie im̃er so bleich und traurig daher tretten. Diese Kranckheit halte ich vor die aller-gefährlichste/ weil sie vom Teuffel ihren Ursprung hat/ wiewol sie von lauter Glück herꝛühret/ das deß Krancken Feind hat/ und welcher einen solchen von Grund auß curirt/ der dörffte sich bey nahe rühmen/ er hätte einen Verlornen zum Christlichen Glauben bekehrt/ weil diese Kranckheit keinen rechtschaffenen Christen anstöst/ als die da nur die Sünd und Laster neiden. Die Spielsucht halte ich auch vor eine Kranckheit/ nicht allein weil es der Nahm mit sich bringt/ sondern weil die jenige so damit behafftet/ gantz gifftig darauff [376] verpicht seyn. Diese hat ihren Ursprung vom Müssiggang/ und nicht vom Geitz/ wie etliche vermeynen/ und wenn du Wollust und Müssiggang hinweg nimmest/ vergehet diese Kranckheit von sich selbst. So befand ich/ daß Fressen und Sauffen auch ein Kranckheit ist/ und daß solche auß der Gewonheit/ und nicht auß dem Uberfluß herkompt/ Armuth ist zwar gut darvor/ aber sie wird dardurch nicht von Grund auß geheylet/ dann ich sahe Bettler im Luder/ und reiche Filtz Hunger leiden/ sie bringt ihre Artzney auff dem Rucken mit sich/ der heist Mangel/ wo nit am Gut/ doch an der übrigen Gesundheit deß Leibs/ also daß endlich diese Krancke gemeiniglich von sich selbst gesund werden müssen/ wenn sie nemlich entweder auß Armut oder anderer Kranckheit halber nit mehr zehren können. Die Hoffart hielte ich vor eine Art der Phantasterey/ welche ihren Ursprung auß der Unwissenheit habe/ dann wann sich einer selbst kennet/ und weiß wo er her ist/ und endlich hin kompt/ so ists unmüglich/ daß er mehr so ein hoffärtiger Narꝛ seyn kan. Wenn ich einen Pfauen oder Welschen Hanen sehe/ der sich außspreitet/ und so etwas daher kollert/ muß ich mich vernarꝛen/ daß diese unvernünfftige Thier dem armen Menschen in seiner grossen Kranckheit so artlich spotten können; ich hab kein sonderliche Artzney darwider finden können/ weil diese so daran kranck ligen/ ohne die Demut eben so wenig als andere Narꝛen zu curiren seyn. Jch fande auch/ daß Lachen eine Kranckheit ist/ dann Philemon ist ja dran gestorben/ und Democritus ist biß an sein End damit inficirt gewest. So sagen auch noch auff den heutigen Tag unsere Weiber/ Sie möchten sich zu todt lachen! [377] Man sagt/ es habe seinen Ursprung von der Leber/ aber ich glaube ehender/ es kom̃e auß übriger Thorheit her/ sintemal viel Lachen kein Anzeigen eines vernünfftigen Manns ist. Es ist unvonnöthen/ eine Artzney darwider zu verordnen/ weil es nicht allein eine lustige Kranckheit ist/ sondern auch manchem vergehet/ ehe ers gern hat. Nicht weniger merckte ich/ daß der Fürwitz auch eine Kranckheit/ und sonderlich dem Weiblichen Geschlecht schier angeboren seye; ist zwar gering anzusehen/ aber in Warheit sehr gefährlich/ massen wir noch alle an unserer ersten Mutter Curiosität zu däuen haben. Von den übrigen/ als Faulheit/ Rachgier/ Eyfer/ Frevel/ Gebrechen der Lieb/ und andern dergleichen Kranckheiten und Lastern/ will ich vor dißmal schweigen/ weil ich mir niemals vorgenommen/ etwas davon zu schreiben/ sondern wieder auff meinen Kost-Herꝛn kommen/ der mir Ursach gab/ dergleichen Gebrechen nachzusinnen/ weil er vom Geitz biß auffs äusserste Haar eingenommen und besessen war.

Das XXIV. Capitel.

DJeser hatte/ wie obgemeldt/ unterschidliche Handierungen/ dadurch er Geld zusammen kratzte/ er zehrte mit seinen Kostgängern/ und seine Kostgänger nit mit ihm/ und er hätte sich und sein Haußgesind mit dem jenigen was sie ihm eintrugen/ gar reichlich ernehren können/ wenns der Schindhund nur darzu hätte angewendet/ aber er mästete uns auff Schwäbisch/ und hielte gewaltig zurück; Jch asse anfangs nit mit seinen Kostgängern/ sondern mit seinen Kindern und Gesind/ weil ich nit viel Geld bey mir hatte/ [378] da setzte es schmale Bißlein/ so meinem Magen/ der nunmehr zu den Westphälischen Tractamenten gewehnet war/ gantz Spanisch vorkam/ kein gut stück Fleisch kriegten wir auff den Tisch/ sondern nur das jenige/ so acht Tag zuvor von der Studenten Tafel getragen/ von denselben zuvor überall wol benagt/ und nunmehr vor Alter so grau als Mathusalem woꝛden war; darüber machte dann die Kostfrau (welche die Küche selbst versehen muste/ denn er dingte ihr keine Magd) ein schwartze saure Brüh/ und überteuffelts mit Pfeffer/ da wurden dann die Beiner so sauber abgeschleckt/ daß man alsbald Schachstein darauß hätte drehen können/ und doch waren sie alsdañ noch nit recht außgenutzt/ sondern sie kamen in einen hierzu verordneten Behalter/ und wenn unser Geitzhals deren ein Quantität beysammen hatte/ musten sie erst klein zerhackt/ und das übrige Fett biß auff das aller-äusserste herauß gesotten werden/ nicht weiß ich/ wurden die Suppen darauß geschmältzt/ oder die Schuh damit geschmiert. An den Fasttägen/ deren mehr als genug einfielen/ und alle solenniter gehalten wurden/ weil der Haußvatter dißfalls gar gewissenhafft war/ musten wir uns mit stinckenden Bückingen/ versaltznen Polchen/ faulen Stock- und andern abgestandenen Fischen herumb beissen/ dann er kieffe alles der Wolfeile nach/ und ließ sich die Mühe nicht dauren/ zu solchem Ende selbst auff den Fischmarckt zu gehen/ und anzupacken/ was jetzt die Fischer außzuschmeissen im Sinn hatten. Unser Brod war gemeiniglich schwartz und altbachen/ der Tranck aber ein dinn saur Bier/ das mir die Därm hätte zerschneiden mögen/ und muste doch gut abgelegen Mertzen-Bier [379]heissen. Uber das vernam ich von seinem Teutschen Knecht/ daß es Sommerszeit noch schlimmer hergehe/ dann da sey das Brod schimlich/ das Fleisch voller Würm/ und ihre beste Speisen wäre irgends zu Mittags ein paar Rettig/ und auff den Abend eine Hand voll Salat. Jch fragte/ warumb er dann bey dem Filtz bleibe? da antwort er mir/ daß er die meiste Zeit auff der Räis seye/ und derhalben mehr auff der Räisenden Trinckgelter/ als seinen SchimmelJuden bedacht seyn müste; er getraute seinem Weib und Kindern nicht in Keller/ weil er ihm selbsten den Tropff-Wein kaum gönnete/ und seye in Summa ein solcher Geld-Wolff/ dergleichen kaum noch einer zu finden/ das so ich bißher gesehen/ sey noch nichts/ wenn ich noch ein Weil da verbliebe/ würde ich gewahr nehmen/ daß er sich nicht schäme/ einen Esel umb ein Fettmönch zu schinden. Einsmals brachte er sechs Pfund Sültzen oder Rindern Kuttlen heim/ das setzte er in seinen Speiß Keller/ und weil zu seiner Kinder grossem Glūck das Tagfenster offen stund/ banden sie ein Eßgabel an einen Stecken/ und angelten damit alle Kuttelfleck herauß/ welche sie also halb gekocht in grosser Eyl verschlangen/ und vorgaben/ die Katz hätte es gethan; Aber der Erbsenzehler wolt es nit glauben/ fieng derhalben die Katz/ wog sie/ und befand/ daß sie mit Haut und Haar nicht so schwer war/ als seine Kuttlen gewesen. Weil er dann so gar unverschämt handlete/ als begehrte ich nit mehr an seiner Leute/ sondern an gemeldter Studenten Tafel/ es koste auch was es wolle/ zu essen/ worbey es zwar etwas herꝛlicher hergieng/ wurde mir aber wenig damit geholffen/ dann alle Speisen die man uns für [380] setzte/ waren nur halb gar/ so unserm Kostherꝛn an 2. Orten zu paß kam/ erstlich am Holtz/ so er gespart/ und daß wir nit so viel verdanen konten; über das so dünckte mich/ er zehlte uns alle Mund voll in Hals hinein/ und kratzte sich hindern Ohren/ weñ wir recht fütterten; sein Wein war zimlich gewässert/ und nit der Art/ die Däuung zu befördern; der Käß/ den man am End jeder Mahlzeit auffstellte/ war gemeinlich Steinhart/ die Holländische Butter aber dermassen versaltzen/ daß keiner über ein Loth darvon auff einen Jmbis geniessen konte/ das Obs muste man wol so lang auff und abtragen/ biß es mürb/ und zu essen tauglich war/ wann dann etwan ein oder ander darauff stichelte/ so fieng er einen erbärmlichen Hader mit seinem Weib an/ daß wirs hörten/ heimlich aber befahl er ihr/ sie solte nur bey ihrer alten Geigen bleiben. Einsmals brachte ihm einer von seinen Clienten einen Hasen zur Verehrung/ den sahe ich in der Speißkam̃er hangen/ und gedachte/ wir würden einmal Wildpret essen dörffen/ aber der Teutsche Knecht sagte mir/ daß er uns nicht an die Zähn brennen würde/ dann sein Herꝛ hätte den Kostgängern außgedingt/ daß er so keine Schnabelwaid speisen dörffte/ ich solte nur Nachmittag auff den Alten Marck gehen/ und sehen/ ob ich ihn nit dorten zu verkauffen finden würde: Darauff schnitte ich dem Hasen ein Stücklein vom Ohr/ und als wir über dem Mittag-Jmbiß sassen/ und unser Kostherꝛ nicht bey uns war/ erzehlte ich/ daß unser Geitzhals ein Hasen zu verkauffen hätte/ umb den ich ihn zu betrügen gedächte/ wenn mir einer auß ihnen folgen wolte/ also daß wir nicht allein Kurtzweil anrichten/ sondern den Hasen selbst kriegen[381] wollen; Jeder sagte ja/ denn sie hätten unserm Wirth gern vorlängst ein Schabernack angethan/ dessen er sich nit beklagen dörffte. Also verfügten wir uns den Nachmittag an den jenigen Ort/ den ich vom Knecht erlernt hatte/ da unser Kostherꝛ zu siehen pflegte/ wenn er so etwas zu verkauffen hingab/ umb auffzupassen/ was der Verkäuffer lösete/ damit er nicht etwan umb ein Fettmönch betrogen würde. Wir sahen ihn bey vornehmen Leuten/ mit denen er discurirte; ich hatte einen Kerl angestellt/ der gieng zu dem Hocken/ der den Hasen verkauffen solte/ und sagte: Landsmann/ der Has ist mein/ und ich nimm ihn als ein gestolen Gut auff Recht hinweg/ er ist mir heunt Nacht von meinem Fenster hinweg gefischt worden/ und läst du ihn nicht gutwillig folgen/ so gebe ich auff deine Gefahr und Unrechts Kosten mit dir hin/ wo du wilt; Der Unterkäuffer antwort/ er solte sehen/ was er zu thun hätte/ dort stünde ein vornehmer Herꝛ/ der ihm den Hasen zu verkauffen geben hätte/ welcher ihn ohn Zweiffel nicht gestolen haben würde: Als nun diese zween so Wortwechselten/ bekamen sie gleich einen Umbstand/ so unser Geitzhals stracks in acht name/ und hörte/ wie viel die Glock schlug/ winckte derowegen dem Unterkäuffer/ daß er den Hasen folgen lassen solte/ weil er wegen der vielen Kostgänger noch mehr Schimpff besorgte. Mein Kerl aber/ den ich hierzu angestellt hatte/ wuste dem Umbstand gar artlich das Stück vom Ohr zu weisen/ und dasselbe in dem Ritz zu messen/ daß ihm also jederman recht gab/ und den Hasen zusprach. Jndessen näherte ich mich auch mit meiner Gesellschafft/ als ob wir ungefähr daher kämen/ stunde an dem Kerl der den Hasen hatte/ und[382] fieng an mit ihm darumb zu marcken; und nachdem wir deß Kauffs eins wurden/ stellt ich den Hasen meinem Kost-Herꝛn zu/ mit Bitt/ solchen mit sich heim zu nehmen/ und auff unsern Tisch zurichten zu lassen/ dem Kerl aber/ den ich hierzu bestellt/ gab ich an statt der Bezahlung vor den Hasen/ ein Trinckgelt zu zwey Kannen Bier. Also muste uns unser Geitzhals den Hasen wider seinen Willen zukommen lassen/ und dorffte noch darzu nichts sagen/ dessen wir genug zu lachen hatten/ und wenn ich länger in seinem Hauß hätte verbleiben sollen/ wolte ich ihm noch viel dergleichen Stücklein bewiesen haben.

ENDE deß III. Buchs.

 




 

[383]

Abentheurlicher Simplicissimus Teutsch: Das Vierte Buch.

Das Erste Capitel.

Allzuscharff macht scharttig/ und wenn man den Bogen überspannet/ so muß er endlich zerbrechen; der Poß/ den ich meinem KostHerꝛn mit dem Hasen risse/ war mir nicht genug/ sondern ich unterstunde noch mehr seinen unersättlichen Geitz zu straffen/ ich lernete seine Kostgänger/ wie sie die versaltzene Butter wässern/ und dardurch das überflüssige Saltz herauß ziehen/ die harte Käß aber/ wie die Parmesaner/ schaben/ und mit Wein anfeuchten solten/ welches dem Geitzhals lauter Stich ins Hertz waren; ich zog durch meine Kunststück über Tisch das Wasser auß dem Wein/ und machte ein Lied/ in welchem ich den Geitzigen einer Sau vergliche/ von welcher man nichts guts zu hoffen/ biß sie der Metzger todt auff dem Schragen ligen hätte. Damit verursachte ich/ daß er mich mit folgender Untreu wieder brav bezahlte/ weil ich solche Sachen in seinem Hauß zu üben nicht bestellt war.

Die zween Junge von Adel bekamen einen Wexel/ und Befelch von ihren Eltern/ sich in Franckreich zu [387] begeben/ und die Sprach zu lernen/ eben als unsers Kost-Herꝛn Teutscher Knecht anderwerts auff der Räis war/ und dem Welschen (sagt unser Kostherꝛ) dörffte er die Pferd in Franckreich nicht vertrauen/ weil er ihn noch nit recht kennete/ denn er besorgte/ wie er vorgab/ er möchte das Wiederkom̃en vergessen/ und ihn umb die Pferd bringen; bat mich derowegen/ ob ich ihm nicht den grossen Dienst thun/ und beyde Edelleut mit seinen Pferden/ weil ohne das meine Sach in 4. Wochen noch nicht erörtert werden könte/ nach Pariß führen wolte? Er hingegen wolte indessen meine Geschäfften/ wenn ich ihm deßwegen vollkom̃enen Gewalt geben würde/ so getreulich befördern/ als ob ich persöhnlich gegenwärtig wäre. Die von Adel ersuchten mich deßwegen auch/ und mein eigener Fürwitz/ Franckreich zu besehen/ riethe mir solches gleichfalls/ weil ichs jetzt ohne sondern Unkosten thun konte/ und ich ohne das die vier Wochen auff der faulen Bernhaut da ligen/ und noch Geld darzu verzehren müste: Also machte ich mich mit diesen Edelleuten an statt eines Postilionen auff den Weg/ auff welchem mir nichts merckwürdiges zu handen stiesse: Da wir aber nach Pariß kamen/ und bey unsers Kost-Herꝛn Correspondenten/ bey dem die Edelleut auch ihren Wexel empfiengen/ einkehrten/ wurde ich den andern Tag nit allein mit den Pferden arrestirt/ sondern der jenige/ so vorgab/ mein Kost-Herꝛ wäre ihm ein Sum̃a Gelds zu thun schuldig/ griffe mit Gutbeissung desselben ViertelsCommissario zu/ und versilberte die Pferd/ Gott geb/ was ich darzu sagte; Also saß ich da/ wie Matz von Dreßden/ und wuste mir selbst nicht zu helffen/ viel[388] weniger zu rathen/ wie ich einen so weiten und damals sehr unsichern Weg wieder zurück kom̃en solte. Die von Adel bezeugten ein groß Mitleiden mit mir/ und verehrten mich desto ehrlicher mit einem guten Trinckgelt/ wolten mich auch nicht ehender von sich lassen/ biß ich entweder einen guten Herꝛn/ oder eine gute Gelegenheit hätte/ wieder in Teutschland zu kommen: Sie dingten ihnen ein Losament/ und ich hielte mich etlich Tag bey ihnen auff/ damit ich dem einen/ so wegen der fernen Räis/ deren er nicht gewohnt/ etwas unpäßlich worden/ außwartete. Und demnach ich mich so fein anliesse/ schenckt er mir sein Kleid/ so er ablegte/ dann er sich auff die neue Mode kleiden liesse. Jhr Rath war/ ich solte nur immer ein paar Jahr in Pariß bleiben/ und die Sprach lernen/ das ich zu Cöln zu holen hätte/ würde mir nicht entlauffen. Da ich nun so in der Wahl stunde/ und noch zweiffelte/ was ich thun wolte/ hörte mich einsmals der Medicus, so meinen krancken Junckern zu curiren alle Tag zu uns kame/ auff der Lauten schlagen/ und ein Teutsch Liedlein darein singen/ das ihm so wol gefiele/ daß er mir ein gute Bestallung anbotte/ sampt sei[ne]m Tisch/ da ich mich zu ihm begeben/ und seine 2. Söhn unterꝛichten wolte/ dañ er wuste schon besser wie mein Handel stunde/ als ich selbst/ und daß ich einen guten Herꝛn nit außschlagen würde: Also wurden wir deß Handels miteinander bald eins/ weil beyde Edelleute das beste darzu redeten/ und mich trefflich recommendirten/ ich verdingte mich aber nit länger/ als von einem Vierteljahr zum andern.

Dieser Doctor redte so gut Teutsch/ als ich/ und das Jtaliänisch/ wie seine Muttersprach/ derhalben [389] versprach ich mich desto lieber zu ihm. Als ich nun die Letze zehrte mit meinen Edelleuten/ war er auch darbey/ und mir giengen üble Grillen im Kopff herumb/ dann da lag mir mein frisch-genommen Weib/ mein versprochen Fähnlein/ und mein Schatz zu Cöln im Sinn/ von welchem allem ich mich so leichtfertig hinweg zu begeben bereden lassen/ und da wir von unsers gewesten Kost-Herꝛn Geitz zu reden kamen/ fiele mir zu/ und ich sagte auch über Tisch: Wer weiß/ ob vielleicht unser Kost-Herꝛ mich nicht mit Fleiß hieher practicirt/ damit er das Meinig zu Cöln erheben und behalten möge: Der Doctor antwort/ das könne wol seyn/ vornemlich wann er glaube/ daß ich ein Kerl von geringem Herkom̃en sey; Nein/ antwort der eine Edelmann/ wenn er zu solchem End hieher geschickt worden ist/ daß er hier bleiben solle/ so ists darumb geschehen/ weil er ihm seines Geitzes wegen so viel Drangsal anthäte. Der Krancke fieng an/ Jch glaub aber ein andere Ursach; Als ich neulich in meiner Kammer stunde/ und unser Kost-Herꝛ mit seinem Welschen ein laut Gespräch hielte/ horchte ich/ warumbs doch zu thun seyn möchte? und vernam endlich auß deß Welschen geradbrechten Worten: Der Jäger verfuchsschwäntzte ihn bey der Frauen/ und sage/ er warte der Pferd nicht recht! Welches aber der eyfersichtige Gauch/ wegen seiner üblen Redkunst/ unrecht/ und auff etwas unehrlichs verstunde/ und derowegen dem Welschen zusprach/ er solte nur b[l]eiben/ der Jäger müsse bald hinweg. Er hat auch seitber sein Weib scheel angesehen/ und mit ihr viel ernstlicher gekollert/ als zuvor/ so ich an dem Narꝛn mit Fleiß in acht genommen.

[390]

Der Doctor sagte/ es sey geschehen auß was vor einer Ursach es wolle/ so laß ich wol gelten/ daß die Sach so angestellt worden/ daß er hier bleiben muß; Er lasse sich aber das nicht irꝛen/ ich will ihm schon wieder mit guter Gelegenheit nach Teutschland verhelffen/ er schreibe ihm nur/ daß er den Schatz wol beobachte/ sonst werde er scharffe Rechenschafft darumb geben müssen. Diß gibt mir einen Argwohn/ daß es ein angestellter Handel sey/ weil der jenige/ so sich vor den Creditor dargeben/ eners Kostherꝛn und seines hiesigen Correspondenten sehr guter Freund ist/ und ich will glauben/ daß ihr die Obligation, Krafft deren er die Pferd angepackt und verkaufft hat/ jetzt erst mit euch gebracht habt.

Das II. Capitel.

MOnsigneur Canard, so hieß mein neuer Herꝛ/ erbotte sich/ mir mit Rath und That beholffen zu seyn/ damit ich deß Meinigen zu Cöln nicht verlustigt würde/ dann er sahe wol/ daß ich traurig war. So bald er mich in seine Wohnung brachte/ begehrte er/ ich wolte ihm erzehlen/ wie meine Sachen beschaffen wären/ damit er sich drein finden/ und Rathschläg ersinnen könte/ wie mir am besten zu helffen seye. Jch gedachte wol/ daß ich nicht viel gülte/ weñ ich mein Herkommen öffnen solte/ gab mich derhalben vor einen armen Teutschen Edelmann auß/ der weder Vatter noch Mutter/ sondern nur noch etliche Verwandte in einer Vestung hätte/ darin Schwedische Guarnison lege. Welches ich aber vor meinem Kost-Herꝛn und beyden von Adel/ als welche Käis. Partey hielten/ verborgen halten müssen/ damit sie [391] das Meinige/ als ein Gut so dem Feind zuständig/ nit an sich zögen: Meine Meynung wäre/ ich wolte an den Commandanten bemeldter Vestung schreiben/ als unter dessen Regiment ich die Stell eines Fähnrichs hätte/ und ihn nicht allein berichten/ was gestalten ich hieher practicirt worden/ sondern ihn auch bitten/ daß er belieben wolte/ sich deß Meinigen habhafft zu machen/ und solches biß ich wieder Gelegenheit kriege/ zum Regiment zu kommen/ indessen meinen Freunden zuzustellen. Canard befand mein Vorhaben rathsam/ und versprach mir/ die Schreiben an ihren Ort zu bestellen/ und solten sie gleich nach Mexico oder in China lauten. Demnach verfertigte ich Schreiben an meine Liebste/ an meinen SchwehrVatter/ und an den Obristen de S. A. Commandanten in L. an welchen ich auch das Copert richtete/ und ihm die übrige beyde beyschlosse: Der Jnhalt war/ daß ich mit ehistem mich wieder einstellen wolte/ da ich nur Mittel an die Hand kriegte/ ein so weite Räis zu vollenden/ und bat beydes meinen Schweher und den Obristen/ daß sie vermittels der Militiæ das meinige zu bekommen unterstehen wolten/ ehe Gras darüber wachse/ berichtete darneben/ wie viel es an Gold/ Silber und Cleinodien seye. Solche Brieff verfertigte ich in duplo, ein Theil bestellt Mons. Canard, das ander gab ich auff die Post/ damit wenn irgend das eine nicht überkäme/ jedoch das ander einlieffe. Also wurde ich wieder frölich/ und instruirte meines Herꝛn 2. Söhn desto leichter/ die als junge Printzen erzogen wurden/ dann weil Mons. Canard sehr reich/ als war er auch überauß hoffärtig/ und wolte sich sehen lassen; Welche Kranckheit er von[392] grossen Herꝛen an sich genommen/ weil er gleichsam täglich mit Fürsten umbgieng/ und ihnen alles nachäffte; Sein Hauß war wie eines Grafen Hofhaltung/ in welcher kein anderer Mangel erschiene/ als daß man ihn nit auch einen gnäd. Herꝛn nennete/ und seine Imagination war so groß/ daß er auch einem Marquis, da ihn etwan einer zu besuchen kam/ nicht höher/ als seines gleichen tractirte; er theilte zwar geringen Leuten auch von seinen Mitteln mit/ er nam aber kein gering Geld/ sondern schenckte ihnen eher ihre Schuldigkeit/ damit er einen grossen Nahmen haben möchte. Weil ich zimlich cueios war/ und wuste/ daß er mit meiner Person prangte/ wenn ich neben andern Dienern hinder ihm her tratte/ und er Krancke besuchte/ als halff ich ihm auch stets in seinem Laboratorio artzneyen/ davon wurde ich zimlich gemein mit ihm/ wie er dann ohne das die Teutsche Sprach gern redete/ sagte derowegen einsmals zu ihm: Warumb er sich nit von seinem Adelichen Sitz schreibe/ den er neulich nahend Pariß umb 20000. Cronen gekaufft hätte? item/ warumb er lauter Doctores auß seinen Söhnen zu machen gedencke/ und sie so streng studiren lasse/ ob nicht besser wäre/ daß er ihnen (in dem er doch den Adel schon hätte) wie andere Cavallier, irgends Aempter kauffe/ und sie also vollkommen in den Adelichen Stand tretten lasse? Nein/ antwortet er/ wenn ich zu einem Fürsten kom̃e/ so heists: Herꝛ Doctor, er setze sich nieder; zum Edelmann aber wird gesagt: Wart auff! Jch sagte/ weiß aber der Herꝛ Doctor nicht/ daß ein Artzt dreyerley Angesichter hat/ das erste eines Engels/ wann ihn der Krancke ansichtig wird/ das ander eines GOttes/[393] wenn er h[il]fft/ das dritte eines Teuffels/ wenn man gesund ist/ und ihn wieder abschafft: Also währt solche Ehr nicht länger/ als so lang dem Krancken der Wind im Leib herumb gehet/ wenn er aber hinauß ist/ und das rumpeln auffhöret/ so hat die Ehr ein End/ und heists alsdann auch: Doctor, vor der Thür ists dein! Hat demnach der Edelmann mehr Ehr von seinem sitzen/ weil er nemlich seinem Printzen beständig auffwartet/ und die Ehr hat/ niemals von seiner Seiten zu kommen; Der Herꝛ Doctor hat neulich etwas von einem Fürsten in Mund genommen/ und demselben seinen Geschmack abgewinnen müssen/ ich wolte lieber zehen Jahr stehen und auffwarten/ ehe ich eines andern Koth versuchen wolte/ und wann man mich gleich auff lauter Rosen setzen wolte: Er antwortet/ das muste ich nicht thun/ sondern thäts gern/ damit/ wenn der Fürst sehe/ wie sauer michs ankäme/ seinen Zustand recht zu erkündigen/ meine Verehrung desto grösser würde; und warumb wolte ich dessen Koth nit versuchen/ der mir etlich hundert Pistoln darvor zu Lohn gibt/ ich aber hingegen ihm nichts gebe/ wenn er noch gar was anders von mir muß fressen? ihr redet von der Sach wie ein Teutscher/ wenn ihr aber einer andern Nation wäret/ so wolte ich sagen/ ihr hättet davon geredt wie ein Narꝛ! Mit diesem Sentenz nam ich vor lieb/ weil ich sahe/ daß er sich erzörnen wolte/ und damit ich ihn wieder auff einen guten Laun brächte/ bate ich/ er wolte meiner Einfalt etwas zu gut halten/ und brachte etwas annehmlichers auff die Bahn.

[394]

Das III. Capitel.

GLeich wie Mons. Canard mehr Wildpret hinweg zu werffen/ als mancher zu fressen hat/ der ein eigene Wildbahn vermag/ und ihm mehr zahmes verehrt wurde/ als er und die seinige verzehren konten; Also hatte er täglich viel Schmarotzer/ so daß es ihm gleich sahe/ als ob er ein freye Tafel gehalten hätte: Einsmals besuchten ihn deß Königs GeremonienMeister/ und andere vornehme Personen vom Hof/ denen er ein Fürstliche Collation darstellete/ weil er wol wuste/ wen er zum Freund behalten solte/ nemlich die jenige/ so stets umb den König waren/ oder sonst bey demselben wol stunden/ damit er nun denselben den aller-geneigtesten Willen erzeige/ und ihnen allen Lust machen möchte/ begehrte er/ ich wolte ihm zu Ehren/ und der ansehenlichen Gesellschafft zu gefallen/ ein Teutsch Liedlein in meine Laute hören lassen; ich folgte gern/ weil ich eben im Laun war/ wie dann die Musici gemeiniglich seltzame Grillenfänger sind/ beflisse mich derhalben das beste Geschirꝛ zu machen/ und contentirte demnach die Anwesende so wol/ daß der Ceremonien-Meister sagte: Es wäre immer Schad/ daß ich nit die Frantzösische Sprach könte/ er wolte mich sonst trefflich wol beym König und der Königin anbringen; mein Herꝛ aber/ so besorgte/ ich möchte ihm auß seinen Diensten entzuckt werden/ antwortet ihm/ daß ich einer von Adel seye/ und nit lang in Franckreich zu verbleiben gedächte/ würde mich demnach schwerlich vor einen Musicanten gebrauchen lassen: Darauff sagte der Ceremonien-Meister daß er sein Tag nit ein so seltene[395] Schönheit/ ein so klare Stimm/ und ein so künstlichen Lautenisten an einer Person gefunden/ es solte ehist vorm König im Louvre eine Comœdia gespielt werden/ wann er mich darzu gebrauchen könte/ so verhoffte er grosse Ehr mit mir einzulegen; Das hielt mir Mons. Canard vor/ ich antwortet ihm/ wann man mir sagt/ was vor eine Person ich præsentiren/ und was vor Lieder ich in meine Lauten singen solte/ so könte ich ja beydes die Melodeyen und Lieder außwendig lernen/ und solche in meine Laute singen/ wenn sie schon in Frantzös. Sprach wären/ es möchte ja leicht mein Verstand so gut seyn/ als eines Schülerknaben/ die man hierzu auch zu gebrauchen pflege/ unangesehen sie erst beydes Wort und Geberden lernen müsten. Als mich der Ceremonien-Meister so willig sahe/ muste ich ihm versprechen/ den andern Tag ins Louvre zu kommen/ umb zu probirn/ ob ich mich darzu schickte; Also stellte ich mich auff die bestimmte Zeit ein/ die Melodeyen der unterschiedlichen Lieder/ so ich zu fingen hatte/ schlug ich gleich perfect auff dem Jnstrument/ weil ich das Tabulatur-buch vor mir hatte/ empfieng demnach die Frantzösische Lieder/ solche außwendig/ und die Außsprach recht zu lernen/ welche mir zugleich verteutscht wurden/ damit ich mich mit den Geberden darnach richten könte; Solches kam mich gar nicht schwer an/ also daß ichs eher konte/ als sichs jemand versahe/ und zwar dergestalt/ wenn man mich singen hörte (massen mir Monsig. Canard das Lob gab) daß der tausende geschworen hätte/ ich wäre ein geborner Frantzos. Und da wir die Comœdia zu probiren das erste mal zusammen kamen/ wuste ich mich so kläglich mit meinen Liedern/ Melodeyen[396] und Geberden zu stellen/ daß sie alle glaubten/ ich hätte deß Orphei Person mehr agirt/ als den ich damals præsentiren/ und mich umb meine Euridice so übel geheben muste. Jch hab die Tag meines Lebens keinen so angenehmen Tag gedabt/ als mir der jenige war/ an welchem diese Comœdia gespielt wurde: Mons. Canard gab mir etwas ein/ meine Stimm desto klärer zu machen/ und da er meine Schönheit mit Oleo Talci erhöhern/ und meine halb-krause Haar/ die von Schwärtze glitzerten/ verpudern wolte/ fande er/ daß er mich nur damit verstellte/ ich wurde mit einem Lorbeer-Krantz bekrönet/ und in ein Antiquisch Meergrün Kleid angethan/ in welchem man mir den gantzen Hals/ das Obertheil der Brust/ die Arm biß hinder die Elendogen/ und die Knye von den halben Schenckeln an biß auff die halbe Waden/ nackend und bloß sehen konte/ umb solches schlug ich einen Leibfarben daffeten Mantel/ der sich mehr einem Feldzeichen vergliche; in solchem Kleid leffelt ich umb meine Euridice, ruffte die Venus mit einem schönen Liedlein umb Beystand an/ und brachte endlich meine Liebste darvon; Jn welchem Actu ich mich trefflich zu stellen/ und meine Liebste mit Seufftzen und spielenden Augen anzublicken wuste. Nachdem ich aber meine Euridicen verloren/ zog ich einen gantz schwartzen Habit an auff die vorige Mode gemacht/ auß welchem meine weisse Haut hervor schiene/ wie der Schnee; in solchem beklagte ich meine verlorne Gemahlin/ und bildete mir die Sach so erbärmlich ein/ daß mir mitten in meinen traurigen Liedern und Melodeyen die Threnen herauß rucken/ und das weynen dem singen den Paß verlegen wolte/ doch langte[397] ich mit einer schönen Manier hinauß/ biß ich vor Plu[t]onem und Proserpinam in die Hölle kam/ denselben stellte ich in einem sehr beweglichen Lied ihre Lieb/ die sie beyde zusammen trügen/ vor Augen/ und bate sie/ darbey abzunehmen/ mit was grossem Schmertzen ich und Euridice voneinander geschieden worden wären/ bat demnach mit den aller- andächtigsten Geberden/ und zwar alles in meine Harffe singend/ sie wolten mir solche wider zukommen lassen/ und nachdem ich das Jawort erhalten/ bedanckte ich mich mit einem frölichen Lied gegen ihnen/ und wuste das Angesicht sampt Geberden und Stim̃e so frölich zu verkehren/ daß sich alle anwesende Zuseher darüber verwunderten. Da ich aber meine Euridice wieder ohnversehens verlohr/ bildet ich mir die gröste Gefahr ein/ darein je ein Mensch gerathen könte/ und wurde davon so bleich/ als ob mir ohnmächtig werden wollen/ dann weil ich damals allein auff der Schäubühne war/ und alle Spectatores auff mich sahen/ beflisse ich mich meiner Sachen desto eyferiger/ und bekam die Ehr darvon/ daß ich am besten agirt hätte. Nachgehends setzte ich mich auff einen Felsen/ und fieng an den Verlust meiner Liebsten mit erbärmlichen Worten und [e]iner traurigen Melodey zu beklagen/ und alle Cre[n]turen umb Mitleiden anzuruffen/ darauff stellten sich allerhand zahme und wilde Thier/ Berg/ Bäum und dergleichen bey mir ein/ also daß es in Warheit ein Ansehen hatte/ als ob alles mit Zauberey über natürlicher Weis wäre zugericht worden. Keinen andern Fehler begieng ich/ als zuletzt/ da ich allen Weibern abgesagt/ von den Bacchis erwürgt/ und ins Wasser geworffen war (welches zugericht[398] gewesen/ daß man nur meinen Kopff sahe/ denn mein übriger Leib stunde unter der Schau-Bühne in guter Sicherheit) da mich der Drach benagen solte/ der Kerl aber so im Drachen stack/ denselben zu regieren/ meinen Kopff nicht sehen konte/ und dahero deß Drachen Kopff neben dem meinigen grasen liesse/ das kam mir so lächerlich vor/ daß ich mir nit abbrechen konte/ darüber zu schmollen/ welches die Dames, so mich gar wol betrachteten/ in Acht namen.

Von dieser Comœdia bekam ich neben dem Lob/ das mir männiglich gab/ nicht allein eine treffliche Verehrung/ sondern ich kriegte auch einen andern Nahmen/ in dem mich forthin die Frantzosen nicht anders als Beau Alman nenneten. Es wurden noch mehr dergleichen Spiel und Ballet gehalten/ dieweil man die Faßnacht celebrirte/ in welchen ich mich gleichfalls gebrauchen liesse/ befand aber zuletzt/ daß ich von andern geneidet wurde/ weil ich die Spectatores, und sonderlich die Weiber gewaltig zoge/ ihre Augen auff mich zu wenden/ thät michs derowegen ab/ sonderlich als ich einsmals zimlich Stöß kriegte/ da ich als ein Hercules, gleichsam nackend in einer Löwenhaut/ mit Acheloo umb die Dejaniram kämpffte/ da man mirs gröber machte/ als in einem Spiel der Gebrauch ist.

Das IV. Capitel.

HJerdurch wurde ich bey hoben Personen bekant/ und es schiene/ als ob mir das Glück wieder auff ein neues hätte leuchten wollen/ dann mir wurden gar deß Königs Dienste angebotten/ welches manchem grossen Hansen nicht widerfährt. Einsmals [399] kam ein Laquey/ der sprach meinen Monsig. Canard an/ und bracht ihm meinetwegen ein Brieflein/ eben als ich bey ihm in seinem Laboratorio sasse/ und reverberirte/ (denn ich hatte auß Lust bey meinem Doctor schon perlutirn/ resolvirn/ sublimirn/ coagulirn/ digerirn/ calcinirn/ filtrirn/ und dergleichen unzehlich viel Alkühmistische Arbeit gelernet/ dadurch er seine Artzneyen zuzurichten pflegte) Monsieur Beau Alman, sagte er zu mir/ diß Schreiben betrifft euch: Es schicket ein vornehmer Herꝛ nach euch/ der begehrt/ ihr wollet gleich zu ihm kommen/ er wolle euch ansprechen/ und vernehmen/ ob euch nicht beliebe/ seinen Sohn auff der Lauten zu informiren? Er bitt mich/ euch zuzusprechen/ daß ihr ihm diesen Gang nit abschlagen wollet/ mit sehr cortoisem Versprechen/ euch diese Mühe mit freundlicher Danckbarkeit zu belohnen: Jch antwortet/ wenn ich seinet (verstehe Mons Canard.) wegen jemand würde dienen können/ so würde ich meinen Fleiß nit sparen; Darauff sagte er/ ich solte mich nur anders anziehen/ mit diesem Laqueven zu gehen/ indessen biß ich fertig/ wolte er mir etwas zu essen fertig machen lassen/ dann ich hätte ein zimlich weiten Weg zu gehen/ daß ich kaum vor Abend an den bestim̃ten Ort kom̃en würde: Also butzte ich mich zimlich/ und verschluckte in Eyl etwas von der Collation, sonderlich aber ein paar kleiner delicaten Würstlein/ welche/ als mich deuchte/ zimlich starck apotheckerten; gieng demnach mit gedachtem Laqueyen durch seltzame Umbweg einer Stund lang/ biß wir gegen Abend vor eine Gartenthür kamen/ die nur zugelähnt war/ dieselbe stieß der Laquey vollends auff/ und demnach ich hinder ihm hinein getretten/[400] schlug er selbige wieder zu/ führte mich nachgehends in das Lust-Hauß/ so in einem Eck deß Gartens stunde/ und demnach wir einen zimlich langen Gang passirten/ klopffte er vor einer Thür/ so von einer alten Adelichen Damen stracks auffgemacht wurde; diese hiesse mich in Teutscher Sprach sehr höflich Willkomm seyn/ und zu ihr vollends hinein tretten/ der Laquey aber/ so kein Teutsch konte/ nam mit tieffer Reverenz seinen Abschied. Die Alte nam mich bey der Hand/ und führte mich vollend ins Zimmer/ das rund umbher mit den köstlichsten Tapeten behenckt/ zumal sonsten auch schön geziert war; sie hiesse mich nider sitzen/ damit ich verschnauben/ und zugleich vernehmen könte/ auß was Ursachen ich an diesen Ort geholet; Jch folgte gern/ und setzte mich auff einen Sessel/ den sie mir zu einem Feuer stellte/ so in demselben Saal wegen zimlicher Kält braute/ sie aber setzte sich neben mich auff einen andern/ und sagte: Monsieur, wenn er etwas von den Kräfften der Liebe weiß/ daß nemlich solche die allerdapfferste/ stärckste und klügste Männer überwältige und zu beherꝛschen pflege/ so wird er sich umb so viel desto weniger verwundern/ wann dieselbe auch einschwaches Weibsbild meistert; er ist nit seiner Lauten halber/ wie man ihn und Mons. Canard überꝛedt gehabt/ von einem Herꝛn/ aber wol seiner übertrefflichen Schönheit halber von der aller-vortrefflichsten Damen in Pariß hieher beruffen worden/ die sich allbereit deß Todts versihet/ da sie nit bald deß Herꝛn über-irdische Gestalt zu beschauen/ und sich damit zu erquicken/ das Glück haben solte: Derowegen hat sie mir befohlen/ dem Herꝛn/ als meinem Landsmann/ solches[401] anzuzeigen/ und ihn höher zu bitten/ als Venus ihren Adonidem. daß er diesen Abend sich bey ihr einfinden/ und seine Schönheit genugsam von ihr betrachten lasse/ welches er ihr verhoffentlich als einer vornehmen Damen nit abschlagen wird. Jch antwortet/ Madame, ich weiß nicht was ich gedencken/ viel weniger hierauff sagen solle! Jch erkenne mich nicht darnach beschaffen zu seyn/ daß eine Dame von so hoher Qualitat nach meiner Wenigkeit verlangen solte; über das kompt mir in Sinn/ wann die Dam/ so mich zu sehen begehrt/ so vortrefflich und vornehm sey/ als mir mein hochgeehrte Frau Landsmäñin vorbracht/ daß sie wol bey früherer Tagszeit nach mir schicken dörffen/ und mich nicht erst hieher an diesen einsamen Ort/ bey so spätem Abend/ hätte beruffen lassen; Warumb hat sie nicht befohlen/ ich solle stracks Wegs zu ihr kom̃en? Was hab ich in diesem Garten zu thun? Mein hochg Frau Landsmännin vergebe mir/ wenn ich als ein verlassener Fremder in die Forcht gerathe/ man wolle mich sonst hindergehen/ sintemal man mir gesagt/ ich solte zu einem Herꝛn kommen/ so sich schon im Werck anders befindet; solte ich aber mercken/ daß man mir so verꝛätherisch mit bösen Tücken an Leib wolte kommen/ würde ich vor meinem Todt meinen Degen noch zu gebrauchen wissen! Sachte/ sachte/ mein hochgeehrter Herꝛ Landsmann/ er lasse diese unnötige Gedancken auß dem Sinn/ (antwortet sie mir) die Weibsbilder sind seltzam und vorsichtig in ihren Anschlägen/ daß man sich nit gleich anfangs so leicht darein schicken kan; Wenn die jenige/ die ihn über alles liebet/ gern hätte/ daß er Wissenschafft von ihrer Person haben solte/ so hätte sie ihn[402] freylich nit erst bieher/ sondern den geraden Weg zu sich kommen lassen/ dort ligt eine Kappe (wiese damit auff den Tisch) die muß der Herꝛ ohne das auffsetzen/ wann er von hier auß zu ihr geführt wird/ weil sie auch so gar nit will/ daß er den Ort/ geschweig bey wem er gesteckt/ wisseu solle; bitte und ermahne demnach den Herꝛn so hoch als ich immer kan/ er erzeige sich gegen dieser Dame/ so wol wie es ihre Hobeit/ als ihre gegen ihm tragende unaußsprechliche Liebe meritirt/ da er anders gewärtig seyn will zu erfahren/ daß sie mächtig genug seye/ seinen Hochmuth und Verachtung/ auch in diesem Augenblick/ zu straffen: Wird er sich aber der Gebühr nach gegen Jhr einstellen/ so sey er versichert/ daß ihm auch der geringste Tritt/ den er ihrentwegen gethan/ nicht ohnbelohnt verbleiben wird.

Es wurde allgemach finster/ und ich hatte allerhand Sorgen und forchtsame Gedancken/ also daß ich da fasse wie ein geschnitzt Bild/ konte mir auch wol einbilden/ daß ich von diesem Ort so leicht nicht wieder entrinnen könte/ ich willigte dann in alles/ so man mir zumuthete/ sagte derhalben zu der Alten: Nun dann/ mein hochgeehrte Frau Landsmännin/ wann ihm dann so ist/ wie sie mir vorgebracht/ so vertraue ich meine Person ihrer angebornen Teutschen Redlichkeit/ der Hoffnung/ sie werde nicht zulassen/ viel weniger selbst vermittlen/ daß einem unschuldigen Teutschen eine Untreu widerfahre/ Sie vollbringe/ was ihr meinetwegen befohlen ist/ die Dame/ von deren sie mir gesagt/ wird verhoffentlich keine Basilisken-Augen haben/ mir den Hals abzusehen; Ey behüt GOtt/ sagte sie/ es wäre Schad/ wann ein [403] solcher Leib/ mit welchem unsere gantze Nation prangen kan/ jetzt schon sterben solte/ Er wird mehr Ergetzung finden/ als er sich sein Tag niemals einbilden dörffen. Wie sie meine Einwilligung hatte/ ruffte sie Jean und Piere, diese tratten alsobald/ jeder in vollem plancken Küriß/ von der Scheidel biß auff die Fußsolen gewaffnet/ mit einer Helleparten und Pistol in der Hand/ hinder einer Tapezerey herfür/ darvon ich dergestalt erschrack/ daß ich mich gantz entfärbte; die Alte nam solches wahr/ und sagte lächlend: Man muß sich so nit förchten/ wenn man zum Frauenzimmer gehet/ befohl darauff ihnen beyden/ sie solten ihren Harnisch ablegen/ die Latern nehmen/ und nur mit ihren Pistolen mit gehen/ demnach streiffte sie mir die Kappe/ die von schwartzem Sam̃et war/ übern Kopff/ trug meinen Hut unterm Arm/ und führet mich durch seltzame Weg an der Hand: Jch spürte wol/ daß ich durch viel Thüren/ und auch über einen gepflasterten Weg passirte/ endlich muste ich etwan nach einer halben Viertelstund eine kleine steinerne Stegen steigen/ da thät sich ein klein Thürlein auff/ von dannen kam ich über einen besetzten Gang/ und muste eine Windelstegen hinauff/ folgends etliche Staffeln wieder hinab/ allda sich etwa sechs Schritt weiters eine Thür öffnet/ als ich endlich durch solche kam/ zog mir die Alte die Kappe wieder herunder/ da befand ich mich in einem Saal/ der da überauß zierlich auffgebutzet war/ die Wände waren mit schönen Gemählden/ das Trysur mit Silber-Geschirꝛ/ und das Bett so darinnen stunde/ mit Umbhängen von güldenen Stücken geziert; Jn der Mitten stunde der Tisch prächtig gedeckt/ und bey dem[404] Feur befande sich eine Bad-Wanne/ die wol hübsch war/ aber meinem Beduncken nach schändet sie den gantzen Saal; Die Alte sagte zu mir/ nun willkom̃ Herꝛ Landsmann/ kan er noch sagen/ daß man ihn mit Verꝛätherey hindergehe? er lege nur allen Unmuth ab/ und erzeige sich wie neulich auff dem Theatro, da er seine Euridicen wieder vom Plutone erhielte/ ich versichere ihn/ er wird hier eine schönere antreffen/ als er dort eine verloren.

Das V. Capitel.

JCh hörte schon an diesen Worten/ daß ich mich nicht nur an diesem Ort beschauen lassen/ sondern noch gar was anders thun solte; Sagte derowegen zu meiner alten Landsmännin: Es wäre einem Durstigen wenig damit geholffen/ wenn er bey einem verbottenen Brunnen sässe; Sie aber sagte/ man sey in Franckreich nit so mißgönstig/ daß man einem das Wasser verbiete/ sonderlich wo dessen ein Uberfluß seye; Ja/ sagte ich/ Madame, sie sagt mir wol darvon/ wenn ich nicht schon verheuratet wäre! Das sind Possen/ (antwortet das gottlose Weib) man wird euch solches heunt Nacht nit glauben/ dann die verehelichte Cavallier ziehen selten in Franckreich/ und ob gleich dem so wäre/ kan ich doch nit glauben/ daß der Herꝛ so alber sey/ eher Durst zu sterben/ als auß einem fremden Brunnen zu trincken/ sonderlich wann er vielleicht lustiger ist/ und besser Wasser hat/ als sein eigener. Diß war unser Discurs, dieweil mir ein Adeliche Jungfer/ so dem Feuer pflegte/ Schuh und Strümpff außzoge/ die ich überall im Finstern besudelt hatte/ wie dann Pariß ohne das eine sehr [405] kothige Statt ist. Gleich hierauff kam Befehl/ daß man mich noch vor dem Essen baden solte/ dann bemeldtes Jungfräulein gieng ab und zu/ und brachte das Bad-Gezeug/ so alles nach Bisam und wolrüchender Säiffen roche/ das Leinen Geräth war vom reinesten Cammer-tuch/ und mit theuren Holländischen Spitzen besetzt; Jch wolte mich schämen/ und vor der Alten nicht nackend sehen lassen/ aber es halff nichts/ ich muste dran/ und mich von ihr außreiben lassen/ das Jungfergen aber muste ein Weil abtretten; Nach dem Bad wurde mir ein zartes Hembd gegeben/ und ein köstlicher Schlaf-beltz von Veyelblauem Daffet angelegt/ sampt einem paar seidener Strümpffe von gleicher Fard/ so war die SchlaffHand sampt den Pantoffeln mit Gold und Perlen gestickt/ also daß ich nach dem Bad dort sasse zu protzen/ wie der Hertz-König. Jndessen mir nun meine Alte das Haar trücknet und kämpelt/ dann sie pflegte meiner/ wie einem Fürsten oder kleinen Kinde/ trug mehrgemeldtes Jungfräulein die Speisen auff/ und nachdem der Tisch überstellt war/ tratten drey heroische junge Damen in den Saal/ welche ihre Alabaster-weisse Brüste zwar zimlich weit entblöst t[r]ugen/ vor den Angesichtern aber gantz vermasquirt; Sie dünckten mich alle drey voꝛtrefflich schön zu seyn/ aber doch war eine viel schöner als die ander; ich machte ihnen gantz stillschweigend einen tieffen Bückling/ und sie bedanckten sich gegen mir mit gleichen Ceremonien/ welches natürlich sahe/ als ob etliche Stummen beyeinander gewesen/ so die Redende agirt hätten/ sie setzten sich alle drey zugleich nider/ daß ich also nit erꝛathen konte/ welche die vornehmste unter[406] ihnen gewesen/ viel weniger welcher ich zu dienen da war; Die erste Red war/ ob ich nit Frantzösich könte? meine Landsmännin sagte Nein; Hierauff versetzte die ander: Sie solte mir sagen/ ich wolte belieben nider zu sitzen/ als solches geschehen/ befohl die dritte meiner Dolmetschin/ sie solte sich auch setzen: Worauß ich abermal nicht abnehmen mögen/ welche die vornehmste unter ihnen war. Jch sasse neben der Alten gerad gegen diesen dreyen Damen über/ und ist demnach meine Schönheit ohn Zweiffel neben einem so Alten Geribb desto besser hervor geschienen. Sie blickten mich alle drey sehr andächtig an/ und ich dörffte schwören/ daß sie viel hundert Seufftzen gehen liessen: Jhre Augen konte ich nit sehen funcklen wegen der Masquen/ die sie vor sich hatten. Meine Alte fragte mich/ (sonst konte niemand mit mir reden/) welche ich unter diesen dreyen vor die Schönste hielte? Jch antwortet/ daß ich keine Wahl darunter sehen könte; Hierüber fieng sie an zu lachen daß man ihr alle vier Zähn sahe/ die sie noch im Maul hatte/ und fragte/ warumb das? Jch antwortet/ weil ich sie nit recht sehen könte/ doch so viel ich sehe/ wären sie alle drey nit heßlich. Dieses/ was die Alte gefragt/ und ich geantwort/ wolten die Damen wissen; mein Alte verdolmetschte es/ und log noch darzu/ Jch hätte gesagt/ einer jeden Mund wäre hundert tausend mal küssens werth! denn ich konte ihnen die Mäuler unter den Masquen wol sehen/ sonderlich deren/ so gerad gegen mir über sasse. Mit diesem Fuxschwantz machte die Alte/ daß ich dieselbe vor die vornehmste hielte/ und sie auch desto eyferiger betrachtete. Diß war all unser Discurs über Tisch/ und ich stellte mich/[407] als ob ich kein Frantzösisch Wort verstünde. Weil es dann so still her gieng/ machten wir desto ehe Feyrabend: Darauff wünschten mir die Damen eine gute Nacht/ und giengen ihres Wegs/ denen ich das Geleit nit weiter/ als biß an die Thür geben dörffte/ so die Alte gleich nach ihnen zurigelte. Da ich das sahe/ fragte ich/ Wo ich dann schlaffen müste? Sie antwortet/ ich müste bey ihr in gegenwärtigem Bett vor lieb nehmen; Jch sagte/ das Bett wäre gut genug/ wenn nur auch eine von jenen dreyen darinn lege! ja/ sagte die Alte/ es wird euch fürwahr heunt keine von ihnen zu theil. Jn dem wir so plauderten/ zog eine schöne Dam/ die im Bett lag/ den Umbhang etwas zurück/ und sagte zu der Alten/ sie solte auffhören zu schwätzen/ und schlaffen gehen! Darauff nam ich ihr das Liecht/ und wolte sehen/ wer im Bett lege? Sie aber leschte solches auß/ und sagte: Herꝛ/ wenn ihm sein Kopff lieb ist/ so unterstehe er sich dessen nit/ was er im Sinn hat/ Er lege sich/ und sey versichert/ da er mit Ernst sich bemühen wird/ diese Dame wider ihren Willen zu sehen/ daß er nimmermehr lebendig von hinnen kompt! Damit gieng sie durch/ und beschloß die Thür/ die Jungfer aber/ so dem Feuer gewartet/ lescht das auch vollend auß/ und gieng hinder einer Tapezerey/ durch ein verborgene Thür/ auch hinweg. Hierauff sagte die Dame/ so im Bett lag/ Alle Mons. Beau Alman, gee schlaff mein Hertz/ gom/ rick su mir! So viel hatte sie die Alte Teutsch gelernet; Jch begab mich zum Bett/ zu sehen/ wie dann dem Ding zu thun seyn möchte? und so bald ich hinzu kam/ fiel sie mir umb den Hals/ bewillkom̃te mich mit vielem küssen/ und hisse mir vor hitziger Begierdeschier [408]die unter Lefftzen herab/ ja sie fieng an meinen Schlaffbeltz auffzuknöpffeln/ und das Hemd gleichsam zu zerꝛeissen/ zog mich also zu ihr/ und stellte sich vor unsinniger Liebe also an/ daß nicht außzusagen. Sie konte nichts anders Teutsch/ als Rick su mir mein Hertz! das übrige gab sie sonst mit Geberden zu verstehen. Jch gedachte zwar heim an meine Liebste/ aber was halffs/ ich war leyder ein Mensch/ und fand ein solche wol-proportionirte Creatur/ und zwar von solcher Lieblichkeit/ daß ich wol ein Ploch hätte seyn müssen/ wenn ich keusch hätte darvon kommen sollen.

Dergestalt bracht ich acht Täg und so viel Nächt an diesem Ort zu/ und ich glaube/ daß die andern drey auch bey mir gelegen seyen/ dann sie redeten nicht alle wie die erste/ und stellten sich auch nicht so närꝛisch. Wiewol ich nun acht gantzer Tage bey diesen vier Damen war/ so kan ich doch nit sagen/ daß mir zugelassen worden/ ein einige anders als durch eine FlorHauben/ oder es sey denn finster gewesen/ im blossen Angesicht zu beschauen. Nach geendigter Zeit der acht Tag setzt man mich im Hof/ mit verbundenen Augen/ in eine zugemachte Gutsche/ zu meiner Alten/ die mir unterwegs die Augen wieder auffbande/ und führte mich in meines Herꝛn Hof/ alsdann fuhr die Gutsche wieder schnell hinweg. Meine Verehrung war 200. Pistolet/ und da ich die Alte fragte/ ob ich niemand kein Trinckgeld darvon geben solte? sagte sie/ bey Leib nicht/ dann wann ihr solches thätet/ so würde es die Dames verdriessen; ja sie würden gedencken/ Jhr bildet euch ein/ ihr wäret in einem Huren-Hauß gewesen/ da man alles belohnen muß. [409] Nachgehends bekam ich noch mehr dergleichen Kunden/ welche mirs so grob machten/ daß ich endlich auß Unvermögen der Narꝛenpossen gantz überdrüssig wurde.

Das VI. Capitel.

DUrch diese meine Handierung brachte ich beydes an Geld und andern Sachen so viel Verehrungen zusammen/ daß mir angst darbey wurde/ und verwunderte ich mich nit mehr/ daß sich die Weibsbilder ins Bordell begeben/ und ein Handwerck auß dieser viehischen Unfläterey machen/ weil es so trefflich wol einträgt; Aber ich fieng an/ und gieng in mich selber/ nit zwar auß Gottseeligkeit oder Trieb meines Gewissens/ sondern auß Sorg/ daß ich einmal auff so einer Kürbe erdappt/ und nach Verdienst bezahlt werden möchte: Derhalben trachtet ich/ wieder in Teutschland zu kommen/ und das umb so viel desto mehr/ weil der Commandant zur L. mir geschrieben/ daß er etliche Cölnische Kauffleute bey den Köpffen gekriegt/ die er nit auß Handen lassen wolte/ es seyen ihm dann meine Sachen zuvor eingehändigt: Jtem daß er mir das versprochene Fähnlein noch auffhalte/ und meiner noch vor dem Frühling gewärtig seyn wolte/ dann sonst/ wo ich in der Zeit nit käme/ müste er die Stell mit einem andern besetzen; So schickte mir mein Weib auch ein Brieflein darbey/ das voll liebreicher Bezeugungen ihres grossen Verlangens war: Hätte sie aber gewust/ wie ich so ehrbar gelebt/ so solte sie mir wol einen andern Gruß hinein gesetzt haben.

Jch konte mir wol einbilden/ daß ich mit Monsig. [410] Canarden Consens schwerlich hinweg käme/ gedacht derhalben heimlich durch zu gehen/ so bald ich Gelegenheit haben könte/ so mir zu meinem grossen Unglück auch angienge; Dann als ich einsmals etliche Officier von der Weymarischen Armee antraff/ gab ich mich ihnen zu erkennen/ daß ich nemlich ein Fähnrich von deß Obristen de S. A. Regiment/ und in meinen eigenen Geschafften ein Zeitlang in Pariß gewesen/ nunmehr aber entschlossen seye/ mich wieder zum Regiment zu begeben/ mit Bitt/ sie wolten mich in ihre Gesellschafft zu einem Räisgeferten mit nem̃en: Also eröffneten sie mir den Tag ihres Auffbruchs/ und namen mich willig auff/ ich kauffte mir einen Klepper/ und mondirte mich auff die Räis so heimlich als ich konte/ packte mein Geld zusamm/ (so ohngefähr bey 500. Duplonen waren/ die ich alle den gottlosen Weibsbildern abverdient hatte) und machte mich ohne von Mons. Canard gegebene Erlaubnus mit ihnen fort; schrieb ihm aber zurück/ und datirt das Schreiben zu Mastrich/ damit er meynen solte/ ich wäre auff Cöln gangen/ darinn nam ich meinen Abschied/ mit Vermelden/ daß mir unmüglich gewesen länger zu bleiben/ weil ich seine Aromatische Würste nicht mehr verdauen hätte können.

Jm zweyten Nachtläger von Pariß auß wurde mir natürlich wie einem der den Rotlauff bekompt/ und mein Kopff thät mir so grausam wehe/ daß mir unmüglich war auffzustehen. Es war in einem gar schlechten Dorff/ darinn ich keinen Medicum haben konte/ und was das ärgste war/ so hatte ich auch niemand der mir wartete/ dann die Officier räisten deß morgens früh ihres Wegs foꝛt/ gegen dem Elsas zu/ [411] und liessen mich/ als einen der sie nichts angienge/ gleichsam todtkranck da ligen/ doch befohlen sie bey ihrem Abschied dem Wirth mich und mein Pferd/ und hinderliessen bey dem Schultzen im Dorff/ daß er mich als einen Kriegs-Officier, der dem König diene/ beobachten solte.

Also lag ich ein paar Tag dort/ daß ich nichts von mir selber wuste/ sondern wie ein Hirnschelliger fabelte/ man drachte den Pfaffen/ derselbe konte aber nichts verständiges von mir vernehmen. Und weil er sahe/ daß er mir die Seel nit artzneyen konte/ gedacht er auff Mittel/ dem Leib nach Vermögen zu Hülff zu kommen/ allermassen er mir eine Ader öffnen/ ein Schweißtranck eingeben/ und in ein warmes Bett legen lassen/ zu schwitzen; Das bekam mir so wol/ daß ich mich in derselben Nacht wieder besanne wo ich war/ und wie ich dahin kommen/ und kranck worden wäre. Am folgenden Morgen kam obgemeldter Pfaff wieder zu mir/ und fand mich gantz desperat, dieweil mir nicht allein all mein Geld entführt war/ sondern auch nit anders meynte/ als hätte ich (s. v.) die liebe Frantzosen/ weil sie mir billicher als so viel Pistolen gebührten/ und ich auch über dem gantzen Leib so voller Flecken war/ als ein Tyger/ ich konte weder gehen/ stehen/ sitzen noch ligen/ da war keine Gedult bey mir/ dann gleich wie ich nicht glauben konte/ daß mir Gott das verlorne Geld beschehrt hätte/ also war ich jetzt so ungehalten/ daß ich sagte/ der Teuffel hätte mirs wieder weg geführt! Ja ich stellte mich nicht anders/ als ob ich gantz verzweiffeln hätte wollen/ daß also der gute Pfarꝛer genug an mir zu trösten hatte/ weil mich der Schuh an zweyen Orten [412] so hefftig druckte; Mein Freund/ (sagt er) stellt euch doch als ein vernünfftiger Mensch/ wenn ihr euch ja nit in eurem Creutz anlassen könnet wie ein frommer Christ/ was macht ihr/ wolt ihr zu eurem Geld auch das Leben/ und was mehr ist/ auch die Seeligkeit verlteren? Jch antwortet/ nach dem Geld fragte ich nichts/ wenn ich nur diese abschenliche verfluchte Kranckheit nit am Hals hätte/ oder wäre nur an Ort und Enden/ da ich wieder curirt werden könte! Jhr müst euch gedulden/ antwoꝛt der Geistliche/ wie müssen die arme kleine Kinder thun/ deren in hiefigem Dorffüber 50. daran kranck ligen? Wie ich hörte/ daß auch Kinder damit behafftet/ war ich alsbalden hertzhaffter/ dann ich konte ja leicht gedencken/ daß selbige diese garstige Seuch nit kriegen würden; nam derowegen mein Felleisen zur Hand/ und suchte/ was es etwan noch vermöchte/ aber da war ohne das weiß Gezeug nichts schätzbares innen/ als ein Capsel mit einer Damen Conterfäit/ rund herumb mit Rubinen besetzt/ so mir eine zu Pariß verehrt hatte/ ich nam das Conterfäit herauß/ und stellte das übrige dem Geistlichen zu/ mit Bitt/ solches in der nächsten Statt zu versilbern/ darmit ich etwas zu verzehren haben möchte: Diß gieng dahin/ daß ich kaum den dritten Theil seines Werths davor kriegte/ und weil es nit lang daurte/ muste auch mein Klepper fort/ damit reichte ich kärglich hinauß/ biß die Purpeln anfiengen zu dörꝛen/ und mir wieder besser wurde.

Das VII. Capitel.

WOrmit einer sündiget/ darmit pflegt einer auch gestrafft zu werden/ diese Kinds-Blattern[413] richteten mich dergestalt zu/ daß ich hinfüro vor den Weibsbildern gute Ruhe hatte; ich kriegte Gruben im Gesicht/ daß ich außsahe wie ein Scheur-Denne/ darin man Erbsen gedroschen/ ja ich wurde so heßlich/ daß sich meine schöne krause Haar/ in welchem sich so manch Weibsbild verstrickt/ meiner schämten/ und ihre Heimat verliessen; An deren statt bekam ich andere/ die sich den Säuborsten vergleichen liessen/ daß ich also nothwendig eine Barucque tragen muste/ und gleich wie außwendig an der Haut keine Zierd mehr übrig bliebe/ also gieng meine liebliche Stimm auch dahin/ dañ ich den Hals voller Blattern gehabt/ meine Augen/ die man hiebevor niemal ohne LiebesFeur finden können/ eine jede zu entzünden/ sahen jetzt so roth und trieffend auß/ wie eines 80. jährigen Weibs/ das den Cornelium hat. Und über das all[e]s so war ich in fremden Landen/ kante weder Hund noch Menschen/ ders treulich mit mir meynte/ verstund die Sprach nicht/ und hatte allbereit kein Geld mehr übrig.

Da fieng ich erst an hindersich zu gedencken/ und die herꝛliche Gelegenheiten zu bejammern/ die mir hiebevor zu Beförderung meiner Wolfart angestanden/ ich aber so liederlich hatte verstreichen lassen; Jch sahe erst zurück/ und merckte/ daß mein extra ordinari Glück im Krieg/ und mein gefundener Schatz/ nichts anders als eine Ursach und Vorbereitung zu meinem Unglück gewesen/ welches mich nim̃ermehr so weit hinunder hätte werffen können/ da es mich nit zuvor durch falsche Blick angeschaut/ und so hoch erhaden hätte/ ja ich fande/ daß das jenige Gute/ so mir begegnet/ und ich vor gut gehalten/ böß[414] gewesen/ und mich in das äusserste Verderben geleitet hatte/ da war kein Einsidel mehr/ ders treulich mit mir gemeynt/ kein Obrist Ramsay, der mich in meinem Elend auffgenommen/ kein Pfarꝛer/ der mir das beste gerathen/ und in Summa kein einiger Mensch/ der mir etwas zu gut gethan hätte/ sondern da mein Geld hin war/ hieß es/ ich solte auch fort/ und meine Gelegenheit anderswo suchen/ und hätte ich wie der verlorne Sohn mit den Säuen vor lieb nemmen sollen. Damals gedacht ich erst an deß jenigen Pfarꝛherꝛn guten Rath/ der da vermeynte/ ich solte meine Mittel und Jugend zu den Studiis anwenden/ aber es war viel zu spät mit der Scheer/ dem Vogel die Flügel zu beschneiden/ weil er schon entflogen; O schnelle und unglückselige Veränderung! vor vier Wochen war ich ein Kerl/ der die Fürsten zur Verwunderung bewegte/ das Frauenzimmer entzuckte/ und dem Volck als ein Meisterstück der Natur/ ja wie ein Engel vor kam/ jetzt aber so ohnwerth/ daß mich die Hund anpißten. Jch machte wol tausend und aber tausenderley Gedancken/ was ich angreiffen wolte/ dann der Wirth stieß mich auß dem Hauß/ da ich nichts mehr bezahlen konte/ ich hätte mich gern unterhalten lassen/ es wolte mich aber kein Werber vor einen Soldaten annehmen/ weil ich als ein grindiger Guckuck außsahe/ arbeiten konte ich nit/ denn ich war noch zu matt/ und über das noch keiner gewohnt. Nichts tröstete mich mehr/ als daß es gegen dem Som̃er gieng/ und ich mich zur Noth hinder einer Hecken behelffen konte/ weil mich niemand mehr im Hauß wolte leiden. Jch hatte mein stattlich Kleid noch/ das ich mir auff die Räis machen lassen/ sampt einem Felleisen[415] voll kostbar Leinengezeug/ das mir aber niemand abkauffen wolte/ weil jeder sorgte/ ich möchte ihm auch eine Kranckheit damit an Hals hencken. Solches nam ich auff den Buckel/ den Degen in die Hand/ und den Weg unter die Füß/ der mich in ein klein Stättlein trug/ so gleichwol ein eigene Apotheck vermochte/ in dieselbe gieng ich/ und ließ mir eine Salbe zurichten/ die mir die Urschlechten-mähler im Gesicht vertreiben solten/ und weil ich kein Geld hatte/ gab ich dem Apothecker-Gesellen ein schön zart Hemd davor/ der nit so eckel war/ wie andere Narꝛen/ so keine Kleider von mir haben wolten. Jch gedachte/ wenn du nur der schandlichen Flecken loß wirst/ so wird sichs schon auch wieder mit deinem Elend bessern; und weil mich der Apothecker tröstete/ man würde mir über acht Tag/ ohne die tieffe Narben/ so mir die Purpeln in die Haut gefressen/ wenig mehr ansehen/ war ich schon behertzter. Es war eben Marckt daselbst/ und auff demselben befand sich ein Zahnbrecher/ der trefflich Geld lösete/ da er doch liederlich Ding den Leuten dafür anhängte: Narꝛ/ sagte ich zu mir selber/ was machstu/ daß du nicht auch so einen Kram auffrichtest? bistu so lang bey Mons. Canard gewest/ und hast nit so viel gelernt/ ein einfältigen Bauren zu betrügen/ und dein Maul futter darvon zu gewinnen/ so mustu wol ein elender Tropff seyn.

Das VIII. Capitel.

JCh mochte damals fressen wie ein Drescher/ dann mein Magen war nicht zu ersättigen/ wiewol ich nichts mehr im Vorꝛath hatte/ als noch einen einzigen güldenen Ring mit einem Demant/ der etwa 20. [416] Cronen werth war/ den versilberte ich umb zwölffe/ und demnach ich mir leicht einbilden konte/ daß diß bald auß seyn würde/ da ich nichts darzu gewinnete/ resolvirt ich mich/ ein Artzt zu werden. Jch kauffte mir die Materialia zu dem Theriaca Diatessaron, und richtete mir denselben zu/ alsdann machte ich auß Kräutern/ Wurtzeln/ Butter/ und etlichen Olitäten eine grüne Salbe zu allerhand Wunden/ damit man auch wol ein gedruckt Pferd hätte heylen können/ item auß Galmey/ Kisselsteinen/ Krebsaugen/ Schmirgel und Trippel ein Pulver/ weisse Zähn darmit zu machen; ferner ein blau Wasser auß Lauge/ Kupffer/ Sal armoniacum und Camphor/ vor den Scharbock/ Mundsäule/ Zähn- und Augenwehe/ bekam auch ein Hauffen plecherne und höltzerne Büchslein/ Papier und Gläslein/ meine Wahr darein zu schmieren/ und damit es auch ein Ansehen haben möchte/ liesse ich mir einen Frantzös. Zettel concipiren und drucken/ darinnen man sehen konte/ worzu ein und anders gut war. Jn dreyen Tagen war ich mit meiner Arbeit fertig/ und hatte kaum drey Cronen in die Apotheck und vor Geschirꝛ angewendet/ da ich diß Stättlein verliesse. Also packte ich auff/ und nam mir vor/ von einem Dorff zum andern biß in das Elsas hinein zu wandern/ und meine Wahr unterwegs an Mann zu bringen/ folgends zu Straßburg/ als in einer neutralen Statt/ mich mit Gelegenheit auff den Rhein zu setzen/ mit Kauffleuten wieder nach Cöln zu begeben/ und von dort auß meinen Weg zu meinem Weib zu nehmen: Das Vorhaben war gut/ aber der Anschlag fehlte weit!

Da ich das erste mal mit meiner Quacksalberey [417] vor eine Kirche kam/ und fail hatte/ war die Losung gar schlecht/ weil ich viel zu blöd war/ mir auch so wol die Sprach als Storgerische Auffschneiderey nicht von statten gehen wolte; sahe demnach gleich/ daß ichs anderst angreiffen müste/ wenn ich Geld einnehmen wolte. Jch gieng mit meinem Kram in das Wirthshauß/ und vernam über Tisch vom Wirth/ daß den Nachmittag allerhand Leut unter der Linden vor seinem Hauß zusammen kommen würden/ da dörffte ich dann wol so etwas verkauffen/ wenn ich gute Wahr hätte/ allein gebe es der Betrüger so viel im Land/ daß die Leut gewaltig mit dem Geld zurück hielten/ wenn sie keine gewisse Prob vor Augen sehen/ daß der Theriac außbündig gut wäre. Als ich dergestalt vernam/ wo es mangelte/ bekam ich ein halbes Trinckgläßlein voll guten Straßburger Brantewein/ und fieng eine Art Krotten/ die man Reling oder Möhmlein nennet/ so im Frühling und Som̃er in den unsaubern Pfützen sitzen/ und singen/ sind goldgelb oder fast rothgelb/ und unden am Bauch schwartz gescheckigt/ gar unlustig anzusehen: Ein solches setzt ich in ein Schoppen-Glas mit Wasser/ und stellts neben meine Wahr auff einen Tisch unter der Linden. Wie sich nun die Leut anfiengen zu versamlen/ und umb mich herumb stunden/ vermeynten etliche/ ich würde mit der Klufft/ so ich von der Wirthin auß ihrer Küchen entlehnt/ die Zähn außbrechen/ ich aber sieng an: Jhr Herꝛn und gueti Freund (dann ich konte noch gar wenig Frantzösisch reden) bin ich kein brech dir die Zahn auß/ allein hab ich gut Wasser vor die Aug/ es mach all die Flüß auß die rode Aug; Ja/ antwortet einer/ man sihets[418] an euren Augen wol/ die sehen ja auß/ wie zween Jrꝛwisch; Jch sagte/ Das ist wahr/ wann ich aber der Wasser vor mich nicht hab/ so wär ich wol gar blind werd/ ich verkauff sonst der Wasser nit/ der Theriac und der Pulver vor die weisse Zähn/ und das Wundsalb will ich verkauff/ und der Wasser noch darzu schenck/ Jch bin ich kein Schreyer oder bescheiß dir die Leut/ hab ich mein Theriac feil/ wann ich sie habe probirt/ und sie dir nit gefalt/ so darffstu sie mir nit kauffab. Jn dem ließ ich einen von dem Umbstand eins von meinen Theriac-Büchslein außwehlen/ auß demselben thät ich etwan einer Erbsen groß in meinen Brantewein/ den die Leut vor Wasser ansahen/ zertrieb ihn darinn/ und kriegte hierauff mit der Klufft das Möhmlein auß dem Glas mit Wasser/ und sagte: Secht ihr gueti Freund/ wann diß gifftig Wurm kan mein Theriac trinck/ und sterbe nit/ so ist der Ding nit nutz/ dann kauff ihr mir nit ab. Hiemit steckte ich die arme Krott/ welche im Wasser geboren und erzogen/ und kein ander Element oder Liquor leiden konte/ in meinen Brantewein/ und hielte es mit einem Papier zu/ daß es nit herauß springen konte/ da fieng es dergestalt an darinn zu wüten und zu zablen/ ja viel ärger zu thun/ als ob ichs auff glüende Kolen geworffen hätte/ weil ihm der Brantewein viel zu starck war/ und nachdem es so ein kleine Weil getrieben/ verꝛeckt es/ und streckt alle viere von sich. Die Baurn sperꝛten Maul und Beutel auff/ da sie diese so gewisse Prob mit ihren Augen angesehen hatten; da war in ihrem Sinn kein besserer Theriac in der Welt/ als der [419] meinige/ und hatte ich genug zu thun/ den Plunder in die Zettel zu wickeln/ und Geld darvor einzunehmen/ es waren etliche unter ihnen/ die kaufftens wol 3. 4. 5. und sechsfach/ damit sie ja auff den Nothfall mit so köstlicher Gifftlatwerge versehen wären/ ja sie kaufften auch vor ihre Freund und Verwandte/ die an andern Orten wohnten/ daß ich also mit der Narꝛnweis/ da doch kein Marcktag war/ denselben Abend zehen Cronen löste/ und doch noch mehr als die Helffte meiner Wahr behielte. Jch machte mich noch dieselbe Nacht in ein ander Dorff/ weil ich sorgte/ es möchte etwan auch ein Baur so curios seyn/ und eine Krott in ein Wasser setzen/ meinen Theriac zu probirn/ und wenn es denn mißlinge/ mir der Buckel geraumt werden. Damit ich aber gleichwol auch die Vortrefflichkeit meiner Gifft-Latwerge auff ein andere Manier erweisen könte/ machte ich mir auß Meel/ Saffran und Gallus, einen gelben Arsenicum, und auß Meel und Victril einen Mercurium Sublimatum, und wenn ich die Prob thun wolte/ hatte ich zwey gleiche Gläser mit frischem Wasser auff dem Tisch/ davon das eine zimlich starck mit Aqua fort oder Spiritus victril vermischt war/ in dasselbe zerꝛührte ich ein wenig von meinem Theriac/ und schabte alsdann von meinen beyden Gifften so viel als genug war/ hinein/ davon wurde das eine Wasser/ so keinen Theriac/ und also auch kein Aqua fort hatte/ so schwartz wie eine Dinte/ das ander aber bliebe wegen deß Scheidwassers wie es war; Ha/ sagten dann die Leut/ seht/ das ist fůrwahr ein köstlicher Theriac/ so umb ein gering Gelt! Wann ich dann beyde untereinander gosse/ so wurde wieder alles klar; davon zogen dann die gute Baurn[420] ihre Beutel/ und kaufften mir ab/ welches nicht allein meinem hungerigen Magen wol zu paß kam/ sondern ich machte mich auch wider beritten/ prosperirte noch darzu viel Geld auff meiner Räis/ und kam glücklich an die Teutsche Grentz. Darumb ihr liebe Baurn/ glaubt den fremden Marcktschreyern so leicht nicht/ ihr werdet sonst von ihnen betrogen/ als welche nicht euer Gesundheit/ sondern euer Geld suchen.

Das IX. Capitel.

DA ich durch Lothringen passirte/ gieng mir meine Wahr auß/ und weilen ich die Guarnisonen scheuete/ hatte ich keine Gelegenheit andere zuzurichten/ derhalben muste ich wol was anders anfangen/ diß ich wieder Theriac machen könte. Jch kauffte mir 2. Maaß Brantewein/ färbte ihn mit Saffran/ füllte ihn in halb-löthige Gläslein/ und verkieffe solchen den Leuten vor ein köstlich Güldenwasser/ das gut vors Fieber seye/ brachte also diesen Brantewein auff 30. Gülden. Und demnach mirs auch an kleinen Gläslein zerꝛinnen wolte/ ich aber von einer GlasHütten hörete/ die in dem Fleckensteinischen Gebiet lege/ begab ich mich darauff zu/ mich wieder zu mondirn/ und in dem ich so Abweg suchte/ wurde ich ungefähr von einer Partey auß Philipsburg/ die sich auff dem Schloß Wagelnburg auffhielte/ gefangen; kam also umb all das jenige/ was ich den Leuten auff der Räis durch meine Betrügerey abgezwackt hatte/ und weil der Baur/ so mir den Weg zu weisen mit gieng/ zu den Kerln gesagt/ ich wäre ein Doctor, wurde ich wider deß Teuffels Danck vor einen Doctor nach Philipsburg geführt.

[421]

Daselbst wurde ich examinirt/ und scheuete mich gar nit zu sagen wär ich wäre/ so man mir aber nicht glauben/ sondern mehr auß mir machen wolte/ als ich hätte seyn können/ dann ich solte und müste ein Doctor seyn; ich muste schwören/ daß ich unter die Käiserliche Dragoner in Soest gehörig/ und erzehlte ferner bey Eydspflicht alles so mir von selbiger Zeit an biß hieher begegnet/ und was ich jetzo zu thun vorhabens: Aber es hiesse/ der Käiser brauche so wol in Philipsburg als in Soest Soldaten/ man würde mir bey ihnen Auffenthalt geben/ biß ich gleichwol mit guter Gelegenheit zu meinem Regiment kom̃en könte; wann mir aber dieser Vorschlag nit schmeckte/ so möchte ich im Stockhauß vor lieb nehmen/ und mich/ biß ich wieder loß käme/ als einen Doctor tractiren lassen/ vor welchen sie mich dann auch gefangen bekommen hätten.

Also kam ich vom Pferd auff den Esel/ und muste ein Mußquetier werden wider meinen Willen; das kam mich blutsauer an/ weil der Schmalhans dort herꝛschte/ und das Commiß-brot daselbst schröcklich klein war; ich sage nit vergeblich schröcklich klein/ dann ich erschrack alle Morgen/ wenn ichs empfieng/ weil ich wuste/ daß ich mich denselben gantzen Tag damit behelffen muste/ da ichs doch ohn einige Mühe auff einmal auffreiben konte. Und die Warheit zu bekennen/ so ists wol ein elende Creatur umb einen Mußquetierer/ der solcher gestalt sein Leben in einer Guarnison zubringen/ und sich allein mit dem lieben trocken Brod/ und noch darzu kaum halb satt/ behelffen muß; dann da ist keiner anders/ als ein Gefangener/ der mit Wasser und Brod der Trübsal sein [422] armseelig Leben verzögert/ ja ein Gefangener hats noch besser/ dann er darff weder wachen/ Runden gehen/ noch Schildwacht stehen/ sondern bleibt in seiner Ruhe ligen/ und hat so wol Hoffnung/ als ein so elender Guarnisoner/ mit der Zeit einmal auß solcher Gefängnus zu kommen. Zwar waren auch etliche/ die ihr Außkommen umb ein kleines besser hatten/ und auff unterschiedliche Gattungen/ doch kein einige Manier die mir beliebte/ und solcher gestalt mein Maulfutter zu erobern/ anständig seyn wolte: Dann etliche namen (und solten es auch verloffene Huren gewesen seyn) in solchem Elend keiner andern Ursach halber Weiber/ als daß sie durch solche entweder mit Arbeiten/ als nähen/ wäschen/ spinnen/ oder mit krämpeln und schachern/ oder wol gar mit stehlen ernehrt werden sollen; da war eine Fähnrich unter den Weibern/ die hatte ihre Gage wie ein Gefreyter; ein andere war Hebamme/ und bracht dardurch sich selbsten und ihrem Mann manchen guten Schmauß zu wegen; ein andere konte stärcken und wäschen/ diese wäschten den ledigen Officiern und Soldaten Hemder/ Strümpff/ Schlaffhosen/ und ich weiß nicht was als mehr/ darvon sie ihre sondere Nahmen kriegten; andere verkieffen Toback/ und versahen der Kerl ihre Pfeiffen/ die dessen Mangel hatten; andere handelten mit Brantewein/ und waren im Ruff/ daß sie ihn mit Wasser/ so sich von ihnen selbsten distillirt/ verfälschten/ darvon es doch seine Prob nicht verlohr; ein andere war eine Näherin/ und konte allerhand Stich und Mödel machen/ damit sie Geld erwarb; ein andere wuste sich blößlich auß dem Feld zu ernehren/ im Winter grub sie [423] Schnecken/ im Frühling grasete sie Salat/ im Som̃er nam sie Vogelnester auß/ und im Herbst wuste sie sonst tausenderley Schnabelwaid zu kriegen; etliche trugen Holtz zu verkauffen/ wie die Esel; und andere handelten auch mit etwas anders. Solcher gestalt nun meine Nahrung zu haben/ war nicht vor mich/ dann ich hatte schon ein Weib. Etliche Kerl ernährten sich mit spielen/ weil sie es besser als Spitzbuben konten/ und ihren einfältigen Cameraden das ihrige mit falschen Würffeln und Karten abzuzwacken wusten/ solche Profession aber war mir ein Eckel. Andere arbeiteten auff der Schantz/ und sonsten wie die Bestien/ aber hierzu war ich zu faul; etliche konten und trieben etwan ein Handwerck/ ich Tropff aber hatte keines gelernt/ zwar weñ man einen Musicanten vonnöthen gehabt hätte/ so wär ich wol bestanden/ aber dasselbe Hungerland behalffe sich nur mit Trom̃eln und Pfeiffen/ etliche schillerten vor andere/ und kamen Tag und Nacht niemal von der Wacht/ Jch aber wolte lieber hungern/ als meinen Leib so abmergeln; etliche brachten sich mit Partey gehen durch/ mir aber wurde nicht einmal vor das Thor zu gehen vertraut; etliche konten besser mausen als Katzen/ ich aber haßte solche Handierung wie die Pest. Jn Sum̃a/ wo ich mich nur hin kehrte/ da konte ich nichts ergreiffen/ das meinen Magen hätte stillen mögen. Und was mich am aller meisten verdroß/ war dieses/ daß ich mich noch darzu muste foppen lassen/ wenn die Bursch sagten/ soltest du ein Doctor seyn/ und kanst anders keine Kunst/ als Hunger leiden? Endlich zwang mich die Noth/ daß ich etlich schöne Karpffen auß dem Graben zu mir auff den Wall [424] gauckelte/ so bald es aber der Obrist innen wurde/ muste ich den Esel darvor reuten/ und war mir meine Kunst ferner zu üben bey hencken verbotten. Zuletzt war anderer Unglück mein Glück/ dann nachdem ich etliche Gelbsüchtige und ein paar Febricitanten curirte/ die einen besondern Glauben an mir gehabt haben müssen/ wurde mir erlaubt/ vor die Vestung zu gehen/ meinem Vorwand nach/ Wurtzel und Kräuter zu meinen Artzneyen zu samblen/ da richtet ich hingegen den Hasen mit Stricken/ und hatte das Glück/ daß ich die erste Nacht zween bekam/ dieselbe bracht ich dem Obristen/ und erhielte dardurch nicht allein einen Thaler zur Verehrung/ sondern auch Erlaubnus/ daß ich hinauß dörffte gehen/ den Hasen nachzustellen/ wenn ich die Wacht nit hätte. Weil dann nun das Land zimlich erödet/ und niemand war/ der diese Thier aufffienge/ zumal sie sich trefflich gemehret hatten/ als kam das Wasser wieder auff meine Mühl/ massen es das Ansehen hatte/ als ob es mit Hasen schneyhete/ oder ich in meine Strick bannen könte. Da die Officier sahen/ daß man mir trauen dörffte/ wurde ich auch mit andern hinauß auff Partey gelassen/ da fienge ich nun mein Soestisch Leben wieder an/ ausser daß ich keine Parteyen führen und commandiren dörffte/ wie hiebevor in Westphalen/ denn es war vonnöten/ zuvor Weg und Steg zu wissen/ und den Rheinstrom zu kennen.

Das X. Capitel.

NOch ein paar Stücklein will ich erzehlen/ ehe ich sage/ wie ich wieder von der Mußquete erlöset worden; eins von grosser Leib- und Lebensgefahr/ [425] darauß ich durch Gottes Gnad entronnen/ das ander von der Seelengefahr/ darinnen ich hartnäckiger Weis stecken bliebe/ denn ich will meine Untugenden so wenig verhelen/ als meine Tugenden/ damit nicht allein meine Histori zimlich gantz sey/ sondern der ohngewanderte Leser auch erfahre/ was vor seltzame Kautzen in der Welt gibt.

Wie zu End deß vorigen Capitels gemeldet/ so dorffte ich auch mit andern auff Partey/ so in Guarnisonen nit jedem liederlichen Kunden/ sondern rechtschaffenen Soldaten gegönnet wird: Also giengen nun unser 19. einsmals miteinander durch die Under Marggrafschafft hinauff/ oberhalb Straßburg einem Baslerischen Schiff auffzupassen/ worbey heimlich etliche Weymarische Officierer und Güter seyn solten. Wir kriegten überhalb Ottenheim ein FischerNachen/ uns damit überzusetzen/ und in ein Werd zu legen/ so gar vortelhafftig lag/ die ankom̃ende Schiff aus Land zu zwingen/ massen zehen von uns durch den Fischer glücklich übergeführt wurden; Als aber einer auß uns/ der sonst wol fahren konte/ darunter ich mich befande/ auch holte/ schlug der Nachen ohnversehens umb/ daß wir also urplötzlich miteinander im Rhein lagen. Jch sahe mich nit viel nach den andern umb/ sondern gedachte auff mich selbst. Ob ich mich nun zwar auß allen Kräfften spreitzte/ und alle Vörtel der guten Schwim̃er brauchte/ so spielte dennoch der Strom mit mir wie mit einem Ballen/ in dem er mich bald über-bald und ersich in Grund warf/ ich hielte mich so ritterlich/ daß ich offt über sich kam/ Athem zu schöpffen; wäre es aber umb etwas kälter gewesen/ so hätte ich mich nimmermehr so lang[426] enthalten/ und mit dem Leben entrinnen können: Jch versuchte offt ans Ufer zu gelangen/ so mir aber die Würbel nit zuliessen/ als die mich von einer Seite zur andern warffen/ und ob ich zwar in Kürtze unter Goldscheur kam/ so wurde mir doch die Zeit so lang/ daß ich schier an meinem Leben verzweiffelte. Demnach ich aber die Gegend bey dem Dorff Goldscheur passirt hatte/ und mich bereits drein ergeben/ ich würde meinen Weg durch die Straßburger Rheinbrücke entweder todt oder lebendig nemmen müssen/ wurde ich eines grossen Baums gewahr/ dessen Aeste unweit vor mir auß dem Wasser herfür reichte/ der Strom gieng streng/ und rectâ drauff zu/ derhalben wandte ich alle übrige Kräfften an/ den Baum zu erlangen/ welches mir denn trefflich glückte/ also daß ich beydes durchs Wasser und meine Mühe auff den grösten Ast/ den ich anfänglich vor einen Baum angesehen/ zu sitzen kam/ derselbe wurde aber von den Strudeln und Wellen der gestalt tribulirt/ daß er ohn Unterlaß auff und nider knappen muste/ und derhalben mein Magen also erschüttert/ daß ich Lung und Leber hätte außspeyen mögen. Jch konte mich kümmerlich darauff halten/ weil mir gantz seltzam vor den Augen wurde/ ich hätte mich gern wieder ins Wasser gelassen/ befand aber wol/ daß ich nit Manns genug wäre/ nur den hunderten Theil solcher Arbeit außzustehen/ dergleichen ich schon überstritten hatte/ muste derowegen verbleiben/ und auff ein ungewisse Erlösung hoffen/ die mir Gott ungefähr schicken müste/ da ich anderst mit dem Leben darvon kommen solte. Aber mein Gewissen gab mir hierzu einen schlechten Trost/ in dem es mir vorhielt/ daß ich solche gnadenreiche Hülffe[427] nun ein par Jahr her so liederlich verschertzt; jedoch hoffte ich ein bessers/ und fieng so andächtig an zu beten/ als ob ich in einem Closter erzogen worden wäre/ ich setzte mir vor/ ins künfftig frömmer zu leben/ und thät unterschiedliche Gelübde: Jch widersagte dem Soldaten-Leben/ und verschwur das Partey gehen auff ewig/ schmiß auch meine Patrondäsch sam̃t dem Rantzen von mir/ und liesse mich nit anderst an/ als ob ich wieder ein Einsidel werden/ meine Sünden büssen/ und der Barmhertzigkeit GOttes vor meine hoffende Erlösung biß in mein End dancken wolte: Und in dem ich dergestalt auff dem Ast bey 2. oder 3. Stunden lang zwischen Forcht und Hoffnung zugebracht/ kam das jenige Schiff den Rhein herunder/ dem ich hätte auffpassen helffen sollen. Jch erhube meine Stim̃ erbärmlich/ und schrye umb Gottes und deß Jüngsten Gerichts willen umb Hülff/ und nachdem sie unweit von mir vorüber fahren musten/ und dahero meine Gefahr und elenden Stand desto eygentlicher sahen/ wurde jeder im Schiff zur Barmhertzigkeit bewegt/ massen sie gleich ans Land fuhren/ sich zu unterꝛeden/ wie mir möchte zu helffen seyn.

Weil denn wegen der vielen Würbel/ die es rund umb mich herumb gabe/ und von den Wurtzeln und Aesten deß Baums verursacht wurden/ ohne LebensGefahr weder zu mir zu schwimmen/ noch mit grossen und kleinen Schiffen zu mir zu fahren war/ als erforderte meine Hülff lange Bedenckzeit; wie aber mir unterdessen zu Muth gewesen/ ist leicht zu erachten: Zuletzt schickten sie zween Kerl mit einem Nachen oberhalb meiner in den Fluß/ die mir ein Sail zufliessen liessen/ und das eine End darvon bey sich [428] behielten/ das ander End aber bracht ich mit grosser Mühe zu wegen/ und band es umb meinen Leib so gut ich konte/ daß ich also an demselben/ wie ein Fisch an einer Angelschnur/ in den Nachen gezogen/ und auff das Schiff gebracht wurde.

Da ich nun dergestalt dem Todt entronnen/ hätte ich billich am Ufer auff die Knye fallen/ und der göttlichen Güte vor meine Erlösung bancken/ auch sonst mein Leben zu bessern/ einen Anfang machen sollen/ wie ich denn solches in meinen höchsten Nöthen gelobt und versprochen. Ja hinder sich nauß! Denn da man mich fragte/ wer ich sey? und wie ich in diese Gefahr gerathen wäre? fieng ich an/ diesen Burschen vorzulügen/ daß der Himmel hätte erschwartzen mögen; denn ich dachte/ wenn du ihnen sagst/ daß du sie hast plündern helffen wollen/ so schmeissen sie dich alsbald wieder in Rhein/ gab mich also vor einen vertriebenen Organisten auß/ und sagte/ nachdem ich auff Straßburg gewolt/ umb über Rhein irgend einen Schul- oder andern Dienst zu suchen/ hätte mich eine Partey erdappt/ außgezogen/ und in den Rhein geworffen/ welcher mich auff gegenwärtigen Baum geführt. Und nachdem ich diese meine Lügen wol füttern konte/ zumalen auch mit Schwüren bekräfftigte/ wurde mir geglaubt/ und mit Speiß und Tranck alles Gutes erwiesen/ mich wieder zu erquicken/ wie ichs denn trefflich vonnöten hatte.

Beym Zoll zu Straßburg stiegen die meiste aus Land/ und ich mit ihnen/ da ich mich denn gegen dieselbe hoch bedanckte/ und unter andern eines jungen Kauffherꝛn gewahr wurde/ dessen Angesicht/ Gang und Geberden mir zu erkennen gaben/ daß ich ihn [429] zuvor mehr gesehen/ konte mich aber nicht befinnen/ wo? vernam aber an der Sprach/ daß es eben der jenige Cornet war/ so mich hiebevor gefangen bekommen/ ich wuste aber nicht zu ersinnen/ wie auß einem so braven jungen Soldaten zu einem Kauffmañ worden/ vornemlich weil er ein geborner Cavallier war; die Begierde zu wissen/ ob mich meine Augen und Ohren betrügen oder nicht/ trieben mich dahin/ daß ich zu ihm gieng/ und sagte: Monsieur Schönstein/ ist ers/ oder ist ers nicht? Er aber antwort/ ich bin keiner von Schönstein/ sondern ein Kauffmann; da sagte ich/ So bin ich auch kein Jäger von Soest nit/ sondern ein Organist/ oder vielmehr ein Land läuffiger Bettler! O Bruder/ sagt hingegen jener/ was Teuffels machstu/ wo ziehest du herumb? Jch sagte/ Bruder/ wenn du vom Himmel versehen bist/ mir das Leben erhalten zu helffen/ wie nun zum zweyten mal geschehen ist/ so erfordert ohn Zweiffel mein fatum, daß ich alsdenn nit weit von dir seye. Hierauff namen wir einander in die Arm/ als zwey getreue Freund/ die hiebevor beyderseits versprochen/ einander biß in Todt zu lieben. Jch muste bey ihm einkehren/ und alles erzehlen/ wie mirs ergangen/ sint ich von L. nach Cöln verꝛeyst/ meinen Schatz abzuholen/ verschwieg ihm auch nit/ was gestalt ich mit einer Partey ihrem Schiff hätte auffpassen wollen/ und wie es nus drüber ergieng; Aber wie ich zu Pariß gehaust/ davon schwieg ich stockstill/ denn ich sorgte/ er möchte es zu L. außbringen/ und mir deßwegen bey meinem Weib einen bösen Rauch machen. Hingegen vertraute er mir/ daß er von der Hessischen Generalität zu Hertzog Bernhard/ dem Fürsten von Weymar/[430] geschickt worden/ wegen allerhand Sachen von grosser Importanz, das Kriegswesen betreffend/ Relation zu thun/ und künfftiger Campagne und Anschläg halber zu conferiren/ welches er nunmehr verꝛichtet/ und in Gestalt eines Kauffmanns/ wie ich denn vor Augen sehe/ auff der Zuruckräis begriffen seye. Benebens erzehlte er mir auch/ daß meine Liebste bey seiner Abräis grosses Leibs/ und neben ihren Eltern und Verwandten noch in gutem Wolstand gewesen; Jtem daß mir der Obrist das Fähnlein noch auffhalte/ und vexirte mich darneben/ weil mich die Urschlechten so verderbt hätten/ daß mich weder mein Weib noch das andere Frauenzimmer zu L. vor den Jäger mehr annemmen werde/ ꝛc. Demnach redten wir miteinander ab/ daß ich bey ihm verbleiben/ und mit solcher Gelegenheit wieder nach L. kehren solte/ so ein erwünschte Sach vor mich war. Und weil ich nichts als Lumpen an mir hatte/ strockt er mir etwas an Geld vor/ damit ich mich wie ein Gaden-Diener mondirte.

Man sagt aber/ wenn ein Ding nit seyn soll/ so geschichts nicht/ das erfuhr ich auch/ denn da wir den Rhein hinunder fuhren/ und das Schiff zu Rheinhausen visitirt wurde/ erkanten mich die Philipsburger/ welche mich wieder anpackten/ und nach Philipsburg führten/ allda ich wieder wie zuvor einen Mußquetierer abgeben muste/ welches meinen guten Cornet ja so sehr verdroß/ als mich selbsten/ weil wir sich wieder scheiden musten/ so dorffte er sich auch meiner nicht hoch annehmen/ denn er hat mit ihm selbst zu thun/ sich durch zu bringen.

[431]

Das XI. Capitel.

ALso hat nun der günstige Leser vernom̃en/ in was vor einer Lebensgefahr ich gesteckt; Betreffend aber die Gefahr meiner Seelen/ ist zu wissen/ daß ich unter meiner Mußquete ein rechter wilder Mensch war/ der sich umb Gott und sein Wort nichts bekümmerte/ keine Boßheit war mir zu viel/ da waren alle Gnaden und Wolthaten/ die ich von GOtt jemals empfangen/ allerdings vergessen/ so bat ich auch weder umb das Zeitlich noch Ewig/ sondern lebte auff den alten Käiser hinein wie ein Viehe. Niemand hätte mir glauben können/ daß ich bey einem so frommen Einsidel wäre erzogen worden; selten kam ich in die Kirch/ und gar nicht zur Beicht/ und gleich wie mir meiner Seelen Heyl nichts anlag/ als betrübte ich meinen Nebenmenschen desto mehr: Wo ich nur jemand berücken konte/ unterließ ichs nit/ ja ich wolte noch Ruhm darvon haben; so daß schier keiner ohngeschimpfft von mir kam/ davon kriegte ich offt dichte Stöß/ und noch öffter den Esel zu reuten/ ja man bedrohete mich mit Galgen und Wippe/ aber es halff alles nichts/ ich trieb meine gottlose Weis fort/ daß es das Ansehen hatte/ als ob ich das desperat spielte/ und mit Fleiß der Höllen zurennete. Und ob ich gleich keine Ubelthat begieng/ dadurch ich das Leben verwürckt hätte/ so war ich jedoch so ruchlos/ daß man (ausser den Zauberern und Sodomiten) kaum einen wüstern Menschen antreffen mögen.

Diß nam unser Regiments-Caplan an mir in acht/ und weil er ein rechter frommer Seelen-Eiferer war/ schickte er auff die Oesterliche Zeit nach mir/ zu[432] vernehmen/ warumb ich mich nicht bey der Beicht und Communion eingestellt hätte? Jch tractirte ihn aber nach seinen vielen treuhertzigen Erinnerungen/ wie hiebevor den Pfarꝛer zu L. Also daß der gute Herꝛ nichts mit mir außrichten konte. Und in dem es schiene/ als ob Christus und Tauff an mir verloren wäre/ sagte er zum Beschluß: Ach du elender Mensch! ich habe vermeynt/ du irꝛest auß Unwissenheit/ aber nun mercke ich/ daß du auß lauter Boßheit/ und gleichsam vorsetzlicher Weis zu sündigen fortfährest/ Ach wer vermeynstu wol/ der ein Mitleiden mit deiner armen Seel und ihrer Verdam̃nus haben werde? Meines theils protestire ich vor Gott und der Welt/ daß ich an deiner Verdam̃nus keine Schuld haben will/ weil ich gethan/ und noch ferner gern unverdrossen thun wolte/ was zu Beförderung deiner Seeligkeit vonnöthen wäre. Es wird mir aber besorglich künfftig mehrers zu thun nit obligen/ denn daß ich deinen Leid/ wenn ihn deine arme Seel in solchem verdampten Stand verläst/ an kein geweyht Ort zu andern frommen abgestorbenen Christen begraben/ sondern auff den Schind-Wasen bey die Cadavera deß verꝛeckten Viehs hinschleppen lasse/ oder an den jenigen Ort/ da man andere Gotts-vergessene und Verzweiffelte hin thut!

Diese ernstliche Bedrohung fruchtete eben so wenig/ als die vorige Ermahnungen/ und zwar nur der Ursach halber/ weil ich mich vorm Beichten schämte; O ich grosser Narꝛ! Jch erzehlte offt meine Bubenstück bey gantzen Gesellschafften/ und log noch darzu/ aber jetzt/ da ich mich bekehren/ und einem einigen Menschen/ an Gottes statt/ meine Sünden demütig [433] bekennen solte/ Vergebung zu empfangen/ war ich ein verstockter Stumm! Jch sage recht/ verstockt/ blieb auch verstockt/ denn ich antwortet: Jch diene dem Käiser vor einen Soldaten/ wenn ich nun auch sterbe als ein Soldat/ so wirds kein Wunder seyn/ da ich gleich andern Soldaten (die nit allezeit auff das Geweyhte begraben werden können/ sondern irgends auff dem Feld/ in Gräben/ oder in der Wölff und Raben Mägen vor lieb nemmen müssen) mich auch ausserhalb deß Kirchhofs behelffen werde.

Also schiede ich vom Geistlichen/ der mit seinem heiligen Seelen-Eyfer anders nichts umb mich verdient/ als daß ich ihm einsmal einen Hasen abschlug/ den er inständig von mir begehrte/ mit Vorwand/ weil er sich selbst an einem Strick erhenckt und umbs Leben gebracht/ daß sich dannenhero nit gebühre/ daß er als ein Verzweiffelter/ in ein geweyhtes Erdreich begraben werden solte.

Das XII. Capitel.

ALso folgte bey mir keine Besserung/ sondern ich wurde je länger je ärger/ der Obrist sagte einsmals zu mir/ Er wolte mich/ da ich kein gut thun wolte/ mit einem Schelmen hinweg schicken; Weil ich aber wol wuste/ daß es ihm nit Ernst war/ sagte ich/ diß könne leicht geschehen/ wenn er mir nur den Steckenknecht mit gebe; Also ließ er mich wiederum passirn/ weil er sich wol einbilden konte/ daß ichs vor keine Straff/ sondern vor eine Wolthat halten würde/ wenn er mich lauffen liesse. Muste demnach wieder meines Hertzen Willen ein Mußquetier bleiben/ und Hunger leiden/ biß in den Sommer hinein. Je [434] mehr sich aber der Graf von Götz mit seiner Armee näherte/ je mehrers näherte sich auch meine Erlösung: Denn als selbiger zu Bruchsal das HauptQuartier hatte/ wurde mein Hertzbruder/ dem ich im Läger vor Magdeburg mit meinem Geld getreulich geholffen/ von der Generalität mit etlichen Verꝛichtungen in die Vestung geschickt/ da man Jhm die höchste Ehr anthät. Jch stund eben vor deß Obristen Quartier Schildwacht/ und ob er zwar ein schwartzen sammeten Rock antrug/ so erkante ich ihn jedoch gleich im ersten Anblick/ hatte aber nicht das Hertz/ ihn so gleich anzusprechen/ denn ich muste sorgen/ er würde der Welt Lauff nach sich meiner schämen/ oder mich sonst nit kennen wollen/ weil er den Kleidern nach in einem hohen Stand/ ich aber nur ein lausiger Mußquetier wäre. Nachdem ich aber abgelöst wurde/ erkundigte ich bey dessen Dienern seinen Stand und Nahmen/ damit ich versichert seye/ daß ich vielleicht keinen andern vor ihn anspräche/ und hatte dennoch das Hertz nit/ ihn anzureden/ sondern schrieb dieses Brieflein/ und ließ es ihm am Morgen durch seinen Kammerdiener einhändigen:

MOnsieur, ꝛc. Wenn meinem Hochg. Herꝛn beliebte/ den jenigen/ den er hiebevor durch seine Dapfferkeit/ in der Schlacht bey Wittstock auß Eisen und Banden erꝛettet/ auch anjetzo durch sein vortrefflich Ansehen auß dem aller-armseeligsten Stand von der Welt zu erlösen/ wohinein er als ein Ball deß unbeständigen Glücks gerathen; So würde Jhm solches nicht allein nicht schwer fallen/ sondern Er würde Jhm auch vor einen ewigen Diener [435] obligirn/ seinen ohne das getreu-verbundenen/ anjetzo aber aller-elendesten und verlassenen

S. Simplicissimum.

So bald er solches gelesen/ ließ er mich zu ihm hinein kommen/ sagte er: Landsmann/ wo ist der Kerl/ der euch diß Schreiben gegeben? Jch antwort/ Herꝛ/ er ligt in hiesiger Vestung gefangen; Wol/ sagt er/ so gehet zu ihm/ und sagt/ ich woll ihm darvon helffen/ und solt er schon den Strick an Hals kriegen. Jch sagte: Herꝛ/ es wird solcher Mühe nit bedörffen/ ich bin der arme Simplicius selbsten/ der jetzt kompt/ demselben so wol vor die Erlösung bey Wittstock zu dancken/ als Jhn zu bitten/ mich wieder von der Mußquet zu erledigen/ so ich wider meinen Willen zu tragen gezwungen würde. Er liesse mich nit völlig außreden/ sondern bezeugte mit umbfahen/ wie geneigt er seye/ mir zu helffen; Jn Summa/ er thät alles was ein getreuer Freund gegen dem andern thun solle/ und ehe er mich fragte/ wie ich in die Vestung/ und in solche Dienstbarkeit gerathen? schickte er seinen Diener zum Juden/ Pferd und Kleid er vor mich zu kauffen; indessen erzehlte ich ihm/ wie mirs ergangen sint sein Vatter vor Magdeburg gestorben/ und als er vernam/ daß ich der Jäger von Soest (von dem er so manch rühmlich Soldatenstück gehöret) gewesen/ beklagte er/ daß er solches nit ehe gewust hätte/ denn er mir damals gar wol zu einer Compagni hätte verhelffen können.

Als nun der Jud mit einer gantzen Taglöhner-Last von allerhand Soldaten-Kleidern daher kam/ lase er mir das beste herauß/ ließ michs anziehen/ und nam mich mit ihm zum Obristen/ zu dem sagte er: Herꝛ/ [436] ich hab in seiner Guarnison gegenwärtigen Kerl angetroffen/ dem ich so hoch verobligirt bin/ daß ich ihn in so nidrigem Stand/ wenn schon seine Qualitäten keinen bessern meritirten/ nit lassen kan; Bitte derowegen den Herꝛ Obristen/ er wolle mir den Gefallen erweisen/ und ihn entweder besser accommodiren/ oder zulassen/ daß ich ihn mit mir nemme/ umb ihm bey der Armee fort zu helffen/ worzu villeicht der Herꝛ Obriste hier die Gelegenheit nit hat. Der Obrist vercrentzigte sich vor Verwunderung/ daß er mich einmal loben hörte/ und sagte: Mein hochgeehrter Herꝛ vergeb mir/ wenn ich glaube/ ihm beliebe nur zu probiren/ ob ich ihm auch so willig zu dienen sey/ als er dessen wol werth ist/ und wofern er so gesinnet/ so begehre er etwas anders/ das in meinem Gewalt steht/ so wird er meine Willfährigkeit im Werck erfahren: Was aber diesen Kerl anbelangt/ ist solcher nicht eigentlich mir/ sondern seinem Vorgeben nach/ unter ein Regiment Dragoner gehörig/ darneben ein solch schlimmer Gast/ der meinem Provosen/ fint er hier ist/ mehr Arbeit geben/ als sonst ein gantze Compagni, so daß ich von ihm glauben muß/ er könne in keinem Wasser ersauffen. Endet damit seine Red lachend/ und wünschte mir Glück ins Feld.

Diß war meinem Hertzbruder noch nicht genug/ sondern er bat den Obristen auch/ Er wolte sich nicht zu wider seyn lassen/ mich mit an seine Tafel zu nemmen/ so er auch erhielt; er thäts aber zu dem Ende/ daß er dem Obristen in meiner Gegenwart erzehle/ was er in Westphalen nur discursent von dem Grafen von der Wahl und dem Commandanten in Soest von mir gehöret hätte: Welches alles er nun[437] dergestalt herauß striche/ daß alle Zuhörer mich vor einen guten Soldaten halten musten; darbey hielt ich mich so bescheiden/ daß der Obrist und seine Leut/ die mich zuvor gekant/ nicht anders glauben konten/ als ich wäre mit andern Kleidern/ auch ein gantz anderer Mensch worden. Und demnach der Obrist auch wissen wolte/ woher mir der Nahm Doctor zukommen wäre? erzehlt ich ihm meine gantze Räis von Pariß auß biß nach Philipsburg/ und wie viel Bauern ich betrogen/ mein Maulfutter zu gewinnen/ darüber sie zimlich lachten. Endlich gestund ich unverholen/ daß ich willens gewest/ Jhn Obristen mit allerhand Boßheiten dergestalt zu perturbirn und abzumatten/ daß er mich endlich auß der Guarnison hätte schaffen müssen/ dafern er anders wegen der vielen Klagen in Ruhe vor mir leben wollen.

Darauff erzehlte der Obrist viel Bubenstücklein/ die ich begangen/ so lang ich in der Guarnison gewest/ wie ich nemlich Erbsen gesotten/ oben mit Schmaltz übergossen/ und solche vor eitel Schmaltz verkaufft; item gantze Säck voll Sand für Saltz/ in dem ich die Säck unden mit Sand/ und oben mit Saltz gefüllt/ so dann/ wie ich einem hie/ dem andern dort einen Beern angebunden/ und die Leut mit Pasquillen vexirt. Also daß man die gantze Mahlzeit nur von mir zu reden hatte; hätte ich aber keinen so ansehenlichen Freund gehabt/ so wären alle meine Thaten straffwürdig gewesen. Darbey nam ich ein Exempel/ wie es bey Hof hergehen müsse/ wenn ein böser Bub deß Fürsten Gunst hat.

Nach geendigtem Jmbiß hatte der Jud kein Pferd/ so meinem Hertzbruder vor mich gefallen wolte/ weil [438] er aber in solcher Æstimation war/ daß der Obrist seine Gunst schwerlich entberen konte/ als verehrte er ihm eins mit Sattel und Zeug auß seinem Stall/ auff welches sich Herꝛ Simplicius setzte/ und mit seinem Hertzbruder Freudenvoll zur Vestung hinauß ritte/ theils seiner Cameraden rieffen ihm nach/ Glück zu Bruder/ Glück zu! theils aber auß Neid: Je grösser Glück/ je grösser Glück.

Das XIII. Capitel.

UNterwegs redete Hertzbruder mit mir ab/ daß ich mich vor seinen Vetter außgeben solte/ damit ich desto mehr geehrt würde/ hingegen wolte er mir noch ein Pferd sampt einem Knecht verschaffen/ und mich zum Neun Eckischen Regiment thun/ bey deme ich mich als ein Freyreuter auffhalten könte/ biß ein Officier-Stelle bey der Armee ledig würde/ zu deren er mir helffen könte.

Also wurde ich in Eyl wieder ein Kerl/ der einem braven Soldaten gleich sahe/ ich thät aber denselben Sommer wenig Thaten/ als daß ich am Schwartzwald hin und wieder etliche Kühe stehlen halffe/ und mir das Brißgäu und Elsas zimlich bekant machte. Jm übrigen hatte ich abermal wenig Stern/ denn nachdem mir mein Knecht sampt dem Pferd bey Kentzingen von den Weymarischen gefangen wurde/ muste ich das ander desto härter strapezirn/ und endlich gar hinreuten/ daß ich mich also in den Orden der Merode-Brüder begeben muste. Mein Hertzbruder hätte mich zwar gern wieder mondirt/ weil ich aber so bald mit den ersten zweyen Pferden fertig worden/ hielte er zurück/ und gedachte mich zappeln zu lassen/ [439] biß ich mich besser vorzusehen lernte; so begehrte ich solches auch nit/ denn ich fand an meinen Mit-Consorten eine so angenehme Gesellschafft/ daß ich mir biß an die Winter- Quartier keinen bessern Handel wünschte.

Jch muß nur ein wenig erzehlen/ was die MerodeBrüder vor Leut sind/ weilen sich ohn Zweiffel etliche finden/ sonderlich die Kriegs Unerfahrne/ so nichts davon wissen: So hab ich bißher noch keinen Scribenten angetroffen/ der etwas von ihren Gebräuchen/ Gewonheiten/ Rechten und Privilegien/ seinen Schrifften einverleibt hätte/ ohnangesehen es wol werth ist/ daß nit allein die jetzige Feldherꝛn/ sondern auch der Baursmann wisse/ was es vor ein Zunfft seye. Betreffend nun erstlich ihren Nahmen/ will ich nit hoffen/ daß es dem jenigen dapffern Cavallier, unter dem sie solchen bekommen/ ein Schimpff sey/ sonst wolte ichs nit einem jeden so offentlich auff die Nas binden: Jch hab eine Art Schuh gesehen/ die hatten an statt der Löcher krumme Näht/ damit sie desto besser durch den Koth stampffen solten; solte nun einer deßwegen den Mansfelder selbst vor einen Pechfartzer schelten/ den wolte ich vor einen Phantasten halten. Eben so muß man diesen Nahmen auch verstehen/ der nicht abgehen wird/ so lang die Teutsche kriegen/ es hat aber ein solche Beschaffenheit damit: Als dieser Cavallier einsmals ein neugeworben Regiment zur Armee brachte/ waren die Kerl so schwacher baufälliger Natur/ wie die Frantzösische Britanier/ daß sie also das Marchirn und ander Ungemach/ das ein Soldat im Feld außstehen muß/ nit erleiden konten/ derowegen denn ihre Brigade zeitlich so schwach wurde/ [440] daß sie kaum die Fähnlein mehr bedecken konte/ und wo man einen oder mehr Krancke und Lahme auff dem Marck/ in Häusern und hinder den Zäunen und Hecken antraff/ und fragte/ Was Regiments? so war gemeiniglich die Antwort/ von Merode! Davon entsprang/ daß man endlich alle die jenige/ sie wären gleich kranck oder gesund/ verwundt oder nit/ wenn sie nur ausserhalb der Zug-Ordnung daher zottelren/ oder sonst nicht bey ihren Regimentern ihr Quartier im Feld namen/ Merode-Brüder nante/ welche Bursch man zuvor Säusenger und Jmmenschneider geheissen hatte; denn sie sind wie die Brumser in den Jmmenfässern/ welche/ wenn sie ihren Stachel verloren haben/ nicht mehr arbeiten noch Honig machen/ sondern nur fressen können; Wann ein Reuter sein Pferd/ und ein Mußquetier seine Gesundheit verleurt/ oder ihm Weib und Kind erkranckt und zuruck bleiben will/ so ists schon anderthalb par Merode-Brüder/ ein Gesindlein/ so sich mit nichts besser als mit den Zügeinern vergleicht/ weil es nicht allein nach seinem Belieben vor/ nach/ neben und mitten unter der Armee herumb streicht/ sondern auch demselben beydes an Sitten und Gewonheit ähnlich ist/ da sihet man sie Hauffenweis beyeinander (wie die Feld-Hüner im Winter) hinder den Hecken/ im Schatten/ oder nach ihrer Gelegenheit an der Sonnen/ oder irgends umb ein Feur herumb ligen/ Taback zu sauffen und zu faullentzen/ wenn unterdessen anderwerts ein rechtschaffener Soldat beym Fähnlein Hitz/ Durst/ Hunger/ Frost/ und allerhand Elend überstehet. Dort geht eine Schaar neben dem March her auff die Mauserey/ wenn indessen manch armer[441] Soldat vor Mattigkeit unter seinen Waffen versincken möchte. Sie spoliren vor/ neben und hinder der Armee alles was sie antreffen/ und was sie nicht geniessen können/ verderben sie/ also daß die Regimenter/ wenn sie in die Quartier oder ins Läger kommen/ offt nicht einen guten Trunck Wasser finden/ und wenn sie alles Ernstes angehalten werden/ bey der Bagage zu bleiben/ so wird man offt bey nahe dieselbe stärcker finden/ als die Armee selbst ist; Wenn sie aber Gesellen-weis marchiren/ quartiren/ campiren und haustren/ so haben sie keinen Wachtmeister/ der sie commandirt/ keinen Feldwaibel oder Schergianten/ der ihnen das Wambs außklopfft/ keinen Corporal, der sie wachen heist/ keinen Tambour, der sie deß Zapffenstreichs/ der Schaar- und Tagwacht erinnert/ und in Summa niemand/ der sie an statt deß Adjutanten in Battaglia stellt/ oder an statt deß Fourirs einlogirt/ sondern leben vielmehr wie die Frey-Herꝛen. Wenn aber etwas an Commiß der Soldatesca zukompt/ so sind sie die erste/ die ihr Theil holen/ ob sie es gleich nit verdient Hingegen sind die Rumormeister und General Gewaltiger ihr allergröste Pest/ als welche ihnen zu Zeiten/ wenn sie es zu bundt machen/ eiserne Silbergeschirꝛ an Händ und Füß legen/ oder sie wol gar mit einem hänffinen Kragen zieren/ und an ihre allerbeste Häls auffhencken lassen.

Sie wachen nicht/ sie schantzen nicht/ sie stürmen nicht/ und kommen auch in keine Schlacht-ordnung/ und sie ernehren sich doch! Was aber der Feldherꝛ/ der Landmann/ und die Armada selbst/ bey deren sich viel solches Gesinds befindet/ vor Schaden darvon habe/ ist nicht zu beschreiben. Der heylloseste[442] Reuter-Jung/ der nichts thut als fouragiren/ ist dem FeldHerꝛn nützer/ als 1000. Merode-Brüder/ die ein Handwerck drauß machen/ und ohne Noth auff der Bernhaut ligen/ sie werden vom Gegentheil hinweg gefangen/ und von den Baurn an theils Orten auff die Finger geklopfft/ dadurch wird die Armee gemindert/ und der Feind gestärckt/ und wenn gleich ein so liederlicher Schlingel (ich meyne nicht die arme Krancke/ sondern die unberittene Reuter/ die unachtsamer Weis ihre Pferd verderben lassen/ und sich auff Merode begeben/ damit sie ihre Haut schohnen können) durch den Sommer darvon kompt/ so hat man nichts anders von ihm/ als daß man ihn auff den Winter mit grossem Kosten wieder mondiren muß/ damit er künfftigen Feldzug wieder etwas zu verlieren habe/ man solte sie zusamm kuppeln wie die Windhund/ und sie in den Guarnisonen kriegen lernen/ oder gar auff die Galleern schmiden/ wenn sie nit auch zu Fuß im Feld das ihrige thun wolten/ biß sie gleichwol wieder Pferd kriegten. Jch geschweige hier/ wie manches Dorff durch sie so wol unachtsamals vorsetzlicher Weis verbrennt wird/ wie manchen Kerl sie von ihrer eigenen Armee absetzen/ plündern/ heimlich bestehlen/ und wol gar nider machen/ auch wie mancher Spion sich unter ihnen auffhalten kan/ wenn er nemlich nur ein Regiment und Compagni auß der Armada zu nennen weiß. Ein solcher ehrbarer Bruder nun war ich damals auch/ und verbliebs biß den Tag vor der Wittenweyrer Schlacht/ zu welcher Zeit das Haupt-Quartier in Schuttern war/ denn als ich damals mit meinen Cameraden in das Geroltzeckische gieng/ Kühe oder Ochsen zu stehlen/ [443] wie unser Gewonheit war/ wurde ich von den Weymarischen gefangen/ die uns viel besser zu tracti- renwusten/ denn sie luden uns Mußqueten auff/ und stiessen uns hin und wieder unter die Regimenter/ ich zwar kam unter das Hattsteinische.

Das XIV. Capitel.

JCh konte damals greiffen/ daß ich nur zum Unglück geboren/ denn ungefähr 4. Wochen zuvor/ ehe das gedachte Treffen geschahe/ hörete ich etliche Götzische gemeine Officier von ihrem Krieg discuriren/ da sagte einer: Ohngeschlagen gehets diesen Sommer nicht ab! Schlagen wir dann den Feind/ so müssen wir den künfftigen Winter Freyburg und die Waldstätt einnehmen; kriegen wir aber Stöß/ so kriegen wir auch Winter-Quartier. Auff diese Prophezey machte ich meinen richtigen Schluß/ und sagte bey mir selbst: Nun freue dich Simplici, du wirst künfftigen Früling guten See- und Neckerwein trincken/ und geniessen/ was die Weymarische verdienen werden. Aber ich betrog mich weit/ denn weil ich nunmehr Weymarisch war/ so war ich auch prædestinirt/ Breysach belägern zu helffen/ massen solche Belägerung gleich nach mehrbemeldter Wittenweyrer Schlacht völlig ins Werck gesetzt wurde/ da ich denn wie andere Mußquetier Tag und Nacht wachen und schantzen muste/ und nichts davon hatte/ als daß ich lernte/ wie man mit den Approchen einer Vestung zusetzen muß/ darauff ich vor Magdeburg wenig Achtung geben. Jm übrigen aber war es laufig bey mir bestellt/ weil je zwo oder drey auffeinander sassen/ der Beutel war läer/ Wein/ Bier und Fleisch [444] ein Rarität/ Aepffel und halb Brod genug mein bestes Wildpret.

Solches war mir sauer zu ertragen/ Ursach/ wenn ich zurück an die Egyptische Fleischtöpff/ das ist/ an die Westphälische Schincken und Knackwürst zu L. gedachte. Jch gedachte niemal mehr an mein Weib/ als wenn ich in meinem Zelt lag/ und vor Frost halb erstarꝛt war/ da sagte ich denn offt zu mir selber: Huy Simplici, meynstu auch wol/ es geschehe dir unrecht/ wenn dir einer wieder Wett spielte/ was du zu Pariß begangen? Und mit solchen Gedancken quälte ich mich wie ein ander eyfersichtiger Hanrey/ da ich doch meinem Weib nichts als Ehr und Tugend zutrauen konte; zuletzt wurde ich so ungedultig/ daß ich meinem Capitain eröffnete/ wie meine Sachen bestellt wären/ schrieb auch auff der Post nach L. und erhielte vom Obristen de S. A und meinem Schwehrvatter/ daß sie durch ihre Schreiben bey dem Fürsten von Weymar zu wegen brachten/ daß mich mein Capitain mit einem Paß muste lauffen lassen.

Ungefähr eine Woch oder vier vor Weyhnachten/ marchirt ich mit einem guten Feur-rohr vom Läger ab/ das Brißgäu hinunder/ der Meynung/ selbige Weyhnacht-Meß zu Straßburg 20. Thaler/ von meinem Schwehr übermacht/ zu empfahen/ und mich mit Kauffleuten den Rhein hinunder zu begeben/ da es doch unterwegs viel Käiserl. Guarnisonen hatte: Als ich aber bey Endingen vorbey passirt/ und zu einem einigen Hauß kam/ geschah ein Schuß nach mir/ so daß mir die Kugel den Rand am Hut verletzt/ und gleich darauff sprang ein starcker vierschrötiger Kerl auß dem Hauß auff mich loß/ der schrye/ ich [445] solte das Gewehr ablegen; Jch antwort/ bey Gott Landsmann dir zu gefallen nicht/ und zog den Hanen über/ Er aber wischte mit einem Ding von Leder/ das mehr einem Henckers-Schwerd als Degen gleich sahe/ und eylete damit auff mich zu: Wie ich nun seinen Erust spürte/ schlug ich an/ und traff ihn dergestalt an die Stirn/ daß er herumb durmelte/ und endlich zu Boden fiel; dieses mir zu Nutz zu machen/ rang ich ihm geschwind sein Schwerd auß der Faust/ und wolts ihm in Leib stossen; da es aber nicht durch gehen wolte/ sprang er wieder unversehens auff die Füß/ erwischte mich beym Haar/ und ich ihn auch/ sein Schwerd aber hatte ich schon weg geworffen/ darauff fiengen wir ein solch ernstlich Spiel miteinander an/ so eines jeden verbitterte Stärck genugsam zu erkeñen gab/ und kont doch keiner deß andern Meister werden/ bald lag ich/ bald er oben/ und im Huy kamen wir wieder auff die Füß/ so aber nicht lang dauerte/ weil je einer deß andern Todt suchte; das Blut/ so mir bäuffig zu Nas und Mund berauß lieffe/ speyte ich meinem Feind ins Gesicht/ weil ers so hitzig begehrte/ das war mir gut/ denn es binderte ihn am sehen. Also zogen wir einander bey anderthalbe Stund im Schnee herumb/ darvon wurden wir so matt/ daß allem Ansehen nach deß einen Unkräfften deß andern Müdigkeit/ allein mit den Fäusten nicht völlig überwinden/ noch einer den andern auß eigenen Kräfften und ohne Waffen vollends zum Todt hätte bringen mögen.

Die Ring-Kunst/ darinn ich mich zu L. offt übte/ kam mir damals wol zu statten/ sonst hätte ich ohne Zweiffel eingebüst/ dann mein Feind war viel stärcker [446] als ich/ und über das Eisen-vest. Als wir einander fast tödtlich abgemattet/ sagte er endlich: Bruder/ hör auff/ ich ergeb mich dir zu eigen! Jch sagte/ du soltest mich anfänglich baben passiren lassen; Was hastu mehr/ antwortet jener/ wenn ich gleich sterbe; Und was hättestu gehabt/ sagte ich/ weñ du mich hättest nider geschossen/ sintemal ich kein Heller Geld dey mir hab! Darauff bat er umb Verzeyhung/ und ich mich erweichen/ und ihn auffstehen ließ/ nachdem er mir zuvor theur geschworen/ daß er nit allein Frieden halten/ sondern auch mein treuer Freund und Diener seyn wolte. Jch hätte ihm aber weder geglaubt noch getraut/ wenn mir seine verübte leichtfertige Handlungen bekant gewest wären.

Da wir nun beyde auff waren/ gaben wir einander die Händ/ das alles was geschehen/ vergessen seyn solte/ und verwunderte sich einer über den andern/ daß er seinen Meister gefunden/ dann jener meynte/ ich seye auch mit einer solchen Schelmenhaut/ wie er/ überzogen gewesen; ich ließ ihn auch darbey bleiben/ damit/ wenn er sein Gewehr bekäme/ sich nicht noch einmal an mich reiden dörffte. Er hatte von meinem Schuß ein grosse Beul an der Stirn/ und ich hatte mich sehr verblutet/ doch klagte keiner mehr als den Hals/ welche so zugerichtet/ daß keiner den Kopff auffrecht tragen konte.

Weil es dann gegen Abend war/ und mir mein Gegentheil erzehlen thät/ daß ich biß an die Kintzig weder Hund noch Katz/ viel weniger einen Menschen antreffen würde/ er aber hingegen ohnweit von der Straß in einem abgelegenen Häußlein ein gut stück Fleisch und einen Trunck zum besten hätte, Also ließ [447] ich mich überꝛeden/ und gieng mit ihm/ da er dann unterwegs offt mit Seufftzen bezeugte/ wie leyd ihm seye/ daß er mich beleydtgt habe.

Das XV. Capitel.

EJn resoluter Soldat/ der sich darein ergeben/ sein Leben zu wagen/ und gering zu achten/ ist wol ein dummes Vieh! Man hätte tausend Kerl gefunden/ darunter kein einiger das Hertz gehabt hätte/ mit einem solchen/ der ihn erst als ein Mörder angegriffen/ an ein unbekant Ort zu Gast zu gehen: Jch fragt ihn auff dem Weg/ was Volcks er sey? da sagte er/ Er hätte vor dißmal keinen Herꝛn/ sondern kriege vor sich selbst/ und fragte zugleich/ was Volcks denn ich sey? Jch sagte/ daß ich Weymarisch gewesen/ nunmehr aber mein Abschied hätte/ und gesinnet wäre/ mich nach Hauß zu begeben; Darauff fragte er/ wie ich hiesse? und da ich antwoꝛtet/ Simplicius, kehrt er sich umb (denn ich ließ ihn voran gehen/ weil ich ihm nit traute) und sahe mir steiff ins Gesicht; Heistu nicht auch Simplicissimus? Ja/ antwortet ich/ der ist ein Schelm der seinen Nahmen verleugnet/ Wie heist aber du? Ach Bruder/ antwortet er/ so bin ich Olivier, den du wol vor Magdeburg wirst gekant haben; Warff damit sein Rohr von sich/ und fiel auff die Knye nider/ mich umb Verzeyhung zu bitten/ daß er mich so übel gemeynt hätte/ sagend/ er könte sich wol einbilden/ daß er keinen bessern Freund in der Welt bekomme/ als er an mir einen haben würde/ weil ich nach deß Alten Hertzbruders Prophecey seinen Todt so dapffer rächen solte: Jch hingegen wolte mich über ein so seltzame Zusam̃enkunfft verwundern/ Er aber [448] sagte/ das ist nichts neues/ Berg und Thal kom̃t nit zusam̃en/ das ist mir aber seltzam/ daß wir beyde uns so verändert haben/ sintemal ich auß einem Secretario ein Waldfischer/ du aber auß einem Narꝛn zu einem so dapffern Soldaten worden! Sey versichert Bruder/ wenn unserer zehentausend wären/ daß wir morgenden Tags Breysach entsetzen/ und endlich zu Herꝛen der gantzen Welt machen wolten.

Jn solchem Discurs passirten wir/ da es eben Nacht woꝛden/ in ein klein abgelegen Taglöhner-häußlein; und ob mir zwar solche Pralerey nit gefiel/ so gab ich ihm doch recht/ vornemlich weil mir sein schelmisch falsch Gemüt bekant war/ und ob ich ihm zwar im geringsten nichts Guts zutraute/ so gieng ich doch mit ihm in besagtes Häußlein/ in welchem ein Baur eben die Stub einhitzte/ zu dem sagte er: Hastu etwas gekocht? Nein/ sagt der Baur/ ich hab ja den gebratenen Kalbsschlegel noch/ den ich heute von Waldkirch brachte; Nun dann/ antwort Olivier, so gehe/ und lang her was du hast/ und bringe zugleich das Fäßlein Wein mit.

Als der Baur fort war/ sagte ich zu Olivier: Bruder/ (ich nennt ihn so/ damit ich desto ficherer vor ihm wäre) du hast einen willigen Wirth! Das danck (sagte er) dem Schelmen der Teuffel/ ich ernähr ihn ja mit Weib und Kind/ und er macht noch darzu vor sich selbst gute Beuten/ ich lasse ihm alle Kleider/ die ich erobere/ solche zu seinem Nutzen anzuwenden: Jch fragte/ wo er denn sein Weib und Kind hätte? da sagte Olivier, daß er sie nach Freyburg geflehnt/ die er alle Woch zweymal besuche/ und ihm von dort auß so wol die Victualia als Kraut und Loth zubringe. [449] Ferner berichtet er mich/ daß er diese Freybeuterey schon lang getrieben/ und ihm besser zuschlage/ als wenn er einem Herꝛn diene/ er gedächte auch nit auffzuhören/ biß er seinen Beutel rechtschaffen gespickt hätte. Jch sagte/ Bruder/ du lebest in einem gefährlichen Stand/ und wenn du über solcher Rauberey ergriffen würdest/ wie meynstu wol/ daß man mit dir umbgieng? Ha/ sagte er/ ich höre wol/ daß du noch der alte Simplicius bist; ich weiß wol/ daß der jenige so kegeln will/ auch auffsetzen muß/ du must aber das wissen/ daß die Herꝛen von Nürnberg keinen hencken laffen/ sie haben ihn dann: Jch antwortet/ gesetzt aber Bruder/ du werdest nicht erdappt/ das doch sehr mißlich stehet/ deñ der Krug gehet so lang zum Brunnen/ biß er einmal zerbricht/ so ist dannoch ein solch Leben/ wie du führest/ das aller-schändlichste von der Welt/ daß ich also nit glaube/ daß du darin zu sterben begehrest; Was/ (sagte er) das schändlichste? mein dapfferer Simplici, ich versichere dich/ daß die Rauberey das aller-Adelichste Exercitium ist/ das man dieser Zeit auff der Welt haben kan! Sag mir/ wie viel Königreich und Fürstenthümer sind nicht mit Gewalt erꝛaubt und zu wegen gebracht worden? Oder wo wirds einem König oder Fürsten auff dem gantzen Erdboden vor übel auffgenommen/ wenn er seiner Länder Intraden geneust/ die doch gemeinlich durch ihrer Vorfahren verübten Gewalt zu wegen gebracht worden? Was könte doch Adelicher genennet werden/ als eben das Handwerck/ dessen ich mich jetzt bediene? Jch mercke dir an/ daß du mir gern voꝛhalten woltest/ das ihrer viel wegen Mordens/ Raubens und Stehlens seyen gerädert/ gehenckt und [450] geköpfft worden? das weiß ich zuvor wol/ dann das befehlen die Gesetze/ du wirst aber keine andere als arme und geringe Dieb haben hencken sehen/ welches auch billich ist/ weil sie sich diser vortrefflichen Udung haben unterfangen dörffen/ die doch niemanden als hertzhafften Gemütern gebührt und vorbehalten ist: Wo hastu jemals eine vornehme Stands-Persohn durch die Justitiam straffen sehen/ umb daß sie ihr Land zu viel beschwert habe? ja was noch mehr ist/ wird doch kein Wucherer gestrafft/ der diese herꝛliche Kunst heimlich treibt/ und zwar unter dem Deck-Mantel Christlicher Lieb/ warumb wolte denn ich straffbar seyn/ der ich solche offentlich/ auff gut Alt-Teutsch/ ohn einige Bemäntelung und Gleißnerey übe? Mein lieber Simplici, du hast den Machiavellum noch nicht gelesen; Jch bin eines recht auffrichtigen Gemüts/ und treibe diese Manier zu leben/ frey offentlich ohne allen Scheu; Jch fechte/ und wag mein Leben darüber/ wie die Alte Helden/ weiß auch/ daß die jenige Handierungen/ dabey der so sie treibt/ in Gefahr stehen muß/ zugelassen sind; weil ich denn mein Leben in Gefahr setze/ so folgt unwidersprechlich/ daß mirs billich und erlaubt sey/ diese Kunst zu üben.

Hierauf antwortet ich/ gesetzt/ Rauben und Stelen sey dir erlaubt oder nicht/ so weiß ich gleichwol/ daß es wider das Gesetz der Natur ist/ das da nicht will/ daß einer einem andern thun solle/ das er nicht will/ daß es ihm geschehe; So ist solche Unbilligkeit auch wider die Weltliche Gesetz/ welche befehlen/ daß die Dieb gehenckt/ die Räuber geköpfft/ und die Mörder geradbrecht werden sollen; Und letztlich so ist es auch wider Gott/ so das fürnehmste ist/ weil er [451] keine Sünde ungestrafft läst. Es ist/ wie ich vor gesagt/ (antwort Olievier) du bist noch Simplicius, der den Machiavellum noch nit studirt hat/ könte ich aber auff solche Art eine Monarchiam auffrichten/ so wolte ich sehen/ wer mir alsdenn viel darwider predigte. Wir hätten noch mehr miteinander disputirt/ weil aber der Baur mit dem Essen und Trincken kam/ sassen wir zusammen/ und stillten unsere Mägen/ dessen ich denn trefflich hoch vonnöthen hatte.

Das XVI. Capitel.

UNser Essen war weiß Brod/ und ein gebratener kalter Kalbsschlegel/ dabey hatten wir einen guten Trunck Wein/ und ein warme Stub; Gelt Simplici, sagt Olivier, hier ists besser/ als vor Breysach in den Lauffgräben? Jch sagte/ das wol/ wenn man solch Leben mit gewisser Sicherheit und bessern Ehren zu geniessen hätte; Darüber lachte er überlaut/ und sagte/ sind dann die arme Teuffel in den Lauffgräben sicherer als wir/ die sich all Augenblick eines Außfalls besorgen müssen? Mein lieber Simplici, ich sihe zwar wol/ daß du deine Narꝛn-Kapp abgelegt/ hingegen aber deinen närꝛischen Kopff noch behalten hast/ der nicht begreiffen kan/ was gut oder böß ist/ und wenn du ein anderer/ als der jenige Simplicius wärest/ der nach deß Alten Hertzbruders Wahrsagung meinen Todt rächen solle/ so wolte ich dich bekennen lernen/ daß ich ein edler Leben führe/ als ein Freyherꝛ. Jch gedachte/ was will das werden/ du must ander Wort hervor suchen/ als bißher/ sonst möcht dich dieser Unmensch/ so jetzt den Baurn fein zu Hülff hat/ erst caput machen/ sagte derhalben: Wo ist sein Tag je[452] erhört worden/ daß der Lehrjung das Handwerck besser verstehe/ als der Lehrmeister? Bruder/ hastu ein so edel glückseelig Leben wie du vorgibst/ so mache mich deiner Gluckseeligkeit auch theilhafftig/ sintemal ich eines guten Glücks hoch vonnöten. Darauff antwort Olivier, Bruder sey versichert/ daß ich dich so hoch liebe als mich selbsten/ und daß mir die Beleydigung/ so ich dir heut zugesügt/ viel weher thut/ als die Kugel/ damit du mich an meine Stirn troffen/ als du dich meiner wie ein dapfferer rechtschaffener Kerl erwehrtest/ warumb wolte ich dir denn etwas versagen können? wenn dirs beliebt/ so bleibe bey mir/ ich will vor dich sorgen/ als vor mich selbsten/ hastu aber keinen Lust bey mir zu seyn/ so will ich dir ein gut stück Geld geben/ und begleiten/ wohin du wilt: Damit du aber glaubest/ daß mir diese Wort von Hertzen gehen/ so will ich dir die Ursach sagen/ warumb ich dich so hoch halte: Du weist dich zu erinnern/ wie richtig der Alte Hertzbruder mit seinen Prophezeyhungen zugetroffen/ schaue/ derselbe hat mir vor Magdeburg diese Wort geweissagt/ die ich „bißhero fleissig im Gedächtnus behalten: Olivier, „sihe unsern Narꝛn an wie du wilt/ so wird er dan„noch durch seine Dapfferkeit dich erschröcken/ und „und dir den grösten Possen erweisen/ der dir dein „Lebtag je geschehen wird/ weil du ihn darzu verur„sachest in einer Zeit/ darinn ihr beyde einander nicht „erkennet gehabt/ doch wird er dir nit allein dein Le„ben schencken/ so in seinen Händen gestanden/ son„dern er wird auch über ein Zeit lang hernach an das „jenig Ort kommen/ da du erschlagen wirst/ daselbst „wird er glückseelig deinen Todt rächen. Dieser[453] Weissagung halber/ liebster Simplici, bin ich bereit mit dir das Hertz im Leib zu theilen/ dann gleich wie schon ein Theil davon erfullt/ in dem ich dir Ursach geben/ daß du mich als ein dapfferer Soldat vor den Kopff geschossen/ und mir mein Schwerd genom̃en/ (das mir freylich noch keiner gethan) mir auch das Leben gelassen/ da ich unter dir lag/ und gleichsam im Blut erstickte; Also zweiffle ich nicht/ daß das übrige von meinem Todt auch fehl schlagen werde. Auß solcher Rach nun/ liebster Bruder/ muß ich schliessen/ daß du mein getreuer Freund seyest/ dann dafern du es nicht wärest/ so würdestu solche Rach auch nicht über dich nehmen; da hastu nun die concepta meines Hertzens/ jetzt sag mir auch/ was du zu thun gesinnet seyest? Jch gedachte/ trau dir der Teuffel/ ich nicht! nimm ich Geld von dir auff den Weg/ so möchtestu mich erst nidermachen/ bleib ich dann bey dir/ so muß ich sorgen/ ich dörffte mit dir geviertheilt werden; setzte mir demnach vor/ ich wolt ihm eine Nas drähen/ bey ihm zu bleiben/ biß ich mit Gelegenheit von ihm kommen könte/ sagte derhalben/ so er mich leiden möchte/ wolte ich mich ein Tag oder acht dey ihm auffhalten/ zu sehen/ ob ich solche Art zu leben gewohnen könte/ gefiel mirs/ so solte er beydes einen getreuen Freund und guten Soldaten an mir haben/ gefiel mirs nit/ so sey allezeit gut voneinander scheiden. Darauff setzt er mir mit dem Trunck zu/ ich getraute aber auch nicht/ und stellte mich voll ehe ichs war/ zu sehen/ ob er vielleicht an mich wolte/ wenn ich mich nicht mehr defendiren könte.

Jndessen plagten mich die Müllerflöhe trefflich/ deren ich eine zimliche Quantität von Breysach mit [454] mir gebracht hatte/ dann sie wolten sich in der Wärme nicht mehr in meinen Lumpen-behelffen/ sondern spazirten herauß/ sich auch lustig zu machen. Dieses nam Olivier an mir gewahr/ und fragte/ ob ich Läus hätte? Jch sagte/ ja freylich/ mehr als ich mein Lebtag Ducaten zu bekommen getraue; So mustu nit reden/ sagte Olivier, wenn du bey mir bleibest/ so kanst du noch wol mehr Ducaten kriegen/ als du jetzt Läus hast; Jch anrwortet/ das ist so unmüglich/ als ich jetzt meine Laus abschaffen kan: O ja/ sagte er/ es ist beydes müglich/ und befohl gleich dem Baurn/ mir ein Kleid zu holen/ das unfern vom Hauß in einem holen Baum stack/ das war ein grauer Hut/ ein Koller von Elend/ ein paar rother scharlachner Hosen/ und ein grauer Rock/ Strümpff und Schuh wolte er mir moꝛgen geben. Da ich solche Gutthat von ihm sahe/ getraute ich ihm schon etwas bessers zu/ als zuvor/ und gieng frölich schlaffen.

Das XVII. Capitel.

AM Moꝛgen gegen Tag sagte Olivier: Auff Simplici, wir wollen in GOttes Nahmen hinauß/ zu sehen/ was etwan zu bekommen seyn möchte: Ach GOtt/ gedacht ich/ soll ich dann nun in deinem hochheiligen Nahmen auff die Rauberey gehen? und bin hiedevor/ nachdem ich von meinem Einstdel kam/ nit so kühn gewesen/ ohne Erstaunen zuzuhören/ wenn einer zum andern sagte: Komm Bruder/ wir wollen in Gottes Nahmen ein Maß Wein miteinander sauffen; weil ichs vor eine doppelte Sünd hielte/ wenn einer in deinem Nahmen sich voll söffe. O himmlischer Vatter/ wie hab ich mich verändert! O getreuer [455] GOtt/ was wird endlich auß mir werden/ wenn ich nicht wieder umbkehre? Ach hemme meinen Lauff/ der mich so richtig zur Höllen bringt/ da ich nit Buß thue! Mit dergleichen Worten und Gedancken folgete ich Olivier in ein Dorff/ darinnen kein lebendige Creatur war/ da stiegen wir deß fernen Außsehens halber auff den Kirchthurn; Auff demselben hatte er die Strümpff und Schuh verborgen/ die er mir den Abend zuvor versprochen/ darneben 2. Läib Brod/ etlich Stück gesotten dörꝛ Fleisch/ und ein Fäßlein halb voll Wein im Vorꝛath/ mit welchem er sich allein gern 8. Tag hätte behelffen können. Jn dem ich nun meine Verehrung anzoge/ erzehlt er mir/ daß er an diesem Ort pflege auffzupassen/ wenn er eine gute Beut zu holen gedächte/ deßwegen er sich dann so wol proviantirt/ mit dem Anhang/ daß er noch etlich solcher Oerter hätte/ die mit Speiß und Tranck versehen wären/ damit wenn Bläsy an einem Ort nicht zu Hauß wäre/ er ihn am andern finden könte. Jch muste zwar seine Klugheit loben/ gab ihm aber zu verstehen/ daß es doch nicht schön stünde/ ein so heiligen Ort/ der Gott gewidmet sey/ dergestalt zu beflecken; Was/ sagte er/ beflecken? die Kirchen/ da sie reden könten/ würden gestehen/ daß sie das jenige/ was ich in ihnen begehe/ gegen denen Lastern/ so hiebevor in ihnen begangen worden/ noch vor gar gering auffnehmen müsten; Wie mancher und wie manche meynstu wol/ die sint Erbauung dieser Kirch herein getretten seyen/ unter dem Schein/ GOTT zu dienen/ da sie doch nur her kommen/ ihre neue Kleider/ ihre schöne Gestalt/ ihre Præeminenz und sonst so etwas sehen zu lassen? da kompt einer zur Kirchen[456] wie ein Pfau/ und stellt sich doch vorm Altar/ als ob er den Heiligen die Füß abbeten wolte; dort stehet einer in einem Eck zu seufftzen wie der Zöllner im Tempel/ welche Seufftzer aber nur zu seiner Liebsten gehen/ in deren Angesicht er seine Augen weydet/ umb derent willen er sich auch eingestellt: Ein ander kom̃t vor/ oder wenns wol geräth/ in die Kirch mit einem Gebund Brieff/ wie einer der ein Brandsteur samblet/ mehr seine Zinsleut zu mahnen/ als zu beten; hätte er aber nit gewust/ daß seine Debitores zur Kirch kommen müsten/ so wäre er fein daheim über seinen Registern sitzen blieben: Ja es geschicht zu Zeiten/ wenn theils Obrigkeiten einer Gemeind im Dorff etwas anzudeuten hat/ so muß es der Bott am Sonntag bey der Kirchen thun/ daher sich mancher Bauer vor der Kirch ärger/ als ein armer Sünder vor dem Richthauß förchtet: Meynestu nicht/ es werden auch von den jenigen in die Kirch begraben/ die Schwerd/ Galgen/ Feuer und Rad verdient hätten? Mancher könte seine Bulerey nicht zu End bringen/ da ihm die Kirch nit beförderlich wäre; Jst etwas zu verkauffen oder zu verleyhen/ so wirds an theils Orten an die Kirchthůr geschlagen; Wenn mancher Wucherer die gantze Woche keine Zeit nimmt/ seiner Schinderey nachzusinnen/ so sitzt er unter währendem Gottesdienst in der Kirch/ und dichtet/ wie der Judenspieß zu führen seye; da sitzen sie hier und dort unter der Meß und Predigt miteinander zu discurirn/ gerad als ob die Kirch nur zu dem End gebauet wäre/ da werden denn offt Sachen berathschlagt/ deren man an Privat- Oertern nicht gedencken dörffte; theils sitzen dort/ und schlaffen/ als ob sie es verdingt hätten; Etliche[457] thun nichts anders als Leut außrichten/ und sagen: Ach wie hat der Pfarꝛer diesen oder jenen so artlich in seiner Predigt getroffen! Andere geben fleissig Achtung auff deß Pfarꝛers Vorbringen/ aber nit zu dem End/ daß sie sich darauß bessern/ sondern damit sie ihren Seelsorger/ wenn er nur im geringsten (wie sie es verstehen) durchziehen und tadlen möchten; Jch geschweig hier der jenigen Historien/ so ich gelesen/ was vor Bulschafften durch Kupplerey in den Kirchen hin und wieder ihren Anfang und End genommen/ so fällt mir auch/ was ich von dieser Materi noch zu reden hätte/ jetzt nicht alles ein: Diß mustu doch noch wissen/ daß die Menschen nit allein in ihrem Leben die Kirchen mit Lastern beschmitzen/ sondern auch nach ihrem Todt dieselbe mit Eitelkeit und Thorheit erfüllen/ so bald du in eine Kirche kommest/ so wirstu an den Grabsteinen und Epitaphien sehen/ wie die jenige noch prangen/ die doch die Würm schon längst gefressen/ sihest du dann in die Höhe/ so kommen dir mehr Schild/ Helm/ Waffen/ Degen/ Fahnen/ Stifel/ Sporn und dergleichen Ding ins Gesicht/ als in mancher Rüstkammer/ daß also kein Wunder/ daß sich die Bauern diesen Krieg über an etlichen Orten auß den Kirchen/ wie auß Vestungen/ umb das Jhrige gewehrt: Warumb solte mir nicht erlaubt seyn/ mir sage ich/ als einem Soldaten/ daß ich mein Handwerck in der Kirchen treibe? da doch hiebevor zween Geistliche Vätter in einer Kirch nur deß Vorsitzes halber ein solch Blut-Bad angestellt/ daß die Kirch mehr einem Schlacht-Hauß der Metzger/ als heiligen Ort gleich gesehen: Jch zwar liesse es noch unterwegen/ wenn man nur den Gottesdienst zu [458] verrichten her käme/ da ich doch ein Weltmensch bin; jene aber/ als Geistliche/ respectirten doch die Hohe Majestät deß Römischen Käisers nicht. Warumb solte mir verbotten seyn/ meine Nahrung vermittelst der Kirche zu suchen/ da sich doch sonst so viel Menschen von derselben ernehren? Jsts billich/ daß mancher Reicher umb ein Stück Geld in die Kirche begraben wird/ sein und seiner Freund schafft Hoffart zu bezeugen/ und daß hingegen der Arme (der doch so wol ein Christ als jener/ ja vielleicht ein frömmerer Mensch gewesen) so nichts zu geben hat/ ausserhalb in einem Winckel verscharꝛet werden muß; es ist ein Ding wie mans macht/ wenn ich hätte gewust/ daß du Bedencken trügest/ in der Kirch auffzupassen/ so hätte ich mich bedacht/ dir anderst zu antworten/ indessen nimm ein Weil mit diesem vor lieb/ diß ich dich einmal anders berede.

Jch hätte dem Olivier gern geantwoꝛt/ daß solches auch liederliche Leut wären/ so wol als er/ welche die Kirchen verunehren/ und daß dieselbige ihren Lohn schon drumb finden würden; Weil ich ihm aber ohne das nicht traute/ und ungern noch einmal mit ihm gestritten hätte. Hernach begehrte er/ ich wolte ihm erzehlen/ wie mirs ergangen/ sint wir vor Witstock voneinander kommen/ und dann warumb ich NarꝛnKleider angehabt/ als ich im Magdeburgischen Läger angelangt? Weil ich aber wegen Hals-schmertzen gar zu unlustig/ entschuldigte ich mich/ mit Bitt/ er wolte mir doch zuvor seinen Lebens-lauff erzehlen/ der vielleicht possierliche Schnitz in sich hielte; Diß sagte er mir zu/ und fieng sein ruchlos Leben nachfolgender gestalt an zu erzehlen.

[459]

Das XVIII. Capitel.

MEin Vatter/ sagte Olivier, ist unweit der Statt Aach von geringen Leuten geboren woꝛden/ derowegen er dann bey einem reichen Kauffmann/ der mit dem Kupffer-Handel schacherte/ in seiner Jugend dienen muste/ bey demselben hielt er sich so fein/ daß er ihn schreiben/ lesen und rechnen lernen liesse/ und ihn über seinen gantzen Handel setzte/ wie Potiphar den Joseph; Diß schlug auch beyden Theilen wol zu/ dann der Kauffmann wurde wegen meines Vattern Fleiß und Vorsichtigkeit je länger je reicher/ mein Vatter selbst aber/ der guten Tag halber/ je länger je stöltzer/ so gar/ daß er sich auch seiner Eltern schämte/ und solche verachtete/ das sie offt vergeblich beklagten. Wie nun mein Vatter das 25. Jahr seines Alters erꝛeichte/ starb der Kauffmann/ und verliesse sein alte Wittib sampt deren einzigen Tochter/ die kürtzlich in ein Pfann getretten/ und ihr von einem Gaden-Hengst ein Junges zweigen lassen/ selbiges aber folgte seinem Großvatter am Todten-Reyhen bald nach: Da nun mein Vatter sahe/ daß die Tochter Vatter- und Kinder- aber nicht Geld loß worden/ achtet er nicht/ daß sie keinen Krantz mehr tragen dorffte/ sondern erwog ihren Reichthum/ und machte sich bey ihr zutäppisch/ so ihre Mutter gern zuliesse/ nit allein/ damit ihre Tochter wieder zu Ehren käme/ sondern weil mein Vatter umb den gantzen Handel alle Wissenschafft hatte/ zumalen auch sonst mit dem Judenspieß trefflich fechten konte. Also wurde mein Vatter durch solche Heurath unversehens ein reicher Kauffmann/ ich aber sein erster Erb/ den er wegen [460] seines Uberflusses zärtlich auffziehen liesse/ ich wurde in Kleidungen gehalten wie ein Edelmann/ in Essen wie ein Freyherꝛ/ und in der übrigen Wartung wie ein Graf/ welches ich alles mehr dem Kupffer und Galmey/ als dem Silber und Gold zu dancken.

Ehe ich das sidende Jahr völlig überlebte/ erzeigte sich schon/ was auß mir werden wolte/ dann was zur Nessel werden soll/ brennt bey Zeiten; kein Schelmstück war mit zu viel/ und wo ich einem konte einen Possen reissen/ unterließ ichs nicht/ dann mich weder Vatter noch Mutter hierumb straffte; ich terminirte mit meines gleichen bösen Buben durch dinn und dick auff der Gassen herumb/ und hatte schon das Hertz/ mit stärckern als ich war/ herumb zu schlagen/ kriegte ich dann Stöß/ so sagten meine Eltern/ Was ist das? soll so ein grosser Flegel sich mit einem Kind schlagen? überwand denn ich (massen ich kratzte/ biß und warff) so sagten sie/ Unser Oliviergen wird ein draver Kerl werden! Davon wuchs mir der Muth/ zum beten war ich noch zu klein/ wenn ich aber fluchte wie ein Fuhrmann/ so hieß/ ich verstünde es nicht: Also wurde ich immer ärger/ biß man mich zur Schul schickte/ was denn andere böse Buben auß Boßheit ersannen/ und nicht practiciren doꝛfften/ das setzte ich ins Werck. Wenn ich meine Bücher verklettert oder zerꝛisse/ so schaffte mir die Mutter wieder andere/ damit mein geitziger Vatter sich nit erzörnte. Meinem Schulmeister thät ich grossen Dampff an/ dann er dorffte mich nit hart halten/ weiler zimliche Verehrungen von meinen Eltern bekam/ als deren unziemliche Affen-Liebe gegen mir ihm wol bekant ware; Jm Sommer fieng ich Feldgrillen/ und setzte sie fein [461] heimlich in die Schul/ die uns ein lieblich Gesang machten/ im Winter aber stahl ich Nießwurtz/ und stäubte sie an den Ort/ da man die Knaben zu castigi- ren pflegt/ wann sich dann etwan ein Halsstarꝛiger wehrte/ so stobe mein Pulver herumb/ und machte mir ein angenehme Kurtzweil/ weil alles niessen muste. Hernach dünckte ich mich viel zu gut seyn/ nur so gemeine Schelmstück anzustellen/ sondern all mein Thun gieng auff obigen Schlag; ich stabl offt dem einen etwas/ und steckte es einem andern in Sack/ dem ich gern Stöß angerichtet/ und mit solchen Griffen konte ich so behutsam umbgehen/ daß ich sast niemals darüber erdappt wurde. Von den Kriegen/ die wir damals geführt/ bey denen ich gemeꝛniglich ein Obrister gewesen/ item von den Stössen die ich offt bekommen/ (denn ich hatte stets ein zerkratzt Gesicht/ und den Kopff voll Beulen) mag ich jetzt nichts sagen/ es weiß ja jederman ohne das wol/ was die Buben offt anstellen. So kanst du auch an oberzehlten Stücken leicht abnebmen/ wie ich mich sonst in meiner Jugend angelassen.

Das XIX. Capitel.

WEilen sich meines Vattern Reichthum täglich mehrte/ als bekam er auch desto mehr Schmarotzer und Fuchsschwäntzer/ die meinen guten Kopff zum Studiren trefflich lobten/ sonsten aber alle meine Untugenden verschwiegen/ oder auffs wenigst zu entschuldigen wusten/ denn sie spürten wol/ daß der jenige so solches nicht thät/ weder bey Vatter noch Mutter wol dran seyn könte/ derowegen hatten meine Eltern ein grössere Freud über ihren Sohn/ als die [462] Grasmuck/ die einen Guckuck auffzeucht. Sie dingten mir einen eigenen Præceptorem, und schickten mich mit demselben nach Lüttich/ mehr daß ich dort Welsch lernen/ als studiren solte/ weilen sie keinen Theologum, sondern einen Handelsmann auß mir ziehen wolten; Dieser hatte Befelch/ mich bey Leib nicht streng zu halten/ daß ich kein foꝛchtsam knechtisch Gemüt überkäme/ Er solte mich fein unter die Bursch lassen/ damit ich nit Leut-scheu würde/ und gedencken/ daß sie keinen Mönchen/ sondern einen Weltmann auß mir machen wolten/ der wissen müsse/ was Schwartz oder Weiß seye.

Ermeldter mein Præceptor aber war dieser Instruction unbedürfftig/ sondern von sich selbsten auff alle Büberey geneigt/ was hätte er mir denn folche verbieten/ oder mich umb meine geringe Fehler hart halten sollen/ da er selbst gröbere begieng; Auffs Bulen und Sauffen war er am meisten geneigt/ ich aber von Natur auffs Balgen und Schlagen/ daher gieng ich schon bey Nacht mit ihm und seines gleichen gassatim/ und lernete ihm in Kürtze mehr Untugenden als Latein ab. So viel das Studirn anbelangt/ verließ ich mich auff mein gut Gedächtnus und scharpffen Verstand/ und war deßwegen desto fahrlässiger/ im übrigen aber in allen Lastern/ Bubenstücken und Muthwillen ersoffen/ mein Gewissen war bereits so weit/ daß ein grosser Hen-Wagen hindurch hätte fahren mögen: Jch fragte nichts darnach/ wenn ich in der Kirch unter der Predigt den Bernium Burchiellum oder den Aretinum lase/ und hörte nichts liebers vom gantzen Gottesdienst/ als wenn man sagt: Ite missa est. Darneben dünckte ich mich keine San zu [463] seyn/ sondern hielte mich recht Stutzerisch/ alle Tag war mirs Martins-Abend oder Faßnacht/ und weil ich mich dergestalt hielte wie ein gemachter Herꝛ/ und nicht nur das/ so mein Vatter zur Nothdurfft reichlich schickte/ sondern auch meiner Mutter fette Milchpfenning dapffer durchgehen liesse/ lockte uns auch das Frauenzimmer an sich/ sonderlich meinen Præceptorem, bey diesen Schleppsäcken lernete ich leffeln/ bulen und spielen; hadern/ balgen und schlagen konte ich zuvor/ und mein Præceptor wehrte mir das Fressen und Sauffen auch nicht/ weil er selbsten gern mit machte. Es währte dieses herꝛliche Leben anderthalb Jahr/ ehe es mein Vatter erfuhr/ welches ihn sein Factor zu Lüttich/ bey dem wir auch anfangs zu Kost giengen/ berichtet; der bekam hingegen Befelch/ auff uns genauer Achtung zu geben/ den Præceptorn abzuschaffen/ mir den Zügel fürter hin nicht mehr so lang zu lassen/ und mich ferner mit Geld-geben genauer zu halten. Solches verdroß uns alle beyde/ und ob schon er Præceptor geurlaubt wurde/ so stacken wir jedoch ein als den andern Weg Tag und Nacht beyeinander/ demnach wir aber nit mehr wie hiebevor spendiren konten/ geselleten wir uns zu einer Bursch/ die den Leuten deß Nachts auff der Gassen die Mäntel abzwacken/ oder sie gar in der Maaß ersäufften/ was wir dann solcher gestalt mit höchster Gefahr eroberten/ verschlemmten wir mit unsern Huren/ und liessen das Studiren bey nahe gantz unterwegen.

Als wir nun einsmals/ unserer Gewonheit nach/ bey der Nacht herumb schlingelten/ den Studenten ihre Mäntel hinweg zu vulpinirn/ wurden wir[464] überwunden/ mein Præceptor erstochen/ und ich neben andern fünffen/ die rechte Spitzbuben waren/ erdappt und eingezogen: Als wir nun den folgenden Tag examinirt wurden/ und ich meines Vattern Factor nennete/ der ein ansehenlicher Mann war/ wurde derselbe beschickt/ meinetwegen befragt/ und auff seine Verbürgung loß gelassen/ doch daß ich biß auff weitern Bescheid in seinem Hauß im Arrest verbleiben solte; indessen wurde mein Præceptor begraben/ jene fünff als Spitzbuben/ Räuber und Mörder gestrafft/ mein Vatter aber berichtet/ wie mein Handel stünde/ der kam eyligst selbst auff Lüttich/ richtete meine Sach mit Geld auß/ hielte mir eine scharffe Predigt/ und verwiese mir/ was ich ihm vor Creutz und Unglück machte/ item daß sich meine Mutter stelle/ als ob sie wegen meines übel-verhaltens verzweiffeln wolte/ bedrohete mich auch/ dafern ich mich nit besserte/ daß er mich enterben/ und vorn Teuffel hinweg jagen wolte. Jch versprach Besserung/ und ritte mit ihm nach Hauß; und also hat mein studirn ein End genommen.

Das XX. Capitel.

DA mich mein Vatter heim brachte/ befand er/ daß ich in Grund verderbt wäre; Jch war kein ehrbarer Dom ne woꝛden/ als er wol gehofft hatte/ sondern ein Disputirer und Schnarcher/ der sich einbildete/ er verstehe trefflich viel! Jch war kaum ein wenig daheim erwarmt/ als er zu mir sagte: Höre Olivier, ich sihe deine Esels-Ohren je länger je mehr herfür ragen/ du bist ein unnütze Last der Erden/ ein Schlingel/ der nirgends zu mehr taug! ein Handwerck zu lernen bistu zu groß/ einem Herꝛn zu dienen/ [465] bistu zu Flegelhafftig/ und meine Handierung zu begreiffen und zu treiben/ bistu nichts nutz. Ach was hab ich doch mit meinem grossen Kosten/ den ich an dich gewendet/ außgericht? Jch hab gehofft/ Freud an dir zu erleben/ und dich zum Mann zu machen/ so hab ich dich hingegen jetzt auß deß Henckers Händen kauffen müssen: Pfuy der Schand! Das beste wirds seyn/ daß ich dich in eine Kelmüß-Mühl thue/ und Miseriam cum aceto schmeltzen lasse/ biß dir ohne das ein besser Glück auffstößt/ wenn du dein übel Verhalten abgebüst haben würdest.

Solche und dergleichen Lectiones muste ich täglich hören/ biß ich zuletzt auch ungedultig wurde/ und zu meinem Vatter sagte: Jch wäre an allem nit schuldig/ sondern er und mein Præceptor, der mich verführet hätte; daß er keine Frend an mir erlebe/ wäre billich/ sintemal seine Eltern sich auch seiner nicht zu erfreuen/ als die er gleichsam im Bettel verhungern lasse: Er aber erdappte einen Prügel/ und wolte mir umb meine Wahrsagung lohnen/ hoch und theur sich verschwörend/ er wolte mich nach Amsterdamb ins Zuchthauß thun. Da gieng ich durch/ und verfügte mich selbige Nacht auff seinen unlängst erkaufften Meyerhof/ sahe meinen Vortel auß/ und ritte seinem Meyer den besten Hengst auff Cöln zu/ den er im Stall hatte.

Denselben verstlberte ich/ und kam abermal in eine Gesellschafft der Spitzbuben und Diebe/ wie ich zu Lüttich eine verlassen hatte/ diese erkanten mich gleich am Spielen/ und ich sie hinwieder/ weil wirs beyderseits so wol konten; Jch verfügte mich gleich in ihre Zunfft/ und balff bey Nacht einfahren wo ich[466] zukommen möchte/ demnach aber kurtz hernach einer auß uns erdappt wurde/ als er einer vornehmen Frauen auff dem Alten Marckt ihren schweren Beutel doll machen wolte/ zumal ich ihn einen halben Tag mit einem eisern Hals-Kragen am Pranger stehen/ ihm auch ein Ohr abschneiden/ und mit Ruthen außhauen sahe/ erleidet mir das Handwerck/ ließ mich derowegen vor einen Soldaten unterhalten/ weil eben damals unser Obrist/ bey dem wir vor Magdeburg gewesen/ sein Regiment zu verstärcken/ Knecht annam. Jndessen hatte mein Vatter erfahren/ wo ich hinkommen/ schrieb derhalben seinem Factor zu/ daß er mich außkundigen solte/ diß geschahe eben als ich bereits Geld auff die Hand empfangen hatte; der Factor berichtet solches meinen Vatter wieder/ der befohl/ er solte mich wieder ledig kauffen/ es koste auch was es wolle; da ich solches hörte/ förchtete ich das ZuchtHauß/ und wolt einmal nicht ledig seyn. Hierdurch vernam mein Obrister/ daß ich eines reichen KauffHerꝛn Sohn wäre/ spannete derhalben den Bogen gar zu hoch/ daß mich also mein Vatter liesse wie ich war/ der Meynung/ mich im Krieg ein Weil zappeln zu lassen/ ob ich mich bessern möchte.

Nachgehends stunde es nicht lang an/ daß meinem Obristen sein Schreiber mit todt abgieng/ an dessen statt er mich zu sich nam/ massen dir bewust: Damal sienge ich an hohe Gedancken zu machen/ der Hoffnung/ von einer Staffel zur andern höher zu steigen/ und endlich gar zu einem General zu werden: Jch lernete von unserm Secretario, wie ich mich halten solte/ und mein Vorsatz groß zu werden verursachte/ daß ich mich ehrbar und reputirlich einstellte/ und nit [467] mehr/ wie hiebevor meiner Art nach/ mich mit Lumpenbossen schleppte; Es wolte aber gleichwol nicht botten/ biß unser Secretarius starb/ da gedacht ich/ du must sehen/ daß du dessen Stell bekom̃st; ich spendirte wo ich konte/ denn als meine Mutter erfuhr/ daß ich anfienge gut zu thun/ schickte sie mir noch immer Geld. Weil aber der junge Hertzbruder meinem Obristen gar ins Hemd gebacken war/ und mir voꝛgezogen wurde/ trachtet ich/ ihn auß dem Weg zu räumen/ voꝛnemlich da ich innen wurde/ daß der Obrist gäntzlich gewillet/ ihm die Secretariat-stelle zu geben. Jn Verzögerung solch meiner Beförderung/ die ich so hefftig suchte/ wurd ich so ungedultig/ daß ich mich von unserm Provosen so vest als Stahl machen liesse/ deß Willens mit dem Hertzbruder zu duellisiren/ und durch die Kling hinzurichten; Aber ich konte niemals mit Manier an ihn kommen; So wehrete mir auch unser Provos mein Voꝛhaben/ und sagte/ weñ du ihn gleich auffopfferst/ so wird es dir doch mehr schäd-als nutzlich seyn/ weil du deß Obristen liebsten Diener ermoꝛdt haben würdest/ gabe mir aber den Rath/ daß ich etwas in Gegenwart deß Hertzbruders siehlen/ und ihm solches zustellen solte/ so wolte er schon zu wegen bringen/ daß er deß Obristen Gnad verliere. Jch folgte/ nam bey deß Obristen Kindtauff seinen übergüldten Becher/ und gab ihn dem Provosen/ mit welchem er dann den jungen Hertzbruder abgeschafft hat; Als du dich dessen noch wol wirst zu erinnern wissen/ als er dir in deß Obristen grossen Zelt die Kleider auch voll junger Hündlein gauckelte.

[468]

Das XXI (XXII). Capitel.

ES wurde mir grün und gelb vor den Augen/ als ich auß Oliviers eigenem Maul hören muste/ wie er mit meinem allerwerthesten Freund umbgangen/ und gleichwol keine Rach voꝛnehmen doꝛffte/ ich muste noch darzu mein Anligen verbeissen/ damit ers nit merckte/ sagte derowegen/ er solte mir auch erzehlen/ wie es ihm nach der Schlacht vor Wittstock ferner ergangen wäre?

Jn demselben Treffen (sagte Olivier) hielt ich mich nicht wie ein Federspitzer/ der nur auff das Dintenfaß bestellt ist/ sondern wie ein rechtschaffener Soldat/ denn ich war wol deritten/ und so vest als Eisen/ zumal in keine Squadron eingeschlossen/ ließ derhalben meinen Valor sehen/ als einer der durch den Degen hoch zu kommen oder zu sterben gedenckt/ ich vagirte umb unsere Brigade herumb wie eine Windsbraut/ mich zu exerciren/ und den Unsern zuweisen/ daß ich besser zu den Waffen als zu der Feder tauge; Aber es halff nichts/ das Glück der Schweden überwand/ und ich muste der Unsern Unglückseeligkeit theilhafftig werden/ allermassen ich Quartier nemmen muste/ wiewol ich es kurtz zuvor keinem geben wolte.

Also wurde ich nun wie andere Gefangene unter ein Regiment zu Fuß gestossen/ welches sich wieder zu erholen in Pom̃ern gelegt wurde/ und demnach es viel neugeworbene Bursch gab/ ich aber ein treffliche Courage verspüren liesse/ wurde ich zum Corporal gemacht; Aber ich gedacht da nit lang Mist zu machen/ sondern bald wieder unter die Käts. zu kommen/ als deren Partey ich besser affectionirt war/ da ich doch ohne Zweiffel bey den Schweden bessere[469] Beförderung gefunden hätte. Mein Außreissen setzte ich folgender gestalt ins Werck: Jch wurde mit sieden Mußquetiern außgeschickt/ in unsern abgelegenen Quartiern die außständige Contribution zu erpressen/ als ich nun über 800. Gülden zu wegen gebracht/ zeigte ich meinen Burschen das Geld/ und machte ihre Augen nach demselden lüsterend/ also daß wir deß Handels miteinander eins wurden/ solches unter uns zu theilen/ und damit durch zu gehen; Als solches geschehen/ persuadirt ich ihrer drey/ daß sie mir halffen die andere vier todt schiessen/ und nach solcher Verꝛichtung theilten wir das Geld/ nemlich jedem 200. Gülden/ damit marchirten wir gegen Westphalen; unterwegs überꝛedt ich noch einen auß denselben dreyen/ daß er auch die zween übrige nider schiessen halff/ und als wir das Geld abermal miteinander theilen solten/ erwürgte ich den letzten auch/ und kam mit dem Geld glücklich nach Werle/ allwo ich mich unterhalten liesse/ und mit diesem Geld zimlich lustig machte.

Als solches auff die Neige gieng/ und ich ein als den andern Weg gern banquetirt hätte/ zumaln viel von einem jungen Soldaten in Soest hörte rühmen/ was treffliche Beuten/ und grossen Nahmen er ihm damit machte/ wurde ich angefrischt/ ihm nachzufolgen man nennete ihn wegen seiner grünen Kleidung den Jäger/ derhalben ich auch eins machen liesse/ und stal auff ihn in seinen und unsern eignen Quartiren/ mit Verübung sonst allerhand Exorbitantien dermassen/ daß uns beyden das Partey gehen nidergelegt werden wolte; jener zwar blieb daheim/ ich aber mausete noch immerfort in seinem Nahmen/ so [470] viel ich konte/ also daß besagter Jäger umb solcher Ursach willen mich auch herauß foꝛdern liesse/ aber der Teuffel hätte mit ihm fechten mögen/ den er auch/ wie mir gesagt wurde/ in Haaren sitzen hatte/ er würde mir meine Vestigkeit schön auffgethan haben.

Doch konte ich seiner List nicht entgehen/ denn er practicirte mich mit Hülff seines Knechts in eine Schäferey/ sampt meinem Cameraden/ und wolte mich zwingen/ ich solte daselbst beym Mondenschein/ in Gegenwart zweyer leibhaffter Teuffel/ die er als Secundanten bey sich hatte/ mit ihm rauffen; Weil ichs aber nicht thun wolte/ zwangen sie mich zu der spöttlichsten Sach von der Welt/ so mein Camerad unter die Leute bracht/ darvon ich mich dergestalt schämte/ daß ich von doꝛt hinweg auff Lippstatt lieffe/ und bey den Hessen Dienst nam/ verbliede aber auch daselbst nicht lang/ weil man mir nit traute/ sondern trabte fürters in Holländ. Dienste/ allwo ich zwar richtigere Bezahlung: aber einen langweiligen Krieg vor mein Humor fande/ dann da wurden wir eingehalten wie die Mönche/ und solten züchtig leben als die Nonnen.

Weil ich mich dann nun weder unter Käiserl. Schwedisch-noch Hessischen nicht mehr dorffte sehen lassen/ ich hätte mich dann muthwillig in Gefahr geben wollen/ in dem ich bey allen dreyen außgerissen/ zumal unter den Holländern nicht länger zu bleiben hatte/ weil ich ein Mägdlein mit Gewalt entunehrt hatte/ welches allem Ansehen nach in Bälde seinen Außbruch nemmen würde/ gedachte ich meine Zuflucht bey den Spanischen zu haben/ der Hoffnung/ von denselben heim zu gehen/ und zu sehen/ was meine [471] Eltern machten. Aber als ich solches ins Werck zu setzen außgieng/ wurde mir der Compass so verꝛuckt/ daß ich unversehens unter die Bayrische gerieth/ mit denselben marchirte ich unter den Merode-Brüdern auß Westphalen biß ins Brißgäu/ und ernehrte mich mit spielen und stehlen/ hatte ich etwas/ so lag ich bey Tags damit auff dem Spielplatz/ und bey Nacht bey den Marquetentern/ hatte ich aber nichts/ so stal ich hinweg was ich kriegen konte/ ich stal offt auff einen Tag zwey oder drey Pferd/ beydes von der Waid und auß den Quartiern/ verkauffte und verspielte hinwieder/ was ich löste/ und minirte alsdenn bey Nacht den Leuten in die Zelt/ und zwackte ihnen ihr bestes unter den Köpffen herfür. War es aber auff dem March, so hatte ich an den engen Pässen ein wachtsames Aug auff die Felleisen/ so die Weiber hinder sich führten/ die schnitte ich ab/ und brachte mich also durch/ biß das Treffen vor Wittenweyer vorüber gieng/ in welchem ich gefangen/ abermal unter ein Regiment zu Fuß gestoffen/ und also zu einem Weymarischen Soldaten gemacht wurde/ es wolte mir aber im Läger vor Breysach nicht gefallen/ darumb quitirte ichs auch bey Zeiten/ und gieng davon vor mich selbst zu kriegen/ wie du dann sihest/ daß ich thue. Und sey versichert Bruder/ daß ich seithero manchen stoltzen Kerl nider gelegt/ und ein herꝛlich Stück Geld prosperiret habe/ gedencke auch nicht auffzuhören/ biß daß ich sehe/ daß ich nichts mehr bekommen kan. Jetzund nun wirds an dir seyn/ daß du mir auch deinen Lebenslauff erzehlest.

[472]

Das XXII. Capitel.

ALs Olivier seinen Discurs dergestalt vollführete/ konte ich mich nicht genugsam über die Göttliche Vorsehung verwundern! Jch konte greiffen/ wie mich der liebe Gott hiebevor in Westphalen vor diesem Unmenschen nit allein vätterlich bewahret/ sondern noch darzu versehen hatte/ daß er sich vor mir entsetzt: Damals sahe ich erst/ was ich dem Olivier vor ein Possen erwiesen/ darvon ihm der Alte Hertzbruder prophezeyet/ welches er Olivier aber selbst/ wie hiervon im 16. Capitel zu sehen/ zu meinem grossen Vortel anders außgelegt/ dann solte diese Bestia gewust haben/ daß ich der Jäger von Soest gewesen wäre/ so hätte er mir gewißlich wieder eingetränckt/ was ich ihm hiebevor auff der Schäferey gethan; ich betrachtete auch/ wie weislich und obscur Hertzbruder seine Weißsagungen geben/ und gedachte bey mir selber/ ob zwar seine Wahrsagungen gemeinlich unfehlbar einzutreffen pflegten/ daß es dennoch schwer fallen würde/ und seltzam hergehen müste/ da ich eines solchen Todt/ der Galgen und Rad verdient hätte/ rächen solte; ich befand auch/ daß mirs trefflich gesund gewesen/ daß ich ihm meinen Lebenslauff nicht zu erst erzehlt/ denn mit der Weis hätte ich ihm ja selber gesagt/ womit ich ihn hiebevor beleydigt. Jn dem ich nun solche Gedancken machte/ wurde ich in Oliviers Angesicht etlicher Ritz gewahr/ die er vor Magdeburg noch nit gehabt/ bildete mir derhalben ein/ dieselbe Narden seyen noch die Wahrzeichen deß Spring-ins-feld/ als er ihm hiebevor in Gestalt eines Teuffels das Angesicht so zerkratzte/ fragte ihn [473] derhalben/ Woher ihm solche Zeichen kämen? mit dem Anhang/ ob er mir gleichwol seinen gantzen Lebenslauff erzehle/ daß ich jedoch ohnschwer abnemmen müsse/ er verschweige mir das beste Theil/ weil er mir noch nicht gesagt/ wer ihn so gezeichnet hätte; Ach Bruder/ antwortete er/ wenn ich dir alle meine Bubenstück und Schelmerey erzehlen solte/ so würde deydes mir und dir die Zeit zu lang werden/ damit du aber gleichwol sehest/ daß ich dir von meinen Begegnussen nichts verhele/ so will ich dir hievon auch die Warheit sagen/ ob es schon scheinet/ als gereiche es mir zum Spott.

Jch glaude gäntzlich/ daß ich von Mutterleib an zu einem gezeichneten Angesicht prædestiniret gewesen seye/ dann gleich in meiner Jugend wurde ich von meines gleichen Schüler-Jungen so zerkratzt/ wenn ich mit ihnen ropffte; so hielte mich auch einer von denen Teuffeln/ die dem Jäger von Soest auffwarteten/ überauß hart/ massen man seine Klauen wol 6. Wochen in meinem Gesicht spürte/ aber solches heylete ich wieder alles sauber hinweg/ die Striemen aber/ die du jetzt noch in meinem Angesicht sihest/ haben einen andern/ und zwar diesen Ursprung: Als ich noch unter den Schweden in Pommern in dem Quartier lag/ und eine schöne Matresse hatte/ muste mein Wirth auß seinem Bett weichen/ und uns hinein ligen lassen/ seine Katz die auch alle Abend in demselbigen Bette zu schlaffen gewohnt war/ kam alle Nacht/ und machte uns grosse Ungelegenheit/ in dem sie ihre ordentliche Ligerstatt nit so schlechtlich entheren wolte/ wie ihr Herꝛ und Frau gethan; solches verdroß meine Matresse (die ohne das keine Katz [474] leiden konte) so sehr/ daß sie sich hoch verschwur/ sie wolte mir in keinem Fall mehr Liebs erweisen/ biß ich ihr zuvor die Katz bätte abgeschafft; Wolte ich nun ihrer Freundlichkeit länger geniessen/ so gedachte ich ihr nit allein zu willfahren/ sondern mich auch dergestalt an der Katz zu rächen/ daß ich auch einen Lust daran haben möchte/ steckte sie derbalden in einen Sack/ nam meines Wi ths beyde starcke Bauren-Hunde (die den Katzen ohne das zimlich grämisch/ bey mir aber wol gewohnt waren) mit mir und der Katzen im Sack auff ein breite lustige Wiese/ und gedachte da meinen Spaß zu haben/ dann ich vermeynte/ weil kein Baum in der Nähe war/ auff den sich die Katz retiriren konte/ würden sie die Hund eine Weil auff der Ebne hin und wieder jagen/ wie einen Hasen raumen/ und mir eine treffliche Kurtzweil anrichten/ Aber potz Stern! es gieng mir nit allein Hunds-übel/ wie man zu sagen pflegt/ sondern auch Katzen-übel (welches Ubel wenig erfahren haben werden/ dann man hätte sonst ohne Zweiffel vorlängsten auch ein Sprüchwort darauß gemacht) massen die Katz/ so bald ich den Sack auff thäte/ nur ein weites Feld/ und auff demselbigen ihre zwey siarcke Feind/ und nichts hohes vor ihr sahe/ dahin sie ihre Zuflucht hätte nehmen können: Derowegen wolte sie sich nicht so schlechtlich in die Nidere begeben/ und ihr das Fell zerꝛeissen lassen/ sondern sie begab sich auff meinen eigenen Kopff/ weil sie keineu höhern Ort wuste/ und als ich ihr wehrte/ siel mir der Hut herunder; je mehr ich sie nun herunder zu zerꝛen trachtete/ je vester schlug sie ihre Nägel ein/ sich zu halten: Solch unserm Gefecht konten beyde[475] Hunde nicht lang zusehen/ sondern mengten sich mit ins Spiel/ sie sprangen mit offenem Rachen hinden/ vornen und zur Seiten nach der Katz/ die sich aber gleichwol von meinem Kopff nicht hinweg begeben wolte/ sondern sich beydes so wol in meinem Angesicht als sonsten auff dem Kopff/ mit Einschlagung ihrer Klauen hielte so gut sie konte/ thät sie aber mit ihrem Dorn-Handschuh einen Fehlstreich nach den Hunden/ so traff mich derselbe gewiß/ weil sie aber auch bißweilen die Hund auff die Nase schlug/ beflissen sich dieselbige/ sie mit ihren Talpen herunder zu bringen/ und gaben mir damit manchen unfreundlichen Griff ins Gesicht/ wenn ich aber selbst mit beyden Händen nach der Katz tastete/ sie herab zu reissen/ bisse und kratzte sie nach ihrem besten Vermögen: Also wurde ich beydes von den Hunden und von der Katz zugleich bekriegt/ zerkratzt und dergestalt schröcklich zugerichtet/ daß ich schwerlich einem Menschen mehr gleich sahe/ und was das allerschlimste war/ muste ich noch darzu in der Gefahr stehen/ wann sie so nach der Katz schnappten/ es möchte mir etwan einer ohngefähr die Nase/ oder ein Ohr erwischen/ und gantz hinweg beissen; Mein Kragen und Koller sahe so blutig auß/ als wie vor eines Schmidts Nothstall an S. SteffansTag/ wann man den Pferden zur Ader läst; und wuste ich gantz kein Mittel zu ersinnen/ mich auß diesen Aengsten zu erꝛetten; zuletzt so muste ich von freyen Stücken auff die Erde nider fallen/ darmit beyde Hund die Katz erwischen könten/ wolte ich anderst nicht/ daß mein Capitolium noch länger ihr[476] Fechtplatz seyn solte/ die Hund erwürgten zwar die Katz/ ich hatte aber bey weitem keinen so herꝛlichen Spaß darvon als ich gehofft/ sondern nur Spott/ und ein solch Angesicht/ wie du noch vor Augen sihest. Dessentwegen wurde ich so ergrimmt/ daß ich nachgehends beyde Hund todt schosse/ und meine Matreß, die mir zu dieser Thorheit Anlaß geben/ dergestalt abprügelte/ daß sie hätte Oel geben mögen/ und darüber von mir hinweg lieffe/ weil sie ohn Zweiffel keine so abscheuliche Larve länger lieben konte.

Das XXIII. Capitel.

JCh hette über dieser deß Olieviers Erzehlung gern gelacht/ und müste mich doch mitleid enlich erzeigen; und als ich eben auch anfienge meinen LebensLauff zuerzehlen/ sahen wir eine Kutsche sampt zweyen Reutern das Land herauff kommen/ derohalben stiegen wir vom Kirch-Thurn/ und setzten uns in ein Hauß das an der Straß lag/ und sehr bequem war die vorüber Reisende anzugreiffen/ mein Rohr muste ich zum Vorꝛath geladen behalten/ Olivier aber legte mit seinem Schuß gleich den einen Reuter und das Pferdt/ ehe sie unserer innen wurden/ weßwegen dañ der ander gleich durchgienge/ und in dem ich mit übergezognem Hanen den Kutscher halten/ und absteigen gemacht/ sprang Olivier auff ihn dar/ und spaltete ihm mit seinem breiten Schwerdt den Kopff von einander biß auff die Zähn hinunter/ wolte auch gleich darauff das Frauenzimmer und die Kinder metzgen/ die in her Kutschen sassen/ und bereits mehr den todten Leichen/ als den Lebenden gleich sahen; ich aber wolte es rund nicht gestatten/ sondern [477] sagte/ wofern er solches ja ins Werck setzen wolte/ müste er mich zuvor erwürgen/ Ach! sagte er/ du närꝛischer Simplici, ich hätte mein Tage nicht gemeinet/ daß du so ein heiloser Kerl wärest/ wie du dich anläst: Jch antwortet/ Bruder/ was wilst du die unschuldige Kinder zeihen/ wanns Kerl wären die sich wehren köndten/ so wärs ein anders/ was/ antwortet er/ Eyer in die Pfannen/ so werden keine Junge drauß; Jch kenne diese junge Blutsauger wol/ ihr Vatter der Major ist ein rechter Schindhund/ und der ärgste Wam̃sklopffer von der Welt? und mit solchen Worten wolte er immer fortwürgen/ doch enthielte ich ihn so lang/ biß er sich endlich erweichen liesse; es waren aber eines Majors Weib/ ihre Mägd/ und drey schöne Kinder/ die mich von Hertzen daureten/ diese sperꝛeten wir in einen Keller/ auff daß sie uns so bald nicht verꝛathen solten/ in welchem sie sonst nichts als Obs und weisse Ruben zu beissen hatten/ biß sie gleichwol widerumb von jemanden erlößt würden; demnach plünderten wir die Kutschen/ und ritten mit siben schönen Pferden in Wald wo er zum dicksten war.

Als wir solche angebunden hatten/ und ich mich ein wenig umbschauete/ sahe ich ohnweit von uns einen Kerl stockstill an einem Baum stehen/ solchen wise ich dem Olivier, und vermeinte es wäre sich vorzusehen; ha Narꝛ! antwortet er/ es ist ein Jud/ den hab ich hingebunden/ der Schelm ist aber vorlängst erfroren und verꝛeckt/ und in dem gieng er zu ihm/ klopffte ihm mit der Hand unten ans Kinn/ und sagte/ ha! du Hund hast mir auch viel schöne Ducaten gebracht/ und als er ihm dergestalt das Kiñ bewegte/ [478] rollten ihm noch etliche Duplonen zum Maul herauß/ welche der arm Schelm noch biß in seinen Todt davon bracht hatte/ Olivier griff ihm darauff in das Maul/ und brachte zwölff Duplonen und einen köstlichen Rubin zusammen/ diese Beut (sagte er) hab ich dir Simplici zu dancken/ schenckte mir darauff den Rubin/ stieß das Geld zu sich/ und gieng hin seinen Bauren zu holen/ mit Befelch/ ich solte indessen bey den Pferden verbleiben/ solte aber wol zusehen/ daß mich der todte Jud nicht beisse/ womit er mir verwiese/ daß ich kein solche Courage hätte wie er.

Als er nun nach dem Bauren auß war/ machte ich indessen soꝛgsame Gedancken/ und betrachtete/ in was vor einem gefährlichen Stand ich lebte; Jch nam mir vor/ auff ein Pferd zu sitzen und durch zu gehen/ besorgte aber/ Olivier möchte mich über der Arbeit erdappen/ und erst nider schiessen/ denn ich argwohnte/ daß er meine Beständigkeit vor dißmal nur probire/ und irgends stehe mir auffzupassen; bald gedacht ich zu Fuß davon zu lauffen/ muste aber doch sorgen/ wann ich dem Olivier gleich entkäme/ daß ich nichts desto weniger den Baurn auff dem Schwartzwald/ die damals im Ruff waren/ daß sie den Soldaten auff die Hauben klopfften/ nicht entrinnen würde können; nimmstu aber/ gedacht ich/ alle Pferd mit dir/ auff daß Olivier kein Mittel hat/ dir nachzujagen/ und würdest von den Weymarischen erwischt/ so wirstu als ein überzeugter Mörder auffs Rad gelegt. Jn Summa/ ich wuste kein sicher Mittel zu meiner Flucht zu ersinnen/ vornemlich da ich mich in einem wilden Wald befand/ und weder Weg noch Steg wuste; über das wachte mir mein Gewissen auch [479] auff/ und quälte mich/ weil ich die Gutsch auffgehalten/ und ein Ursach gewesen/ daß der Gutscher so erbärmlich umbs Leben kommen/ und beyde Weibsbilder und unschuldige Kinder in Keller versperꝛt worden/ worinnen sie vielleicht/ wie dieser Jud/ auch sterben und verderben müsten; bald wolte ich mich meiner Unschuld getrösten/ weil ich wider Willen angehalten würde/ aber mein Gewissen hielt mir vor/ ich hätte vorlängsten mit meinen andern begangenen bösen Stücken verdient/ daß ich in Gesellschafft dieses Ertz-Mörders in die Händ der Justitz gerathe/ und meinen billichen Lohn empfange/ und vielleicht hätte der gerechte Gott versehen/ daß ich solcher gestalt gestrafft werden solte: Zuletzt fienge ich an ein bessers zu hoffen/ und bat die Güte GOttes/ daß sie mich auß diesem Stand erꝛetten wolte/ und als mich so eine Andacht ankam/ sagte ich zu mir selber: Du Narꝛ/ du bist ja nicht eingesperꝛt oder angebunden/ die gantze weite Welt stebt dir ja offen/ hastu jetzt nit Pferd genug/ zu deiner Flucht zu greiffen? oder da du nicht reuten wilt/ so seyn deine Füsse ja schnell genug/ dich darvon zu tragen? Jn dem ich mich nun selbst so martert und quälte/ und doch nichts entschliessen konte/ kam Olivier mit unserm Baurn daher/ der führte uns mit den Pferden auff einen Hof/ da wir fütterten/ und einer umb den andern ein paar Stund schlieffen/ nach Mitternacht ritten wir weiters/ und kamen gegen Mittag an die äusserste Grentzen der Schweitzer/ allwo Olivier wol bekant war/ und uns stattlich aufftragen liesse/ und dieweil wir uns lustig machten/ schickte der Wirth nach zweyen Juden/ die uns die Pferd gleichsam nur umb halb[480] Geld abhandelten: Es war alles so nett und just bestellt/ daß es wenig Wortwechselns brauchte/ der Juden gröste Frag war/ ob die Pferd Käiserisch oder Schwedisch gewesen? und als sie vernamen/ daß sie von den Weymarischen herkämen/ sagten sie/ so müssen wir solche nicht nach Basel/ sondern in das Schwabenland zu den Bayrischen reuten. Uber welche grosse Kundschafft und Verträulichkeit ich mich verwundern muste.

Wir banquetirten Edelmännisch/ und ich liesse mir die gute Wald-Forellen und köstliche Krebs daselbst wol schmecken; Wie es nun Abend wurde/ so machten wir uns wieder auff den Weg/ hatten unsern Baurn mit Gebratens und andern Victualien wie einen Esel beladen/ damit kamen wir den andern Tag auff einen einzeln Baurn-Hof/ allwo wir freundlich bewillkommt und auffgenommen wurden/ und uns wegen ungestümmen Wetters ein paar Tag auffhielten/ folgends kamen wir durch lauter Wald und Abweg wieder in eben das jenige Häußlein/ dahin mich Olivier anfänglich führte/ als er mich zu sich bekam.

Das XXIV. Capitel.

WJe wir nun so da sassen/ unserer Leiber zu pflegen und außzuruhen/ schickte Olivier den Baurn auß/ Essenspeiß sampt etwas von Kraut und Loth einzukauffen; Als selbiger hinweg/ zoge er seinen Rock auß/ und sagte zu mir: Bruder/ ich mag das Teuffels-Geld nit mehr allein so herumb schleppen/ band demnach ein paar Würste oder Wülst/ die er auff blossem Leib trug/ herunder/ warff sie auff den Tisch/ und sagte ferner: Du wirst dich hiemit bemühen[481] müssen/ biß ich einmal Feyerabend mache/ und wir beyde genug haben/ das Donners-Geld hat mir Beulen getruckt! Jch antwortete: Bruder/ hättest du so wenig als ich/ so würde es dich nit trücken; Was? fiel er mir in die Red/ was mein ist/ das ist auch dein/ und was wir ferner miteinander erobern/ soll gleiche Part gelten. Jch ergriff beyde Wülste/ und befande sie trefflich gewichtig/ weil es lauter Goldsorten warn; Jch sagte/ es sey alles gar unbequem gepackt/ da es ihm gefiel/ wolte ichs also einnähen/ daß einen das tragen nit halb so sauer ankäme. Als er mirs heim stellte/ gieng ich mit ihm in einen holen Eichbaum/ allda er Scheer/ Nadel und Faden machte/ da machte ich mir und ihm ein Scapulier oder Schulter-kleid auß einem paar Hosen/ und versteppte machen schönen rothen Batzen darein/ und demnach wir solche unter die Hemder anzogen/ war es nicht anders/ als ob wir vorn und hinden mit Gold bewaffnet gewest wären: Und demnach mich Wunder nam/ und fragte/ warum er kein Silber-Geld hätte? bekam ich zur Antwort/ daß er mehr als 1000. Thaler in einem Baum ligen hätte/ auß welchem er den Baurn hausen liesse/ und umb solches nie kein Rechnung begehrt/ weiler solchen Schafmist nicht hoch achte.

Als diß geschehen/ und das Geld eingepackt war/ giengen wir nach unserm Logiment, darinn wir dieselbe Nacht über kochten/ und uns beym Ofen außbäheten: Und demnach es eine Stund Tag war/ kamen/ als wir uns dessen an wenigsten versahen/ sechs Mußquetier sampt einem Corporal/ mit fertigem Gewehr und auffgepaßten Lunden ins Häußlein/ stiessen die Stubenthür auff/ und schryen: Wir solten [482] uns gefangen geben! Aber Olivier (der so wol als ich jederzeit seine gespannte Mußquete neben sich ligen/ und sein scharff Schwerd allzeit an der Seiten hatte/ und damals eben hinderm Tisch sasse/ gleich wie ich hinder der Thür beym Ofen stunde) antwortet ihnen mit einem paar Kuglen/ durch welche er gleich zween zu Boden fällte/ ich aber erlegte den dritten/ und beschädigte den vierten durch einen gleichmässigen Schuß; darauff wischte Olivier mit seinem nothvesten Schwerd/ welches Haar schure/ und wol deß Königs Arturi in England Caliburn verglichen werden möchte/ von Leder/ und hieb den fünfften von der Achsel an biß auff den Bauch hinunder/ daß ihm das Jngeweid herauß/ und er neben demselben darnider fiel/ indessen schlug ich den sechsten mit meinem umbgekehrten Feur-rohr auff den Kopff/ daß er alle vier von sich streckte; einen solchen Streich kriegte Olivier von dem sibenden/ und zwar mit solchem Gewalt/ daß ihm das Hirn herauß spritzte/ ich aber traff denselben/ ders ihm gethan/ wiederumb dermassen/ daß er gleich seinen Cameraden am Todten-Reyhen Gesellschafft leisten muste; Als der beschädigte/ den ich anfänglich durch meinen Schuß getroffen/ dieser Püff gewahr wurde/ und sahe/ daß ich ihm mit umbgekehrtem Rohr auch ans Leder wolte/ warff er sein Gewehr hinweg/ und fieng an zu zauffen/ als ob ihn der Teuffel selbst gejagt hätte. Und dieses Gefecht währte nit länger/ als eines Vatter unsers Länge/ in welcher kurtzen Zeit diese siben dapffere Soldaten ins Gras bissen.

Da ich nun solcher gestalt allein Meister auff dem Platz blieb/ beschaute ich den Olivier, ob er vielleicht [483] noch einen lebendigen Athem in sich hätte/ da ich ihn aber gantz entseelet befande/ dünckte mich ungereimt zu seyn/ einem todten Cörper so viel Golds zu lassen/ dessen er nit vonnöthen/ zog ihm derwegen das gülden Fell ab/ so ich erst gestern gemacht hatte/ und henckte es auch an Hals zu dem andern. Und demnach ich mein Rohr zerschlagen hatte/ name ich Oliviers Mußquete und Schwerd zu mir/ mit demselben versahe ich mich auff allen Nothfall/ und machte mich auß dem Staub/ und zwar auff den Weg/ da ich wuste/ daß unser Baur darauff herkommen müste/ ich setzte mich bey seit an ein Ort/ seiner zu erwarten/ und mich zugleich zu bedencken/ was ich ferner anfangen wolte.

Das XXV. Capitel.

JCh saß kaum ein halbe Stund in meinen Gedancken/ so kam unser Baur daher/ und schnanbte wie ein Beer/ er lieff von allen Kräfften/ und wurde meiner nit gewahr/ biß ich ihm auff den Leib kam; Warumb so schnell/ (sagte ich) was neues? Er antwoꝛt/ geschwind macht euch abweg! es kompt ein Corporal mit 6. Mußquetiern/ die sollen euch und den Olivier auffheben/ und entweder todt oder ledendig nach Liechteneck liefern/ sie haben mich gefangen gehabt/ daß ich sie zu euch führen solte/ bin ihnen aber glücklich entronnen/ und hieher kommen/ euch zu warnen: Jch gedachte/ O Schelm/ du hast uns verꝛathen/ damit dir Oliviers Geld/ so im Baum ligt/ zu theil werden möge/ liesse mich aber doch nichts mercken/ weil ich mich seiner als eines Wegweisers gebrauchen wolte/ sondern sagte ihm/ daß beydes Olivier [484] und die jenige so ihn hätten fangen sollen/ todt wären; da es aber der Bauer nit glauben wolte/ war ich noch so gut/ und gieng mit ihm hin/ daß er das Elend an den sieben Cörpern sehen konte/ den siebenden/ die uns fangen sollen/ sagte ich/ habe ich lauffen lassen/ und wolte Gott/ ich könte auch diese wieder lebendig machen/ so wolte ichs nit unterlassen! Der Bauer erstannte vor Schrecken/ und sagte/ Was Raths? Jch antwoꝛtet/ der Rath ist schon beschlossen/ unter dreyen Dingen gib ich dir die Wahl/ entweder führe mich alsbald durch sichere Abweg über den Wald hinauß nach Villingen/ oder zeige mir Oliviers Geld/ das im Baum ligt/ oder stirb hier/ und leiste gegenwärtigen Todten Gesellschafft! Führestu mich nach Villingen/ so bleibt dir Oliviers Geld allein/ wirstu mirs aber weisen/ so will ichs mit dir theilen/ thustu aber deren keines/ so schieß ich dich todt/ und gehe gleichwol meines Wegs. Der Baur wäre gern entloffen/ aber er forchte die Mußquete/ fiele derhalben auff die Knye nider/ und erbote sich/ mich über Wald zu führen: Also wanderten wir eylend fort/ giengen denselben Tag und folgende gantze Nacht/ weil es zu allem Glück trefflich hell war/ ohne Essen/ Trincken und einige Ruhe immer hin/ biß wir gegen Tag die Statt Villingen vor uns ligen sahen/ allwo ich meinen Baurn wieder von mir liesse. Auff diesem Weg trieb den Baurn die Todtesforcht/ mich aber die Begierde/ mich selbst und mein Geld davon zu bringen/ und muß fast glauben/ daß einem Menschen das Gold grosse Kräfften mittheilet/ denn ob ich zwar schwer genug daran trug/ so empfand ich jedoch keine sonderbare Müdigkeit.

[485]

Jch hielte es vor ein glücklich Omen, daß man die Pfort eben öffnete/ als ich vor Villingen kam/ der Officier von der Wacht examinirte mich/ und als er vernam/ daß ich mich vor einen Freyreuter außgab/ von dem jenigen Regiment/ wobey mich Hertzbruder gethan/ als er mich zu Philipsburg von der Mußquete erlōste/ wie auch/ daß ich auß dem Läger vor Brey sach von den Weymarischen her käme/ unter welche ich vor Wittenweyr gefangen und untergestossen worden/ und nunmehr wieder zu meinem Regiment unter die Bayrische begehrte/ gab er mir einen Mußquetierer zu/ der mich zum Commandanten führte. Derselbe lag noch in seiner Rube/ weil er wegen seiner Geschäfften mehr als die halbe Nacht wachend zugebracht hatte/ also daß ich wol anderthalbe Stund vor seinem Quartier auffwarten muste/ und weil eben die Leut auß der Frühmeß giengen/ einen grossen Umbstand von Bürgern und Soldaten bekam/ die alle wissen wolten/ wie es vor Breysach stünde? Von welchem Geschrey der Commandant erwachte/ und mich vor ihn kommen liesse:

Er fieng an mich zu examiniren/ und meine Außsag war wie unterm Thor; Hernach fragte er mich sonderliche Particularitäten/ von der Belägerung und sonsten/ und damit bekennete ich alles/ wie daß ich nemlich ein Tag oder vierzehen mich bey einem Kerl auffgehalten/ der auch durch gangen/ und mit demselben eine Gutsche angegriffen und geplündert hätte/ der Meynung/ von den Weymarischen so viel Beuten zu holen/ daß wir uns darauß beritten machen/ und rechtschaffen mond[i]ert wieder zu unsern Regimentern kommen möchten/ wir seyen aber erst gester [486] von einem Corporal mit noch sechs andern Kerlen/ die uns auffheben sollen/ überfallen worden/ dadurch mein Camerad mit noch sechsen vom Gegentheil auff dem Platz geblieben/ der fiebend aber so wol als ich/ und zwar jeder zu seiner Partey/ entloffen seye; von dem aber/ daß ich nacher L. in Westphalen zu meinem Weib gewolt/ und daß ich zwey so wolgesütterte Hinder- und Vorderstück an hatte/ schwieg ich stockstill/ und zwar so machte ich mir auch kein Gewissen darumb/ daß ichs verhelete/ dann was giengs ihn an? Er fragte mich auch nit einmal darumb/ sondern verwunderte sich vielmehr/ und wolts fast nit glauben/ daß ich und Olivier solten 6 Mann nider gemacht/ und den siebenden verjagt haben/ ob zwar mein Camerad mit eingebüst. Mit solchem Gespräch gabs Gelegenheit von Oliviers Schwerd zu reden/ so ich lobte/ und an der Seiten hatte/ das gefiel ihm so wol/ daß ichs ihm/ wolte ich anders mit guter Manier von ihm kommen/ und Paß erlangen/ gegen einem andern Degen/ den er mir gab/ überlassen musie; in Warheit aber/ so war dasselbe trefflich schön und gut/ es war ein gantzer ewigwährender Calender darauff geetzet/ und lasse ich mir nicht außreden/ daß es nicht in Hora Martis von Vulcano selbst geschmidet/ und allerdings zugerichtet worden seye/ wie im Heldenschatz eins beschrieben wird/ worvon alle andere Klingen entzwey springen/ und die behertzteste Feinde und Löwen-Gemüter/ wie forchtsame Hasen entlauffen müssen. Nachdem er mich nun entliesse/ und befohlen/ einen Paß vor mich zu schreiben/ gienge ich den nächsten Weg ins Wirthshauß/ und wuste nit/ ob ich am ersten schlaffen oder essen solte? denn es[487] war mir beydes nöthig doch wolt ich zuvor meinen Magen stillen/ liesse mir derhalben etwas zu essen/ und einen Trunck langen/ und machte Gedancken/ wie ich meine Sachen anstellen möchte/ daß ich mit meinem Geld sicher nach L. zu meinem Weib kom̃en möchte/ denn ich hatte so wenig im Sinn zu meinem Regiment zu gehen/ als den Hals abzufallen.

Jn dem ich nun so speculirte/ hinckte ein Kerl in die Stub/ an einem Stecken in der Hand/ der hatte einen verbundenen Kopff/ einen Arm in der Schlinge/ und so elende Kleider an/ daß ich ihm kein Heller darumb geben hätte; so bald ihn der Haußknecht sahe/ wolte er ihn außtreiben/ weil er übel stuncke/ und so voll Läus kroche/ daß man die gantze Schwabenhaid damit besetzen könte; er aber bat/ man wolte ihm doch umb Gottes willen zulassen/ sich nur ein wenig zu wärmen/ so aber nichts halff; demnach ich mich aber seiner erbarmte/ und vor ihn bat/ wurde er kümmerlich zum Ofen gelassen: Er sahe mir/ wie mich dünckte/ mit begierigem Appetit und grosser Andacht zu/ wie ich drauff hiebe/ und ließ etliche Senfftzer lauffen/ und als der Haußknecht gieng/ mir ein stück Gebratens zu holen/ gieng er gegen mir zum Tisch zu/ und reichte ein irden Pfennig-Häfelein in der Hand dar/ als ich mir wol einbilden konte/ warumb er käme? nam derhalben die Kanne/ und goß ihme seinen Hafen voll/ ehe er hiesche; Ach Freund/ sagte er/ umb Hertzbruders willen gebt mir auch zu essen! Da er solches sagte/ gieng mirs durchs Hertz/ und befand/ daß es Hertzbruder selbsten war/ ich wäre bey nahe in Ohnmacht gesuncken/ da ich ihn in einem so elenden Stand sahe/ doch erhielt ich mich/ [488] fiel ihm umb den Hals/ und setzte ihn zu mir/ da uns denn beyden/ mir auß Mitleiden und ihm auß Frend/ die Augen über giengen.

Das XXVI. Capitel.

UNser unversehene Zusammenkunfft machte/ daß wir fast weder essen noch trincken konten/ nur fragte einer den andern/ wie es ihm ergangen/ sind wir das letzte mal beysamm gewesen/ dieweil aber der Wirth und Haußknecht stets ab und zu gieng/ konten wir einander nichts verträulichs erzehlen/ der Wirth wunderte/ daß ich ein so lausigen Kerl bey mir lidte/ Jch aber sagte/ solches sey im Krieg unter rechtschaffenen Soldaten/ die Cameraden wären/ der Brauch. Da ich auch verstunde/ daß sich Hertzbruder bißher im Spital auffgehalten/ vom Almosen sich ernehrt/ und seine Wunden liederlich verbunden woꝛden/ dingte ich dem Wirth ein sonderlich Stüblein ab/ legte Hertzbrudern in ein Bett/ und ließ ihme den besten Wund-Artzt kommen/ den ich haben konte/ wie auch einen Schneider und eine Näherin/ ihn zu kleiden/ und den Läusen auß den Zähnen zu ziehen; ich hatte eben die jenige Duplonen/ so Olivier einem todten Juden auß dem Maul bekommen/ bey mir in einem Säckel/ dieselbe schlug ich auff den Tisch/ und sagte/ dem Wirth zu Gehör/ zu Hertzbrudern: Schau Bruder/ das ist mein Geld/ das will ich an dich wenden/ und mit dir verzehren; davon der Wirth uns brav auffwartete/ dem Barbier aber wiese ich den Rubin/ der auch deß bedeuten Juden gewesen/ und ungefähr 20. Thaler werth war/ und sagte: Weil ich mein wenig Geld/ so ich hätte/ vor uns zur Zehrung/ und meinem [489] Cameraden zur Kleidung auffwenden müste/ so wolt ich ihm denselben Ring geben/ wenn er besagten meinen Camer aden in Bälde von Grund auß davor curiren wolte/ dessen er denn wol zu frieden/ und seinen besten Fleiß zur Cur anwendete.

Also pflegte ich Hertzbrudern/ wie meinem andern Jch/ und ließ ihm ein schlecht Kleidlein von grauem Tuch machen/ zuvor aber gieng ich zum Commandanten wegen deß Passes/ und zeigte ihm an/ daß ich einen übel-beschädigten Cameraden angetroffen hätte/ auff den wolte ich warten/ biß er vollend heylete/ denn ihn hinder mir zu lassen/ getraute ich bey meinem Regiment nicht zu verantworten; der Commandant lobte meinen Fürsatz/ und gönnete mir zu bleiben/ so lang ich wolte/ mit fernerm Anerbieten/ wenn mir mein Camerad würde folgen können/ daß er uns beyde alsdenn mit genugsamem Paß versehen wolte.

Demnach ich nun wieder zu Hertzbrudern kam/ und allein neben seinem Bett bey ihm sasse/ bat ich ihn/ er wolte mir unbeschwert erzehlen/ wie er in einen so armseeligen Stand gerathen wäre? denn ich bildete mir ein/ er möchte vielleicht wichtiger Ursachen/ oder sonst eines Ubersehens halber/ von seiner vorigen Dignität verstossen/ unredlich gemacht/ und in gegenwärtig Elend gesetzt worden seyn; Er aber sagte: Bruder du weist/ daß ich deß Grafen von Götz fac totum und allerliebster geheimster Freund gewesen/ hingegen ist dir auch genugsam bekant/ was die verwichene Campagne unter seinem Generalat und Commando vor ein unglückselige Endschafft erꝛeicht/ in dem wir nicht allein die Schlacht bey Wittenweyr verloren/ sondern noch darzu das belägerte Breysach [490] zu entsetzen nit vermöcht haben: Weil denn nun deßwegen hin und wieder vor aller Welt sehr ungleich geredt wird/ zumalen wol-ermeldter Graf/ sich zu verantwoꝛten/ nach Wien citirt worden/ so lebe ich beydes vor Scham und Forcht/ freywillig in dieser Nidere/ und wünsche mir offt/ entweder in diesem Elend zu sterben/ oder doch wenigst mich so lang verborgen zu halten/ biß mehr-wolbesagter Graf seine Unschuld an Tag gebracht/ dann so viel ich weiß/ ist er dem Röm. Käiser allezeit getreu gewesen/ daß er aber diesen verwichenen Sommer so gar kein Glück gehabt/ ist meines Erachtens mehr der Göttlichen Vorsehung (als welcher die Siege gibt wem er will) als deß Grafen Ubersehen beyzumessen.

Da wir Breysach zu entsetzen im Werck waren/ und ich sahe/ daß es unser seits so schläfferig hergieng/ armirte ich mich selbst/ und gieng dergestalt auff die Schiffbrücke mit an/ als ob ichs allein hätte vollenden wollen/ da es doch damals weder mein Profession noch Schuldigkeit war; Jch thäts aber den andern zum Exempel/ und weil wir den vergangenen Sommer so gar nichts außgericht hatten/ das Glück/ oder vielmehr das Unglück wolte mir/ daß ich unter den ersten Angängern dem Feind auch am ersten auff der Brücken das Weiß in Augen sahe/ da es denn scharff her gieng/ und gleich wie ich im Angriff der erste gewesen/ also wurde ich/ da wir der Frantzosen ungestüm̃em Ansetzen nicht mehr widerstunden/ der allerletzte/ und kam dem Feind am ersten in die Hände: ich empfieng zugleich einen Schuß in meinen rechten Arm/ und den andern in Schenckel/ also daß ich weder außreissen/ noch meinen Degen mehr gebranchen [491] konte/ und als die Enge deß Orts und der grosse Ernst nit zuliesse/ viel vom Quartier geben und nehmen zu parlementiren/ kriegte ich einen Hieb in Kopff/ davon ich zu Boden fiel/ und weil ich fein gekleidet war/ von etlichen in der Furi außgezogen/ und vor todt in Rhein geworffen wurde. Jn solchen Nöthen schrye ich zu Gott/ und stellete alles seinem heiligen Willen heim/ und in dem ich unter schiedliche Gelübde thät/ spürte ich auch seine Hülff/ der Rhein warff mich ans Land/ allwo ich meine Wunden mit Moß verstopffte/ und ob ich zwar bey nahe erfrore/ so verspürte ich jedoch eine absonderliche Krafft davon zu kriechen/ massen mir Gott halff/ daß ich (zwar jäm̃erlich verwundet) zu etlich Merode-Brüdern und Soldaten-Weibern kam/ die sämptlich ein Mitleiden mit mir hatten/ ob sie mich zwar nit kanten. Diese verzweiffelten bereits an einem glücklichen Entsatz der Vestung/ das mir weher thät als meine Wunden/ sie erquickten und bekleideten mich bey ihrem Feur/ und ehe ich ein wenig meine Wunden verbande/ musie ich sehen/ daß sich die Unserige zu einem spöttlichen Abzug rüsteten/ und die Sach vor verloren gaben/ so mich trefflich schmirtzete/ resolvirte derhalben bey mir selbsten/ mich niemand zu offenbaren/ damit ich mich keines Spotts theilhafftig machte/ massen ich mich zu etlichen Beschädigten von unserer Armee gesellet/ welche einen eigenen Feldscherer bey sich hatten/ denen gab ich ein gülden Creutzlein/ das ich noch am Hals darvon gebracht/ vor welches er mir biß hieher meine Wunden verbunden. Jn solchem Elend nun/ werther Simplici, hab ich mich bißher beholffen/ gedencke mich auch keinem Menschen zu offenbaren/ biß ich zuvor sehe/ wie[492] deß Grafen von Götz seine Sach einen Außgang gewinnet. Und demnach ich deine Guthertzigkeit und Treu sehe/ gibt mir solches einen grossen Trost/ daß der liebe Gott mich noch nit verlassen/ massen ich heut morgen/ als ich auß der Frühmeß kam/ und dich vor deß Commandanten Quartier siehen sahe/ mir eingebildet/ Gott hätte dich an statt eines Engels zu mir geschickt/ der mir in meiner Armseeligkeit zu Hülff kommen solte. Jch tröstete Hertzbrudern so gut ich konte/ und vertraute ihm/ daß ich noch mehr Geld hätte als die jenige Duplonen die er gesehen/ welches alles zu seinen Diensten stünde; und in dem erzehlte ich ihm auch Olieviers Untergang/ und was gestalt ich seinen Todt rächen müssen. Welches sein Gemüt dermassen erquickte/ also daß es ihm auch an seinem Leib wol zu statten kam/ gestalten es sich an allen Wunden täglich mit ihm besserte.

ENDE deß IV. Buchs.

 




 

[493]

Abentheurlicher Simplicissimus Teutsch: Das Fünffte Buch.

Das Erste Capitel.

NAchdem Hertzbruder wieder allerdings erstarckt/ und an seinen Wunden geheylt war/ vertraute er mir/ daß er in den höchsten Nöthen eine Wallfahrt nach Emsidlen zu thun gelobt; Weil er dann jetzt ohne das so nahe am Schweitzerland wäre/ so wolte er solche verꝛichten/ und solte er auch dahin bettlen! Das war mir sehr angenehm zu hören/ derhalben botte ich ihm Geld und meine Gefellschafft an/ ja ich wolte gleich zween Klepper kauffen/ auff selbigen die Räis zu verꝛichten; nicht zwar der Ursach/ daß mich die Andacht darzu getrieben/ sondern die Aydgnoßschafft/ als das einige Land/ darinn der liebe Fried noch grünete/ zu besehen: So freute mich auch nit wenig/ daß ich die Gelegenheit hatte/ Hertzbrudern auff solcher Räis zu dienen/ massen ich ihn fast höher als mich selbst liebte; Er aber schlug beydes meine Hülff und meine Gesellschafft ab/ mit Vorwand/ seine Wallfahrt můste zu Fuß/ und darzu auff Erbsen geschehen; Solte ich nun in seiner Gesellschafft seyn/ so würde ich ihn nicht allein an seiner Andacht verhindern/ sondern auch mir selbst wegen seines langsamen mühseeligen Gangs grosse Ungelegenheit auffladen. Das redete er aber mich von ihm zu schieben/ weil er sich ein Gewissen machte/ auff einer so heiligen Räis von dem jenigen Geld [497] zu zehren/ das mit Morden und Rauben erobert worden; über das wolte er mich auch nicht in allzugrosse Unkosten bringen/ und sagte unverholen/ daß ich bereits mehr bey ihm gethan/ als ich schuldig gewesen/ und zu erwidern getraute/ hierüber geriethen wir in ein freundlich Gezänck/ das war so lieblich/ daß ich dergleichen noch niemals hab hören hadern/ denn wir brachten nichts anders vor/ als daß jeder sagte/ er hätte gegen dem andern noch nicht gethan/ was ein Freund dem andern thun solte/ ja bey weitem die Gutthaten/ so er vom andern empfangen/ noch nit wett gemacht. Solches alles aber wolte ihn noch nicht bewegen/ mich vor einen Räisgeferten zu gedulden/ biß ich endlich merckte/ daß er beydes an Oliviers Geld und meinem gottlosen Leben/ ein Eckel hatte/ derhalben behalff ich mich mit Lügen/ und überredet ihn/ daß mich mein Bekehrungs-Vorsatz nach Einsidlen triebe/ solte er mich nun von einem so guten Werck abhalten/ und ich darüber sterben/ so würde ers schwerlich verantworten können. Hierdurch persuadirt ich ihn/ daß er zuliesse/ den heiligen Ort mit ihm zu besuchen/ sonderlich weil ich (wiewol alles erlogen war) eine grosse Reu über mein böses Leben von mir scheinen liesse/ als ich ihn denn auch überredete/ daß ich mir selbst zur Buß auffgelegt hätte/ so wol als er auff Erbsen nach Einsidlen zu gehen.

Dieser Zanck war kaum vorbey/ da geriethen wir schon in einen andern/ denn Hertzbruder war gar zu gewissenhafft; er wolte kaum zugeben/ daß ich einen Paß vom Commandanten nam/ der nach meinem Regiment lautete: Was/ (sagte er) haben wir nit im Sinn/ unser Leben zu bessern/ und nach Einfidlen [498] zugeben? und nun sihe umb Gottes willen/ du wilst den Anfang mit Betrug machen/ und den Leuten mit Falschheit die Augen verkleiben/ wer mich vor der Welt verläugnet/ den will ich auch vor meinem himmlischen Vatter verlaugnen/ sagt Christus! Was seyn wir vor verzagte Maulaffen? wann alle Märtyrer und Bekenner Christi so gethan hetten/ so weren wenig Heilige im Himmel! lasse uns in Gottes Nahmen und Schutzempfehlung gehen wohin uns unser heiliger Vorsatz und Begierden hintreiben/ und im übrigen Gott walten/ so wird uns Gott schon hinführen wo unsere Seelen Ruhe finden; Als ich ihm aber vorhielte/ man müßte Gott nicht versuchen/ sondern sich in die Zeit schicken/ und die Mittel gebrauchen/ deren wir nicht entbehren könten/ vornemlich weil das Wallfahrten gehen bey der Soldatesca ein ungewöhnlich Ding seye/ und wenn wir unser Vorhaben entdeckten/ eher vor Außreisser als Pilger gehalten würden/ das uns denn grosse Ungelegenheit und Gefahr bringen könte/ zumalen auch der H. Apostel Paulus/ dem wir noch bey weitem nicht zu vergleichen/ sich wunderbarlich in die Zeit und Gebräuch dieser Welt geschickt; ließ er endlich zu/ daß ich einen Paß bekam/ nach meinem Regiment zu gehen/ mit demselben giengen wir bey Beschliessung deß Thors sampt einem getreuen Wegweiser auß der Statt/ als wolten wir nach Rotweil/ wandten uns aber kurtz durch Neben-Weg/ und kamen noch dieselbige Nacht über die Schweitzerische Grentze/ und den folgenden Morgen in ein Dorff/ allda wir uns mit schwartzen langen Röcken/ Pilger-Stäben und Rosenkräntzen mondirten/ und den[499] Botten mit guter Bezahlung wieder zurück schickten.

Das Land kame mir so frembd vor gegen andern Teutschen Ländern/ als wenn ich in Brasilia oder in China gewesen wäre/ da sahe ich die Leute in dem Frieden handlen und wandlen/ die Ställe siunden voll Viehe/ die Baurn-Höf lieffen voll Hüner/ Gäns und Endten/ die Strassen wurden sicher von den Räisenden gebraucht/ die Wirthshäuser sassen voll Leute die sich lustig machten/ da war gantz keine Forcht vor dem Feind/ keine Sorg vor der Plünderung/ und keine Angst/ sein Gut/ Leib noch Leben zu verlieren/ ein jeder lebte sicher unter seinem Weinstock und Feigenbaum/ und zwar gegen andern Teutschen Ländern zu rechnen/ in lauter Wollust und Freud/ also daß ich dieses Land vor ein irdisch Paradis hielte/ wiewoln es von Art rauch genug zu seyn schiene. Das machte/ daß ich auff dem gantzen Weg nur hin und her gaffte/ wenn hingegen Hertzbruder an seinem Rosenkrantz betete/ deßwegen ich manchen Filtz bekam/ dann er wolte haben/ ich solte/ wie er/ an einem Stück beten/ welches ich aber nicht gewohnen konte.

Zu Zürch kam er mir recht hinder die Brieff/ und dahero sagte er mir die Warheit auch am tröcknesten herauß/ denn als wir zu Schafhausen (allwo mir die Füß von den Erbsen sehr weh thäten) die vorig Nacht geherbergt/ und ich mich den künfftigen Tag wieder auff den Erbsen zu gehen förchtete/ ließ ich sie kochen/ und thäts wieder in die Schuh; deßwegen ich dann wol zu Fuß nach Zürch gelangte/ er aber sich gar übel gehube/ und zu mir sagte: Bruder/ du hast grosse Gnad von Gott/ daß du unangesehen der Erbsen in den [500] Schuhen/ dennoch so wol fort kommen kanst; Ja/ sagte ich/ liebster Hertzbruder/ ich hab sie gekocht/ sonst hätte ich so weit nit darauff gehen können; Ach daß Gott erbarm/ antwortet er/ was hastu gethan? du hättest sie lieber gar auß den Schuhen gelassen/ wenn du nur dein Gespött darmit treiben wilt/ ich muß sorgen/ daß Gott dich und mich zugleich straffe; halte mir nichts vor ungut Bruder/ wenn ich dir auß brüderlicher Liebe Teutsch herauß sage/ wie mirs umbs Hertz ist/ nemlich diß/ daß ich besorge/ wofern du dich nit anderst gegen Gottschickest/ es stehe deine Seeligkeit in höchster Gefahr/ ich versichere dich/ daß ich keinen Menschen mehr liebe/ als eben dich/ leugne aber auch nit/ daß/ wofern du dich nit bessern würdest/ ich mir ein Gewissen machen muß/ solche Liebe zu continuiren Jch verstum̃te vor Schrecken/ daß ich mich schier nit wieder erholen konte/ zuletzt bekante ich ihm frey/ daß ich die Erbsen nit auß Andacht/ sondern allein ihm zu gefallen in die Schuh gethan/ damit er mich mit ihm auff die Räis genommen hätte. Ach Bruder/ antwortet er/ ich sihe/ daß du weit vom Weg der Seeligkeit bist/ wenn gleich die Erbsen nit wären/ Gott verleyhe dir Besserung/ denn ohne dieselbe kan unser Freundschafft nicht bestehen.

Von dieser Zeit an folgte ich ihm traurig nach/ als einer den man zum Galgen führt/ mein Gewissen fieng mich an zu drücken/ und in dem ich allerley Gedancken machte/ stelleten sich alle meine Bubenstück vor Augen/ die ich mein Lebtag je begangen/ da beklagte ich erst die verlorne Unschuld/ die ich auß dem Wald gebracht/ und in der Welt so vielfältig[501] verschertzt hatte/ und was meinen Jammer vermehrte/ war dieses/ daß Hertzbruder nit vielmehr mit mir redete/ und mich nur mit Seufftzen anschaute/ welches mir nit anders vor kam/ als hätte er meine Verdam̃nus gewust/ und an mir bejammert.

Das II. Capitel.

SOlcher gestalt langten wir zu Einsidlen an/ und kamen eben in die Kirch/ als ein Priester einen Besessenen exorcisiret/ das war mir nun auch etwas neues und seltzams/ derowegen ließ ich Hertzbrudern knyen und beten/ so lang er mochte/ und gieng hin/ diesem Spectacul auß Fürwitz zuzusehen; Aber ich hatte mich kaum ein wenig genähert/ da schrye der böse Geist auß dem armen Menschen: Oho/ du Kerl/ schlägt dich der Hagel auch her? ich hab vermeynt/ dich zu meiner Heimkunfft bey dem Olivier in unserer höllischeu Wohnung anzutreffen/ so sehe ich wol/ du läst dich hier finden/ du ehebrecherischer mörderischer Huren-Jäger/ darffst du dir wol einbilden/ uns zu entrinnen? O ihr Pfaffen/ nemmt ihn nur nicht an/ er ist ein Gleißner und ärgerer Lügner als ich/ er foppt sich nur/ und spottet beydes GOtt und der Religion! Der Exorcist befohl dem Geist zu schweigen/ weil man ihm als einem Ertz-Lügner ohne das nit glaube; Ja ja/ antwortet er/ fragt dieses außgesprungenen Mönchs Räisgesellen/ der wird euch wol erzehlen können/ daß dieser Atheist sich nit gescheuet/ die Erbsen zu kochen/ auff welchen er hieher zu gehen versprochen. Jch wuste nit/ ob ich auff dem Kopff oder Fuß stunde/ da ich dieses alles hörete/ und mich jederman ansahe; Aber der Priester straffte den Geist/ und [502] still schweigen/ konte ihn aber denselben Tag nicht außtreiben. Jndessen kam Hertzbruder auch herzu/ als ich eben vor Angst mehr einem Todten als Lebendigen gleich sahe/ und zwischen Hoffnung und Foꝛcht nit wuste/ was ich thun solte/ dieser tröstete mich so gut als er konte/ versicherte darneben die Umbstehende/ und sonderlich die Patres, daß ich mein Tage nie kein Mönch gewesen/ aber wol ein Soldat/ der vielleicht mehr böses als gutes gethan haben möchte/ sagte darneben/ der Teuffel wäre ein Lugner/ wie er denn auch das von den Erbsen viel ärger gemacht hätte/ als es an sich selbst wäre; ich war aber in meinem Gemüt dermassen verwirꝛet/ daß mir nicht anders war/ als ob ich allbereit die höllische Pein selbst empfände; Also daß die Geistlichen genug an mir zu trösten hatten/ sie vermahnten mich zur Beicht und Communion, aber der Geist schrye abermal auß dem Besessenen: Ja ja/ er wird fein beichten/ er weiß nit einmal was be[i]chten ist/ und zwar was wolt ihr mit ihm machen/ er ist einer Ketzerischen Art/ und uns zuständig/ seine Eltern seyn mehr Widertäufferisch als Calvinisch gewesen/ ꝛc. Der Exorcist befohl dem Geist abermal still zu schweigen/ und sagte zu ihm: So wird dichs nur desto mehr verdriessen/ wenn dir das arme verlorne Schäflein wieder auß dem Rachen gezogen/ und der Herd Christi einverleibt wird; darauff fieng der Geist so grausam an zu brüllen/ daß es schröcklich zu hören war. Auß welchem greulichen Gesang ich meinen grösten Trost schöpffte/ dann ich gedachte/ wenn ich keine Gnad von GOtt mehr erlangen könte/ so würde sich der Teuffel nicht so übel geheben.

[503]

Wiewol ich mich damals auff die Beicht nicht gefast gemacht/ auch mein lebtag nie in Sinn genommen zu beichten/ sondern mich jederzeit auß Scham darvor geförchtet/ wie der Teuffel vorm H. Creutz/ so empfande ich jedoch in selbigem Augenblick in mir eine solche Reu über meine Sünden/ und ein solche Begierde zur Busse und mein Leben zu bessern/ daß ich alsobalden einen Beichtvatter begehrte/ über welcher gehlingen Bekehrũg und Besserung sich Hertzbruder höchlich erfreuete/ weil er wahrgenommen und wol gewußt/ daß ich bißher noch keiner Religion beygethan gewesen/ demnach bekante ich mich öffentlich zu der Catholischen Kirchen/ gieng zur Beicht/ und communicirte nach empfangener Absolution; Worauff mir dann so leicht und wol umbs Hertz wurde/ daß ichs nicht außsprechen kan/ und was das verwunderlichste war/ ist dieses/ daß mich der Geist in dem Besessenen fürterhin zu friden liesse/ da er mir doch vor der Beicht und Absolution unterschidliche Bubenstück die ich begangen gehabt/ so eigentlich vorgeworffen/ als wann er auff sonst nichts/ als meine Sünden anzumercken/ bestellt gewesen wäre; doch glaubten ihm als einem Lügner die Zuhörer nichts/ sonderlich weil mein erbarer Pilgerhabit ein anders vor die Augen stellete.

Wir verbliben vierzehen gantzer Tag an diesem gnadenreichen Ort/ allwo ich Gott umb meine Bekehrung danckte/ und die Wunder so allda geschehen/ betrachtete; welches alles mich zu zimlicher Andacht und Gottseeligkeit reitzete/ doch währete solches auch so lang als es mochte; dann gleich wie meine Bekehrung ihren Ursprung nicht auß Liebe zu [504] Gott/ genommen: sondern auß Angst und Forcht verdampt zu werden; also wurde ich auch nach und nach wider gantz lau und träg/ weil ich allgemählich deß Schreckens vergaß/ den mir der böse Feind eingejagt hatte; und nach dem wir die Reliquien der Heiligen/ die Ornat, und andere sehens würdige Sachen deß Gotteshauses genungsam beschauet/ begaben wir uns nach Baden/ alldorten vollends außzuwintern.

Das III. Capitel.

JCh dingte daselbst ein lustige Stude und Kammer vor uns/ deren sich sonsten/ sonderlich Som̃ersZeit/ die Bad-Gäst zu gebrauchen pflegen; welches gemeiniglich reiche Schweitzer seyn/ die mehr hinziehen sich zu erlustiren und zu prangen/ als einiger Gebrechen halber zu baden; so verdingte ich uns auch zugleich in die Kost/ und als Hertzbruder sahe/ daß ichs so herꝛlich angriff/ vermahnete er mich zur Gesparsamkeit/ und erinnert mich deß langen rauhen Winters/ den wir noch zu überstehen hätten; massen er nicht getraute/ daß mein Gelt so weit hinauß langen würde/ ich würde meinen Vorꝛath/ sagte er auffden Frühling wol brauchen/ wann wir wider von h[inn]en wollen/ viel Gelt sey bald verthan/ wañ man nur darvon/ und nichts darzu thue: Es stäube hinauß wie der Rauch/ und verspreche nimmermehr wieder zu kommen/ ꝛc. Auff solche treuhertzige Erinnerung kondte ich Hertzbrudern nicht länger verbergen wie reich mein Seckel wäre/ und daß ich hedacht uns beeden guts darvon zuthun/ sintemal dessen[505] Ankunfft und Erwerbung ohne das alles Segens so unwurdig wäre/ daß ich keinen Mäyerhof darauß zu erkauffen gedächte/ und wenn ichs schon nit anlegen wolte/ meinen liebsten Freund auff Erden damit zu unterhalten/ so wäre doch billich/ daß er Hertzbruder auß Oliviers Geld vergnügt würde/ umb die jenige Schmach/ die er hiebevor von ihm vor Magdeburg empfangen. Und demnach ich mich in aller Sicherheit zu seyn wuste/ zog ich meine beyde Scapulier ab/ trennete die Ducaten und Pistolen herauß/ und sagte zu Hertzbrudern/ Er möge nun mit diesem Geld nach seinem Belieben disponiren/ und solches anlegen und außtheilen/ wie er vermeyne/ daß es uns beyden am nutzlichsten wäre.

Da er neben meinem Vertrauen das ich zu ihm trug/ so viel Geld sahe/ mit welchem ich auch ohne ihn wol ein zimlicher Herꝛ hätte seyn können/ sagte er: Bruder/ du thust nichts so lang ich dich kenne/ als deine gegen mir habende Lieb und Treu zu bezeugen! Aber sage mir/ womit vermeynstu wol/ daß ichs wieder umb dich werde beschulden können? es ist nit nur umb das Geld zu thun/ denn solches ist vielleicht mit der Zeit wieder zu bezahlen/ sondern umb deine Lieb und Treu/ vornemlich aber umb dein zu mir habendes hohes Vertrauen/ so nicht zu schätzen ist/ Bruder mit einem Wort/ dein tugendhafft Gemüt macht mich zu deinem Sclaven/ und was du gegen mir thust/ ist mehr zu verwundern/ als zu wiedergelten müglich; O ehrlicher Simplici, dem bey diesen gottlosen Zeiten/ in welchen die Welt voll Untreu steckt/ nicht in Sinn kompt/ der arme und hochbedörfftige Hertzbruder möchte mit einem so ansehlichen Stück [506] Geld fort gehen/ und ihn an seine statt in Mangel setzen; versicher Bruder/ dieser Beweisthumb wahrer Freundschafft verbindet mich mehr gegen dir/ als ein reicher Herꝛ/ der mir viel tausend verehrte: Allein bitte ich mein Bruder/ bleib selber Herꝛ/ Verwahrer und Außtheiler über dein Geld/ mir ists genug/ daß du mein Freund bist! Jch antwoꝛtet/ was wunderliche Reden seyn das/ hochgeehrter Hertzbruder/ er gibt mündlich zu vernehmen/ daß er mir verbunden seye/ und will doch nicht darvor seyn/ daß ich unser Geld/ beydes ihm und mir zu Schaden/ nicht unnütz verschwende. Also redeten wir beyderseits gegeneinander läppisch genug/ weil je einer in deß andern Lieb truncken war. Also wurde Hertzbruder zugleich mein Hofmeister/ mein Seckelmeister/ mein Diener und mein Herꝛ/ und in solcher müssigen Zeit erzehlte er mir seinen Lebenslauff/ und durch was Mittel er bey dem Grafen von Götz bekant und befördert worden/ worauff ich ihm auch erzehlte/ wie mirs ergangen/ sint sein Vatter seel. gestorben/ dann wir uns bißher noch niemal so viel Zeit genommen/ und da er hörte/ daß ich ein junges Weib zu L. hatte/ verwiese er mir/ daß ich mich nit ehender zu derselbigen/ als mit ihm in das Schweitzerland begeben/ dann solches wäre mir anständiger/ und auch meine Schuldigkeit gewesen. Und demnach ich mich entschuldiget/ daß ich ihn als meinen allerliebsten Freund in seinem Elend zu verlassen/ nit übers Hertz bringen können/ beredet er mich/ daß ich meinem Weid schriebe/ und ihr meine Gelegenheit zu wissen machte/ mit Versprechen/ mich mit ehistem wieder zu ihr zu begeben/ thät auch meines langen Außbleibens halber meine Entschuldigungen/ [507] daß ich nemlich allerhand wideriger Begegnussen halber/ wie gern ich auch gewolt/ mich nit ehender bey ihr hätte einfinden können.

Und dieweil Hertzbruder auß den gemeinen Zeitungen erfubr/ daß es umb den Grafen von Götz wol stünde/ sonderlich daß er mit seiner Verantwortung bey der Käis. Mayt. hinauß langen/ wieder auff freyen Fuß kommen/ und gar wiederumb das Commando über eine Armee kriegen würde/ berichtete er demselben seinen Zustand nach Wien/ schrieb auch nach der Chur Bayr. Armee wegen seiner Bagage, die er noch dort hatte/ und fieng an zu hoffen/ sein Glück würde wieder grünen/ derhalben machten wir den Schluß/ künfftigen Frühling voneinander zu scheiden/ indem er sich zu bemeldtem Grafen/ ich aber mich nach L. zu meinem Weib begeben wolte. Damit wir aber denselben Winter nit müssig zubrächten/ lernten wir von einem Ingenieur auff dem Papier mehr fortifici- ren/ als die Könige in Hispanien und Franckreich ins Werck setzen können/ darneben kam ich mit etlichen Alchymisten in Kundschafft/ die wolten mich/ weil sie Geld hinder mir merckten/ Gold machen lernen/ da ich nur den Verlag darzu bergeben wolte/ und ich glaube/ sie hätten mich überꝛedt/ wenn ihnen Hertzbruder nicht abgedanckt hätte/ dann er sagte: Wer solche Kunst könte/ würde nicht so bettelhafftig daher gehen/ noch andere umb Geld ansprechen.

Gleich wie nun Hertzbruder von hoch-ermeldtem Grafen ein angenehme Wieder-Antwort und treffliche Promeßen von Wien auß erhielte/ also bekam ich von L. kein einigen Buchstaben/ unangesehen ich unterschiedliche Posttäg in duplo hinschriebe: Das [508] machte mich unwillig/ und verursachte/ daß ich denselben Frühling meinen Weg nit nach Westphalen antrat/ sondern von Hertzbrudern erhielt/ daß er mich mit ihm nach Wien nam/ mich seines verhoffenden Glücks geniessen zu lassen; Also mondirten wir uns auß meinem Geld wie 2. Cavallier, beydes mit Kleidungen/ Pferden/ Dienern und Gewehr/ giengen durch Costantz auff Ulm/ allda wir uns auff die Thonau setzten/ und von dort auß in 8. Tagen zu Wien glücklich anlangten. Auff demselben Weg observirte ich sonst nichts/ als daß die Weibsbilder/ so an dem Strand wohnen/ den vorüber-fahrenden/ so ihnen zuschryen/ nicht mündlich/ sondern schlechthin mit dem Beweisthum selbst antworten/ darvon ein Kerl manch feines Einsehen haben kan.

Das IV. Capitel.

ES gehet wol seltzam in der veränderlichen Welt her! Man pflegt zu sagen/ Wer alles wüste/ der würde bald reich; Jch aber sage: Wer sich allweg in die Zeit schicken könte/ der würde bald groß und mächtig. Mancher Schindhund oder Schabhals (dann diese beyde Ehren-Titul werden den Geitzigen gegeben) wird wol bald reich/ weil er einen und andern Vorthel weiß und gebraucht/ er ist aber darumb nit groß/ sondern ist und verbleibt vielmals von geringerer æstimation, als er zuvor in seiner Armuth war; Wer sich aber weiß groß und mächtig zu machen/ dem folget der Reichthumb auff dem Fuß nach. Das Glück/ so Macht und Reichthum zu geben pflegt/ blickte mich trefflich holdseelig an/ und gab mir/ nachdem ich ein Tag oder acht zu Wien [509] gewesen/ Gelegenheit genug an die Hand/ ohn einige Verhinderungen auff die Staffeln der Hoheit zu steigen/ ich thäts aber nicht/ Warumb? Jch halte/ weil mein fatum ein anders beschlossen/ nemlich das jenige/ dahin mich meine fatuitas leitete.

Der Graf von der Wahl/ unter dessen Commando ich mich hiebevor in Westphalen bekant gemacht/ war eben auch zu Wien/ als ich mit Hertzbrudern hin kam; dieser wurde bey einem Banquet/ da sich verschiedene Käiserl. Kriegsräthe neben dem Grafen von Götz und andern mehr befanden/ als man von allerhand seltzamen Köpffen/ unter schiedlichen Soldaten/ und berühmten Parteygängern redete/ auch deß Jägers von Soest eingedenck/ und erzehlte etliche Stücklein von ihm so rühmlich/ daß sich theils über einen so jungen Kerl verwunderten/ und bedaurten/ daß der listige Hessische Obriste S. A. ihm ein WehBengel angehenckt/ damit er entweder den Degen beyseits legen/ oder doch Schwedische Waffen tragen solte; Dann wolbesagter Graf von der Wahl hatte alles erkündigt/ wie derselbige Obrist zu L. mit mir gespielt; Hertzbruder/ der eben dort stunde/ und mir meine Wolfahrt gern befördert hätte/ bat umb Verzeyhung und Erlaubnus zu reden/ und sagte/ daß er den Jäger von Soest besser kenne/ als sonst einen Menschen in der Welt/ er sey nit allein ein guter Soldat/ der Pulver riechen könte/ sondern auch ein zimlicher Reuter/ ein perfecter Fechter/ ein trefflicher Büchsenmeister und Feurwercker/ und über diß alles einer der einem Ingenieur nichts nachgeben würde/ er hätte nit nur sein Weib/ weil er mit ihr so schimpflich hindergangen worden/ sondern auch alles was [510] er gehabt/ zu L. hinderlassen/ und wiederum Käiserl. Dienst gesucht/ massen er in verwichener Campagne sich unter dem Grafen von Götz befunden/ und als er von den Weymarischen gefangen worden/ und von denselben sich wieder zu den Käiserl. begeben wollen/ neben seinem Cameraden einen Corporal sampt sechs Mußquetierern die ihnen nachgesetzt/ und sie wieder zurück führen sollen/ nider gemacht/ und ansehenliche Beuten darvon gebracht/ massen er mit ihm selbsten nach Wien kommen/ deß Willens/ sich abermal wider der Röm. Käis. Mayt. Feinde gebrauchen zu lassen/ doch so fern er solche Conditiones haben könte/ die ihm anständig seyen/ dann keinen gemeinen Knecht begehre er mehr zu agiren.

Damals war diese ansehliche Compagni mit dem lieben Trunck schon dergestalt begeistert/ daß sie ihre Curiosität den Jäger zu sehen/ contentirt haben wolte/ massen Hertzbruder geschickt wurde/ mich in einer Gutsche zu holen; derselbe instruirt mich unterwegs/ wie ich mich bey diesen ansehenlichen Leuten halten solte/ weil mein künfftig Glück daran gelegen wäre; Jch antwortet derhalben als ich hin kam/ auff alles sehr kurtz und apophthegmatisch/ also daß man sich über mich zu verwundern anfienge/ dann ich redete nichts/ es müste dann einen klugen Nachdruck haben; in Summa/ ich erschien dergestalt/ daß ich jedem angenehm war/ weil ich ohne das vom H. Grafen von der Wahl auch das Lob eines guten Soldaten hatte; Mithin kriegte ich auch einen Rausch/ und glaub wol/ daß ich alsdenn auch hab scheinen lassen/ wie wenig ich bey Hof gewesen; endlich war dieses das End/ daß mir ein Obrister zu Fuß eine Compagni [511] unter seinem Regiment versprochen/ welches ich dañ gar nit außschlug/ denn ich dachte/ ein Hauptmann zu seyn/ ist fürwahr kein Kinderspiel! Aber Hertzbruder verwiese mir den andern Tag meine Leichtfertigkeit/ und sagte/ wenn ich nur noch länger gehalten hätte/ so wäre ich noch wol höher ankommen.

Also wurde ich einer Compagni vor einen Hauptmann vorgestellt/ welche/ ob sie zwar mit sampt mir in prima Plana gantz complet, aber nit mehr als siben Schillergäst hatte/ zu dem meine Unter-Officier mehrentheils alte Krachwedel/ darüber ich mich hindern Ohren kratzte/ als wurde ich mit ihnen bey der ohnlängst hernach vorgangenen scharffen Occasion desto leichter gemartscht/ in welcher der Graf von Götz das Leben/ Hertzbruder aber seine Testiculi einbüste/ die er durch einen Schuß verlor; ich bekam meinen Theil in einen Schenckel/ so aber gar eine geringe Wunde war. Dannenhero begaben wir uns auff Wien/ umb sich curiren zu lassen/ weil wir ohne das unser Vermögen dort hatten/ ohne diese Wunden/ so zwar bald geheylet/ ereignete sich an Hertzbrudern ein anderer gefährlicher Zustand/ den die Medici ansänglich nit gleich erkennen konten/ dann er wurde lahm an allen vieren/ wie ein Cholericus den die Gall verderbt/ und war doch am wenigsten selbiger Complexion noch dem Zorn beygethan/ nichts desto weniger wurde ihm die Saurdrunnen-Cur gerathen/ und hierzu der Grießbach an dem Schwartzwald vorgeschlagen.

Also verändert sich das Glück unversehens/ Hertzbruder hatte kurtz zuvor den Willen gehabt/ sich mit einem vornehmen Fräulein zu verheuraten/ und zu [512] solchem Ende sich zu einem Freyberꝛn/ mich aber zu einem Edelmann machen zu lassen; nunmehr aber muste er andere Gedancken concipiren/ dann weil er das jenige verloren/ damit er ein neues Geschlecht propagiren wollen/ zumalen von seiner Lähme mit einer langwierigen Kranckheit bedrohet wurde/ in deren er guter Freunde vonnöthen/ machte er sein Testament/ und setzte mich zum einzigen Erben aller seiner Verlassenschafft/ vornemlich weil er sahe/ daß ich seinet wegen mein Glück in Wind schlug/ und meine Compagni quitirt/ damit ich ihm in Sauerbrunnen begleiten/ und daselbsten/ biß er seine Gesundheit wieder erlangen möchte/ außwarten könte.

Das V. Capitel.

ALs nun Hertzbruder wieder reuten konte/ übermachten wir unsere Paarschafft (dann wir hatten nunmehr nur einen Seckel mit einander) per Wexel nach Basel/ mondirten uns mit Pferden und Dienern/ und begaben uns die Thonau hinauff nacher Ulm und von dannen in den obbesagten Sauerbrunnen/ weil es eben im Mäy und lustig zu räisen war; daselbst dingten wir ein Losament/ ich aber ritte nach Straßburg/ unser Gelt/ welches wir von Basel auß dorthin übermacht/ nicht allein zum theil zu empfangen/ sondern auch mich umb erfahrne Medicos umbzusehen/ die Hertzbrudern Recepta und Bad-Ordnung vorschreiben solten/ dieselbe begaben sich mit mir/ und befanden/ daß Hertzbrudern vergeben worden/ und weil das Gifft nicht starck genug gewesen/ ihn gleich hinzurichten/ daß solches ihm in [513] die Glider geschlagen were/ welches wieder durch Pharmaca, Antidota, Schweißbäder evacuiret werden müste/ und würde sich solche Cur auff ohngefehr ein Woch oder acht belauffen/ da erinnerte sich Hertzbruder gleich/ wann und durch wen ihm vergeben worden wäre/ nemlich durch die jenige/ die gern seine Stell im Krieg betretten bätten/ und weil er auch von den Medicis verstunde/ daß sein Cur eben keinen Sauerbrunnen erfordert hette/ glaubte er festiglich/ daß sein Medicus im Feld durch eben dieselbe seine Æmulos mit Gelt bestochen worden/ ihne so weit hinweg zu weisen; jedoch resolvirte er sich im Sauerbrunnen seine Cur zu vollenden/ weil es nicht allein einen gesunden Lufft/ sondern auch allerhand anmüthige Gesellschafften unter den Bad-Gästen hatte.

Solche Zeit mochte ich nicht vergeblich hinbringen/ weil ich eine Begierde hatte/ dermalen eins mein Weib auch wiederum zu sehen/ und weil Hertzbruder meiner nicht sonderlich vonnöthen/ eröffnet ich ihm mein Anligen/ der lobte meine Gedancken/ und gab mir den Rath/ ich solte sie besuchen/ gab mir auch etliche kostbare Kleinodien/ die ich ihr seinetwegen verehren/ und sie damit umb Verzeybung bitten solte/ daß er ein Ursach gewesen sey/ daß ich sie nit ehender besucht; Also ritte ich nach Straßburg/ und machte mich nicht allein mit Gelt gefaßt/ sondern erkundigte auch/ wie ich meine Räiß anstellen mochte/ daß ich am sichersten fortkäme/ befand aber daß es so alleinig zu Pferd nit geschehen könne/ weilen es zwischen so vielen Guarnisonen/ der beyderseits kriegenden Theilen von den Partheyen zimlich [514] unsicher war; Erhielte derowegen einen Paß/ vor einen Straßburger Botten-läuffer/ und machte etliche Schreiben an mein Weib/ ihre Schwester und Eltern/ als wann ich ihn damit nach L. schicken wolte/ stellte mich aber als wann ich wieder anders Siñs worden wäre/ erpracticirte also den Paß vom Potten/ schickte mein Pferd und Diener wieder zuruck/ verkleidete mich in eine weiß und rothe Liberey/ und fuhr also in einem Schiff hin und biß nach Cölln/ welche Statt damaln zwischen den kriegenden Partheyen Neutral war.

Jch gieng zuforderst hin meinen Jovem zu besuchen/ der mich hiebevor zu seinem Ganymede erklärt hatte/ umb zu erkundigen/ wie es mit meinen hinderlegten Sachen eine Bewandtnuß hätte/ der war aber damals wiederumb gantz hirnschellig und unwillig über das Menschlich Geschlecht; O Mercuri, sagte er zu mir/ als er mich sahe/ was bringst du neues von Münster? vermeynen die Menschen wolohn meinen Willen Frieden zu machen? Nimmermehr! Sie hatten ihn/ warumb haben sie ihn nicht behalten? Giengen nit alle Laster im schwang/ als sie mich bewegten ihnen den Krieg zu senden? womit haben sie seithero verdienet/ daß ich ihn den Frieden widergeben solte? haben sie sich dann seither bekehrt? seynd sie nicht ärger worden/ und selbst mit in Krieg geloffen wie zu einer Kirmeß? oder haden sie sich villeicht wegen der Theurung bekehret/ die ich ihnen zugesandt/ darinn so viel tausend Seelen Hungers gestorben; Oder hat sie villeicht das grausame Sterben erschreckt/ (daß so viel Millionen hingerafft) daß sie sich gebessert? Nein/ nein Mer- [515] curi, die übrig verbliebene/ die den elenden Jammer mit ihren Augen angesehen/ haben sich nit allein nit gebessert/ sondern seynd viel ärger worden als sie zuvor jemals gewesen! haben sie sich nun wegen so vieler scharpffen Heimsuchungen nit bekehrt/ sondern unter so schwerem Creutz und Trübsalen gottlos zu leben nicht auffgehöret/ was werden sie dann erst thun/ wann ich ihnen den wol-lustbarlichen güldenen Frieden wieder zusendete? Jch müste sorgen/ daß sie mir wie hiebevor die Risen gethan/ den Himmel abzustürmen unterstehen würden; aber ich will solchem Muthwillen wol bey Zeit steuren/ und sie im Krieg hocken lassen.

Weil ich nun wuste/ wie man diesem Gott lausen muste/ wann man ihn recht stimmen wolte/ sagte ich: Ach grosser Gott/ es seuffzet aber alle Welt nach dem Frieden/ und versprechen ein grosse Besserung/ warumb woltest du ihnen dann solchen noch länger verweigern können? Ja/ antwortet Jupiter, sie seuffzen wol/ aber nit meinet-sondern ihrentwillen; Nicht/ daß jeder unter seinem Weinstock und Feigenbaum Gott loben/ sondern daß sie deren edle Früchten mit guter Ruhe/ und in allem Wollust geniessen möchten; Jch fragte neulich einen grindigen Schneider/ ob ich den Frieden geben solte? Aber er antwortet mir/ was er sich drumb geheye/ er müsse so wol zu Kriegs- als Friedenszeiten mit der stählernen Stange fechten: Ein solche Antwort kriegte ich auch von einem Rothgiesser/ der sagte/ wenn er im Frieden keine Glocken zu giessen hätte/ so hätte er im Krieg genug mit Stücken und Feuermörseln zu thun. Also antwortet mir auch ein Schmid/ und sagte/ [516] habe ich keine Pflüg und Bauren-Wägen im Krieg zu beschlagen/ so kommen mir jedoch genug ReuterPferd und Heer-Wägen unter die Händ/ also daß ich deß Friedens wol entberen kan. Sihe nun lieber Mercuri, warumb solte ich ihnen dann den Frieden verleyhen? Ja es sind zwar etliche die ihn wünschen/ aber nur wie gesagt/ umb ihres Bauchs und Wollust willen; hingegen aber sind auch andere/ die den Krieg behalten wollen/ nicht zwar weil es mein Will ist/ sondern weil er ihnen einträgt; Und gleich wie die Mäurer und Zimmerleut den Frieden wünschen/ damit sie in Aufferbauung der eingeäscherten Häuser Geld verdienen/ also verlangen andere/ die sich im Frieden mit ihrer Hand-Arbeit nicht zu ernehren getrauen/ die Continuation deß Kriegs/ in selbigem zu stehlen.

Weilen dann nun mein Jupiter mit diesen Sachen umbgieng/ konte ich mir leicht einbilden/ daß er mir in solchem verwirꝛten Stand von dem Meinigen wenig Nachricht würde geben können/ entdeckte mich ihm derhalben nicht/ sondern nam meinen Kopff zwischen die Ohren/ und gieng durch Abweg/ die mir dann alle wol bekant waren/ nach L. fragte daselbst nach meinem Schwehrvatter/ allerdings wie ein fremder Bott/ und erfuhr gleich/ daß er sampt meiner Schwieger bereits vor einem halben Jahr diese Welt gesegnet/ und dann daß meine Liebste/ nachdem sie mit einem jungen Sohn nider kommen/ den ihre Schwester bey sich hätte/ gleichfalls stracks nach ihrem Kindbett diese Zeitlichkeit verlassen; Darauff lieferte ich meinem Schwager die jenige Schreiben/ die ich selbst an meinen Schwehr/ an meine Liebste/ [517] und an ihn meinen Schwager geschrieben; derselbe nun wolte mich selbst herbergen/ damit er von mir als einem Botten erfahren könte/ was Stands Simplicius seye/ und wie ich mich verhielte? zu dem Ende discurirte meine Schwägerin lang mit mir von mir selbsten/ und ich redete auch von mir/ was ich nur löblichs von mir wuste/ dann die Urschlechten hatten mich dergestalt verderbt und verändert/ daß mich kein Mensch mehr kante/ ausser der von Schönstein/ welcher aber als mein getreuster Freund/ reinen Mund hielte.

Als ich ihr nun nach der Länge erzehlt/ daß Herꝛ Simplicius viel schöner Pferd und Diener hätte/ und in einem schwartzen sammeten Mutzen auffzöge/ der überall mit Gold verbremt wäre/ sagte sie: Ja/ ich hab mir jederzeit eingebildet/ daß er keines so schlechten Herkommens sey/ als er sich darvor außgeben/ der hiesige Commandant hat meine Eltern seel. mit grossen Verheissungen persuadirt/ daß sie ihm meine Schwester seel. die wol ein from̃e Jungfer gewesen/ gantz vorthelhafftiger Weis auffgesattelt/ davon ich niemalen ein gutes End habe hoffen können/ nichts desto weniger hat er sich wol angelassen/ und resolvirt/ in hiesiger Guarnison Schwedische/ oder vielmehr Hessische Dienst anzunehmen/ massen er zu solchem End seinen Vorꝛath/ was er zu Cöln gehabt/ hieher holen wollen/ das sich aber gesteckt/ und er darüber gantz schelmischer Weis in Franckreich practicirt worden/ meine Schwester/ die ihn noch kaum vier Wochen gehabt/ und sonst noch wol ein halb Dutzet Burgers-Töchter/ schwanger hinderlassend; wie dann eine nach der andern (und zwar meine [518] Schwester am allerletzten) mit lauter jungen Söhnen nider kommen. Weil dann nunmehr mein Vatter und Mutter todt/ ich und mein Mann aber keine Kinder miteinander zu hoffen/ haben wir meiner Schwester Kind zum Erben aller unser Verlassenschafft angenom̃en/ und mit Hülff deß hiestgen Herꝛn Commandanten seines Vattern Haab zu Cöln erhoben/ welches sich ungefähr auff 3000. fl. belauffen möchte/ daß also dieser junge Knab/ wenn er einmal zu seinen Jahren kompt/ sich unter die Arme zu rechnen keine Ursach haben wird; Jch und mein Mann lieben das Kind auch so sehr/ daß wirs seinem Vatter nicht liessen/ wenn er schon selbst käme/ und ihn abholen wolte/ über das so ist er der Schönste unter allen seinen Stieffbrüdern/ und sihet seinem Vatter so gleich/ als wenn er ihm auß den Augen geschnitten wäre; und ich weiß/ wenn mein Schwager wüste/ was er vor einen schönen Sohn hier hätte/ daß er ihm nicht abbrechen könte hieher zu kommen (da er schon seine übrige Hurenkinder scheuen möchte) nur das liebt Hertzgen zu sehen.

Solche und dergleichen Sachen brachte mir meine Schwägerin vor/ worauß ich ihre Lieb gegen meinem Kind leicht spüren können/ welches dann dort in seinen ersten Hosen herumb lieffe/ und mich im Hertzen erfreute/ derhalben suchte ich die Cleinoder herfür/ die mir Hertzbruder geben/ solche seinetwegen meinem Weib zu verehren/ dieselbige (sagte ich) hätte mir Herꝛ Simplicius mit geben/ seiner Liebsten zum Gruß einzuhändigen/ weil aber selbige todt wäre/ schätzte ich/ es wäre billich/ daß ich sie seinem Kind hinderliesse/ welche mein Schwager und seine Frau [519] mit Freuden empfiengen/ und darauß schlossen/ daß ich an Mitteln keinen Mangel haben/ sondern viel ein anderer Gesell seyn müste/ als sie sich hiebevor von wir eingebildet. Mithin trang ich auff meine Abfertigung/ und als ich dieselbe bekam/ degehrte ich im Nahmen Simplici den jungen Simplicium zu küssen/ damit ich seinem Vatter solches als ein Wahrzeichen erzehlen könte; Als es nun auff Vergönstigung meiner Schwäger in geschahe/ fienge beydes mir und dem Kind die Nas an zu bluten/ darüber mirs Hertz hätte brechen mögen/ doch verbarg ich meine Affecten/ und damit man nit Zeit haben möchte/ der Ursach dieser Sympathiæ nachzudencken/ machte ich mich stracks auß dem Staub/ und kam nach 14. Tageu durch viel Mühe und Gefahr wieder in Bettlers Gestalt in Saurbrunnen/ weil ich unterwegs außgeschälet worden.

Das VI. Capitel.

NAch meiner Ankunfft wurde ich gewahr/ daß es sich mit Hertzbrudern mehr gebösert als gebessert hatte/ wiewol ihn die Doctores und Apothecker strenger als eine sette Gans gerupfft; über das kame er mir auch gantz kindisch vor/ und konte küm̃erlich mehr recht gehen/ ich ermuntert ihn zwar so gut ich konte/ aber es war schlecht bestellt/ er selbst merckte an Abnehmung seiner Kräfften wol/ daß er nit lang mehr würde dauren können/ sein gröster Trost war/ daß ich bey ihm seyn solte/ wenn er die Augen würde zu thun.

Hingegen machte ich mich lustig/ und suchte meine [520] Frend/ wo ich solche zu finden vermeynte/ doch solcher gestalt/ daß meinem Hertzbruder an seiner Pfleg nichts manglete. Und weil ich mich einen Witwer zu seyn wuste/ reitzten mich die gute Täg und meine Jugend wiederum zur Bulerey/ deren ich dann trefflich nach hienge/ weil mir der zu Einfidlen eingenommene Schrecken wieder allerdings vergessen war. Es befand sich im Sauerbrunnen eine schöne Dame/ die sich vor eine von Adel außgab/ und meines Erachtens doch mehr mobilis als nobilis war/ derselben Mañssallen wartet ich trefflich auff den Dienst/ weil sie zimlich glatthärig zu seyn schiene/ erhielte auch in kurtzer Zeit nicht allein einen freyen Zutritt/ sondern auch alle Vergnügung/ die ich hätte wünschen und degehren mögen/ aber ich hatte gleich ein Abscheuen ab ihrer Leichtfertigkeit/ trachtet derhalben/ wie ich ihrer wieder mit Manier loß werden könte/ dann wie mich dünckte/ so gieng sie mehr darauff umb/ meinen Seckel zu scheren/ als mich zur Ehe zu bekommen/ zu dem übertrieb sie mich mit liebreitzenden feurigen Blicken und andern Bezeugungen ihrer brennenden Affection, wo ich gieng und stunde/ daß ich mich beydes vor mich und sie schämen muste.

Neben dem befand sich auch ein vornehmer reicher Schweitzer im Bad/ dem wurde nicht nur sein Geld/ sondern auch seines Weibs Geschmuck/ der in Gold/ Silber/ Perlen und Edelgesteinen bestunde/ entfremdet; Weil dann nun solche Sachen eben so ungerne verloren werden/ als schwer sie zu erobern seyn/ derhalben suchte bemeldter Schweitzer allerhand Rath und Mittel/ dadurch er selbige wieder zur Hand bringen möchte/ massen er den berühmten Teuffelsbanner [521] auß der Geißhaut kommen liesse/ der durch seinen Dieb dergestalt tribulirte/ daß er das gesiolene Cut wieder in eigener Person an seine Gehörde liefern muste/ deßwegen der Hexenmeister dann 10. Reichsthaler zur Verehrung bekam.

Diesen Schwartzkünstler hätte ich gern gesehen/ und mit ihm conferirt/ es mochte aber/ wie ich darvor hielte/ ohne Schmälerung meines Ansehens (dann ich dünckte mich damals keine Sau seyn) nit geschehen/ derhalben stellte ich meinen Knecht an/ mit ihm denselben Abend zu sauffen/ weil ich vernommen/ daß er ein Außbund eines Weinbeissers seyn solte/ umb zu sehen/ ob ich vielleicht hierdurch mit ihm in Kundschafft kommen möchte/ dann es wurden mir so viel seltzame Sachen von ihm erzehlt/ die ich nit glauben konte/ ich hätte sie dann selbst von ihm vernommen; ich verkleidete mich wie ein Landfahrer/ der Salben feil hat/ setzte mich zu ihm an Tisch/ und wolte vernehmen/ ob er erꝛathen/ oder ihm der Teuffel eingeben wurde/ wer ich wäre? aber ich konte nit das geringste an ihm spüren/ dann er soff immer hin/ und hielte mich vor einen/ wie me[i]ne Kleider anzeigten/ also daß er mir auch etliche Gläser zubrachte/ und doch meinen Knecht höher als mich respectirte/ demselben erzehlte er vertraulich/ wann der jenige so den Schweitzer bestolen/ nur das geringste darvon in ein fliessend Wasser geworffen/ und also dem leydigen Teuffel auch Partem geben hätte/ so wäre unmüglich gewesen/ weder den Dieb zu nennen/ nvch das verlorne wieder zur Hand zu bringen.

Diese närꝛische Possen hörte ich an/ und verwundert mich/ daß der heimtückische und tausendlistige [522] Feind den armen Menschen durch so geringe Sachen in seine Klauen bringt. Jch konte leicht ermessen/ daß dieses Stücklein ein Theil deß Pacts sey/ den er mit dem Teuffel getroffen/ und konte wol gedencken/ daß solche Kunst den Dieb nichts helffen würde/ wenn ein anderer Teuffelsbanner geholt würde/ den Diebstal zu offenbaren/ in dessen Pact diese Clausul nicht stünde; befohl demnach meinem Knecht/ (welcher ärger stelen konte als ein Böhm) daß er ihn gar voll sauffen/ und ihm hernach seine zehen Reichsthaler stelen/ alsobalden aber ein paar Batzen darvon in die Rench werffen solte. Diß thät mein Kerl gar fleissig; Als nun der Teuffelsbanner am Morgen frühe sein Geld mangelte/ begab er sich gegen der Wüsten Rench in einen Busch/ ohne Zweiffel seinen Spiritum familiarem deßwegen zu besprechen/ er wurde ader so übel abgefertigt/ daß er mit einem blauen und zerkratzten Angesicht wieder zurück kam; Weßwegen mich dann der arme alte Schelm dergestalt daurte/ daß ich ihm sein Geld wieder geben/ und darbey sagen liesse/ weil ernunmehr sehe/ was vor ein betrüglicher böser Gast der Teuffel seye/ könte er hinfort dessen Dienst und Gesellschafft wol auffkünden/ und sich wieder zu GOtt bekehren. Aber solche Vermahnung bekam mir wie dem Hund das Gras/ dann ich hatte von dieser Zeit an weder Glück noch Stern mehr/ massen mir gleich hernach meine schöne Pferd durch Zauberey hinfielen? und zwar was hätte davor seyn sollen? ich lebte gottlos wie ein Epicurer/ und befohl das meinige niemal in Gottes Schutz/ warumb hätte sich dann dieser Zauberer nicht wiederum an mir sollen rächen können?

[523]

Das VII. Capitel.

DEr Sauerbrunnen schlug mir je länger je besser zu/ weil sich nit allein die Bad-Gäste gleichsam täglich mehrten/ sondern weil der Ort selbst und die Manier zu leben/ mich anmuthig seyn dünckte: Jch machte mit den Lustigsten Kundschafft/ die hin kamen/ und fienge an courtoise Reden und Complimenten zu lernen/ deren ich mein Tag sonst niemal viel geachtet hatte. Jch wurde vor einen vom Adel gehalten/ weil mich meine Leut Herꝛ Hauptmann nenneten/ sintemal dergleichen Stellen kein Soldat von Fortun so leichtlich in einem solchen Alter erlangt/ darinnen ich mich damals befand; Daunenhero machten die reichen Stutzer mit mir/ und hingegen ich hinwiederumb mit ihnen nicht allein Kund-sondern auch gar Brüderschafft/ und war alle Kurtzweil/ Spielen/ Fressen und Sauffen meine allergröste Arbeit und Sorg/ welches aber manche schöne Ducat hinweg nam/ ohne daß ichs sonderlich wahr genommen und geachtet hätte/ dann mein Seckel von dem Olivierischen Erdgut war noch trefflich schwer.

Unterdessen wurde es mit Hertzbrudern je länger je ärger/ also daß er endlich die Schuld der Natur bezahlen muste/ nachdem ihn die Medici und Aertzt verlassen/ als sie sich zuvor genugsam an ihm begraset hatten; Er bestetigte nachmalen sein Testament und letzten Willen/ und machte mich zum Erben über das jenige/ so er von seines Vattern seel. Verlassenschafft zu empfahen/ hingegen ließ ich ihn gantz herꝛlich begraben/ und seine Diener mit [524] Trauer Kleidern und einem Stück Geld ihres Wegs lauffen.

Sein Abschied thät mir schmertzlich wehe/ vornemlich weil ihm vergeben worden/ und ob ichs zwar nit endern konte/ so enderts doch mich/ dann ich flohe alle Gesellschafften/ und suchte nur die Einsamkeit/ meinen betrübten Gedancken Audienz zu geben/ zu dem Ende verbarg ich mich etwan irgends in einen Busch/ und betrachtete nit allein was ich vor einen Freund verloren/ sondern auch daß ich mein Lebtag seines gleichen nit mehr bekommen würde; Mithin machte ich auch von Anstellung meines künfftigen Lebens allerhand Anschläg/ und beschloß doch nichts gewisses; bald wolt ich wieder in Krieg/ und unversehens gedacht ich/ es hättens die geringste Baurn in selbiger Gegend besser/ als ein Obrister/ dann in dasselbe Gebürg kamen keine Parteyen/ so konte ich mir auch nit einbilden/ was eine Armee darin zu schaffen haben müste/ dieselbe Lands-Art zu ruiniren/ massen noch alle Baurn-Höf gleich als zu Friedenszeiten in trefflichem Bau/ und alle Ställ voll Viehe waren/ unangesehen auff dem ebenen Land in den Dörffern weder Hund noch Katz anzutreffen.

Als ich mich nun mit Anhörung deß lieblichsten Vogelgesangs ergetzte/ und mir einbildete/ daß die Nachtigal durch ihre Lieblichkeit andere Vögel banne still zu schweigen/ und ihnen zuzuhören/ entweder auß Scham/ oder ihr etwas von solchem anmuthigen Klang abzustehlen; da näherte sich jenseit dem Wasser eine Schönheit an das Gestad/ die mich mehr bewegte/ (weil sie nur den Habit einer BaurnDirne antrug) als eine stattliche Damoiselle sonst nit [525] hätte thun mögen/ diese hud einen Korb vom Kopff/ darin sie einen Ballen frische Butter trug/ solchen im Sauerbrunnen zu verkauffen/ denselben erfrischte sie im Wasser/ damit er wegen der grossen Hitz nicht schmeltzen solte/ unterdessen setzte sie sich nider ins Gras/ warff ihren Schleyer und Baurn-Hut von sich/ und wischte den Schweiß vom Angesicht/ also daß ich sie genug betrachten/ und meine vorwitzige Augen an ihr weyden konte/ da dünckte mich/ ich hätte die Tag meines Lebens kein schöner Mensch gesehen/ die Proportion deß Leibs schiene vollkom̃en und ohne Tadel/ Arm und Hände Schneeweiß/ das Angesicht frisch und lieblich/ die schwartze Augen aber voller Feur und Liebreitzender Blick; Als sie nun ihre Butter wieder einpackte/ schrye ich hinüber: Ach Jungfer/ ihr habt zwar mit euren schönen Händen eure Butter im Wasser abgekühlt/ hingegen aber mein Hertz durch eure klare Augen ins Feur gesetzt! So bald sie mich sahe und hörte/ lieff sie darvon/ als ob man sie gejagt hätte/ ohne daß sie mir ein Wörtlein geantwort hätte/ mich mit all den jenigen Thorheiten beladen hinderlassend/ damit die verliebte Phantasten gepeinigt zu werden pflegen.

Aber meine Begierden/ von dieser Sonne mehr beschienen zu werden/ liessen mich nit in meiner Einsamkeit/ die ich mir außerwehlt/ sondern machten/ daß ich das Gesang der Nachtigallen nit höher achtete/ als ein Geheul der Wölff; derhalben trollte ich auch dem Saurbrunnen zu/ und schickte meinen Jungen voran/ die Butter-Verkäufferin anzupacken/ und mit ihr zu marcken/ biß ich hernach käme; dieser thät das seinige/ und ich nach meiner Ankunfft auch [526] das meinige; aber ich fande ein steinern Hertz/ und eine solche Kaltsinnigkeit/ dergleichen ich hinder einem Baurn-Mägdlein nim̃ermehr zu finden getraut hätte/ welches mich aber viel verliebter machte/ ohnangesehen ich/ als einer der mehr in solchen Schulen gewesen/ mir die Rechnung leicht machen können/ daß sie sich nit so leicht bethören lassen würde.

Damals hätte ich entweder einen strengen Feind/ oder einen guten Freund haben sollen; einen Feind/ damit ich meine Gedancken gegen demselbigen hätte richten/ und der närꝛischen Lieb vergessen müssen/ oder einen Freund/ der mir ein anders gerathen/ und mich von meiner Thorheit/ die ich vornam/ hätte abmahnen mögen: Aber Ach leyder/ ich hatte nichts als mein Geld das mich verblendete/ meine blinde Begierden die mich verführten/ weil ich ihnen den Zaum schiessen liesse/ und meine grobe Unbesonnenheit/ die mich verderbte/ und in alles Unglück stürtzte/ ich Narꝛ hätte ja auß unsern Kleidungen/ als auß einem bösen Omen judiciren sollen/ daß mir ihre Lieb nit wol außschlagen würde/ dann weil mir Hertzbruder/ diesem Mägdlein aber ihre Eltern gestorben/ und wir dahero alle beyde in Trauer-Kleidern auffzogen/ als wir einander das erste mal sahen/ was hätte unsere Bulschafft vor eine Frölichkeit bedeuten sollen? Mit einem Wort/ ich war mit dem Narꝛnsail rechtschaffen verstrickt/ und derhalben gantz blind und ohne Verstand/ wie das Kind Cupido selbsten/ und weil ich meine viehische Begierden nicht anders zu sättigen getraute/ entschloß ich/ sie zu heuraten; Was/ gedacht ich/ du bist deines Herkommens doch nur ein Baurn-Sohn/ und wirst dein Tag kein Schloß[527] besitzen/ diese Revier ist ein edel Land/ das sich gleichwol diß grausame Kriegs-wesen hindurch gegen andern Orten zu rechnen/ im Wolstand und Flor befunden; über das hast du noch Geld genug/ auch den besten Baurn-Hof in dieser Gegend zu bezahlen/ du wilst diß ehrliche Baurn-Gretlein heuraten/ und dir einen geruhigen Herꝛn-Handel mitten unter den Bauren schaffen/ wo woltestu dir eine lustigere Wohnung außsehen können als bey dem Sauerbrunnen/ da du wegen der zu- und abräisenden Bad-Gäst gleichsam alle 6. Wochen ein neue Welt sehen/ und dir dabey einbilden kanst/ wie sich der Erdkräis von einem Sæculo zum andern verändert. Solche und dergleichen mehr tausendfältige Gedancken machte ich/ biß ich endlich meine Geliebte zur Ehe begehrte/ und (wiewol nicht ohne Mühe) das Jawort erhielte.

Das VIII. Capitel.

JCh liesse trefflich zur Hochzeit zurüsten/ denn der Himmel hieng mir voller Geigen; das BaurenGut/ darauff meine Braut geboren worden/ löste ich nit allein gantz an mich/ sondern fieng noch darzu einen schönen neuen Bau an/ gleich als ob ich daselbst mehr Hof-als Haußhalten hätte wollen/ und ehe ich die Hochzeit vollzogen/ hatte ich bereits über dreissig Stück Vieh da stehen/ weil man so viel das Jahr hindurch auff demselben Gut erhalten konte; in Sum̃a/ ich bestellte alles auff das beste/ auch so gar mit köstlichem Haußrath/ wie es mir nur meine Thorheit eingab. Aber die Pfeiff fiel mir bald in Dreck/ dann da ich nunmehr vermeynte mit gutem Wind in England zu schiffen/ kam ich wider alle Zuversicht in Holland/ [528] und damals/ aber viel zu spat/ wurde ich erst gewahr/ was Ursach mich meine Braut so ohngerne nemmen wollen/ das mich aber am allermeisten schmirtzte/ war/ daß ich mein spöttlich Anligen keinem Menschen klagen dorffte. Jch konte zwar wol erkennen/ daß ich nach dem Maaß der Billichkeit Schulden bezahlen muste/ aber solche Erkantnus machte mich darumb nichts desto gedultiger/ viel weniger fröm̃er/ sondern weil ich mich so betrogen befande/ gedachte ich meine Betrügerin wieder zu betrügen/ massen ich anfienge grasen zu gehen/ wo ich zukommen konte/ über das stack ich mehr bey guter Gesellschafft im Saurbrunnen/ als zu Hauß; Jn Summa/ ich liesse meine Haußhaltung allerdings ein gut Jahr haben/ andern theils war meine Frau eben so liederlich/ sie hatte einen Ochsen/ den ich ins Hauß schlagen lassen/ in etliche Körb eingesaltzen; und als sie mir auff ein Zeit eine Span-Sau zurichten solte/ unterstunde sie solches wie einen Vogel zu ropffen/ wie sie mir dann auch Krebs auff dem Rost/ und Forellen an einem Spieß braten wollen; Bey diesen paar Exempeln kan man ohnschwer abnehmen/ wie ich im übrigen mit ihr bin versorgt gewesen/ nicht weniger tranck sie auch das liebe Weingen gern/ und theilet andern guten Leuten auch mit/ das mir dann mein künfftig Verderben prognosticirte.

Einsmals spazierte ich mit etlichen Stutzern das Thal hinunder/ eine Gesellschafft im undern Bad zu besuchen/ da begegnet uns ein alter Baur/ mit einer Geiß am Strick/ die er verkauffen wolte/ und weil mich dünckte/ ich hätte dieselbe Person mehr gesehen/ fragte ich ihn/ wo er mit dieser Geiß her käme? Er [529] aber zoge sein Hütlein ab/ und sagte: Gnädiger Hearꝛ/ eich darffs auch Werlich neit sahn; ich sagte/ du wirst sie ja nicht gestolen haben? Nein/ antwort der Baur/ sondern ich bring sie auß dem Stättgen unden im Thal/ welches ich eben gegen dem Herꝛn nicht nennen darff/ dieweil wir vor einer Geiß reden: Solches bewegte meine Gesellschafft zum lachen/ und weil ich mich im Angesicht entfärbte/ gedachten sie/ ich hätte ein Verdruß/ oder schämte mich/ weil mir der Baur so artlich eingeschenckt; Aber ich hatte andere Gedancken/ dann an der grossen Wartzen/ die der Baur gleichsam wie das Einhorn mitten auff der Stirn stehen hatte/ wurde ich eigentlich versichert/ daß es mein Knan auß dem Spessert war/ wolte derhalben zuvor einen Wahrsager agiren/ ehe ich mich ihm offenbaren/ und mit einem so stattlichen Sohn/ als damals meine Kleider außwiesen/ erfreuen wolte/ sagte derhalben zu ihm: Mein lieber alter Vatter/ seyt ihr nicht im Spessert zu Hauß? Ja Hearꝛ/ antwort der Baur; da sagte ich/ Haben euch nicht vor ungefähr 18. Jahren die Reuter euer Hauß und Hof geplündert und verbrennt? Ja/ Gott erbarms/ antwoꝛtet der Baur/ es ist aber noch nicht so lang; Jch fragte weiter/ habt ihr nicht damals zwey Kinder/ nemlich eine erwachsene Tochter/ und einen jungen Knaben gehabt/ der euch der Schaf gehütet? Herꝛ/ antwoꝛtet mein Knan/ die Tochter war mein Kind/ aber der Bub nicht/ ich hab ihn aber an Kindes statt auffziehen wollen; Hierauß verstunde ich wol/ daß ich dieses groben Knollfincken Sohn nicht sey/ welches mich eins theils erfreute/ hingegen aber auch betrübte/ weil mir zugefallen/ ich müste sonsten ein[530] Banckert oder Findling seyn; fragte derowegen meinen Knan/ wo er dann denselben Buben auffgetrieben? oder was er vor Ursach gehabt/ denselben an Kinds statt zu erziehen? Ach/ sagte er/ es ist mir seltzam mit ihm gangen/ der Krieg hat mir ihn geben/ und der Krieg hat mir ihn wieder genommen. Weil ich dann besorgte/ es dörffte wol ein facit herauß kommen/ das mir wegen meiner Geburt nachtheilig seyn möchte/ verwendet ich meinen Discurs wieder auff die Geiß/ und fragte/ ob er sie der Wirthin in die Küche verkaufft hätte? das mich befremde/ weil die Saurbrunnen-Gäst kein alt Geissenfleisch zu geniessen pflegten; Ach nein Herꝛ/ antwort der Baur/ die Wirthin hat selber Geissen genug/ und gibt auch nichts vor ein Ding/ ich bring sie der Gräfin die im Sauerbrunnen badet/ und ihr der Doctor Hans in allen Gassen etliche Kräuter geordnet/ so die Geiß essen muß/ und was sie dann vor Milch darvon gibt/ die nimmt der Doctor, und macht der Gräfin noch so ein Ertzney drüber/ so muß sie die Milch trincken/ und wieder gesund darvon werden/ man saht/ es mangel der Gräfin am Gehenck/ und wenn ihr die Geiß hilfft/ so vermag sie mehr als der Doctor und seine Abdecker miteinanger. Unter währender solcher Relation besann ich/ auff was Weis ich mehr mit dem Baurn reden möchte/ botte ihm derhalben einen Thaler mehr umb die Geiß/ als der Doctor oder die Gräfin darum geben wolten; solches gieng er gleich ein (dann ein geringer Gewin persuadirt die Leut bald anders) doch mit dem Beding/ er solte der Gräfin zuvor anzeigen/ daß ich ihm ein Thaler mehr darauff gebotten/ wolte sie dann so viel drumb geben als ich/[531] so solte Sie den Vorkauff haben/ wo nicht/ so wolte er mir die Geiß zukommen lassen/ und wie der Handel stünde/ auff den Abend anzeigen.

Also gieng mein Knan seines Wegs/ und ich mit meiner Gesellschafft den unserigen auch/ doch konte und mochte ich nit länger bey der Compagni bleiben/ sondern drehte mich ab/ und gieng hin/ wo ich meinen Knan wieder fand/ der hatte seine Geiß noch/ weil ihm andere nicht so viel als ich drumb geben wolten/ welches mich an so reichen Leuten wunderte/ und doch nit kärger machte; Jch führte ihn auff meinen neu-erkaufften Hof/ bezahlte ihm seine Geiß/ und nachdem ich ihme einen halben Rausch angehenckt/ fragte ich ihn/ woher ihm der jenige Knad zugestanden wäre/ von dem wir heut geredet? Ach Herꝛ/ sagte er/ der Mansfelder Krieg hat mir ihn beschehrt/ und die Nördlinger Schlacht hat mir ihn wieder genommen; Jch sagte/ das muß wol ein lustige Histori seyn/ mit Bitt/ weil wir doch sonst nichts zu reden hätten/ er wolte mirs doch vor die lange Weil erzehlen: Darauff fieng er an/ und sagte/ als der Mansfelder bey Höchst die Schlacht verlor/ zerstreute sich sein flüchtig Volck weit und breit berum/ weil sie nit alle wusten/ wohin sie sich retiriren solten/ viel kamen in Spessert/ weil sie die Büsch suchten/ sich zu verbergen/ aber in dem sie dem Todt auff der Edne entgiengen/ fanden sie ihn bey uns in den Bergen/ und weil beyde kriegende Theil vor billich achteten/ einander auff unserm Grund und Boden zu berauden und nider zu machen/ griffen wir ihnen auch auff die Hauben/ damals gieng selten ein Bauer in den Büschen ohne Feur-rohr/ weil wir zu Hauß bey unsern Hauen [532] und Pflügen nit bleiben konten; Jn demselben Tumult bekam ich nicht weit von meinem Hof in einem wilden ungeheuren Wald ein schöne junge Edelfrau/ sampt einem stattlichen Pferd/ als ich zuvor nit weit darvon etliche Büchsenschuß gehört hatte/ ich sahe sie anfänglich vor einen Kerl an/ weil sie so mannlich daher ritte/ aber in dem ich sie beydes Händ und Augen gegen dem Himmel auffheben sahe/ und auff Welsch mit einer erbärmlichen Stimm zu Gott ruffen hörte/ ließ ich mein Rohr/ damit ich Feur auff sie geben wolte/ fincken/ und zog den Hanen wieder zurück/ weil mich ihr Geschrey und Geberden versicherten/ daß sie ein betrübtes Weibsbild wäre; mithin näherten wir uns einander/ und da sie mich sahe/ sagte sie: Ach! wann ihr ein ehrlicher Christen-Mensch seyt/ so bitte ich euch umb GOttes und seiner Barmhertzigkeit/ ja umb deß Jüngsten Gerichts willen/ vor welchem wir alle umb unser Thun und Lassen Rechenschafft geben mussen/ ihr wollet mich zu ehrlichen Weibern fůhren/ die mich durch Göttliche Hülff von meiner Leibes-Bürde entledigen helffen! Diese Wort/ die mich so grosser Ding erinnerten/ sampt der holdseeligen Außsprach/ und zwar betrübten doch überauß schönen und anmuthigen Gestalt der Frauen/ zwangen mich zu solcher Erbärmde/ daß ich ihr Pferd beym Ziegel nam/ und sie durch Hecken und Stauden/ an den allerdicksten Ort deß Gesträuchs führte/ da ich selbst mein Weid/ Kind/ Gesind und Viehe hin geflehnt hatte/ daselbst genaß sie ehender als in einer halben Stund/ deß jenigen jungen Knaben/ von dem wir heut miteinander geredet haben.

[533]

Hiemit beschloß mein Knan seine Erzehlung/ weil er eins tranck/ dann ich sprach ihm gar gütlich zu/ da er aber das Glaß außgelehret hatte/ fragte ich/ und wie ists darnach weiter mit der Frauen gangen? Er antwortet/ als sie dergestalt Kindbetterin worden/ bat sie mich zu Gevattern/ und daß ich das Kind ehistes zum Tauff fürdern wolte/ sagte mir auch ihres Manns und ihren Nabmen/ damit sie möchten in das Tauffbuch geschriben werden/ und in dem thät sie ihr Felleysen auff/ darinnen sie wol köstliche Sachen hatte/ und schenckte mir/ meinem Weib und Kind/ der Magd und sonst noch einer Frauen so viel/ daß wir wol mit ihr zu friden seyn können/ aber in dem sie so damit umbgieng/ und uns von ihrem Mann erzehlte/ starb sie uns unter den Händen/ als sie uns ihr Kind zuvor wol befohlen hatte: weil es dann nun so gar ein grosser Lermen im Land war/ daß niemand bey Hauß bleiben konte/ vermachten wir kaum ein Pfarꝛherꝛn/ der bey der Begräbnuß ware/ und das Kind tauffte/ da aber endlich beydes geschehen/ wurde mir von unserm Schultzen und Pfarꝛherꝛn befohlen/ ich solte das Kind auffziehen biß es groß würd/ und vor meine Mühe und Kosten der Frauen gantze Verlassenschaft behalten/ außgenommen etliche Pater Noster, Edelgestein und so Geschmeiß/ welches ich vor das Kind auffbehalten solte; Also ernehrte mein Frau das Kind mit Gaiß-Milch/ und wir behielten den Buben gar gern und dachten/ wir wolten ihm/ wann er groß würde/ unser Mädgen zur Frauen geben/ aber nach der Nördling. Schlacht habe ich beydes das[534] Mägdlein und den Buben verlohren/ sampt allem dem was wir vermochten.

Jhr habt mir/ sagte ich zu meinem Knan/ ein artliche Geschicht erzehlt/ und doch das best vergessen/ dann ihr habt nicht gesagt weder wie die Frau/ noch ihr Mann oder das Kind geheissen: Herꝛ/ antwortet er/ ich hab nicht gemeint/ daß ihrs auch gern hettet wissen mögen; die Edelfrau hiesse Susanna Ramsi, ihr Mann Capitäin Sternfelß von Fuchsheim/ und weil ich Melchior hiesse/ so liesse ich den Buben bey der Tauffe auch Melchior Sternfelß von Fuchsheim nennen/ und ins Tauffbuch schreiben.

Hierauß vernam ich umbständlich/ daß ich meines Einsidlers und deß Gubernators Ramsay Schwester leiblicher Sohn gewesen/ aber ach leider viel zu spat/ dann meine Eltern waren beyde todt/ und von meinem Vetter Ramsay kondte ich anders nichts erfahren/ als daß die Hanauer ihn mie sampt der Schwedischen Guarnison außgeschafft hetten/ weßwegen er dann vor Zorn und Ungedult gantz unsinnig worden wäre.

Jch deckte meinen Pettern vollends mit Wein zu/ und liesse den andern Tag sein Weib auch holen/ da ich mich ihnen nun offenbahrte/ wolten sie es nicht ehe glauben/ biß ich ihnen zuvor einen schwartzen haarigen Flecken auffgewisen/ den ich fornen auff der Brust hatte.

Das IX. Capitel.

OHnlängst hernach nahme ich meinen Pettern zu mir/ und thät mit ihm einen Ritt hinunder in Spessert/ glaubwürdigen Schein und Urkund[535] meines Herkommens und ehelicher Geburt halber zu wegen zu bringen/ welches ich obnschwer auß dem Tauff-Buch und meines Pettern Zeugnus erhielte. Jch kehrte auch gleich bey dem Pfarꝛer ein/ der sich zu Hanau auffgehalten/ und meiner angenommen/ derselbe gab mir einen schrifftlichen Beweiß mit/ wo mein Vatter seel. gestorben/ und daß ich bey demselben biß in seinen Todt/ und endlich unter dem Nahmen Simplici eine Zeitlang bey Herꝛn Ramsay dem Gubernator in Hanau gewesen wäre/ ja ich liesse über meine gantze Histori auß der Zeugen Mund durch einen Notarium ein Instrument auffrichten/ dann ich gedachte/ wer weiß/ wo du es noch einmal brauch est/ solche Räis kostet mich über 400. Thaler/ dann auff dem Zurück-Weg wurde ich von einer Partey erhascht/ abgesetzt und geplündert/ also daß ich und mein Knan oder Petter allerdings nackend/ und kaum mit dem Leben darvon kamen.

Jndessen giengs daheim auch schlim zu/ dañ nachdem mein Weib vernom̃en/ daß ihr Mann ein Juncker sey/ spielte sie nit allein der grossen Frauen/ sondern verliederlicht auch alles in der Haußhaltung/ welches ich/ weil sie grosses Leibs war/ stillschweigend übertrug/ über das war mir ein Unglück in den Stall kommen/ so mir das meiste und beste Viehe hingerafft.

Dieses alles wäre noch zu verschmirtzen gewesen/ aber ô mirum! kein Unglück allein/ in der Stund/ darinn mein Weib genase/ wurde die Magd auch Kindbetterin/ das Kind zwar so sie brachte/ sahe mir allerdings ähnlich/ das aber so mein Weib gebar/ sahe dem Knecht so gleich/ als wenns ihm auß dem [536] Gesicht geschnitten worden wäre; zu dem hatte die jenige Dame/ deren oben gedacht/ in eben derselben Nacht auch eins vor meine Thür legen lassen/ mit schrifft Bericht/ daß ich der Vatter wäre/ also daß ich auff einmal drey Kinder zusammen brachte/ und war mir nit anders zu Sinn/ als es würde auß jedem Winckel noch eins herfür kriechen/ welches mir nit wenig graue Haar machte! Aber es gehet nit anders her/ wann man in einem so gottlosen und verꝛuchten Leben/ wie ich eins geführt/ seinen viehischen Begierden folget.

Nun was halffs? ich muste tauffen/ und mich noch darzu von der Obrigkeit rechtschaffen straffen lassen/ und weil die Herꝛschafft damals eben Schwedisch war/ ich aber hiebevor dem Käiser gedient/ wurde mir die Zech desto höher gemacht/ welches lauter Præludia waren meines abermaligen gäntzlichen Verderbens. Gleich wie mich nun so vielerley unglückliche Zufäll höchlich betrübten/ also nam es andern theils mein Weibgen nur auff die leichte Achsel/ ja sie trillete mich noch darzu Tag und Nacht/ wegen deß schönen Funds/ der mir vor die Thür geleget/ und daß ich umb so viel Gelds gestrafft woꝛden wär; hätte sie aber gewust/ wie es mit mir und der Magd beschaffen gewesen/ so würde sie mich noch wol ärger gequält haben/ aber das gute Mensch war so auffrichtig/ daß sie sich durch so viel Geld/ als ich sonst ihrentwegen hätte Straff geben müssen/ bereden liesse/ ihr Kind einem Stutzer zuzuschreiben/ der mich das Jahr zuvor unterweilen besucht/ und bey meiner Hochzeit gewesen/ den sie aber sonst weiters nicht gekant/ doch muste sie auß dem Hauß/ dann mein Weib [537] argwohnet/ was ich ihrentwegen vom Knecht gedachte/ und dorfft doch nichts anden/ dann ich hätte ihr sonst vorgehalten/ daß ich in einer Stund nicht zugleich bey ihr und der Magd seyn können. Jndessen wurde ich mit dieser Anfechtung hefftig gepeiniget/ daß ich meinem Knecht ein Kind auffziehen/ und die Meinige nicht meine Erben seyn solten/ und daß ich noch darzustill schweigen/ und froh seyn muste/ daß gleichwol sonst niemand nichts darvon wuste.

Mit solchen Gedancken martert ich mich täglich/ aber mein Weid delectrte sich stündlich mit Wein/ denn sie hatte ihr das Känngen sint unserer Hochzeit dergestalt angewehnt/ daß es ihr selten vom Maul/ und sie selbsten gleichsam keine Nacht ohne ein zimlichen Rausch schlaffen gieng/ darvon soff sie ihrem Kind zeitlich das Leben ab/ und entzündet ihr selbsten das Gehenck dergestalt/ daß es ihr auch bald hernach entfiele/ und mich wiederum zu einem Witwer machte/ welches mir so zu Hertzen gienge/ daß ich mich fast kranck hierüber gelacht hätte.

Das X. Capitel.

DA ich mich nun wieder solcher gestalt in meine erste Freyheit gefetzt befande/ mein Beutel aber von Geld zimlich geläeret/ hingegen meine grosse Haußhaltung mit vielem Viehe und Gesind beladen/ nam ich meinen Petter Melchior vor einen Vatter/ meine Göth/ seine Frau/ vor meine Mutter/ und den Banckert Simplicium, der mir vor die Thür geleget worden/ vor meinen Erben an/ und übergab diesen beyden Alten Hauß und Hof/ sampt meinem gantzen Vermögen/ biß auff gar wenig gelbe Batzen und [538] Cleinodien/ die ich noch auff die äusserste Noth gespart und hinderhalten hatte/ dann ich hatte einen Eckel ab aller Weiber Beywohnung und Gemeinschafft gefast/ daß ich mir vornam/ weil mirs so übel mit ihnen gangen/ mich nicht mehr zu verheuraten/ diese beyde alte Eheleut/ welche in re rusticorum nit wol ihres gleichen mehr hatten/ gossen meine Haußhaltung gleich in einen andern Model/ sie schafften von Gesind und Viehe ab was nichts nutzte/ und bekamen hingegen auff den Hof/ was etwas eintrug; Mein alter Knan sampt meiner alten Mender vertrõsteten mich alles Guten/ und versprachen/ wenn ich sie nur hausen liesse/ so wolten sie mir allweg ein gut Pferd auff der Streu halten/ und so viel verschaffen/ daß ich je zu Zeiten mit einem ehrlichen Bidermann ein Maaß Wein trincken könte: Jch spürete auch gleich/ was vor Leut meinem Hof vorstunden/ mein Petter bestellte mit dem Gesind den Feld-bau/ schacherte mit Viehe und mit dem Holtz- und HartzHandel ärger als ein Jud/ und meine Göth legte sich auff die Viehzucht/ und wuste die Milchpfenning besser zu gewinnen und zusamm zu halten/ als zehen solcher Weiber/ wie ich eins gehabt hatte. Auff solche Weis wurde mein Bauren-Hof in kurtzer Zeit mit allerhand nothwendigem Vorꝛath/ auch groß und kleinem Vieh genugsam versehen/ also daß er in Bälde vor den besten in der gantzen Gegend geschätzt wurde/ ich aber gieng darbey spazieren/ und wartet allerhand Contemplationen ab/ dann weil ich sahe/ daß meine Göth mehr auß den Jmmen an Wachs und Honig vorschlug/ als mein Weib hiebevor auß Rindvieh/ Schweinen und anderm eroberte/ konte[539] ich mir leicht einbilden/ daß sie im übrigen nichts verschlaffen würde.

Einsmals spazierte ich in Sauerbrunnen/ mehr einen Trunck frisch Wasser zu thun/ als mich meiner vorigen Gewonheit nach/ mit den Stutzern bekant zu machen/ dann ich fieng an meiner Alten Kargheit nachzuöhmen/ welche mir nicht riethen/ daß ich mit den Leuten viel umbgehen solte/ die ihre und ihrer Eltern Haab so unnützlich verschwendeten: Gleichwol aber geriethe ich zu einer Gesellschafft mittelmässigen Stands/ weil sie von einer seltenen Sach/ nemlich von dem Mummel-See discurirten/ welcher unergrũndlich/ und in der Nachbarschafft auff einem von den höchsten Bergen gelegen sey; sie hatten auch unterschiedliche alte Bauersleut beschickt/ die erzehlen musten/ was einer oder der ander von diesem wunderbarlichen See gehöret hätte/ deren Relation ich dann mit grossem Lust zuhörte/ wiewol ichs vor eitel Fabuln hielte/ denn es lautete so lügenhafftig/ als etliche Schwenck deß Plinii.

Einer sagte/ wenn man ungerad/ es seyen gleich Erbsen/ Steinlein oder etwas anders/ in ein Nastüchlein binde/ und hinein hencke/ so verändere es sich in gerad; also auch/ wenn man gerad hinein hencke/ so finde man ungerad. Ein anderer/ und zwar die meiste gaben vor/ und bestetigten es auch mit Exempeln/ wenn man einen oder mehr Stein hinein würffe/ so erhebe sich gleich/ GOtt geb wie schön auch der Himmel zuvor gewesen/ ein grausam Ungewitter/ mit schröcklichem Regen/ Schlossen und Sturmwinden. Von diesem kamen sie auch auff allerhand [s]e[l]tzame Historien/ so sich darbey zugetragen/ und [540] was sich vor wunderbarliche Spectra von Erd- und Wassermännlein darbey hätten sehen lassen/ und was sie mit den Leuten geredet. Einer erzehlte/ daß auff ein Zeit/ da etliche Hirten ihr Vieh bey dem See gehütet/ ein brauner Stier herauß gestiegen/ welcher sich zu dem andern Rindvieh gesellet/ dem aber gleich ein kleines Männlein nachgefolget/ ihn wieder zurück in See zu treiben/ er hätte aber nicht pariren wollen/ biß ihm das Männlein gewünscht hätte/ es solte ihn aller Menschen Leiden ankommen/ wenn er nicht wieder zurück kehre! Auff welche Wort er und das Männlein sich wieder in den See begeben hätten. Ein anderer sagte/ es sey auff ein Zeit/ als der See überfroren gewesen/ ein Baursmann mit seinen Ochsen und etlichen Plöchern/ darauß man Tihln schneidet/ über den See gefahren ohn einigen Schaden/ als ihm aber sein Hund nachkommen/ seye das Eiß mit ihm gebrochen/ und der arme Hund allein hinunder gefallen/ und nicht mehr gesehen worden. Noch ein anderer behauptete bey grosser Warheit/ es seye ein Schütz auff der Spur deß Wilds bey dem See vorüber gangen/ der hätte auff demselben ein Wassermännlein sitzen sehen/ das einen gantzen Schos voll gemüntzte Goldsorten gehabt/ und gleichsam damit gespielt hätte; und als er nach demselbigen Feur geben wollen/ hätte sich das Männlein geduckt/ und diese Stimme hören lassen: Wenn du mich gebetten/ deiner Armuth zu hülff zu kommen/ so wolte ich dich und die deinige reich genug gemacht haben.

Solchen und dergleichen mehr Historien/ die mir alle als Mährlein vorkamen/ damit man die Kinder auffhält/ hörte ich an/ verlachte sie/ und glaubte nit [541] einmal/ daß ein solcher unergründlicher See auff einem hohen Berg seyn könte; Aber es fanden sich noch andere Baursleut/ und zwar alte glaubwürdige Männer/ die erzehlten/ daß noch bey ihrem und ihrer Vätter Gedencken Hohe Fürstl. Personen den besagten See zu beschauen sich erhoben/ wie denn ein regierender Hertzog zu Würtenberg/ ꝛc einen Floß machen/ und mit demselbigen darauff hinein fahren lassen/ seine Tieffe abzumessen/ nachdem die Messer aber bereits neun Zwirn-Netz (ist ein Maß/ das die Schwartzwälder Baurn-Weiber besser als ich oder ein anderer Geometra verstehen) mit einem Senckel hinunder gelassen/ und gleichwol noch keinen Boden gefunden/ hätte das Floß/ wider die Natur deß Holtzes/ anfahen zu sincken/ also daß die so sich darauff befunden/ von ihrem Voꝛnehmen abstehen/ und sich ans Land salviren müssen/ massen man noch heut zu Tag die Stücker deß Flosses am Ufer deß Sees/ und zum Gedächtnus dieser Geschicht das Fürstl. Würtenberg. Wappen und andere Sachen mehr/ in Stein gehauen vor Augen sehe. Andere bewiesen mit vielen Zeugen/ daß ein Ertz-Hertzog von Oesterreich/ ꝛc den See gar hätte abgraben lassen wollen/ es seye Jhm aber von vielen Leuten widerꝛathen/ und durch Bitt der Landleute sein Voꝛnehmen hindertrieben woꝛden/ auß Foꝛcht/ das gantze Land möchte untergehen und ersauffen: Uber das hätten Höchstgedachte Fürsten etliche Legeln voll Forellen in den See setzen lassen/ die seyen aber alle/ ehe als in einer Stund/ in ihrer Gegenwart abgestanden/ und zum Außlauff deß Sees hinauß geflossen/ ohnangesehen das Wasser/ so unter dem Gebürg/ darauff der Seelige/ [542] durch das Thal (so von dem See den Nahmen habe) hinfleusi/ von Natur solche Fisch hervor bringe/ da doch der Außlauff deß Sees in selbig Wasser sich ergiesse.

Das XI. Capitel.

DJeser Letztern Außsag machte/ daß ich denen zu erst bey nahe völligen Glauben zustellte/ und bewog meinen Fürwitz/ daß ich mich entschloß/ den wunderbaren See zu beschauen; Von denen/ so neben mir alle Erzehlung gehört/ gab einer diß/ der ander jenes Urtheil darüber/ darauß denn ihre unterschiedliche und widereinander lauffende Meynungen genugsam erhellten; Jch zwar sagte/ der Teutsche Nahm Mummel-See gebe genugsam zu verstehen/ daß es umb ihn/ wie umb eine Mascarade, ein verkapptes Wesen seye/ also daß nicht jeder seine Art so wol als seine Tieffe ergründen könne/ die doch auch noch nicht erfunden worden wäre/ da doch so Hohe Personen sich dessen unterfangen hätten; gienge damit an den jenigen Ort/ allwo ich vorm Jahr mein verstorbenes Weib das erste mal sahe/ und das süsse Gifft der Lieb einsoffe.

Daselbsten legte ich mich auff das grüne Gras in Schatten nider/ ich achtet aber nicht mehr als hiebevor/ was die Nachtigallen daher pfiffen/ sondern ich betrachtete/ was vor Veränderung ich seithero erduldet; da stellte ich mir vor Augen/ daß ich an eben demselbigen Ort den Anfang gemacht/ auß einem freyen Kerl zu einem Knecht der Liebe zu werden/ daß ich seithero auß einem Officier ein Bauer/ auß einem reichen Bauer ein armer Edelmann/ auß einem Sim- [543] plicio ein Melchior/ auß einem Witwer ein Ehmann/ auß einem Ehmañ ein Gauch/ und auß einem Gauch wieder ein Witwer worden wäre; Jtem/ daß ich auß eines Baurn Sohn/ zu einem Sohn eines rechtschaffenen Soldaten/ und gleichwol wieder zu einem Sohn meines Knans worden. Da führte ich zu Gemüt/ wie mich seithero mein fatum deß Hertzbruders beraubt/ und hingegen vor ihn mit zweyen alten Eheleuten versorgt hätte; ich gedachte an das gottselige Leben und Absterben meines Vatters/ an den erbärmlichen Todt meiner Mutter/ und darneben auch an die vielfältige Veränderungen/ deren ich mein Lebtag unterworffen gewesen/ also daß ich mich deß weynens nit enthalten konte. Und in dem ich zu Gemüth führte/ wie viel schön Geld ich die Tage meines Lebens gehabt und verschwendet/ zumal solches zu bedauren anfienge/ kamen zween gute Schlucker oder Weinbeisser/ (denen die Cholica in die Glieder geschlagen/ deßwegen sie denn erlahmet/ und das Bad sampt dem Saurbrunnen brauchten) die setzten sich zu nächst bey mir nieder/ weil es eine gute Ruhestatt hatte/ und klagte je einer dem andern seine Noth/ weil sie vermey[n]eten allein zu seyn/ der eine sagte: Mein Doctor hat mich hieher gewiesen/ als einen/ an dessen Gesundheit er verzweiffelt/ oder als einen/ der neben andern dem Wirth umb das Fäßlein mit Butter so er ihm neulich geschickt/ Satisfaction thun solle/ ich wolte/ daß ich ihn entweder die Tage meines Lebens niemals gesehen/ oder daß er mir gleich anfangs in Sauerbrunnen gerathen hätte/ so würde ich entweder mehr Geld haben oder gesünder seyn als jetzt/ denn der Sauerbrunnen schlägt mir wol zu. [544] Ach! antwort der ander/ ich dancke meinem GOtt/ daß er mir nicht mehr überflüssig Geld beschehrt hat/ als ich vermag/ dann hätte mein Doctor noch mehr hinder mir gewust/ so hätte er mir noch lang nicht in Sauerbrunnen gerathen/ sondern ich hätte zuvor mit ihm und seinen Apotheckern/ die ihn deßwegen alle Jahr schmieren/ theilen müssen/ und hätte ich darüber sterben und verderben sollen; die Schabhäls rathen unser einem nicht eher an ein so heylsam Ort/ sie getrauen denn nit mehr zu helffen/ oder wissen nichts mehr an einem zu ropffen; wenn man die Warheit bekennen will/ so muß ihnen der jenige so sich hinder sie läft/ und hinder welchem sie Geld wissen/ nur lohnen/ daß sie einen kranck erhalten.

Diese zween hatten noch viel schmähens über ihre Doctores, aber ich mags drumb nicht alles erzehlen/ dann die Herꝛen Medici möchten mir sonst feind werden/ und künfftig eine Purgation eingeben/ die mir die Seel außtreiben möchte: Jch melde diß allein deßwegen/ weil mich der letztere Patient mit seiner Dancksagung/ daß ihm Gott nit mehr Geld beschehret/ dergestalt tröstete/ daß ich alle Anfechtungen und schwere Gedancken/ die ich damal deß Gelds halber hatte/ auß dem Sinn schlug. Jch resolvirte mich/ weder mehr nach Ehren noch Geld noch nach etwas anders das die Welt liebt/ zu trachten; ja ich name mir vor zu philosophiren/ und mich eines gottseligen Lebens zu befleissen/ zumalen meine Unbußfertigkeit zu bereuen/ und mich zu befleissen/ gleich meinem Vatter seel. auff die höchste Staffeln der Tugenden zu steigen.

[545]

Das XII. Capitel.

DJe Begierde den Mummelsee zu beschauen vermehrte sich bey mir/ als ich von meinem Petter verstunde/ daß er auch dabey gewesen/ und den Weg darzu wißte/ da er aber hörete/ daß ich überein auch darzu wolte/ sagte er/ und was werdet ihr dann darvon tragen/ wann ihr gleich hinkompt? der Herꝛ Sohn und Petter wird nichts anders sehen als ein Ebenbild eines Weyers/ der mitten in einem grossen Wald ligt/ und wann er seinen jetzigen Lust mit beschwerlichem Unlust gebüßt/ so wird er nichts anders als Reu/ müde Füß/ (dann man kan schwerlich hin reuten) und den Hergang vor den Hingang darvon haben; Es solte mich kein Mensch hingebracht haben/ wann ich nicht hett hinfliehen müssen/ als der Doctor Daniel (er wolte Duc d’Anguin sagen) mit seinen Kriegern das Land hinunder vor Philipsburg zog; hingegen kehrte sich mein Fürwitz nicht an seine Abmahnung/ sondern ich bestellte einen Kerl der mich hinführen solte; da er nun meinen Ernst sahe/ sagte er/ weil die Habersaat fürüber/ und auff dem Hof weder zu hauen noch zu ernden/ wolte er selbst mit mir gehen/ und den Weg weisen; denn er hatte mich so lieb/ daß er mich ungern auß dem Gesicht liesse/ und weil die Leut im Land glaubten/ daß ich sein leiblicher Sohn seye/ prangte er mit mir/ und thät gegen mir und jederman/ wie etwann ein gemeiner armer Mann gegen seinem Sohn thun möchte/ denn das Glück ohne sein zuthun und Befürderung zu einem grossen Herꝛn gemacht bette.

Also wanderten wir miteinander über Berg und [546] Thal/ und kamen zu dem Mummelsee/ ehe wir 6. Stund gegangen hatten/ dann mein Petter war noch so kefermässig und so wol zu Fuß als ein Junger; Wir verzehrten daselbst was wir von Speiß und Tranck mit uns genommen/ dann der weite Weg und die Höhe deß Bergs/ auff welchem der See ligt/ hatte uns hungerig und hellig gemacht; Nachdem wir sich aber erquickt/ beschauete ich den See/ und fande gleich etliche gezimmerte Höltzer darinn ligen/ die ich und mein Knan vor rudera deß Würtenbergischen Flosses hielten; ich nahm oder masse die Länge und Breite deß Wassers vermittelst der Geometriæ, weil gar beschwerlich war umb den See zu gehen/ und denselben mit Schritten oder Schuhẽ zu messen/ und brachte seine Beschaffenheit vermittelsi deß verjüngten Maaßstabs in mein Schreibtäfelein/ und als ich damit fertig/ zumaln der Himmel durchauß hell/ und die Lufft gantz windstill/ und wol temperirt war/ wolte ich auch probiren was Warheit an der Sagmehr wäre/ daß ein Ungewitter entstehe/ wann man einen Stein in den See werffe; sintemal ich albereit die Hörsag/ daß der See keine Forellen leide/ am Mineralischen Geschmack deß Wassers wahr zu seyn befunden.

Solche Prob nun ins Werck zu setzen/ gieng ich gegen der lincken Hand am See hin/ an den jenigen Ort/ da das Wasser (welches sonst so hell ist als ein Crystall) wegen der abscheulichen Tieffe deß Sees gleichsam kohlschwartz zu seyn scheinet/ und deßwegen so forchterlich außsihet/ daß man sich auch nur vorm Anblick entsetzt/ daselbst fieng ich an so grosse Stein hinein zu werffen/ als ich sie immermehr[547] ertragen konte; mein Petter oder Knan wolte mir nicht allein nicht helffen/ sondern warnete und bate mich davon abzustehen so viel ihm immer müglich/ ich aber continuiret meine Arbeit embsig fort/ und was ich von Steinen ihrer Grösse und Schwere halben nicht ertragen mochte/ das walgert ich herbey/ biß ich deren über 30. in See brachte; Da fieng die Lufft an den Himmel mit schwartzen Wolcken zu bedecken/ in welchen ein grausames Donnern gehöret wurde; Also daß mein Petter/ welcher jenseit deß Sees bey dem Außlauff stunde/ und über mein Arbeit lamentirte/ mir zuschrye/ ich solte mich doch salviren/ damit uns der Regen und das schröckliche Wetter nicht ergreiffe/ oder noch wol ein grösser Unglück betreffe; ich aber antwortete ihm hingegen/ Vatter ich will bleiben und deß Ends erwarten/ und solte es auch Helleparten regnen; Ja/ antwortet mein Knan/ ihr machts wie alle verwegene Buben/ die sich nichts drumb geheyen/ wann gleich die gantze Welt untergieng.

Jn dem ich nun diesem seinem Schmelen so zuhörete/ verwandte ich die Augen nicht von der Tieffe deß Sees/ der Meynung/ etwan etliche Blattern oder Blasen vom Grund desselbigen auffsteigen zu sehen/ wie zugeschehen pflegt/ wann man in andere Tieffe/ so stillstehende als fliessende Wasser Steine wirfft; aber ich wurde nichts dergleichen gewahr/ sondern sahe sehr weit gegen den abyssum etliche Creaturen im Wasser herum fladern/ die mich der Gestalt nach an Frösch ermahnten/ und gleichsam wie Schwermerlein auß einer auffgestiegenen Raquet, die im Lufft ihr Würckung der Gebühr nach vollbringt/ [548] herumb vagirten; und gleich wie sich dieselbige mir je länger je mehr näherten/ also schienen sie auch in meinen Augen je länger je grösser/ und an ihrer Gestalt den Menschen desto ähnlicher; weßwegen mich dann erstlich eine grosse Verwunderung/ und endlich weil ich sie so nahe bey mir hatte/ ein Grausen und Entsetzen ankam: Ach! sagte ich damal vor Schrecken und Verwunderung zu mir selber/ und doch so laut/ daß es mein Knan/ der jenseit dem See stunde/ wol hören konte (wiewol es schröcklich donnerte) wie seynd die Wunderwerck deß Schöpffers auch so gar im Bauch der Erden/ und in der Tieffe deß Wassers so groß! Kaum hatte ich diese Wort recht außgesprochen/ da war schon eins von diesen Sylphis obẽ auff dem Wasser/ das antwortet/ Sihe: das bekennest du/ ehe du etwas davon gesehen hast; was würdest du wol sagen/ wann du erst selbsten im centro teriæ wärest/ und unsere Wohnung/ die dein Füꝛwitz beunruhiget/ beschautest? Unterdessen kamen noch mehr dergleichen Wasser-Männlein hier und dort/ gleichsamb wie die Tauch-Entlein hervor/ die mich alle ansahen/ und die Stein wieder herauff brachten/ die ich hinein geworffen/ worüber ich gantz erstaunte; Der erste und vornehmste aber unter ihnen/ dessen Kleidung wie lauter Gold und Silber gläntzte/ warff mir einen leuchtenden Stein zu/ so groß als ein Dauben-Ey/ und so grün und durchsichtig als ein Schmaragd/ mit diesen Worten: Nimm hin diß Cleinod/ damit du etwas von uns und diesem See zu sagen wissest! Jch hatte ihn aber kaum auffgehoben und zu mir gesteckt/ da wurde mir nit anderst/ als ob mich die Lufft hätte ersticken oder ersäuffen[549] wollen/ derhalben ich mich dann nit länger auffrecht behalten konte/ sondern herumb daumelte wie eine Garnwinde/ und endlich gar in See hinunder fiele: So bald ich aber ins Wasser kam/ erholte ich mich wieder/ und brauchte auß Krafft deß Steins den ich bey mir hatte/ im Athmen das Wasser/ an statt der Lufft/ ich konte auch gleich so wol als die WasserMännlein mit geringer Mühe im See herumb webern/ massen ich mich mit denselben in Abgrund hinab thät/ so mich an nichts anders ermahnte/ als wenn sich ein Schaar Vögel mit umbschweiffen auß dem obersten Theil der temperirten Lufft gegen der Erden nider läst.

Da mein Knan diß Wunder zum theil (nemlich so viel oberhalb deß Wassers geschehen) sampt meiner gählingen Verzuckung gesehen/ trollte er sich vom See hinweg/ und heim zu/ als ob ihm der Kopff brennte/ daselbst erzehlte er allen Verlauff/ vornemlich aber/ daß die Wassermännlein die jenige Stein/ so ich in See geworffen/ wieder in vollem Donnerwetter herauff getragen/ und an ihre vorige statt gelegt/ hingegen aber mich mit ihnen hinunder genommen hätten: Etliche glaubten ihm/ die meiste aber hielten es vor eine Fabul; Andere bildeten sich ein/ ich hätte mich wie ein anderer Empedocles Agrigentinus (welcher sich in den Berg Ætnam gestürtzt/ damit jederman gedencken solte/ wenn man ihn nir gend finde/ er wäre gen Himmel gefahren) selbst im See ertränckt/ und meinem Vatter befohlen/ solche Fabuln von mir außzugeben/ umb mir einen unsterblichen Nahmen zu machen; man hätte eine Zeitlang an meinem melancholischen Humor wol gesehen/ daß [550] ich halber desperat gewest wäre/ ꝛc. Andere hätten gern geglaubt/ wenn sie meine Leibskräfften nicht gewust/ mein angenommener Vatter hätte mich selbst ermordet/ damit er als ein geitziger alter Mann meiner loß würde/ und allein Herꝛ auff meinem Hof seyn möchte; Also daß man umb diese Zeit von sonsten nichts/ als von dem Mummel See/ von mir und meiner Hinfahrt und von meinem Petter/ beydes im Sauerbrunnnen und auff dem Land zu sagen und zu rathen wuste.

Das XIII. Capitel.

PLinius schreibt im End deß zweyten Buchs vom Geometra Dionysio Doro, daß dessen Freunde einen Brieff in seinem Grab gefunden/ den er Dionysius geschrieben/ und darinnen berichtet/ daß er auß seinem Grab biß in das mittelste Centrum der Erden sey kommen/ und befunden/ daß 42000. Stadia biß dahin seyen; Der Fürst über den Mum̃el-See aber/ so mich begleitet/ und obiger gestalt vom Erdboden hinweg geholet hatte/ sagte mir vor gewiß/ daß sie auß dem Centro Terræ biß an die Lufft durch die halbe Erd/ just 900. Teutscher Meilen hätten/ sie wolten gleich in Teutschland/ oder zu deren Antipodibus, und solche Räisen müsten sie alle durch dergleichen See nem̃en/ deren hin und wieder so viel in der Welt/ als Tag im Jahr seyn/ welcher Ende oder Abgründe alle bey ihres Königs Wohnung zusammen stiessen. Diese grosse Weite nun passirten wir ehe als in einer Stunde/ also daß wir mit unserer schnellen Räts deß Monds Lauff sehr wenig/ oder gar nichts bevor gaben/ und dennoch geschahe solches so gar ohne alle [551] Beschwerung/ daß ich nicht allein keine Müdigkeit empfande/ sondern auch in solchem sanfften Abfahren mit obgemeldten Mummelseer-Printzen allerhand discuriren konte/ denn da ich seine Freundlichkeit vermerckte/ fragte ich ihn/ zu was Ende sie mich einen so weiten/ gefährlichen/ und allen Menschen ohngewöhnlichen Weg mit sich nähmen? Da antwortet er mir gar bescheiden/ der Weg sey nit weit/ den man in einer Stund spazieren könte/ und nit gefährlich/ dieweil ich ihn und seine Gesellschafft mit dem überreichten Stein bey mir hätte/ daß er mir aber ungewöhnlich vor komme/ sey sich nichts zu verwundern; sonst hätte er mich nicht allein auß seines Königs Befelch/ der etwas mit mir zu reden/ abgeholt/ sondern daß ich auch gleich die seltzame Wunder der Natur unter der Erden und in Wassern beschauen solte/ deren ich mich zwar bereits auff dem Erdboden verwundert/ ehe ich noch kaum einen Schatten darvon gesehen. Darauff bate ich ihn ferner/ er wolte mich doch berichten/ zu was End der gütige Schöpffer so viel wunderbarliche See erschaffen/ sintemal sie/ wie mich dünckte/ keinem Menschen nichts nutzten/ sondern viel ehender Schaden bringen könten? Er antwortet/ du fragst billich umb das jenige/ was du nicht weist oder verstehest/ diese See sind dreyerley Ursachen willen erschaffen: Denn erstlich werden durch sie alle Meer/ wie die Nahmen haben/ und sonderlich der grosse Oceanus, gleichsam wie mit Nägeln an die Erde gehefftet; Zweytens werden von uns durch diese See (gleichsam als wie durch Teichel/ Schläuche oder Stiefeln bey einer WasserKunst/ deren ihr Menschen euch gebrauchet) die[552] Wasser auß dem abyssu deß Oceani in alle Quellen deß Erdbodens getrieben/ (welches denn unser Geschäfft ist) worvon alsdenn alle Brunnen in der gantzen Welt fliessen/ die grosse und kleine Wasserflüß entstehen/ der Erdboden befeuchtiget/ die Gewächse erquickt/ und beydes Menschen und Viehe getränckt werden; Drittens/ daß wir als vernünfftige Creaturen Gottes hierinn leben/ unser Geschäffte verꝛichten/ und Gott den Schöpffer in seinen grossen Wunderwercken loben sollen! Hierzu nun seynd wir und solche See erschaffen/ und werden auch biß an den Jüngsten Tag besiehen; Wenn wir aber gegen derselben letzten Zeit unsere Geschäfften/ darzu wir von Gott und der Natur erschaffen und verordnet sind/ auß einer oder andern Ursach unterlassen mussen/ so muß auch nothwendig die Welt durchs Feuer untergehen/ so aber vermuthlich nit ehender geschehen kan/ es sey denn/ daß ihr den Mond/ (donec auferatur luna, Psal. 71.) Venerem oder Martem, als Morgen und Abendstern verlieret/ denn es müsten die generationes fructu- & animalium erst vergehen/ und alle Wasser verschwinden/ ehe sich die Erde von sich selbst durch der Sonnen Hitz entzünde/ calcinire/ und wiederum regenerire; Solches aber gebührt uns nicht zu wissen/ ist auch allein Gott bekant/ ausser was wir etwan muthmassen/ und eure Chymici auß ihrer Kunst daher lallen.

Da ich ihn so reden/ und die H. Schrifft anziehen hörete/ fragte ich/ ob sie sterbliche Creaturen wären/ die nach der jetzigen Welt auch ein künfftiges Leben zu hoffen hätten? oder ob sie Geister seyen/ welche so lang die Welt stünde/ nur ihre anbefohlene [553] Geschäffte verꝛichteten? Darauff antwortet er/ wir sind keine Geister/ sondern sterbliche Leutlein/ die zwar mit vernünfftigen Seelen begabt/ welche aber sampt den Leibern dahin sterben und vergehen; Gott ist zwar so wunderbar in seinen Wercken/ daß sie keine Creatur außzusprechen vermag/ doch will ich dir/ so viel unsere Art anbelangt/ simpliciter erzehlen/ daß du darauß fassen kanst/ wie weit wir von den andern Creaturen GOttes zu unterscheiden seyen: Die heilige Engel sind Geister/ zum Ebenbild Gottes gerecht/ verständig/ frey/ keusch/ hell/ schön/ klar/ geschwind und unsterblich/ zu dem Ende erschaffen/ daß sie in ewiger Freude GOtt loben/ rühmen/ ehren und preisen/ in dieser Zeitlichkeit aber der Kirche Gottes hier auff Erden auff den Dienst warten/ und die Allerheiligste Göttliche Befelch verꝛichten sollen/ deßwegen sie dann auch zu Zeiten Nuncii genant werden/ und ihrer seynd auff einmal so viel hundert tausend mal tausend Millionen erschaffen worden/ als der Göttlichen Weisheit wolgefällig gewesen; nachdem aber auß ihrer grossen Anzahl unaußsprechlich viel/ die sich ihres hohen Adels überhoben/ auß Hoffart gefallen/ seynd erst eure erste Eltern von GOtt mit einer vernünfftigen und unsterblichen Seel zu seinem Ebenbild erschaffen/ und deßwegen mit Leibern begabt worden/ daß sie sich auß sich selbsten vermehren solten/ biß ihr Geschlecht die Zahl der gefallenen Engel wiederum erfüllte; zu solchem End nun wurde die Welt erschaffen/ mit allen andern Creaturen/ daß der irdische Mensch/ biß sich sein Geschlecht so weit vermehret/ die angeregte Zahl der gefallenen Engel damit ersetzt werden könte/ darauff[554] wohnen/ GOtt loben/ und sich aller anderer erschaffenen Dinge auff der gantzen Erdkugel (als worüber ihn GOtt zum Herꝛn gemacht) zu GOttes Ehren/ und zu seines Nahrung-bedörfftigen Leibs Auffenthaltung bedienen solte; damals hatte der Mensch diesen Unterscheid zwischen ihm und den H. Engeln/ daß er mit der irdischen Bürde seines Leibs beladen/ und nicht wuste was gut und böß war/ und dahero auch nit so starck und geschwind als ein Engel seyn konte; hatte hingegen aber auch nichts gemeines mit den unvernünfftigen Thieren/ demnach er aber durch den Sündenfall im Paradeis seinen Leib dem Todt unterwarff/ schätzten wir ihn das Mittel zu seyn zwischen den heiligen Engeln und den unvernünfftigen Thieren/ denn gleich wie eine heilige entleibte Seel eines zwar irdischen doch himmlisch-gesinnten Menschen alle gute Eigenschafft eines heiligen Engels an sich hat/ also ist der entseelte Leib eines irdischen Menschen (der Verwesung nach) gleich einem andern Aaß eines unvernünfftigen Thiers/ uns selbsten aber schätzten wir vor das Mittel zwischen euch und allen andern lebendigen Creaturen der Welt/ sintemal/ ob wir gleich wie ihr vernünfftige Seele haben/ so sterben jedoch dieselbige mit unsern Leibern gleich hinweg/ gleichsam als wie die lebhaffte Geister der unvernunfftigen Thiere in ihrem Todt verschwinden. Zwar ist uns kundbar/ daß ihr durch den Ewigen Sohn Gottes/ durch welchen wir denn auch erschaffen/ auffs allerhöchste geadelt worden/ in dem Er euer Geschlecht angenommen/ der göttlichen Gerechtigkeit genug gethan/ den Zorn Gottes gestillt/ und euch die ewige Seeligkeit wiederum erworben/[555] welches alles euer Geschlecht dem unserigen weit vorziehet; Aber ich rede und verstehe hier nichts von der Ewigkeit/ weil wir deren zu geniessen nicht fähig seyn/ sondern allein von dieser Zeitlichkeit/ in welcher der Allergütigste Schöpffer uns genugsam beseeligt/ als mit einer guten gesunden Vernunfft/ mit Erkantnus deß Allerheiligsten Willens Gottes/ so viel uns vonnöthen/ mit gesunden Leibern/ mit langem Leben/ mit der edlen Freyheit mit genugsamer Wissenschafft/ Kunst und Verstand aller natürlichen Dinge/ und endlich/ so das allermeiste ist/ sind wir keiner Sünd/ und dannenhero auch keiner Straff/ noch dem Zorn Gottes/ ja nicht einmal der geringsten Kranckheit unterworffen: Welches alles ich dir darumb so weitläufftig erzehlt/ und auch deßwegen der H. Engel/ irdischen Menschen/ und unvernünfftigen Thier gedacht/ damit du mich desto besser verstehen könnest. Jch antwortet/ es wolte mir dennoch nicht in Kopff; da sie keiner Missethat/ und also auch keiner Straff unterworffen/ worzu sie denn eines Königs bedörfftig? item/ wie sie sich der Freyheit rühmen könten/ wenn sie einem König unterworffen wären? item/ wie sie geboren werden/ und wieder sterben könten/ wenn sie gar keinen Schmertzen oder Kranckheit zu leiden geartet wären? Darauff antwortet mir das Printzlein/ sie hätten ihren König nicht/ daß er Justitiam administriren/ noch daß sie ihm dienen solten/ sondern daß er wie der König oder Weissel in einem Jmmenstock/ ihre Geschäffte dirigire; und gleich wie ihre Weiber in coitu keine Wollust empfänden/ also seyen sie hingegen auch in ihren Gedurten keinen Schmertzen unterwoꝛffen/ [556] welches ich etlicher massen am Exempel der Katzen abnehmen und glauben könte/ die zwar mit Schmertzen empfahen/ aber mit Wollust gebären; So stürben sie auch nicht mit Schmertzen/ oder auß hohem gebrechlichem Alter/ weniger auß Kranckheit/ sondern gleichsam als ein Liecht verlesche/ wenn es seine Zeit geleuchtet habe/ also verschwinden auch ihre Leiber sampt den Seelen; gegen der Freyheit/ deren er sich gerühmt/ sey die Freyheit deß allergrösten Monarchen unter uns irdischen Menschen gar nichts/ ja nit so viel als ein Schatten zu rechnen/ dann sie könten weder von uns noch andern Creaturen getödtet/ noch zu etwas unbeliebigem genötiget/ viel weniger befängnust werden/ weil sie Feuer/ Wasser/ Lufft und Erde ohn einige Mühe und Müdigkeit (von deren sie gar nichts wüßten) durchgehen könten. Darauff sagte ich/ wenn es mit euch so beschaffen/ so ist euer Geschlecht von unserm Schöpffer weit höher geadelt und beseeligt/ als das unserige; Ach Nein/ antwort der Fůrst/ ihr sündigt wenn ihr diß glaubt/ in dem ihr die Güte Gottes einer Sach beschuldiget/ die nicht so ist/ denn ihr seyt weit mehrers beseeligt als wir/ in dem ihr zu der seeligen Ewigkeit/ und das Angesicht GOttes unauffhörlich anzuschauen erschaffen/ in welchem seeligen Leben eurer einer der seelig wird/ in einem einzigen Augenblick mehr Freud und Wonne/ als unser gantzes Geschlecht von Anfang der Erschaffung biß an den Jüngsten Tag/ geneust. Jch sagte/ was haben drum die Verdammte darvon? Er antwortet mir mit einer Wieder-Frag/ und sagte: Was kan die Güte Gottes davor/ wenn euer einer sein selbst vergisset/ sich der Creaturen der Welt/ und[557] deren schändlichen Wollüsten sich ergibt/ seinen viehischen Begierden den Ziegel schiessen läst/ sich dardurch dem unvernünfftigen Viehe/ ja durch solchen Ungehorsam gegen Gott/ mehr den höllischen als seeligen Geistern gleich macht? Solcher Verdam̃ten ewiger Jammer/ worein sie sich selbst gesturtzt haben/ benimmt drum der Hoheit und dem Adel ihres Geschlechts nichts/ sintemal sie so wol als andere/ in ihrem zeitlichen Leben die ewige Seeligkeit hätten erlangen mögen/ da sie nur auff dem darzu veroꝛdneten Weg hätten wandlen wollen.

Das XIV. Capitel.

JCh sagte zu dem Fürstlein/ weil ich auff dem Erdboden ohne das mehr Gelegenheit hätte/ von dieser Materia zu hören/ als ich mir zu nutz machte/ so wolte ich ihn gebetten haben/ er wolte mir doch darvor die Ursach erzehlen/ warum zu Zeiten ein so groß Ungewitter entstehe/ wenn man Stein in solche See werffe? dann ich erinnerte mich von dem PilatusSee im Schweitzerland eben dergleichen gehört/ und vom See Camarina in Sicilia ein solches gelesen zu haben/ von welchem die Phrasis entstanden/ Camarinam movere; Er antwortet/ weil alles das schwer ist/ nicht ehe gegen dem centro terræ zu fallen auffhöret/ wenn es in ein Wasser geworffen wird/ es treffe dann einen Boden an/ darauff es unterwegs ligen verbleibe/ hingegen diese See alle miteinander biß auff das centrum gantz Bodenloß und offen seynd/ also daß die Stein so hinein gewoꝛffen werden/ nothwendig und natürlicher Weis in unsere Wohnung fallen/ und ligen bleiben müsten/ wenn wir sie nicht [558] wieder zu eben dem Ort/ da sie her kommen/ von uns hinauß schafften/ als thun wir solches mit einer Ungestümme/ damit der Muthwill der jenigen/ so sie hinein zu werffen pflegen/ abgeschreckt/ und im Zaum gehalten werden möge/ so dann eins von den vornehmsten Stücken unsers Geschäffts ist/ darzu wir erschaffen. Solten wir aber gestatten/ daß ohne dergleichen Ungewitter die Stein eingeschmissen/ und wieder außgeschafft würden/ so käme es endlich darzu/ daß wir nur mit denen muthwilligen Leuten zu thun hätten/ die uns täglich von allen Orten der Welt her auß Kurtzweil Stein zusendeten. Und an dieser einzigen Verꝛichlung die wir zu thun haben/ kanstu die Nothwendigkeit unsers Geschlechts abnehmen/ sintemal da obiger gestalt die Stein von uns nicht außgetragen/ und doch täglich durch so viel dergleichen unterschiedliche See/ die sich hin und wieder in der Welt befinden/ dem centro terræ, darinnen wir wohnen/ so viel zugeschickt würden/ so müsten endlich zugleich die Gebände/ damit das Meer an die Erde gehefftet und bevestiget/ zerstöret/ und die Gänge/ dardurch die Quellen auß dem Abgrund deß Meers hin und wieder auff die Erde geleitet/ verstopfft werden/ das dann nichts anders als ein schädliche Confusion, und der gantzen Welt Untergang mit sich bringen könte.

Jch bedanckte mich dieser Communication, und sagte: Weil ich verstehe/ daß euer Geschlecht durch solche See alle Quellen und Flüß auff dem gantzen Erdboden mit Wasser verfihet/ so werdet ihr auch Bericht geben können/ warumb sich die Wasser nit alle gleich befinden/ beydes an Geruch/ Geschmack/ ꝛc. [559] und der Krafft und Würckung/ da sie doch ihre Wiederkehrung (wie ich verstanden) ursprünglich alle auß dem Abgrund deß grossen Oceani hernehmen/ darein sich alle Wasser wiederum ergiessen; Dann etliche Quellen seynd liebliche Sauerbrunnen/ und taugen zu der Gesundheit/ etliche sind zwar sauer/ aber unfreundlich und schädlich zu trincken; und andere seynd gar tödtlich und vergifft/ wie der jenige Brunn in Arcadia, damit Jollæ dem Alexandro Magno vergeben haben solle; etliche Brunnenquellen seynd laulicht/ etliche siedent-haiß/ und andere Eißkalt; etliche fressen durch Eisen/ als Aquafort, wie einer in Zepusio oder der Grafschafft Zips in Ungarn; Andere hingegen heylen alle Wunden/ als sich dann einer in Thessalia befinden solle; etliche Wasser werden zu Stein/ andere zu Saltz/ und etliche zu Victriol: Der See bey Zircknitz in Kärnten hat nur Winterszeit Wasser/ und im Sommer ligt er allerdings trocken; der Brunn bey Aengstlen laufft nur Sommerszeit/ und zwar nur zu gewissen Stunden/ wenn man das Viehe tränckt; der Schändtlebach bey Ober-Nähenheim laufft nicht ehe/ als wenn ein Unglück übers Land kommen solle. Und der Fluvius Sabbathicus in Syria bleibt allezeit den siebenden Tag gar auß. Woruber ich mich offtermal/ wenn ich der Sach nachgedacht/ und die Ursach nit ersinnen können/ zum allerhöchsten verwundern muste.

Hierauff antwortet der Fürst: Diese Dinge alle miteinander hätten ihre natürliche Ursachen/ welche dann von den Naturkündigern unsers Geschlechts mehrentheils auß denen unterschiedlichen Geruchen/ Geschmacken/ Kräfften und Würckungen der Wasser [560] genugsam erꝛathen/ abgenom̃en/ und auff dem Erdboden offenbart worden wären. Wenn ein Wasser von ihrer Wohnung an biß zu seinem Außlauff/ welchen wir die Quelle nenneten/ nur durch allerhand Stein lauffe/ so verbleibe es allerdings kalt und süß/ dafern es aber auff solchem Weg durch und zwischen die Metalla passire, (dann der grosse Bauch der Erden sey innerlich nicht an einem Ort wie am andern beschaffen) als da sey Gold/ Silber/ Kupffer/ Zinn/ Bley/ Eisen/ Quecksilber/ ꝛc. oder durch die halbe Mineralia, nemlich Schwefel/ Saltz mit allen seinen Gattungen/ als naturale, sal gemmæ, sal nativum, sal radicum, sal nitrum, sal armoniacum, sal petræ, &c. weisse/ rothe/ gelbe und grüne Farben/ Victril, marchasita aurea, argentea, plumbea, ferrea, lapis lazuli, alumen, arsenicum, antimonium, risigallum, Electrum naturale, Chrisocolla, Sublimatum, &c. so nemme es deren Geschmack/ Geruch/ Art/ Krafft und Würckung an sich/ also daß es den Menschen entweder beylsam oder schädlich werde. Und eben daher hätten wir so unterschiedlich Saltz/ dann etliches sey gut/ und etliches schlecht; zu Cervia und Comachio ist es zimlich schwartz/ zu Memphis röthlicht/ in S[i]cilia Schneeweiß/ das Centaropische ist Purpurfärbigt/ und das Cappadocische gelblecht. Betreffend aber die warme Wasser/ sagte er/ so nehmen dieselbe ihre Hitz von dem Feuer an sich/ das in der Erde brennet/ welches so wol als unsere See/ hin und wieder seine Lufftlöcher und Camin hat/ wie man am berühmten Berg Æthna in Sicilia, Hecla in Jßland/ Gumapi in Banda und andern mehr abnehmen mag. Was aber den Zircknitzer See anlangt/[561] so wird dessen Wasser Sommerszeit bey der Kärntner Antipodibus gesehen/ und der Aengstler-Brunn an andern Orten deß Erdbodens zu gewissen Stunden und Zeiten deß Jahrs und Tags anzutreffen seyn/ eben das jenige zu thun/ was er bey den Schweitzern verꝛichtet Gleiche Beschaffenheit hat es mit der Ober-Näheimer Schändtlibach/ welche Quellen alle durch unsers Geschlechts Leutlein nach dem Willen und Ordnung Gottes/ umb sein Lob dadurch bey euch zu vermehren/ solcher gestalt geleitet und geführet werden: Was den Fluvium Sabbathicum in Syria betrifft/ pflegen wir in unserer Wohnung/ wenn wir den siebenden Tag feyern/ uns in dessen Ursprung und Canal, als das lustigste Ort unsers gantzen Aquætori, sich zu lägern und zu ruhen/ deßwegen dann ermeldter Fluß nicht lauffen mag/ so lang wir daselbst dem Schöpffer zu Ehren feyerlich verharꝛen.

Nach solchem Gespräch fragte ich den Printzen/ ob auch müglich seyn könte/ daß er mich wieder durch einen andern als den Mummel-see/ auch an ein ander Ort der Erden auff die Welt bringen könte? Freylich/ antwortet er/ warumb das nicht/ wenn es nur Gottes Will ist; denn auff solche Weis haben unsere Vor-Eltern vor alten Zeiten etliche Cananeer/ die dem Schwerd Josuæ entronnen/ und sich auß Desperation in einen solchen See gesprengt/ in Americam geführt/ massen deren Nachkömmlinge noch auff den heutigen Tag den See zu weisen wissen/ auß welchem ihre Ur-Eltern anfänglich entsprungen. Als ich nun sahe/ daß er sich über meine Verwunderung verwunderte/ gleichsam als ob seine Erzehlung [562] nicht verwunderns würdig wäre/ sagte ich zu ihm: Ob sie sich denn nit auch verwunderten/ da sie etwas seltenes und ungewöhnliches von uns Menschen seben? Hierauff antwortet er: Wir verwundern uns an euch nichts mehrers/ als daß ihr euch/ da ihr doch zum ewigen seeligen Leben/ und den unendlichen himmlischen Freuden erschaffen/ durch die zeitliche und irdische Wollüste/ die doch so wenig ohne Unlust und Schmertzen/ als die Rosen ohne Dörner sind/ dergestalt bethören last/ daß ihr dadurch euer Gerechtigkeit am Himmel verlieret/ euch der frölichen Anschauung deß Allerheiligsten Angesichts GOttes beraubt/ und zu den verstossenen Engeln in die ewige Verdam̃nus stürtzet! Ach möchte unser Geschlecht an eurer Stell seyn/ wie würde sich jeder befleissen/ in dem Augenblick eurer nichtigen und flüchtigen Zeitlichkeit die Prob besser zu halten/ als ihr/ denn das Leben so ihr habt/ ist nit euer Leben/ sondern euer Leben oder der Todt wird euch erst gegeben/ wenn ihr die Zeitlichkeit verlaßt; das aber was ihr das Leben nennet/ ist gleichsam nur ein Moment und Augenblick/ so euch verliehen ist/ GOtt darin zu erkennen/ und ihme euch zu nähern/ damit er euch zu sich nemmen möge/ dannenhero halten wir die Welt vor einen Probierstein Gottes/ auff welcher der Allmächtige die Menschen/ gleich wie sonst ein reicher Mann das Gold und Silber probiert/ und nachdem er ihren Valor am Strich befindet/ oder nachdem sie sich durchs Feuer läutern lassen/ die gute und feine Goldund Silbersorden in seinen him̃lischen Schatz leget/ die böse und falsche aber ins ewige Feuer wirfft/ welches euch dann euer Heyland und unser Schöpffer[563] mit dem Exempel vom Weitzen und Unkraut genugsam vorgesagt und offenbaret hat.

Das XV. Capitel.

DJß war das End unsers Gesprächs/ weil wir uns dem Sitz deß Königs näherten/ vor welchen ich ohne Ceremonien oder Verlust einiger Zeit hin gebracht wurde: Da hatte ich nun wol Ursach/ mich über seine Majestät zu verwundern/ da ich doch weder eine wolbestellte Hofhaltung noch einiges Gepräng/ ja auffs wenigst keinen Cantzler oder geheime Räth/ noch einigen Dolmetschen/ oder Trabanten und Leibguardi/ ja so gar keinen Schalcksnarꝛn/ noch Koch/ Keller/ Page/ noch einigen Favoriten oder Dellerlecker nicht sahe; sondern rings umb ihn her schwebten die Fürsten über alle See/ die sich in der gantzen Welt befinden/ ein jedweder in der jenigen Lands-Art auffziehend/ in welches sich ihr unterhabender See von dem Centro Terræ auß erstreckte/ dannenhero sahe ich zugleich die Ebenbilder der Chineser und Africaner, Troglodyten und Novazembler, Tartarn und Mexicaner, Samogeden und Moluccenser; ja auch von denen/ so unter den Polis arctico und antarctico wohnen/ das wol ein seltzames Spectacul war; die zween/ so über den wilden und schwartzen See die I[n]spection trugen/ waren allerdings bekleidet/ wie der so mich convojirt/ weil ihre See zunächst am Mummel-see gelegen/ zog also der jenige/ so über den Pilatus-see die Obsicht trug/ mit einem breiten ehrbaren Bart und einem par Bloderhosen auff/ wie ein reputierlicher Schweitzer/ und der jenige/ so über den obgemeldten See Camarina die Auffsicht hatte/ [564] sahe beydes mit Kleidern und Geberden einem Sicilianer so ähnlich/ daß einer tausend Ayd geschworen hätte/ er wäre noch niemalen auß Sicilia kommen/ und könte kein Teutsches Wort; Also sahe ich auch/ wie in einem Trachten-Buch/ die Gestalten der Perser/ Japonier/ Moscowiter/ Finnen/ Lappen/ und aller andern Nationen in der gantzen Welt.

Jch bedorffte nit viel Complimenteu zu machen/ dann der König fienge selbst an sein gut Teutsch mit mir zu reden/ in dem sein erstes Wort war/ daß er fragte: Auß was Ursach hastu dich unterfangen/ uns gleichsam gantz muthwilliger Weis so einen Hauffen Stein zuzuschicken? Jch antwortet kurtz/ weil bey uns einem jeden erlaubt ist/ an einer verschlossenen Thür anzuklopffen; Darauff sagte er: Wie/ wenn du aber den Lohn deiner fürwitzigen Importunität empfingest? Jch antwortet/ ich kan mit keiner grössern Straff belegt werden/ als daß ich sterbe/ sintemal ich aber seithero so viel Wunder erfahren und gesehen/ die unter so viel Millionen Menschen keiner das Glück nit hat/ würde mir mein Sterben ein geringes/ und mein Todt vor gar keine Straff zu rechnen seyn; Ach elende Blindheit! sagte hierauff der König/ und hub damit die Augen auff/ gleich wie einer der auß Verwunderung gen Himmel schauet/ ferner sagend: Jhr Menschen könt nur einmal sterden/ und ihr Christen soltet den Todt nit eher getrost zu überstehen wissen/ ihr wäret dann vermittelst eures Glaubens und Liebe gegen Gott durch eine unzweiffelhaffte Hoffnung versichert/ daß eure Seelen das Angesicht deß Höchsten eigentlich anschauen würden/ so bald der sterbende Leib die Augen zuthäte: [565] Aber ich habe vor dieses mal weit anders mit dir zu reden.

Darauff sagte er/ es ist mir referirt worden/ daß sich die irdische Menschen/ und sonderlich ihr Christen deß jüngsten Tags ehistes versehen/ weilen nicht allein alle Weissagung/ sonderlich was die Sybillen hinterlassen/ erfüllt/ sondern auch alles was auff Erden lebt/ den Lastern so schröcklich ergeben seye: also daß der Allmächtige Gott nicht länger verziehen werde/ der Welt ihr Endschafft zu geben; Weilen dann nun unser Geschlecht mit sampt der Welt untergehen/ und im Feur (wiewol wir deß Wassers gewohnt seyn) verderben muß/ als entsetzen wir sich nit wenig wegen Zunahung solcher erschröcklichen Zeit; haben dich derowegen zu uns holen lassen/ um̃ zu vernehmen/ was etwan deßwegen vor Sorg oder Hoffnung zu machen seyn möchte? wir zwar können auß dem Gestirn noch nichts dergleichen abnehmen/ auch nichts an der Erdkugelvermercken/ daß ein so nahe Veränderung obhanden seye; müssen sich derowegen wir von denen benachrichtigen lassen/ welchen hiebevor ihr Heyland seldsten etliche Warzeichẽ seiner Zukunfft hinterlassen/ ersuchen dich derowegen gantz holdseelig/ du wollest uns bekennen/ ob der jenige Glaub noch auff Erden sey oder nit/ welchen der zukünfftige Richter bey seiner Ankunft schwerlich mehr finden wird? Jch antwortet dem König/ er hätte mich Sachen gefragt/ die mir zu beantworten viel zu hoch seyen/ zumahln künfftigs zu wissen: und sonderlich die Ankunfft deß Herꝛn allein Gott bekandt; Nun wolan dann/ antwortet der König hinwiderumb/ so sage mir dann/ wie sich die Stände [566] der Welt in ihrem Beruffhalten/ damit ich darauß entweder der Welt und unsers Geschlechts Untergang: Oder gleich meinen Worten mir und den meinigen ein langes Leben und glückseelige Regierung conjecturiren könte/ hingegen will ich dich sehen lassen was noch wenig zu sehen bekommen/ und hernach mit einer solchen Verehrung abfertigen/ deꝛen du dich dein lebtag zu erfreuen haben wirst/ wann du mir nur die Warheit bekennest; Als ich nun hierauff still schwiege und mich bedachte/ fuhr der König ferner fort und sagte/ nun dran/ dran/ fang am höchsten an und beschliesse es am nidersten/ es muß doch seyn/ wann du anders wider auff den Erdboden wilst.

Jch antwortet/ wann ich an dem höchsten anfahen soll/ so mach ich billich den Anfang an den Geistlichen/ dieselbe nun seynd gemeiniglich alle/ sie seyen auch gleich was vor Religion sie immer wollen/ wie sie Eusebius in einer Sermon beschriben; nemlich rechtschaffene Verächter der Ruhe/ Vermeider der Wollüste/ in ihrem Beruff begierig zur Arbeit/ gedultig in Verachtung/ ungedultig zur Ehr/ arm an Haab und Geld/ reich am Gewissen/ demütig gegen ihren Verdiensten/ und hochmüthig gegen den Lastern; und gleich wie sie sich allein befleissen GOtt zu dienen/ und auch andere Menschen mehr durch ihr Exempel als ihre Wort zum Reich Gottes zu bringen; Also haben die Weltliche hohe Häupter und Vorsteher allein ihr Absehen auff die liebe Justitiam, welche sie dann ohne Ansehen der Person einem jedwedern/ Arm und Reich/ durch die Banck hinauß schnur-gerad ertheilen und widerfahren lassen: Die Theologi sind gleichsam lauter Hieronymi und Bedæ, [567] die Cardinäl eytel Borromæi, die Bischöffe Augustini, die Aebbte andere Hylariones und Pachomi, und die übrige Religiosen miteinander wie die Congregation der Eremiten in der Thebanischen Wildnus! Die Kauffleute handlen nicht auß Geitz/ oder umb Gewins willen/ sondern damit sie ihren Nebenmenschen mit ihrer Wahr/ die sie zu solchem Ende auß fernen Landen herbringen/ bedient seyn können: Die Wirthe treiben nicht deßwegen ihre Wirthschafften/ reich zu werden/ sondern damit sich der Hungerige/ Durstige und Räisende bey ihnen erquicken/ und sie die Bewirthung als ein Werck der Barmhertzigkeit an den müden und krafftlosen Menschen üben können: Also sucht der Medicus nicht seinen Nutz/ sondern die Gesundheit seines Patienten/ wohin dann auch die Apothecker zielen: Die Handwercker wissen von keinen Vörteln/ Lügen und Betrug/ sondern befleissigen sich/ ihre Kunden mit daurhaffter und rechtschaffener Arbeit am besten zu versehen: Den Schneidern thut nichts gestolenes im Aug wehe/ und die Weber bleiben auß Redlichkeit so arm/ daß sich auch keine Mäuß bey ihnen ernehren können/ denen sie etwan ein Knäul Garn nachwerffen müsten: Man weiß von keinem Wucher/ sondern der Wolhäbige hilfft dem Dürfftigen auß Christlicher Liebe gantz ohngebetten: Und wenn ein Armer nicht zu bezahlen hat/ ohne mercklichen Schaden und Abgang seiner Nahrung/ so schenckt ihm der Reich die Schuld von freyen Stücken: Man spüret keine Hoffart/ denn jeder weiß und bedenckt/ daß er sterblich ist: Man mercket keinen Neid/ denn es weiß und erkennet je einer den andern vor ein Ebenbild GOttes/ das von[568] seinem Schöpffer geliebet wird: Keiner erzörnt sich über den andern/ weil sie wissen/ daß Christus vor alle gelitten und gestorben: Man höret von keiner Unkeuschheit/ oder unordentlichen fleischlichen Begierden/ sondern was so vorgehet/ das geschicht auß Begierd und Liebe zur Kinderzucht: Da findet man keine Trunckenbold oder Vollsäuffer/ sondern wenn einer den andern mit einem Trunck ehret/ so lassen sich beyde nur mit einem Christl. Räuschlein benügen: Da ist keine Trägheit im Gottesdienst/ denn jeder erzeigt einen embstgen Fleiß und Eyfer/ wie er vor allen andern GOtt rechtschaffen dienen möge/ und eben deßwegen sind jetzund so schwäre Krieg auff Erden/ weil je ein Theil vermeynt/ das andere diene GOtt nicht recht: Es gibt keine Geitzige mehr/ sondern Gesparsame; keine Verschwender/ sondern Freygebige; keine Kriegs-gurgeln/ so die Leut berauben und verderben/ sondern Soldaten/ die das Vatterland beschirmen; keine muthwillige faule Bettler/ sondern Verächter der Reichthum/ und Liebhaber der freywilligen Armuth; keine Korn- und Wein-Juden/ sondern voꝛsichtige Leut/ die den überflussigen Vorꝛath auff den besoꝛgenden künfftigen Nothfall vor das Volck zusammen heben.

Das XVI. Capitel.

JCh pausirte ein wenig/ und bedachte mich was ich noch ferners vorbringen wolte/ aber der König sagte/ er hätte bereits so viel gehört/ daß er nicht mehrers zu wissen begehrte; wann ich wolte/ so sollten mich die seinige gleich wider an den Ort bringen wo sie mich genommen; wolte ich aber (dann ich sihe [569] wol/ sagte er/ daß du zimlich curio bist) in seinem Reich eins und anders beschauen/ daß meines gleichen ohne zweifel selten seyn würde/ so solte ich in seiner Jurisdiction sicher hin begleitet werden/ wohin ich nur wolte/ und alsdann so wolte er mich mit einer Verehrung abfertigen/ daß ich damit zu friden seyn könte; da ich mich aber nichts entschliessen/ und ihme antworten konte/ wandte er sich zu etlichen die eben in dem Abgrund deß Mare del Zur, sich begeben: und dorten beydes wie auß einem Garten/ und wie von einer Jagd/ Nahrung holen solten/ zu den sagte er/ nem̃t ihn mit/ und bringt ihn bald wider her/ damit er noch heut wider auff den Erdboden gestellt werde; zu mir aber sagte er/ ich könte mich in dessen auff etwas besinnen/ das in seiner Macht stünde/ umb solches mir zum Recompens und einer ewigen Gedächtnuß mit auff den Erdboden zu geben; Also wischte ich mit den Sylphis darvon durch ein Loch welches etlich hundert Meil lang war/ ehe wir auff den Grund deß obgedachten fridsamen Meers kamẽ/ darauff stunden Corallenzincken so groß als die Eichbäum/ von welchen sie zur Speise mit sich nahmen/ was noch nicht erhartet und geferbt war/ dann sie pflegen sie zu essen/ wie wir die junge Hirschgeweyh/ da sahe man Schnecken-Häußlein so hoch als ein zimlich Rondel/ und so breit als ein Scheuerthor; Jtem Perlen so dick als Fäuste/ welche sie an statt der Eyer assen/ und andere viel seltzamere Meerwunder die ich nicht all erzehlen kan/ der Boden lag überall mit Smaragden/ Türckis/ Rubinen/ Diamauten/ Saphiren und andern dergleichen Steinen überstreit/ gemriniglich in der Grösse/ wie bey uns[570] Wackenstein/ so hin und wider in den fliessenden Bächen ligen; da sahe man hie und dort gewaltige Schröffen viel Meil wegs hoch in die Höhe ragen/ welche vor das Wasser hinauß giengen und lustige Jnsulen trugen; diese waren rund herumb mit allerhand lustigen und wunderbarlichen Meergewächsen geziert/ und von mancherley seltzamen kriechenden/ stehenden und gehenden Creaturen bewohnet; gleichsam als wie der Erdboden mit Menschen und Thieren/ die Fische aber deren wir groß und klein und von unzahlbarer Art ein grosse Menge hin und wider über uns im Wasser herumb vagiren sahen/ ermahneten mich allerdings an so vielerley Vögel/ die sich Frühlingszeit und im Herbst bey uns in der Lufft erlustiren; und weil es eben Vollmon und ein helle Zeit war (dann die Sonn war damals über unser[m] Horizont, also daß ich damals mit unsern antipodibus Nacht/ die Europeer aber Tag hatten) konte ich durch das Wasser hinauff den Mond und das Gestirn sampt dem Polo antarctico sehen/ dessen ich mich wol verwundern muste; Aber der/ dem ich in seine Obhut befohlen war/ sagte mir/ wann wir so wol den Tag hätten als die Nacht/ so würde mir alles noch verwunderlicher vorkommen/ dann man könte alsdann von weitem sehen/ wie es so wol in Abgrund deß Meers als auff dem Land schöne Berg und Thäler abgebe/ welches schöner schiene/ als die schönste Landschafften auff dem Erdboden; Als er auch sabe/ daß ich mich über ihn und alle die so mit ihm waren/ verwunderte/ daß sie als Peruaner/ Brasilianer/ Mexicaner und Jnsulaner de los latronos auffgezogen und dannoch so gut teutsch redeten/ da sagte[571] er/ daß sie nicht mehr als eine Sprach könten/ die aber alle Völcker auff dem gantzen Umbkreiß der Erden in ihrer Sprache verstünden/ und sie hingegen dieselbe hinwiderumb: welches daher komme/ dieweil ihr Geschlecht mit der Thorheit so bey dem Babylonischen Thun vorgangen/ nichts zu schaffen hätte.

Als sich nun meine Convoy genugsam proviantirt hatte/ kehrten wir widerumb durch ein andere Höle auß dem Meer in das Centrum terræ, unterwegs erzehlte ich ihrer etlichen/ daß ich vermeint bette/ das Centrum der Erden wäre inwendig hol/ in welchem holen Theil die Pigmei wie in einem Kran Rad herumb lieffen/ und also die gantze Erdkugel herum trillten/ damit sie überal von der Sonnen/ welche nach Aristarchi und Copernici Meynung mitten am Himmel unbeweglich still stünde/ beschienen würde; Welcher Einfalt wegen ich schröcklich außgelacht wurde/ mit Bericht/ ich solte mir so wol obiger beyden Gelehrten Meynung/ als meine gehabte Einbildũg mir ein eitlen Traum seyn lassen; Jch sollte mich/ sagten sie/ an statt dieser Gedancken besinnen/ was ich von ihrem König vor eine Gab begehren wolte/ damit ich nicht mit lehrer Hand wiederumb auff den Erdboden dörffte; Jch antwortete/ die Wunder die ich seithero gesehen/ hetten mich so gar auß mir selbst gebracht/ daß ich mich auff nichts bedencken könte/ mit Bitt/ sie wolten mir doch rathen/ was ich von dem König begehren sollte; Meine Meynung wäre (sintemal er alle Brunnenquellen in der Welt zu dirigiren hätte) von ihm einen Gesund-Brunnen auff meinen Hof zu begehren/ wie der jenige wäre/ der [572] neulich von sich selbst in Teutschland entsprungen/ der gleichwol doch nur Süßwasser führe/ der Fürst oder Regent über das stille Meer und dessen Hülen/ antwortet/ solches würde in seines Königs Macht nicht stehen/ und wann es gleich bey ihm stünde/ und er mir gern gratificiren wolte/ so hätten jedoch dergleichen Heilbrunnen in die Läng keinen Bestand/ ꝛc. Jch bat ihn er wollte mir doch unbeschwert die Ursach erzehlen; da antwortet er/ es befinden sich hin und wieder in der Erden läre stätte/ die sich nach und nach mit allerhand Metallen außfüllen/ weil sie daselbst auß einer exhalatione humida, viscosa & crassa, generirt werden/ in dem nun solche Generation geschihet/ schlägt sich zu zeiten durch die Spält der Marchasitæ aureæ vel argenteæ auß dem centro, davon alle Quellen getriben werden/ Wasser daꝛzu/ welches sich dann umb und zwischen den Metallis sich viel hundert Jahr enthält/ und der Metallen edle Art und heilsame Eigenschafften an sich nimbt/ wañ sich dann das Wasser auß dem centro je länger je mehr vermehrt/ und durch seinen starcken Trieb/ einen Außlauff auff dem Erdboden sucht und findet/ so wiꝛd das Wasser/ welches so viel hundert oder tausend Jahr zwischen den Metallen verschlossen gewesen/ und dessen Kräffte an sich genommen/ zum allerersten außgestossen/ und thut alsdann an denen Menschlichen Cörpern die jenige wunderbarliche Würckung/ die man an solchen neuen Heilbrunnen sihet/ so bald nun solches Wasser/ das sich so lang zwischen den Metallen enthalten/ verflossen/ so folgt gemein Wasser hernach/ welches zwar auch durch dieselbige Gäng passirt/ in seinem schnellen Lauff aber keine[573] Tugenden oder Kräfften von den Metallen an sich nemmen/ und also auch nicht wie das erstere heilsam seyn kan; Wann ich (sagte er) die Gesundheit so sehr affectire/ so solte ich seinen König ersuchen/ daß er mich dem König der Salamandræ, mit welchem er in guter Correspondenz stünde/ in eine Cur recommendire; derselbe könne die Menschliche corpora zurichten/ und durch ein Edelgestein begaben/ daß sie in keinem Feuer verbrennen möchten/ wie ein sonderbarer Leinwat den wir auff Erden hätten/ und im Feuer zu reinigen pflegten/ wann er schmutzig worden were; alsdann setze man einen sochen Menschen wie eine schleimige alte stinckende Tabackpfeiff mitten ins Feur/ da verzehrten sich dann alle böse Humores und schädliche Feuchtigkeiten/ und komme der Patient wider so jung/ frisch/ gesund und neugeschaffen hervor/ als wann er das Elixier Theophrasti eingenommen hätte; Jch wuste nicht ob mich der Kerl foppt oder obs ihm ernst war/ doch bedanckte ich mich der veutraulichen Communication, und sagte/ ich besorgte/ diese Cur sey mir als einem Colerico, zu hitzig; mir würde nichts liebers seyn/ als wann ich meinen Mit-Menschen eine heilsame rare Quell mit mir auff den Erdboden bringen könte/ welches ihnen zu nutz/ ihrem König aber zur Ehr: mir aber zu einem unsterblichen Nahmen/ und ewigem Gedächtnuß gereichen würde; darauff antwortet mir der Fürst/ wann ich solches suche/ so wolle er mir schon ein gut Wort verleyhen/ wiewol ihr König so beschaffen/ daß er der Ehr oder Schand so ihm auff Erden zugelegt werde/ gleich viel achte; Mithin kamen wir widerumb in den Mittelpunct der Erden/[574] und vor deß Königs Angesicht/ als er und seine Printzen sich eben speisen wollten; Es war ein Jmbs wie die Griechische Nephalia, da man weder Wein noch starck Geträncke brauchte/ aber an statt dessen/ trancken sie Perlen wie rohe oder weich gesottene Eyer auß/ als welche noch nicht erhartet waren/ und treffliche Stärcke gaben/ oder sütterten wie die Bauren sagen.

Da observirte ich/ wie die Sonn einen See nach dem andern beschiene/ und ihre Stralen durch dieselbige diß in diese schröckliche Tieffe hinunder warff/ also daß es diesen Sylphis niemal an keinem Liecht nicht mangelte: Man sahe sie in diesem Abgrund so heiter wie auff dem Erdboden leuchten/ also daß sie auch einen Schatten warff: So daß ihnen den Sylphis die See wie Taglöcher oder Fenster taugten/ durch welche sie beydes Helle und Wärme empfiengen/ und wenn sich solches nicht überall schickte/ weil etliche See gar krumm hinum giengen/ wurde solches durch die reflexion ersetzt/ weil die Natur hin und wieder in die Winckel gantze Felsen von Crystall/ Diamanten und Carfuncklen geoꝛdnet/ so die Helling hinunder fertigten.

Das XVII. Capitel.

JNdessen hatte sich die Zeit genähert/ daß ich wieder heim solte/ derhalben befohl der König/ ich solte mich vernehmen lassen/ wormit ich vermeynte/ daß er mir einen Gefallen thun könte? Da sagte ich/ es könte mir keine grössere Gnade widerfahren/ als wenn er mir einen rechtschaffenen Medicinalischen [575] Sauerbrunnen auff meinen Hof zukommen lassen würde; Jsts nur das? antwortet der König/ Jch hätte vermeynt/ du würdest etliche grosse Smaragd auß dem Americanischen Meer mit dir genommen/ und gebetten haben/ dir solche auff den Erdboben passiren zu lassen? jetzt sehe ich/ daß kein Geitz bey euch Christen ist; Mithin reichte er mir einen Stein von seltzamen va[ri]renden Farben/ und sagte: Diesen stecke zu dir/ und wo du ihn hin auff den Erdboden legen wirst/ daselbst wird er anfahen das Centrum wieder zu suchen/ und die bequemste Mineralia durchgehen/ biß er wieder zu uns kompt/ und dir unsert wegen eine herꝛliche Sauerbrunnen-Quell zuschickt/ die dir so wol bekommen und zuschlagen soll/ als du mit Eröffnung der Warheit umb uns verdient hast. Darauff nam mich der Fürst vom Mammel-see alsbald wieder in sein Geleit/ und passirte mit mir den Weg und See wieder zurück/ durch welchen wir herkommen waren/ ꝛc.

Diese Heimfahrt dünckte mich viel weiter/ als die Hinfahrt/ also daß ich auff dritthalb-tausend wolgemässener Teutscher Schweitzer-Meilen rechnete; es war aber gewiß die Ursach/ daß mir die Zeit so lang wurde/ weil ich nichts mit meiner Convoy redete/ als blößlich/ daß ich von ihnen vernam/ sie würden biß auff 3. 4. oder 500. Jahr alt/ und solche Zeit lebten sie ohne einige Kranckheit. Jm übrigen war ich im Sinn mit meinem Saurbrunnen so reich/ daß alle meine Witz und Gedancken genug zu thun hatten/ zu berathschlagen/ wo ich ihn hin setzen/ und wie ich mir ihn zu Nutz machen wolte; Da hatte ich allbereit meine Anschläg wegen der ansehnlichen[576] Gebäu/ die ich darzu setzen müste/ damit die Badgäste auch rechtschaffen accommodirt seyn/ und ich hingegen ein grosses Losament-gelt auff heben möchte; ich ersanne schon/ durch was vor Schmiralia ich die Medicos persuadiren wolte/ daß sie meinen neuen Wunder-Sauerbrunnen allen andern/ ja gar dem Schwalbacher vorziehen/ und mir einen Hauffen reiche Badgäst zuschaffen solten; ich machte schon gantze Berg eben/ damit sich die Ab- und Zufahrende uber keinen muheseeligen Weg beschwereten; Jch dingte schon verschmitzte Haußknecht/ geitzige Köchinnen/ vorsichtige Bett Mägd/ wachtsame Stallknecht/ saubere Bad- und Brunnen-Verwalter/ und sanne auch bereits einen Platz auß/ auff welchen ich mitten im wilden Gebürg/ bey meinem Hof/ einen schönen ebenen Lust-Garten pflantzen/ und allerley rare Gewächs darinnen zielen wolte/ damit sich die fremde Herꝛen Badgäst und ihre Frauen darinn erspazieren/ die Krancke erfrischen/ und die Gesunde mit allerband kurtzweiligen Spielen ergetzen und erramlen können. Da musten mir die Medici, doch umb die Gebühr/ einen herꝛlichen Tractat von meinem Brunnen und dessen köstlichen Qualitäten zu Papier bringen/ welchen ich alsdann neben einem schönen Kupfferstück/ darein mein Baurn-Hof entworffen und in Grund gelegt/ drucken lassen wolte/ auß welchem ein jeder abwesender Krancker sich gleichsam halb gesund lesen und hoffen möchte; ich liesse alle meine Kinder von L. holen/ sie allerhand lernen zu lassen/ das sich zu meinem neuen Bad schickte/ doch dorffte mir keiner kein Bader werden/ dann ich hatte mir vorgenommen/ meinen Gästen/ ob zwar[577] nicht den Rucken/ doch aber ihren Beutel dapffer zu schrepffen.

Mit solchen reichen Gedancken und über-glückseeligem Sinn-Handel erꝛeichte ich wiederum die Lufft/ massen mich der vielgedachte Printz allerdings mit trockenen Kleidern auß seinem Mum̃el-see aus Land setzte/ doch muste ich das Cleinod/ so er mir anfänglich geben/ als er mich abgeholet/ stracks von mir thun/ dann ich hätte sonst in der Lufft entweder ersauffen/ oder Athem zu holen den Kopff wieder ins Wasser stecken müssen/ weil gedachter Stein solche Würckung vermochte. Da nun solches geschehen/ und er denselben wieder zu sich genommen/ beschirmten wir einander als Leut/ die einander nimmermehr wieder zu sehen würden bekommen/ er duckte sich/ und fuhr wieder mit den seinigen in seinen Abgrund/ ich aber gieng mit meinem Lapide, den mir der König geben hatte/ so voller Freuden darvon/ als wenn ich das Gülden Fell auß der Jnsul Colchis darvon gebracht hätte.

Aber Ach! meine Freud/ die sich selbst vergeblich auff eine immerwährende Beständigkeit gründete/ währete gar nicht lang/ dann ich war kaum von diesem Wunder-see hinweg/ als ich bereits anfienge in dem ungeheuren Wald zu verirꝛen/ weil ich nit Achtung geben hatte/ von wannen her mein Knan mich zum See gebracht; Jch gieng ein gut stück Wegs fort/ ehe ich meiner Verirꝛung gewahr wurde/ und machte noch immerfoꝛt Calender/ wie ich den köstlichen Sauerbrunnen auff meinen Hof setzen/ wol anlegen/ und mir dabey einen geruhigen Herꝛnhandel schaffen möchte. Dergestalt kam ich ohnvermerckt [578] je länger je weiter von dem Ort/ wohin ich am allermeisten begehrte/ und was das schlimste war/ wurde ichs nicht eher innen/ biß sich die Sonn neigte/ und ich mir nit mehr zu helffen wuste/ da stunde ich mitten in einer Wildnus wie Matz von Dreßden/ beydes ohne Speiß und Gewehr/ dessen ich gegen die bevorstehende Nacht wol bedörfftig gewest wäre; Doch tröstete mich mein Stein/ den ich mit mir auß dem innersten Jngeweid der Erden herauß gebracht hatte: Gedult/ Gedult! sagte ich zu mir selber/ dieser wird dich aller überstandenen Noth wiederum ergetzen/ gut Ding will Weil haben/ und vortreffliche Sachen werden ohne grosse Mühe und Arbeit nicht erwoꝛben/ sonst würde jeder Narꝛ ohne schnauffens und Bart wischens einen solchen edlen Sauerbrunnen/ wie du einen in der Daschen hast/ seines Gesallens zu wegen bringen.

Da ich mir nun solcher gestalt zugesprochen/ faßte ich zugleich mit der neuen Resolution auch neue Kräfften/ massen ich weit dapfferer als zuvor auff die Solen tratte/ ob mich gleich die Nacht darüber ereylte; der Vollmond leuchtete mir zwar fein/ aber die hohe Dannen liessen mir sein Liecht nicht so wol gedeyen/ als denselben Tag das tieffe Meer gethan hatte/ doch kam ich so weit fort/ biß ich umb Mitternacht von weitem ein Feuer gewahr wurde/ auff welches ich den geraden Weg zugienge/ und von fernen sahe/ daß sich etliche Wald-Bauren darbey befanden/ die mit dem Hartz zu thun hatten: Wiewol nun solchen Gesellen nit allzeit zu trauen/ so zwang mich doch die Noth/ und riethe mir meine eigene Courage ihnen zuzusprechen; Jch hinderschlich sie [579] unversehens/ und sagte: Gute Nacht oder guten Tag/ oder guten Morgen oder guten Abend ihr Herꝛen! sagt mir zuvor/ umb welche Zeit es seye/ damit ich euch darnach zu grüssen wisse? Da stunden und sassen sie alle sechse vor Schrecken zitternd/ und wusten nicht was sie mir antwoꝛten solten/ dann weil ich einer von den Längsten bin/ und eben damals noch wegen meines jüngst-verstorbenen Weibleins seelein schwartz Trauer-Kleid an hatte/ zumalen einen schröcklichen Prügel in Händen trug/ auff welchen ich mich wie ein wilder Mann steurete/ kam ihnen meine Gestalt entsetzlich vor; Wie? sagte ich/ will mir dann keiner antworten? Sie verblieben aber noch ein gute Weil erstaunt/ biß sich endlich einer erholte/ und sagte: Wear ischt dann der Hair? Da hörete ich/ daß es ein Schwäbische Nation seyn müste/ die man zwar (aber vergeblich) vor einfältig schätzet/ sagte derowegen/ ich seye ein fahrender Schüler/ der jetzo erst auß dem Venus-Berg kom̃e/ und ein gantzen Hauffen wunderliche Künst gelernet hätte; Oho! antwortet der ältste Baur/ jetzt glaub ich GOtt Lob/ daß ich den Frieden wieder erleben werde/ weil die fahrende Schüler wieder anfangen zu räisen.

Das XVIII. Capitel.

ALso kamen wir miteinander ins Gespräch/ und ich genosse so vieler Höflichkeit von ihnen/ daß sie mich hiessen zum Feuer nider sitzen/ und mir ein Stück schwartz Brod und magern Küh-Käß anbotten/ welches ich dann alle beyde acceptirte; Endlich [580] wurden sie so verträulich/ daß sie mir zumutheten/ ich solte ihnen als ein fahrender Schüler gute Warheit sagen: Und weil ich mich so wol auff die Physiognomiam als Chiromantiam umb etwas verstunde/ fienge ich an einem nach dem andern auffzuschneiden/ was ich meynte daß sie contentiren würde/ damit ich bey ihnen meinen Credit nicht verlierte/ denn es war mir bey dieser wilden Waldbursch nicht allerdings beimlich. Sie begehrten allerhand fürwitzige Künste von mir zu lernen/ ich ader vertröstet sie auff den künfftigen Tag/ und begehrte/ daß sie mich ein wenig wolten ruhen lassen. Und demnach ich solcher gestalt einen Zigeiner agirt hatte/ legte ich mich ein wenig beyseits/ mehr zu hoꝛchen und zu vernehmen/ wie sie gesinnet/ als daß ich grossen Willen (wiewol es am Appetit nicht mangelte) zu schlaffen gehadt hätte; je mehr ich nun schnarchte/ je wachtsamer sie sich erzeigten/ sie stiessen die Köpff zusammen/ und fiengen an umb die Wett zu rathen/ wer ich doch seyn möchte? vor keinen Soldaten wolten sie mich halten/ weil ich ein schwartz Kleid antrug/ und vor keinen Burgers-Kerl konten sie mich nit schätzen/ weil ich zu einer solchen ungewöhnlichen Zeit so fern von den Leuten in das Mucken-Loch (dann so heisset der Wald) angestochen käme. Zuletzt beschlossen sie/ ich müste ein Lateinischer Handwercks-Gesell seyn/ der verirꝛet wäre/ oder meinem eigenen Vorgeben nach/ ein fahrender Schüler/ weil ich so trefflich wahrsagen könte: Ja/ fieng denn ein anderer an/ und sagte/ Er hat drumb nicht alles gewust/ er ist etwan ein loser Krieger/ und hat sich so verkleidet/ unser Vieh und die Schlich im Wald außzukündigen/ [581] Ach daß wirs wüsten/ wir wolten ihn schlaffen legen/ daß er das auffwachen vergessen solte! Geschwind war ein anderer da/ der diesem Widerpart hielte/ und mich vor etwas anders ansahe. Jndessen lag ich dort/ und spitzt die Ohren/ ich gedachte/ werden mich diese Knollfincken angreiffen/ so muß mir zuvor einer oder drey ins Gras beissen/ ehe sie mich auffopffern.

Demnach nun diese so rathschlagten/ und ich mich mit Sorgen ängstigte/ wurde mir gehling/ als ob einer bey mir lege/ der ins Bett druntzte/ dann ich lag unversehens gantz naß/ ômirum! da war Tro[ja] verloren/ und alle meine treffliche Anschläge waren dahin/ dann ich merckte am Geruch/ daß es mein Sauerbrunnen war; Da geriethe ich vor Zorn und Unwillen in eine solche Raserey/ daß ich mich bey nahe allein hinder die sechs Baurn gelassen/ und mit ihnen herum geschlagen håtte: Jhr gottlose Flegel/ (sagte ich zu ihnen/ als ich mit meinem schröcklichen Prügel auffgesprungen war) an diesem Saurbrunnen der auff meiner Lägerstatt hervor quillt/ könt ihr mercken/ wer ich sey/ es wäre kein Wunder/ ich straffte euch alle/ daß euch der Teuffel holen möchte! weil ihr so böse Gedancken in Sinn nehmen dörffen/ machte darauff so bedrohliche und erschröckliche Minen/ daß sie sich alle vor mir entsetzten: Doch kam ich gleich wieder zu mir selber/ und merckte/ was ich vor eine Thorheit begieng/ Nein/ (gedacht ich) besser ists den Sauerbrunnen/ als das Leben verloren/ das du leicht einbüssen kanst/ wenn du dich hinder diese Limmel machst: gab ihnen derhalben wieder gute Wort/ und sagte/ ehe sie sich etwas anders [582] entsinnen konten: Stehet auff/ und versucht den herꝛlichen Sauerbrunnen/ den ihr und alle Hartzund Holtzmacher hinfort in dieser Wildnus meinet wegen zu geniessen haben werdet! Sie konten sich in mein Gespräch nicht richten/ sondern sahen einander an wie lebendige Stockfisch/ biß sie sahen/ daß ich fein nüchtern auß meinem Hut den ersten Trunck thät/ da stunden sie nach einander vom Feuer auff/ darumb sie gesessen/ besahen das Wunder/ und versuchten das Wasser/ und an statt daß sie mir darum hätten danckbar seyn sollen/ fiengen sie an zu lästern/ [un]d sagten: Sie wolten/ daß ich mit meinem Saurdrunnen an ein ander Ort gerathen wäre/ dann solte thre Herꝛschafft dessen innen werden/ so müste das gantze Ampt Dornstett frohnen/ und Weg darzu machen/ welches ihnen dann ein grosse Beschwerlichkeit seyn würde. Hingegen (sagte ich) habt ihr dessen alle zu geniessen/ eure Hüner/ Eyer/ Butter/ Viehe und anders/ könt ihr besser ans Geld bringen; Nein nein/ sagten sie/ Nein! die Herꝛschafft setzt einen Wirth hin/ der wird allein reich/ und wir müssen seine Narꝛen seyn/ ihm Weg und Steg erhalten/ und werden noch kein Danck darzu darvon haben! Zületzt entzweyten sie sich/ zween wolten den Sauerbrunnen behalten/ und ihrer vier mutheten mir zu/ ich solte ihn wieder abschaffen; welches/ da es in meiner Macht gestanden wäre/ ich wol ohne sie gethan haben wolte/ es wäre ihnen gleich lieb oder leyd gewesen.

Weil dann nunmehr der Tag vorhanden war/ und ich nichts mehr da zu thun hatte/ zumalen besorgen müste/ wir würden/ da es noch lang herum [583] gieng/ einander endlich in die Haar gerathen/ sagte ich: Wenn sie nicht wolten/ daß alle Kühe im gantzen Bayersbrunner Thal rothe Milch geben solten/ so lang der Brunn lieffe/ so solten sie mir alsobald den Weg in Seebach weisen/ dessen sie dann wol zu frieden/ und mir zu solchem End zwey mitgaben/ weil sich einer allein bey mir förchtete.

Also schiede ich von dannen/ und ob zwar dieselbe gantze Gegend unfruchtbar war/ und nichts als Tannzapffen trug/ so hätte ich sie doch noch elender verfluchen mögen/ weil ich alle mein Hoffnung daselbst verloren; doch gienge ich stillschweigend mit meinen Wegweisern fort/ biß ich auff die Höhe deß Gebürgs kam/ allwo ich mich dem Geländ nach wieder ein wenig erkennen konte. Da sagte ich zu ihnen: Jhr Herꝛen könt euch euren neuen Saurbrunnen trefflich zu nutz machen/ wenn ihr nemlich hin gehet/ und eurer Obrigkeit dessen Ursprung anzeiget/ dann da würde es eine treffliche Verehrung setzen/ weil alsdann der Fürst selbigen zur Zierde und Nutz deß Lands auffbauen/ und zu Vermehrung seines Interesse aller Welt bekant machen lassen wird; Ja/ sagten sie/ da wären wir wol Narꝛen/ daß wir uns eine Ruth auff unsern eigenen Hindern machten/ wir wolten lieber/ daß dich der Teuffel mit sampt deinem Sauerbrunnen holete/ du hast genug gehört/ warumb wir ihn nicht gerne sehen! Jch antwortet/ Ach ihr heyllose Tropffen/ solte ich euch nit meineydige Schelmen schelten/ daß ihr auß der Art eurer frommen Vor-Eltern so ferne abtrettet! dꝛeselbige waren ihrem Fürsten so getreu/ daß er sich ihrer rühmen dörffte/ Er wäre so kühn/ in eines jeden seiner [584] Underthanen Schos seinen Kopff zu legen/ und darinn sicherlich zu schlaffen; und ihr Maußköpff seyt nicht so ehrlich/ einer besorgenden geringen Arbeit willen/ darumb ihr doch mit der Zeit wieder ergetzt würdet/ und deren all eure Nachkömmling reichlich zu geniessen hätten/ beydes eurem Hochlöbl. Fürsten zu Nutz/ und manchem elenden Krancken zur Wolfahrt und Gesundheit diesen heylsamen. Sauerbrunnen zu offenbaren; was solts seyn/ wann gleich etwan jeder ein paar Tag darzu frohnte? Was/ sagten sie/ wir wolten dich/ damit dein Sauerbrunnen verborgen bleibe/ ehender im Frohn todt schlagen; Jhr Vögel/ (sagte ich) es müsten eurer mehr seyn! zuckte darauff meinen Prügel/ und jagte sie damit für alle Sanct Velten hinweg/ gieng folgends gegen Nidergang und Mittag Berg abwerts/ und kame nach vieler Mühe und Arbeit gegen Abend wieder heim auff meinen Bauren-Hof/ im Werck wahr zu seyn befindend/ was mir mein Knan zuvor gesagt hatte/ daß ich nemlich von dieser Wallfahrt nichts als müde Bein/ und den Hergang vor den Hingang haben würde.

Das XIX. Capitel.

NAch meiner Heimkunfft hielte ich mich gar eingezogen/ mein gröste Freud und Ergetzung war/ hinter den Büchern zu sitzen/ deren ich mir dann viel beyschaffte/ die von allerhand Sachen tractirten/ sonderlich solche/ die ein grosses Nachsinnens bedorfften; das was die Grammatici und Schulfüchse wissen müßten/ war mir bald erleidet/ und eben also [585] wurde ich der Arithmeticæ auch gleich überdrüssig/ was aber die Musicam anbelangt/ haßte ich dieselbe vorlängst wie die Pest/ wie ich dann meine Laute zu tausend Stückern schmisse; die Mathematica und Geometria fand noch platz bey mir/ so bald ich aber von diesen ein wenig zu der Astronomia geleitet wurde/ gah ich ihnen auch Feyerabend und hieng dieser sampt der Astrologia ein zeitlang an/ welche mich dann trefflich delectirten/ endlich kamen sie mir auch falsch und ungewiß vor/ also daß ich mich auch nicht länger mit ihnen schleppen mochte/ sondern griffe nach der Kunst Raymundi Lullii, fande aber viel Geschrey und wenig Wollen/ und weil ich sie vor eine Topicam hielte/ ließ ich sie fahren und machte mich hinter die Cabalam der Hebreer/ und Hieroglyphicas der Egyptier/ fande aber die allerletzte und auß allen meinen Künsten und Wissenschafften/ daß kein besser Kunst sey/ als die Theologia, wann man vermittelst derselbigen Gott liebet und ihm dienet! Nach der Richtschnur derselbigen erfande ich vor die Menschen eine Art zu leben die mehr Englisch als Menschlich seyn könte/ wann sich nemlich eine Gesellschafft zufammen thäte/ beydes von verehlichten und ledigen/ so Manns-als Weibspersonen/ die auff Manier der Widertäuffer allein sich beflissen/ unter einem verständigen Vorsteher durch ihrer Hand Arbeit ihren leiblichen Unterhalt zu gewinnen/ und sich die übrige Zeiten mit dem Lob und Dienst Gottes und ihrer Seelen Seeligkeit zu bemühen; dann ich hatte hiebevor in Ungarn auff den Widertäufferischen Höfen ein solches Leben gesehen/ also daß ich/ wofern dieselbe gute Leut mit andern falschen/ und der allgemeinen[586] Christlichen Kirchen widerwertigen ketzeꝛischen Meinung nicht weren verwickelt und vertiefft gewesen/ ich mich von freyen stücken zu ihnen geschlagen/ oder wenigst ihr Leben vor das seeligste in der gantzen Welt geschetzt hätte/ dann sie kamen mir in ihrem Thun und Leben allerdings für wie Josephus und andere mehr/ die Jüdische Esseer beschrieben; Sie hatten erstlich grosse Schätze und überflüssige Nahrung/ die sie aber keines Wegs verschwendeten/ kein Fluch/ Murmelung noch Ungedult würde bey ihnen gespürt/ ja man hörete kein unnützes Wort/ da sahe ich die Handwercker in ihren Werckstätten arbeiten/ als wann sie es verdingt hätten/ ihr Schulmeister instruirte die Jugend/ als wann sie alle seine leibliche Kinder gewest wären/ nirgends sahe ich Manns- und Weibsbilder untereinander vermischt/ sondern an jedem bestimbtẽ Ort auch jedes Geschlecht absonderlich seine obligende Arbeit verꝛichten; Jch fande Zimmer/ in welchen nur Kindtbetterinnen waren/ die ohne Obsorg ihrer Männer durch ihre Mitschwestern mit aller nothwendigen Pfleg sampt ihren Kindern reichlich versehen wurden/ andere sonderbahre Säl hatten nichts anders in sich/ als viel Wiegen mit Säuglingen/ die von hierzu bestimten Weibern mit Wischen und Speisen beobachtet wurden/ daß sich deren Mütter ferners nicht umb sie bekümmern dorfften/ als wann sie täglich zu dreyen gewissen Zeiten kamen/ ihnen ihre milchreiche Brüste zu bieten: und dieses Geschäffte den Kindbetterin und Kindern abzuwarten war allein den Wittiben anbefohlen/ anderswo sahe ich das Weibliche Geschlecht sonst nichts thun als spinnen/ also daß man[587] über die bundert Kunckeln oder Spinnrocken in einem Zimmer bey einander antraff/ da war eine ein Wäscherin/ die ander eine Bettmacherin/ die dritte Vieh-Magd/ die vierte Schüsselwäscherin/ die fünfte Kellerin/ die sechste hatte das weiß Zeug zu verwalten/ und also auch die übrige alle/ wuste ein jedwedere was sie thun solte; und gleichwie die Aempter unter dem Weiblichen Geschlecht oꝛdentlich außgetheilet waren/ also wuste auch unter den Männern und Jünglinge jeder sein Geschäffte/ wurde einer oder eine kranck/ so hatte er oder dieselbe einen sonderbahren Kranckenwarter oder Warterin/ auch beyde Theil einen allgemeinen Medicum und Apotecker; wiewol sie wegen löbl. Diæt und guter Ordnung selten erkrancken/ wie ich dann manchen feinen Mann in hohem gesundem und geruhigem Alter bey ihnen sahe/ dergleichen anderswo wenig anzutreffen/ sie hatten ihre gewisse Stunden zum Essen/ ihr gewisse Stunden zum Schlaffen/ aber kein einzige Minut zum spielen noch spatzieren/ ausserhalb die Jugend/ welche mit ihrem Præceptor jedes mal nach dem essen der Gesundheit halber ein Stund spatzieren gehen: mithin aber beten/ und geistliche Gesänge singen muste/ da war kein Zorn/ kein Eifer/ kein Rachgier/ kein Neid/ kein Feindschafft/ kein Sorg umb Zeitlichs/ kein Hoffart/ kein Reu! Jn Summa/ es war durchauß eine solche liebliche Harmonia, die auff nichts anders angestimbt zu seyn schiene/ als das Menschlich Geschlecht und das Reich Gottes in aller Erbarkeit zu vermehren/ kein Mann sahe sein Weib/ als wann er auff die bestimbte Zeit sich mit derselbigen in seiner Schlafkammer befande/ in [588] welcher er fein zugerichtes Bett/ und sonst nichts darbey als sein Nacht geschirꝛ neben einem Wasserkrug und weissen Handzwel fande/ damit er mit gewaschenen Händen beydes schlaffen gehen/ und den Morgen wieder an seine Arbeit auffstehen möchte; Uber das hiessen sie alle einander Schwestern und Brüder/ und war doch eine solche ehrbare Verträulichkeit keine Ursach unkeusch zu seyn. Ein solch seeliges Leben/ wie diese Widertäufferische Ketzer führen/ hätte ich gerne auch auffgebracht/ dann so viel mich dünckte/ so übertraff es auch das Clösterliche: Jch gedachte/ köntestu ein solches ehrbares Christliches Thun auffbringen unter dem Schutz deiner Obrigkeit/ so wärest du ein anderer Dominicus oder Franciscus; Ach/ sagte ich offt/ köntest du doch die Widertäuffer bekehren/ daß sie unsere Glaubensgenossen ihre Manier zu leben lerneten/ wie wärest du doch so ein seeliger Mensch! Oder wenn du nur deine Mit-Christen bereden köntest/ daß sie wie diese Widertäuffer ein solches (dem Schein nach) Christliches und ehrbares Leben führten/ was hättestu nicht außgerichtet? Jch sagte zwar zu mir selber: Narꝛ/ was gehen dich andere Leut an/ werde ein Capucciner/ dir sind ohne das alle Weibsbilder erleidet; Aber bald gedachte ich/ du bist morgen nicht wie heut/ und wer weiß/ was du künfftig vor Mittel bedörfftig/ den Weg Christi recht zu gehen? heut bistu geneigt zur Keuschheit/ morgen aber kanstu brennen.

Mit solchen und dergleichen Gedancken gienge ich lang umb/ und hätte gerne so einer vereinigten Christlichen Gesellschafft meinen Hof und gantzes [589] Vermögen zum besten gegeben/ unter derselben ein Mitglied zu seyn. Aber mein Knan propheceyte mir stracks/ daß ich wol nimmermehr solche Bursch zusammen bringen würde.

Das XX. Capitel.

DEnselbigen Herbst näherten sich Frantzösische/ Schwedische und Hessische Völcker/ sich bey uns zu erfrischen/ und zugleich die Reichs-Statt in unserer Nachbarschafft/ die von einem Engländischen König erbaut/ und nach seinem Nahmen genennet worden/ blocquirt zu halten/ deßwegen dann jederman sich selbst sampt seinem Vieh und besten Sachen in die hohe Wälder flehnte; Jch machte es wie meine Nachbarn/ und liesse das Hauß zimlich läer stehn/ in welches ein Reformierter Schwedischer Obrist logirt wurde; Derselbige fande in meinem Cabinet noch etliche Bücher/ dann ich in der Eyl nicht alles weg bringen konte/ und unter andern einige Mathematische und Geometrische Abriß/ auch etwas vom Fortification-Wesen/ wormit voꝛnemlich die Ingenieur umbgehen/ schloß derbalben gleich/ daß sein Quartier keinem gemeinen Bauren zuständig seyn müste/ fienge derowegen an/ sich umb meine Beschaffenheit zu erkündigen/ und meiner Person selbsten nachzutrachten/ massen er selbsten durch courtoise Zu-entbietungen und untermischte Drohwort mich dahin brachte/ daß ich mich zu ihm auff meinen Hof begab/ daselbst tractirte er mich gar höflich/ und hielte seine Leut dahin/ daß sie mir nichts unnützlich[590] verderben oder umbbringen solten. Mit solcher Freundlichkeit brachte er zu wegen/ daß ich ihm all meine Beschaffenheit/ vornemlich aber mein Geschlecht und Herkommen vertraute. Darauff verwundert er sich/ daß ich mitten im Krieg so unter den Baurn wohnen/ und zusehen möchte/ daß ein anderer sein Pferd an meinen Zaun binde/ da ich doch mit bessern Ehren das meinig an eines andern binden könte/ ich solte (sagte er) den Degen wieder anhencken/ und meine Gaben die mir Gott verliehen hätte/ nicht so hinderm Ofen und beym Pflug verschimlen lassen/ er wüste/ wenn ich Schwedische Dienst annehmen würde/ daß mich meine Qualitäten und Kriegs-Wissenschafften bald hoch anbringen würden: Jch liesse mich hierzu gar kaltsinnig an/ und sagte/ daß die Beförderung in weitem Feld stünde/ wenn einer keine Freund hätte/ die einem unter die Arm griffen; hingegen replicirte er/ meine Beschaffenheiten würden mir schon beydes Freunde und Beförderung schaffen/ über das zweifle er nicht/ daß ich nit Verwandte bey der Schwedischen Haupt-Armee antreffen würde/ die auch etwas gelten/ dann bey derselben viel voꝛnehme Schottische von Adel sich befänden/ ihm zwar (sagte er ferner) seye vom Torstensohn ein Regiment versprochen/ wann solches gehalten würde/ woran er denn gar nit zweiffele/ so wolte er mich alsbald zu seinem Obrist Leutenant machen. Mit solchen und dergleichen Worten machte er mir das Maul gantz wässerig/ und weilen noch schlechte Hoffnung auff den Frieden zu machen war/ und ich deßwegen so wol fernerer Einquartierung als gäntzlichen Ruins unterworffen/ als resolvirt ich mich wiederum mit zu machen/ und versprach[591] dem Obristen/ mich mit ihm zu begeben/ wofern er mir seine Parol halten/ und die Obrist Leutenantstelle bey seinem kůnfftigen Regiment geben wolte.

Also wurde die Glock gegossen/ ich liesse meinen Knan oder Petter holen/ derselbe war noch mit meinem Vieh zu Bayrischbrunn/ dem und seinem Weib verschrieb ich meinen Hof vor Eygenthum/ doch daß ihn nach seinem Todt mein Bastart Simplicius, der mir vor die Thür gelegt worden/ sampt aller Zugehörde erben solte/ weil keine eheliche Erben vorhanden; folgends holte ich mein Pferd/ und was ich noch vor Geld und Cleinodien hatte/ und nachdem ich alle meine Sachen richtig/ und wegen Aufferziehung erstermeldten meines wilden Sohns Anstalt gemacht/ wurde angeregte Blocquada unversehens auffgehoben/ also daß wir auffbrechen/ und zu der Haupt-Armee marchiren musten/ ehe wir sichs versahen; Jch agirete bey diesem Obristen einen Hofmeister/ und erhielte mit seinen Knechten und Pferden ihn und seine gantze Haußhaltung mit stehlen und rauben/ welches man auff Soldatisch fouragiren nennet.

Die Torstensohnische Promessen/ mit denen er sich auff meinem Hof so breit gemacht/ waren bey weitem nit so groß als er voꝛgeben/ sondern wie mich bedünckte/ wurde er vielmehr nur über die Achsel angesehen: Ach! sagte er dann gegen mir/ was vor ein schlimmer Hund hat mich bey der Generalität eingehauen/ da wird meines Verbleibens nicht lang seyn. Und demnach er argwohnete/ daß ich mich bey ihm in die Läng nicht gedulden würde/ dichtet er Brieff/ als wann er in Liffland/ allwo er dann [592] zu Hauß war/ ein frisch Regiment zu werben hätte/ und überꝛedete mich damit/ daß ich gleich ihm zu Wißmar auffsasse/ und mit ihm in Liffland fuhr. Da war es nun auch nobis, dann er hatte nicht allein kein Regiment zu werben/ sondern war auch sonsten ein Blut-armer Edelmann/ und was er hatte/ war von seinem Weib da.

Ob ich nun zwar mich zweymal betrügen/ und so weit hinweg führen lassen/ so gieng ich doch auch das dritte mal an/ dann er wiese mir Schreiben vor/ die er auß der Moscau bekommen/ in welchen ihm (seinem Voꝛgeben nach) hohe Kriegs-Chargen angetragen wurden/ massen er mir dieselbige Schreiden so verteutschte/ und von richtiger und guter Bezahlung trefflich auffschnitte: Und weilen er gleich mit Wetb und Kind auffbrach/ dachte ich/ er wird ja umb der Gäns willen nicht hinziehen; begab mich derowegen voll guter Hoffnung mit ihme auff den Weg/ weil ich ohne das kein Mittel und Gelegenheit sahe/ vor dißmal wieder zurück in Teutschland zu kehren; So balden wir aber über die Reussische Grentze kamen/ und uns unterschiedliche abgedanckte Teutsche Soldaten/ vornemlich Officier begegneten/ fienge mir an zu graueln/ und sagte zu meinem Obristen/ Was Teuffels machen wir? wo Krieg ist/ da ziehen wir hinweg/ und wo es Fried/ und die Soldaten unwerth und abgedanckt worden/ da kommen wir hin! Er aber gab mir noch immer gute Wort/ und sagte: Jch solte ihn nur sorgen lassen/ er wisse besser was zu thun sey/ als diese Kerl/ an denen nicht viel gelegen.

[593]

Nach dem wir nun sicher in der Statt Moscau ankommen/ sahe ich gleich daß es gefehlt hatte/ mein Obrister conferirte zwar täglich mit den Magnaten, aber viel mehr mit den Metropoliten als den Knesen/ welches mir gar nicht Spanisch/ aber viel zu pfäffisch vorkam; so mir auch allerhand Grillen und Nachdenckens erweckte/ wiewol ich nicht ersinnen könte/ nach was vor einem Zweck er zielte; endlich notificirt er mir/ daß es nichts mehr mit dem Krieg wäre/ und daß ihn sein Gewissen treibe die Griechische Religion anzunehmen; Sein treuhertziger Rath wäre/ weil er mir ohne das nunmehr nicht helffen konte wie er versprochen/ ich solte ihm nachfolgen; Deß Zaarn Mayestät hätte bereits gute Nachricht von meiner Person und guten Qualitäten/ die würden gnädigst belieben/ wofern ich mich accommodiren wolte/ mich als einen Cavallier mit einem stattlichen Adelichen Gut und vielen Unterthanen zu begnädigen; Welches allergnädigste Anerbieten nicht außzuschlagen wäre/ in deme einem jedwedern rathsamer wäre/ an einem solchen grossen Monarchen mehr einen allergnädigsten Herꝛn/ als einen ungeneigten Groß-Fürsten zu haben; Jch wurd hierüber gantz bestürtzt/ und wuste nichts zu antworten/ weil ich dem Obristen/ wann ich ihn an einem andern Ort gehabt/ die Antwort lieber im Gefühl als im Gehör zu verstehen geben hätte; muste aber meine Leyer anders stimmen/ und mich nach dem jenigen Ort richten/ darinn ich mich gleichsam wie ein Gesangner befande/ weßwegen ich dann/ ehe ich mich auff eine Antwort resolviren konte/ so lang[594] stillschwige: Endlich sagte ich zu ihm/ ich wäre zwar der Meinung kommen/ ihrer Zaarischen Mäyestät/ als ein Soldat zu dienen/ warzuer der Herꝛ Obriste mich daselbst veranlaßt hätte/ seyen nun Dieselbe meiner Kriegsdienste nicht bedörfftig/ so könte ichs nicht ändern/ viel weniger Derselben Schuld zumessen/ daß ich Jhrentwegen einen so weiten Weg vergeblich gezogen/ weil sie mich nicht zu Jhro zu kommen beschrieben/ daß aber Dieselbe mir ein so hohe Zaarische Gnad allergnädigst widerfahren zu lassen geruheten/ wäre mir mehr rühmlich aller Welt zu rühmen/ als solche allerunterthänigst zu acceptiren und zu verdienen/ weil ich mich meine Religion zu mutiren noch zur Zeit nicht entschliessen könne/ wünschend/ daß ich widerumb am Schwartzwald auff meinem Bauren-hof sässe/ umb niemanden einiges Anligen noch Ungelegenheiten zu machen; Hierauff antwortet er/ der Herꝛ thue nach seinem Belieben/ allein hette ich vermeinet/ wann ihn Gott und das Glück grüsset/ so solte er beyden billich dancken/ wann er ihm aber ja nicht helffen lassen/ noch gleichsam wie ein Printz leben will/ so verhoffe ich gleichwol/ er werde darvor halten/ ich habe an ihm das meinig nach eusserstem Vermögen zu thun keinen Fleiß gespart/ darauff hin machte er einen tieffen Bückling/ gieng seines wegs und liesse mich dort sitzen/ ohne daß er zulassen wolte/ ihme nur biß vor die Thür das Geleit zu geben.

Als ich nun gantz perplex dort sasse/ und meinen damaligen Zustand betrachtete/ hörete ich zween Reussische Wägen vor unserm Losament/ sahe[595] darauff zum Fenster hinauß/ und wie mein guter Herꝛ Obrister mit seinen Söhnen in den einen/ und die Frau Obristin mit ihren Töchtern in den andern einstiege/ es waren deß Groß-Fürsten Fuhren und Liberey/ zumalen etliche Geistliche darbey/ so diesem Ehevolck gleichsam auffwarteten/ und allen guten geneigten Willen erzeigten.

Das XXI. Capitel.

VOn dieser Zeit an wurde ich zwar nit offentlich/ sondern heimlich durch etliche Strelizen verwachet/ ohne daß ichs einmal gewust hätte/ und mein Obrister oder die seinige wurden mir nit einmal mehr zu sehen/ also daß ichs nicht wissen konte wo er hin kom̃en/ damals setzte es/ wie leicht zu erachten/ seltzame Grillen/ und ohne Zweiffel auch viel graue Haar auff meinem Kopff. Jch machte Kundschafft mit den Teutschen/ die sich beydes von Kauff- und Handwercksleuten in der Moscan ordinari auffhalten/ und klagte denselben mein Anligen/ und welcher gestalt ich mit Gefährden hindergangen woꝛden/ die gaben mir Trost und Anleitung/ wie ich wieder mit guter Gelegenheit in Teutschland kommen könte: So bald sie aber Wind bekamen/ daß der Zaar mich im Land zu behalten entschlossen/ und mich hierzu dringen wolte/ wurden sie alle zu Stummen an mir/ ja sie äusserten sich auch meiner/ und wurde mir schwer/ auch nur vor meinen Leib Herberg zu bekommen/ dann ich hatte mein Pferd sampt Sattel und Zeug bereits verzehrt/ und trennete heut [596] eine/ und morgen die andere Ducat auß/ die ich hiebevor zum Vorꝛath so weislich in meine Kleider vernähet hatte. Zuletzt fienge ich auch an/ meine Ring und Cleinodia zu versilbern/ als der Hoffnung/ mich so lang zu enthalten/ biß ich eine gute Gelegenheit wieder in Teutschland zu kommen/ erharꝛen möchte. Jndessen lieff ein Viertel-Jahr herumb/ nach welchem offtgemeldter Obriste sampt seinem Haußgesind wieder umbgetaufft/ und mit einem ansehenlichen Adelichen Gut und vielen Underthanen wieder versehen wurde.

Damals gienge ein Mandat auß/ daß man gleich wie unter den Jnheimischen/ also auch unter den Fremden keine Müssiggänger bey hoher unaußbleiblicher Straffmehr leiden solte/ als die den Arbeitenden nur das Brod vorm Maul weg fressen/ und was von Frembden nicht arbeiten wolte/ das solte das Land in einem Monat/ die Statt aber in vier und zwantzig Stunden raumen. Also schlugen sich unserer bey fünfftzig zusammen/ der Meynung/ unsern Weg in GOttes Nahmen durch Podoliam nacher Teutschland miteinander zu nehmen/ wir wurden aber nicht gar zwo Stund weit von der Statt von etlichen Reussischen Reutern wieder eingeholt/ mit dem Vorwand/ daß Jhr Zaarische Majestät ein groß Mißfallen hätte/ daß wir uns frevelhaffter Weis unterstanden/ in so starcker Anzahl sich zusammen zu rotten/ und ohne Paß unsers Gefallens Dero Land zu durchziehen/ mit fernerem Anhang/ daß Jhr Majestät nicht unbefügt wären/ uns unsers groben Beginnens halber nach Syberien zu schicken. [597] Auff demselbigen Zurückweg erfuhr ich/ wie mein Handel beschaffen war/ dann der jenige so den Troppen Reuter fuhrte/ sagte mir außtrücklich/ daß Jhr Zaarische Majestät mich nicht auß dem Land lassen würden/ sein treuhertziger Rath wäre/ ich solte mich nach Dero Allergnädigstem Willen accommodiren/ mich zu ihrer Religion verfügen/ und wie der Obrige gethan/ ein solch ansehenlich Adelich Gut nicht verachten/ mit Versicherung/ wo ich dieses außschlagen/ und bey ihnen nicht als ein Herꝛ leben wolte/ daß ich wider meinen Willen als ein Knecht dienen müste; Und würden auch Jhr Zaarische Majestät nicht zu verdencken seyn/ daß Sie einen solchen wol-erfahrnen Mann/ wie mich der offtgemeldte Obriste beschaffen zu seyn beschrieben/ nicht auß dem Land lassen wolten. Jch verꝛingerte mich hierauff/ und sagte: Der Herꝛ Obriste würde mir vielleicht mehr Künste/ Tugend und Wissenschafften zugeschrieben haben/ als ich vermöchte; zwar wäre ich darumb ins Land kommen/ Jhrer Zaarischen Majestät und der Löblichen Reussischen Nation/ auch mit Darsetzung meines Bluts/ wider Dero Feinde zu dienen/ daß ich aber meine Religion ändern solte/ könte ich mich noch nicht entschliessen/ wofern ich aber in einigerley Weg Jhrer Zaarischen Majestät ohne Beschwerung meines Gewissens würde dienen können/ würde ich an meinem äussersten Vermögen nichts erwinden lassen.

Jch wurde von den andern abgesondert/ und zu einem Kauffherꝛn logirt/ allwo ich nunmehr offentlich verwacht/ hingegen aber täglich mit[598] herꝛlichen Speisen und köstlichem Getränck von Hof auß versehen wurde; hatte auch täglich Leut die mir zusprachen/ und mich hin und wieder zu Gast luden/ sonderlich war einer/ dem ich ohne Zweiffel insonderheit befohlen war (ein schlauer Mann) der unterhielte mich täglich mit freundlichem Gespräch/ denn ich konte schon zimlich Reussisch reden/ dieser discurirte mehrentheils mit mir von allerhand Mechani- schen Künsten/ item von Kriegs- und andern Machinen/ vom Fortification-Wesen/ und der Artollerey, &c. zuletzt als er unterschiedlich mal auff den Busch geklopfft/ umb zu vernehmen/ ob ich mich endlich nicht ihres Zaaren Intention nach bequemen wolte/ und keine Hoffnung fassen konte/ daß ich mich im geringsten ändern würde/ begehrte er/ wenn ich ja nicht Reussisch werden wolte/ so solte ich doch dem Grossen Zaar zu Ehren/ ihrer Nation etwas von meinen Wissenschafften communiciren und mittheilen/ ihr Zaar würde meine Willfährigkeit mit hohen Käiserlichen Gnaden erkennen; Darauff antwortet ich/ meine Affection wäre jederzeit dahin gestanden/ Jhrer Zaarischen Majestät underthänigst zu dienen/ massen ich zu solchem Ende in Dero Land kommen wäre/ seye auch noch solcher gestalt intentionirt/ wiewol ich sehe/ daß man mich gleichsam wie einen Gefangenen auffhalte: Ey nicht so Herꝛ/ antwortet er/ ihr seyt nicht gefangen/ sondern Jhr Zaarische Majestät lieben euch so hoch/ daß Sie eurer Person schier nicht wissen zu entberen; Warum (sagte ich) werde ich dann verwacht? darum/ antwortet er/ weil Jhr Zaarische Majestät[599] besorgen/ es möchte euch etwas Leyds widerfahren.

Als er nun meine Offerten verstunde/ sagte er/ daß Jhr Zaarische Majestät Allergnädigst bedacht wären/ in Dero Landen selber Salpeter graben/ und Pulver zurichten zu lassen/ weil aber niemand unter ihnen wäre/ der damit umbgehen könte/ würde ich der Zaarischen Majeståt einen angenehmen Dienst erweisen/ wann ich mich deß Wercks untersienge/ Sie würden mir hierzu Leute und Mittel genug an die Hand schaffen/ und er vor seine Person wolte mich auffs treuhertzigste gebetten haben/ ich wolte solches Allergnädigstes Angesinnen nicht abschlagen/ dieweilen sie bereits genugsame Nachricht hätten/ daß ich mich auff diese Sachen trefflich wol verstünde. Darauff antwortet ich/ Herꝛ/ ich sage vor wie nach/ wann der Zaarischen Majestät ich in etwas dienen kan/ ausser daß Sie gnädigst geruhen/ mich in meiner Religion passiren zu lassen/ so werde ich an meinem Fleiß nichts erwinden lassen. Hierauff wurde dieser Reuß (welcher einer von den vornehmsten Knesen war) trefflich lustig/ also daß er mir mit dem Trunck mehr zusprach/ als ein Teutscher.

Den andern Tag kamen vom Zaar zween Knesen und ein Dolmetsch/ die ein endliches mit mir beschlossen/ und von wegen deß Zaaren mir ein köstliches Reussisches Kleid verehrten. Also fienge ich gleich etliche Tag hernach an Salpeter-Erde zu suchen/ und die jenige Reussen/ so mir zugegeben waren/ zu lernen/ wie sie denselben von der Erden [600] separiren und läutern solten/ und mithin verfertigte ich die Abriß zu einer Pulver-Mühlen/ und lehrete andere die Kohlen brennen/ daß wir also in gar kurtzer Zeit so wol deß besten Bürsch- als deß groben Stück-Pulvers eine zimliche Quantität verfertigten/ dann ich hatte Leut genug/ und darneben auch meine sonderbare Diener/ die mir auffwarten/ oder besser zu sagen/ die mich hüten und verwahren solten.

Als ich mich nun so wol anliesse/ kam der vielgemeldte Obriste zu mir/ in Reussischen Kleidern/ und mit vielen Dienern gantz prächtig auffgezogen/ ohne Zweiffel durch solche scheinbarliche Herꝛlichkeit mich zu persuadiren/ daß ich mich auch umbtauffen lassen solte; Aber ich wuste wol/ daß die Kleider auß deß Zaaren Kleider-Kasten waren/ und ihm nur angeliehen/ mir die Zähne weiß zu machen/ weil solches an dem Zaarischen Hof der aller-gewöhnlichste Brauch ist.

Und damit der Leser versiehe/ wie es damit pfleget herzugehen/ will ich ein Exempel von mir selbst erzehlen: Jch war einsmals geschäfftig auff den Pulver-Mühlen/ die ich aufferhalb Moscau an den Fluß bauen lassen/ Verordnung zu thun/ was der ein und ander von meinen zugegebenen Leuten denselben und folgenden Tag vor Arbeit verꝛichten solte/ da wurde ohnversehens Allarm, weilen sich die Tartarn bereits vier Meilen weit auff 100000. Pferd starck befanden/ das Land plünderten/ und also immerhin fort avancirten/ da musten ich und meine Leut sich alsobalden nach Hof begeben/[601] allwo wir auß deß Zaaren Rüst-Kammer und Marstall mondirt wurden; Jch zwar wurde an statt deß Küriß mit einem gesteppten seidenen Pantzer angethan/ welcher einen jeden Pfeil auffhielte/ aber vor keiner Kugel Schußfrey seyn konte/ Stieffel/ Sporen/ und ein Fürstliche Hauptzierde mit einem Reigerbusch/ sampt einem Sebel der Haar schur/ mir lauter Gold beschlagen/ und mit Edelgesteinen versetzt/ wurden mir dargeben/ und von deß Zaaren Pferden ein solches untergezogen/ dergleichen ich zuvor mein Lebtag keins gesehen/ geschweige beritten; ich und das Pferdgezeug gläntzten von Gold/ Silber/ Edelgesteinen und Perlen/ ich hatte einen stählernen Streitkolben anhangen/ der glitzerte wie ein Spiegel/ und war so wol gemacht und so gewichtig/ daß ich einen jeden dem ich eins damit versetzte/ gar leicht todt schlug/ also daß der Zaar selbst besser mondirt daher nicht reuten können/ mir folgte ein weisser Fahnen mit einem doppelten Adler/ welchem von allen Orten und Winckeln gleichsam Volck zuschnye/ also daß wir ehe zwey Stund vergiengen/ bey viertzig- und nach vier Stunden bey sechtzigtausend Pferd starck waren/ mit welchen wir gegen den Tartarn fort ruckten; Jch hatte alle Viertelstund neue mündliche Ordre von dem GroßFürsten/ die nichts anders in sich hielten/ als: Jch solte mich heut als ein Soldat erzeigen/ weil ich mich vor einen außgegeben/ damit Seine Majestät mich auch vor einen halten und erkennen könten: All Augenblick vermehrte sich unser Hauff beydes von Kleinen und Grossen/ so[602] Troppen als Personen/ und ich konte doch in solcher Eyl keinen einigen erkennen/ der das gantze Corpus commandiren/ und die Battaglia anordnen solte.

Jch mag eben nicht alles erzehlen/ dann es ist meiner Histori an diesem Treffen nicht viel gelegen; ich will allein diß sagen/ daß wir die Tartarn/ so mit müden Pferden und vielen Beuten beladen/ urplötzlich in einem Thal oder zimlich tieffen Geländ antraffen/ als sie sich dessen am allerwenigsten versahen/ und von allen Orten mit solcher Furi darein giengen/ daß wir sie gleich im ersten Anfang trennten; Jm ersten Angriff sagte ich zu meinen Nachfolgern auff Reussische Sprach: Nun wolan/ es thue jeder wie ich! Solches schryen sie einander alle zu/ und damit rennete ich mit verhängtem Zaum an die Feinde/ und schlug dem ersten den ich antraff/ welcher ein Mirsa war/ den Kopff entzwey/ also daß sein Hirn an meinem stählernen Kolben hängen bliebe. Die Reussen folgten meinem heroischen Exempel/ so daß die Tartarn ihren Angriff nicht erleiden mochten/ sondern sich in eine allgemeine Flucht wendeten: Jch thät wie ein Rasender/ oder vielmehr wie einer der auß Desperation den Todt suchte/ und nicht finden kan; Jch schlug alles nider was mir vorkam/ es wäre gleich Tartar oder Reuß gewesen. Und die so vom Zaaren auff mich bestellt waren/ trangen mir so fleissig nach/ daß ich allezeit einen sichern Rucken behielte/ der Lufft flog so voller Pfeil/ als wann Jmmen oder Bienen geschwermt hätten/ worvon mir dann einer [603] in Arm zu theil wurde/ dann ich hatte meine Ermel hindersich gestreifft/ damit ich mit meinem Sebel und Streit-Kolben desto unverhinderlicher metzlen und todt schlagen könte. Ehe ich den Pfeil aufffienge/ lachte mirs Hertz in meinem Leib an solcher Blutvergiessung/ da ich aber mein eigen Blut fliessen sahe/ verkehrte sich das Lachen in eine unsinnige Wuth. Demnach sich aber diese grimmige Feinde in eine hauptsächliche Flucht wendeten/ wurde mir von etlichen Knesen im Nahmen deß Zaarn befohlen/ ihrem Käiser die Bottschafft zu bringen/ was gestalt die Tartarn überwunden; Also kehrete ich auff ihr Wort zurück/ und hatte obngefähr hundert Pferd zur Nachfolg. Jch ritte durch die Statt der Zaarischen Wohnung zu/ und wurde von allen Menschen mit Frolocken und Glückwünschung empfangen/ so bald ich aber von dem Treffen Relation gethan hatte/ ob zwar der Groß-Fürst von allem Verlauff schon Nachricht hatte/ muste ich meine Fürstliche Kleider wieder ablegen/ welche wiederum in deß Zaaren Kleider-Behaltnus auffgehaben wurden/ wiewol sie sampt dem Pferd-Gezeug über und über mit Blut besprengt und besudelt/ und also fast gar zu nichte gemacht waren/ und ich also nicht anders vermeynt hätte/ weil ich mich so ritterlich in diesem Treffen gehalten/ sie solten mir zum wenigsten sampt dem Pferd zum Recompens überlassen worden seyn: Konte demnach hierauß wol abnehmen/ wie es mit der Reussen KleiderPracht beschaffen/ deren sich mein Obrister bedient/ weil es lauter gelehnte Wahr ist/ die dem Zaaren/[604] wie auch alle andere Sachen in gantz Reussen/ allein zuständig.

Das XXII. Capitel.

SO lang meine Wunde zu heilen hatte/ wurde ich allerdings Fürstlich tractirt, ich gieng allezeit in einem Schlaff-beltz von güldenem Stück mit Zobeln gefüttert/ wiewol der Schad weder tödtlich noch gefährlich war/ und ich hab die Tag meines Lebens niemals keiner solchen fetten Kuchen genossen als eben damals; solches waren aber alle meine Beuten/ die ich von meiner Arbeit hatte/ ohne das Lob/ so mir der Zaar verlihe/ welches mir aber auß Neid etlicher Knesen verbittert wurde.

Als ich aber gäntzlich heil war/ wurde ich mit einem Schiff die Walga hinunter nach Astrachan geschickt/ daselbsten wie in der Moscau ein Pulvermacherey anzuordnen/ weil dem Zaarn unmüglich war/ dieselbe Grentz-Vestungen allezeit von Moscau auß mit frischem und gerechtem Pulver/ das man einen so weiten Weg auff dem Wasser durch viel Gefährligkeit hinführen muste/ zu versehen; Jch liesse mich gern gebrauchen/ weil ich Promessen hatte/ der Zaar würde mich nach Verꝛichtung solches Geschäffts wiederumb in Holland fertigen/ und mir seiner Hochheit/ und meinen Verdiensten gemäß/ ein namhafftes Stück Geld mitgeben; Aber ach! wañ wir in unseren Hoffnungen und gemachten concepten am allersichersten und gewissesten zu stehen vermeinen/ so kompt unversehens ein Wind der allen [605] Bettel auff einmal übern hauffen wehet/ waran wir so lange Zeit gebauet: Der Gubernator in Astrachan tractirte mich wie seinen Zaarn/ und ich stellt alles in Kürtze auff einen guten Fuß/ seine verlegene Munition, die allerdings faul und versport war/ und keinen Effect mehr thun konte/ gosse ich gleichsam wider von neuem umb/ wie ein Spengler auß dem alten-neue zinnerne Leffel macht/ so bey den Reussen damals ein unerhörtes Ding war/ weßwegen und anderer Wissenschafften mehr mich dann theils vor einen Zauberer/ andere vor einen neuen Heiligen oder Propheten: und aber andere vor einen andern Empedoclem oder Gorgiam Leontinum hielten; Als ich aber im besten Thun war/ und mich ausserhalb der Vestung über Nacht in einer Pulvermühl befande/ wurde ich von einer Schaar Tartarn diebisch[er] weiß gestohlen und auffgehoben/ welche mich fampt andern mehr/ so weit in ihr Land hinein führten/ daß ich auch das Schafgewächs Borametz nicht allein wachsen sehen konte/ sondern auch darvon essen dorffte; diese vertauschten mich mit den Niuchischen Tartarn/ umb etliche Chinesische KauffmannsWahren/ welche mich hernach dem König in Corea, mit welchem sie eben Stillstand der Waffen gemacht hatten/ vor ein sonderbares Præsent verehrten/ daselbst wurde ich werth gehalten/ weil keiner meines gleichen in Dusecken sich finden liesse/ und ich den König lernete/ wie er mit dem Rohr auff der Achsel ligend/ und den Rucken gegen der Scheiben kehrende/ dannoch das schwartze treffen könde/ weßwegen er mir dann auch auff mein unterthänigs [606] anhalten die Freyheit wieder schenckte/ und mich durch Japonia nach Macao zu den Portugesen gefertigt/ die aber meiner wenig achteten/ gieng derowegen bey ihnen herumb/ wie ein Schaf das sich von seiner Heerde verirꝛet/ biß ich endlich wunderbarlicher weiß von etlichen Türckischen oder Mahometanischẽ Meer-Raubern gefangen/ und (nach dem sie mich wol ein gantzes Jahr auff dem Meer bey seltzamen frembden Völckern/ so die Ost-Jndianische Jnsulen bewohnen/ herumb geschleppt) von denselben etlichen Kauff Leuten von Alexandria in Egypten verhandelt wurde/ dieselbe namen mich mit ihren Kauffmanns-Wahren mit sich nach Constantinopel/ und weil der Türckische Käiser/ eben damaln etliche Galleren wider die Venediger außrüstete/ und Mangel an Ruderern erschiene/ musten viel Türckische Kauffleut ihre Christliche Sclaven jedoch umb bahre Bezahlung/ hergeben/ warunder ich mich dann/ als ein junger starcker Kerl auch befande/ also muste ich lernen rudern/ aber solche schwere Dienstbarkeit wehret nicht über zween Monat/ dann unsere Gallera wurde in Levante von den Venetianern Ritterlich übermannet/ und ich sampt allen meinen Gespanen auß der Türcken Gewalt erledigt/ als nun besagte Gallera zu Venedig mit reicher Beut und etlichen vornehmen Türckischen Gefangnen auffgebracht wurde/ war ich auff freyen Fuß gestellt/ weil ich nach Rom und Loreta Pilgersweiß wolte/ selbige Oreter zu beschauen/ und Gott umb meine Erledigung zu dancken/ zu solchem Ende bekam ich gar leichtlich einen Paß/ und von ehrlichen Leuten/ [607] sonderlich etlichen Teutschen/ eine zimliche Steur/ also daß ich mich mit einem langen Pilger versehen und meine Räiß antretten könte.

Demnach begab ich mich den nechsten Weg auff Rom/ allwo mirs trefflich zuschlug/ weil ich beydes von Grossen und Kleinen viel erbettelte/ und nach dem ich mich ungefehr 6. Wochen daselbst auffgehalten/ name ich meinen Weg mit andern Pilgern darunter auch Teutsche/ und sonderlich etliche Schweitzer waren/ die wieder nach Hauß wolten/ auff Loreta; von dannen kam ich über den Gottart durchs Schweitzerland wider auff den Schwartzwald zu meinem Knan/ welcher meinen Hof bewahrt/ und drachte nichts besonders mit beim/ als einen Bart/ der mir in der Frembde gewachsen war.

Jch war drey Jahr und etlich Monat auß gewesen/ in welcher Zeit ich etliche unterschiedliche Meer überfahren/ und vielerley Völcker gesehen/ aber bey denenselben gemeiniglich mehr böses als gutes empfangen/ von welchem allem ein grosses Buch zu schreiben wäre; Jn dessen war der Teutsche Fried geschlossen worden/ also daß ich bey meinem Knan in ficherer Ruhe leben konte/ denselben liesse ich sorgen und hausen/ ich aber setzte mich wieder hinder die Bücher/ welchzs dann beydes meine Arbeit und Ergözung war.

Das XXIII. Capitel.

JCh lase einsmals/ was massen das Oraculum Apollinis den Römischen Abgesandten/ als sie [608] fragten was sie thun müsten/ damit ihre Unteꝛthanen friedlich regirt würden/ zur Antwort geben/ Nosce teipsum, das ist/ es sollte sich jeder selbst erkennen: Solches machte daß ich mich hindersonne/ und von mir selbst Rechnung über mein geführtes Leben begehrte/ weil ich ohne das müssig war/ da sagte ich zu mir selber/ dein Leben ist kein Leben gewesen/ sondern ein Todt; deine Tage ein schwerer Schatten/ deine Jahr ein schwerer Traum/ deine Wollüst schwere Sünden/ deine Jugend eine Phantasey/ und deine Wolfahrt ein Alchimisten Schatz/ der zum Schornstein hinauß fährt/ und dich verläst/ ehe du dich dessen versihest! du bist durch viel Gefährligkeiten dem Krieg nachgezogen/ und hast in dem selbigen viel Glück und Unglück eingenommen/ bist bald hoch bald nider/ bald groß bald klein/ bald reich bald arm/ bald frölich bald betrübt/ bald beliebt bald verhaßt/ bald geehrt und bald veracht gewesen: Aber nun du O mein arme Seel was hastu von dieser gantzen Räiß zu wegen gebracht? diß hast du gewonnen: Jch bin arm an Gut/ mein Hertz ist beschwerdt mit Sorgen/ zu allem guten bin ich faul/ träg und verderbt/ und was das allerelendeste/ so ist mein Gewissen ängstig und beschwert/ du selbsten aber bist mit vielen Sünden überhäufft und abscheulich besudelt! der Leib ist müd/ der Verstand verwirꝛet/ die Unschuld ist hin/ mein beste Jugend verschlissen/ die edle Zeit verlohren/ nichts ist das mich erfreuet/ und über diß alles/ bin ich mir selber feind; Als ich nach meines Vattern seeligen Todt in diese Welt lam/ da war ich einfältig und rein/ auffrecht und[609] redlich/ warhafftig/ demütig/ eingezogen/ mässig/ keusch/ schamhafftig/ fromm und andächtig; bin aber bald boßhafftig/ falsch/ verlogen/ hoffärtig/ unruhig/ und überall gantz gottlos woꝛden/ welche Laster ich alle ohne einen Lehrmeister gelernet; Jch nam meine Ehr in acht/ nicht ihrer selbst/ sondern meiner Erhöhung wegen; Jch beobachtet die Zeit/ nicht solche zu meiner Seeligkeit wol anzulegen/ sondern meinem Leib zu nutz zu machen; Jch hab mein Leben vielmal in Gefahr geben/ und hab mich doch niemal beflissen solches zu bessern/ damit ich auch getrost und seelig sterben könte; Jch sahe nur auff das gegenwärtige und meinen zeitlichen Nutz/ und gedachte nicht einmal an das künfftige/ viel weniger/ daß ich dermaleins vor Gottes Angesicht müste Rechenschafft geben! Mit solchen Gedancken quälte ich mich täglich/ und eben damals kamen mir etliche Schrifften deß Queva[r]æ unter die Hände/ darvon ich etwas hieher setzen muß/ weil sie so kräfftig waren/ mir die Welt vollends zu erleiden. Diese lauteten also:

Das XXIV. Capitel.

ADjeu Welt/ dann auff dich ist nicht zu trauen/ noch von dir nichts zu hoffen/ in deinem Hauß ist das vergangene schon verschwunden/ das gegenwärtige verschwindet uns unter den Händen/ das zukünfftige hat nie angefangen/ das aller-beständigste fällt/ das aller-stärckste zerbricht/ und das allerewigste nimmt ein End; also/ daß du ein Todter bist [610] unter den Todten/ und in hundert Jahren lästu uns nicht eine Stund lebene

Adjeu Welt/ denn du nimmst uns gefangen/ und läst uns nicht wieder ledig/ du bindest uns/ und lösest uns nicht wieder auff; du betrübest/ und tröstest nit/ du raubest/ und gibest nichts wieder/ du verklagest uns/ und hast keine Ursach/ du verurtheilest/ und hörest keine Partey; Also daß du uns tödtest ohne Urtheil/ und begräbest uns ohne Sterben! Bey dir ist keine Freud ohne Kummer/ kein Fried ohne Uneinigkeit/ keine Lieb ohne Argwohn/ keine Ruhe ohne Forcht/ keine Fülle ohne Mängel/ keine Ehr ohne Mackel/ kein Gut ohne böß Gewissen/ kein Stand ohne Klag/ und keine Freundschafft ohne Falschheit.

Adjeu Welt/ dann in deinem Pallast verheisset man ohne Willen zu geben/ man dienet ohne bezahlen/ man liebkoset/ umb zu tödten/ man erhöhet/ umb zu stürtzen/ man hilfft/ umb zu fällen/ man ehret/ umb zu schänden/ man entlehnet/ umb nicht wieder zu geben/ man strafft/ ohne verzeyhen.

Behüt dich GOtt Welt/ dann in deinem Hauß werden die grosse Herꝛen und Favoriten gestürtzt/ die Unwürdige herfür gezogen/ die Verꝛäther mit Gnaden angesehen/ die Getreue in Winckel gestellt/ die Boßhafftige ledig gelassen/ und die Unschuldige verurtheilt/ den Weisen und Qualificirten gibt man Urlaub/ und den Ungeschickten grosse Besoldung/ den Hinderlistigen wird geglaubt/ und die Auffrichtige und Redliche haben keinen Credit, ein jeder thut was er will/ und keiner was er thun soll.

[611]

Adjeu Welt/ dann in dir wird niemand mit seinem rechten Nahmen genennet/ den Vermessenen nennet man kühn/ den Verzagten fürsichtig/ den Ungestümmen embsig/ und den Nachlässigen friedsam; Einen Verschwender nennet man herꝛlich/ und einen Kargen eingezogen; einen hinderlistigen Schwätzer und Plauderer nennet man beredt/ und den Stillen einen Narꝛn oder Phantasten; einen Ehebrecher und Jungfrauen-schänder nennet man einen Buler; einen Unflat nennet man einen Hofmann/ einen Rachgierigen nennet man einen Eyferigen/ und einen Sanfftmütigen einen Phantasten/ also daß du uns das giebige vor das ungiebige/ und das ungiebige vor das giebige verkauffest.

Adjeu Welt/ dann du verführest jederman/ den Ehrgeitzigen verheissest du Ehr/ den Unruhigen Veränderung/ den Hochtragenden Gnad bey Fürsten/ den Nachlässigen Aempter/ den Geitzhälsen viel Schätze/ den Fressern und Unkeuschen Freude und Wollust/ den Feinden Rach/ den Dieben Heimlichkeit/ den Jungen langes Leben/ und den Favoriten verheissestu beständige Fürstliche Huld.

Adjeu Welt/ dann in deinem Pallast findet weder Warheit noch Treu ihre Herberg! wer mit dir redet wird verschamt/ wer dir traut wird betrogen/ wer dir folgt wird verführt/ wer dich förchtet wird am aller-übelsten gehalten/ wer dich liebt wird übel belohnt/ und wer sich am allermeisten auff dich verläst/ wird auch am allermeisten zu schanden gemacht; an dir hilfft kein Geschenck so man dir gibt/ kein Dienst so man dir erweist/ keine liebliche Wort so man dir [612] zuredet/ kein Treu so man dir hält/ und keine Freundschafft so man dir erzeigt/ sondern du betrengst/ stürtzest/ schändest/ besudelst/ drohest/ verzehrest und vergist jederman; dannenhero weynet/ seufftzet/ jammert/ klaget und verdirbt jederman/ und jederman nimmt ein End; bey dir sihet und lernet man nichts/ als einander hassen biß zum würgen/ reden biß zum lügen/ lieben biß zum verzweiffeln/ handlen biß zum stehlen/ bitten biß zum betrügen/ und sündigen biß zum sterben.

Behüt dich GOtt Welt/ dann dieweil man dir nachgehet/ verzehret man die Zeit in Vergessenheit/ die Jugend mit rennen/ lauffen und springen über Zaun und Stiege/ über Weg und Steg/ über Berg und Thal/ durch Wald und Wildnus/ über See und Wasser/ in Regen und Schnee/ in Hitz und Kält/ in Wind und Ungewitter; die Mannheit wird verzehrt mit Ertz schneiden und schmeltzen/ mit Stein hauen und schneiden/ hacken und zimmern/ pflantzen und bauen/ in Gedancken dichten und trachten/ in Rathschlägen ordnen/ Sorgen und Klagen/ in Kauffen und Verkauffen/ Zancken/ Hadern/ Kriegen/ Lügen und Betrügen; Das Alter verzehrt man in Jammer und Elend/ der Geist wird schwach/ der Athem schmeckend/ das Angesicht runtzlicht/ die Länge krumm/ und die Augen werden dunckel/ die Glieder zittern/ die Nase trtefft/ der Kopffwird kahl/ das Gehör verfällt/ der Geruch verliert sich/ der Geschmack geht hinweg/ er seuffzet und achzet/ ist faul und schwach/ und hat in Summa nichts als Mühe und Arbeit biß in Todt.

[613]

Adjeu Welt/ dann niemand will in dir from̃ seyn/ täglich richtet man die Mörder/ viertheilt die Verräther/ hencket die Dieb/ Strassenräuber und Freybeuter/ köpfft Todtschläger/ verbrennt Zauberer/ strafft Meineydige/ und verjagt Auffrührer.

Behüt dich GOtt Welt/ dann deine Diener haben kein andere Arbeit noch Kurtzweil/ als faullentzen/ einander vexieren und außrichten/ den Jungfrauen hofieren/ den schönen Frauen auffwarten/ mit denselben liebäuglen/ mit Würffeln und Karten spielen/ mit Kupplern tractiren/ mit den Nachbarn kriegen/ neue Zeitungen erzehlen/ neue Fünd erdencken/ mit dem Judenspieß rennen/ neue Trachten ersinnen/ neue List auffbringen/ und neue Laster einführen.

Adjeu Welt/ dann niemand ist mit dir content oder zu frieden/ ist er arm/ so will er haben; ist er reich/ so will er viel gelten; ist er veracht/ so will er hoch steigen; ist er injurirt/ so will er sich rächen; ist er in Gnaden/ so will er viel gebieten; ist er lasterhafftig/ so will er nur bey gutem Muth seyn.

Adjeu Welt/ dann bey dir ist nichts beständiges/ die hohe Thürn werden vom Blitz erschlagen/ die Mühlen vom Wasser weg geführt/ das Holtz wird von den Würmen/ das Korn von Mäusen/ die Früchten von Raupen/ und die Kleider von Schaben gefressen/ das Viehe verdirbt vor Alter/ und der arme Mensch vor Kranckheit: Der eine hat den Grind/ der ander den Krebs/ der dritte den Wolff/ der vierte die Frantzosen/ der fünffte das Podagram/ der sechste die Gicht/ der siebende die Wassersucht/ der achte den Stein/ der neunte das Grieß/ der zehende [614] die Lungensucht/ der eylffte das Fieber/ der zwölffte den Außsatz/ der dreyzehende das Hinfallen/ und der vierzehende die Thorheit! Jn dir ô Welt/ thut nicht einer was der ander thut/ dann wann einer weynet/ so lacht der ander/ einer seufftzet/ der ander ist frölich; einer fastet/ der ander zechet; einer banquetirt/ der ander leidet Hunger; einer reutet/ der ander gehet; einer redt/ der ander schweigt; einer spielet/ der ander arbeitet; und wann der eine geboꝛen wird/ so stirbt der ander. Also lebt auch nicht einer wie der ander/ der eine herꝛschet/ der ander dienet; einer weydet die Menschen/ ein anderer hütet der Schwein; einer folgt dem Hof/ der ander dem Pflug; einer räist auff dem Meer/ der ander fährt über Land auff die Jahr- und Wochen-Märckt; einer arbeit im Feur/ der ander in der Erde/ einer fischt im Wasser/ und der ander fängt Vögel in der Lufft/ einer arbeitet härtiglich/ und der ander stilet und beraubet das Land.

O Welt behüt dich GOTT/ dann in deinem Hauß führet man weder ein heilig Leben/ noch einen gleichmässigen Todt/ der eine stirbt in der Wiegen/ der ander in der Jugend auff dem Bett/ der dritte am Strick/ der vierte am Schwerd/ der fünffte auff dem Rad/ der sechste auff dem Scheiterhauffen/ der siebende im Weinglas/ der achte in einem Wasserfluß/ der neunte erstickt im Freß-Hafen/ der zehende erworgt am Gifft/ der eylffte stirbt gähling/ der zwölffte in einer Schlacht/ der dreyzehende durch Zauberey/ und der vierzehende ertränckt seine arme Seel im Dintenfaß.

[615]

Behüt dich Gott Welt/ dann mich verdreußt deine Conversation, das Leben so du uns gibst/ ist ein elende Pilgerfahrt/ ein unbeständigs/ ungwisses/ hartes/ rauhes/ hinflüchtiges und unreines Leben/ voll Armseeligkeit und Jrꝛthumb/ welches vielmehr ein Tod als ein Leben zu nennen; in welchem wir all Augenblick sterben durch viel Gebrechen der Unbeständigkeit und durch mancherley Weg deß Tods! du läst dich der Bitterkeit deß Todes/ du läst dich der Bitterkeit nicht genügen mit deren du umbgeben und durch saltzen bist/ sondern betreugst noch darzu die meiste mit deinem Schmeicheln/ Anreitzung und falschen Verheissungen/ du gibst auß dem guldenen Kelch/ den du in deiner Hand hast/ Bitterkeit und Falschheit zutrincken/ und machst sie blind/ taub/ toll/ voll und sinnloß/ ach wie wol denen/ die dein Gemeinschafft außschlagen: deine schnelle augenblickliche hinfahrende Freud verachten/ dein Gesellschafft verwerffen/ und nicht mit einer solchen arglistigen verlornen Betriegerin zu Grund gehen; dann du machest auß uns einen finstern Abgrund/ ein elendes Erdreich/ ein Kind deß Zorus/ ein stincken, des Aas/ ein unreines Geschirꝛ in der Mistgrub/ ein Geschirꝛ der Verwesung voller Gestãck und Greuel/ dann wann du uns lang mit Schmeicheln/ liebkosen/ träuen/ schlagen/ plagen/ martern und peinigen umbgezogen und gequält hast/ so überantwortest du den außgemergelten Cörper dem Grab/ und setzest die Seel in ein ungewisse Schantz. Dann obwol nichts gewissers ist als der Todt/ so ist doch der Mensch nicht versichert/ wie/ wann und wo er sterben/ und (welches das erbärmlichste ist) wo sein [616] Seel hinfahren/ und wie es derselben ergehen wird: Wehe aber alsdann der armen Seelen/ welche dir O Welt/ hat gedienet/ gehorsambt und deinen Lüsten und Uppigkeiten hat gefolgt/ dann nach dem eine solche sündige und unbekehrte arme Seel mit einem schnellen und unversehenen Schrecken auß dem armseeligen Leib ist geschieden/ wird sie nicht wie der Leib im Leben mit Dienern und Befreundten umbgeden seyn/ sondern von der Schaar ihrer allergreulichsten Feinde für den sonderbahren Richtersiul Christi geführt werden; darumb O Welt behüt dich Gott/ weil ich versichert bin/ daß du dermal eins von mir wirst außsetzen und mich verlassen/ nicht alle in zwar/ wann mein arme Seel vor dem Angesicht deß strengen Richters erscheinen/ sondern auch wañ das allerschröcklichste Urtheil/ Gehet hin ihr Vermaledeyte ins ewige Feuer/ ꝛc. gefällt und außgesprochen wird.

Adjeu O Welt/ O schnöde arge Welt/ O stinckendes elendes Fleisch/ dann von deine[t]wegen und umb daß man dir gefolget/ gedienet und gehorsamet hat/ so wird der gottloß unbußfertig zur ewigen Verdamnus verurtheilt/ in welcher in Ewigkeit anders nichts zu gewarten/ als an statt der verbrachten Freud/ Leid ohne Trost/ an statt deß zechens/ Durst ohne Labung/ an statt deß fressens/ Hunger ohne fülle/ an statt der Herꝛligkeit und Prachts/ Finsternuß ohne Liecht; an statt der Wollüste/ Schmertzen ohne Linderung/ an statt deß dominirens und triumphirens/ heulen/ weinen und weheklagen ohne auffhören/ Hitz ohne Kühlung/ Feuer ohne Leschung/ Kält ohne Maaß/ und Elend ohne End.

[617]

Behüt dich Gott O Welt/ dann an statt deiner verheissenen Freud und Wollüste/ werden die böse Geister an die unbußfertige verdampte Seel Hand anlegen/ und sie in einem Augenblick in Abgrund der Höllen reissen/ daselbst wird sie anders nichts sehen und hören/ als lauter erschröckliche Gestalten der Teuffel und Verdampten/ eitele Finsternuß und Dampff/ Feuer ohne Glantz/ schreyen/ heulen/ Zänklappern und Gottslästern; Alsdann ist alle Hoffnung der Gnad und Milterung auß/ kein Ansehen der Person ist verhanhen/ je höher einer gestigen/ und je schwerer einer gesündiget/ je tieffer er wird gestürtzt/ und je härtere Pein er muß leiden; dem viel geben ist/ von dem wird viel gefordert/ und je mehr einer sich bey dir/ O arge schnöde Welt! hat herꝛlich gemacht/ je mehr schenckt man ihm Qual und Leiden ein/ denn also erforderts die göttliche Gerechtigkeit.

Behüt dich Gott O Welt/ dañ obwol der Leib bey dir ein Zeitlang in der Erden ligen bleibt und verfaulet/ so wird er doch am jüngsten Tag wider auffstehn/ und nach dem letzten Urtheil mit der Seel ein ewiger Höllenbrand seyn müssen; Alsdenn wird die arme Seel sagen: Verflucht seystu Welt! weil ich durch dein Anstifften Gottes und meiner selbst vergessen/ und dir in aller Uppigkeit/ Boßheit/ Sünd und Schand die Tag meines Lebens gefolgt hab; verflucht sey die Stund/ in deren mich Gott erschuff! verflucht sey der Tag/ darinn ich in dir O arge böse Welt geboꝛn bin! O ihr Berg/ Hügel und Felsen fallet auff mich/ und verbergt mich vor dem grim̃igen Zoꝛn deß Lam̃s/ vor dem Angesicht dessen/ der auff dem Stul sitzet; Ach Wehe und aber Wehe in Ewigkeit!

[618]

O Welt! du unreine Welt/ derhalben beschwöre ich dich/ ich bitte dich/ ich ersuche dich/ ich ermahne und protestire wider dich/ du wollest kein Theil mehr an mir haben; und hingegen begehre ich auch nicht mehr in dich zu hoffen/ dann du weist/ daß ich mir hab fürgenommen/ nemlich dieses: Posui finem curis, spes & fortuna valete.

Alle diese Wort erwog ich mit Fleiß und stetigem Nachdencken/ und bewogen mich dermassen/ daß ich die Welt verliesse/ und wieder ein Einfidel ward: Jch hätte gern bey meinem Saurbrunnen im Muckenloch gewohnt/ aber die Baurn in der Nachbarschafft wolten es nicht leiden/ wiewol es vor mich ein angenehme Wildnus war; sie besorgten/ ich würde den Brunnen verꝛathen/ und ihre Obrigkeit dahin vermögen/ daß sie wegen nunmehr erlangten Friedens Weg und Steg darzu machen müsten. Begab mich derhalben in eine andere Wildnus/ und fienge mein Spesserter Leben wieder an; ob ich aber wie mein Vatter seel. biß an mein End darin verharꝛen werde/ stehet dahin. GOtt verleyhe uns allen seine Gnade/ daß wir allesampt das jenige von ihm erlangen/ woran uns am meisten gelegen/ nemlich ein seeliges

ENDE.